Ausgabe 
11.5.1908 Erstes Blatt
 
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Montag 11. Mai 1908

Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.

Richen.

In den Ruhestand versetzt wurden auf ihr

die

die fernere Benutzung ihres Brunnens

Provinzial-Ausschuß der Provinz Oberhessen.

Gießen, 9. VLai 1908.

im übrigen auf den Weg der Zivil- Gleick>zeitig wurde der Brunnen be-

unterfagt wurde, und sie klage verwiesen wurden, härdlicherseits geschlossen, bie Eheleute Haas Rekurs

Todesfälle. In Berlin starb infolge eines Schlag- anfalleB der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft Larwesötonomierat Wölb- l i n g. Zn Neiße ist der 18 idljrige siamesische Prinz Phra Ong Chow Tschau Siri wongse, Neffe des Königs von Siam, der znm Studium des deutschen Militärwesens dort weilte und den Kursus an der Kriegsschule besuchte, einer Lungenentzündung nach wenigen Tagen erlegen.

Ter Reichsschatzsekretär Sydow ist am Samstag abend vom Großherzog und der Großherzogin von Baden emp­fangen worden. Der Staatssekretär nahm sodann an der Abend­tafel teil.

Ter erste Bürgermeister von Mannheim, Martin, wurde zum Oberbürgermeister gewählt und hat die Wahl angenommen.

Abschiedsgesuch Dein Vernehmen nach hat der Re­gierungspräsident v. Oertzen in Lüneburg für den Anfang Juni seinen Abschied aus dem Staatsdienste erbeten.

Aus Stutzt nutz Luutz.

Gießen, 11. Ma, 1908.

'* Handelsrichter. S. K. H. der Großherzog haben den Ergänzungsrichter bei der Kammer für Handels­sachen in Darmstadt Bankdirektor Will). Pfarrius zum Handelsrichter und den Fabrikbesitzer Kommerzienrat Jean Göeel in Darmstadt zum Ergänzungsrichter bei dieser Kammer, beide für die Zeit bis zum 31. Dezember 1909, ernannt.

** Lehrer Personalien. Bestätigt wurde der von dem Fürsten und Grafen 511 Erbach-Schönberg auf die dritte Lehrerslelle an der Gemeindcschule 51t König präsentierte Lehrer Karl Ludw. Heyl zu Wallbach; der von dem Grafen zu Erbach-Erbach auf die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Erlenbach präsentierte Schulamtsaspirant Joh. Wolf aus

Die Henirich Haas III. Eheleute zu Bruchenbrücken hatten bei Großh. Kreisamt Friedberg darüber Beschwerde geführt, daß die Abwässer aus einer Nachbarhvfreite ihren Brunnen ver­unreinigten und um Abhilfe gebeten. Nachdem eine Unter­suchung durch Großh. Kreisgesundheitsamt Friedberg ergeben batte, daß das Wasser des Brunnens vollständig ungenießbar war, erließ das Kreisamt gegen die Eheleute Haas einen Poli­zeibefehl, in dem denselben die fernere Benutzung ihres Brunnens

Nachsuchen der Lehrer an der Viktoriajchule zu Darmstadt Phil. Hartmann unter Anerkennung seiner mehr als 50jährigen treuen Dienste; der Lehrer an der Gemeindeschule zu Gau-Bischofsheim, Joh. Dav. Grohe und die Lehrerin an der Volksschule zu Darmstadt Charlotte Anton unter Anerkennung ihrer treuen Dienste.

** Blinden - Konzert in der neuen Univer­sität s - An l a. Der ryon . der erblindeten Konzertsängerin Hildegard Dieterich für den 10. April angesagte, infolge plötzlicher Erkrankiing verlegte Liederabend findet nunmehr am Donnerstag, den 14. Mai abends 8 Uhr statt. (Siehe Inserat.)

