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gen und diesen Willen durchsetzen, bann werden wir einen großen Sck> ritt vorwärts gemacht haben. Eine klare, einheitliche Politik haben wir gerade jetzt notig, wo Verwicklungen über Verwicklungen spielen. Die Marokko- und die Balkanfrage sind Dinge, die uns auf daS Lebhafteste beschäftigen. Ein einmütiger Reichstag, getragen von der Ueberzeugung des ganzen Volkes, ist eine Macht, der kein Kaiser, kein Kanzler widerstehen kann. (Lebh. Zustimmung.) Wir wollen kein parlamentarisches Regime (Hort! hörtl bei den Soz.), schon aus dem einfachen fflrunbe, weil es, solange bie Verfassung bes Deutschen Reiches besteht, nicht möglich ist. Mit bem Bundesrat sind keine
beitlichkeit unserer Politik geführt, wie wir sie später nicht wie- oer erlebt haben. (Sehr richtig!) ES ist nicht unbillig, wenn wir fordern, daß diese Politik wieder geführt wird. Der Kaiser, der seinen großen Vorgänger so hoch verehrt, könnte hier auch seinem Beispiele folgen. Er würde den Dank der Nation ernten. (Au- stimmung.) Wir müssen den Reichskanzler auf daS eindringlich te Bitten, daß er dem Kaiser borftellt, daß es - nicht weiter gehen kann. Verhandlungen, wie wir sie Bier geführt haben, haben vielleicht noch niraends ftattgefunben. Es wird Staunen erwecken, daß wir sie geführt haben können, und nickt von einzelnen oppositionellen Parteien, sondern vom ganzen Reichstage. Man könnte im Auslande annehmen, unsere Stellung dem Auslande gegenüber konnte dadurch geschwächt werden. DaS ist möglich, wenn diese Verhandlungen verlaufen, ohne daß das gewünschte Resultat herauskommt. (Sehr richtig!) Wenn wir aber einen ft arten festen Willen zei.
verantwortlichen Minister zu bereinigen. Wir haben aber als Parlament Mittel tn der Sand, um unsere Position durchzusetzen, wenn wir in wichtigen großen fragen einig sind.
Isolieren läßt sich wohl ein kleiner Mann, aber ein Groß- staat wie Deutschland kann in jedem Augenblick seine Isolierung durchbrechen, wenn er von seinen Machtmitteln den richtigen Gebrauch macht. Er wird immer eine große Nolle in dem europäischen Konzert spielen, wenn der Konzertmeister nur richtig dirigiert. Wir wollen nicht andere Völker überfallen, aber wir brauchen uns auch nicht zu
fürchten. Wir können uns selbst durch eine kluge Politik bie Sicherheit geben, daß wir die Rolle in der Welt svielen werden, die notwendig ist, um unserer aufstrebenden Bebölkerung Arbeit und Lebensmöglichkeit zuschaffen. Dazu haben wir nur das eine notwendig: dafür zu sorgen, daß unsere innere Politik, auch unsere Finanzpolitik so ist, daß wir im entsprechenden Augenblick auch nach außen ernst auftreten können, kurz, eine einheitliche und kraftvolle Politik nach innen wie nach außen zu treiben. Wenn Kaiser, Reichskanzler und Parlament in diesem Geiste zu- fammenarbeiten, kann es Deutschland nicht schwer fallen, den gebührenden Posten in der Welt einzunehmen. (Lebhafter Beifall bei den Freisinnigen und rechts.)
Abg. v. Normann (kons.):
Ich habe namens meiner politischen Freunde folgende Erklärung abzugeben: „Die Antwort, welche wir gestern von dem Herrn Reichskanzler gehört haben, scheintunsder Gesamtfi tu ation durchaus zu entsprechen. Wir glauben deshalb, uns des weiteren Eingehens auf den Sachverhalt enthalten zu dürfen, und nur bie Erwartung aussprechen z u sollen, daß der Reichskanzler seinen Worten auch die Ausführung geben wird, die das Wohl deS Vaterlandes erfordert. (Bravo rechts.)
