Donnerstag, 12. November 1908
158. Jahrgang
Nr. 267
Erscheint «gilt ettt entnahm« H Sonntag».
werden. (Bravo! rechts.) Wer in einem Kriege die Zeche zu bezahlen hätte, brauche ich wohl hier nicht zu sagen. (Abg. Franck (Soz.) ruft: Selbstverständlich das deutsche Volk!) Bei dieser Auftastung von den Aufgaben um er et Flotte . . (Zurufe bei den Soz.: Die nicht maßgebend ist!) .... Sie scheinen ,a aar leine Ahnung zu haben, worum es sich hier handelt; S,e haben wohl bei der ganzen gestrigen Debatte mindestens geistig geschlafen! (Große Heiterkeit.)
Di« „ettfienti KavtUtendläNer" werden dem gtlnjetger* etennal wöchentltch detgelegt. da» „Kretsblati ffii de» Kreti «testen" zweimal wöchenUrch. Der Landwirt" erscheint
ewnatlid) einmal.
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Deutscher Reichstag.
159. Sitzung, Mittwoch, 11. November.
DaS HauS und sämtliche Tribünen sind voll besetzt.
Am Tische des Bundesrats: v. Bethmann-Hollweg, Dernburg, Kraetle, v. Tirpitz, Shdow von Loe b eIL
ebent Graf Stolberg eröffnet die Sitzung um 1 Uhr en.
Die Besprechung der Kaiser.Jntcrpellationen.
Abg. Freiherr v. Gamp (Np.):
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
Abg. Schrader (fteis. Vgg^:
Ein jeder Redner, der sich des Ernstes der Situation voll bewußt ist, wird seine Rede danach einzurichten haben, nicht unnötiges aufzunehmen, aber auch bad No 1 we n b 1 g e n r ch t z u verschweigen. Er muß sich zweitens bewußt sein, daß in ben wichtigen Forberungen, die von allen Seiten ausgestellt werden, wir Einmütigkeit zeigen müssen. Diese Einmütigkeit ,t etwas, was wir aus bas Schärfste betonen müssen, ^arutn fallt cs mir nicht ein, mit bem Vorredner eine Polemik zu beginnen. (Zustimmung.) Psychologische Erörterungen anzustellen über den Entwicklungsgang des Monarchen, scheint mir an dieser Stelle nicht richtig. Ferner hat meines Erachtens der Vorredner einen Mann schwer angegriffen, der eS nicht verdient, den Reichskanzler Kaprun, indem er sagte, er sei ein Mann gewesen, der nicht den Mut flefabt hätte, seine Meinung zu vertreten. Er ist im Gegenteil em Mann gewesen, vor besten Mannesmut und Ausdauer wir alle Hochachtung empfinden müsten. (Beifall links.) Und nun gut Sache! Ich will mich nicht in lange Erörterungen emlasten, werde mich vielmehr beschränken auf den Gegenstand selbst. Jn erster Stell ist bemerkenswert das, was über die Behandlung der Veröffentlichung selbst gesagt ist, daß nämlich das wichtige Aktenstück durch sehr viele Hände gehen konnte. Das Aktenstück ist auf Umwegen durch fünf ober sechs verschiedene Personen hindurchgegangen. Nur einer hat es angesehen. DaS TTt der Geheimrat tm Slußwartigcn Amt, dem die Anfertigung des Berichtes übertragen ist. Er hat nun doch offenbar einen Bericht gemacht. Da muß man doch sagen, ein Rat, dem aufgetragen ist, einen Bericht über eine Sache zu machen, die vom Kaiser ausgeht, der wird auch einen Bericht er. stattet haben, und in diesem Bericht wird auch gestanden Haven, um was es sich bei dem Interview gehandelt hat. Vielleicht hat ein falsches Urteil in dem Bericht gestanden. Jedenfalls mußte es aber Veranlassung geben, für diejenigen, die den Bericht erhielten, sich zu überzeugen, waS der Artikel denn eigentlich enthalte, und ob es rötlich sei, ihn zu veröffentlichen. Ich kenne den Geheimrat nicht, jedenfalls ist es ober bart, wenn der einzige, der vielleicht falsch geurteilt, aber seine Pflicht erfüllt hat, beqenige ist, der ba- für büßen muß. Ein Grund für die unbegreiflichen Tinge ist vielleicht in der räumlichen Trennung zu finden, der räumlichen Trennung aller derer, die mit her sacke zu tun gehabt haben. Diese Trennung ist für unsere jetzige Politik etn fdtoer« Fehler. ES ist jetzt eine Regierung von vielen Stellen vorhanoen, die eigentlich zusammen sein müßten. Die Trennung erklärt, daß solche Angelegenheiten nicht so sorgfältig bearbeitet werden, wie es nötig ist. Wären die Herren näher bet einander gewesen, dann wäre die Sache anders gewesen. Wenn der Kaiser und der,Reichskanzler über die Sache hätte sprechen können, wurden etn paar Worte genügt haben, um solche Vorkommnisse zu verhüten. Aehn- lich wäre es gewesen, wenn der Reichskanzler und das Auswärtige Amt zusammen gewesen wären. Mit dieser Ari der Regierung darf nicht fortgefahren werden, am wenigsten dann, wenn es sich handelt um Zeiten, tote die gegenwärtigen, in denen die wichtigsten und schwierigsten Fragen täglich zu erörtern sind.