* Kaufm. Verein weibl. Angestellten. Der moderne größere und strebsame Geschäftsinhaber ist sich des Wertes einer praktisch und sorgfältig theoretisch aus­gebildeten Angestellten 100hl bewußt er wird auch Sorge tragen, daß seine Lehrmädchen,Verkäuferinnen und Kontoristinnen die fehlenden Kenntnisse in der faufni. Fortbildungsschule des Kaufm. Vereins weibl. Angestellter ergänzen. Gar manche Geschäftsinhaber sind aber nicht in der Lage, besondere kaufm. Kräfte einztlstellen. Sie möchten sich wohl in der Gattin oder erwachsenen Tochter eine Hilfe für die kaufm. Arbeiten schaffen, wissen aber Nicht, wo die Kenntnisse erreichen. 'Nicht nur fürs geschäftliche Leben sind kaufm. Kenntnisse ein Vorteil, auch die Hausfrau, welche über ihre Einnahmen und Atlsgaben genau Buch führt, merkt gar bald wo sie sparen kann und >nuß zum Wohle des gesamten Hausstandes. Diesem Bedürfnis will der Kaufm. Verein weibl. Angestellter dadurch aühelfen, daß es auch Nichtmitgliedern erlaubt sein soll, an seinen, von best bewährten Lehrkräften geleiteten Unterrichtskursen teil zu nehmen. Alles Nähere besagt das Inserat heutiger Nummer.

** P a k e t e i n s a m in l u n g durch d i e P 0 st. Es ist noch nicht genügend bekannt, daß die Post abzusendende Paket.e auf Bestellung aus den Wohnungen abholen läßt. Man braucht nur ein offenes Schreiben, eine Karte oder einen Zettel mit den Worten:Paket abzuholen bei (Name und Wohnung)" u n- frankiert in den nächsten Briefkasten zu werfen ober einem Briefträger mitzugeben, und die Sendung wird bei der nächsten Pateibeßelliahrt gegen eine Gebühr von 10 Pfg. vom Hause des 'Absenders abgeholt. Das Verfahren ist einfach und bequem und deshalb besonders solchen Personen zu empfehlen, denen ein Dienst- bote nicht zur Verfügung steht.

** Oeffentltche Lesehalle. Im April wurden 2351 Bände ausgelieheu. Davon kommen auf: Erzählende Literatur 1150, Zeitschriften 411, Jugendschriften 211, Vers- dichtungen 49, Literaturgeschichte 14, Länder- und Völkerkunde 102, Kulturgeschichte 28, Geschichte und^ Biographien 169, Kunst­geschichte 25, Naturwissenjchaü und Technologie 93, Heer- und Seewesen 25, Haus- und Landwirtschaft 15, Gesundheitslehre 10, Religion und Philosophie 15, Staatswissenschaft 17, Sprachwissen­schaft 6, Fremdsprachliches 11 Bände. Nach auswärts kamen 71 Bände.

** Submissions-Resultat. Das Ergebnis der Sub­mission wegen Vergebung voii Arbeiten zur Erbauung zweier Beamtenhäuier für die Effenbahn, die an der Frankfurter Straße, Ecke Wetzlarer Weg, errichtet loerben sollen, Ivar: 1. Maurer­arbeiten : Schepp-Saasen 8878 Mk., H. Deibel-Lollar 7012, Winn u. Co. 6980, Stumpf-Earbenteich 6951, Bernhard-Klein- Lindeii 6828, Wehrum 6854, Becker 6683, H. W. Rinn 6599, Abermann u. Kling 6573, Birkenstock u. Schneider 6468 Aiark. Zimmerarbeiten: Winn u. Co. 2500 Mk., Abermann u. Kling 2468, Schnbecker u. Bechthold 2437, Birkenstock und Schneider 2399, Nuhn-Lollar 2361, Dippel-Albuch 2335, Bern- Hard-Klein-Lindeti 2330, Keßler-Anuerod 2304 Mark. Dach­deckerar beiten : Birkenstock u. Schneider 2600 Mk., Prang 1327, Winn u. Co. 1297, Lernbard-Klein-Linden 1273, Abernumn und Kling 1261 Mark. Schreinerarbeiten: Lenz 2187 Mark, Abermami u. Kling 2080, Birkenstock u. Schneider 2022, Winn u. Co. 2010, Bern hard-Klemlinden 1983, Nuhn-Lollar 1892 Mk. Glas erarbeite n Keßler-Annerod 1174 Mk., Birkettstock u. Schneider 1169, Baum 1124, Winn u. Co. 1062, Bern Hard-Klein- Linden 1025, Ab ermann u. Kling 985, Nuhn-Lollar 967 Mark.

