Nr. 214
L
Redaktion, Expedition und Druckerei: Scbuk- straße 7. Expedition und Verlag: eo 5L Redaktion: 112. Tel.-Adru AnzeigerGießen.
Zweites Blatt 158. Jahrgang Freitag 11. September 1908
«rlcheinl ttgNch mit AuSncch.... des .o^ntazS. zA AjK ,*▲ /Äu Xk Rotationsdruck und Verlag der Br üblich«,
Tie „Oiehener Lamilieablätter" werden dem $ rj V S feA !z El 8^ g 8 g l/P O UnwersuälS-Buch- und Steindruckerei.
.Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das R vL, wL, B 6 BL, 8, | 8 s» 8 ÄS Bk 8 fianfle' ®ic&cn*
„Hreiiblott für den Kreis Slehen" zweimal v ** ® -y v *<-Sr
wöchentlich. Die „randwirtschastlichen Seit» —
fragen" erscheinen monatlich zweimal. General-Anzeiger für Oberhessen
Die lLaisermanöver.
, Die Kviscrmanöver wurden gestern mittag nach ein Uhr etwa 'eine Stunde östlich von Künzel beendigt. Nach Schluß hielt der Kaiser eine längere Kritik ab. Das 16. Korps (rot) hatte vorgestern den Auitrag erhalten, das Vorgehen des'F-eintzes gegen die Rückzugchtraße der Armee zu verhindern und nachts aus die Hohen westlich von Mcmcrsbronn -urückzugchen. Zwischen 2 und 3 Uljr hatten Gefechte stattgesunden, an irelchen die 8. bayerische Dryade beteiligt war. Rot hatte die Lagerfeuer brennen lassen »nd die Stellung ouigcßcoen und war mit der 34. Divi ion au' den Galgcnberg bei Brüchen nrit der 33. Division auf MemcrS- tonn zu rückgegangen. Der Kaiser begab sich gestern morgen zunächst auf «den genannten Galgcnberg und beobachtete die von tot eingenommene Stellung. Später ritt der Küiser auf den Mottenoerg nordwestlich von Buschborn, ruu die 31. Division (bstm- zum Angriff anrückte. .Hiernach begab sich der Kaiser nach Steinteufen am Diesterbcrg, östlich von Niederwicse, wo er den Angriff der 3. bayerischen Division (blau) beobachtete, die und Dorsbcrg vorgina. Glcick>zeüig ging die 30. Division (blau) in zwei Kvlonnen über Einnngen rcsp. Holleringen vor. Den weiteren Angriff des 15. Korps verfolgte der Iay« von den zwischen Rieder- und Oberwiese gelegenen Höhen.
von blau hatte Erfolg: rot mußte den Rückzug a u f Bo l chen a n treten. Der Kaiser verabschiedete sich von tat fremdherrlichcn Lfsiziereii und den Militärbcoollmachtigten und begrüßte sodann das Osfizierkorps seines 1. bayerischen lllancn- ccgrmenls. Zur Alnmdtafel in Eckstoß Urville ivor RegierungSrat Schneidev-Saarbrücken geloben.
Bon den mn Manöver beteiligten Fürstlick-keitcn sind gestern mt Lau>5 des Nachmittags der Grvßherzog von Baden, der verzog von Sachsen-Kotepg und Gotha und Prinz Leopold von Bayern rbgevlnst. Der Kronprinz ist nachmittags 6'/, Uhr von St. Jo- Swut Über Köln nach Potsdam abgereist.
