Nv.2«r Zweites Blatt 158. Jahrgang Donnerstag 12. November 1908
Erscheint ILglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Siehener FamiNenblatter" werden dem »Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Glehen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit« fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gießener Anzeiger
Eeneral-Anzeiger für Lserhessen
Rotationsdruck und Verlag der vrühftsch« Unwersitäts - Buch- und Etemdruckeret. 9L Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 5L
Redaktion:e^li2. Tel,-AdruAnzeigerGießen.
Stimmutißsbilö aus dem Reichstage.
Berlin, 11. Nov.
Das Ende der Interpellation.
Der große Eindruck deS gestrigen Tages wurde heute betrüblich verwischt. 9tur ein Teil der Schuld daran fällt aus die Parteien des Reichstags, der Löwenanteil geht auf Rechnung des Auswärtigen Amtes oder vielmehr seines derzeitigen Repräsentanten. Herr von K i d e r l e n - W ä cht e r naljm das Wort, und das Schlimmste, wessen sich Fürst Bülow in diesem Augenblicke versehen konnte, aeschah: als man gewissermaßen das Fazit aus der zweitägigen Aussprache erwartete, gab es ein allgemeines Gelächter. Einen Heiterkeitserfolg hatte man als Ausgang dieser Jnterpellationsbesprechung am allerwenigsten vermutet. Wie nach einem großen Tage sah es schon zu Anfang nicht aus. Der Saal zeigte große Lücken. Der Andrang zu den Tribünen war -war auch heute stark, aber Hof- und Diplomatenloge füllten sich nur allmählich, und die ersten Redner gar bereiteten den Zuhörern wahrlich kein Fest. Fürst Hatzfeld hatte die eigentliche Rede der Reichspartei für heute angekündigt, und dem Freiherrn von G a m p war diese Aufgabe zugesallen. Sein Temperament und seine dialogisierende Art brachten chn in einen Konflikt mit verschiedenen Parteien: mit der wirtschaftlichen Vereinigung auf der rechten Seite des Hauses, mit den Sozialdemokraten und dann gar auch noch mit den Freisinnigen. Aber der Widerspruch, den er auslöste, war nicht sehr ernster Art; die Sozialdemokraten gerieten geradezu in Ulkstimmung, und ein lautes Hurrah von ihren Bänken geleitete ihren allen Widersacher, als er die Tribüne: verließ. Er hatte Verwahrung eingelegt gegen die Sprache, die Herr von Liebermann gestern gegen den Kaiser führte. Aber inhaltlich mar es nicht weniger scharf, wenn Herr v. Gamp das tragifd/c Geschick des Herrschers beklagte, der sich fortgesetzt in Wideriprnch mit den Anscl>auungen seines Volkes setze und nicht imstande sei, daraus eine Lehre zu ziehen. Seinen in der augenblicklichen Lage nickst gerade angebrachten Angriff auf den Grafen Caprivi wies der Redner der freisinnigen Bereinigung, Schrader, als unberechtigt zurück, er vermied es aber, sich auf eine Polemik einzulassen, mn die Gemeinsamkeit der Auffassung des Reichstags nicht zu stören, die allein der Jnterpellationsaktion eine Wirkung zu sichern vermag. Er sah auch von unnötigen Wiederholungen ab; in seiner ruhigen sachlichen Art stellte er eine der Hauptguellen der Uebelstände fest: die räumliche Trennung, in der sich die leitenden Stellen während eines großen Teiles des Jahres befinden, die Regierung im Umherziehen. Gestern hatten sich die Konservativen genötigt gesehen, die kurze Erklärung, die sie durch Herrn von Rormann abzugeben gedachten, durch die improvisierten Ausführungen des Herrn von Heydebrand zu ersetzen: heute holte Herr von Rormann seine Erklärung nach: sie war kurz und bündig ein Vertrauensvotum für den Kanzler. Für die kleine Gruppe der Reformpartei gab Herr Zimmermann einen zwar nicht schwachen, aber weniger schmackhaften Aufguß der Rede des Abg. Liebermann von Sonnenberg. Dann kam anstelle des Abg. von Payer für die süddeutsche Volkspartei Herr Haußmann zu Wort. Und er wußte die Aussprache auf die Höhe des gestrigen Tages zu heben. Es war eine meisterhafte Rede. Den Vordersätzen des Reichskanzlers fügte er die Nachsätze an: Der Forderung, daß der Deutsche Kaiser kein Schattenkaiser sein dürfe, die Ergänzung, aber auch kein Sonnenkönig. Er stellte noch einmal klipp und klar an den Kanzler die Jnter- pellationssragen, die gestern nicht beantwortet wurden: Was gedenkt der Kanzler zu tun, um die Wiederholung der bekannt gewordenen Vorgänge für hie Zukunft zu verhindern? und welche Garantien kann uns der Reichskanzler geben? Bei der Sorge des Volkes, der Sorge der Volksvertretung, der Sorge des Kanzlers, fragte Herr Haußmann nach der Sorge des Kaisers in diesen Tagen. Und er erhielt keine Antwort.
