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12.6.1908 Zweites Blatt
 
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Freitag 12. Juni 1908

158. Jahrgang

Zweites Blatt

Nr. 136

Gießener Anzeiger

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag-,

Gemral-Anreiger für GberWen

DieSietzener Lamiliendlätter- werden dem /Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das Kretsblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit- frageu" erscheinen monatlich zweimal.

Rotationsdruck und Verlag der Drühl'schen Universität - Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

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Redaktion: 11^. Tel.»Adr.:AnzeigerGießen«

Aus Stadt und Land.

Gießen, 12. Juni 1908.

Die hessische Wahlrechtsreform.

In einer am Donnerstag nachmittag abgehaltenen gc- meinsamen Sitzung der Gesetzgebungs - Ausschüsse beider Standekammern, an der Staatsmunster Ewald, Geh. Staatsrat Krug v. Nidda und Ministerialrat Lorbacher teilnvhmen, würbe noch einmal über die Wahlrechts- Vorlage Beratung gepflogen. Der Ausschuß der Zweiten Kammer hatte dem anderen Ausschuß aus dessen Wünsche bezüglich der Abänderung der Art. 67 und 75 der Verfassung it. a. den Gegenvorschlag gemacht, bei der Durchstimmung beider Kammern eine Dreifünftel-Mehrheit festzusetzen. Der Ausschuß der Ersten Kammer erklärte jedoch in der heu­tigen Beratung diesen Prozentsatz für unannehmbar und ver­langte die Festsetzung einer Zweidrittel-Mehrheit. Diese Forderung wurde vom Ausschuß der Zweiten Kammer in bestimmter Weise abgelchnt, weil er darin eine ungerecht­fertigte Preisgabe eines wichtigen VolkSrcchts erblickt. Da die beiden Ausschüsse nicht vollzählig vertreten waren von dem der Zweiten Kammer fehlte Abg. Dr. Glässing, von dem der Ersten Kammer waren nur der Fürst von Leitungen, Graf Stolberg-Roßla, Präs. Lippold und Geh. Rat Prof. Dr. Schinidt zugegen und Staatsminister Ewald in der Sitzung daran erinnerte, daß die Regierung nur dann dem nächsten Landtag eine neue Wahlrechts-Vorlage machen könne, wenn sich die beiden Ständekammern noch in der gegenwärtigen Tagung zu einer Verständigung über diese grundlegende Frage zusammenfänden, so kain man dahin überein, daß die Präsidenten beider Ausschüsse bei Gelegenheit der Kanunertagung in der nächsten Woche noch einmal über die weiter zu unternehmenden Schritte sich be- sprechen sollen. Tie Beratung dauerte von 4 bis nach 7 Uhr. Der Gesetzgebungs-Ausschuß der Ersten Kammer hielt auch heute vormittag in Gegenwart der Rcgierungsvertreter eine Beratung ab und genehmigte darin das auch von der Zweiten Kannner akzeptierte Gesetz über die Abänderung der Wohnungsfürsorge für Minderbemittelte, sowie eine An­zahl anderer Vorlagen und Anträge.

** Ordensverleihung. S. K. H. der Groß- Herzog haben dem Telegraphensekretär Dan. Amend in Offenbach das Ritterkreuz 2. Klasse des Verdien,lordens Philipps des Großmütigen und dem signalistcn der fceiw. Feuerwehr zu Ofsenback a. M. Phil. Jak. Mehl aus Anlatz seiner 50 jährigen Zugehörigkeit zu der genannten rZ-euerwehr das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift ,,Mr Ver­dienste" am Bande des Verdienstordens Philipps des Grotz- mütigen verliehen.

» Das nächste Schwurgericht wird nur über zwei Sachen zu befinden haben. Montag, 15. Juni, vormittags 91/ Uhr wird gegen den Haltcstellenanfseher Karl Roth von Steinheim wegen Verbrechens im Amte verbandelt.

politische Lagesschnu.

Prinz Ernst August von Cumberland.