Abg. Zimmermann (Dt. Rfp.):
Bei uns in Sachsen hat ein alter Mann erklärt, das Erdbeben im Vogtlande sei kein natürliches; es sei entstanden, weil Bismarck sich auf die letzten Ereignisse hin im Grabe umgedreht habe. Man möchte fast daran glauben. DieAntwortbesReichs- k a n z l e r s war unbefriedigend. Er hat sich wieder als ein glänzender Redner gezeigt, aber ein Kern fehlte seiner Rede. Ein Journalist klagte mir, daß es nicht möglich sei, einen Auszug aus der Rede des Kanzlers zu machen. Ich mußte ihm recht geben, denn die Rede ist wirklich nur eine Aneinan. derreihung von schönen Worten. Es war eine Abschwächung des Geschehenen, nicht an den Reichstag gerichtet, sondern nach Donaueschingen. Wie in Zukunft solche Dinge verhindert werden sollen, davon hörte man kein Wort. An den edlen Absichten des Kaisers zweifelt niemand. Aher es ist Tatsache, daß jede Aeußerung des Kaisers peinliche Wirkungen hervorruft. Man kann geradezu die Preisfrage aufwerfen, wo die Wirkung peinlicher fein wird, im In- oder Auslande. (Heiterkeit.) Warum sind immer gerade Engländer Vertraute des Kaisers. Man muß an eine Verengländerung her gesamten Lebensauffassung denken. Ter Kaiser hat die Fühlung mit dem Volke verloren. Bei Festlichkeiten sieht er nur bie hurrarufende Menge, und sonst nur die höfische Clique. Tie Hof- eunnchen haben den Kaiser zu dem Interview sogar beglückwünscht. (Heiterkeit.) .Dieser Bvzantinismus ist schuld an allem Unheil. Ueberall zeigt sich die Zurücksetzung des eigenen Volles gegenüber dem fremden. Wo ist dafür der Tank aus England? Tie jüngste Gegenwart beleuchtet die entstandene Kluft bengalisch. Das ganze Volk ist in starker Erregung, der Reichstag harrt der Erklärungen des Kanzlers, und der Kaiser feiert Feste. Tas ist wirklich eine Regierung im Umherziehen. War der Besuch in Oesterreich jetzt nötig? Waren wieder neue Aeußerungen in Wien über Casablanca notwendig? Wie leicht konnten da wieder neue Verwicklungen entstehen. (Beifall.)
Die Frage, die uns am meisten bewegt, ist die, welche Goran, tien haben wir, welche Garantien gibt uns der Kanzler, daß es anders, baß der Kaiser zurückhaltender wird? Gestern hörten wir nichts von solchen Garantien. Unerläßlich ist daher eine Erweiterung der parlamentarischen Macht, durch Ministerverantwortlichkeit und durch Schaffung eines parlamentarischen Ausschusses für auswärtige Politik. Denn wir vor uns sehen eine irregeleitete impulsive Kraft, so müssen wir ihr unsere eigene Kraft, bie Kraft der gesamten Nation eni- gegensetzen. Eine große Summe von Vertrauen und Kredit, die uns Kaiser Wilhelm I. und Bismarck hinterlassen haben, ist verpraßt worden. Ueber dem Willen des Herrschers, des Kaisers steht des Reiches Wohl.