Es kam dem Fürsten Bülow vielleicht gelegen", daß während dieser Rede eintreffende Depeschen ihn nötigten, sich angelegentlich mit seinen Räten zu unterhalten und dann auf einige Zeit den Saal zu verlassen. So erhielt der Pole von Jaworski das Wort und nach ihm der Sozialdemokrat Heine, der das, was sein Genosse Singer gestern verhältnismäßig maßvoll gesagt hatte, etwas kräftiger variierte und seine Angriffe auf Kaiser, Kanzler und bürgerliche Parteien mit ätzendem Spotte würzte. Der Kanzler war währenddes zurückgekehrt, aber statt seiner erhob sich der neue Mann, Herr von Kiderlen-Wächter. Run kam die Antwort auf die zwar weniger wichtige, aber immerhin noch genug erhebliche Frage: Was soll geschehen, um solche Vorgänge im Auswärtigen Amt in Zukunft unmöglich zu machen? Und der ans Anlaß dieser Vorgänge als Vertreter des Staatssekretärs berufene Mann gab die Antwort, das Personal werde vermehrt werden. Die Organisation des Auswärtigen Amtes nannte er Musterhaft, die Pflichttreue und Leistungen seiner Beamten ausgezeichnet, und jeder seiner Sätze erstickte unter einem Gelächter, das sich von der äußersten Linken bis weit auf die rechte Seite des Hauses fortpflanzte. Jetzt nahm der Kanzler nicht mehr das Wort.
Zwei kurze Reden noch von dem Legattonsrat a. D. von Dirksen und Herrn ßattmann von der Wirtschaftlichen Bereinigung, und der Präsident verkündete, daß niemand mehr zum Wort gemeldet sei. Die Besprechung war zu Ende. Man hatte nicht Lust mehr, sie morgen durch Beratung des Adressen-Antrags der Wirtfckzaftlichen Vereinigung sofort wieder aufleben zu lassen. Nun wird die ganze Frage an einem der späteren Tage von neuem aufgerollt werden müssen.________________________
Deutsches Reich.
Generalstaatsanwalt Wachter vom Kammergericht ist gestern in Berlin gestorben.
Nach der gestrigen R e ichs t a g^s si tzu n g entwickelte der Rciclis Kanzler in einer Sitzung des Staatsministeriums die Grundzüge dessen, was er in der heutigen Sitzung des Bu«des- ratsausschusses für Auswärtige Angelegenheiten mitteilen will.
Die preußische Wahlreform Wie die „Nattonal- Zeitung" aus,g*ut unterrichteter Quelle erfährt, werden, die Vorarbeiten für die preußische Wahlrefvrm im landesstatistischen Amt tunlichst beschleunigst. Die Gruppierung der, Wahlziffern nach den vom Minister des Innern angeordneten Gesichtspunkten dürfte demnächst beendet sein. Es wird angemein angenommen, daß das Gesetz über die Abänderung des preußischen Wahlrechts im Herbste 1910 vor den Landtag gelangt.
