Samstag LV. Oktober 1908
Nr. 239
Zweites Blatt
158. Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
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Markt
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, i Türkei in Betracht, und es wäre darum besonders zu bedauern,
in Bukarest gegenüber | wenn unser Einfluß in diesen: Lande eine Einbuße erfahren würde.
besetzt.
folg, das vor nahezu 35 Jahren geschrieben wurde, ist davon nicht auszunehmen. Tie wenigen Späße, über die
Karl Neurath
Die „Gießener Zamiitenblätter" werden dem »Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeitfragen" erscheinen monatlich zweimal.
rot statt.
Tcm Vertreter der „Daily Mail'
Mk, an
Rotationsdruck und Verlag der vrühl'schm Universitäts - Bttch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« straße 7. Expedition und Verlag: 51.
Redaktion:^^112.Tel.-Adr.:AnzeigerGießen.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 10. Oktober 1908.
" Tageskalender. Stadttheater. Sonntag nach- inittag 31/, Uhr: „Maria Stuart."; abends 7‘/a Uhr: „Im weißen Roßt" tind „Älls ich tviederkam."
Kolosseum: Täglich Vorstellung.
K a t s e r p a >t o r a m a : Sonntag PrograntUtwechsel: Potsdam und die kaiserlichen Schlösser.
K i n e m a t o g r a p h e n - T h e a t e r: Progrymmwechsel.
A l l g. K a n i n ch e n - A n s st e l l n n g ans der „Liebigshöhe" vom 10. dis 12. Oktober; Eröffnung Samstag nachmittag 3 Uhr.
Freidenker-Vereinigung: Samstag abend 8l/< Uhr: Vortrag.im „Etnhorn"-Saal von Tr. Eahn aus Frankfurt; Das Freidenkerlmn, seine Ziele rmd seine Gegner.
bOfährige Jubelfeier derGwerbebank: Samstag abend 8‘/, Uhr Festkommers in Stecns Saalbau.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
Gieszener Stadttheater.
Ein Erfolg,
Lustspiel von Paul Lindau.
Vor etwas über dreißig Jahren hat Paul Sin ball einige gute Aussätze geschrieben; dann fügte es das Unglück, daß er unter die Poeten ging und sich auch als Dichter einen Warnen machen wollte. Mit der Fixigkeit eines Reporters I fcÄtf er augenblickliche Tagesfragen aus und verarbeitete iie mit einer aus den ersten Blick täuschenden Geschicklichkeit Pi Lustspielen und Romanen, die nicht unfreundlich auf- ^enymmen wurden. Manche erwarteten sogar eine neue ' Blütezeit des Dramas von ihm. Seitdem hat er nicht auf» gehört, an seinem Ruhme zu schaffen und noch heute, als ^jähriger, greift er mit jugendlichem Feuer und edler Dreistigkeit in das volle Menschenleben, um seiner Feder icine Rast zu gönnen. Aber er greift gar häufig daneben, matt mit landläufigen Schablonen, und spielt allgemach eine lächerliche Rolle in der deutschen Literatur, der
— Die Olbrich-Gedächtnis-Ausstellung in dem von ihm erbauten Künstlerhause, wo seine Werkstätte war, ist erfüllt von dem seltsamen Geiste eines Mannes, der wie wenige andere in den kurzen Jahren seines Schaffens eine Macht geworden ist. Sieghaft wie sein größtes Werk, die Künstlertolonie auf der Mathildenhöhe, stieg er auf und gewann Bedeutung für die Welt. In seliger Zuversicht schuf er seine WLuke, freudig, unentwegt, und er ging dem Traume nach von der Schönheit des Lebens, die wieder in die Welt gekommen ist uitix alles beseelt, alles veredelt und erhebt. Eine dionysische Freude war in ihm und trieb ihn, sich mitzuteilen allen, die von ihm wissen wollten, die von einer neuen Schönheit träumten wie er. Ragend, unvergänglich hat er seine Welt geschaffen, ein Symbol der Stadt, die den Künstlern ein Heim bol zu reger, freier Betätigung, „ein Dokument deutscher Kunst". Die große Menge hatte sie verlacht, die Künstler samt ihren Werken . . . ,
äußerte sich der rumänische Minister des Acußern dahin, | daß er einen fttieg zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien nicht für ausgeschlossen halte. Das Schicksal Serbiens sei durch das letzte Vorgehen Oesterreich-Ungarns besiegelt worden, und die Serben ständen nur iwch vor zwei Auswegen: Entweder sie sterben wie Helden auf dem Schlachtfelde oder wie Mäuse in der Falle.