Schlosferarb eiten: Bernhard-Klein-Lindni 718 Mk., Winn u. Co. 586, Birkeustock u. Schneider 572, Abermann uno Kling 564, Schmidt-Heuchelbeim 557 Mark. Spenglerar­beiten : Birkenstock u. Schneider 428 Mk., 'Jlbermann uiü> Kling 426. Bern Hard-Klein -Linden 418, Mootz 409, Winn u. Co. 405, Alwohn-Lich 363 Mk. Weißbinderarbeiten: Schäser u. Gvöver 1184 Mk., Winn u. Co. 971, Launspach 958, Birkenstock u. Schneider 950, Abermann u. Kling 905, Bern­hard-Klein-Linden 740 Mark. Die Submittenten ohne Onsve- zeichnung sind Gießener.

0 Großen-Buseck, 10. Mai. Unser Turnverein gedenkt im Juli seine Fahnenweihe zu begehen. Die Vor­bereitungen dazu sind im Gange und die Einladungen schon verschickt. Auch die Damen des Vereins werden sich an den turnerischen Aufführungen mit einem Neigen beteiligen. Billiges Kuhsuttcr wußte sich ein hiesiger Einwohner zu verschaffen. Er besaß zwei Kühe, aber nur für eine Futter, weshalb er die Futtervorräte eines Nachbarn ohne dessen Willen mitbenntzte. Die Frau des Bestohlenen hörte ein Geräusch und beim Nachsehen entdeckte man den Nachbar mit einem Sack Heu. Man vermutet, daß ähnliche Dieb­stähle schon längere Zeit ausgeführt wurden. Anzeige ist er­stattet.

Friedberg, 10. Mai. Ein Akt allergrößter Rohheit wurde in der Nacht auf Sonntag auf dem alten Burgfriedhof verübt. Ein auf ihm befindliches Denkmal zum Andenken an den letzten Burgfriedbergischen Kanzle,- direktor Philipp David Schazmann, ein zirka 21/.i Nieter hoher in Pyramidenform gehallener Stein mit Inschrift vom Jahre 1793 wurde mit aller Gewalt umgerissen und zertrümmert. Die Tat wurde anscheinend ans Unwillen oder aus Lust am Zerstören verübt. Auch ist ein eisernes Kreuz trotz eiserner Umzäunung fast ganz ansgebrochen. Man ist in der Einwohnerschaft umjoinehr entrüstet, ivetl die Gräber des Burgfriedhofes infolge ihrer historischen Ver­gangenheit in gewissem Sinne als Heiligtum betrachtet wurden. Die Inschrift, die eingemeißelt war, aber durch die Witterungsverhältniffe stark gelitten hat, lautet auf der einen Seite:Ruhe sanft guter Gatte. Ruhe sanft guter Vater." Auf dec anderen Seite:Philipp David Schazmann, Bucg- friedbergischec Kanzleidirektor, lebte 76 Jahre und starb 1793. Maa wünscht nichts sehnlicher, als die Ueberfuhcung der Täter dieser Rohheit.

4- Lauterbach, 10. Mai, Der Gütervocslchec Pape von hier ist ab 1. k. Mts. nach Limburg a. d. L. versetzt. DaS Großh. Kreisamt läßt z. Z. säintliche Bierdruck­vorrichtungen im Kreise einer Revision unterziehen.

