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12/08/1908 Erstes Blatt
 
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Nr. 188

Der Siegener Anzeige, erschein, täglich, außer Sonntag». - Beilagen: viermal wöchentlich GlefjeneiSamilicnblätkr; zweimal wöchentl.iireir» blatt fütöen Kreis Gicfjen (Dicnetag und Freitag); zweimal monatl Land' wirtschaftliche Seitfragcn Kemipted) Anschlüsse: füt Vie Redaktion 112, Verlag n (fcrpebthon 51 AdreNr füi Lepeschenr «arerger Gtetzea.

liaaDmc von Anzeigen für die tagc6numnter bti vormittags 10 Uhr.

Erstes Blatt

158. Jahrgang

Mittwoch 12. August 1908

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

Botaftonsbrud und Verlag der vrühl'fchen Untv.-Vuch- und Stemtanderet H. Lange. Redattlon, Expedition und Druckerei: Zchulstratze 7.

Bezu gSprets: monatlich 75 PI., viertel- jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch knePost Mk.2.viertel- lährl. Bestellg. ZeileapretS:lokchlbPs, auSwän» 20 Pfennig,

Verantwortlich für den oolinschen Teil: 6. Anderson; f. Feuille­ton und .Vermischtes* P. Wltlko; für .Stadt u.Land" und.GerlchtS- saal": E. Heb; für den Anzeigenteil: H. Beck.

Vie Monarchenbegegnung.

Ueber die gestrige Begegnung zwischen Kaiser Wilhelm und König Eduard in Friedrichshof wird uns nachstehendes gemeldet:

Bald nach der Ankunft der Monarchen im Schlosse fand ein kleines Frühstück statt, und nach kurzer Ruhe wurde ein gemeinsamer Spaziergang im Schloßpark unternommen. Es ist allgemein unter den Einwohnern Eronbergs aus­gefallen, wie besonders aufgelegt die beiden Monarchen waren, als sie zusammen dura) die mit Flaggen reich geschmückte Stadt oom Bahnhof nach Schloß Friedrichshof fuhren.

Gegen 3.30 Uhr traf der Kaiser mit seinem Oheim im Autonlobil in Homburg v. d. H. ein und fuhr direkt nach dem unteren Kurgärten zur Enthüllung de§ DenkmalsfürdieLandgräfinoonHessen; Prinz und Prinzessin Friedrich Karl und die englische und deutsche Gefolgschaft kamen in lvciteren Autonrobilen. Bon einer größeren Enthüllungsfeier lvurde abgesehen. Der Kaiser 'gab sein Kommando und die Leinwand fiel. Der Kaiser und sein Onkel waren mit dem Werk außerordentlich zu­frieden und sie beglückioünschten beide den Kurdirettor Maltzan, der den Denkmalsplan seit Jahren gefördert hat Baron v. Malßan überreichte dem Kaiser und uönig Eduard eine von ihm oersaßte Schrift, die ein Lebensbild der Land­gräfin enthielt. König Eduard verlieh dem Kurdirettor das Kommandcurkreuz des Biktoriaordens. Der König unter­hielt sich lebhaft mit bcnt Bürgermeister Luebke und dem Stadtverordneten Dr. Rüdiger. Er sprach nur deutsch. Man gewann aus der Unterhaltung den Eindruck, daß oie Be­ziehungen zwischen den beiden Verwandten außerordent­lich herzliche sind. Nach Besichtigung des Denkmals zeigte der Kaiser dem König die Gedenktafel für die Kaiserin Fried­rich, die bald nach ihrem Tode in der englischen Kirche er­richtet worden ist. Dann fuhren die Herrschaften nach der Elisabeth-Kirche, wo ein Gottesdienst stattfand.

Der Kaiser verlieh Sir Charles Harbinge den Rqten Adlerorden 1. Klasse.

Kaiser Wilhelm und König Eduard sowie die übrigen Fürstlichkeiten trafen um 4.30 Uhr in Eronberg wieder cin und nahmen den Tee bei Frau Earl v. Grunelius ein.

