Nr. 26? Erstes Blatt 158. Jahrgang Donnerstag 12. November 1908
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Die heutige Nummer umfaht 14 Seiten.
Bülows Verteidigung.
Die Verteidigung war schwach, war schwächer, als man erwartet, nichtssagender als man erhofft und erwünscht hatte. Nichts erinnerte in dieser Verteidigungsrede an den glänzenden Redner, der Fürst Bülow sonst ist. Es war in dieser Rede alles sorgfältig abgewogen, Satz für Satz, Wort für Wort, aber die Rede war mehr für das Ausland bestimmt, als für das deutsche Volk, das durch die Angelegenheit doch im Innersten erschüttert wurde. Es ist der alte Fehler unserer Regierung, in allem immer mehr auf die Wirkung im Auslande zu sehen, als aus die Wirkung im Lande selbst. Wenn je, so wäre es hier nötig gewesen, Beruhigung im Innern zu schaffen. Das Ausland hätte dann schon von selbst die Ueberzeugung gewonnen, daß man in unseren leitenden Kreisen mit wirklichem Ernste bestrebt sein will, Fehler wieder gut zu machen. So aber hat man mir Worte, nichts als Worte und Versprechungen, und an beiden hat es in den letzten Jahrzehnten der deutschen Politik doch wahrlich nicht gefehlt.
Daß Bülow bestrebt war, die Wirkung der Veröffentlichung im „Daily Telegraph" abzuschwächen, war natürlich. Er stellte einiges richtig, luie die Mitteilung über den Feldzugsplan und das zweideutige Verhalten gegen die Buren. Der Reichskanzler hob dann hervor, daß die Mitteilungen im übrigen nichts unbekanntes und neues gebracht hätten und daß die diplomatische Geschichte aller Völker reich an Jndistretionen sei. Synipathischcr berührte allein das Zugeständnis, daß die englische Veröffentlichung in verschiedenen Punkten zu stark int Ausdrucke gewesen sei. In einem anderen Punkte nahm Bülow direkt eine Korrektur der kaiserlichen Aeußernngcn vor und erklärte es offen, daß das deutsche Volk auf der Basis gegenseitiger Achtung friedliche und freundliche Beziehungen zum englischen Volke wolle. Der Wiser hatte nach dem „Daily Telegraph" bekanntlich das Gegenteil behauptet. Man hätte erwarten können, daß Bülow nun eine Erklärung dafür geben werde, wie der Kaiser zu einer so falschen Auffassung von der Stimmung des deutschen Volkes gegen England gekommen sei, aber Bülow ging über diese Frage einfach hinweg. Hängt die schlechte Information des Kaisers auch mit der fehlerhaften Maschinerie des Auswärtigen Amtes zusammen? Im deutschen Volke hätte man, wie gesagt, wohl gern etwas hierüber erfahren und auch darüber, was der Reichskanzler zu tun gedenkt, um solche Maschinendefekte zu beseitigen. Wir müssen es ihm nun einfach glauben, daß solche Fehler nicht wieder vorkommen werden; — Worte und Versprechungen.
Bülow gibt seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß der Kaiser sich nach den Erfahrungen dieser schweren Tage auch im Privatgefpräche Zurückhaltung auferlegen werde, die für eine einheitliche Politik und für die Autorität der Krone unerläßlich sind. Hoffnungc^i, die schon fo und so oft getäuscht wurden.
Fürst Bülow hatte recht, als er zum Schlüsse ermahnte, keine Kleinmütigkeit vor dem Auslande zu zeigen. Ter Schaden sei ja nicht so groß, daß er nicht durch Stetigkeit wieder gut gemacht werden könnte. Gewiß, aber welche Bürgschaften hat er hierfür, für die größere Stetigkeit der weiteren deutschen Politik gegeben? Keine, und darum befriedigt die Erklärung des Reichskanzlers nicht, und darum bedürfen wir noch ganz anderer Versprechungen, als er sie unS am Dienstag gegeben hat.
