Erstes Blatt
Mittwoch S. Dezember 1908
158. Jahrgang
bi wmmagTTö'ut)“ und Verlag der vrühl'lchen Nn!v.°Vuch. und Stclnöntuerei B. Lange, «edattlon, Lrpeditron und Druckerei: Zchulstrahe 7. Auze.senie^ H.^Beck!
Nr. 290
Ter Otetzener Anzeiger erichcml tägltd), außer Sonntags. - Beilagen: d ter mal wöchentlich LletzenerZamilienblätter, {roeunal rvöcbciitl.Kuis* latt für den «reis Giehei, ITtenslagundFrennn); zweimal inonatl Land» wirllchastlichr Seilfrage» Fernlprech • Anschlüße: für die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 61 •Urefle tüx Deoelchenr «nzetger Gießen.
vnnoljme »on Anzeige»
VezugSpretS: monatlich 75Pf., viertel« jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch dte Post Mk. 2.— viertel« tährl. ausichl. Bcslellg. ZetlenpretS: lokal IbM» auswärts 20 Pienntg,
Peranlworlltch für den politischen Teil, für .FeutNelon" und .Bennischles^: Ernst Anderson; für .Stadt u. Land" lind.Gerichts-
Giesjener Anzeiger
General-Rnzeiger für Gberheffen
Die heutige Nummer umfa&t 12 Seiten.
Der Reichstag und die auswärtige Politik.
Gießen, den 9. Dezember.
Fragen der auswärtigen Politik kommen im deutschen Reichstage verhältniSinäßtg selten zur Besprechung; gewöhnlich sind eS nur die Etatsberatungen, die Veranlassung geben, unser Verhältnis zum AuSlande zu erörtern. So mar es auch dieses Mal. Die Behandlung der auswärtigen Politik war aber wiederum sehr summarisch und keineswegs erschöpfend. Bassermann, der Führer der Nationalliberalen, hat unsere auswärtige Politik sehr genau verfolgt, und ei brachte in seiner Rede manchen treffenden Gedanken; er sktzzterte in großen Zügen alle wichtigen Vorgänge auf diesettt Gebiete, aber gerade die Vielseitigkeit seiner Ausführungen stand einer eingehenden Behandlung der einzelnen wichtigen Fragen entgegen. Und der Reichskanzler war infolge dessen gezivungen, in derselben Weise die auswärtigen Fragen ziemlich summarisch zu behandeln, ohne einzelne Fragen von besonderer Wichtigkeit erschöpfend zu behandeln. Die Ausführungen BülowS haben nur zum Teil einen sehr guten Eindruck gemacht. ES war eigentlich mehr die Rede eines geschickten Diplomaten als die eines wirtlichen Staatsmannes, die er am Montag gehalten hat. Ec sagte, was über die allgemeinen Richtlinien der deutschen austvärtigen Politik zu jagen war und verschwieg klüglich, waS auszusprechen im Augenblick mindestens verfrüht erschien.
Besonders sympathisch berührte haß, waS Bülow über die Vorgänge in der Türkei sagte, und es beruhigte einigermaßen, als er erklärte, daß die deutsche Reichsregierung sich von diesen Vorgängen nicht wieder habe überraschen lassen, sondern daß sie mit Absicht eine Zurückhaltung beobachtet habe. Das Deutsche Reich hat aus die Vorhand verzichtet, und das ist begreiflich und lobenswert. So wie wir augenblicklich in der Welt dastehcn, von Neldern und Hassern umgeben, hätte sich da wohl auch kaum eine andere Haltung empfohlen, zumal ja deutsche Juteressen durch diese Vorgänge direkt nicht m Mitleidenschaft gezogen werden. Das Deutsche Reich fühlt sich stark genug — und das war ein schönes und stolzes Wort des Reichskanzlers — auf eine kleinliche und unfruchtbare Prestige - Politik zu verzichten. Es widerslredl der deutschen Politik, Hans Dampf in allen Gassen zu mimen. Vor nicht allzu langer Zeit war es bet uns leider anders. ,(S5 ist", so sagt das .Skdmer Tageblatt", „eine goldene Lehre, daß wir uns nicht in die inneren Verhältnisse fremder Länder einzumischen und den Schulmeister zu spielen haben. Aber leider hat es allzu langer Zeit bedurft, um zu dieser vernünftigen Erkenntnis zu kommen." Diese weise Politik der Zurückhaltung ist aber doch noch etwas anderes als die Cunclator-Politik, die wir bei den Umwälzungen in der Türkei an den Tag gelegt haben. Sie ging so weit, daß die deutschen Schiffe im Bosporus die einzigen waren, die am Tage dec Uinwälzung in der Türkei nicht geflaggt hatten, und das hat die Türkei in ihrem Freudeitrausche ja mächtig