Der „Mick-öanzeigcr" veröffentlicht die aus Anlaß der dies- ihrigen großen Herbstübungeii verliehenen Auszeichnungen. Unter Mideoen erhielten: den Schtvarzcn Adlerorden General Hentschel von Gilgenheimb, daS Großkreuz des Roten Adler, rwcns mit Eichenlaub General v. Prittwiß und Gaffron iinb General Arninr, das Großkreuz des Roten Adlervrdcus mit Eichenlaub und Schwertern am Ringe General v. M v ß n e r
Der Mitarbeiter der Daily Mail auf dem deutschen Manöver- leld, der anscheinend ein Offizier ist, erklärt, die englischen Territorialtruppen seien der deutschen Kaval- levic im Ausklärungsdienst weit überlegen. Die deutsche Kavallerie ähnele auf ihren Patrouillen-Ritten mehr Reü- i_rn der königlichen Leibgarde, die in voller Gala Pall Niall Lcrunter ritten, als Soldaten, die im feinblicbcn Gebiet nach einem ierborgenen Feind spähten. Die englische Yeomaury sei i>ct deutschen Kavallerie in ihrer Aufgabe weit überlegen ^nd hatte int Ernstfälle keinen würdigen Gegner cm ihr.
politische Lagesschau.
Das Briefgeheimnis in Rußland.
Während sich die Türkei mit der Wiedereinführung der Ver- fysung wieder mehr den Külturstaaten nähert, entwhielt sich - wülaiid immer mehr nach der entgegengesetzten Richtung. Be- 8>eichnend hierfür ist, unt für heute von anderem zu sstüveigen, die krasseste innerpolitische Spionage, wie sie in der Mißachtung Briefgeheimnisses zutage tritt. Die Russisch Korrespondenz l tiB hierüber manches Interessante mitzuteilen. Mit der fystema- 1 scheu Aufdeckung des Briefgeheimnisses befaßt sich das sogenannte Schwarze Kabinett. Offiziell wurde die Existenz dieser JnfHtution zwar stets geleugnet, nun kommt aber ein Mann, der i clber in der russischen Geheimpolizei gedient und dann voll Crfel5 Don dieser Beschäftigung sich abgewandt hat, und lüftet den S-chleier. Was dieser Mann namens Bakai in der neuesten Nummer d« Zeitschrift „Byloje" aus eigensten Erlebnissen über die „Schwarten itiabinette" unter Angabe zahlreicher Belege und einer Reiche von Adressen tätiger Kabinettsoeamten berichtet, übersteigt rlle Gerüchte. Er läßt uns gewissermaßen die Werkstätten der „sbabinette" betreten, und wir erfahren daraus, daß solche Jn- itihitwnen ebensowohl in den großen Städten, wie in kleinen Nestern iidj befinden. An Orten wie Petersburg, Moskau, Warschau, Kieiv, Odessa usw. erfüllen diese Pflicht Beamte, denen die Zensur aus- iLndischer Zeitungen und Journale obliegt, an anderen Orten 'iiid es spezielle Postangcstellte, für die an vielen Postämtern be* 'cmderp. tliäume zur Verfügung stehen. In diese „Schwarzen .'lchbrnette" wandern nun bereits Jahre hindurch sämtliche Briefe, He aus dem Ausland kommen, und alle diejenigen aus btm Jnlande, die aus irgend welchem Grunde verdächtig erscheinen. Da es unmöglich ist, alle Briefe durchzulesen, so sind überall gran- liefe alphabetische Register jener Adressaten angelegt, deren Briefe teuer obligatorischen Lektüre unterliegen. Zeitweilig kam es so J freit, daß nicht nur die Briese von Personen, die int Geruch revolutionärer Anschauungen sich befinden, sondern auch solche, lekannter Politiker ober, wie Bakai behauptet, selbst von Ver- tactern fremder Mächte in diesen Kabinetten gelesen und kopiert wurden. Meister Plehwe hatte sogar die Ange- ivvhnheit, die Korrespondenz sämtlicher Bureaukraten, die gegen 1 ihm persönlich Opposition machten, öffnen und sich Kopien an- •aligtn zu lassen. Nicht ivenig erstaunt war darum der ehemalige Gfrcf des Poltzcidepartements, Lopuchin, als er nach der Er- iitöroung Plehwes bei der Sichtung von dessen Papieren auch die Dschrift eines von ihm selbst abgesandten Privatbriefes vorsand. I Tuürlich erfordert ein solcher Mechanismus besondere Hilfsmittel. So gibt es zur Gjtcabierung der Briefe feine Zangen, die in irgend tue Ritze oder Ecke des Kuverts bineingetan werden und das inliegende Schreiben so zusammenrvllen, daß cs mit Leichtigkeit Irnausgezogen und nach eventueller Vornahme einer Kvpie wieder locingefdjobeH werden kann. Der Adressat merkt gewöhnlich nichts, ba die Manipulationen auch nicht die <spur irgendwelcher Bescha- btjungen hinterlassen. Es wäre wirklich interessant^, zu erfahren, vb der Weltpostverein nichts von diesem schamlosen Treiben in den russischen Postanstalten weiß und ob er denn gar kein Mittel hat, dcnigstens die ausländischen Postsendungen vor der Neugier des russischen Spionagedienstes zu schützen.