Ob im Auswärtigen Amt nicht mit bet nötigen Sorgfalt gearbeitet wird — ich weiß es nicht. Aber dieses System darf nicht fortgeführt werden. Dann aber: Am 28. Oktober ist bre Veröffentlichung tm „Daily Telegraph" erschienen. Seit her ganzen Zeit mußte ber Kanzler informiert sein über das, waS ber Kaiser gesagt hat. Damals mußte er bas richtig stellen, waS er setzt richtig gestellt hat. (Sehr richtig!) Jene Erklärung in ber „Norb- brutschen Allgem. Ztg." war do die richtige Stelle, bas zu tun. (Sehr richtig!) Statt dessen erfuhr man, daß der Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten einberufen sei. Wenn die Erregung so groß geworden 'ft, so ist eS zum großen Teil dadurch gekommen, daß die Dinge so lange unwidersprochen m der Welt berymliefen Von Tag zu Tag ist die Erregung gewachsen. Wir, als wir von diesen Dingen hörten, sind allerdings erschrocken gewesen. (Sehr wahr!) Aber so erschrocken nicht, wie diejenigen Leute, die der Politik fernstanden. UnS war es nur ein neues Glied e'ner alten Kette. (Sehr gut!) Ich muß auch sagen, daß die Darstellung, die ber Reichskanzler gegeben, in der Hauptsache bas boch nur bestätigt, was, vielleicht hie unb da zu scharf pointiert, tm „Daily Telegraph" ftanb. Es ist bas em Beweis, daß N'e-nanb sich mehr hüten soll vor freier Aussprache, als hochgestellte Personen. (Sehr richtig!) ES gibt Leute, die einen Stolz darin sehen, sich mit einer hochgestellten Person zu unterhalten unb dann sagen zu können: WaS sind wir für Kerle, daß uns gegenüber ber Kaiser solche Aeußerungen getan hat! kSehr wahr!)
Noch einige Worte über die auswärtige Politik. — Ich will es nicht so machen wie mein Vorgänger. (Heiterkeit links.) Es ergibt sich aus biesen Vorgängen ganz klar, b a ß unsere Politik nicht einheitlich geführt wirb, daß zwei Elemente in ber Politik arbeiten, nicht mit, sonbern öfter gegen-manber. Und das ist ber Grunb, weshalb man im Ausland nicht das Vertrauen zu unserer Politik hat, das man , haben sollte. Tenn darin sind wir einig, daß unsere Politik im großen ganzen durchaus friedlich ist. Aber oft schon hat sie einen anderen Schein erweckt und der hat das Ausland auf9 äußerste erregt und erbittert. Soll e 8 nun habet blei, ben? Soll unsere Politik in dieser doppelten Weise weiter geführt werdm? Das -st unmöglich für einen großen Staat. (Sehr richtig!) Der Reichskanzler hat das eingesehen. Ich nehme an, ! daß der Reichskanzler in der Unterredung, die er mit bem Kaiser ; gehabt hat, den Kaiser barauf aufmerksam gemacht haben wirb, ' daß es so nicht weiter gehen kann. Aber wenn ich ben Reichskanzler recht verstanden habe, hat er keine andere Erklärung bekommen, ' als die, daß der Kaiser künftig in Auslassungen vorsichtig sein , wird. Aber eS muß eine möglichst einheitliche Politik erzielt werden, die in der Hand des Reichskanzlers ! liegt. Ich glaube, wir alle hätten es gern gesehen, wenn ber ' Kaiser nicht jetzt fern von Berlin weilte. (Lebh. Zustimmung.) So wichtig ist das Geschäft, den Luftballon des Grafen Zeppelin ' zu besichtigen, nicht. (Zustimmung.) In einer so schwierigen ' Zeit sollte ber Kaiser dem Reichskanzler in seiner schweren Siel- ■ lung zur Seite fiepen. Der Reichskanzler bedarf der Aussprache mit bem Kaiser unb zu biefer Aussprache ist jetzt bie beste Gelegenheit (Sehr richtig!), damit ber Eindruck unserer Verhandlungen ■ hier unmittelbar wirken kann. Ich hoffe, daß ber Reichskanzler ' dem Kaiser die Berichte über die Verhandlungen, wie sie hier : geführt worden sind, vorlegen wird. Selbstverständlich wünschen ; wir nicht, daß etwas gegen den Kaiser unternommen wird. Wir : denken nicht Daran, irgendwie die Autorität des Kaisers zu schädi- ; gen. Im Gegenteil. Unser lebhafter Wunsch ist, sie zu erhalten. 