In dem Eintritt des Prinzen Ernst Slugust, des zweiten SohneS des Herzogs von Cumberland, in das deutsche Heer sieht der Hannoversche Kourier einen Schritt von poli­tischer Tragweite:. . . Möglich, daß dabei Rücksichten auf Braunschweig mitspielen. Prinz Ernst August ist derjenige Enkel weiland König Georgs, auf dessen beiden Augen die Zukunft des hannoverschen Hauses beruht. Er hat sich be­reits im Oktober 1906 bereit erklärt, den vom Bundesrat ver­langten ausdrücklichen Verzicht auf Hannover auszusprechen, und die Gründe, die ihn von dein braunschivcigigen Herzogs­thron ausschließen, liegen somit nicht in seiner Person, sondern in der Stellung des Vaters und Bruders, die sich dieseni Verzicht nicht beigcsellcn zu können glaubten. Das sind aber Hindernisgründe, die nach den Voraussetzungen unserer Mensch-- lichkeit über kurz oder lang wegsallen werden, und so will wohl der Prinz, der ja erst 21 Jahre zählt, setzt schon ec- weisen, daß er nicht uwcrt sei, deutscher Bundcsfürst zu werden. Wenn er den welsischen Traditionen zuwider, die eher auf das sächsische verwiesen hätte, dasjenige Kontingent im Reichshecr wählt, das die lockersten Bande des Treueides an den Kaiser fesseln, so will das nicht viel heißen. Denn es ist ein lieber- gang, und der Geist im bayerischen Offizierkorps läßt an deutschpatriotischem Schwung ebenso wenig zu wünschen übrig wie im preußischen. Ucberdics enthält auch der bayerische Fahneneid das Zusatzgelöbnis des Gehorsams gegen die Be­fehle des Königs von Preußen als des Bundesfeldherrn im Kriege. Im Jahre 1870 trat schon einmal ein anderer Prätendent in bayerischen Dienst, um im französischen Kriege deutsche Gesinnung zeigen zu können, ohne preußische Uniform tragen zu müssen. Es war der Herzog von Augustenburg, und seine Tochter ist heute die Königin von Preußen/

Erziehung der Jugend widmen.

Hierauf nahm das Wort der Vorsitzende Proi. D. Haruacc, um die Ziele des evangelisch-sozialen Kongresses näher zu beleuchten. ES sei dies noliveudig, da eS vorgekoinmen sei, daß bei Anfragen, ob man den Kongreß in einem bestimmten Orte abhalten könne, die Antwort gelautet habe:Sozialisten wollen wir nicht!" ES sei nicht zu leugnen, daß in dem Wortsozial" 'etwas flecke, ^o^tnl bedeutet Gleichheit, nämlich, daß alle mit der gleichen Gerechtigkeit behandelt werden, und daß bei" Gedanke der Gleichheit für den Benis und in der Gesinnung sich immer mehr oert:eit. Aber andererseits bedeutetsozial" auch, daß jeder seine Fähigkeit so aus- bilben kann, wie er dem Ganzen am besten dienen kann. ~as aber keine Gleichheit mehr, sondern ein Einstigen in viel­gestaltigen Organismus. Tie auSgleichenbe Gerechtigkeit muß noch ganz andere Fortschritte machen. (Beifall.)

Der folgende Redner, Reichstagsabg. Friedrich Raumann, erinnerte an das Wirken Basedows in Anhalt, an Pestalozzi und Fichte. Was die beiden Redner heute abend ausgeinhrl hatten, sei vielfach aiügebaut auf dem Enthusiasmus dieser £ben genannten großen Männer. Mit dem Wunsche, baß die -reiliiehmer der Tagung gerade jetzt in der Psingstzeil etwas von dieicm lebeiidigen Quell fpüreii mögen, schloß der Rediter. (Lebhafter Beifall.-

Mit Musitvorträgen fand Hann die Begrutzungs-Bersammlung

Paros' D. Harnack «Berlin) eröffnete als Vorsitzender die Tagung mit einer kurzen Ansprache, die mit einem Hoch aus oen Kaiser und den Herzog schloß. , ...

