Ausgabe 
10.10.1908 Zweites Blatt
 
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Die Totenfeier für GIbrich.

In der Landesausstellung sand die T v t e n f e i c v für Pro­fessor I. M. Olbrich statt Sic war von Künstlern der Aka­demie mit dem Hoftheatermaler K o m p i n vorbereitet worden Die Terrasse^ des Olbrichbaues waren mit farbigen Tüchern dra

viert, die Trevvenausgänge waren von brennenden Feuerbecken lankiert. Zwischen zwei großen Feuerschalen auf hohem Podest stand die Büste Olbrichs. Der klare Herbstabend verschönte die künstlerische Feier, der der Gr o ß h e r z o g, die Minister E w a l d, Braun und Gnauth re. und eine vieltausendköpfige Menge beiwohnten. Die Witwe Olbrich s nahm neben dem Groß­herzog unter einem Baldachin Platz. Es herrschte eine feierliche Ruhe...

Plötzlich wird die Stille durchbrochen. Leise, anschwellend, und dann mächtig brausend erschallen Posaunenklänge vom Turm herab. Geheimnisvoll öffnen sich die Tore der gleich den Höhen Wallhalls in Rauch und Feuerschein getauchten Ausstellungs­halle und lichte Gestalte in schleppendem Ueberwurf schweben herab, in den erhobenen Händen goldene Lorbeerkränze haltend. Die neun Musen. An der Büste des Meisters, inmitten der Feuer, ver­harren sie.

Und den Tausenden da unten, die ergriffen lauschen, erzählt es unsichtbar (Hosschauspieler Heinz) von einem Fürsten, des Herz von Sehnsucht nach Schönheit voll war. Es erzählt, wie der Fürst endlich fand, wonach er sich sehnte, einen Menschen, der seinen Träumen Gestalt geben, der sein Schönheitssehnen verwirklichen konnte. Einen Meister brachte ihm das Schicksal. Und der Meister chuf lichte Werke von herrlicher Schönheit, und der Menschheit Sehnen ging in Erfüllung. Die Stimme erzählt weiter vvu schwerer tiefer Trauer, die über alle, kam, als ein größerer, ein mächtigerer Fürst den Meister abrief, als der Tod den Körper, die schönheitsdürstende und Schönheit spendende Seele entführte. Und wie ein Weinen und Klagen anhub über den Abgerufenen, der so viel noch mit hinüber nahm in das Land der Sehnsucht, der Schönheit, mit zu dem großen unbekannten Gott.

Die Musen senken ihre güldenen Kranzgewinde und schweben zurück in ihr geheimnisvolles Reich, indes das Orchester Mozarts ergreifendes ave verum spielte.

Dumpfe Paukenschläge, trauernde Hörnerklänge, dann setzt das -Orchester ein zur Trauermusik aus derGötterdämmerung", lind wie stammende Holzstöße und Fackeln dem Recken Sieg­fried auf seinem letzten Gange das Geleite gaben,, so hier. Aus dem Dunkel der grauen Mauernrassen, hoch aus der obersten Terassengliederung, erscheinen zu beiden Seiten Fackelträger, die lodernden Brände in den Händen, in düstere,Trauergewänder ge­hüllt, die schwarzen Locken durch Goldreife gehalten. Lang­sam und feierlich, in weihevollem Zuge schreiten sie nach der Mitte zu, die Treppenstufen hinab, bis zur Büste, in stummer Klage trauernd, bis die Musik verklungen. Langsam verlöschen die Feuer der Flammbeaus, der riesigen Becken, und bald auch die Fackelbrände. Ein kurzes Aufslackern noch hin und wieder, dann ist alles in nächtliches Dunkel gehüllt, die Totenfeier, einem Künstler von Künstlern bereitet, war beendet.