Ausland.
Freiheit der Wis j enscpaf t! Wie man der Reuen Freien Presse aus Rom meldet, hat der Papst den Erzbischof von München beauftragt, dem Professor Schnitzler die Exkouununr- kation anzukündigen, falls er sich nichr verpflichtet, fortan nichts mehr zu publizieren, keine Vonräge mehr zu halten und sich Überhaupt jeder öffcntHdjen Kundgebung zu entziehen.
Das türkische Parlament wird nach einer Mitteilung des türkischen Münsters des Innern wahrscheinlich schon Ende dieses Monats zusammentteten.
Kein Bündnis. Mwakowitsch erklärt die Nachricht des ,,Maly Journals" über den AbsÄuß eines Bünonijses zwischen <ä esb ien und der Tür kei für unbegründet.
Elektrische Strotzen-, voll- und Schnellbahnen.
Gestern abend sprach in dem vollbesetzten Saale von Steins Garten in der vom Bürgerverein Gießen einberufenen allgemeinen Vürgerversammlung Diplom- Ingenieur Frerich aus Berlin (Allgemeine Elektrizitäts- Gesellschaft) über elektrische Straßen-, Voll- und Schnellbahnen. Ter etwa V/4 Stunden dauernde Vortrag war durch interessante Lichtbilder bestens unterstützt und brachte viel interessantes über das Thema, das gerade jetzt unsere Stadt am meisten beschäftigt. Der Redner, der uns von seinem vor 3 Jahren gehaltenen Vortrage noch bekannt ist, der ebenfalls auf Anregung des Verkehrs- uno Bürgervereins veranstaltet morden war, und der vielleicht mit den Anlaß gab zu der Entwicklung unserer Straßenbahnange- legenheit, knüpfte an seinen srüheren Vortrag an und gab einer Freude Ausdruck, daß unter der Mitwirkung der tädtischen Behörden und Körperschaften das Straßenbahn- wojekt jetzt zur Reife gediehen sei. Er verspreche sich von Der Straßenbahn eine schnellere Fortentwicklung unserer Stadt und wies an Beispielen nach, wie sehr andere Städte in ihren Verkehrsverhältnissen durch die elektrischen Straßenbahnen gewonnen Hütten. Von den ersten Anfängen des Bahnwesens ausgehend, berichtete er über die zuerst nicht besonders von (Erfolg begleiteten Versuche mit Akkumula- toremvagen in Berlin, die bald durch das Oberleitungssystem verdrätlgt worden sind. Daneben sind auch in einzelnen Städten unterirdische Stromzuführungsanlagen ausgesührt worden, die sich aber bei ungünstigen Witterungsverhältnissen nicht überall bewährt haben, so daß man heute fast allgemein zur Verwendung des Oberleitungssystems gelangt ist. Bei dieser Entwicklung hat sich ein Aufschwung des Verkehrs in Berlin gezeigt, der so erheblich ist, daß in einem Jahre etwa sieben- bis achtmal soviel Menschen mit der Berliner Straßenbahn fahren als int ganzen deutschen Reiche wohnen. Aber auch für kleinere Städte hat sich der elektrische Betrieb durchweg bewährt. Der Vortragende führte uns in einer Reihe von Lichtbildern sehr interejfanlc Anwendungsgebiete des Straßenbahnsystems im In- und Auslande vor und zeigte z. B. eine Straßenbahn in Kairo, im tiefen Schnee Rußlands, oder in den Palmenhainen der Insel Java, wo sie überall zur Verbesserung des Verkehrs beitragen. Der Redner ging alsdann auf die Anwendung des elektrischen Stromes für elektrische Vollbahnen über und zeigte im Bilde die von der preußischen Eisenbahnverwaltung gebauten Vollbahnen Berlin-Lichterfelde sowie die Hamburger Vorortsbahnen. Die erstere Bahn ist nach dem Gleichstromsystem, die letztere nach dem Einphasen-Hoch- spannungssysbem