Ausgabe 
11.3.1908 Erstes Blatt
 
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waltung, die debattelos genehmigt wurden, ebenso die gleich­falls zurückgebliebenen Titel des Etats der Staatsschickden-Ver- tvaltung. hierauf begann die 2. Lesung des Etats der Ansiedc- lungskommission. Nach längerer Debatte wird der Etat gegen die (Stimmen der Polen und des Zentrums angenommen, während die Negierungs-Denkschrift und die Ausführung des Ansiedelungs­gesetzes an die Budget-Kommission geht. Nun trat das Haus in die 2. Beratung des Etats der Verwaltung der direkten Steuern ein. Morgen Fortsetzung und Etat des Finanzministeriums. Vorher Interpellation betr. Beamtcn-Be- soldung.

4parlametttar6$d?es*

Das preuh. Abgeordnetenhaus

beriet am Dienstag zunächst die Vorlage betreffend den Bau des masurischen Kanals und verwies sie an eine Kommission von 21 Mitgliedern, nachdem Minister Breitenbach sie emp­fohlen und auch Abgeordnete aller Parteirichtungen sich zu ihren Gunsten ausgesprochen hatten. Es folgte dann die ziveite Lesung der zurückgesetzten Titel der Handels -und Gewerbever-

semble. Die kunslpädagvgische Vorarbeit durch Professor Dr. Collin hat jedenfalls wesentlick) dazu beigetragen,die Wildente' am Dienstag Mr großen Wirkung kam. Das Stuck ist mit un- vergleicktlicher Macht, ist vehement eingedrungen. Man hatte das iGesüh'l, da härt das Theater auf, es ist kein Spiel mehr, sondern jetzt wird vor uns über das Wesen unserer ganzen Zeit verhandelt. A wird Gerichtstag gehalten. Ter simple Durchschnittsmensch ist üm seines törichten Lebenswandels willen angeklagt.

Doch nicht von ihm ist zuerst zu reden, sondern von ihr, der aenialen Künstlerin, der wir die Aufführung der Menschen Dichtung in unserem Stadltheater zu verdanken haben, von Gertrud 91 Ein farblos unschöner Knabenkops, eine hohe freie Stirn, ein grauer ireundlicher Blick, eine häßliche kleine Slülpnase, eine kleine unansehiiliche Figur. Ein mehr als durstiges Kleidchen. Also nichts, aber auch gar nichts Gewinnendes, geschweige denn Bestechendes im Reicheren. Nichts, was man hübsch, lieb oder anmutig nennt. Ihr kleines Persönchen ist, nid den ersten Blick, eher dazu angetan, von der Bühne ab-, als zu ihr hinzulenken. Aber ihrSpiel"! Es ist ebenso unscheinbar wie das alltägliche Leben, es kennt keine Schminke. Es ist nicht Spiel, es ist Erlebnis. Man sieht vor sich das halbflügge kleine Mädchen aus dem Bolte von herber Knospenhailigkeit, in dem Aller, dadie Stimme wechselt", in feiner ganzen blöden und doch jo herzigen Art. Em rührend Geheimnisvolles liegt in ihr, eine nachdenkliche Innigkeit. Ein Kind voll hingebender Liebe, voll zarten, tiefen Empnndenc. sieht vor inls, mit dem man fein fromm und zum Kinde wird und mit dem man allabendlich zu beten herzlich bereit ist, die Wild­entemöge vor dem Tode und vor allem bewahrt bleiben'. Wie groß muß die Künstlerschast dieser Frau sein, daß^nan über ihrem Spiel" so ganz ihr Alter vergißt und bis zum Schlüße m ihrem Banne sich gefangen sieht. Das fahrig Hastige, Ungewlsse m ihren Bewegungen, das Kantige und Unbeholfene, an einenjungen Nen- 'undlander Gemahnende der ganzen Erscheinung, die impulsive Kindlichkeit jedes Ausdrucks, gezähmt durch fernen Klernrn<wchen- takt und Klenrmädchenfchämigkeit, geben Genrebilder von un­vergleichlicher Wahrheilstreue. Und immer spricht das seme Klein- mädchenherz mit. 9lein, das spricht allem. Alle Remheit und alle Güte, alle Liebebedürstigkeit und aller Llebesuberfchuß liegen wie ein Heiligenschein um diesen eckigen zopfigen Backstschkopf. 3bre Trostlosigkeit um die verlorene Vaterliebe ist erschütternd. Man möchte sie in den Schooß nehmen und streicheln. j,enn das, was diese Kindesseele völlig beherrscht, was sie ganz aussullt, ist die hin- gebendste Bewunderung für den schönen Vater; nut strahlenden Augen blickte sie zu ihm auf, mit stolzer schüchterner Freude lauschte sie auf seine Worte und blickte in Anderer Gegenwart forschend von einem zum andern, ob jene chn auch genug bewundern. Das vom schroffen Jbfen mit besonderer Zärtlichkeit geschaffene Wesen