Nach den Seiten, in die Höhe, in die Tiefe, ein Hebeldruck genügt und der Apparat gehorcht. All das war so sicher und "so vollkommen, daß ich cs nun gewiß fühlte: dieser Mann macht keine Experimente mehr, dieser Mann lehrt uns die Kunst des Fliegens. Als lvir nicderstiegen, schien die Schnelligkeit zu wachsen, je tiefer wir hinabglitten. Tas war nur eine optische Illusion, nichts weiter.. Als wir nur noch wenige Fuß über der Erde schwebten, schien cs, als ver­wandle der Aeroplan sich in ein Automobil. Plötzlich zog Wright an dem Drahtseil, daS an meiner Brust vorüber­ging, der Motor stand still unb wir glitten fanftjur Erde." Frantz-Reichel dagegen gerät in einen wahren Taumel der Verzückung, wenn er irn Figaro die Empfindungen beim Fluge schildert.Dem Steuer gehorsam trug uns der große weiße Bogel empor und unter mir glitt der Erdboden nun fort immer tiefer und tiefer. . . Wir glitten dahin gegen den Horizont, in dem die Hügelketten sich abzeichneten, ein ganz weiches, zartes, ruhiges Gleiten, wie ein Dahinfluten im Wasser. Wundersam war das und köstlich. Tie Luft strömte mir entgegen in kühlem gleichmäßigem Zuge, sie rollte hin über mich, es war wie eine stete Liebkosung. Mit großen Augen starrte ich vorwärts, der Wind bgdete uns, aber er peitschte uns nicht. Und dann kommen die Wendun­gen, die Kurven. O diese Wendungen. Wenn ein Aeroplan in gerader Linie dahinfliegt, so ist's ein köstliches Gefühl; die Wendung aber, sie ist eine wahre Trunkenheit. Woher dieser Taumel des Entzückens? Tie Genauigkeit der Kurve? Die leichte Seitenbeugung des Apparates, die ihn noch weicher gegen die Luft angletten läßt? Ich weiß cs nicht. Eine ge­waltige Erregung bemächtigte sich meiner, ich spürte, wie ein seltsames Glücksgefühl meine Brust weitete, und dann fühlte ich, wie Tränen mir in die Augen traten. . ." Als die Fahrt zu Ende ist, überwältigt den Franzosen die Begeiste­rung, er umarmt Wright und küßt ihn und seinen Bericht schließt er ynt den Worten:Lobald Wright cs will, heute, morgen, übermorgen, fliege ich mit ihm über den Kanal, von Calais nach Dover oder von Dieppe nach Newhaven."

Stadttheater. ES feien namentlich die aus­wärtigen Theaterbesucher darauf hingewiesen, daß die Gast­spielvorstellung von Rita Saechetto nm nächsten Mitt- ] woch um 8 Uhr beginnt. Von den lyrisch-dramatischen ; Szenen der Tanzkünstlerin seien hervorgehobenSarabande" l von Händel und zwei Menuette von Mozart, die im Kostüm \ der Herzogin von Devonshire nach Bildern Gainsborougs ' gegeben werden; die spanischen Tänze, darunter das be- , rühmte Castagnettensolo (im altkastilianischen Kostüm), 1 Sirenenzauber" undFrühlingsstimmen", Walzer von I. Strauß. In Darmstadt, wo die Künstlerin am vergangenen * Dienstag im Hoftheater auftrat, errang sie einen geradezu , sensationellen Erfolg. Ergänzt wird der hochinteressante 1 Abend durch den EinakterKurmärker und Picarde", dar­gestellt von unserer Soubrette Frl. Lore Scholz und unserem [ 1. Komiker Max Kronert. (

"'Unser Kaiser Wilhelm-Regiment erhält dieses Jahr über 600 Rekruten, die zurzeit aus allen Gegenden Hessens hier eintreffen.

"" Hofrat Rotschild wurde heute vormittag in einem - Wagen aus der psychiatrischen Klinik nach der Zellen­strafanstalt Butzbach gebracht.