Dann hielt Prost Dr. D e i ß m a n n (Berlin) einen Vortrag über. Das U r ch r t ft e n 111 m und die unteren Sch 1 ch t e n.

In der Nachmittagssitzung sprach Prof. Dr. Ernst Francke (Berlin) über die gemein n u tj ige N e ch t ß ausku in t. An den Vortrag schloß sich eine längere Aussprache an. Proiesf^ Wagner wandle sich dann gegen die Unentgeltlichkeit der Sius, künste im weitesten Sinne. Alan wolle in Deutschland alles un° entgeltlich haben, aber Steuern 'volle man auch nicht zahlen. Man könne deshalb die Unentgeltlichkeit mir bis zueuier Uvissen Steuer­grenze gewähren. Die Wohlhabenden, welche die Auskunslvstellen benutzten, müssen auch eine gewisse Entschädigung zahlen. 3

Nach weiterer Diskussion, in der den Ausführungen de» tenten im wesentlichen zugestimmt wurde, wurden die -oerhaud- lungen aus Donnerstag vertagt.

Avgemeiner deutscher Lrziehungstag.

S. u. H. <B3 e t m a r, 10. Juni 1908.

Im großen Saale trat gestern unter zahlreicher Beteiligung von Freunden einer neuen deutschen Erziehung der allgemeine deutsche Erziehuiigstag zusammen.

Geh. Hofrat Prost Dr. Oswald sprach über: Energie und Erziehung. Er führte etwa aus: Auf der Welt gibt es eine gewisse begrenzte Energiemenge, die also nicht vermehrbar ist. Jeder Mensch, auch das Kmd, ist eine Maschine. Das Kind bringt in die Schule einen gewissen begrenzten Energievorrat mit. Jede Verschleuderung dieses Gutes ist unersetzbar und bedeutet eine Schädigung des jungen Organismus. Wenn das Kind die Hülste seiner Energie nut unützer Arbeit vertun muß, so bleibt ihm nur die Hälfte zu nützlicher Arbeit übrig. Tas Lernen von, Ge­sa ii g b u ch v e rs e n u n d S p r ü d) c n i st also l e i n e F ö r d e- ritng des jungen Organismus. Diese M e t h 0 d e i st e in Energie rau b. Mit dem Spiel ist es etwas anderes. Es ist eine Ergänzung der übrigen Tätigkeit, eine notwendige Er­gänzung des Unterrichts. Tas Ideal ivare ja, wenn das Spiel zum Unterricht würde, oder der Unterricht zum Spiel. Es ist be­kannt, daß man eme Sache umso erfolgreicher macht, je lieber man sie anfaßt. Es wird manchmal gesagt, daß jene Menschen be­sonders tüchtiges leisten, die sich auS niedrigen Verhältnissen empor" gearbeitet haben. Es ist manchmal bewundernswert, was |ie schaffen, aber ein dauernder Energieverlust am ganzen Organismus ist unvermeidlich. Sie hätten Führer der Wissenschaft werden können, sind aber infolgedessen nur äußerst tüchtige Menschen ge­worden. Ich habe die Biographieen großer Forscherzusammengestellt und gesunden, daßauS den sogen, höchsten Kreisen so gut wie niemals wissenschaftliche Menschen erstanden sind. Tre Führer der Menschheit stammen aus der nächsten Schicht, den Gebildeten, während ail§ den unteren Klassen, die schwer um ihr Dasein ringen, nur wenige führende Persönlichkeiten stammen. TaS ist ein Beivets dafür, ivelche Bedeutung die sachgemäße Pflege deL werdenden Intellekts in der frühesten Jugend hat. ES ist die wich­tigste und dringendste Kulturausgabe, die Energie immer mehr aus- zunutzeii. Die Statur verschwendet ebenso wie der Mensch die Energie auf das gröblichste. Energievergeudung ist aber eine Sünde wider den heiligen Geist, die niemals mehr wieder gutgemacht werden kann, es ist deshalb unsere heilige Pflicht, in dieser, Be­ziehung so sparsam wie möglich zu sein. Jeder weiß, wie groß der ForjchungStrieb eines normalen Kindes ist, eS handelt sich nun da­rum, diesen Fond von gegebener freier Energie, Wissensdurst genannt, in solche Wege zu weisen, daß der Nutzungswert so groß wie mög­lich ist. Wie trostlos ist es, daß Kinder einer gewissen Gesellschafts- schicht gewisser sozialer Kreise von vornherein für einen bestimmten Beruf auserwählt werden, als ob es em Unglück fei, wenn sie aus den Kreisen ihrer Eltern herauStreten. In Amerika ist es ganz anders. Dort ist es keine Schande, wenn einer ehrlich strebend sich in verschiedenen Berufen versucht, bis er schließlich den rich­tigen gesunden hat. Zivei Seelen wohnen in unserer Brust, eine konservative und eine fortschrittliche. Ter fortschrittlichen verdanken wir die größten Entdeckungen. Die großen Gedanken sind ftets m den zwanziger Jahren des Menschen gefunden worden. Wir zwingen unsre Kinder viel zu lange, still zu sitzen, wenn sie schon lange frei fein sollten. Freie Menschen werden auch glücklich sein «er Beifall). Rach einer längeren Pause sprach TireUor bst (Leipzig) über technische Arbeit als Erziehungsmittel. In der Diskussion kamen Prof. Dr. Gurlitt und Pros. Dr. Heine (Saalfeld) zum Wort, die die Mängel unseres heutigen Erziehnngs- syslems rügten. Darauf wurde der erste Verhandlungstag ge­schlossen. __