GLetzener StadttheateV.

Die Wildente.

Von Henrik Ibsen.

Am 2. September 1884 schickte Ibsen, dessen 80. Geburtstag vir crm 20. b. M. zu begehen haben werden, das Manuskript einerWildente" aus Gossensaß in Tirol an seinen Verleger, den Justizrat Frederik Hegel, mit einem Begleitschreiben, in »em cs u. a. hieß (vgl.Briefe von Henrik Ibsen", hcrausgg. wn Elias und Koht, Berlin, S. Fischer, 1905):

.Die Menschen dieses Stückes sind mir trotz ihren mann-g- lachen Gebrechen durch den andauernden, täglichen Umgang doch neb_ geworden. Aber ich habe die Hoffnung, daß sie and), im S'fkn lesenden Publikum und nicht zum mindesten unter dem

li der Schauspieler gute, wohlwollende Freude finden werden: vennsic bieten alle ohne Ausnahme dankbare Aufgaben."

jndes hat das Stück sich erst nach und nach auf der Bühne l>urcl>gesetzr. In Kopenhagen wurde es bei der Erstaufführung ausgepsiffen, und in Wien kam es bei der Erstaufführung in ^nwe,enhcil des Dichters zu einem regelrechten Theaterskandal. ^wthar chbt in seinem Jbsen-Buck)e (Leipzig,, 1902, E. Ä. See- mann) ein paar köstliche Musterbeispiele der ersten v-erständnislosen öerlmer und Pariser Kritik.

, Seiten sind ja nun längst vorüber, wo die Frage:Wie denken Sie über Ibsen?" gleich einer Wagnerdebatte in hitzigem Uortftveit die besten Freunde entzweien konnte. Ter vcrstorben-e ^-^Üer ist ganz zur historischen Erscheinung geworden, vom Hassen

^stürmen ist man zum Verständnis seiner eigenartigen Per- vnnchleit in ihrer zeitlichen Beschränkung wie ihrer epochalen -oeoeutung vorgedrungen. Wir wissen heute, daß auch ihn das <wlhentcnü)b ereilt fjat, daß auch er sichin Taug und Algen und ?v,oem Teufelszeug, das es da unten gibt," festbeißen sollte. Wir Z. k Q~r liuckr eine etwas mühselige und vage Konstruktion m oer 4-robc, die der Dichter aus dieser einen Eigenschaft der miden Ente für die Versumpstheit der ganzen Mensck>engemern- Mst anwendet. Wir finden, daß in dieser Tragikomödie des Idealismus, dieser harten Predigt von der Lüge als allein leben» Ödendes Prinzip selbst im stillen Glück im Winkel die sehr fern . liebevoll ausgearbeiteten Charaktere wie die Figuren aus niien» Schachbrett sind, freilich von einem meisterlichen Kieler gezogen. Wir bemerken, daß das Stück eine breite, JU schleppende Entwickelung zeigt, stehen aber voller ^vu'werung vor dem tiefen, herben Ernst des sittlichen Denkens !>losiegtallgemein gültigen Ploralsirnis rückstchtÄvs

Schauspiel verlangt ein Doppeltes : vvM Publikum das *üe ^rstandnis für die dichterischr Eigenart des Nordländers, M der Darstellung ein den Jbsenstil meisterndes En-

hessische Zweite Kammer.