erbaut, wobei die Firma, der der Vortragende angehört, die Betriebsmittel fast ausschließlich geliefert hat. Indem wir die technischen Einzelheiten, welche für viele Zuhörer von großem Interesse waren, übergehen, bemerken wir, daß die von der preußischen Staatsbahn geplante erste größere Ueberlandbahn, nämlich die Strecke Atagdeburg-Halle-Äipzig, Aussicht auf Verwirklichung hat, und daß auch die Elektrisierung der Berliner Stadt- und Vorortbahnen nunmehr ernstlich durchgeführt werden soll. Sehr interessant waren die Ausführungen des Vortragenden über die Versuchsbahn der preußischen Eisenbahnverwaltung in Oranienburg, welche in einer geschlossenen Ellipse von mehreren Kilometern Länge verläuft, auf welcher eine elektrische Lokomotive Tag und Nacht ohne Führer dahinfährt, um sowohl Schienen, Bettung wie die Fahrzeuge zu probieren. Diese elektrische Lokomotive enthält übrigens die stärksten bisher in Europa gebauten elektrischen Bahnmotoren. Der Redner berichtete uns alsdann über die in der ganzen Welt feincr^eit Aufsehen erregenden Schnellbahn- verjuche auf der Militärbahn Marienfelde-Zossen, bei der der im Bilde gebrachte Wagen eine Geschwindigkeit von mehr als 210 Kilometer in der Stunde, also fast 70 Meter in der Sekunde zurückgelegt hat.
Der Vortragende erntete für seine interessanten Ausführungen allseitigen Beifall, dem der Vorsitzende, Lehrer Val. Müller, Worte des Dankes folgen ließ.
Die sich anschließende Diskussion beschäfttgte sich naturgemäß mit der hiesigen elektrischen Bahn. Pros. Dr. Sommer ging auf die geplante Änienführung ein. Er erklärte fein Einverständnis damit, daß zunächst in der Längsrichtung der Stadt gebaut werde und zeichnete ein Bild der voraussichtlichen Entwicklung des Straßenbahnnetzes. Derr geplanten Linien müßten solche von der Frankfurter Straße durch Wilhelm- und Ludwigssttaße zur Kaiser- Allee und eine Querlinie etwa bis zur Hardtallee folgen. Diese von ihm schon früher vorgeschlagenen Linien seien durchaus nicht phantastisch, wie in einer anderen Versammlung gesagt worden sei. sLebh. Beifall.) Rechtsanwalt Raab bezeichnete die Verlegung der ooerhessischen Bahnen als die wichtigste Voraussetzung für eine gedeihliche zukünftige Entwicklung auch unterer Straßenbahnen und richtete eine Reihe Fragen an den Vortragenden, die dieser, soweit sie das technische Gebiet betrafen, beantwortete. Um 11 Uhr war die anregend verlaufene Versammlung zu Ende.
Aus Stadt uitfc Land.
Gießen, 12. November 1908.
— Landtagserös fnung. Nachdem als Termin für die Landtagseröffnung Ende November und Anfang Dezember genannt worden sind, kommt nun eine dritte ,besumter- richtete* Stelle und bezeichnet den 17. Dezember als Tag der Landtagseröffnung. — Warum übrigens nicht der Termin offiziell mitgeteilt wird, ist unerfindlich. Schließlich hat doch das ganze Land einiges Interesse daran, den Tag zu erfahren, an dem die Volksvertretung zusammentritt.
*• Ordensverleihung. S. K. H. der Grobherzog haben dem Professor der Forslwissenschaft Wilh. Schlich in Oxford das Ritterkreuz 1. Klasse deS Verdienstordens Philipps deS Großmütigen verliehen. — Se. Kgl. Hoh. der Groß- h erzog haben dem deutschen Generalkonsul von Herff m Genua die Erlaubnis zur Annahme und zum Tragen des ihm vom König von Sachsen verliehenen Offizierkreuzes deS Albrechls-OrdenS erteilt.