29. Deutscher Zuristentag.
S.u. H. Karlsruhe i. B., 10. Sept.
Im großen Saale des Karlsruher Museums begann heute tirrmittag unter einer noch nicht dageioesenen Beteiligung von ,-triften, Professoren, Rickuern, Staalsanwälten, Rednsanwälten IllsD. aus allen -teilen des Reiches und auch aus dein benachbarten Ctfterreid^Ungarii und der Schweiz der 29. Deutsche Juriftentag feLte Verhandlungen, denen man diesmal mit ganz besonderem .T.terefi'e entgegensieht, da sie in erster Linie den soeben von der Xcidjäregierung veröffentlichtett Entwurf der neuen Reichsstraf- .L'zeßordnuTtg und andera nichtige Rechtsfragen zum Gegenstände iaicn. „ .
, i.tereffant ist die Tatsache, daß der prcußisck>e Justtzmrnüler
Beseler eine halbe Stunde entfernt zur Erholung in Baden- taben weilt. Anfänglich Ipiftc man, daß er Gelegenheit nehmen ii.rde, dem Juristentage beizuwohnen. Tie Hoffnung ist aber sseits geschwunden. — Im übrigen waren Vertreter der Reichs- ttaieruitg, des Reichsamts des Jiurern, des Reichs-JustizEts,
des preußischen Lriegsrntnisteriums, des preußischen, badischen, württemoergischen, bayerrschen und Großh. hessischen Justtzmmi» üertums erichtencn.
Zu Beginn der Verhandlungen nahm der Mterspräsident Gehermevat Dr. v. Stösser (Üvrlsruhe, der auch schon eine Reche früherer Juristrntage eröifnct l>at, das Wort uno schlug Eh hir^er Begrüßung als Vorsitzenden den Geheimen Justizrat Dr. Brunner (Berlin- vor. Professor Dr. Brunner übernahm daraus den Vorsitz. '
Darauf wurde ein Huldigungstelegramm an den Kaiser abgesandt, das folgenden Wortlaut bat: „Der in Karlsruhe versammelte 29. Deutsche Juristeuiag bittet Euere Majestät alS den Hüter und Wahrer pes Friedens und der Rechtsordnung seine Ehrfurcht und Huldigung allergnädigst entgegenzunehmen." — Gut weiteres Huldigungstelegramm wurde an Kaiser Franz Jose von Oesterreich abgesandt. Die Versammlung gemachte dann des Andenkens an fcvie unvergeßliche Tätigkeit des v.'rewigtcn Groß- herzoas von Baden, und erhob sich zu Ehren des Andenkens an den Verblichenen von den Platzen. Ter Juristentag beschloß immer die Absendung eines Huldigungslelcgramms an den Groß- Herzog von Baden.
Jöorii&enbe, Professor Dr. Brunner schloß hierauf um 10V, Ute) te erste Plenarversammlung.