Abg. Haußmann (Deutsche Volkspartei):
Alle vorhergehenden Redner haben bereits zum Ausdruck gebracht, daß wir unö nicht bloß in einer Kanzlerkrise, sondern in einer Krisis des persönlichen Regiments befinden. Das deutsche Volk hat im letzten Jahre nicht viel Freudiges erlebt. Eine Reihe merkwürdiger, Mißstimmung hervorrufender Prozesse, ein Milliardendefizit, und jetzt diese Rede haben wir erleben müssen, deren unheilvolle Wirkungen jeder Politiker hätte voraus» sehen müssen, die aber noch viel schlimmer eingetreten . sind, als sie befürchtet wurden. Wir haben in diesem Sommer auch noch einen anderen Schmerz gehabt, aber wir haben ihn durch eine nationale Tat Überwunden. Das war als das neue Luftschiff beS Grafen Zeppelin zerstört wurde und Deutschland sich zusammenfand und etwas leistete, was uns alle erhoben hat. Damals wurde von Berlin auö vprgeschlagen, dem Grafen Zeppelin ein Kuratorium zu bestellen. (Lachen.) Das deutsche Volk aber erklärte, für den Grafen Zeppelin brauche eS kein Kuratorium. (Große Heiterkeit.) Allgemein wurde der im Schlosse gewachsene Gedanke zurückgewiesen. Der 10./11. November war uns bisher ein Gedenktag, weil er Deutschland große und freie Geister gc- schenkt hat. Auch jetzt wird er ein Gedenktag der deut- schen Geschichte bleiben. Denn waö wir alle mit» erlebt haben, ist etwas Außerordentliches, etwas Neues gewesen, und die Einmütigkeit der Auffassungen war das Große auch an den Erklärungen deS gestrigen Tages, die wir von allen Parteien gehört haben. (Sehr wahr!) Das erlaubt uns zu hoffen, daß der d e u t s ch e Reichstag nicht so ohnmächtig ist, wie manche geglaubt haben. Gestern konnte man sagen: D i e Szene wird zum Tribunal. Gestern hat sich der Reichstag zum Vertreter der großen Sorgen gemacht, die gegenwärtig
durch die ganze Nation gehen. Das läßt uns hoffen, daß von nnn an manches nachgeholt werden wird, was wir versäumt haben, und daß wir an der Einmütigkeit festhalten werden. Gestern und heute ist im deutschen Reichstag niemand aufgetreten, der bie Handlungen des Deutschen Kaisers gebilligt hätte. (Sehr wahr!) Auch kein Konservativer, und ich danke es Ihnen, daß Sie sich nicht ausgeschlossen haben von dem gemeinsamen nationalen Empfinden. (Beifall bei den Freisinnigen und rechts.) Der Redner der nationalliberalen Partei hat das mit großem Ernste hervorgehoben; die Ausführungen des sozialdemokratischen Redners waren insofern zu begrüßen, als er ausdrücklich utopistische Forderungen zurückgewiesen hat, die ihm gewiß nahe lagen. Das Zentrum hat den Standpunkt vertreten lassen, daß abweichend von der Kundgebung seines leitenden Blattes, schärfer und deshalb glücklicher der konstitutionelle Gedanke in den Vordergrund gerückt zu werden verdiene. Die Stellung der Konservativen war so interessant, daß darüber noch mehr zu sagen fein wird. Aber auch aus den Kreisen des Bundesrats und der Einzelstaaten hat niemand die Handlungen deS Kaisers verteidigt, und wenn wir in daS Herz der Geheimräte hineinsehen könnten, würden wir sehen, daß sie mit außerordentlich viel von dem einverstanden gewesen sind, was hier ausgelvrochen worden ist, ja sogar dankbar dafür, daß es eine Instanz gibt, die das offen und frei aussprechen kann. Nicht nur der Bürger ist es, der fürchtet und betroffen ist, nicht nur die unteren Kreise und die Arbeiter, die an eine Anschauungsweise gewohnt sind, die sie leichter dazu führen kann, zu verurteilen. Alle Kreise bis in die Offizier- k a s i n o s hinein haben dieselbe Auffassung. Nicht einmal, den Offizieren würde in ihrer großen Besorgnis der Ausweg, daß ein höherer Militär an die Leitung der Geschäfte Beran treten würde, als glückliche Lösung erscheinen. (Hört, hört!) In der Beurteilung der Sage sind sich allo alle Kreise einig. Der Redner des Zentrums, der im vorigen Fahre zuerst von der Einkreisung?- Politik gesprochen hat, hat gestern das Wort von der deutschen Abstoßungspolitik geprägt, und ich fürchte, daß diese Vorstellung in sehr vielen Kreisen weitgehende Zustimmung finden wird. Das ist eben meiner Meinung nach das Hauptunglück, daß die bisher unberechtigte Einkreisungspolitik durch diese Kundgebungen einen Schein urkundlicher Rechtfertigung erhalten Bat. (Vielfache Zustimmung.) Es ist das Wort gesprochen worden: Schwarzseher dulde ich nicht. Der Mund, der dieses Wort gesprochen hat, hat Schwarzseher zu Millionen geschaffen. (Sehr wahr!) Darin liegt das tragische Moment, daß zwischen Wille und Handlung der Gegensatz so außerordentlich tief ist. Tas deutsche Volk ist durch seinen gutgläubigen Kaiser in eine schwere Gefahr geführt worden. Was konnte der Reichskanzler gestern zu des Kaisers Rechtfertigung innen? Er sprach wehmütig — es gebt bei gedämpfter Trommel Klang. (Große Heiterkeit.1 Aber niemand bat daß Gefühl der Schadenfreude, alle würdigen die außerordentlich schwierige Situation, in welcher der beredt? Staatsmann, der die Geschäfte des Reiches formell führt, sich befindet. (Sehr wahr! bei den Liberalen und Konservativen.) Wir hörten auch vieles, was nicht gesagt worden ist (Heiterkeit), vor allem bei der Beantwortung der Interpellationen. Der Reichskanzler ist gefragt worden, und er hat eine ganze Reihe von Fragen noch gor nicht beantwortet. Fast ist es so, als ob er auch die Interpellationen nicht gelesen hätte (Große Heiterkeit.)