Darmstadt, 10. März.

Am Regierungstisch: Staatsminisler Ewald, Finanzminister; G n a u t h, Minister des Innern Braun, Geh. Staatsrat K r u gj von Nidda, Ministerialräte Dr. Becker, Süsfert.

Nach Eröffnung der Sitzung um 10# Uhr wird die Generaldebatte über den Etat

fortgesetzt. Abg. Adelung betont: Wenn auch vom Herrn Staatsminister Ewald erklärt wurde, daß die bisher zur Wahl­rechtsvorlage gemachten Vorschläge kein Ultimatum barftelicn sollten, so müsse er doch konstatieren, daß die Regierung in ihrer Vorlage eine Haltung angenommen habe, die mit den; Anschauungen des früheren Ministeriums durchaus nicht über­einstimmt. Durch diese Stellungnahme habe sich die Aussicht auf eine Verständigung über die Wahlrechtsvorlage sehr ver­schlechtert. Er müsse namens seiner Parteifreunde erklären, das; sie unter keinen Umständen einem Gesetzentwurf ihre Zustim­mung geben würden, in welchem die Rechte der Ersten Kämmer auch nur eilte kleine Erweiterung erfahren und damit die Rechte! des Volkes gekürzt werden würden. Redner polemisiert dann gegen den Abg. v. Brentano und bemerkt, die Sozialdemokraten hätten überall da, wo sie Gelegenheit hatten, auch das Propvr- lionalwahlrecht zur Einführung gebracht; dasselbe könne aber doch vom Zentrum nicht behauptet werden. Ter Abg. Dr. Schmitt scheine ja die von den Nationalliberalen hier betonten Aerger- nisse zu teilen, und er gebe ihm auch bezüglich der kritisiertest Art der Ordensverleihungen Recht. Die Tätigkeit eines Mit- gliedes dieses Hauses sei mit Ausnahme der Sozialdemokraten doch wohl ebenso hoch einzusck)ätzen, wie die Tätigkeit eines Frank­furter Zirkusdirektors. (Heiterkeit.) Er könne aber außer diesem und dem Orden für den preußischen Eisenbahnminister noch an; eine andere Ordensgeschichte erinnern, die er ebenfalls zur Ent­rüstung zur Verfügung stelle. Als vor einiger Zeit irgend eine Feier zum Gedächtnis Philipps des Großmütigen stattfand, 'w.röe derselbe in der Zenttunlspresse als Ehebrecher und eigentümlicher Reformator hingestellt und drei Tage darauf erhielt der Führer des hessischen Zentrums ebenfalls den Philippsorden 1. Klasse^ (Hört! hört!) Der Redner wendet sich dann gegen die jüngsten Ausführungen des Abg. Dr. Osann und des Abg. Molthan. Des letzteren Stellungnahme zu den Schiffahrtsabgaben sei ja sehr erfreulich, derselbe sollte aber auch seine Parteifreunde im Reichs­tag zu einer festen Stellungnahme dagegen veranlassen. Wenn Abg. Dr. Osann sagte, die Sozialdemokraten seien draußen ganz anders, als in der Kammer, so müsse er dagegen entschiedest protestieren.

Abg. Breidenbach bespricht verschiedene Fragen bezügliche der Landwirtschaftskammer und widerlegt die ausgestellte Behaup­tung, die ganze Institution arbeite zu teuer. Daran sei doch nicht die Kammer, sondern diejenigen Volksvertreter schuld, die sie in der jetzigen Weise ausgestaltet haben. Er gebe zu, daß die landwirtschaftliche Berufsorganisation jetzt noch zu kom­pliziert sei und sich zweckmäßiger einrichten lasse. Der Wagen der Landwirtschaftskammer müsse aber erst einmal ins Liollen kommen, man kenne ja die großartigen und vielseitigen Neu- einrichtungen noch gar nicht genau. Redner bespricht dann bte Fleisch not und die Futtermittel- und Getreidepreise und betont, 5a6 die Leutenot der Landwirtschaft eine große Kalamität bilde,