X Gedern, 9. Mai. Das hiesige Institut zählt zur Zeit nur noch drei Schüler. Der auffallende Rückgang hat darin seinen Grnnd, daß sämtliche israelitische Schüler ihren Austritt erklärt haben.

hg. Kirchhain, 9. Mai. Die Vorbereitungen zu dem von 4.6. Juli hier stattfindenden Lahntal-Sängcr- Bud es feste schreiten rüstig vorwärts. In den nächsten Tagen werden die großen WirtschaftShallen vergeben, die zusammen mit der Festhalle einer großen Anzahl von Be­suchern Raum gewähren werden. Die Festmusik stellt die Kapelle des Marburger Jägerbataillons. Angenehm'wird es empfunden werden, daß der Juxplatz so liegt, daß die ge­sanglichen Vorführungen nicht beeinträchtigt werden. Gegen­wärtig ist der Wohnungsausschuß bei der Arbeit, um die nötigen Quartiere für die fremden Sänger auszusuchen. Bei der bekannten Gastfreundschaft der Bewohner unserer Stadt werden wohl Quartiere in nötiger Anzahl gern zur Ver­fügung stehen.

Gegen den Polizeibefehl verfolgten an Den Provinzial-Ausschuß, welcher heute dte Beschlußfassung aussetzte, um zunächst noch Verhand­lungen mit Großh. Kreisamr Friedberg zu führen.

'Nachdem in einer früheren Sitzung bereits über die Aus­bringung der Kosten des Geländeerwerbs für die Nebenbahn FriedbergFriedrichsdorf verhandelt worden war, wurde heute das Urteil dahin verkündet, daß das Urteil des Kwisausschusses des Kreises Friedberg aufzuheben und die Sack>e gut nochmaligen Verhandlung und Entscheidung an den Koeisausschuß zuvückzuoerweifen fei.

Zur Erweiterung des Bahnhofs ZellRomrod bedarf die Jtönigl. Effenbahndivektion Frankfurt a. M. einer Anzahl Grundstücke, mit deren Eigentümern eine gütliche Vereinbarung über dte zu gewährende Enffchädigung weder in den Vorver­handlungen, noch in dem Termin vor der Lokalkommission zu erzielen war. Die Lokalkommiffwn gab darauf ihr Gutachten dahrn ab, daß für die Mehrzahl der Grundstücke eine Ent- chadigung von 1 Mk. pro Quadratmeter zu gewähren sei. Emzelne, an der Kreisstraße belegenc Parzellen feien als Bau- ijelante mit 2 Mk., oder als Gartengelände mit 1 50 Mk pro Quadratmeter zu bewerten. Außerdem sei sämtlichen Eigen- tmnern eme Entschädigung nach einer näher beftiinmlen Zkata ffw ^formattou zuzuerkennen. Tie Eisenbahnbirettwn fand diese Sätze zu hoch und hielt eme Vergütung von <0- -75 Pf« ttnc fic in dortiger Gegend bei freihändigem Verkauf erzielt ttwröen waren, für ausreichend. Naa-dem Oer Prooinzial-AuK- iduüi durch eure SWmmiffwn au Ort und Stelle Halle Augenschein

Deutsches Neich.

Der Kaiser in Do n a n e s ch i n g e n. Der Kaiser *6 am Samstag abend zwei Hahnen. Gestern vormittag

10 Uhr 30 Mm. besuchte der Kaiser mit dem Fürsten von Drstenberg und den Herren der Umgebung den Gottesdienst in >?x evangelffchen Kirche von Tonaueschingen.

IfJ Tie Kaiserin besichtigte am Samstag vormittag in V'l51raüburg das evangelische Tiatonisseuhaus, die höhere MSchterichnle, die Diakonisseitanstali, das Institut der Neubronner vdiüefterii und die F r a ne n i ndu stt ieschule des vaterlänbiickfen ff lstumenvereiiiS. Gestern nachmittag gedachte die Kaiserin einen iltriomobilausflug in die Umgegend von Straßburg zu unter­nehmen.