Der Reichskanzler bat zugegeben, daß die Veröffentlichungen im „Dail«' Telearanh" Schaden angerichtet haben, und er bat erklärt der Schaden könnte repariert werden. Aber doch nur, wenn die Quelle verstopft wird aus welcher dieser Schaden geflossen ist. (Sehr gut! linkst) Der Reichskanzler bezweifelte, daß alle Ein-etheiten des Kaiserinterviews richtig wiedergegeben sind. Mit solchen allgemeinen Redewendungen ist uns nickst gedient. Wir wollen Gewißheit haben, wir lechzen nach dem Wort, daß die Einzelheiten nickst richtig wiedergegeben sind; wir wären froh, wenn wir es auch sagen könnten. (Sehr wahr!) Und nun saat uns der einzige, der Auskunft gehen kann und der Auskunft gebm soll, nichts weiter als, er bezweifele ob alle Einzelheiten richtig wiedergegeben sind? (Sehr gut! links.) Das muß doch der deutsche Kaiser wissen, und der deutsche Kaiser muhte doch danach gefragt werden (Lebhaftes Sehr richtig! links.) Oder hat der deutsche Kaiser etwa das Interview auch nicht gelesen? (Heiterkeit und Sehr gut! links.) Der Re'chskanzler sagte, von einem Feldzuasplan könne feine Rede fein: es habe sich nur um akademische Aphorismen ohne jede praktische Bedeutung gehandelt. Man wird das in England gern hören, und es ist deshalb erfreulich, daß es gesagt worden ist. Aber dann müssen wir doch auch fronen: Durfte der Kaiser englische Dankbarkeit verlangen, wenn er keinen Feld- zuasplan eingefonbt hat. Ich muß unter diesen Umständen sagen, daß mir noch schmerzlicher ist. daß der Feldzugsplan nickst nach England gegangen sein soll. Bei den Mitteilungen über die Intervention sind nach dem Reichskanzler die Farben zu stark aufgetragen. Er bat aber nicht gesagt, wer die Farben zu stark aufgetragen bat. (Sehr gut! links) Dabei bat der Reichskanzler den Sah ausgesprochen, die sicherste Politik sei wohl diejenige, die keine Indiskretionen zu fürchten brauche Wenn er hätte bin» zufügen können, daß die deutsche Politik eine solche sei. wären wir sehr befriedigt gewesen. (Sehr richtig? links.) Denn es wäre darin auch eine Verneinung dessen enthalten gewesen, was neulich in den Blättern stand, nämlich daß auch nach Amerika hinüber Interviews gegangen seien, die derartig waren, daß die deutsche Regierung die ganze Auflage aufgefauft habe. (Hört? Hört! links.) Man müsse die näheren Umstände kennen, meinte gestern der Reichskanzler. Wir wären ihm ungeheuer dankbar gewesen, wenn er uns diese näheren Umstände mitgeteilt hätte. (Sehr gut! links.) Auch wir sind nicht voreingenommen gegen England, im Gegenteil, wir empfinden für all die tüchtigen Leistungen, die dieses Volk in so außerordentlichem Maße schon ge- leistet hat, die allergrößte Achtung, und das englische Volk besitzt Einrichtungen, um die wir c? nie mehr beneidet haben als in diesen Tagen. (Lebhafter Beifall links.)