Auch die Reichslagsverl-andlungen am Mittwoch haben die erhofften Bürgschaften nicht gebracht. Ein schallendes
Gelächter begleitete den Schluß der großen, erregten Debatte, und so endete die große Aktion, von der im deutschen Volke so viel erwartet wurde. E. A.
Aeußeruugen der Presse.
Die „Köln. Zig/ zweifelt an dem guten Glauben des Kanzlers nicht, daß in Zukunft keine ähnlichen Fehler mehr vorkommen, „aber”, fo schreibt das Blatt weiter, „man wird nicht umhin können, sich der Vergangenheit zu erinnern. Sticht zum ersten Riale ist die Frage der persönlichen Politik des Kaisers auf der Tribüne deS Reichstages erörtert worden, und nicht zum ersten Male hat der Kanzler erklärt, seinen Einfluß dahin gelteud machen zu wollen, daß der Kaiser sich in seinen persönliche:, Kundgebungen und Aeußerungen gröberer Vorsicht befleißigen wolle. Auf diese Versicherung hatte man Hoffnungen gesetzt, die sich nicht erfüllt haben, und gerade hierauf ist es zurückzustihren, daß man sich jetzt an vielen Stellen mit Zusicherungen nicht begnügen will, sondern Bürgschaften in Gestalt besonderer Einrichtungen sucht. Vielleicht wird schon die heutige Sitzung ergeben, ob und wie weit der Reichstag gewillt ist, den Erwartungen, die man in dieser Beziehung an seine Beratungen geknüpft hat, entgegenznkommen.
Die Vossische Zeitung fragt: „Fürst Bülow jucht also die Bedeutung der Aeußerungen, die dem Kaiser in den Mund gelegt wurden, erl-eblich abzuschwächen. Tut er das mit Recht, worüber man im Fortgang der Debatte noch Aufklärung erwarten muß, so kann nur lebhaft bedauert werden, daß dieser Sachverhalt, war einmal die Veröffentlichung nicht verhindert worden, nicht alsbald zur allgemeinen Kenntnis gebracht wurde. Weshalb ist das versäumt worden? Weshalb wurde der Bericht des „Daily Telegraph" ohne Verwahrung, ohne Vorbehalt verbreitet? Weshalb wurdo in der „Nordd. Allg. Ztg." später mitgeteilt, dasl Auswärtige Amt habe gegen das Manuskript keine Bedenken erhoben, ohne daß hiuzugesügt wurde, der Inhalt sei in einzelnen Teilen falsch, mißverstanden oder übertrieben? Man wird auf diese Fragen eine Antwort erwarten müssen."
Der Berl. Börs.-Eour. schreibt über die Erklärung Bülows: „Eine solche Erklärung des deutschen Reichskanzlers ist natürlich nur möglich, wenn sie in vollem Einverständnis mit dem Kaiser geschieht. Aber auch dann erscheint sie, wenn auch in präziserer Form, nur als eine Wiederholung früherer Erklärungen desselben Sinns, erweitert auf die Privatgespräche des Kaisers. Die größeren Garantien, die die Redner aller Parteien gefordert, enthaft sie nicht. Und damit ist ihre Unzulänglichkeit cl-arakterisiert."
Die Franks. Ztg. hält die Erklärung nicht für genügend: „Es war nur eine Entschuldigung, nicht aber eine Verteidigung des Kaisers, und was er im einzelnen sachlich vorbrachte, war eigentlich eine Korrektur der kaiserlichen Aeußerungen, daraus ergibt sich nun als übereinstimmender Wille von Reichstag und Kanzler die Zurückweisung jedes aggressiven Flottenzwecks und der Wunsch nach guten Beziehungen zu bei: anderen Mächten. Soviel über die Wirkung nach außen. Für die innere Entwickelung aber liegt die Hauptbedeutung in der vom Reichskanzler feierlich ausgesprochenen Ueberzeugung, daß diese ernsten Dinge den Kaiser dahin führen würden, sicl) in Privatgesprächen diejenige Zurückhaltung auszuerlegen, die für die Leitung der auswärtigen Politik und die Autorität der Krone erforderlich fei; sonst, so fügte Fürst Bülow hinzu, könne weder er noch >' n Nachfolger in seinem Amt die Verantwortung tragen. Der Kanzler würde, wie wir an- nehmeu, diese Erklärung nicht abgegeben haben, wenn ihm nicht entsprechende Versickerungen gemacht wurden, unb daher kann man in seiner Ausführung wohl das offizielle Zugeständnis auch des Kaisers erblicken, daß die gebotene Zurückhaltung nicht beobachtet worden ist, und das Versprechen, sie sich in Zukunft aufzuerlegen. Auf diese Zusagen wird sich in Zukunst der Reichstag jederzeit berufen körnten und müssen, und da der Reichskanzler dem Parlament gegenüber verantwortlich ist, wird sich daraus von selbst das Verlangen ergeben, daß das private Verhalten des Kaisers in polstischen Dingen jederzeit front Lieichskanzler vertretbar sein muß.