Die Anklage vertritt Staatsanwalt Neuß; die Verteidigung wird von Rechtsanwalt Spohr geführt, unb Dienstag, 16. Juni, vormittags 9 Uhr, gegen den Maurergesellen Heinrich Birken stock von Obcr-Glecn wegen Körper- vccletzttng mit tötlichem Erfolg. Anklagevertreter ist Staats­anwalt Dr. Brill und Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Stahl.

Feldlrergfest. Am nächsten Sonntag, 14. Juni, findet auf dem großen Feldberg wieder das altberühmte Feldbcrgfest statt. Es ist dies das 55. der Mitte der 1840er Jahre gegründeten Turnfeste. Unfern Lesern, die gern Zeiige eines echten volkstümlichen Tiirnfestcs fein wollen, sei dieses Fest bestens empfohlen. Der Feldberg ist von Cronberg in 2, Niedernhausen und Idstein in 3 Stunden zu erreichen. Nach Besichtigung der turnerischen Wettkäinpfe lassen sich noch schöne Wanderungen in den Taunus ans- führen. DaS Turnen findet im Hochsprung, Weithoch­sprung, Kugelstoßen und 100 Meter-Lauf statt und beginnt mit allgemeinen Freiübungen früh 61), Uhr; nachmittags 1 Uhr singen die GesangSriegen, von 2 Uhr ab finden Turn- pirle statt.

-c. Büdingen, 10. Juni. Gestern und Ijcute feierte >er hiesige Schützenverein sein Iah res fest, ver­bunden mit großem Preisschießen. Ein hübscher Festzug eröffnete morgens um 9 Uhr die Feier. Unter Vorantritt der Hanauer Ulanenkapelle zogen die Schützen in langen Reihen, die Hüte mit Grün geschmückt, durch Stadt und Schloßhof der FcsiiviefeAm Hammer" $u. Krackende Büchsen und lustige Tanzweisen brachten hier bald Leben und Bewegung in die Schützenreihen. Am. Nachmittage trafen die jugendlichen Fürstinnen zu Isenburg-Büdingen mit ihren hohen Gästen auf dem Festplatze ein und ver­weilten dort bis gegen Abend. Heute vormittag litt der Besuch etwas unter dem Regen; desto gehobener ist die Stimmung jetzt am Nachmittage, wo der Himmel gnädiger dreinschattt. Gegen Abend wird die Preisverteiltmg er­folgen. Für den im Hochsommer hier ftattfinbenben Gesangswettstreit sind jchon viele schöne Preise gc stiftet- und gegenwärtig im Fenster des Herrn Heinrich Schwarz ausgestellt.