In Petersburg ist über Wien die Nachricht eingetroffen, daß Fürst Nikolaus von Montenegro angebltch beschlossen habe, Montenegro zum unabhängigen Königreich zu erklären. Der Fürst erließ eine vom Ministerium gegengezeichnete Proklamation an sein Volk, in der er gegen die Angliederung von Bosnien und der Herzegowina an Oesterreich-Ungarn Verwahrung einlcgt. Aus Anlaß der Veröffentlichung der Proklamation kam es zu Kuiü>- gebungen, doch wurde die Ordnung nicht gestört. Eine Demonstration vor der österreichisch-ungarischen Gesandtschaft wurde verhindert.
Kreta.
Während die griechische Regierung offiziell erklärt, daß sie den Vorgängen auf Kreta fernstehe, weigert sie sich gleichzeitig, den Anschluß Kretas an Griechenland zu desavouieren. Gestern haben sogar die Kretische Regierung und die Miliz für den König von Griechenland den Treueid abgelegt.
Die Stimmung in der Türkei.
In Konstantinopel zirkulieren Gerüchte, daß der Sultan a b d a n k e n wolle oder bereits abgcdankt haben solle. Nach einer anderen Version soll das jungtürkische Köinitee auf geheime Jn- triguen des Sultans gekommen sein und deshalb die Entthronung des Sultans beschlossen haben.
Die Boykott-Erklärung gegen österreichische Waren hat in Kvnstantinopel einen ernsteren Charakter angenommen. Einzelne Leute sowohl, als auch größere Gruppen verhindern den Eintritt in einzelne österreichische Geschäfte. _ Die Kaufleute riefen die Hilfe des Konsuls an. Dies sowie verschio-- dene sensationelle Gerüchte beunruhigen die Bevölkerung. Die Polizei geht jetzt scharf gegen die Veranstalter reaktionärer Kundgebungen vor. Der Patrouillendienst in einigen Stadtteilen wird durch Militär verstärkt.
Deutschlands wirtschaftliche Interessen am Balkan
sind keineswegs so gering, wie mancher vielleicht vermutet. Wie groß die im Besitze deutscher Kapitalisten befindlichen Anleihen der Balkanländer sind, läßt sich nach der Deutschen Bergwerks- Zeitung auch schätzensweise nicht angeben, weil fast jede Anleihe gleichzeitig auch in anderen Ländern, namentlich in Frankreich, untergebracht worden ist, und es nicht bekannt wurde, welcher Anteil hiervon auf Deutschland entfällt. Sicher ist aber, daß der Besitz an türkischen, serbischen, bulgarischen und bosnischen Anleihen auch in Deutschland recht bedeutend ist, wenn auch in den letzten Jahren ein großer Teil dieser Werte von deutschen Besitzern an das Heimatland abgestoßen wurde. Von nicht zu unterschützender Bedeutung sind die Beteiligungen der deutschen Banken im Orient in Form eines Aktienbesitzes an den dortigen Bahnen und Banken. Erinnerlich ist noch, welches Aufsehen im Jahre 1905 die Gründung einer deutsch-bulgarischen Bank in Sofia durch die Dislonto-Gesellschaft und die Firma S. Bleich- röder erregte. Ein Jahr zuvor wurde die Orientbank mit einem Kapital von 10 Millionen Mark gegründet, und in demselben Jahre beteiligte sich unsere Banttvelt bei der Konstantinopeler Firma Marmorosch Blanck u. Co. mit einem Komrnandit-Kapital Dion 5 Millionen Frk. Hierin liegt aber auch vielleicht ein Anhaltspunkt für Manche Vorgänge der letzten Zeit, und das Bestteben, den deutschen Einfluß im Orient zu beseitigen, ist unter diesem Gesichtspunkt eher zu verstehen. Was den deutschen Handel betrifft, so seien folgende Ziffern angeführt. Die Einftihr aus Bulgarien betrug im Jahre 1907 15,1 Mill. Mk., die Ausfuhr dorthin 14,4 Mill. Mk. Aus der europäisch e n T ü r k e i bezogen wir im Jahre 1907 Waren im Werte vpn 17,1 Mill. Mk. und exportierten dorthin für 53,2 Mill. Mk. Im Handel mit Serbien überragt die Einfuhr mit 25,4 Mill. Mk. die Ausfuhr um 11,7 Mill. Mk. Aus Rumänien erreichte die Ausfuhr zwar im Jahre 1907 die stattliche Summe von 68,6 Mill. Mk, jedoch die Ausfuhr den Betrag von 149,8 Mill. Mk. Als Exportland kommt also hauptsächlich die