Zur Abcndtafel zu 28 Gedecken waren geladen: Regie­rungspräsident v. Meister und Gemahlin, Landrat Dr. Ritter v. Marx und Gemahlin, Freifrau v. Flotow, General Killei Kenny, Karl v. Grunclius und Frau, Frau v. jSoon und Mr. Radier. Während der Tafel spielte das Wiener Künstler- Quartett.

Kbnia Eduard reiste um 11 Uhr ab. Zur Bahn geleiteten ihn der Kaiser, das Prinzenpaar Friedrich Karl von Hessen und die Kronprinzessin von Griechenland. Der Weg vom Schloß zum Bahnhöfe war mit Lampions ujb Bunt feuer illuminiert. Das Publikum bereitete den Majestäten herz­liche Ovationen. Die Verabschiedung der Monarchen auf dem Bahnsteig war sehr herzlich und sehr heiter. Ebenso herzlich verabschiedete sich der König von seinen fürstlichen Verwandten und deren Gefolge. Er sprach mit dem Kaiser noch vom Coup5fenster aus, bis der Zug sich in Bewegung sehte. Um 11 Uhr reiste der König nach Ischl ab. Un­mittelbar darauf nahm der Kaiser von dem Prinzenpaar von Hessen und der Kronprinzessin von Griechenland Ab­

schied und bestieg mit seinem Gefolge den Sonderzug, der sich um 12 Uhr nach dem Sennclager in Bewegung fehle.

Wie wir erfahren, ist die Zusammenkunft der beioen Monarchen überaus angenehm verlaufen. Der König so­wohl wie der Kaiser haben sich sehr befriedigt über den gemeinsam verlebten Tag ausgesprochen und yjaren beide andauernd sehr heiterer Laune und bester Stimmung.

Ueber die politische Tragweite der Cronberger Entrcvue schreibt derEclair":

Zwischen Onkel und Neffen liegt nichts anderes als eine jener Friedenskundgebungen vor, die an sich recht schön sind, die aber nicht die lieigcfrmheii Differenzen zwischen Deutschland und Eng­land aus der Welt schassen können. Zudem ist man schon daran gewöhnt, daß nach solchen Freundschans-Begrüßungen die Feind- seligkrtcn in der Presse der beiden Lander zu- statt abnehmcn. So wird eS wohl and) diesmal gehen. Dagegen hat die Be­gegnung zwischen König (Duard und Kaiser Franz Josef eine ganz andere Bedeutung. Die britische Politik macht alle An­strengungen, Oesterreich-Ungarn von drm Bündnis loszulösen, das cs an Deutschland kettet. Diese Bemühungen, die mit Italien so vortrefflich glückten, werden noch durch die persönlichen Ge­fühle unterstützt, die zwischenKönig Eduard und dem greisen habsburgischen Kronen träger bcflebcii, aber cs gibt außerdem noch gewisse alte unausgeblicherc Gegensätze zwischn Ocsterreichllngarn und Deutschland, die Eduard für seine Zwecke sicher ausnutzen wird.

DieMorning Post" schreibt: Die allgemeine europäische Lage wird durch die Zusammenkunft in Friedrichshof kaum be­rührt. Die deutsche Nation aber sollte ivenigstens darin eine Bestärkung der Rede sehen, welche Srr Edward Grcx am 27. Juli gehalten hat. Die Beziehungen zwischen England und Deutsch­land lverden beständig durch Gesühlsausorüeyc auf beiden Seiten gestört. Die offiziellen Beziehungen aber sind seit einiger Zeit gleichmäßig freundschaftliche gewesen und es liegt kein Grund vor, nxmim dieser Zustand nicht ansrechterhaltcn werben könnte. Der -deutschen öffentlichen Meinung hat cs beliebt, verstimmt zu sein, weil England Ententen geschlossen hat. Wie aber Sir Ed­ward Grey gesagt hat, versuchen wir nicht, unsevcn Freund- sd-asten eine feindliche Spitze zu geben. Es ist nicht unsere Ab­sicht, irgend eine Macht zu isolieren. Müßig nröre es, zu be­haupten, daß wir mit Deutschland nicht koalisieren oder daß unsere Bestrebungen nicht merklich einander Widerstreiten. Aber von irgend einer feindseligen Absicht ist England vollständig frei. Das muß Deutschland anerkennen, wenn cs die Schwierigkeit sieht, mit welcher unser Volk sich von der Notwelrdigkcit über­zeugen läßt, bloß Rüstungen zur Verteidigung zu betreiben. Die Tatsache, daß der König von Friedrichshof nach Ischl geht, sollte weiter den Umsta ib betonen, daß unsererseits fein Versuch vor­liegt, Deutschland zu isolieren ober zu beleibigen. Deutschland ist mit Oestcrrcich-Ungarn mehr verbündet als je. Die einzige politische Bedeutung, welche dem Besuch in Ischl beizulegen ist, Ut die freundschaftliche Anteilnahme Englands an den Angelegen­heiten dieses Staates. Die persönliche Popularität des Königs und seines kaiserlichen Neffen m ihren Landern sollten dazu bei­tragen, daß die beioen Nationen einander mit freundschaftlicheren und symipalhifcheren Augen sehen. Denn cs liegt kein Grund vor. warum unser nationaler Wettbewerb verbittert werden soll durch falsche Darstellungen. In der Hoffnung, daß dieses bessere 83er- ständnis durch einen freimütigen Gedankenausmusch gefordert wird, begrüßen wir die Besuche von Friedrichshof und Ischl-