" Rabattsparvereinsbewegung. Bezugnehmend . auf unsere gestrige Notiz, in der erwähnt wurde, daß der ; Generalsekretär Beythien au§ Hannover auf dem Mittclstands- kongreß in Wien über die gemeinnützige Rabattspar­vereinsbewegung der Detaillisten gesprochen hat, können 1 lvir heute schon die Mitteilung machen, daß Herr Beythien dem hiesigen Detaillistenverein einen gleichen Vortrag für den 9. November ds. Js. zugefagt hat. Es wird für jeden Detaillisten von großen! Interesse sein, diesen besten Sachkenner der Rabattsparvereinsbewegung zu hören und Zweck und Ziele dieser Einrichtung kennen zu lernen.

"" Warnung. Gestern abend mietete ein angeb­licher Eisenbahndiätar G rim er, der von Altena nach hier versetzt zu sein angab, bei einer Familie in der Stein­straße ein Zimmer. Heute früh erschien er, um es zu be­ziehen, setzte sich bei der Hausfrau in das Wohnzimmer und wartete angeblich auf einen Hotelbllrschen, der seinen Koffer bringe. Als die Hausfrau sich Geld einstecken wollte, um auf den Wochenmarkt zu gehen, nahm er ihr ein 20 Mark­stück vom Tisch weg, lief zum Hause hinaus und verschivand. Bis die Frau sich von dem Schreck erholt haste, war der Betrüger und Dieb schon auf der Straße. Der angebliche Grimer ist 2024 Jahre alt, schlank, blolld und gut gekleidet.

*" Die Maul- und Klauenseuche ist ausge­brochen in dem Kreise Forchheiin bei Viehhändler Jos. Uhlfelder in Dormitz.

Bad-Nauheim, 9. Oft. Bis zum 8. Oktober sind 29 750 Kurgäste angekommen, wovon an genanntem Tage noch 1103 anwesend waren. Bäder wurden bis zum 8. Oktober 396 461 abgegeben.

? Hungen, 9. Oft. Der bei der GewerkschaftFried­rich" in Trais-Horloff beschäftigte, in den 60er Jahren stehende Hch. Schmalz von hier verunglückte gestern abend, indem er aus ziemlicher Höhe von einer Treppe auf den Kopf stürzte. Er wurde später von anderen Arbeitern in bewußtlosem Zustande aufgefunden und nach Hause ge­bracht. Noch in der Nacht verschied der Bedauernswerte, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben. Der Fa­milie wendet sich umsomehr Mitleid zu, als vor ca. einem halben Jahre einer Tochter des Verstorbenen der Gatte und Ernährer durch einen Schlaganfall plötzlich entrissen würbe. Am Mittwoch nachmittag kam ein hiesiger Metzgermeister beim Schlachten so unglücklich, zu Fall, daß er ein Bein brach.

A Aus dem Niddertal, 10. Oft. Sonntag, den 25. Oft. wird in Stockheim ein geineinsamer Bezirks­tag für die Hassia-Bezirke Büdingen, Ortenberg und Altenstadt abgehalten. Hauptmann Waldecker - Darmstadt hat sein Erscheinen zugesagt und wird einen Vortrag halten über gemeinnötzige Einrichtungen des Hassia-Verbandes. Sonntag, 18. Okt., hält die Vogelsberger Sänger­ne reinig ung ihren Delegiertentag in Steinberg bei Gedern ab.