1 Aber in ber ganzen Zeit ber Regierung Kaiser Wilhelms I. gab I es kein boppeltes Regiment, ba gab es eine Regierung, bie des , Kaisers durch ben Reichskanzler, ber ebenso wie sein Kaiser fei- i nen Willen hatte, bei aber feine Pflicht erkannte. Es hat auch । manchen Kampf zwischen ihnen gegeben. Aber der Kampf ist aus- gefochten worben unb hat immer zu einer Verständigung und Ein-
Präsident Gvaf Stolberg 1
bittet, den Redner nicht zu unterbrechen. ,
Abg. Frhr. v. Gamp:
Bei dieser Auffassung von ben Zwecken und Aufgaben unserer Flotte ist es besonders bedauerlich, daß von allerhöchster Stelle unserer Flotte, wenn auch nur sekundär unb neben anbe. ren Ausgaben anbere Ziele gesteckt worben sinb.. Ich halte es nicht nur für möglich und wahrscheinlich, sonderns ■ für ganz sicher, daß China im Laufe ber Zeit aus seiner Lethargie erwachen unb sich Die Errungenschaften der modernen Kultur zu- nutze machen wird. In wachsendem Maße wirb China bie not- roenbigen wirtschaftlichen und sozialen Aufgaben für bas chinesische Volk erfüllen, unb je mehr bieses selbstänbig wird unb an der Regier ung mitwirkt, umso weniger wird es Neigung haben, Konflikte mit dem Auslände zu suchen. (Abg. Franck (Soz.) ruft: Bei uns wäre es ebenso!) Auch wirtschaftlich hätte Deutschland von der Entwicklung Chinas große Vorteile zu erwarten. Ta- bei bleibt es gewiß möglich, baß in einzelnen Teilen bes Landes feindliche Kundgebungen gegen bie Ausländer sich bemerkbar machen. Sie würden sich bann aber gegen alle Fremden richten, und wir könnten uns möglichst zurückhalten und die Bekämpfung jener Tendenzen denjenigen Nationen überlassen, die daran das vornehmliche Interesse haben. Fürst Bismarck hat wiederholt den Grundsatz aufgestellt, daß die Deutschen im Auslände nicht den Anspruch erheben können, daß Deutschland sich ihretwegen in Kriege mit ihren Gaststaaten einlassen soll. Es gibt doch auch noch andere Wege, derartiges Unrecht zu sühnen als den Krieg. Durch schiedsgerichtlickres Verfahren werden sich derartige 93er. letzungen der deutschen Ehre regelmäßig ausgleichen lassen. Ich bedauere, daß Deutschland bisher nicht Verträge zur Austragung solcher Difser-nzen auf schiedsgerichtlichem Wege mit den anderen Staaten geschlossen bat; ich hoffe, daß wir in Zukunft auf ihren Abschluß bedacht sein werden. Auch solche Meinungsverschiedenheiten und Differenzen sollten möglichst nicht verschärft, sondern gemildert werden. Ich stehe da auf bem Stanbpunkt, ben Fürst Bismarck z. B. in seiner Rede vom 6. Februar 1888 ausdrücklich hervorgehoben hat: „Wir Deutschen werden keinen Krieg mit anderen Nationen führen, auch Frankreich nicht angreifen, weil es ruchlos wäre, um solcher Lappalien willen große nationale Kriege zu entfesseln, ober auch nur wahrscheinlich zu machen." Das'sind die Fälle, in denen ber Vernünftigere nadjgibt. Ich bitte untere Politiker, sich diesen Grundsatz stets vor Augen zu halten, unb wo unsere Diplomaten mit anderen Diplomaten um solche Fragen in Streit geraten, sich stets gegenwärtig zu halten, daß ber Streit sich nur darum hanbelt, wer von beiden Staaten ber Vernünftigere ist. (Beifall unb Heiterkeit.)