aussperrung nicht nur alle eigentlichen Bauarbeiter, wie Maurer, Zimmerer und ihre Hilfsarbeiter, brotlos würden, sondern daß es auch bald den verwandten Berufen, wie Glasern, Töpfern, Steinmetzen, Stukkateuren, Holzbild­hauern, Tischlern, Malern und Putzern an Arbeit ^hlen würde, und daß weiterhin auch alle für das Baugewerbe arbeitenden Jndustrieen, wie Ziegeleien, Eisengießereien, Kalkbrennereien, Holzbearbeitungsindustrieen usw. geschä­digt würden, ganz zu schweigen von der durch den Lohn­ausfall bewirkten allgemeinen Geschäftsflaue, dem Verlust des Transportgewerbes und der Eisenbahnen an Einnahmen für den Transport von Baumaterialien. Eine General­aussperrung der Bauarbeiter würde ein großes wirtschaft­liches Unglück, würde den Verlust von mehreren hundert Millionen bedeuten und einen wesentlichen Teil unseres wirtschaftlichen Lebens zum Stillstand verurteilen.

Das Hauptinteresse an diesem Kampfe gebührt seiner Entwicklung in Berlin. Hier wird, wie schon oben bemerkt, augenblicklich ohne Tarif gearbeitet. Wurde doch die seitens der Arbeitgeber im Sommer zugestandene Lohnerhöhung von 150 Mark im Jahr von den Arbeitnehmern zurück- aeipiejen, da diese und zwar im Widerspruch mit sozial- oemorratischen Geiverkfchafts- und Parteiführern auf der gleichzeitigen Verkürzung der Arbeitszeit auf 8 Stunden bestanden. Die Arbeitgeber-Organisationen haben nun be­schlossen, an keinem Orte Deutschlands einen Tarifvertrag abzuschließen, so lange nicht ein solcher für Berlin zustande gekommen sei. Sie setzen damit den Bauarbeitern Berlins die Pistole auf die Brust. Von auswärts sind für sie keine Unterstützungen zu erlangen, der Streik des Sommers hat ihre Kaffen arg geschwächt, und die Lage des Baugewerbes in Berlin, wo schon jetzt 13 000 Wohnungen leer stehen, muß für das laufende Jahr als ungün^ig angesehen werden. So befinden sich die Berliner Arbeitgeber gegenüber den Arbeit­nehmern in der günstigsten Lage. Deshalb dürfte die Aus­sperrung hier nur kurze Zeit dauern, die Berliner Arbeit­nehmer werden wohl oder übel den Mustertarif annehmen müssen urid damit das Beispiel geben für die Arbeiterorgani­sationen im übrigen Deutschland, wo ebenfalls die ungünstige Konjunktur des Baugewerbes den Arbeitgebern das Heft in die Hand gegeben hat.

Von Recht oder Unrecht bei wirtschaftlichen Kämpfen zu reden, hat keinen Wert. Das Recht, seine wirtschaftliche Lage zu verbessern, kann weder dem Arbeitgeber, noch dem Arbcit- nehmer aogesprochcn werben, es fragt sich nur, ob er die Macht hat, diese Verbesserung durchzusetzen. Trotzdem können wir es uns nicht versagen, darauf hinzuweisen, daß eigentlich die Bauarbeiter selbst die Veranlassung zu diesem Kampfe gegeben haben. Sie haben, wie sogar der Leiter des Maurerverbandes und das Mitglied der Generalgewerk- schasts-Kommission, Silberschmidt, erklärte, in den letzten Jahren bei Ausstellung ihrer Forderungen nicht immer das Gefühl für das rechte Maß gehabt und dadurch diese Aus­einandersetzung mit den Äroeitgebern zu einer Zeit, wo diese im offensichtlichen Vorteil sind, selbst heraufbeschworen.