Pall Mall Gazette" schreibt: Der König ist eher als irgend ein anderer in seinem Reiche in der Lage, dem deutschen Volke in der Person seines Kaisers die Versicherung zu geben, daß jene Gefühle, weiche Kaiser Wilhelm im Herbste gelegentlich feines Besuchs in London zum Ausdruck gebracht hat, die dauernde Emipsindung des englischen Volkes gegenüber Deutschland bleiben werde. Er kann auch den ernsten Wunsch Englands bezeugen.

mit der ganzen Welt im allgemeinen und mit Deutschland im besonderen in Frieden leben zu wollen. Er kann ihm sagen, daß ein Angriffskrieg gegen Deutschland auf unserer Seite un­denkbar ist. Nicht als ob irgend etwas, was zwischn den Heiw- schern sich ereignen mag, den Gang der ständigen Politik beider Ncächte ablenken könnte, aoer schic die bloße Tatsache der Zu­sammenkunft muß irgendwie wirtsam werden gegenüber den in der deittschen Vorstellung vorhandenen Befürchtungen betreffend die Msichtcn Englands. Wir können für das deutsch Volk nichts besseres wünschn, als bau sein Kaiser, über dessen Gefühle uns gegenüber dasselbe sagen kann, wie unser König über unser Ge­fühl gegenüber dem deutschen Volk. Wenn dies unsachlich mög­lich sei, dann werde der Strom von Prophezeiungen über einen unvermeidlichn englisch-deutschen Zusammenswß ebenso versiegen, wie die alten, unerfüllten Borlienagungcn eines unvermeidlichn Krieges zwischn England und Rußland, sowie zwischen England und Frankreich. >

Deutsches Reich.

Der Kronprinz wird sich nm Donnerstag zu einem Besuch beim Kaiser Franz Joses nach Ischl begeben.

Der Entwurf de§ nenenReichSgchörigkeitS- ge setz es ging, wie die ,Tägl. Rundschau" erfährt, jetzt dem preußischen Staatsministerium zur weiteren Beratung zu.

DerRcichSanzeiger" veröffentlicht eine Bekannt­machung, betr. das in Paris am 18. Mai 1904 unterzeich­nete Abkommen zwischen dem Deutschen Reiche und anderen Staaten über VcrwattungSmaßregeln zur Gewährung eines wirksamen Schutzes gegen den Mädchenhandel, ferner eine Bekanntmachung, betr. die Erhebung von We chsel- unb Scheck Protest en durch Postbeamte.

Teilung des Reichsamts be§ Innern. Neuer­dings wirb wieder gemeldet, daß die auf eine Teilung des Reichsamts des Innern gerichtete Bewegung jetzt loieber stärker in den Vordergrund trete. Im Reichsamt des Innern selbst ist, wie die ,Post* auf Erkundigung erfährt, hiervon nichts bekannt.

