Ausgabe 
11.3.1908 Zweites Blatt
 
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Dchrey'scheu Vereine am hiesigen Realgymnasium, Gymnasium und vom Regiment Kaiser Wilhelm, des Deutschen Handlungsge- Hülfen-Vereins Leipzig, Kreisverein Gießen, und des Deutsch- nationalen Handlungsgehülfen - Verbandes, Ortsgruppe Gießen. Nach einer Begrüßungsansprache durch den Vorsitzenden hielt Kulturtechniker C u l l m a n n einen Vortrag über die Geschichte des Vereins, aus dem folgendes mitgeteilt sei: Der Verein wurde mn 8. 3Kärj 1895 mit 11 Mitgliedern begründet und zählt gegenwärtig 60 Mitglieder. Tie Unterrichtstätigkeit ist mit der Zunahme der Mitglieder ebenfalls gestiegen. Es hat sich na­mentlich in letzter Zeit ein großes Interesse für das Stolze- Schrey'sche System in Gießen bekundet, die Zahl der an den Unterrichtskursen beteiligten Personen betrug seit 1. Oktober v. I. über 100, darunter auch 12 Damen. Neben dgx Unterrichts­erteilung wurde fleißig an den Vereinsabenden nach Diktat geübt. Bei verschiedenen öffentlichen Wettschreiben wurden Mitglieder mit hohen Auszeichnungen bedacht.

* Aus dem Bureau des Stadttheaters. Das auf vielfachen Wunsch für nächsten Sonntag nachmittag nochmals angesetzte KindermärchenDie verzauberten Frösche oder Marie das Plappermäulchen" scheint nach dem Vorverkauf so starke Anziehungskraft auszuüben, daß Interessenten gut tun werden, bei Zeiten Plätze sich zu sichern. Benefizaufführungen finden am neuen Stadt­theater nur noch für die Regisseure statt. Das erste Benefiz gilt dem hochverdienten Oberregisseur unserer Bühne Hermann Bakof, der BcyerleinsZapfenstreich" gewählt hat. Stück wie Benefiziant dürften eine gleich große An­ziehungskraft ausüben. Wir kommen noch weiter auf das Benefiz zurück und bemerken nur heute noch, daß Billets zu der nm 18. März stattfindenden Aufführung von heute ab aus­gegeben werden.

** Eine ungarische Geigertruppe wird auf ^ihrer Weltreise auch hier morgen Donnerstag im neuen Saalbau gastieren. Große Abwechselung in Musik, Solo- Und Chorgesang, außerdem choreographische Genüsse iverden Uns geboten. Bezaubernd reich an Lichteffekten und Ver­wandlungen ist die Aufführung: Ein Märchen aus 1000 und eine Nacht. Die Landestrachten, besonders die der Damen, sind schmuckvoll und volkstümlich. Die Truppe hielt einen wahren Triumphzug durch die Schweiz, die Niederlande, Frankreich usw.

** Im Kaiser-Panorama sind von Sonntag an Bilder vom Rhein und zwar von der schönsten Strecke, von Mainz bis Köln, zu sehen. Eine Fahrt auf unserm schönen Rheine, dem von der Sage umwobenen, von Dich­tern und Sängern gepriesenen deutschen Strome, wer machte sie nicht gerne? Eine Dampferfahrt zu Tal von Mainz durch den freundlichen Rheingau mit seinen berühmten Wein- Lergen, vorbei am Niederwald, durch das Binger Felsen­tor in die weltbekannte Stromenge, vom Mäuseturm an bis Hum Ehrenbreitstein! Mit ihren Burgen, Ruinen, Kapellen, Felsen und Schluchten, wohin das Auge sich immer wendet, wer sähe sie nicht gerne, diese Städte der Romantik? Sicher­lich würde ein jeder gern zu den grünen Ufern des Rheins wandern, da dies aber nicyt allen beschieden sein kann, so vermögen die ausgestellten Bilder einen annehmbaren Ersatz M bieten Denn wahrheitsgetreu sind die Landschaften auf jeden Fall, so daß man sich recht wohl eine Vorstellung von dem Leben und Treiben am Rheine machen kann.