, .Berliner Botschafterwechsel. Der bisl^rige arneri- Mische Botschafter Tower und Gattin werden am 26. ds.^Mls. ws der Schweiz nach Berlin zurückkehren. Botschafter Corner Äb durch daS Auswärtige Amt um eine Audienz beim Kaiser am 1. Juni oder einem der nächsten Tage noch* lackst, um sein AbbemfungSschrciben zu überreichen. «Lrcin /-a-hsolger Tr. Tavib I. Hill hat einem Berliner Bekannten ^schrieben, er werde ein oder zivei Tage nach der Abreife sttoers in der Reichshauptstadt eintreffen. .

Die beiden Abgeordneten Mnlat Hasids, ^>idi . i^ammeb ben Masis und Ben Abdel Kader ben Nis -lau, ini am Sonntag aus .Hamburg in Berlin eingetrofsen. -Heute iphto Legalionsra: Tr. Freiherr v. Laitgmeith-Simmem, früher i>!egttionsjelieiär in Danaer, die marokkanffck-en Edlen als solche ao>isiziell 'anhören. *

Die sächsische ivahlresorm.

Sell dem 7. Juli vorigen Jahres, wo die sächsische Regierung ihren Entwurf zur Reform des Landtagswahlrechts veröffent- licfite, i|t in Sachsen nichts so heiß umstritten gewesen, wie ine Wahlreform. Ganz abgesehen davon, daß Sozialdemokraten imd Freisinnige em gutes Recht zu haben glaubten, auf Ein- sührung des Reichstagswahlrechts, das Sachsen bis zum Jahre 1896 beiefsen hatte, zu bestehen, fand der Hohenthalsche Refonn- oorschlag auch bei den Nattoiialliberalen wenig Gegenliebe, ein* mal, weil er nur unter Zulassung eines sehr gemäßigten Plural­wahlrechts das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht für 42 Abgeordnete der Zweiten Kammer vorsah, für die übrigen 40 aber indirekte Wahlen durch die Kommunal- und Bezirksver­bände einführte, und sodann, weil er ben Unterschied zwischen städtischen und ländlichen Wahlkreisen bei seiner Bevorzugung der letzteren nicht völlig beseitigte. So konnte bie sächsische Regierung bei ihrer Wahlreform nur auf bie Stimmen ber Konservativen rechnen, die aber auch allerlei an dem Entwurf euszusetzeu hatten.

Auf diese fast allgemein mißliebige Aufnahme ist es denn «uch zurückzuführen, daß die am 13. Dezember gewählte außer­ordentliche Wahlrechtsdeputatton mit ihren Arbeiten nicht vor- »värts kam, obwohl Minislerpräfident Gras Hohenthal zu einigen Konzessionen, namentlich hinsichtlich der Ersetzung der Bezirks- Wahlen durch Wahlen des Landeskulturrates, der Handels- rammem und Gewerbekammern bereit war. Die Nationallibe- ralen bestanden eben auf Einführung von Pluralwahlen bei unterschiedsloser ^Behandlung der Wahlkreise uni) Beseitigung der Dezirkswahlen, Forderungen, in die weder bie Konservativen, noch bie Regierung ohne weiieres willigen wollten. Erst zu Mitte des Monats März bahille sich innerhalb der 13 konservativen, acht iiationalliberalen, einem freisinnigen und einem sozialbemo- hatricijen Abgeordneten zusammengesetzten Deputation eine Art Kompromii; zwischen Konservativen und Nationalliberalen an, das nach langen Beratungen seinen Nieberschlag in einem ganz be­stimmten Wahlrechtsvorschlag fand, der am nächsten Dienstag ber Wahlrechtsdeputation unterbreitet werben soll. Da dieser Vorschlag mit wenigen Ausnahmen bie konservatip-nationalliberale Majorität ber Zweiten Kammer hinter sich hat, so ist an seiner Annahme im Plenum mit ber vorgeschriebenen Zweidrittelmajorität Nicht zu zweifeln, und es laßt sich auch voraussetzen, baß bie Gste Kammer unb die Regierung dem Entivurs betreten, nachdem iljn bie Zweite Kammer in ihrer Wintertagung verabschiedet hat.