Tarin liegt wohl die Hauptbedeutung dieses parlamentarischen Vorgangs, der fron verfassungsgeschichtlicher Bedeutung fein kann, wenn nun auch wirklich die richtigen Lehren gezogen werden. Sind nun aber mit dieser Erklärung in der Tat ausreichende Garantien für die Zukunft gegeben? Genügt überhaupt der persönlicheAus-
druck der Ueberzeugung, bekräftigt durch die Versicherung, daß andernfalls der jetzige Reichskanzler und auch fein späterer die Verantwortung tragen könne? Hier beginnt sofort der Zweifel, und hierin liegt das Unzureichende der Bülowsckjen Erklärung."
Sehr resigniert äußert sich der Hamb. Corr. : „Fürst Bülow hat sich, indem er den Kaiser schützte, nicht gegen das deutsche Volk gestellt. Aus seinen Worten haben wir herausgehört, daß er alle Sorgen und Besü)werden, die in der letzten Woche so lebhaft ausgesprochen wurden, nicht nur versteht, sondern auch mitempsindet. Er hat zwar nicht das große Wort gesprochen, in Dem eine Verurteilung des persönlichen Regimes läge. Aber wir können jetzt nicht daran zweifeln, daß et über die Pflicht der Zurückhaltung ebenso denkt wie ganz Deutschland. Und iroch Eines hat er uns gegeben. Wir verzweifelten am Kaiser, sahen in den letzten Tagen nur die Schattenseiten seines komplizierten Charakters. Fürst Bülow hat, unbeirrt durch Anklagen und Zweifel, wieder von den heißen Wünschen des Kaisers gesprochen, der unsere Widersacher zu unseren Freunden machen, der die Reinheit seiner Absichten durch politisch bedenkliche Aufrichtigkeiten! beweisen möchte. Daß der Kaiser diesem Ziele künftig mit anderen Mitteln zustreben wird, hat der Kanzler so deutlich, wie es ilM seine Stellung erlaubt, in Aussicht gestellt. Hier hat er allerdings nur eine Hoffnung gegeben, wo Gewißheiten gefordert wurden. Aber wir müssen uns an die Hoffnung halten. Wenn wir überzeugt sein können, daß der Kaiser dem Bericht über die gestrige: Verhandlung nicht nur eine flüchtige Stund? leiht, sondern sich mit ihm, zumal mit den offiziellen Erklärungen der Parteien, ebenso intensiv beschäftigt, wie sonst mit seinen Liebhabereien, so ist etwas gewonnen. Es ist nicht Alles, ist vielleicht nicht viel. Aber es ist etwas. Auf ein Mehr war für jetzt nicht zu rechnen."