Daß bie industrielle Entwicklung von China und Japan uns einmal schwere Sorgen bereiten wird, ist mir nicht zweifelhaft unb ich halte es in diesem Sinne durchaus für berechtigt, von einer gelben G - fahr zu sprechen. Wenn eine leistungsfähige Industrie sich dort entwickelt, dann werden die Produktionskosten wegen der minimalen Löhne dort so gering sein, daß sich für unsere Industrie und unsere Arbeiter in ber Tat ernste Besorgnisse voraussehen lasten. Diese wirtschaftlichen Probleme können uns heule aber noch nicht beschäftigen, benn zurzeit sinb unsere wirtschaftlichen Beziehungen zu China unb Japan noch recht gering. Wir Hobe., also in absehbarer Zeit keine vitalen Interessen in China unb Japan zu berteibigen. Ich freue mich,aber, daß gerade m diesem Augenblicke eine Verminderung ber Gesandt, schaftswache in China eingetreten ist; ich bin,überzeugt, daß man das in China als 'inen freundlichen Akt auffassen wird; vielleicht kann man auf diesem Wege bald fortfahren. Jn 'großen nationalen Fragen müsten die Parteien einig zusammen stehen. Ein parlamentari'ches Regime würbe aber nickt bloß mit den mon- archiscken Anschauungen ber großen Mehrheit des Volkes unb mit der föderativ-n Grundlage des Deutschen Reiches, sondern auch mit den vitalen Interest en des Volkes im Wiberspruch stehen. Wir weisen also Den Gedanken eines parlamentarischen Regims mit Entschiebenheit zurück; anbererfeitS legen w>r aber besonberen Wert barauf, daß die verfassungsmäßigen Bestimmungen aufrecht erhalten werden, und daß auch bie Verantwortung des Reichskanzlers dem Parlament unb bem Lanbe gegenüber nicht vermindert wird Von manchen Seiten wird beqaulib.t, baß unser Ansehen im Auslände schwer gelitten habe, daß wir alles Vertrauen verloren hätten. Fürst Hatzfelbt bat bereits hervorgehoben, baß bie Besorgnisse wegen ber kaiserlichen fi’unbgebungen übertrieben sind. Es wirb bem Kaiser allerb-ngs sehr schmerzlich sein, daß diese Kundgebungen genau den entgegengesetzten Erfolg hatten, wie er wünschte; die offizielle Diplomatie hat aber keine Einbuße erfahren unb auch ber leitende Staatsmann genießt im Auslände überall Achtung unb Vertrauen und wir müsten wünschen, baß er auch der jetzigen schwierigen Lage Herr wird. Die Schwierigkeiten würden jedenfalls wachsen, wenn der Reichskanzler uns jetzt verließe. Möge unsere Politik wieder in die bewährten Bahnen des Fürsten Bismarck einlenken, indem wir den Empfindlichkeiten anderer Nationen Rechnung tragen und sie so behandeln, wie wir selbst behandelt zu werden wünschen. Deutschland ist ein Land des Friedens. Nachdem wir in schweren Kämpfen unsere nationale Einheit errungen haben, müssen wir danach streben, in Werken des Friedens mit den anderen Nationen zu wetteifern. Wir haben die Lösung sozialer Probleme unternommen unb zum Teil schon burchgeführt, worin viele Volker von uns gelernt haben. Ein englischer Minister hat gesagt, Englanb wäre nicht reich genug, um Deutschlanb auf diesem Wege zu folgen. Deutschland hat eS trotz seiner großen Ausgaben für Heer unb Flotte doch verstanden, erhebliche Opfer für die Aufbesserung ber Lage ber Arbeiter zu bringen.