Tas Kompromiß sicht int allgemeinen ein einheitliches Wahl- verfahren auf Grund des allgemeinen, direkten, gleichen unb geheimen Slimmrechts vor' nur schützt cs die Zweite Ä'apimer vor einer sozialdemokralifchen Ueberflutung oaourch, daß ein mäßiges Pluralwahlrecht in ihm Ausnahme gefunden hat. Das aktive Wahlrecht erhält §wai ganz allgemein derjenige, der 25 Jahre alt ist, zwei Jahre lang sächsischer Staatsangehöriger war und einen zweijährigen Wohnsitz am Wahlorte nachweisen kann. Doch er* fahrt dieses gleiche Wahlrecht insofern eine Korrektur, als ber Vorschlag drei Pluralstimmen vorsieht. Die erste soll erteilt Derben, wenn ber Wähler im Besitz eines Grundstückes ist, bas er niit minbestens 75 Steuereinheiten versteuert, ober wenn er O'O Jahre alt ist. Die zweite, wenn er einen selbstänbigen Beruf ansübt ober als Beamter ein Einkommen von mehr als 1800 Mk. bezieht oder schließlich im Besitz des Eiuj.-Freiwllligeil-Zeugnisses ist. Tic dritte endlich wird ihm gewährt, wenn er ein Einkommen vM über 2200 Mk. versteuert. Wer zwei Jahre vor Aufstellung »<r Wählerlisten seinen steuerlichen Verpflichtungen nicht nach- 4<tommen ist ober sonst bie bürgerlichen Vorbebingungen zur Ausübung des Wahlrechts nicht erfüllt (Aberkennung der Ehren- chchte, Armenunterstützung), verliert bas aktive Wahlrecht. Tas I>,«ssive Wahlrecht bagegen tritt erst mit bem Alter von 30 Jahren -En unb ist an eine Staatsangehörigkeit von vier Jahren, an flnen Wohnsitz int Wahlkreis von ebenfalls vier Jahren unb alt eine Steucrleistung von minbestens 30 Mk. geknüpft.

Sozialdemokraten und Freisinnige sind in der sächsischen »Vellen Stummer absolut machtlos, unb die Konservativen müßten ten Nationalliberalen schon mit ganz hahnebüchenen Forberungen bei ber Unterscheibung zwischen Groß-, Mittel- und Kleinstäbten, i»!üie bei Berücksichtigung ber Fläche kommen, um diese zu be- latgen, ben jetzigen Wahlreformvorschlag, ber das von ihnen bewrjugte Pluralwahlsyftem enthält, fallen zu lassen. So wirb bc'.ses voraussichtlich unter Zustimmung ber ersten Kammer unb ber Regierung Gesetz werben. Besteht hoch bie einzige Meinnngs- verschiebenheit im Plenum anscheinenb nur darin, ob bei ben alle sechs Jahre stattsüibenden Neuwahlen die Kammer völlig erneuert werben soll, ober ob, wie bisher, je ein Drittel ber Ab- aeorbneten in regelmäßigem Turnus ausicheidet unb bemgemäß alle zwei Jahre 32 Abgeordnete neu zu wählen sind. Diese Diffe­renz der Anschauungen ist aber nicht unüberbrückbar. Wahr- * Winlich wird man sich für den ersten Modus entfdfciben, schon allein, um nicht durch das Los bestimmen zu müssen, welche 32 Abgeordneten bei den ersten Neuivahlen unter dem neuen Wahlrecht ihr Mandat niederzulegen haben.

Nr. 11V Erstes Blatt 1S8. Jahrgang

Der Siebener Anzeiger ______ - vj / » »

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