verschnupft. Wir spüren eS noch heute. Die Boykott- bewegung gegen Frankreich wird ja auch auf Deutschland übertragen, und dieser Tage sind sogar deutsche Postjücke mit Postsendungen deS deutschen Kaisers rwn den Tücken kurzerhand inS 2)leer geworfen. Die Zurückhaltung war gut, aber sie ging vielleicht doch ein wenig zu weit, und daS hat man auch in Oesterreich unangenehm empfunden. Es beruhigt ja, daß die deutsche Diplomatie, wie Bülow erklärt, sich dieses Mal von den Ereignissen nicht hat überraschen lassen, und daß diese Zurückhaltung also gewollt war, aber es erregt doch auch wieder Bedenken, daß die deutsche Reichs- politik offenbar noch nicht das richtige Augenmaß dafür hat, was im gegebenen Moment zu tun ist. Eme Politik des zaudernden Hin- und HelfchwankenS ist noch kein Symptom der Stärke und des SelbstbewußtseinS.
Am wenigsten befriedigt vielleicht das, waS Bülow über die Dreibundpolitik gesagt hat. Hier hätte man eine klare und nicht mißzuocrstehende Aeußerung erwarten dürfen. Die Stimmung Italiens ist doch deutlich genug wahrzunehmen. Italien will nicht mehr mitmachen, daran ändert auch die Erklärung deS Bülow befreundeten Giolitti nichts. Morgen ist in Italien vielleicht schon em anderer, unterem Reiche- kanzler weniger befreundeter SDlann am Ruder, und dann wird die Erklärung des Leiters der italienischen Politik vermutlich ganz anders lauten. BülowS Aeußerungen über den Dreibund war em BeruhigungSmittelchen, [bas feine Wirkung nicht auSüben wird.
Befriedigt hat auch die Erklärung BülowS über die Casablanca-Affäre eigentlich nicht, es sah alles gar zu sehr nach Veclcgenheilsausrcden aus. Auch über das japanisch- amerikanische Abkommen hätte man gern etwas näheres erfahren. Sehr geschickt ist Fürst Bülow dagegen auf die heikle Prager "Affäre eingegangen. Hier zeigte er sich wiederum als Diplomat int wirklichen Sinne des Wortes.
Die Rede war im großen und ganzen sehr schön, aber wirkliche Beruhigung in dec gegenwärtig doch sehr aufgeregten Lage hat sie nicht geschaffen, dafür war diese Rede zu diplomatisch abgefaßt. Bezeichnend für unseren Parlamentarismus und seinen Tiefstand ist die Antivort, die dem Reichskanzler aus dem Munde der weiteren Redner des Reichstages zuteil wurde. Von der Rede des Frhrn. v. Gamp gar nicht zu reden, war auch die Rede des redegewandten Lattmann sehr schwach. Vielleicht bringen aber doch noch die nächsten Tage eine staatsmännische Rede, deren man sich freuen kann. Die Hoffnung ist allerdings nicht sehr groß. E. A.
*
Die ausländische Presse über die Rede Bulows.
Bon ifl^TcitiniGAit ZAliiugc'.i fdjretbt die „N. Fr. Pr." (lib.): „Sm saufen Verlaufe der orientalischen frrije ist von maßgebender Stelle noch keine so bestimmte und klare Austaisung ihres wcchrscheitittchen Ausganges ausgesprochen. Fürst b. Bülow ,agi: „Ter triebe wird nicht gestört werden." Die,e Meinung wird so eüifaaj, so klar und so zwingend begründet, daß sich ilj-r Lut logisch geschulter Kopf leicht enigiiljeit kamt. Die Kleinen können nicht, und die Großen wollen nicht. Tas ist so schlagend, oaß alle Rebelbilder der Situation verschwimmen und Gruseln
und Sdneden aufhören müssen." Die Rede sei eine der^besten des Kanzlers, und mau fühle, daß hier der leitende Staatsmann einer ebenso wirklichen als redlichen Friedens inacot ge« spwchen hat, der Minister einer Macht, die dort, wo sie ihr Wort vervfandet hat, ihre Zusicl-enmg an Treue halt. Das Blatt schließt, die Rede sei eine starke Beruhigung für alle Freunde des Friedens und werde in Oesterreich' Ungarn mit dankbarer Sympathie ausgenommen werden und mit ihrer ganzen überzcugcnoen Kraft wirken.