= Kinzenbach, 9. Oft. Jetzt ist auch der Händel mit Aepseln in Fluß gekommen. Während gestern Fall­äpfel (Kelterobst) mit 4.25 Mk. im Doppelzentner (Malter) bezahlt wurden, werden morgen gepflückte Aepfel verladen unb je nach Güte 4 bis 5 Mk. gezahlt. Von dem hiesigen reichen Obstsegen bekommt man einen Begriff, wenn man hört, daß von einem einzigen Aepfelbanm 50 Körbe, geerntet wurden.

ss Marburg, 9. Okt. Unsere Stadt war in diesem Jahre nur während einer ganz kurzen Zeit in den letzten Wochen ohne Theater. Das Sommertheater im nahen Bade Marbach hat erst kürzlich seine Pforten geschlossen und jetzt kündigt Theaterdirekor Steingoetter aus Gießen an, daß die Spie lzeit im Marburger Stadttheater am 15. Oktober mit der Aufführung von SchillersJungfrau von Orleans" beginnen soll.

Frankfurt a. M., 9. Okt. Die Zentralstelle für Obst- verwertnng und das Obstmarkt-Komitee Frankfurt a. M. veranstalten einen zweiten Markt für Tafel-, Wirt- s ch a f t s - und M o st o b st Mittwoch, 14. Okt., Bleichstr. 59 zu Frankfurt a. M. Ter Verkauf geschieht auch diesmal nach Proben, doch sind auch kleinere Posten Obst in Körben von 10, 25 und 50 Pfund Inhalt sofort zu haben. Es sei darauf aufmerksam gemacht, daß billiges Wirtschaftsobst zum Verkauf kommen wird. Die Proben sind am Tage vor 'Abhaltung des Marktes franko Marktlokal zu liefern.

Marienberg (Westerwald), 9. Okt. Trotzdem es in den letzten Tagen ziemlich sommerliches Wetter war, sinkt doch in der Nacht das Thermometer ganz gewaltig. In den letzten Nächten war im nördlichen Westerwald schon mehrfach ganz empfindlicher Frost zu verzeichnen.'

** Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. In Friedberg wird die Einführung oes A ch t-U hr-Ladenschluss es in den Kolonialwaren - Ge­schäften in Kürze erfolgen. Von 25 Geschäftsinhabern stimmten 19 dafür. Die F e l d b e r e i n i g u n g m der Gemarkung Bü­dingen wurde mit 283 Stimmen a b g e l e h n t. Wegen Ar­beitsmangel haben die Griesheimer FabrikenElektron" 400 undMaintal" 170 Arbeiter entlassen müssen.

Vermischtes.

* Unterschlagungen scheinen wieder an der Tages­ordnung zu fein. Nachdem gestern der Sekretär des liberalen Wahlvereins in Lübeck wegen Unterschlagungen flüchtig gewor­den ist, wurde heute der Inspektor Gosen von der dortigen Ärmenanstalt wegen bedeutender Unterschlagungen verhaftet. In Saarlouis wurde der Expedient Uhl von der Zimmer- nmnnschen Wurstfabrik wegen Unterschlagung von 30 000 Mk. verhaftet. Der Prokurist der Firma E. Kahle in Frank­furt a. M., Fritz Bien ist nach Unterschlagungen von etwa 30 000 Mk. flüchtig gegangen. Der Bankier Adolf Meyer aus Stendal hat auf dem Bahnhof Friedrichstraße in Berlin, wahrscheinlich aus Furcht über das Bekanntwerden einer Depot-Unterschlagung seinem Leben ein Ende gemacht.

* AusRußland. Tie C h o l e r a st a t i st i k verzeichnet in Petersburg 109 Neuerkranlungen und 47 Todesfälle. Tie Zahl der Kranken beträgt 1404.

* BeiRoßköwitz wurden drei r u s s i s ch e S ch m u g g l e r von russischen Grenzsoldaten bis an die Prosna verfolgt. Die Schmuggler sprangen in das Wasser, nnt schwimmend auf deut­sches Gebiet zu gelangen, wobei einer ertrank. Der General­gouverneur des Gebietes von Turkestan, General M ischt- > ch e n k o wurde bei den Manövern in der Nähe von Aschabad durch eine Kugel xmt Bein verwundet, ebenso sein Adjutant. Die Untersuchung ergab, daß mehrere Soldaten scharfe Patronen in der Tasche hatten.