Sehr pessimistisch urteilt das Berl. Tgbl. : „Der Herr Reichskanzler hat in der vorsichtigen, aber doch von einer bemerkenswerten Resignation durchwehten Verteidigungsrede, die er gestern hielt, die Hoffnung ausgesprochen, der Kaiser werde sich künftig auck) in privaten Kundgebungen diejenige Zurückhaltung auferlegen, die für die Politik, aber vor allem auch für die Autorität der Krone unerläßlich sei. Die Superlative von Manzell zeigen, daß die Hoffnungen des Reichskanzlers doch nur auf recht schwachen Füßen ruhen. Sie sind ein neuer Beweis, daß der Kaiser, wie in politischen Dingen und wie in seinen Anschauungen über die Kunst, so auch in seiner Wertung der geistigen Kräfte innerhalb seines Volkes seine persönlichen Meinungen mit absolutistischer und apodiktischer Bestimmtheit nach wie vor als ein Axiom hinstellt, das für das Land und für die Welt allein maßgebend sein soll. Und daß solche Rede gerade in folcber Stunde gehalten werden konnte, ist ein immerhin beachtenswertes Zusammentreffen."
Von ausländischen Zeitungen beginnt in feinem Leitartikel über die Debatten im deutschen Reichstage der „Daily Telegraph* die Erklärung Bülows, daß Deutschland in Frieden und Freundschaft mit England zu leben wünsche. Bringe man diese Erklärung Bülows mit den wohlerwogenen Ausführungen Asquiths in seiner Guild Hall-Rede zujammen, so werde es kaum jemand geben, so meint das Blatt, der nicht zuversichtlich glaube, daß die Dünste der Verdächtigungen und des Mißtrauens, die so dicht roie'Nooember-Rebel aufsteigen, sich zerstreuen können. Daß Deutschland von den Verhandlungen im Reichstage auch nur annähernd konstitutionelle Verhältnisse, wie in England, zu erwarten habe, glaubt der „Daily Telegraph- nicht. Doch wäre immerhin ein Schritt vorwärts getan, wenn eine tatsächliche, ministerielle Verantwortlichkeit für die Aeußerungen des Kaisers eintrete. Viele andere Blätter wollen sich einstweilen über die, wie sie sagen, eigentlich interne deutsche Angelegenheit nicht aussprechen und, rote die „Time s°, romten, bis sich alles beruhigt hat, um die internationale Bedeutung der deutschen Politik zu erörtern.
Die Haltung Bülows in der Reichstagsdebatte wird in Wiener politischen Kreisen so ausgesaßt, daß er der Zwischenfälle in der Art des letzten überdrüssig ist imb sich am liebsten ehestens zurück- zieheu möchte, um zu seinem Genuß ohne allen Aerger leben zu können. Man hält and) die Sache noch nicht hlr abgeschlossen und ist überzeugt, daß die latente Krise in Deutschland iort- dauert. Man faßt auch schon Die Person seines Nachfolgers ins Auge.
Von französischen Blättern meint der „Temps", e§ sei gerade für die iranzösi'che Presse eine delikate Aufgabe, über diese innere
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vad-Nauheinier Briese, x
Die für dieses Jahr 511m ersten Mak verlängerte Kurzeit kam unter der Gunst der schönen Herbstwitterung zur vollsten Blüte, yhub am letzten Tage, am Sonntag den 11. Oktober, als die Gießener 116er konzertierten, war die Terrasse so belebt, wie nur an irgend einem Tage der eigentlichen Saison. Wir dürfen danach wohl hoffen, daß die amtliche Kürzeit demnächst dauernd seck)s Monate beträgt, was für unsere hiesige Geschäftswelt in mehr wie einer Beziehung eine Festigung ihrer Position in dem nicht immer leichten Kampf tuns Dasein bedeuten würde. Von den Veranstaltungen im Kürjaal macksten am meisten die Pepi Weiß-Abende von sich reden. Die Grenzen eine? feineren An- standsgesühls wurden bei ihnen aber mehrfach überschritten. Und auch wer dem Humor recht weitgehende Zugeständniise macht, konnte es nur mit Freude begrüßen, daß das Publikum, selbst zuletzt gegen die Zumutungen an sein Schamgefühl protestierte. Der Experiinentalvortrag des Herrn Jgnot über hypnotiickie Er- febeinungen war jedenfalls eher wert, daß man ihm einen Abend widmete.