** Z u m d e u t s ch e n T u r n f e st i n F r a n k f u r t a nr Main laufen die Anmeldungen überaus zahlreich ein. Bis jetzt sind gemeldet: 42 488 Festteilnehmer, 18 750 Frei­übungsturner, 2041 Sechskämpfer, 2571 Fünfkämpfer, 607 Ringer, 185 Fechter, 531 Schwimmer, 170 Meldungen zu Wettspielen. Derartige Zahlen sind bis jetzt noch auf keinem deutschen Turnfest dagewesen; sie übertreffen die seitherigen um mehr als das Doppelte.

x Lollar, 10. März. In der vom nationalliberatcn Verein einberusenen öffentlichen Versammlung am Sonntag waren über 250 Besucher anwesend, von denen wohl die Hälfte der sozialdemokratischen Partei angehörle. Nach dem Referenten Professor Dr. Biermann (nicht Biermer, wie es gestern infolge eines Druckfehlers hieß), der über die politische Lage im Reich sich verbreitete, sprach von sozial­demokratischer Seite Gewerkschastssekretär Müller von Offenbach. Die Versammlung naym einen sehr ruhigen Verlauf.

----Mainzlar, 9. Viärz. Gestern abend veranstaltete der -iegerverein im Saale des Gastwirts Müller einen Untcrhattungs- abend. Lehrer K'e il-Kleinlind en referierte über unsere Kolonie Eüdwestafrika. An der Hand einer Karte verbreitete er sich über Größe, Bodengestaltung, Klinra, Vegetation und Bewohner der Kolonie. Sodann gedachte er der Kämpfe unserer braven Truppen dort. Er schilderte die Ursachen des Ausstands und wies darauf hin, wie trotz der größten Entbehrungen mW Strapazen die Truppen ihre Pflicht getan haben. Auch die übrigen deutschen Kolonien wurden erwähnt und dabei betont, daß Deutschland der Kolonien bedürfe, wenn es seine Großmachtstellung nicht cinbüßcn Wolle. Es dürfte dieser Abend der Anfang zu weiteren derartigen Veranstaltungen bilden.

Allertshausen, 9. März. Bei der heute hier zum drittenmal vorgenommencn Bürger meisterwa hl kam es wie bei den vorhergcgangencn Wahlen zu Stiinmen- gl eich heil. Bei der Losziehung wurde das Glück dem Kandidaten Heinrich Sch om der II. Da Wahlbeein- stuffungen vorgekommen sein sollen, ist wiederum Reklamation gegen die Wahl Abgängen.

§ Bad-Rauheim, 10. März. In der heutigen Sitzung der Stadt verordnet en-Versa mnllu ng wurde beschloßen, für die Erwerbung des Kernschcn Kohlensäure­werks 150 000 Mk. zu bewilligen. Das Weck soll für die Stadt erworben werden unter der Voraussetzung, daß der Staat einen Zuschuß in gleicher Höhe dazu leistet.