3n der ersten Abteilung des Juristentages wurde zum Vorsitzenden Pwiessor Gierke-Berlin, zu seinem Stellvertteter Prof. Eneccerus-Niarburg gewählt. Die Abteilung befaßte sich mit dem -ibema der gesetzlichen Regelung des gewerblichen Arbeitsvertrags, insbesondere des TarisvertragS zrvischen Arbeitgebern oder Arbeitgeberverbänden einerseits und Arbeiterverbanden anderseits. An erster Stelle referierte über dieses Thema Reichslagsabgeordneter Justtzrat Dr. Junck- Leipzig. Er führte aus: Die Frage, ob sich eine gesetzliche Regelung der Arbeitstariiverträge empfiehlt, wäre wertlos ohne Angabe des Wie. Der zweite Referent zu diesem Thema mar Privatdozent Dr. H. Köppe-Marburg.
Die beiden Referenten legten folgende Resolution vor: „Dcr deutsche Juristentag empfiehlt: 1. wiederholt eine Reform des gewerblich en Kvaliliousreüsts im Sinne seiner früheren Beschlüsse, 2. die Beseitigung der Hindernisse, die nach dem bürgerlichen Rechte dem Er:verb der RechtSs.ihigkeit durch gewerbliche Beruisvereine entgegentreten, 3. eine gesetzliche Regelung ds Rechts der Arbeitstarifverlräge, in dec a- jeder öffentlich rechtliche Zwang vermieden, b) volle Freiheit der Abschließung und Durchführung der Verträge gewährt, c) die Möglichkeit eröffnet wird, Arbeitstarisverträge bei den Gewerbegerichten öffentlich zu registrieren, d) eine Frist bestimmt wird, innerhalb deren Mitglieder beteiligten Berufe durch Erklärungen bei der Register stelle die Tarifverlragsgemcinschaft ablehnen können, e) festgesetzt wird, daß Arocilstarifvertrüge, loeld^e beit vorstehenden Vorschriften entsprechen, unmittelbare RechtSwirkung auf die in ihrem Geltungsbereich abgeschlossenen Arbeitsverträge haben.
In der vierten .'Lbteilun^ für ven Zivilprozeß wurde Pvof. Frhr. von Call-Innsbruck zum Vorsitzenden gewähli. Verhandelt wurde in dieser Abteilung daS Thema: Ist in bür- gerltchen Rechtsstreitigkeiten das Kollegial- P rinztp zu Gunsten des Ei n z e l r i ch t e r u m s einzuschränken'? Von den Berichterstattern sprach an erster Stelle Lberlandesgerichlsprösident Dr. V i e r h a u s - Breslau. Er legte dem Juristmtag folgende Er klär nng vor: Die Frage: Ist in bürgerlichen Rechlsstreitigkeiten das 5follegialprinzip zu Gunsten des Einzelrichtertums einzuschränken'? ist keine grundsätzliche, son- bem eine Zweckmäßigkeilsfrage. Die Frage ist zu trennen von der ötagc nach leichterer ober schnellerer Erlangung der Vollstreckbarkeit für unstreitige Forderungen, bie Frage ist nicht gleichbedeutend mit der Frage der Ausdehnung der amtsgerichtlichen Zuständigkeit. Die bei der Beantwortung der Frage in Betracht ju ziehenden Gegenstände find a) größere Gewl.hr für Fortgang des richtigen Rechts, im Einzelsa^le Die Arbeit der Feststellung einer Recytsübung, b) größere Schleunigkeit und Beweglichkeit des Verfahrens, c) leichtere Zugänglichkeit dec Gerichte unb der Rechtsanwälte, d) Verhältnis zwischen den anzustrebenden Zielen und sden