* Bom Berliner Lessinghaus, in dem der Dichter 176567 wohnte und sein MeisterlustspielMinna von Barn- Helm" sowie die Schrift überLapkoon" vollendete, schwebt seit Jahren in Gefahr, der Baufpelulalion zum Opfer zu fallen,und t itiebcrgeriffcit zu werden. Zum Schutze bet geweihten Dichterstätte!' hat sich schon 1905 ein Komitee zusammengetan, und seinen Be-' mühungen ist es gelungen, den Abbruch des Hauses zu verhindern. Um seinen dauerirden Bestand zu sichern, unb zugleich das in seiner Altertümlichkeit erhaltene Dichterhaus zu einem lebendigen Denkmal für benstärksten Mann unserer Literatur" sowie zu einer sonst nirgends vorhandenen Sehenswürdigkeit,zu machen, ist nun­mehr dieGesellschaft zur Erhaltung des Lessinghauses in Berlin als Dichtergedächtnisstätte und Museum" gegründet worden, deren Vorsitz Bürgermeister 2r. G. Reicke, Hofrat Ludwig Barnay und Universitätsprofessor Dr. Ludwig Geiger übernommen haben. Mehrere Räume des Hauses sind bereits entsprechend eingerichtet und sollen demnächst der Oeffentlichkeit übergeben werden. Um> aber das ganze Haus mieten und später kaufen zu können,, find nicht geringe Mittel nötig; darum wendet sich die Gesellschaft an alle Lessingfreunde mit der Bitte, durch Erwerbung der Mit-- gliedschaft und durch Stiftungen, sei es in barem Gcldc ober in Gaben für die Bibliothek und das Museum (das int Hinblick auf Lessings Wirken für das Theater nach dieser Richtung hin eine besonders reiche Ausgestaltung erfahren soll), das Unternehmen nach Kräften unterstützen zu wollen. Anmeldungen und alle sonstigen Zuschriften luerben erbeten an den Schriftführer Georg Richard Kruse, Berlin-Schöneberg, Fritz-Rcuter-Straße 7.

* 6 7 5jährige Kirmes. Ein Fest ganz besonderer Art beging in diesen Tagen, wie die Köln. Ztg. berichtet wttd, die Weißerstraße" in Koblenz, eine der engen, winkligen Straßen in dem alten Stadtteil, in der das Garnisonlazarett, früher eine Tominikanerkirche, steht. Diese ist im Jahre 1233 eingeweiht worden, und die damit verbundene Kirmes hat sich bis auf den heutigen Tag in ihrer Eigenart erhalten. Tie Losung bei der Feier heißtMaria Viktoria" zur Erinnerung an die Besiegung der Türken in der Schlacht bei Lcpanto am 6. Oktober 1571. Der Sieg wurde der Fürbitte der heiligen Jungfrau vom Rosen­kranz zugeschrieben. Im Jahre 1683 wurde Wien von der Be­lagerung durch die Türken befreit, und der Papst Clemens XI. ordnete an, daß in Zukunft die ganze Christenheit das Rosentranz-- feft Maria Viktoria feiern solle. Dieser ursprünglich kirchlich- religiöse Charakter l>er K'irchweihe hat sich natürlich im Lause der Jahrhunderte verweltlicht. Der Hauptvorgang bei der jetzigen Feier ist das Aufpflanzen eines mächtigenKirmcsbauines", den die Stadt aus ihren Waldungen zur Verfügung stellt. Unter Beteiligung der gesamten Nachbarschaft wird er von den Be­wohnern der Weißergasse in festlichem Zuge, manchmal mit Hinder­nissen, an seinen Bestimmungsort geschafft, wo er eine Woche lang stehen bleibt. In diesem Jahre wuroe der dazu gehörige Fackelzug besonders glänzend gestaltet. Am Vorabend, Samstag, bewerte er sich in 16 einzelnen 'Dhintmem durch verschiedene Straßen bis zur Wohnung des Oberbürgermeisters, dem ein Stund' chen dargebracht wurde. Tie Weißerstraße war reich beleuchtet und eine vergnügte rheinische Kirmcssttmmung herrschte bis tief in die Nacht, trotzdem am Sonntagmorgen bald nach sechs Uhr schon wieder der Weckruf beoorstaud. Eine Eigentümlichkeit dieses 675 Jahre alten Festes ist noch, daß Hunderte von jungen Hahnen ihr Leben für die Kirmesgäste lassen müssen, die durch zahlreichen. Besuch ihr Interesse an der Feier bekunden.