Nach Schluß der Saison hat sofort die Arbeit an der großartig geplanten Badehausanlage bei den Sprudeln wieder euu= gesetzt. Für die Fassung der Sprudel selbst schlug die Frankfurter Zeitung kürzlich ein Wettausschreiben vor. In der -tat wäre die Ausgabe das wohl wert, und würde dem Vorgehen anderer Badeorte zu ähnlichen Zwecken entsprechen. Ein jo wunderbares Naturgeschenk wie unsere Sprudel, verdient wohl die Ehrung auch von Seiten der itunft Die innere EiurichNing der neuen Badehauser ist auch bei aller Behaglichkeit äußerst fein. Die Krone aller dieser Einrichtungen werden ja die in der Landesausstellung schon zur Schau gestellten Fürstenbiider bilden. Der Brunnen des Dortigen Ehrenhofes freilich dürfte sehr Sache subjektiven Geschmackes fein. Man muß bei feinem Anblick an Lessings Laokoon denken: es ist etwas recht verschiedenes, ob ein Dichter von den Brüsten der Natur spricht, Denen das holende Wasser entströmt, oder ob der Bildhauer das plastisch darzustellen versucht. _ „ m ,
Au das Ende der Kur schloß sich wie gewöhnlich die Kirch- weihe, die gerade zu diesem Termin bei dem srischgefüllten Geldbeutel unserer Bürger und ihrem Bedürfnis nach Ausspannung die besten Geschäfte macht. Das Automobilkarussell und Die Zeppelinbroschen zeigen, daß auch im Jux der Fortschritt der Zeiten sich spiegelt. Ob jreilich von dem vielen Gelbe, das die Kirmeßleute aus Nauheim sorttragen, nicht manches geschefter für bessere Zwecke am Ort bliebe, ist eine Frage für sich. .
Aus unierm Vereinsleben ist heroorzuheben, daß noch un
September die hiesige Ortsgruppe des Oberhessischen Obstbauvereins eine vorzüglich gelungene Ausstellung veranstaltete, die schon für daö vorige Jahr geplant, aber durch die damalige schlechte Ernte vereitelt war. Freilich gab es etwas Tantalusqualen auszustehen, bei dem appetitlichen Anblick all der schönen Frückste, unter Denen die in dem bekannten Weckschen Apparat eingemachten mit Der frisch gebrochenen an Reiz wetteiferten. Tie in der Turnhalle veranstaltete Ausstellung von Topfgewächsen, die wieder während des Sommers an Schulkinder zum Wettbewerb in der Pflege ausgeteilt waren, zeigte gegen voriges Jahr erfreuliche Fortschritte, so daß sich hoffen läßt, das äußere Aussehen nuferes Badeortes werde einmal aus diesen Veranstaltungen Gewinn ziehen.
Der Bildungsverein ist bereits wieder mit seiner ersten Aufführung durch das Rhein-Mainische Verbandstheater auf dem Kampfplatz der Wintersaison aufgetreten. Es war „Der Geizige" von Molißre, der ein volles Haus vorfand, und hoffentlich dadurch als gutes Vorzeichen für die acht übrigen noch beabsichtigten Vorstellungen des Winters Darf. Der Vortragsverein hat einstweilen nur erst feinen Schlachtplan bekannt gegeben, Der auch wieder viel Schönes verspricht. Vor allem würde es gewiß mit Freude begrüßt werden, wenn es wirklich gelänge, Enka Wedekind einmal hierher zu bekommen. Der fricDIidje Wettbewerb der beiden Vereine wird also auch dieses Jahr jedenfalls für eine im besten Sinne geistig bewegte Winter^cit sorgen.
Geistesleben und Bildungsfragen beschäftigte auch die Ende September bei uns tagende Dekanatssynode, au; der Professor Sckwll vom Predigerseminar in Friedberg über Den dortigen Lesestoff einen interessanten Vortrag hielt, während der jetzt von uns geschiedene Pfarrer Knodt alles Interesse der Versammlung für den Kampf gegen den Alkohol zu gewinnen suchte.