Wir haben einmal gehört, und nicht gern gehört, e? sei telegraphiert worden von dem Admiral des Atlantischen Ozeans an den Admiral des Stillen Ozeans. Jetzt hören wir auf einmal eine Wendung, als ob der Admiral des Atlantischen Ozeans auch der Admiral des Stillen Ozeans ist. (Heiterkeit und Sehr gut! links.) Die Stelle in der Rede des ReichÄanzlers, daß an der Lauterkeit der Absichten des Kaisers nicht zu zweifeln ist, unterschreiben wir. Aber die angewandten Mittel sind so bedenklich, daß wir im Interesse unseres gemeinsamen Vater, landes wünschen müssen, daß sie nicht mehr in Anwendung ge» bracht werden. (Sehr richtig! links.) Es waren durch und durch untaugliche Mittel. Damit werden keine wirk-
! -dien Sympathien errungen. Wir müssen feststellen, daß der , deutsche Kaiser kein Mehrer Deutschlands Sympathien gewesen | ist. .Der Reichskanzler, dessen Beredsamkeit wir schon so oft aufrichtig bewundert haben, hat Wendungen schon gebraucht, die im Ohr des Monarchen wie eine hohe Anerkennung klingen mußten. Er hat einmal gesagt, der deutsche Kaiser darf kein Schatten-
! raifer sein. Er hätte auch hinzufügen müssen, er darf auch kein Sonnenkönig sein. (Sehr richtig!) Der Reichskanzler hat gestern feine Ueberxeugung ausgesprochen, daß der Kaiser in leinen Privatgesprächen künftig Zurückhaltung üben werde. Hier moDten w.r aber nicht die Ueberzeugung des Reichskanzlers hören, denn sie beruht auf Vermutungen über einen psychologi- icfjen Prozeß, die uns schon häufig getäuscht haben. Wir wollten eine, Tatsache hören. (Sehr richtig!) Wir wollten hören, daß er mit seinem kaiserlichen Herrn gesprochen hat und von seinem kaiserlichen Herrn die Erklärung erhalten hat und nun mit der Erklärung vor uns Eintreten könnte: Ich unb der Kaiser sind einig, daß das so sein muß. (Lebhafte Zustimmung.) Von schweren Tagen hat der Reichskanzler ge- iprochen. Wir alauben es ihm. Wir haben sie selbst alle mit durchgemacht Waren esauch schwere Tage dem Kai- 1 er f (Große Bewegung: Sachen und Zurufe bei den Soz.: Gar nicht!) Es 'st außerordentlich schwer, nicht so bitter zu werden
io bittere Worte zu gebrauchen, wie sie dem Ernste einer 101^0 Debatte nicht entsprechen. (Lebhaftes Sehr richtig!
Aber darin find wir alle einig, und niemand wird widersprechen, daß es richtig gewesen wäre, in diesen Tagen am Mittelpunkt der Regierungsgeschäfte zu sein (Sebh; Zustimmung), und leinen Staatsmann zu ermächtigen, die Erklärungen abzugeben, die die deutsche Nation beruhigt hätten. (Sehr richtig!) ES handelt sich gar nicht darum, daß wir beruhigt werden. Wenn wir beruhigt werden, ist die b e u t f cb e ation noch lange nicht beruhigt. In einem offiziösen Telegramm steht daß der Monarch von Oesterreich den Wunsch ausgesprochen habe, Fürst Bülow möchte an der Spitze der Geschäfte bleiben, und daß darauf der Kaiser erwidert habe, er hoffe auch, daß es gelingen werde, die parlamentarischen Schwierigkeiten zu überwinden. (Gelächter links.) Daran? sehen wir, daß der Nächstbeteiliate das für eine parlamentarische Schwierigkeit ansiebt. (Heiterkeit.) Der Reichstag hat eine so außerordentliche Zurückhaltung bisher in der Besprechung der auswärtigen Angelegenheiten erwiesen (Zurufe bei den Soz.: Leider?), daß es wie eine große Versäumnis beute ausgesprochen werden kann wenn