Der Ausschuß der bayerischen ReichSratS- kammer genehmigte die Lehrer- und Geistlichen-Aufbesferung nach den Beschlüssen der Abgeordnetenkammer. Die Ab­geordnetenkammer nahm gestern daS Gehalts-Regulativ und Beamtengesetz auf Grund der vorgestrigen Ausschuß-Be­schlüsse an.

Die badische Zweite Kammer verabschiedete gestern daS Steuergesetz. Im Einvernehmen mit der Ersten Kammer und der Regierung wurde die Einkommensteuer um 10 Proz. erhöht und die Fleischsteuer beibehalten.

Ausland.

Freiheit, G e r c d; 11 g £ c i t und Gleichheit in der Türkei. "Der Sultan hat den Wunsch ausgesprochen, daß eine Erinnerungs-Medaille geprägt werde, die die Worte: Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit" enthalten soll. DemIldarn" zufolge soll der Sultan geäußert haben: Die ganze Nation bilde ein Teil des Komitees für Einheit und Fortschritt. Ich bin ihr Präsident. Arbeiten wir von nun an gemeinsam ander RegenerierungdesVatcrlanbeS. Wie die Zei­tungJkdam" weiter erfährt, bereitet der General stab ein Reg­lement über den Militärdienst der Christen und Juden und der

Die UIinger-Au»stellung in Srantjurt a. UL Aus Frankfurt a. M- wirb uns geschrieben: Der Frankfurter Kunstvercin hat eine Ausstellung von Werken Klingers oerailstaltct, die bas Lobenswert des Meisters in aus- gewäblten Originalen weiten Kreisen vorführen will. Fünf VolkÄiachmittage, bic die Ausstellung auch Unbemittelten gu- gänalich machen sollen, zeigen, daß cs auf breitere und ver- ständnisreichere Wirkung dieses Unternehmens abgesehen ist, alS das sonst üblich ist. Es war natürlich nicht möglich, alle Haupt- werte Klingers zu beschaffen, da sich z. B- derBeethoven" wie dieAmphitrite" und derChristus im Olymp" im Besitz von Galerien befinden.

Trotzdem ist soivohl durch gute plastische Reproduktionen z. B- der Kassandra und der Salome, beide in Leipzig befindlich, als auch durch eine Fülle von Radierungen ein klarer Eindruck ge­geben von Klingers Bedeutung in diesen beiden Gebieten; seine Bedeutung als Maler kommt nur schwer dagegen auf, obwohl zwei große Säle mit Gemälden und Aquarellen gefüllt sind.

Das Kraftvolle, Großzügige und an mitklingenden Seclcn- töncn Reiche bringt diese Ausstellung trotz der fchlcndmr Haupt­werke voll und überzeugend zum Ausdruck. An den ausfälligsten Platz in der Ausstellung ist die merkwürdige Büste der Schrift­stellerin Elsa Ascnjeff gefetzt worden, ans getöntem parischem Marmor mit schwerer Haarfülle aus rötlich braunem Pyrenäcn- Aiarmor, bic grünlichen Augen aus Opal. Klingers Kunst, den Stein mit nervösem, weichem, flackerndem Leben zu erfüllen, zeigt sich im Gegensatz zu feiner sonstigen mehr Heroen und monumentalen Art an dieser Frauenbüste in vollster

Die aoberen Porträtbüsten, von Liszt, Brandes, Wundt und Nietzsche beherrschen einen zweiten Saal. Das Bildnis des Lctp- zigcr Pros. Wundt ist bei weitem das interessanteste- wcächttg und barock wirkt der riesige Dcnkcrkopf mit halb verschwindenden Augen, ein ungeheuer packendes Leben in jedem Detail, im nnrr gewehten Bart und der fragenden Hattung. Dagegen scheint die Nietzsdjc-Büste ziemlich äußerlich, leer und unoriginell; schatauz- bart und Augenbrauen, Stirn und tiefliegendes Auge sind starr betont, ohne eine einheitliche Stilwirkung zu erreichen. Auch dcr Kopf von Brandes hat bei aller feinen Durcharbeitung und größter Wirksamkeit doch etwas Konventionelles gewonnen. Da­gegen ist die feurige und reizbare 'Natur Liszt's in 1 einer Ät|te trefflich zum Ausdruck gekommen; sie ist sowohl monumental als höchst persönlich. Tic Kassandra, die Betende und endlich ine berühmte Salome Klingers sind nur in Bronz-e-ReProduktionen vertreten. Wenn auch das Bunte und Verwirrende, das der Lalome im farbigen Stein anhaftet, in der schwarzen Reproduktion oer- joren gehr, so kommt doch die Slileinhett viel mehr zur Geltung; das einheitliche Material unterstützt auf das Wirksamste die zwingende Einheit, die in jeber Bewegung dieses in seiner Liegcs- siclstrhcit großartigen Raubtieres liegt. Auch die Köpfe bet Opstr, pes allen Rouös unb bes jungen Schwärmers, über denen lic so triumphierend Die Arme kreuzt, lügen sich hier wett eui- tzeitlichLr dem ganzen Aufbau ein. Die Galathcq in eiskalter.