Mit bem Kaiser weiß bie ganze Nation sich einig in dem Streben, einen aggressiven Krieg gegen England zu vermeiden. Deutschland steht noch heute auf dem Stanbpunkt, ben Fürst Bis- marck 1888 unter voller Billigung ber ganzen Nation zum Ausdruck gebracht hat. Fürst Bismarck sagie damals, wenn Deutschland jemals einen Krieg wieder führen solle, so müste es ihn mit der vollen Wirkung seiner ganzen nationalen Kraft führen. Es müste ein wirklicher Volkskrieg sein, bann werde kein Feind cs wagen, es mit bem luror tcutonicus aufzunehmen. Durch Liebe und Wohlwollen ließen wir uns leicht, vielleicht allzu leicht, bestechen. Gegen bie Gewalt aber seien wir stark. Deshalb muß es für uns heißen: Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt. (Lebhafter Beifall rechts. Hurrarufe bei ben Soz.)
Ich will bem Abg. Liebermann von Sonnenberg in feiner Kritik bet Verhältnisse, soweit sie sich auf sachliche Punkte ve- schränkte, nickt in allen Punkten entgegentreten, aber ich muß doch sagen, die Art und Weise, wie er seinen Standpunkt vertreten hat, toiri) jebenfalls nicht in weiten Kreisen ber fonfer- vativen Partei Zustimmung finden. (Oho! unb Zustimmung. — Abg. Liebermann v. Sonnenberg ruft1 Im Westen!) Ich glaube auch nicht im Westen, benn auch im Westen gibt eL eine große Anzahl patriotischer Leute, bie diese Art ber Kritik nicht billigen werben. (Unruhe, Zustimmung, Wiberspruch.) Ernste Sorge um bes Vaterlandes Wohl unb Trauer um diese Vorkommnisse erfüllt jedes patriotische Herz. Es ist geradezu ein tragisches Geschick, daß ein Kaiser, der so viel hervorragende Eigenschaften bat (Unruhe und Gelächter ber Soz.), bem bie Arbeiter so viel ver- danken (Unruhe, höhnisches Gelächter und Unterbrechungen der Soz. Glocke des Präsidenten), dem die Arbeiter ihren Dank so oft zum Ausdruck gebracht haben (Lärmende Unterbrechungen unb Hohngelächter ber Soz.; Zustimmung rechts.)
Präsibent Graf Stolberg:
Ich bitte um Ruhe! Sie können nachher antworten. (Lebhafte Zurufe bei ben Soz.: Schimpfworte haben sie ihm zu verdanken. Unruhe.)
Abg. Freiherr von Gamp:
ES ist ein tragisches Geschick, daß ein solcher Herrscher so ost m Widerspruch treten muß mit den Anschauungen der großen Maste der Bevölkerung, daß er aus allen Vorkommnissen bisher so wenig eine Lehre gezogen hat. Freiherr v. Zedlitz hat an einem anderen Orte auf einen Grund dafür hingewiesen, auf die Art ber Erziehung deS Kaisers. Ich mochte in einem anderen Grund die hauptsächlichste Ursache dieser Vorkommnisse finden, nämlich darin, daß ber Kaiser nach Abgang deS Fürsten BiSmarck nicht Männer zur Seite gehabt hat, die ben guten Willen unb die Kraft hatten, ihre bcrfaffungS- mäßige Pflicht und Aufgabe auch nach oben hin zu wahren. Graf Caprivi war ein Soldat. Er hat oft ausgesprochen, daß er als Soldat die Befehle des Kaisers zu befolgen habe. Daß ein solcher Reichskanzler einen maßgebenden Einfluß auf ben Kaiser nicht gewinnen konnte, war klar. Auch von bem alten ehrwürdigen, von mir sehr verehrten Fürsten von Hohenlohe wird niemand einen solchen Einfluß erwartet haben. Im Auswärtigen Amt sind viele Beamte, bie schuldiger sind als ber Kanzler. Es ist nur ein Akt ber Courtoisie, wenn er sie deckt. Freiherr v. Hert- ling sprach von einem Markstein in der parlamentarischen Ge- schichte. Ich wünschte, es wäre ein Wendepunkt im Leben des Kaisers. Worauf stützt benn der Kanzler seine lieber» jeugung, daß der Kaiser nun zurückhaltender sein wird? Der Kaiser ist falsch informiert. Die Zeitungsausschnitte