*DerBaudeSneuenMarkusturmesinBenedig hat in diesen Tagen einen wichtigen Abschnitt erreicht: der Ziegel­bau. ist bis zur Glockenstube vollendet. Diese untere Hälfte des Turmes, die außer den 31 kleinen Bogenfenstern, die der Treppe Licht geben, keine andere architektonische Gliederung zeigt als parallele Längsrillen, die oben in eine horizontale Rundoogen- reihe unter dem unteren Rande der Glockenstube endigen, ist ein­schließlich der Stusenbasis 49V» Meter hoch. Zu diesem Bau, einschließlich der 36 Treppenrampen im Innern, ist eine Million Ziegelsteine von denselben Maßen wie die des eingestürzten Turmes, aber von dauerl-aftercr Qualität, verwandt ivvrden, deren jeder 7 Kg. wiegt. Die noch zu bauende obere Hälfte des Turmes wird mit istrischem üalkstein bekleidet unb erfordert sorgfältige Steinmetzenarbeit, da man die Architektur und Ornamentik des alten Turmes genau iihebergeben will. Im November wirb dieser Teil des Baues Angriff genommen, der aus der Glockensttlby

Geriektssaal.

RB. Darmstadt, 9. Okt. Unter der Anklage, den eigenen Mann zu töten versucht zu haben, hatte sich vor dem Schwurgericht die 1875 in Ober-Roden geborene Frau des Fabrikarbeiters Adam Helm, geb. Susanne Rebell, zu ver­antworten. Das in Bieber lebende Ehepaar ist seit 3 Jahren verheiratet und lebte sehr unglücklich zusammen. Als Helm sich am 17. Juli, abends 10 Uhr nach Hause begeben hatte und auf dein Sopha eingeschlafen war, fiel die Fran^ die eine halbe Flasche Schnaps getrunken hatte, und int Bette lag, über den Nichtsahnenden her und schlug mit einem H3, Meter langen schweren Wagennagel, beit sie sich heimlich für diese Tat verschafft hatte, 810 mal so heftig auf den Kopf des Schlafenden, daß er halb ohnmächtig zur Tür lief und um Hilfe rief. Nachdem die Ge- chworenen die Schuldfrage bejaht unb die Frage nach mildernden Umständen verneint hatten, wurde die Angeklagte, die schon früher wegen Kindestötung mit 3V- Jahren Gefängnis bestraft worden war, zu 5 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren E h r v e r - l u st verurteilt. Sie nahm die Strafe mit gleichgültiger Miene an.

Essen, 9. Okt. Die Strafkammer sprach im Wieder­aufnahmeverfahren den Schmhntachermeister Stöckey, nachdem er ein Jahr wegen Verleitung zum Meineide unschuldig im Zuchthaufe gesessen hatte, auf Grund des neuen Beweismaterials r e i.______________________________________

Aus der 8«hrt mit Wilbur Wright.