Das „Neue Wiener Tagblatt" (bemofr.) bemerkt: „Mas uns in Oesterreiü>-Ungarn vor ackern au^ Der Rede entgegenschallt, ist die Bekundung der unzivcideutigsten Vertragstreue und des and? wahrend des neuesten Standes der eurv- baiiu.Lii -Dinge erprobten Festhalte ns an oem Leitstern des Drei- vundcS."
„Die Seit" (sozpvl.) schreibt in ihrem „Der wankende Kanzler" überschriebenen Artikel: Der gv, t■eit Neugier, mit der man den Worten des Fürsten v. Bülow lauschte, ist eine arge Enttäuschung gefolgt. Alle Welt spüre uie geheimnisvolle, führende Hand der englischen Diplomaten. Aber gerade in dieser Hinsicht hat sicl) Bülow gründlich) ausgeschwiegen. Was er zitierte, war nebensächlich, und von der Hauptsache, von der tiefen, neuerdings noch tiefer gewordenen Kluft zwischen Deutschland und England sprach Bülow kein Wort. Wie sich die Entente zum Dreibund stellt, wie Italiens Politik dadurch beeinflußt wird, wie die Ausfichte nber Balkankonsereicz stehen und aus loelchc Gegnerschaften die r.-ffi.'chcn Progrrunmvorichläge stoßen, darüber findet sich in dec Rede v. Bülows Ec in Wort. Das Blatt sucht Den Grund dieser auffallend schwachen K'ancherrede in Dem Gerücht von dem baldigen Rücktritt des Reichskanzlers Fürsten von Bülow.
Don italienischen Zeitungen schreibt der „Po Polo Romano": Die Rede des Reichskanzlers sei eine gute Tat, weil sie der öffentlichen Meinung Europas, die augcnblictlich von einer Str, mung Der Ungewißheit beherrscht werde, Erleichterung verschaffe.
„Giocna le d'Jtalia" schreibt, die Rede des Reichskanzlers Fürsten Bülow beurteile die T.ckigkeit jeder einzelnen Macht mit großem Wohlwollen. Besonders liebenswürdig habe sich Fürst Bülow Italien gegenüber gezeigt, wofür ihm die Italiener aufrichtig dankbar seien. — Die „Tribun a" sagt, die Rade sri sehr beruhigend, weil Fürst Bülow versicherte, daß er alle Demi Hungen zur Aufrechterhaltung des Friedens unterstützen werde. Das Wort werde oah:r sichcirich nicht Den Diplomaten! genommen, um den Heeren gegeben zu werden.
Bon englischen Zeitungen schreiben die Times (unio- nistisch): „Int großen und ganzen ist ihr Inhalt zufriedenstellend, uns wenn sie den Anfang der an Stelle der Kaiserpvlrtik ge- tretenen Kanzler Politik bedeutet, so kann man von dieser Gutes erwarten." Daily Grap hie (gern. Lons.) spöttelt: „Fürst Buiow leidet an unverwüsckia>eui Optimismus. Wer aus seine Rede als auf die einzige Informationsquelle üoer die europäische Situation angewiesen .v^re, könnte sich von dem Ernst der schwö- oenben Krisis nie und nimmer ein richtiges Bild machen. Dep Reichskanzler ist wirklich der „niuniere ^eijensiedec" der deutschen Politik."
Don französischen Blättern hebt der „Temps" oie Klarheit uni> den beruhigenden Ton der Kanzlerrede hervor und meint, seiest wenn man die Zuversicht des Fürsten Bülow nicht teile, müsse man sich freuen, daß er derselben Ausdruck gegeben. Dies gestatte die jedenfalls wertvolle Hoffnung, daß man im Hinblick auf künslche Schwierigkeiten auf den guten Willen Deutschlands rechnen könne. Das „Journal des Tobaks" erklärt: Fürst von Bülow habe als ein Staatsmann gesprochen, welchem es am Herzen liege, die Interessen und das Ansehen seines Landes zu verteidigen, seine Treue gegen die LundeSgenossen zu befunbat und die Empflndlichkeit der anderen Staaten zu schonen.