aufzuwendenden sacksticyen und persönlichen Mitteln, d- Einigung der vorhandenen Personen, Richter, Rechtsanwälte, Gerichtsschreiber. Beider Beantwortung der Frage zu e- ist an- zuschneiden die Frage nach der Zuziehung von Beisitzern ohne reck)tswissenschaslltche Vorbildung (Laienrichtern) zur Verhandlung und Entsck-eidung von bürgerlichen Rechtsstreiten, ferner bie Frage »mch bei Rückwirkung unb Ausdehnung bcs Einzelrichtertums au.d ie zur Zeit bestelrenbe Einrichtung Der Einzelgerichte und die Verhältnisse der zur Zeit vorhandenen'Rechüsänwälte. Dr. Vier- Hans legte schließlich folgende Resolution vor: 1. eine erhebliche Ausdehnung der amtsgerichtlichen-Zuständigkeit nach Maßgabe des dem Reichstag vorliegenden Ent:r: rss einer Novelle zum Gcrichtsversassungsgesetz und zur Zivilprozeßordnung ist nicht empfehlenswert. Dagegen sind in Gnu-ägung zu ziehen: 1. eine mäßige, der allgemeinen Prei^teigerung Rechnung tragende Erweiterung der Wertgrenze für bie amtsgerichtliche Zustänbigkeit etwa bis 500 Mark, 2. eine Ausdehnung der amtsgerichtlichen Zust indigkeit ohne Rüch'icht auf den Wert de- Streitgegenstandes, 3. ein Vorverfahren bei freu Amtsgerichten ohne Anwaltszwang in allen Vermögeusitreittgreiten bis zur Streiterbebnng, 4. ein Streilverfah- ren bei den Landgerichten mit dem Anwaltszwang, in denen nicht ZU« Zuständigkeit Der Amtsgerichte gehöreuDen vcrmögensrechtlichen Streitigkeiten von einem Einzelrichter als beauftragtem Richter unb Entscheidung durch diesen vorbehaltlich von RechtSmilteln an das Kollegial.
In der brüten Abteilung wurden zu Vorsitzenden Senats- prästdent Dr. Olshausen (Leipzig) und Geh. Justizrat Pros. Dr. D. Kahl (Berlin) gewählt.
Verhandelt wurde in dieser Abteilung über das Thema: I ft die Voruntersuchung im Sinne der gegenwärtigen 5traf« vwzeßordnung beizubehaltm, unb wie würde sie, falls diese Frage bejaht wird, zu gestalten sein?
Gutachten zu L.iefem Thema liegen vor von Landgerichtsrar Rosenberg (Straßburg) und Prof. Dr. M i 11 e r m a i e r (Gießen). Professor Mtttermaier erhebt die Fordenmg eines einheitlichen Vorverfahrens und gelangt zu dem Ergebnisse, daß wir keine gerichtliche Voruntersuchung brauchen, sortoem daß an deren Stelle dasreiue staatsanwaltschaftliche Vorverfahren zu etzcn ist. '2lber sowohl im Falle der Beibehaltung wie der Beseitigung ift das Vorversahren dahin zu ändern:
1. Gs ist Gewähr dafür zu bieten, daß die Unmittelbarkeit, Uirbesangenheit und Frische dcr Hauptverhandlung nicht beeinträchtigt wird.
2. Die Parteien sollen durch das Vorverfahren besser als bisher unterrichtet werden, und daher sollen beide entschiÄxner Mitwirken.
3. Tie Rechte des Beschuloigten müssen scharf umgrenzt und suhergeftellt werden.
4. Dem Beschuldigten ist die Selbstvorbereitung zu gewährleisten.
5. Tie Verteidiguirg ist in weiterem Umfange als bisher notwendig, iter Verkehr des Verteidigers mit dem verhafteten Be- chuldigten muß vollständig frei sein.