ij luftigen Person in alten Schaustücken nicht unähnlich. . (Er wird auch da nicht mehr ernst genommen,
■ Ido er es gern möchte. Er ist überlebt und hat genommen, wo er es gern möchte. Er ist überlebt und hat eigentlich nur noch geschichtliche Bedeutung, wie seine Werke tti Grunde nur noch für den literarischen Geschmack der Gründerjahre von einigem Werte sind. ES liegt wie Spinn- fceben und Staub über seinen Lustspielen und Ein Er-
lei [ Hflflrschmuck in reicher^ . Salomon^,
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** Landtagswahlbewegung. Der heutigen Stadtauflage liegt die gedruckte Lifte der bei der bevorstehenden Landtagswahl in der S t a d 1 Gie ß e n Wahlberechtigten, sowie der als Wahlmänncr wählbaren Urwähler bei. Die amtliche Offenlegung der Wählerliste erfolgt hier wie in allen übrigen Wahlorten an den drei ersten Wochentagen der kommenden Woche. — Bei der Aufstellung der Wahlmänner sollten die Parteien vorsichtig sein, da es schon öfters vorgekommen ist, daß Wähler zu Mahlmännern gewählt wurden, die überhaupt nicht wählbar waren. Als Wahlmann ist nur tvählbar, wer ein Einkommen von 1100 Mk. versteuert. Nach einer Feststellung des Ministeriums ist dies ein Gesamtsteuerbetrag von jährlich 14.50 Mk., in welchem Betrag auch Vermögenssteuer eirt> gerechnet werden kann. Um ganL sicher zu gehen, überzeuge man sich, daß die aufzustellenoen Wahlmänner auch tu der Wahlmännerliste eingetragen sind. Es muß nämlich in jeder Gemeinde außer der Wählerliste, die die Namen aller Wahlberechtigten enthält, noch eine besondere Wahlmännerliste offen liegen, in der Wähler eingetragen sind, die als W hlmänner gewählt werden können. Nur der, der außer in die Wählerliste auch noch in die Wahlmännerliste eingetragen ist, kann als Wahlmann gewählt werden. — Die Vertrauensmänner-Versammlung der Zentrumspartei in der Stadt Mainz hat dem nationalliberal- 'ultramontanen Wahl ab kommen zu gestimmt, ebenso der dortige jungliberale Bereut. Dagegen hat die Hauptversammlung des freisinnigen Vereins mit knapper Mehrheit den Beschluß gefaßt, in Rücksicht auf die gesamte Sage der politischen Verhältnisse in Hessen, sowie insbesondere durch die Situation, die durch die letzte Wahlrechtsdebatte hervorgerufen worden ist, bei der bevorstehenden Landtagswahl die sozialdemokratischen Kandidaten David und Adelung zu unterstützen. Gleichzeitig erwartet der Verein, daß alle Parteifreunde getreu diesem Beschluß ein/ nriitig handeln werden. -
** Ordensverleihungen. S. K. H. der Groß". Herzog haben dem Ober-Postschaffner Adam Emig in Gießen das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift „Für; langjährige treue Dienste" am Bande des Verdienstordens, Philtvps des Großmütigen und dem Landbriefträger Wilh. Kind in Grebenau das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift „Für langjährige treue Dienste" verliehen.