-t- Friedberg, 10. Mürz. Um zu versuchen, die Zah­lungsschwierigkeiten der Möbelfabrik der Finna H. Bindewald durch einen außergerichtlichen Vergleich (Befristung und Schulüveduktiou) zu beseitigen, hatte die genannte Firma auf heute eine Gläubigerversammlung einberufen. Dieser Versuch ist ge­scheitert; eine Einigung ist nicht zustande gekommen und die Eröffnung des Konkursverfahrens erscheint nunmehr unvermeidlich. Im Interesse aller Beteiligten wäre es gelegen, daß das Verfahren rasch und energisch durchgeführt würde, schon deshalb, bannt das wertvollste Vermögensobjekt, das zu etwa 100 000 M. bewertete Fabrikanwesen, alsbald rentabel gemacht und durch längeren Ge- schästsstillltand nicht im Wert verringert wird. Als vorhandenes Vermögen werden 290000 M., als Schuldenmasse 500 000 M. genannt. Diese Zahlen sind jedoch durchaus unverbürgt und auch sonst noch problematisch. So sollen in den 500 000 M. Schulden enthalten fein, als die Einlagen der Gesellschafter 198 000 Mark. Ist das richtig, so würden im Konkurse über die offene Handelsgesellschaft nicht oOO 000 M sondern nur 302 000 M. Passiven zu berücksichtigen sein. Ungünstig für eine Verteüungs-- nmsse käme aber lüieöer in Betracht, daß wohl über 100 000 M. bevorzugte Forderungen (Hypotheken usw.) vorhanden sind. Die Ursache der eingetretenen Krisis ist, soviel bis jetzt bekannt, Ge- schästsvergroßerung ohne zureickiendes Betriebskapüal und im Zu­sammenhang damit chronisch-ungenügende Rentabsittar. Sehr wenig angebradjt ist die polternde Mritif sozialdemokrauscher Blät­ter; das, was für sie und thren Leserkreis aus benu vorliegenden Fall resultiert, ist die Lehre, daß die Solidarität der Znteresien

von Arbeitgebern und ALvertnehmern mental außer Acht gelassen werden sollte, daß ferner die fortwährenden Lohnerhöhungsforde- rungen keinen geordneten Geschäftsbetrieb zulassen, sondern^ ihn stören und ruinieren und daß auf diese Weise die Arbeiter selbst den Ast absägen, auf dem sie sitzen.

X Kohden, 9. März. Gestern abend sprach in dem Saale des Herrn Koch vor zahlreicher Zuhörerschaft Herr- Riedel aus Gießen überDie politische Sage'. Aus­gehend von der Charakterisierung des Blocks, behandelte er zunächst die äußere und dann die innere Politik. Eingehend beschäftigte er sich mit der Marokkoangelegcnheit, der Koloni­sation, der Finanzreform, der Sozialpolitik, mit Heer und Flotte und mit Mittelstandsfragen. Auch der Polenpolitik und anderen preußischen Angelegenheiten schenkte er Beachtung. Im zweiten Teil seiner Rede beleuchtete er die Stellung der Parteien. Ausgehend vom Antiblock, deffen Antinationalsinn er gebührend kennzeichnete, schilderte er den Block, um sich dann mit der wirtschaftl. Vereinigung zu beschäftigen. Zum Schluffe legte er die Prinzipien der nationalliberalen Partei dar als der Mittelpartei des Blockes. Der Vortrag fand reichen Beifall. Prof. Luley ergänzte noch die Aus­führungen über die Antisemiten, worauf Herr Riedel mit einem Kaiserhoch die Versammlung schloß. Die Gießener Deutsch-Sozialen waren von dem Referenten benachrichtigt, aber nicht erschienen.

(!) Sch adenbach, 9. März. Unser Kirch en bau ist jetzt im Rohbau vollendet. Bis jetzt sind im ganzen 10 590 Mark Baukosten entstanden, so daß mit der vorgesehenen Bausumme von 17 000 Mark der Bau vollendet werden kann. In dem Neubau wird die Kanzel unseres seitherigen Gottes­hauses Verwendung finden und eine Orgel wird unter allen Umständen angeschafft werden. Man wartet vor der Be­stellung die Dekanatstollekte ab, um hiernach die Höhe der noch zu bewilligenden Summe und die Art der Ausführung zu bestimmen. Ueber die Architektur des Kirchleins wird von fachmännischer Seite recht günstig geurteilt, und schon jetzt kann gesagt werden, daß es sunserem Ort zur Zierde gereichen wird.