6. Die Unterfuchungshaft ist entschieden zu reformieren.
7. Tie Parteiöffenttlchkelt muß für alle Vorivegnahmen der Hauptoerhandlung gelten.
Ter erste Referent ;u diesem Thema Geh. Hofrat Prof. Dr. o. Lilienr Hal (Heidelberg- führte folgendes aus: 1. Tas
Vorverfahren soll der Erhebung der Anlage und nid)t der Vorbereitung der Hauptvertzanblung dienen: bcdbalb ist a> grundsätzlich frie Leitung der ^taatSaiui-altidtoit zu überlassen, die tne erforderlichen Erhebungen regelmäßig selbst vorzunchmen bot; b) eine Mitteilung der Akten deS Vorverfahrens, so ivcit es sich nicht um antizipierte Bewnsauträge handelt, an das Est'rickt ift unzulässig. 2. Die erforderliche Mitwirkung des Beschuldigten bei der Sammlung des Materials ist zu gewährleisten durch a rechtzettige Mitteilung der vorhandenen Verdachlsgrünüe vor der Eröffnung deS Haupwerfahreus, b) Zustellung einer spezialistcrrcu. Anklagesct-riN, c) daS Recht jederzeit BeweiSaniräge zu fteficn. bereit Ablehnung nur in einem motivierten Besch-we und unter dem Hinweis auf das Recht der Wiederholung in der Hauptverhandlung und der unmütelbaren Ladung geschehen kann 3. Die Verteidigung ist in weiterem Umfange von amlswegen zu fördern, der Verteidiger soll regclrn.rßig schon im Vorverfahren bestellt werden. Sein Verkehr mit dem verhafteten Beschuldigten unterliegt keinen Beschränkungen. 4. Der Erlaß eines Haftbefehls ist auf Grund bestimmt anzugebender Tatsachen und nur nad) vorgängiger mündlicher Verhandlung mit dem Beschuldigten zulässig.
21 ui Stadt und Land.
Gießen, 11. Sept. 1908.
** Personalnachrichten. S. K H. der Großhcrzog hat den Aktuar bei dem Amtsgericht Worms Karl Beith zum Aktuar bei dem Amtsgericht Darmstadt II mit Wirkung vom 1. Oktober ernannt.
"Erledigte Stellen. Tie mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gcmeindeschulc ztt Udenhausen. Mit dcr Stelle ist Organisten- und Lektor- dienst verbunden. Dem Stelleninhaber kann eine Ortszulage gewährt werden.
•• Vom Manöver. Die 42. Infanterie-Brigade, be» stehend aus den Infanterie-Regimentern 80, 81 und 166. hält gegenwärtig ihr Brigadentanöver um Meschede ab Dcr Brigadestab liegt in Berghausen. Morgen gehen bie BcigademanSoer zu Ende, dann finden vom 13.—19. die TivifionsmanÜver statt, welche sich bis inS Rothaargebirge ziehen. Die 42. Brigade bildet in den Divtsionömanöoern die blaue Partei. Gestern befanden sich die 166er (Hanau) in Remblinghausen, Meschede und Umgegend im Quartier, die 81er in Eslohe und Umgegend, die Dragoner Nr. 6 in Estlohe, Nestwig, das Artillerie-Regiment.Frankfurt^ Nr. 63 ist in Berghausen und EwerSburg. Ihr Manöver wird sich morgen gegen Brillon und Bigge erstrecken. — Die 41. In- santerie-Bcigade, bestehend aus den Negimentern 87 und 88 und der Unterosfizierschule Biebrich, kämpften in den Bergen am Lennetal, größere Pionierübungen, z. B. Brückenschlägen, sind damit verbunden. Der Brigade sind die Ulanen Nr. 6 und das Artillerie-Regiment Nr. 27 zugeteilt.