(Siebener SLadttheatcr.
Die Pfarrerin.
Schauspiel in 3 Auszügen von Richard Fellinger.
Bei dem derzeitigen Tiefsiand der deutschen Bühnendichtung ist ein Weik wie Richard Fellingers „Pfarrerin" doppelt angenehm und erfreulich, denn im ganzen genommen ist c5 daS gelungene Werk eines vornehm denkenden Dichters, dec ein ernstes, großes Wollen hat und auch ein starkes Können... Vielleicht hat er auch eine Zukunft, denn er ist erst 36 Jahre alt und hat im Jahre 1905 mit einigen immerhin beachtenswerten Dramen einige Anerkennung gefunden. Roch ist .Die Pfarrerin" ferne Meisterarbeit, aber es steckt ein gutes Teil von meisterlicher Kraft darin, wenn sich auch der Einfliiß Ibsens nicht immer verkennen läßt. Das ist aber schließlich fein Fehler, denn Stufen braucht man, wenn man in die Höhe will und noch keine ausgewachsenen Flügel hat. Und schon dieses Wollen verdient volle Anerkennung.
Die Vorgeschichte ist nach dem Muster des nordischen Grüblers sehr geschickt in die beiden ersten Akte hinemgeflochten, und lückenlos wird das seitherige Leben der beiden Eheleute klargelegt, denn auS der verschiedenen Erziehung entwickelt sich letzten Endes der tragische Knoten des Stückes, den der Verfasser zwar klug geschürzt hat, aber doch nicht ebenso klug aufzulöfen verstand. Ec durchhaut ihn einfach, indem ec ein schon abgebrauchtes Mittel gebraucht und den Pfarrer bei einer Ueberschwemmung zum Helden macht, was der jungen, groß angelegten aber kleinlich u.nur für die Gesellschaft erzogenen Frau dermaßen Achtung emflößt, daß sie sich der höheren Einsicht ihres Helden willig beugt und sich feinem Willen fügt. Und ein Held und em Mann ist der Pfarrer. Jung und unerfahren ist er, dec Bauernsohn, in die Großstadt gekommen, wo er rasch zum Liebling aller frommen Damen und zum siegreichen Salonlöwen geworden ist und freudig überläßt er sich dem wohligen Bewußtsein, dec erkorene Lieb- lmgsheld der vornehmen Damen zu fein, die ihn unausgesetzt umschwärmen. Selbst die 2)tulter feiner jungen und schönen Frau, die sich in den lauten, schillernden Vergnügungen der Gesellschaft am behaglichsten fühlt, ist ihm nicht nur von ganzem Herzen zugetan, sondern sogar regelrecht ui ihn uer» liebt. Schön ist es, sich so umschwärmt zu wissen, und das gute, ehrliche Männerherz droht bedenklich, sich und seinen Beruf in dem schönluerischen Strudel des gesellschaftlichen gebens zu vergessen. Aber noch rechtzeitig besinnt sich oer
junge Pfarrer auf sich selbst, und mit dem festen Entschluß, aus dieser einfältig-behaglichen Welt des sogenannten Lebens zu entfliehen, läßt er sich weit hinaus aufs Land versetzen, in ein tleineS, armseliges Dörfchen, baS zwei Stunden von der nächsten Bahnstation entfernt ist. Hier ist ihm wohl, hier fühlt er sich heimisch, hier ist ihm noch ein weites Feld für seine geistlichen Pflichten offen, denen er sich mit Lust und Eifer widmet. Aber der Weg zum reinen Glück der inneren Zufriedenheit ist mühsam und beschwerlich — und weit auch, sehr weit. Viele bleiben am Wege liegen und wenige kommen zu ihrem Ziele, keiner ohne all die Mühsalen und Beschwerden der weiten Wanderung in tiefster Seele miterlebt zu haben. Wie sich in Auerbachs Novelle .Die Frau Profcfforin", die gegen den Willen deS Dichters von der Birch-Pfeiffer unter dem Titel .Dorf und Stadt" für die Bühne bearbeitet wurde, in der großen Stadt nicht heimisch fühlen kann, so geht eS der Pfarrerin auf dem stillen Lande, wo die Tage mit fast unheimlicher Ruhe und in unerträglichem Gleichmaß dahin fließen. Der Zwiespalt zwischen den Gatten ist eingetreten und hier setzt tue Hand- lung ein.