Qu eck, 10. März. Am letzten Sanrstag wurden die sterblichen Ueberreste des Pfarrers Adolf Clotz im Beisein eines großen Verwandtenkreises unter zahlreicher Beteili­gung der Gemeinden des Kirchspiels Queck und der Um­gegend zu Grabe gebracht. Unter Ansprachen wurden Kränze niedergelegt von Dekan Strack in Leihgestern im Namen der Geistlichen des Dekanats Gießen, namens der Gemeinde Hausen von dem Bürgermeister, namens der Kirchengemeinde daselbst von einem Kirchenvorsteher. Tie Einsegnung erfolgte durch Pfarrer Wahl in Beienheim, einem alten Freunde des Entschlafenen und seiner Familie, der dann auch in der Kirche die eindrucksvolle Predigt hielt, der er die Worte Luk. 2, £9 und 30:Herr, nun lässest du deinen Diener iu Frieden fahren usw." zugrunde legte.

Mainz, 9. März. Infolge einer Bestimmung der bischöflichen Behörde finden demnächst hier in sämtlichen katho­lischen Kirchen Volksmissionen statt, und zwar wurde durch den Bischof verfügt, daß in den verschiedenen Kirchen von hervorragenden Kanzelrednern verschiedener Orden je ein Zyklus religiöser Vorträge gehalten werden sollte, zum Bei­spiel im Dom von Jesuitenpatres. Gegen die geplante Zulassung von Jesuiten zu den Volksnnssionen, die bereits in öffentlichen Blättern angekündigt worden war, hat nun die Staatsregierung energisch Einspruch erhoben. Minister Braun war zu diesem Zwecke in die Diözesenhauptstadt ge­reist. Stuf dieses Vorgehen der Regierung hin hat nun Bischof Kirstcin darauf verzichtet, die Angehörigen des Jesuiten- ordens gu den Volksmissionen heranzuziehen. Der Fall er­regt ivegen seiner prinzipiellen Bcdeutllng begreifliches Aufsehen.

Mainz, 10. März. Die Reklamation gegen die Wahl des Realle h r e rs Wilhe lm Fu ch s zu m Stadt­verordneten kam heute vor dem Provinzialausschuß in der Rekursinstanz zur Verhandlung. Der Einspruch gegen die Wahl wurde, wie in der Vorinstanz, als unbegründet zu­rückgewiesen. Das Urteil des Provinzialausschusses ist endgültig und jetzt wird Herr Fuchs ins Stadtverordneten- Kollegium eintreten.

+ Marburg, 10. März. In der akademischen Turn- Halle hier wurde heute die erste Turnlehrer-Prüfung für die Provinz Hessen-Nassau abgehalten.

tc. Hanau, 8. März. Nachdeirl sie 17 Jahre lang fast vollständig gelähmt war, ist dieser Tage die Schrift­stellerin Sophie Cöfter gestorben, eine Tochter des kurhessischen Oberst v. Bischoffshausen. Von ihren zahlreichen Soldatennovcllcn und -Humoresken sind dieLeutnants- crinnerungen eines alten Kurhessen" am bekanntesten. Die Verstorbene war in Kassel geboren und hatte einen Teil ihrer Jugend hier verlebt.