** Für die Divisionsmanöver der 21. Division bildet die 41. Brigade die rote Partei. Große Aufklärungsübungen werden sich Ende der Tivisionsmanöver in dem gebirgigen Gelände des Rothaares zwischen bcn beiden Kavallerie-Brigaden Nr. 21 und 25 abspielen. — Die Truppen der 25. Division hatten am Donnerstag einen Ruhetag. Die 115er und 168er liegen in Biedenkopf, die 116er und die 61er Artillerie in und um Battenberg, die 24er Dragoner in Frankenberg, Züschen. Bon her 50. Brigade liegen di« 117er in Lixfeld, Simmersbach, die 118er in Dautphe, Breidenbach, Silberg, die 25. Artillerie in Breidenbach, die 23er Dragoner in Dautphe, Friedensberg^ .Heute hat die ganze 25. Division bei günstigem Wetter groß.- Biwats. Tas Regiment Nr. 116 hat seit dem 28. August in Battenberg, Satten» seid, Rennertehausen im Quartier gelegen, heute wird es seine Standquarttere verlassen. Tas bergige, teilweise schroff abfallende Gelände macht allerdings den meist in der Ebene einexerzierten Mannschaften viel zu schaffen.
" Meisterprüflingen. Nach vorauSgegangenen praktischen Prüfungen finden in den Tagen vom 7. bis 14. September die theoretischen Meisterprüfungen füi die Provinz Oberhessen im neuen Gewerbehauö statt unter Leitung des Baumeisters Traber. Zu den Prüfungen haben sich 43 Kandidaten ans allen Teilen OberhesienS ein- gesunden, sie vertreten 19 verschiedene Berufsarten. Davon sind je 1 Schornsteinfeger, Sattler, Buchbinder, P.aler, Kürschner, Wagner, Spengler, Elektromechaniker, je 2 Schuhmacher, Schneider, Schreiner, Zimmerer, Installateure und Glaser, je 3 Schlaffer und Dachdecker, 5 Bäcker, 6 Megger und 7 Maurer. Die Ueberreichung der Meisterbriefe an die Kandidaten erfolgt am 27. September im Beisein eines Vertreters des MinisteriuinS.
"Obdachlose. Bei einer Razzia im Neustadter Feld wurden in vergangener Nacht sechs Personen in Strohhaufcn obdachlos Qufgcflöbert und verhaftet. Im Besitze des einen Verhafteten fand sich eine Pickelhacke, über deren Erwerb er ich nicht ausweisen konnte. ^)ie Hacke scheint an einer Arbeitsstelle, bei Pflasterern oder Erdarbeitern, gestohlen zu ein und kann sich der Eigentümer bei der Polizei melden.
x Treis a. d. Lda., 7. Sept. Ein vorsichtiger Dieb treibt hier schon seit 2 Jahren zu nächtlicher Zeit ein Gewerbe und stattet hauptsächlich den Speiselammem eine Besucke ab. In einer der vergangenen Rächte schlich er sich in der Bahnhofstraße in ein Haus, geriet aber in die Schlafstube des Hausbesitzers, dcr infolge des (öcräusches erwachte und den Fliehenden verfolgte. Leider gelang es ihm nicht, den Kerl festzuhaltcn. Da er ihn aber als einen hiesigen Einwohner erkannt hat, den man schon lange ate Täter im Verdacht hatte, so n ivb ihm endlich ba* Handwerk gelegt werden.
= Grünberg, 9. Sept. Ter Gemeinderat beschloß die Einrichtung der Zentralheizung für das Bolksschul- gebaute
Darmstadt 10 Sept. Die Stadtverordneten- Versammlung beschloy heute cüu ErhöhungderTarif- a b.e für das städtische Krankenhaus, die in erster Linie durch ne in den letzten Jahren vollzogenen kostspieligen Erweiterungs-- bauten notwendig gewor^ni i>t. F.r 1. v.a:< Verpsttgung m besonderen Zimmern: Einheimische 6 Mk., Auswärtige 8 Ml
o11 0 ®tl-,; für 2. Klasse l Sonderzimmer
^nhelmlfcha 3 Mk., Auswärtige 4 Mk ; füc
3. Klane (Verpflegung m gemeinschaftlichen Zimmern- Emhei-