** Lehrerpersonalien. Uebertragen wurde deist Lehrer Phil. Jacob zu Georgenhaufen eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Reinheim und dem Lehrer Friedr. Frank zu Dauernheim eine Lehrerstelle an der Gemeinde- schule zu Echzell.
** Erledigt ist die Stelle des Oberförsters in der, Oberförsterer Rothenberg und die des Oberförsters der Oberförfterei Lauterbach.
anderen hinweg. Nur Olbrich blieb — der einzige von den sieben, die gekommen waren, um eine neue Zeit zu verkünden und eine neue Kunst. Er blieb, denn er wußte, er hatte aus feinem innersten gegeben und es mußte eine Zeit kommen, wo man reif war für das neue Wollen und das neue Vollbringen, das da geworden war unter Fürstenhuld . . . ohne Zwang, ohne Dogma. Er blieb und sah leuchtenden Auges wie alles rjngs um ihn wuchs und blühte und Früchte trug und wie fein Werk ein Tempel der Schönheit wurde und eine Wallfahrstätte für die freudigen und Sehnsüchtigen, die mehr vom Leben verlangten als gerade nur leben. Und er krönte fein Werk und baute ein weithin sichtbares Zeichen, sich und der Stadt ein Denkmal für Zeiten hinaus. Nun hat man ihm zum Gedächtnis seine Werke ausgestellt und sie zeugen von seinem rastlosen Fleiß, feinen umfassenden Interessen, die auch das kleinste Ding des Lebens in den Bannkreis der Kunst zogen und ihm ein eigenes Leben einhauchten. Heber 200 Werke — Skizzen, Entwürfe, Ausführungen — aus allen Tagen feines Lebens. Eine fast unübersehbare Menge — und alles belebt von seinem Geiste, der wie die Schönheit selbst war. Kostbares Geschmeide zum Schmuck an Tagen des Festes, herrliche Tinge zum täglichen Gebrauch. Leuchtende, farbenoolle Wandbehänge, dem Auge ein lachendes Eden, reiche behagliche Teppiche, den rauhen Schall des Fußes zu dämpfen. Studien aus Italien und Tunis, voll Leben, mit flüchtigen Strichen hingebaucht. Eine Fülle von Schönheit. Auch ein Oelbild ist oa; es hängt links von dem Gipsmodell zu dem Tietz'schen Warenhaus und ist der erste Versuch des Künstlers, den er erst kürzlich unter Anleitung eines Düsseldorfer Akademieprofessors gemacht hat. Es ist fein Kunstwerk, aber es zeigt des Mannes umfassende Anteilnahme aus allen Gebieten der Kunst. Skizzen und Modelle zeigen die Pracht seiner Bauten, des Prinzeßhäuschens, der Frauen Rosenhof in Köln, der so voll heimlichen Zaubers war, und die anderen steinernen Werke all, die seinen Namen berühmt gemacht haben und ihn emporhoben zum Lichte des Ruhmes. Das reiche Werk eines reichen Lebens, das seinen Einfluß üben wird durch die Jahrhunderte. K. Neurath.