Lißberg, 11. Juni. Heute fand hier die Heu- graSversteigerung der fiskalischen Wiesen statt. Gegen frühere Jahre waren bedeutend weniger Steigerer er­schienen, waS wohl seinen Grund in den reichlichen Vorräten von vorigem Jahre findet. Die Wiesen im Tal sind 1111 Bestand des FuttcrS noch etwas im Rückstand, da Kälte und Nässe dem Wachstum des Grases nicht förderlich gewesen, während an den Bergabhängen das Futter lang und dicht anzutreffen war. Die Preise waren nicht hoch. 2500 O.uadcat- ineter kosteten im Durchschnitt 1415 Mk.; in anderen

Evangelisch-sozialer Kongreß.

S. u. H. Dessau, 10. Juni.

Evangelischen VereinShause wurde gestern die 19. Tagung be6 Evangelisch-sozialen Kongresses mit einem Bcgrüßungsabend eingeleitet.

Pastor Clemcnz Schulz (Hamburg) und Waller Claapcn (Ham­burg) über das Thema:Was hat der Gebildete und insbesondere der gebildete Eh ri st f ür A nfga b e n in der Jugendfürsorge?" Pastor Schulz führte auS: Wer die Jugend hat, hat die Zukunft. Wenn wir die Jugend pflegen, dann erweisen wir dem Vaterlande und der engeren Heimat einen Dienst. Wenn die Jiigend gesund bleibt an Leib und Seele, dann bleibt auch unser Vaterland gefnnd. Nicht über die Roheit der Jugend sollen wir klagen, sondern dafür sorgen, daß die Roheit nicht erst anf.'ommt. Es gibt ein verhängnisvolles Gesetz: Mn 14 Jahren werden die Knaben in das Leben hinausgestoßen. Die idealen Lehrverhältnisse gibt es nicht mehr. Das Elternhaus ist nickt immer in der Lage, die Jungen 51t schützen. Die Fort­bildungsschule hat andere Aufgaben. Wer fchützt also die Jugend vor dem Schmutz der Sittendramen auf der Bühne, vor dem Schmutz der Senfationsprozesse? (Beifall). Wieviel Gift ist durch diese Prozesse in die Jugend hineingetrageii worden. (Zustimmung). Wer sagt denn nun unserer Jugend, wie es im Leben auSsieht? Ter Geistliche? Nicht jeder ist daz»l befähigt, und maiicher sollte lieber Bienen züchten unb Honig sammeln, als sich als Juyend- erzieher auffpielen. DerPaftor muß, ivenn er die Jirgend erziehen null, auf feine geistliche Amtswürde verzichten- Auch der Lehrer ist dazu befähigt, wenn er seine Lehrerwürde ablegt. Wir wollen unserer Jugend Freund iverden, nicht bloß Kanzelfreiinde. Wir sollen ihr beisteheu, damit sie m dem großen Kampfe des Lebens siegt. Wir sollen ihr die Freiheit nicht raiiben und sie nicht sest- schnatten auf eine Partei, welche es auch fei. Wer die Jugend er­zieht zum Rassen--, Klassen- und Ntassenha,;, der versündigt fich an ihr. Wir wollen feine Turn- und Sportvereine grünbei:, sondern unser großes Ziel soll fein, die Jugend zu erziehen zu Persönlich­keiten unb Charakteren, bamit sie nn Kampfe des Lebens Öen Sieg davonträgt. Es heißt: Wir leben im Jahrhundert des Kindes. Lassen Sie die Jugend im Mittelpunkt des Jahrhunderts flehen, laßt uns der Jugend leben. (Lebh. Beifall).