Wilbur Wright, der am Freitag mit seinem 80 Kilo­meter-Flug mit einem Passagier seinen eigenen Rekord ge- chlagen hat, nahm am selben Tage zum et ft eit Male einen Journalisten mit sich in die Lüste, den Korrespondenten des Newyork 5zerald und bald darauf auch den Mitarbeiter des Figaro, Frantz-Reichel. Sie beide geben, jeder in seiner Meise, eine interessante Schilderung ihres ersten Fluges, der amerilanische Journaltft kühl, sachlich, mit scharfer Be­obachtung aller Einzelheiten, der Franzose voll Begeiste­rung und Schwärmerei einen Hymnus auf die Kunst des Fliegens.Gegen vier Uhr hatte Wilbur Wright alle Teile eines Apparates nachgeprüst," so berichtet der Amerikatter, er tarn zu mir herüber und lächelnd fragte er:.Haben Sie Ihr Testament gemacht?" Ich kletterte nun über die Trähte des Rahmenwerkes nach der Mitte des Llpparates, und auf dem kleinen Sitz neben dem Motor nahm ich Platz. Wright gab mir Anweisungen. Ich müsse die Füße still auf dem kleinen Brett zwischen den beiden Drähten halten; ich müsse acht haben, das Trahtscil nicht zu berühren, das an meiner Brust vorüber nach der Seite lief und durch das der Lust- schisser den Motor stoppt. Dann zeigte er mir eine kleine Klinke, über den Magneten, die ich niederdrücken sollte, so­bald er mir ein Zeichen gäbe. Alles war nun bereit Wright gibt ein Signal und die beiden Maschinisten lassen den Motor laufen. Unmittelbar neben der Maschine ist der Lärm betäubend. Das scharfe Knattern des Dampfaus­strömens erinnert an das erste Anfahren eines Rennauto­mobils. Wright klettert zu mir herein. Er gibt mir das Zeichen. Ich presse den Griff nieder und sofort reagiert der Motor: der Lärm wird wilder und die Umdrehungen der Propeller scheinen sich zu verdoppeln.Jetzt," ruft Wright, und er läßt die Gewichte fallen. Mit einem Ruck stürzt der Apparat vorwärts. Niemals erlebte ich ähn­liches, ausgenommen während eines Falles in einem Wasser­falle. Das dauert nur eine Sekunde, nur bis der Apparat von den Schienen loskommt, dann schwindet jede Erregung. Wir steigen höher und höher, bis wir ba§_ östliche Ende des Feldes unter uns haben; dann, in einer Höhe von 50 Fuß, wenden wir und gleiten loieder geradenwegs zurück. Erst nach dieser Biegung war ich mit dem ungewohnten Gefühl soweit vertraut geworden, daß ich ansing, die Dinge rings um mich her zu beobachten. Wie wir nun dahinglitten, kam jene Empfindung, die ich erhofft hatte: jenes Gefühl der absoluten Sicherheit. Sanft glitten wir durch die Lüfte. Es gab keine Stöße, keine Erschütterung, kein Zittern, nur das Surren des Motores erinnerte daran, daß dieser Flug mechanisch bewirkt wurde. Das Merkwürdige war, daß die Empfindung der Schnelligkeit um so geringer ward, je rascher die Maschine vorwärts lief. Mr sausten mit einer Geschwin­digkeit von 60 Kilometer durch die Luft, aber alle Gegen­stände waren so weit entfernt, daß cs schien, als glitten sie nur langsam vorüber. Bisweilen erkannte man unten Ge­stalten, die mit Taschentüchern winkten. Nach der Biegung am westlichen Ende stieg unser Apparat zu sechzig Fuß Höhe- wenigstens schien cs so. Ich beobachtete Wright. Er saß ruhig und gelassen, weder Sorge noch Erregung sprach aus seiner Miene sJtur bei den Wendungen benutzte er die Hebel, die die Flügel verbinden. Seine linke Hand aber arbeitete unausgesetzt mit einem Kopfstück. Es war, wie wenn ein Mann Billard spielt. Er handhabte die Hebel leicht, fast spielend. Auf jede Bewegung reagierte die Maschine sofort.