9£od) vor den Herbstferien sanden die Neuwahlen für unser Stadtparlarneut statt. Leider vollzog sich die Vorarbeit für diese Wahlen bei uns noch ganz und gar unter Ausschluß der Oesfent- lichkeit, im Älkol-oldunst unb Tabaksqualm der Wirtschaften. Gründe, mit Denen da gearbeitet roirD, entsprccl)en leibet nur allzuoft dieser Atmosphäre. Mancher besonders eifrige und nicht sehr lichtfreundliche Kommunalpolitiker zieht dann wohl von einer Kneipe zur andern, um mit feinen nicht immer auf der Gold- wage geprüften Argumenten gegen die ihm mißliebigen Kandidaten zu wühlen. In dieses Kapitel gehört es leider auch, daß zur Zeil der Stadlratswahlen in den Wirtschaften eine merkwürdige Freigebigkeit sich äußert, und man munkelt, daß manchem durch- gejaUenen Kandidaten das schmerzlichste an seinem Durchfall das umsonst ausgegebene Geld sei. Der Freisinnige Verein hat sich schon mit diesen, traurigen Mißständen beschäftigt unb wird
wohl im nächsten Jahre durchsetzen, daß die Wahlarbeit mehr in das volle Licht der Oeffentlichkeit, in Versammlungen und sachliche Diskussionen verlegt werde. Wie nötig das ist, sagt wohl die Erinnerung an die hohen Anforderungen, die gerade an die Kommunalverwaltung eines Badeortes gestellt werden müssen. Als wichtigstes Projekt liegt zurzeit die schwierige Klärbeckenfrage vor. Nicht ohne Vorteil für unsere Stadt dürsten die neuen Bahnverbindungen werden, die aus bet einen Seite das Wettertal, auf der anderen das Usatal verkehrspolitisch an uns angliedern. Für die letztere Linie wird schon die Strecke bis Mörlen gesteckt.
In unseren Nackcharorten tobte der Kampf um bic J3anbtag§* wählen recht heftig, unb wenn wir selbst auch äußerlich als eine Insel des Friedens dazwischenlagen, weil bei uns keine Neuwahl stattfand, so ist es doch wohl begreiflich, daß wir das lebhafteste Interesse an Der Wahlrechtsfrage nahmen. Im Winter werden auch unsere politischen Vereine wieder mit mehreren Vorträgen sich an das politische Naclchenken wenden. Zurzeit sind unsere Frauen in der Politik tätiger als die Männer. Der hiesige Verein für Frauenstimmrecht veranstaltete einen Abend, in dem Rechtsanwalt Dr. Brücher über die Frauen unb das Bürgerliche Gesetzbuch sprach. * Dr. Strecker.
— Sardous Beerdigung fand gestern unter großer Beteiligung in Paris statt. Mehrere Minister, darunter Clemenceau, wohnten dem Begräbnis bei. Präsident F a l l i ö r e s hatte sich entschuldigen lassen. Minister D 0 u m e r hielt die Trauerrede, worin er der Tugenden des Verstorbenen gedachte. Nach ihm nahmen der Direktor der französischen Akademie V a n d a l und der Schriftsteller Paul Hervien das Wort. Vier Bataillone Infanterie, zwei Schwadronen Kürassiere unb zwei Batterien Artillerie erwiesen dem Verstorbenen, der den Großkordon der Ehrenlegion besaß, die letzte Ehre.
— D i e Schillerpreise. Tie Verleihung des Stacfts- Schillerpreiscs an Ernst Hardt und Kail Schönherr, die wir bereits am 6. D. 'Dl. gemeldet haben, roiib m der gestrigen Ausgabe Des „Reichsanzelgers" ailch amtlich bekannt gegeben. Ter Preis besteht danach in „zweitausend Talent gleich sechstausend achthundert Mark, nebst einer goldenen Denkmünze im Werte von einhundert Talern Gold". Ernst Hardt hat, ro*.e wir ebenfalls mit- geteilt haben, neben der einen Hälfte des staa11ichen Schiller- Preises, der vom Kaiser verliehen wird, auch ben Volks- Lchillerpreis erhalten, den die deutschen Goethebnnde seinerzeit als volkstümliches Gegenstück zum CtaatSpreis begründet haben. Vor drei Jahren, als der Volks-Lchillerpreis zum ersten 'JJlal verliehen