klären ihn nicht auf. Er sollte sich mit den besten Männern der Nation in Fühlung setzen. (Sehr richtig! Abg. Ledebour ruft: Mit Ihnen vielleicht!) Sie von her äußersten Linken rechne ich natürlich nicht dazu! (Gelächter der Sozialdemokraten.) Bei Gesprächen mit Ausländern muß man besonders vorsichtig fein. Die Engländer sind gar nicht in ber Vage, die deutschen Interessen richtig zu beurteilen. Beim besten Willen nicht; ich mochte aber bezweifeln, ob sie immer ben besten Willen haben. Freundlicher Akte von England haben wir unß nur selten zu erfreuen gehabt. Im Feldzug von 1570/71 protestierte England sogar gegen die Beschießung von Paris durch unsere Truppen. Während des pol- nischen Aufstandes von 1863 verargten es uns die Engländer sehr, baß wir zu Rußlanb hielten, und erst kürzlich fand eine Glorifizierung ber russischen Revolutionäre im englischen Parlament statt. Die Englänber sinb eben ungehalten Darüber, daß das Land der Träumer und Denker auf industriellem Gebiete eine so machtvolle Entwicklung genommen hat. Die deutsche Flotte soll nur dazu ba sein, um unsere Küsten zu verteidigen, um den deutschen Handel zu schützen. 1870 brauchten wir nicht weniger als zwei bis drei Armeekorps, um unsere Küsten gegen feindliche Ueber- sälle zu schützen. (Abg. Ledebour: Zur Sache!) Herr Ledebour, Sie sind noch lange nicht unser Präsident! (Große Heiterkeit.) Wir müsten eben so stark dastehen, daß, wenn uns ein Krieg mit zwei Fronten aufgedrängt wird, wir Aussicht haben, diesen Krieg mit Erfolg durchzuführen. (Reichskanzler Fürst Bülow und von Kiderlen-Wäckter erscheinen im Saal.) Unsere Flotte kann habet aber nur sekundären Charakter haben, ba sie nie auch nur artnäbemb ber englischen Flotte gewachsen sein wird. Wir müsten nur immer in einem gewissen prozentualen Verhältnis zu England bleiben. Darum tragen wir keine Schuld, wenn durch die wesentliche Vergrößerung der englischen Flotte auch wir zu einer Ver- größerung gedrängt werben. Wohl aber müssen wir erwägen, ob eS nicht möglich ist, daß wir uns mit England über die Größe der Flotte verständigen, wenn England diesen unseren Stanbpunkt als berechtigt anerkennt, waS wir jn als selbstverständlich erwarten dürfen, denn er schließt jede aggressive Tendenz gegen England aus, unb konstatiert auSbrücklich, daß wir eine Flotte nur in dem Umfange haben wollen, wie dies zur Verteidigung unserer Grenzen notwendig ist. Es gibt im ganzen Deutschen Reiche keinen Menschen, ber einen Angriffskrieg gegen England predigte. (Lachen und Widerspruch bei ben Sozialdemokraten.) Und sollte es jemanden geben, so müßte er auf seinen Geisteszustand unter« sucht werden. (Stürmische Rufe: Sehr wahr! Sehr richtig! Bei den Sozialdemokraten Zurufe: Lasten Sie Ihre eigenen Parteifreunde untersuchen!) Ein Mann mit solchen Gedanken könnte höchstens in Ihren Reihen sitzen, denn bei uns ist niemand so dumm. (Hesterkeit und Beifall rechts.) Ob man von England und allen Engländern bie gleiche Friebensliebe aussagen kann, weiß ich nicht. England hat in der Tat eine Kriegs- Partei, die systematisch auf den Kampf gegen Deutschland bin- arbeitet. Welche Ziele sie sich gesetzt hat, weiß ich nicht.
Nach unserer Ueberzeugung würde durch einen solchen Krieg zwischen England und Deutschland unenblicbeä Unglück entstehen unb ber Handel schwere Schädigungen erfahren. Wir haben bas felsenfeste Vertrauen zu unserem Landheer von 4 Millionen Soldaten und zu umeren Bundesstaaten, baß wir aus jedem Kriege siegreich hcrvorgehen