— Kleine Chronik aus Kunst und Wissenschaft. Zu dem Wettbewerb für Entwürfe zum Neubau der Hoftheater in Stuttgart sind 23 Ent- mürfe eingelaufen. — Gegenüber der Meldung, daß die Ausstellung in München für 1908 mit einem De- si.zi t von drei. Millionen abschließe, stellt das Direktorium fest, daß die Ausstellung nicht mit einem Defizit abschließe und die Inanspruchnahme.der;..GaLantiesonds-Zeichner auS- üMlMw ia , Ä -*
iran lacht, ohne daß sie uns so packen, sie lohnen nicht, und mit Ausnahme der Eva, derentwegen man das Stück wohl aufnahrn, ist icine eigentlich bemerkenswerte Rolle in dem sogenannten Lustspiel, die nicht irgendwie windschief wäre. So war denn auch die Aufführung ganz dem Stück ange- meffen, und es ist den Schattspielern nicht weiter xu ver- ixnten, daß sie nicht richtig bei der Sache waren. Schleppend wie die Handlung mar die Wiedergabe. Es klappte nicht so recht; der Schliss und die Rundung fehlte. Trotzdem waren recht gute Einzelleistungen zu vermerken. Besonderen An- teu erweckte Anni Röb er als Evchen, die mit geschickter Natürlichkeit spielte und dem kleinen Backfisch allerliebste jiigc verlieh, die für eine feine Beobachtungsgabe zeugen. Mit inniger Warme hatte sie die psychologischen Sprünge in dem erwachenden Weibe aufgespürt und eine tiefschürfende Seelendarstellung gegeben. Sie brachte das deutsche Mädchen, wie es in unserer Vorstellung lebt, allerliebst zur Altung und verstand es, anmutig über die Flachheiten der Rplltz Hinwegzug leiten. G.äl.l, bemühte sich red
lich um den ihm so wenig gelegenen Marlow, den er mit zu viel vornehmer Zurückhaltung ausstattete. Er war zu sehr gereift, zu sehr auch ernsthafter Dichter, um die begeisterte Verhimmelung des kleinen Mädchens glaubhaft zu machen. Ansprechend und treffend war Willibald Völcker in der kleinen Rolle des Regisseurs sowie Karl Volck, ein sehr talentvoller Anfänger, als Ministerialrat. Etwas befangen schien Jo Hoven als Gertrud, die mit der gehaltlosen Rolle offenbar nichts rechtes anzufangen wußte. Erich Wein gärtner als ihr Gatte übertrieb etwas, jedenfalls, um wenigstens einigermaßen als lebendiger Mensch hervorzutreten. Verfehlt war der Baron Rolf Zieglers, der zwischen dem gewandten, jesuitischen Weltmann und dem Hochstapler keine Einheit zu finden verstand. Hier mußte bei aller niedrigen Berechnung und Gemeinheit unbedingt der flotte und verbindliche Gefellschaftsmensch betont werden. Die aus allen Schwänken bekannte Gestalt des beschränkten redseligen Banausenweibchens, die „verdrehte Schraube", die meistens auch noch jüngserliche Tante ist, ist bei Lindau Witwe und heißt Hermine, ohne dadurch eigenartiger oder interessanter zu werden. Ada Pauly verzichtete glücklicherweise auf grobe Effekte und machte durch ihr fein abgestimmtes Spiel einen guten Eindruck. Sie machte das Zerrbild erträglicher und gab ihm einen anheimelnden, vornehmen Ton, der aller Anerkennung wert ist. Die übrigen Rollen waren mit Claire Albrecht, Ed gar Pauly, Hermine Gilzinger angemessen
Die Krifis im Grient.
Die Lage ist äußerlich noch unverändert, doch wird sie jetzt : ein wenig pessimistischer beurteilt, als zuvor. Die Zuversicht, daß der Friede erhalten bleiben werde, ist bedenklich ins Wanken 1 geraten. So hört inan cs wenigstens aus London, wo der russische i Minister des Auswärtigen, Iswolsky, gestern eingetroffen ist. ; Der Berl. Lokalanz. meint, daß die Aufgabe nicht leicht fein i werde, die Iswolsky und Grey bei ihren gegenwärtigen i Besprechungen in London zu lösen hätten. .Denn anscheinend wolle England gerade das nicht bewilligen, woran den Russen am j meisten liege: die Freigabe der Dardanellendurchfahrt. So ex» Eine sich wohl auch, daß die Londoner Regierung im Gegensätze ’ den die Vermeidung von Schärfen erstrebenden Kabinetten die : politische Lage als sehr ernst behandelt und umfassende mili-- tärische Vorkehrungen treffe. So sind gestern vier englische Kriegsschiffe von Malta aus in See gegangen, um die Vorgänge am gol- । denen Horn aus nächster Nahe zu beobachten.