daraus schwere Wirkungen und Einschläferungen bervorgegangen sind. Um so mehr aber dürfen wir in Anspruch nehmen und sagen, weil der Reichstag, bisher beinahe nie sich in auswärtige Angelegenheiten gemischt hat, toeu er nicht dieNechte. die er hier hat, reklamiert hat sind bieSchwieng- feiten, die hier bestehen, auch ohne Schuld des ReichStaaS zustande gekommen. Ti- Verantwortung für diese Schwieriakeiten trifft nicht den Reichstag, sondern ausschließlich andere Faktoren (Sehr richtig?). Der Reichskanzler hat uns gestern leider kein Programm für bie Zukunft gegeben. Er hat nur einen Wunsch ausgesprochen und zugleich einen frommen Wunsch, von dem er selbst wohl nicht sicher ist daß er sich erfüllen werde. Wir wissen ja überhaupt nicht, ob der Reichskanzler nicht schon in diesen Tagen vielleicht fein Entlassungsgesuch erneuern wird. Keinesfalls ist er in der Sage, zu wissen, welche Stellung feine Nachfolger einnehmen werden. Er sagte, wenn sich seine Erwartungen nicht erfüllten, so könnte weder er, noch feine Nachfolger die Verantwortung übernehmen. Das ist ein bedeutungsvoller Satz und er wäre um so bedeutunasvoller wenn er nicht schon einmal gesprochen worden wäre. (Heiterkeit und Zustimmung.) Er wird eine besondere Wirkung nicht Hervorrufen. Von einem hat der Reichskanzler mit Bestimmtheit gesprochen, von dem Defekt in dem Ressort, er stehe dafür ein, daß er sich nicht wiederholen werde. Da? hoffen und erwarten wir; das ist eine unglückliche Sacke gewesen, wie auch etwa eine gutgebende Uhr einmal stehen bleiben kann, und wegen dieser Sache dürfen wir nicht das Recht haben, ernstlich in Erregung zu kommen, auch wenn die Wirkung sehr schlimm ist. Tas Bedeutsame ist aber, daß der Fall überhaupt symptomatisch gewesen ist (Sehr richtig!), daß wir alle, auch die Herren von der Rechten, den Eindruck haben, daß hier eine Häufung von D'ngen vorgekommen ist, und daß es ein schlimmer Zufall ist, der nicht eine Singularität auf deckt, sondern einen latenten und wir können beinahe sagen, immerwährenden Zustand. (Sehr richtig! links.) Es war nicht richtig, daß der Reichskanzler die Fragen der Interpellanten nicht klarer beantwortet hat. Die Interpellation, die wir gestellt haben, fragte, was der Reichskanzler zu tun gedenke, um Abhilfe zu schaffen und die ihm durch die Verfassung zugewiesene Verantwortung im vollen Maße zur Geltung zu bringen. Herr Bassermann hat gefragt: Uebermmmt bet Reichskanzler bie Verantwortung für bie bekannt gewordenen Tatsachen? Auf diese wichtigen Fragen ist keine Antwort erfolgt. Fürst Hatzfelot hat gefragt, ob der Reichskanzler für bie Zukunft ähnliche Vorgänge zu verhindern in der Sage sei. Auch darauf ist keine Antwort erfolgt. Herr v.Heyde. brandt hat zum Ausdruck gebracht, daß etwas geschehen müßte, daß eine Summe von Sorgen und Beunruhigungen sich seit langem angesammelt habe und er hat bie Frage aufgeworfen: Hat bei Kanzler ben nachgeorbneten Räten auch bie Frage vorgelegt, ob e? opportun sei, biese Schriftstücke zu veröffentlichen. Diese Fragen möchte ich erneut stellen. Und ich möchte auch bie Frage stellen, welche Frage von bem Deutschen Kaiser bei ber Uebermittlung bei Manuskripts gestellt wurde unb was ihm in betreff ber Nach- Prüfung ber Tatsachen und ber präjudiziellen Entscheidung geantwortet ist?