silbergegossener Formcnschönheit zeigt Klinger von seiner sach­lichsten Seite. Sehr schön ist auch das Hochrelief Leda, das bekanntlich auS dem Nest der Türschwelle gearbeitet wurde, die Klinger auf der Insel Syra sand und zu seiner armlosen Am­phitrite verwandte. Schon durch die Art wie der Körper in den engen Rauitz hineinkomponiert ist, wird die lastende Schwüle der ganzen Situation in den verschlungenen Gliedmaßen unter­stützt.

Zu erwähnen sind noch die bezaubernden seingliedrigen Tän­zerinnen von 1880, ein Earpcaux in deutsche kraftvolle Charak­teristik übertragen, sowie eine Muse zum Brahmsdenkmal, ein tiefsinniger Kops, würdig einer Brohmschcn Muse. Eine dcr neuesten Arbellen, ein Athlet von 1908, nnrft ziemlich leer und sogar stellenweise tot, trotz der übertriebenen Michclangclcsken Ueberschneidungen.

Von deni radikalen Werk sindEine Liebe",Dramen" und Vom Tode II" fast vollständig vertreten. Im erstgenannten Zyklus ist das aneldotische Element so stark, die Radierung oft so schroff ohne Uebörgang von Luft zu Schatten, daß cin reiner künstlerischer Genuß nicht auskommen Bann. Auch in denDramen" ist ja das Sensationsnwmcnt stark vertreten; in dem BildeEin Schritt", wo die Verlorene zögernd zu der Kupplerin über die Gosse geht, uni) in den großartigenMärztagen" gehen Bild- vorwurf und künstlerische Wirkung zu großzügiger Wirkung zu­sammen.Vom Tode" weist einige der bekanntesten und ge­schlossensten Meisterwerke aus, soMutter und Kind", wo die scharfe eckige Linicnüberschneidung Dom Kvpf der Leiche mit dem starr gestreckten Körper von unvergeßlichem Eiiidruck ist;An die Schönheit", nx> das nackte Menschlein überwälligt auf dem Wiesen­plan hoch über dem Meere kniet; neben anderen Bildern, deren inhaltliches Pathos mit dem dem Auge Dargebotenen nicht im Gleichgewicht steht, stehen aiiderc, die eine Stilkraft unb Wucht bei fchicr unübersehbarem Reichtum den Einzelheiten bieten (wie Berjührung" undZeit unb Ruhnr"-, bas man an Dürer ge- mahnt wird; aud) gehören die wundervollen Blätter von Sünp- licius und von den (tcntaurenlämtoen zu den un besten Sinne deutschesten und kraftvoll sinnigstrn Werken, die feit langem hervor­gebracht wurden.

Bezaubernde Grazie und echtes modernes Griechentum ent­faltet Klinger in den humorvollenRettungen Ovidischer Opfer", Amor und Psyche" und denEpithalaniien" (der wenig ge­glückte Text ist von Elm Asenjefs, die sonst Besseres zu geben ver­mag). Pyramus und Th*sbe, Apoll und Daphne in übermütigen schier Umrißzeichnungen. (Wer denkt nicht an Karstens und tutti guanti), samt den geutreüfoten Jntermezzis, lassen uns die Viel­seitigkeit der schwerblütigen Ätiugerfchen Kunst bewundern. Bon Gemälden gibt es interessante Skizzen zu seinen großen Arbeiten (Christus im Olymp, Kreuzigung, Parisuri eil, stark bildhaucrise-c Studien, mit großer Härte dcr Zarben; ein kleines ieingetunii'5 Bild aus i ?r Zcit Gussows, seines Lehrers, tüchtige, nüchrcrnc P.r r.-ts : b stimmungsvolle Aquarelle. Dr L. K.