DeutschlandunddieKrisis'.
Angesichts der Erregung in Serbien hat, wie die Köln. Ztg. 1 hört, endlich auch die Reichsregierung Schritte getan, um in Belgrad zur Mäßigung und zu ruhiger Haltung zu mahnen., — Staatssekretär von Schoen hatte im Laufe dieser Tage mehrfache 'Besprechungen mit dem türkischen Botschafter, die sich auf die gegenwärtige Lage bezogen. Der Staatssekretär hat die bestimmtsten Versicherungen abgegeben, daß der Entschluß der österreichisch-ungarischen Regierung zur Einver- | Le ibung Bosniens und der Herzegowinaohne jede Anregung von deutscher Seite gefaßt worden ist, sowie daß die deutsche Regierung von diesem Eictschluß nicht früher Kenntnis erhalten habe als alU anderen Mächte. Hinsichtlich des bulgarischen Vorgehens hat Staatssekretär von Schoen betont, daß man in Berlin von den Schvi t te n dec dortigen R e «= gierun g in peinlichster Weise überrascht worden sei. Die deutsche Regierung habe in Sofia auch keinen Zweifel da- i rüber gelassen, daß man in eine Erörterung über die Anerkennung l der Unabhängigkeit Bulgariens keinesfalls eintreten könne, bevor nicht die bulgarische Regierung eine befriedigende Lösung der Frage der Orientbahnen gefunden habe. Diese Lösung könne »unächst nur auf dem Wege der Verhandlungen mit der Türkei erfolgen. — Eine ähnliche Mitteilung macht auch ein Budapester Blatt.
Ms Ergänzung z u obigerMeldung ist die Nachricht >es Berl. Tagbl. aufzufassen, daß Kaiser Wilhelm in der I a t darüberverstimmt war, daß er erst einige Taye nach Einhändigung des kaiserlichen Schreibens an den Präsidenten . Falliöres in den Besitz des identischen Handschreibens gelangte. Nach den Erklärungen des österreichischen Botschafters ist diese Verstimmung indes sofort gewichen.
Schade, daß diese Erklärungen unserer Regierung nicht eher gekommen sind.
Die Haltung Serbiens und Montenegros.
Nach dem Beispiele Englands hat nun auch Deutschland eine 'rüste Warnung an Serbien gerichtet, den Frieden nicht zu stören. Die Stimmimg der Serben ist nach wie vor kriegerisch, und . e.i scheint, daß die Regierung zum. Krüge gezwungen werden wird. Wie die Neue Freie Presse erfährt, hat die österreichisch-ungarische Regierung den Mächten die Mitteilung gemacht, daß sie von der serbischen Regierung Aufklärung über die militärischen Maßregeln I derselben verlangt habe. Indem Ocsterreich-Ungarn diese Mit- icihing den Signatarmächten des Berliner Vertrages zugehen läßt, I behält es sich vor, die zum Schutze seiner Grenzen, Bosnien und ■ die Herzegowina eingeschlossen, die nötigen Maßregeln gegen jede Bedrohung Serbiens zu treffen. In Belgien dauern mittlerweile 3» >ic Demonstrationen fort. Die Demonstranten fordern den so- lvrtigen Nückttitt der Regierung und drohten, die Minister sonst mit Gewalt zu entfernen. Cs macht sich außerdent auch eine feint» 4 l-ichc Stimmung gegen den König bemerkbar. Dieser wird auf- | ^fordert, entweder den Krieg zu erklären, oder aber zu Gunsten )<s Kronprinzen abzudanken. Das Mali Journal meldet, der .-fällig habe sich dahin geäußert, er strebe danach, an der Spitze 1 der serbischen Armee in Bosnien cinzurücken. Unter dem Präsi- 3 ium des Königs fand gestern im Königlichen Palais ein Kriegs-
Giessen :ib) Telephon NI täten-Theater. )ttober 1908 wFrau ttancouiaMelliLre ir. ler HÄiptroüi Üilälen-Prograum L stöber 1908 orstelW
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