•* Lehrerpersonalien. Uebertragen wurde dem Schulamtsaspiranten H. Rieger aus Westhofen die Lehrer- stelle an der Gemeindeschule zu Uderhausen. — Erledigt ist
die mit einem eoang. Lehrer zu besehende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Dannenrod. Mit der Stelle ist Orga- nistendienst verbunden.
♦* Gießen als Kongreß st ad t. Die nächste Versammlung der Anatomischen Gesellschaft, dis dreiundzwanzigste, findet vom 21. bis 24. April 1909 in Gießen statt unter dem Vorsitz von Professor Stöhr (Würzburg).
' Die Vereinigung für gerichtliche Psychiatrie und Psychologie im Großherzogtum Hessen wird am 21. d. Mts. in Mainz eine Versammlung abhalten und dabei die Weiberstrafanstalt daselbst besichtigen. Hierbei wird Bürgermeister Dr. Schmidt-Mainz über die Praxis der Zwangserziehung, Kreisschulinspektor Prof. Dr. Frenzel- Worms über die Zwangserziehung auf dem Lande und Pfr. R ö s ch e n-Freienseen über die Mitwirkung der Freiwilligen ErziehungSvereine bei der Zwangserziehung sprechen.
•’ Besprechung Industrieller. Im Hotel ,Groß- Herzog von Hessen* sand am Samstag, 7. Nov., eine vom! Bund der Industriellen - Berlin einberufene Besprechung von Industriellen Gießens und seiner Nm g egend statt. Die Besprechung wurde durch ein Referat von Dr. Rudolf Schneider-Berlin, volkswirtschaftl. Syndikus des Bundes der Jndustrieellen, eingeleitet. Der Redner sprach über industrielle Organisationsfragen. Er betonte die Slotroenbigfeit für die deutsche Industrie, sich einheitlich zur tatkräftigen Vertretung ihrer Juteresien zu- sammenzuschlieben; insbes. für die weiterverarbeitende Industrie sei dieser Zusammenschluß in neuerer Zeit dringend notwendig geworden. Es gelte nicht nur gegenüber der Gesetzgebung, in Steuerfragen, gegenüber den parlamentarischen Körperschaften, gegenüber der Oeffentlichkeit und der Preße die industriellen Unternehmungen zu vertreten, sondern es. komme neuerdings auch darauf an, der weiterverarbeitenden Industrie durch leistungsfähige Organisation Schutz gegen den Druck der Rohstoffverbände und -Syndikate zu schaffen. Der Redner verwies auf die großen Organisationen, die sich andere Erwerbsslände bereits geschaffen haben, mSbes. die Landwirte, die Jndlistrie - Arbeiter, die Angehörigen des Mittelstandes, die Prioatbeamten und die Handlungsgehilfen. Allerdings stoße die Organisation gerade bei den verarbeitenden Industrien auf viele Schwierigkeiten. Diese Industrien seien sehr zersplittert. Vielfach herrsche infolge der scharfen Konkurrenz eine weitgehende Uneinigkeit unter den Industriellen. Man dürfe auch nicht vergessen, daß vielfach Engherzigkeit und Mangel an Opferwilligkeit einen Zusammenschluß zur Verfolgung der großen gemeinsamen SlcmdeSinteressen erschwere. Trotzdem gelte es, Schritt für Schritt diese Schwierigkeiten zu übenoinben. Dem Bund der Industriellen ist es gelungen, in seiner zwölfjährigen OrganisationSlätigkeit besonders in Mittel- und Süddeutschland bedeutende Organisationen und einen sehr engen Zusammenschluß der weiterverarbeitenden Industrie zu schaffen.j Auch Westdeutschland dürfe in dieser Hinsicht nicht zurück-i bleiben. Wenn auch die ersten Schritte schwierig feien, so müßten sie doch mit Tatkraft unternommen werden. In der folgenden Debatte wurde namentlich die Notwendigkeit betont, die Wünsche und Bedürfnisse der Tabaksindustrie angesichts der neuen Steuervorlagen zur Geltung zu bringen. Auf der bevorstehenden Generalversammlung des Bundes der Industriellen in Berlin wird ein Vorstandsmitglied des Blindes, der Neichstagsabgeordnete Dr. Strese mann-Dresden ein Referat über .Die« Reichssinanzref 0 rm * halten. Nachdem der Bund der Industriellen durch diese Besprechung und ihre Vorbereitung mit angesehenen Firmen der hiesigen Industrie in Fühlung getreten ist, wird von ihm für die nächste Zeit eine weitere Versammlung in Gießen in Aussicht genommen.