R.-B. Darmstadt, 10. Mörz. In der heutigen S ch w ur- g er i ch t s - B erh a u d l u u g gegen den Gattenmörder Gum bart von Mitleid ick erfolgte nach Verlesung des Er- öffnungsbeschlusses zunächst die Vernehmung des Angeklagten. Er schildert zusammenhängend seine unglücklichen ehelichen Verhältnisse. Er bezichligt seine Frau als trunksüchug, was die eigentliche Ver­anlassung zu den Mißhandlungen gebildet habe. Als erster Sach­verständiger bekundet Sanitälsrat Tr. Horn, Langen, näheres über die furchtbaren Mißhandlungen der Frau. Auch Dr. med. Zinßer, Offenbach, schildert den Leichenbefund und konstatiert, daß die Un- zahl schwerer Verletzungen unzweifelhait den Tod der Unglücklichen herbeiführten. Kaum eine heile Stelle vom Kopfe bis zu den Knöcheln war vorhanden; überall bedeckten Wunden, Beulen, ge­borstene Haut, die durch starke, stumpfe Gemalt (einem Prügel) herbeigeführt waren, den Körper. Große Blutergüsse fanden sich unter der Haut, sogar das Fettpolster war an vielen Stellen zu einer breiartigen Masse geschlagen worden, eS können bis zu zwei­hundert starke Schläge auf den Körper gefallen sein. Die Gesamt- wirkung war Herzlähmung und Tod. Die Frau sei also im wahren Sinne des Wortes totgeprügelt worden. Der Unmensch zeigte auch bei seiner Vernehmung und bei der Leichenschau ferne Reue. Der Angeklagte wurde unter Versagung mildernder Umstände zu zehn Fahren Zuchthaus und zehn Jahren E h r v e r l u st verurteilt. Der Staatsamvalt hatte 12 Jahre beantragt. Gumban behielt sich die Annahme des Urteils vor.

Frankfurt a. M., 10. März. Die Zivilkammer des hie­sigen Landgerichts verhandelte heute über die Klage des Bankiers Adolf Lindner-Berlin gegen den Verlag derFranksur- ter Zeitung" und den verantwortlichen Redakteur chres Handelsteils, Hermann Stern, auf Ersatz des Schadens, der ihm durch mehrere Artikel derFrankfurter Zeitung" vom Sep­tember 1906 über die Gewerkschaft Elisenburg angeblich ent­standet; sei. Kläger hatte diesen Schaden mit 13/4 Millionen Mark beziffert, davon aber vorerst nur 4000 Mk. eingeklagt. Tie Klage wurde kostenfällig abgewiesen.

Karlsruhe, 10. März. Tie auf Donnerstag, den 12. ds. Mts. angesetzte Verhandlung üt der Beleidigungs­klage des Fräulein Olga M o l i t4* r gegen den Ehefredak- teur Albert Herzog von der Badischen Presse tv-urde wegen Er­krankung des Fräuleins Aiolitor auf unbestimmte Zeit ver­schoben. ' '

vom Lawinenunglück bei Goppenstein

in der Schweiz geht uns von einem eifrigen Laser unsereg Blattes aus Brig im Kanton Wallis, einem gebürtigew Klein-Lindener, folgende Schilderung zu:

Das ganze Lonzatal ist öde, und von mädjtigen steilen Bergen umgeben liegt in einem Kessel Goppenstein. Zahlreiche Lawinen bedecken oft im Winter den Talkessel mit meterhohen: Schnee. Tie Lawinengefahr ist dort sehr groß und cd war voraus­zusehen, daß ein solches Unglück geschehen würde. Tie Lötschberg-Unternehmung, welche die Station Gampal mit der Simplongegend durch den Lötschberg-Tunnel in Verbindung bringen will, war gezwungen, in Goppenstein, wo der Tunnel seinen Anfang nimmt, zur Unterbringung der Arbeiter und Be­amten Gebäude zu errichten. Schon bei dem Bau des Hotels wurde die Bauleitung von den Taleinwohnern gewarnt, doch u m s o n st. Es hätte sich auch nur schwer ein - besserer Platz finden lassen. Am 29. Februar abends 71/2 Uhr geschah das Unglück. Die Hotelbewohner saßen beim Nachtessen, einige Herren spielten Billard. Fast lautlos stürzte die Lawine, und machte ca. 50 Meter hinter dem Hotel Halt. Ter gewaltige Luftdruck blies das Gebäude weg, zum Teil in die Lonza, einen Bach, der das Tal durchfließt, während leichtere Gegenstände ca. 300 Meier weit geschleudert wurden. Zur Zeit waren ca. 30 Personen im Hotel anwesend. Ter Hotelier und seine Frau retteten sich durch staunenswerte Geistesgegenwart, indem sie sich zu Boden warfen, als sie ein Italiener knabe warnte. Es ist festgestellt, daß die­jenigen Personen, welche der Lawine den Rücken kehrten, davon­kamen, während die, welche ihr zufällig entgegen) alten, durch Ersticken den Tod fanden. Die Drähte der elektrischen Beleuch­tungsanlage waren gerissen, tiefe Finsternis herrschte ringsum: dazu das Heulen des Windes, ein feiner Schneestaub und das mächtige Rauschen der Lonza. Arbeiter eilten zur Hilfe. Erst nachts uim 2 Uhr trafen Aerzte von Brig im Auw ein. Dr. Bossus, ein junger Arzt von Genf, der erst einige Wochen im Dienste der Gesellschaft stand und mit seiner jungen Gattin in dem Hotel die Ankunft seiner Möbel erwartete, fand auch den Tod in den Trümmern, während seine Frau mit einigen Verletzungen davon kam. Im ganzen forderte die Katastrophe 12 Tote und ca. 15 schwer ober leicht Verletzte. Diese wurden in das neue Kreisspital in Brig gebracht. Ter dortigen Arbeiter bemächtigte sich eine Panik, viele verließen sofort die Stätte, wo sie ihres Lebens sich nicht sicher glaubten, zumal die Lawinen­gefahr für dieses Frühjahr noch nicht beseitigt ist. Tie Vorsichtsmaßregeln, welche die Gesellschaft jetzt zu treffen hat, lverden ihr wohl teuer zu stehen kommen, da für ein festes, massives Gebäude, welches den Luftdruck aushält, oder für die Herstellung einer anderen, geeigneteren Unterkunft gesorgt werden muß."

Die Staublawine von Goppenstein ist im übrigen viel­fach falschen Vorstellungen begegnet. Staublawinen entstehen bei trockenem, kaltem Wetter durch die Ablösung von feinkörnigem Schnee auf kahlen Berghängen, der dann in stäubenden Schnee­wolken zu Tal treibt. Sie sind weniger durch die in Bewegung befindlichen Massen gefährlich, als durch den orkanartigen Lust­strom, den sie erzeugen. Tie Grund-oberSchlaglawinen, die im Frühjahr niederzugehen pflegen, bilden sich int Gegensatz zu den Staublawinen bei feuchtem (Tau) Wetter. Sie entstehen durch die Ablösung von schmelzendem, nassem Schnee, der andere Schnee- und Eismafsen im Sturze mit sich sortreißt. Tiefe Lawinenform ist längst nicht so gefährlich wie die Staublawinen. Tie Schlaglawinen sind regelmäßige Abrutschungen, die sich zur Zeit der Schneeschmelze in den Bergen meistens an den gleichen Stellen zeigen. Man kennt sowohl die Zeit ihres Niederganges wie ihre Bahnen, die sich selbst noch im Hochsommer unschwer erkennen lassen. Eine dritte Lawinenform bezeichnet man als Gletscher- und- Eislawincn. Es sind diejenigen La­winen, denen die Bergsteiger in den Hochalpen zum Opfer fallen. Sie bilden sich durch die Ablösung und Abbröckelung von vereisten Schnee- und von Gletscherteilen. Gletscherlawinen kann man zu allen Jahreszeiten beobachten. Für die bewohnten Täler lind sie weniger gefährlich, da die niederstürzenden Eismassen .selten über die Eis- und Schneehöhen der Hochalpen hinaus­gehen und in das Gletscherbett fallen. Am gefährlichsten und verderblichsten sind die unberechenbaren Staublawinen, da man sich nur durch umfangreiche Vorkehrungen gegen sie schützen kann und Zeit und Ort ihres Niederganges nicht zu bestimmen sind. Gegen die Grund- und Schlaglawinen sind allenthalben in der Schweiz, wv sie häufig aufzutreten pflegen, umfangreiche Siche­rungen getroffen. So ist beispw. die Bahnstrecke der Gotthard- bahn durch unzählige keilförmige Lawinenbrecher, durch Flecht­werk, Zäune und Pfahlwerke vor Lawinenzügen geschützt. Tie wirksamste Verteidigung gegen die verheerende Wirkung der La­winen sind die Bergwälder, die in bestimmten Gegenden der Schweiz besonders gepflegt werden. In den letzten 50 Jahren hat man durch Aufforsten kahler Berghänge besonders viel gegen die Lawinengefahr getan.