Der zweite Referent Walter C l a ß c n (Haurbiirg) schildert die Lebensgänge der jungen Leute in den verichiedenen Berufen, als Kaufmannslehrling, als Handlverker unb als Arbeiter. Er gab sodann eingehende Bilber aus dem Leben der Vereine, die flch ber

Jahren wurden reichlich doppelte Preise gezahlt.

Obererlenbach, 9. Juni. Ein seit Menschen- gedenken in der Pfarrei nicht mehr gefeiertes Fest konnte am ersten Pfingsttage begangen werden: das 50 jährige Ehe­jubiläum des Landwirtes Gottfried Johann Jaeger und seiner Ehefrau Marie Magd. Kunigunde, geb. Nicrbauer. Nach der Vesper erneuerten die Jubilare nach einer der Feier entsprechenden Anrede des Pfarrers Kling das- vor 50 Jahren gegebene Eheversprechen. Auch der Bischof Dr. Georg Hein­rich Kirstein hatte das Jubelpaar mit einem herzlichen Glückwunschschreiben geehrt.

RB. Darmstadl, 11. Juni. Die Stadtverord­nete n-Versammlung genehmigte in ihrer heutigen Sitzung den neuen Voranschlag, der mit rund zwölf Millionen Mark abschließt und eine Sten crerhö hung von 6-7g Prozent zur Folge hat.

* Bingen, 9. Juni. Viele alte und junge Angehörige des Kartellvcrbandes der farbentragend en kath. Studentenverbindungen hatten sich auf dein Rochus- berge eingefunden, ein echt studentisches Fest zu feiern. Schon beim Tiner wurden herrliche Worte der Begeisterung ge­sprochen vom Amtsgerichtsrat Messer-Bingen. Der Fest­kommers sah den großen Saal des Hotels vollständig ge­füllt. Unter der Leitung des ArchivrateZ von Domarus- Wicsbaden entfaltete sich ein frohsinniges Treiben. Amts- gcrichtSrat Mündenich-Koblenz legte die Bedeutung und Wichtigkeit des Kariellverbandes dar.

* Vom Westerwald, 10. Juni. Eine merkwürdige Beobachtung hat man im Oberwesterwaldkreise bei dem dies­jährigen Ersatzgcschäft. gemacht. Es sind nämlich bei einer großen Zahl von Militärpflichtigen krankhafte Er­scheinungen des Herzens festgestellt worden. Da es sich in fast allen Fällen um junge Leute handelt, die Rad­fahrer sind, so nehmen die Aerztc an, daß die Erscheinung auf Ueberanslrengung beim Radfahren zurückzuführen sei. Der Landrat fordert nun die Bürgermeister des Kreises auf, in geeigneter Weise auf die jungen Leute einzuwirken, daß sie das übermäßige Radfahren, besonders die Berge hinauf, unterlassen.

** Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Tie Golbeae Hochzeit feierte das Ehepaar Blumenthal in 9l i e d e r - F l 0 r st a b 1: cs erhielt baß Bild des Großherzogs überreicht. In Dillenburg ist der Tireklor des Kgl. Gyinnasiinns, Professor Dr. Bombe r g, g e st 0 r b e u.

3. Sitzung Großherzoglicher Handelskammer Gicßen für die Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach.

Gießen, 29. Mai. Protokoll-Auszug.

Anwesend die Herren: Kommerzienrat Koch als Vorsitzetioer, Kommerzienrat Heichelheim als stellvertretender Vorsitzender, Tur- bed, Hoos, Friedberger, Grünewald, Jhrmg, Kliugspor, Winter, Ramspeck, Röhr, Rühl, Stammler, Wallach, Zurbuch und der Syndikus. . r ,

1. Aus dem Geschäftsbericht ist wlgendes muzutellen:

aj Die am 13. März in Frankfurt a. M. stattgehabte Kon­ferenz der hessischen Handelskammern faßte zur Frage der B e st e u e r u n g der K 0 n s u m v e r e in e und der Filia l g c s chäs tc folgende Bc'cblüsfc:

1. Tie Hessischen Handelskammern sind der Ueberzeugung, daß zurzeit viele im Großherzogtuni bestehende Filial-