Nr. Erstes Blatt 158. Jahrgang Mittwoch 11. März 1KLZ8

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dieser von den Sunden der Väter zerbrochenen Vlärtyrerin (man weiß jetzt übrigens au5 Paulsens Erinnerungen an ihn, daß der Dichter bei der Zeichnung dieser Figur die Kindtzeit seiner eigenen Schwester Hedwig vor Augen hatte) hat Gertr. Eysoldt in allen Fasern bloßgelegt. Kaurn je erschien ein beivußter Zug, niemals auch nur die geringste Steigung zum Unterstreichen und sichtbaren Berdeut- licheii. Daß freilich in Momenten die Künstlerin den jugendlichen Nimbus verlor, daß sich wohl auch einmal im Laut eine größere Reife offenbarte, war unvermeidlich und kann den hohen Wert der erstaunlichen, bewundernswerten Kimstleistung nicht mindern. Wie ließ sie uns doch miterleben das instinktiv Ahnungsvolle, das Stückchen leise c ufeimenbe Romantik, das unbewußt Sehnsuchts­volle, wie es die Ziviegespräche mit Gregers erfordern. Im ganzen ein gar töricht herziges Ding, das uns ergreift, weil es in so stunipfer Umgebung von so wundervoll reinerDtenschlichkeit geblieben ist. - Die Kunst der Gertrud Eyfoldt ist vollendetste Exemplisi« katioil psychodramalischer Atomistik, ist unteilbare Auflöiung bc3 im Dichterwerke verborgenen seelischen Urstosses.

Neben der Genialität der Eysoldt brachten sich unsere Schau» fpieler so erfreulicher wie überraschender Weise zu verhältnismäßig vortrefflicher Geltung. Unter unfern Heimischen weitaus der beste war Wein gärtner. Er war derAngeklagte" des Abends« 'Als Hjalmar gab er nicht sowohl den Poseur, den ,Ge- fühlskomödianten, den Menschen, der sich und' andere über die Armseligkeit seines Lebens täuschen will, als vielmehr den Atenschen, der sich und andere über seine Armseligkeit täuscht. 9lod) schwebt es über dem holden Toren wie ein freundliches Hoffen und Wähnen. Aber man^durchschaut ihn bald, wenn er die schönen Worte vom Greis int Silberhaar, von seiner Lebensaufgabe rc. nicht nut großspurigem Pathos, sondern als all­tägliche Phrasen, nebensächlich, als durch Gewohicheit langweilig gewordene Deklamatiousworte spricht, bereit Sinn er längst nicht mehr nachdenkt. Das Feine an dieser Leistung Weingärtners, in dem wir, nach diesem Abend ist das vollends offenbar, einen ganz ungewöhnlich vielseitig verwendbaren, im Klassischen wie im Modernen gleich tüchtigen und eindringenden Künstler besitzen, ist die taktvolle Diskretion, das nie Zuviel, das Menfchlich-Allzu- menschliche, das Selbstverständliche, Unmittelbare, Reine, Naive. Zudem mangelt es ihm auch keineswegs an maßvollem Humor. Neben schlaffer Haltlosigkeit steht eine bezwingend drollige Liebens­würdigkeit in überzeugender Eintracht. Jedenfalls hatte W. diesen Virtuosen des Selbstbetrugs durchaus verständig auf- und an- gefaßt, chn auf die rechte einfache und einheitliche Idee gebracht.

Seine kleinen Szenen mit der Eysoldt gelangen Gsell, dem Darsteller des Gregers Werte, am besten; die waren zu wahren Kabinetstückchen herausgearbeitet. Hier zeigte er so c was wie warmes brüderliches Mitgefühl für das verflackerte Halbfchivesterchen^ Sonst aber war der Ideologe etwas sympathischer, andererseitZ

Die heutige Nummer umsatzt 12 Seiten.

Der Riesentamps im Baugewerbe.