Kleine Tageschronik.

In Magdeburg erhängte sich ein Tertianer des Domgymnasiums, weil sein letztes lateinisches Extemporale mitungenügend" zensiert worden war. Seine Versetzung war dadurch zweifelhaft geworden.

Neue Erpresserbriefe gibt es in München fast alle Tage Der Generalarzt der Armee Wagner erhielt am. Dienstag von einem Unbekannten einen Erpresserbrief, in dem mit der Veröffentlichung von verschiedenen intimen Affären ge­droht wird, wenn er sich nicht bereit erkläre, mehrere Hunsert Mark zu zahlen. Das Geld sollte unter einen Treppenläufer des Hauses, in dem der Generalarzt wohnt, gelegt werden. Wagner benachrichtigte die Polizei, die das Haus überwachte, bis jetzt freilich ohne Erfolg.

Auf seltsame Weise verunglückten in Blieskastel (Pfah) die Schwestern des Schmiedemeisters Jung. Von der Schlotz- ruine neben dem Hause löste sich ein Felsstück los, zerschlug das Küchenfenster und zertrümmerte die auf dem Fenstertische stehende Lampe, die explodierte und ihren brennenden. Inhalt auf die beiden Mädchen ergoß. Beide trugen lebensgefährliclie Verletzungen davon.

Märkte.

fc. Frankfurt a.M., 11 März. Schweinemarkt. (Org.- Tel. des Gieß. Anz.) Zum Verkaufe standen 1396 Schweine. Bezahlt wurden: für Sckuveme 1. Qual. 5859 Psg., Lebendgewicht 46,0 bis 00,0 Pfg.; 2. Qualität 5657 Psg., Lebendgewicht 45,000 Pfg.; 3. Qual. 4851 Pfg. Markt gut, Ueberftanb unbedeutend.

Gießener Wetterdienst.

Voraussichtliche Witterung für Hcsjeu am Donnerstag den 12. März 1908: Teilweise heiler. Vereinzelt geringer Schnee. Nachts Frost. Auch am Tage kälter. Nördliche Winde.

OriTSnal-DrahtineLdrrnge«.

Paris, 11. März. Tas deuts ch- feindliche Gd?0 de Paris läßt sich aus Rom meld.'N, dort verlaute, Kaiser Wu- helm bütte die Absicht gehabt, in Venedig eine Rede über den Dreibund zu halten. Er hätte diese Absicht jedoch aufgegeben, da 'man in Deutschland befürchte, daß eine solche Kundgebung vom italienischen Sötte kalt aufgenommen und Anlaß zu unlieb» fernen Kvmmentaren über den Dreibund geben würde. Der Bciuch des Kaisers soll deshalb ausschließlich privaten Charakter tragen.

Petersburg, 11. März. In dem hiesigen Wafsen- unb Munitions-Depot ist man großen Unregel- mäßtgkeiten auf die Spur gekommen. In einem Magazin befanden sich statt 20 Millionen nur 40 000 Patronen. Eine strenge Unlerstichung wurde eingeleitet.

Bukarest, 11. März. Unter den Bauern der nörd­lichen Moldau nimmt die aufrührerische Bewegung wieder bedenklick)e Timensioneit an. Die Bauern stellest an die Gutsherren und Päck)tLr maßlose Forderungen. Militär wurde in die bedrohten Gegenden abgesandt.