** Alldeutscher Verband. Am Sonntag traten yu. Mainz die Vertreter der Ortsgruppen des Rhein-Maiw-GaueS zu einer Tagung zusammen, die säst von sämtlichen Ortsgruppen! mit mehreren Vorstandsmitgliedern oder Vertrauensmännern beschickt war. Der Gautag beschäftigte sich mit den Ereignissen der vorletzten Wache. ^Nachmittags 3 Uhr folgte eine öffentliche Versammlung int runden Saale der Stadthalle, die sehr gut besucht war und einen würdigen Verlauf nahm. Ter Voriitzenbe Rechtsanwalt C1 a ß begründete die Aenderung der Tagesordnung mit den Vorgängen der letzten Zeit. Zunächst sprach Schriftsteller Paul Dehn aus Berlin an Hand einer Kartenskizza über 1?hc Kernpunkte der Krisis int Orient. Graf Ernst zu Revcntlow sprach über die Gründe und Wirkungen des Zusammenbruchs der deutschen Politik. Der Redner wies int Einzelnen auf die Irrtümer uno Fehler der kaiserlichen Politik hin, t>ie es im Enoergebnis nicht nur baljin gebracht hat, sich m Widerspruch mit der überwältigenden Mehr^it des deutschen Volkes zu setzen, fonoent die auch dem Reiche schweren Schaden! zugefül-rt uno seine Gegner fester zujammengeschlossen hat, solche könne nicht die Aufgaoe des deutschen Kaisers sein uno es müsse verlangt werden, daß gründlich) Wandel geschaffen werde. ES gälte, die öffentliche Meinung dahin zu führen und wach jja erhalten, daß ihr Druck die Wiederkehr solcher Dinge unmögltch mache. Jetzt sei es die Sache des Reichstags, die Heilung zu verjuchen; versage er wirklich, dann müsse Die beutidje Presse das Volk wachhalten. Der Ziedner belegte seine Ausführung mit einer Fülle gesck-ichttichen Aiaterials und verstand es, bei aller Deutlichkeit und Schärfe der Grenzen der Loyalität einzuhalteir. Er schloß mit dem Auftuf, daß jetzt alle Unabhängigen im Lande sich nur fester zusammenschlicßen müßten, um das Rerch zu schützen. Richt endenwollender Beifall zeigte dem Redner, wie sehr er allen Anwesenden aus dem Herzen gesprochen hat. Der Vorsitzende sprach in seinem Schlußwort die Hoffnung aus, daß Die Lehren Der letzten Zeit an allen Stellen verstanden würden- ein Volk von 63 Millionen könne und dürfe flcy nicht durch die Mißgrisse einer Person ins Unglück stürzen lagen, und es sei nötig, die auswarttge Politik unter Die schärsste Kontrolle der Oefscnttichk'.'ir zu stellen. Mit dreifachem Heil auf des deutscher Volk schloß die ernste und würdige Versammlung.
— Volksgeselligkeit in Stadt und Land. Mehrfachen Anregungen entsprechend, wird sich an bic nächsten Sonntag, nachmittags 3l/4 Uhr, im Gasthaus ,Zum Riesen" in Wetzlar slattsindende BezirkSversammlung DeS »Rhein- Mainlschen Verbundes für Volksbildung eine abends 6 Uhr im