(cif.) Für das deutsche Baugewerbe gelten eine An- uxi)t von Tarifverträgen, die feilens der Organisationen der Arbeitnehmer zur Zeit der günstigen Konjunktur den Arbeit­gebern aufgenötigt wurden, und mit denen sich diese nur gezwungen einverstanden erNären tonnten. Jetzt, wo auch Ke Konjunktur im Baugewerbe eine sinkende Tendenz ein» reschlagen hat, suchen die Arbeitgeber von diesen Vertrügen ^oszukommcn und haben daher zum Teil zum 1. April d. I. die Vereinbarungen gekündigt. Nur in Berlin war eine

Kündigung nicht nötig, da hier seit dem Streik des letzten Sommers, bei dem die Bauarbeiter unterlagen, ohne vereinbarten Tarif gearbeitet wird.

Der deutsche Arbeitgeberbund hat nun einen für ganz Deutschland geltenden Mustertarifvertrag aufgestellt, der >ede Lohnerhöhung und Arbettszeitverkürzuug, sowie jedes Mitbestimmungsrecht der Arbeitnehmer auf Bauten aus- ^chließt und eine allgemeine Geltung bis zum 31. März 1910 Haben soll. Die Arbeitnehmer weigern sich, sich auf diese Zeit zu binden. Einmal, weil sie hoffen, bei einem weniger ang dauernden Tarifvertrag günstigere Lohn- und Arbeits­bedingungen für sich herauszuwirtschasten, sobald die Kon­junktur wieder steigt, und dann auch deshalb, weil sie fürchten, daß, wenn erst in ganz Deutschland ein Tarifver­trag von der nämlichen Dauer zustande gekommen sei, die Arbeitgeber sie durch eine Riesenaussperruna zwingen könn­ten, nach Ablauf dieses Vertrages zu noch ungünstigeren Lohn- und Arbeitsbedingungen zu arbeiten. So sind bis­her alle Einigungsverhandlungen über diesen neuen Tarif an dem Widerstande der Arbeitnehmer gescheitert, ja, es hat sogar an einigen Stellen, wie in Heidelberg, Guben und Elberfeld-Barmen, der Kamps bereits begonnen. Zwar sollen nun am 16. März in Frankfurt a. M. die Vertrags­verhandlungen für das Gebiet des Mitteldeutschen Arbeit­geberbundes fortgesetzt werden, aber es ist nur sehr geringe Hoffnung auf Einigung vorhanden. Kommt diese nicht zu­stande, so wäre damit nach den Beschlüssen des deutschen 'Arbeitgeberbundes das Signal für die Generalaussperrung der Bauarbeiter im ganzen Reiche gegeben, also nicht nur derjenigen, deren Tarife jetzt zum 1. April gekündigt sind, sondern auch derjenigen, deren Verträge, da sie auf eine andere Dauer abgeschlossen wurden, zum 1. 2lpril noch nicht tünbbar waren. Wird dagegen der Mustertarif ait» genommen, so gewinnen die Arbeitgeber die Möglichleit, bei I einem Ablauf am 31. März 1910, nachdem sie inzwischen alle übrigen Tarife mit anderer Kündigungsfrist durch diesen Nnstertarif ersetzt haben, den Bauarbeitern unter An- dwhung einer Riesenaussperrung ihre Bedingungen vor- tziischreiben. Da dann aber den Bauarbeitern eine Unter- Mtzung von nicht ausgesperrten Kollegen solche gibt es dann nur noch im Auslande abgeschnitten ist, werden sie sich wohl oder übel fügen müssen, und die Arbeitgeber schlagen aus diese Weise zwei Fliegen mit einer Klappe.

Um die Bedeutung dieses drohenden Kampfes zu foürbigcn,, sei daran erinnert, daß die jetzige Kündigung 6er Tarifverträge sich aus etwa 300 verschiedene Orte er- sreckt, unter denen sich Frankfurt a. M., Mainz, Darmstadt, Dassel, Mannheim, Elberfeld-Barmen, Köln, Remscheid, Aonn, Düsseldorf, Krefeld, Duisburg, Essen, Bochum, Tort- Thninb, Hagen und Münster i. W, sowie Leipzig befinden.

sei ferner daran erinnert, daß im Falle der General­