Ich möchte hier dafür Zeugnis ablegen, daß mir gerade in diesen Tagen ein ganz Unbeteiligter gesagt hat, das Personal des Auswärtigen Amts sei wie Gold, unb wenn in biefen Tagen keinerlei Indiskretionen vorgekommen sind, wo soviel gelaufen und gegangen ist, so ist da? ein voller Beweis dafür, daß daS Personal des Auswärtigen Amtes funktioniert. Aber eine Politik. die in das goldene Buch von München geschrieben hat:, „regis voiuntas suprema lex!" statt: „pro ratione voluntas?" kann keine selbständigen Räte und Staatsmänner erzielen. (Lebhaftes Sehr richtig?) Bei solchen Maximen wird notwendigerweise ber Prozeß im Hirn der Betreffenden sich nicht zu einer tätigen Mitarbeit an den Geschäften selbst, sondern nur für eine Ausführung allerhöchster Meinungen entwickeln. Es ist eine schmerzliche Tatsache, daß auch bie Schule ber Staatsmänner in Deutschlanb nicht so reich besetzt ist, wie es ein Land mit 60 Millionen Bewohnern erwarten und wünschen könnte. (Sehr gut? links.) Auch die Totlachen, die hier vorgetragen sind, sprechen dafür, daß unsere Diplomatie über das Ziel hinausschießt. Wir können diese Beobachtung dahin ausdehnen, daß im letzten Jahre bie ganze europäische Diplomatie sich so gezeigt hat, baß wir nicht sagen können, die Diplomatie der anderen Länder sei im allgemeinen besser als die unserige. Der Reichskanzler hat eine dreifache Verantwortung übernommen. Er hat die Verantwortung für seine Untergebenen übernommen, für die eigene Ueberzeugung unb für sein Versehen, aber vor allem auch die selbstschuldnerische Bürgschaft und die Verantwortung für bie Handlungen bes Monarchen. Der Redner hat triefe Worte bem Reichs- kanzler zugewandt gesprochen unb wendet sich jetzt ganz dem Bunde^ratstisch zu. Jetzt erschallen von ber Linken unb aus der Mitte Rufe: Geradeaus!, bie ben Rebner veranlassen, sich wieder dem Hause zuzuwenden.) Wir werden uns jetzt der Frage zu- trenben müffln, ob die staatsrechtlichen Verantwortungsverhaltnisse so finb,_ daß sie nicht eine wahre Fiktion geworden sind, so daß die Verfassung dadurch illusorisch gemacht wird. Das eine möchte ich aber noch hinsichtlich der Verschuldungsfrage sagen: Schuld an den Zuständen ist auch bie Presse, bie in ben letzten Jahren in einem Ton ber Lokalanzeiger und bes Weihrauchs gearbeitet hat, mit Knipsapparaten. Telegrammen unb Besudelungen. Dann kommen wir bazu, daß auch bas deutsche Volk eine Verantwortung mitträgt. (Lebhafte Zustimmung!) lieber die englischen Verhältnisse und die englische Politik in diesem Augenblicke zu sprechen, würde mir nicht geeignet scheinen,_ da- gegen möchte ich meinen, daß, wenn ein Deutscher sich gegenwärtig zurückhalten muß in ber Kritik ber Engländer unb be§ Königs bon England, daß es nützlich ist zu lesen, baß es im Auslanbe Männer gibt, die auch dort sehr viele Fehler finden. Es ist der geistvollste aller lebenden Franzosen, ber em Urteil über den König von England abgegeben hat, das für uns Deutsche eine gewisse Genugtuung bilden muß, Anatole France, der in der letzten Nummer ber Zeitschrift ..März" Worte gesprochen hat, die in dem Munde eines Franzosen ganz belonders wertvoll sind.
Von den Engländern und ihr Schuld will ich nicht sprechen, nur einen will ich ausnehmen, den „Freund", der das Interview mit der schmeichlerischen Begründung eingesandt hat, daß es der Annäherung der Völker dienen und Deutschland neue Sympathien erwerben werde. Ich weiß nicht, ob er so urteilslos ist ober ber, ber ihm diesen Plan eingegeben hat. Seine Treuherzigkeit aber ist von der Art des Fuchses, der, um einen Leckerbissen zu bekommen, den Rab.-n angeht er singe zu schön, und ihn dadurch verführt, sein Singorgan hören zu lassen. (Große Heiterkeit und lebh. Zustimmung.) Wir müssen organisatorische Äenderungen in Verwaltung unb Verfassung bekommen, um ber Wieberholung solcher Ereignisse vorzubeiigen Es müssen generelle Bestimmungen darüber getroffen werben, baß burdj ben Kaiser in Zeitungen unb Interviews überhaupt nicht Politik gemacht werben darf, weil er seine Person daburch zu sehr engagiert. (Beifall.) Im Bunbesrat muß ein Stempel angeschafft werden: „Vor Druck zu bewahren", wenn der Kaiser selbst politisch vor Deutschland ober das Auslanb treten will. (Heiterkeit.) Der B u n • besratsaus schuß für auswärtige Angelegenheiten darf nicht nur eine schlafende Behörde sein, die