Die Selbftüerwaltung der Universitäten.

Aus dem internationalen Hiftorikerkongreß, ber zur Seit in Berlin tagt, hat Professor Kaufmann über die Selbst­verwaltung ber beutschcn Universitäten gesprochen Er fdjÜbcrtc zunächst in großen Zügen bic geschichtliche Entwickelung ber Uni' versitätcn in Mittelalter unb neuer Zeit. Dann kam er aus die Dinge zu reden, die sind und inmitten deren wir stehen unb leben. In ber Beziehung äußerte der Breslauer Historiker sich sehr pessimistisch. Tas Vorschlagsrccht ber Universitäten, meint er (wohl nicht ohne Beziehung aus aktuelle Begebnisse der letzten Tage) würde verletzt unb zu Bobcn getreten. Tic Bureaukratic, bie ben Universitären ihre Sonberstcllung immer geneidet, schäre den Haß gegen sie, unb hie unb ba erhalten sie Sukkurs bei ab­gebrochenen Privalbozcnten unb anberen Leuten, bie ihren aka­demischen Beruf verfehlten. Indes sei bas meiste, was bei sol- chen Gelegenheiten erzählt zu werden pflege, böswilliger Klatsch. Freilich: für manchen tüchtigen Mann gäbe es niemals ein Ordinariat. Dem helfe man ab, inbem man einfach den Unter­schied zwischen Extravrdinariat unb Ordinariat fallen lassen. Mcr im übrigen bewahre man das große Erbe der Vergangenheit den Universitäten, die nicht nur Lehranstalten zur Ausbildung dcr Beamten seien, sondern Kvrporattoncn von Männern der Wissen­schaft, die diese zu ihrem Lebensberuf gemacht hätten.

Tas sind, so schreibt die Nationall. Korrcsp. dazu, will uns scheinen, beherzigenswerte Anregungen. Es täte wirklich nicht gut, wenn nun auch die Universitäten mit Haut und Haaren dem bureaukratischen Walten ber Zentralvegierung ausgeleiert wurden. Auch so wird in Preußen gerade genug regiert. Daß die Universi­täten, wenn sie wollen, nicht so wehrlos sind, hat dic Berliner Phil. Fakultät erst neulich im Fall Bernhard gezeigt- Diesen Weg solllen sie auch strnerhin beschreiten. Wenn sie alte Zöpfe, die nicht in unsere Tage hincinpassen, rücksichtslos abidjneiben Wesentliches aber unb Grundlegcnbes, wie ba<3 Vorschlagsrecht der Fakultät, vielleicht auch das Recht, mit ausländischen Uni­versitäten zu verkehren, um so zäher verteidigen, werden sic sich selbst dienen und der Nation.

«leine Kunstchronik. In Heilbronn nahm der Gemeinderat einen Antrag an: mit Prozessor Theodor Fischer in Lunchen Verhandlungen darüber zu fuhren, ob und unter welchen Bedingungen er bereit sei, den Bau eines Theaters um die zur Beringung stehende Summe von 550000560000 Mk. zu über­nehmen und in welcher Weise er Garantien zn geben geneigt und rl tS. . 9e Ein ^.Heater zu bauen, das diesen Aufwand nicht überschreitet. Wie aus Petersburg gemeldet wird, ist Gras Leo T o l ft o t wiederum erkrankt. Bor mehreren Tagen machte er einen längeren Spaziergang, bei welchem er sein Imkes Bein, an dem er an einer Benenerweirernng litt, überanstrengt Hal. (Weid) uach oem Spaziergang nahm Tolstoi ein kaltes Bao un Flusse. Jlad) Dem -öflbe spüile Tolstoi einen starken schmerz mi Bein. Der Arzt brachte Tolstoi zu Bett, bandagierte das Bein und ver­ordnete ElSkompressen.