Die Pfarrerin, die der großen, schweren Prüfung der Frau entgegensieht ist tief unglücklich und sehnt sich leiden- schastlich nach den wechselnden Vergnügen und dem angenehmen Lärm der Großstadt, deren Lockungen in dem eitlen Vetter Bruno verkörpert sind, in den Eltern der Pfarrerin und in dem Konsistorialrat. Sie alle suchen den Pfarrer ziir Rückkehr nach der Hauptstadt zu bewegen, aber er bleibt stark und nach leidenschaftlichen, stürmischen Auseinandersetzungen ist die Scheidung so gut wie ausgesprochen. Da aber — und das ist der wunde Punkt deS Schauspiels — tritt der nahe Fluß über die Ufer und bei der Ueberschwemmung vollbringt der Pfarrer fast Wunder der Tapfer- keit und des Mutes — und die Pfarrerin ist versöhnt und beglückt, denn wo sie bewundern muß, muß sie sichf beugen.
Wohl versucht Fellinger, ein Berliner Rechtsgelehrter, den rafchcn Umschwung in den Anschauungen der jungen Frau eingehend zu begründen, aber es ist ihm nicht gelungen, rein ans den seelischen Zwiespältigkeiten heraus eine Löiung zu finden. Der Heldenmut des Pfarrers muß ihm helfen, und daher tonunt es, daß der Schluß nicht jo befriedigt wie die beiden ersten Auszüge, die voll dcamatifchen Lebens und tiefer Stimmung sind. Auch die Sprache, die, von einigen all
gemeinen Redensarten abgesehen, flott und schlagfertig ist, wird gegen den Schluß hin matt und papieren, die Personen sprechen mehrmals aneinander vorbei anstatt miteinander, und doch versteht es der Versaffer, angenehm über die an sich etwas durstige Handlung hinwcgzuglciten und eine erfreuliche Fülle seelischer Züge aufzudecken und vernunftgemäß durchzuführen.
Die Charakterisierung ist gut. in den Nebenpersonen manchmal allerdings nicht ganz durchgeführt, sondern nur in den Umrissen gegeben und etwas verschwimmend. Etwas überhöht, aber sonst gut beobachtet und auch gut gegeben ist der Konsistorialrat und die Mutter. Die Annenhauslerm, der Vater der Pfarrerin und mit Einschränkungen auch der Vetter sind sogar ausgezeichnet. Die feine Satire, die der Versaffer klüglich gemäßigt hat, gibt dem ganzen einen frischen, lebendigen Zug. Die Aktschlüsse sind geschickt erdacht und packend, und so kommen wir zu dem endlichen Schluß, daß die wenigen schwachen Stellen des Werkes zwar nicht ausgeglichen, aber doch verdeckt werden durch das Gute und Erfreuende, an dem es so reich ist.
Die hiesige von Direktor Steingötter geleitete Aufführung, die zweite, die das in Darmstadt aus der Tause gehobene Schauspiel erlebte, hatte alles getan, um einen guten Eindruck zu erzielen, und so war denn auch em sehr starker Erfolg zu verzeichnen.
Die Titelheldin wurde von Anm Röber sehr gut dargestellt. Mit seltenem Glück bemühte sie sich, den Hang zum Vergnügen nur als Ergebnis ihrer unbesonnenen Erziehung darzustellen und die verwöhnte, aber groß angelegte Frauenseele in ihrer tiefen Liebe und ihrer ganzen frischen Herbe in Erscheinung zu bringen. Erich Weingärtner gab den Pfarrer mit einer schlichten, packenden Wärme, ausgezeichnet in Sprache und GesichtsauSdruck, aber häufig sehr leblos im Spiel. Es ist bedauerlich, daß ein so guter Sprecher nichts mit seinen Händen anzufangen weiß und oeshalb sehr leicht leblos und ohne tieferen Anteil an den Vorgängen auf der Bühne erscheint. Im übrigen war seine Tarnellung nachhaliig vertieft und wohl ausgerundet. Rud. Goll spielte den Vetter mit der liebenswürdigen Leichttg- leit des parkettgewohnten Weltmannes und hielt sich von den naheliegenden Ucbertreibungcn glücklicherweise frei. Max Hroncri sand sich nut dem Vater zwar, annehmbar, aber doch nicht so gut ab wie wir cs sonst von ihm gewöhnt


