Nr. 283
Zweites Blatt
158.3
Dienstag 1. Dezember 1908
Erscheint tSgllch mit Ausnahme deS Sonntags.
Eeneral-Anzeiger für Gberheffen
ntral.
fier.
Die „Etehener LamiliendlStter- werden dem .Anzelger' otermal wöchentlich beigelegt, da? „Kretsblatt für den Kreis Eietzen" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Rotationsdruck und Verlag der Vrübliche» UnwersuätS • Blich» und beeindruckerei. R. Lange. Dietzen.
Tie Nevolulion auf Haiti.
Die haitischen Sicwin i^nare unter untenie Simon brachten den fftegiecungstruppcn unter dem Äriegsuiin fier Celcstin (Siiiaque nach New Yorker Meldungen in üierfhüibigcr Schlacht eine schwere Niederlage bei. Ciriaque verlor alle Geschähe sowie 300 Tote und Verwundete und flüchtete in das deutsche Konsulat zu Mira- gvande. Prüsidcnt Nord Alexis hat in Cincinnati öüOO Gewehre und Uvei Millionen Patronen bestellt. Eure Drahcnncl)richt aus Port-au-Prince meldet, datz dort eine Panik unter der Bevölkerung ausgebwäjLN sei, weil man die Plünderuitg der Stadl duvcl) die Ausstänoisll-en befürchtet. Die Gcsck-äste sind geschlossen und die -tüten und Fenster verbawrikatiert worden. Die Fremden hißten über ihrem Etgcittum die Flagge ihres Landes. Tie 'JJUrfie sind verlassen; die Landbevölkerung, die zum Berkaus il-rer Crzeug- nisse m der Stadt angekummen war, ist unter Zurücklassung ihrer Habe geflohen. Präsident Worb Alexis beharrt auf seiner Ent- schliehung, den Kampf fortzuseben.
Au» jyiaOt und £and.
ö) leben, 1. Tezember 1908.
** TageSkalender. Stadttheater. TienStag abend ■ Uhr: ,(£m daUiffement'.
K o 1 o | i e u ni. Iheiistag abend Programmwechsel.
Vortrag van Frau L>je Ramsveck aus Taimstadt; Alldem Arbeuogebiel Oer organisierten flauem eioegung. Tieiislag nachn, ö1/, Uhr im Hörsaat des physikalischen ZustuulS.
Ausland.
Der Papst leidet an einem parken Influenzaaniall. Die Fiebertemperalnr betrug gestern morgen 38,5 Grad. Im Laufe Oes Vorniiltags besserte sich das Besiilden etwas
England und Holland. .Pall Mall Gazette" will wissen, England und Holland würden bald durch engere Bande aneinander geschlossen werden. Holland wünsche eine definitive Konvention mit England abznschlietzen. ES sei möglich, datz wertere Konventionen demnächst verhandelt würden zum Zwecke deS absoluten Schutzes Hollands.
B u l g a r i c n. Die „Agenee SBitlgare* bezeichnet die Meldung, nach welcher das PtlNlsteriuin dem Könige seine Demission unterbreitet haben soll, als jeder Grniidlage entbehrend.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul» strotze 7. Expedition und Verlag: 5L
Redaktion:e-sA 112. Tell-Adr^AnzetgerGteßen.
Deutjches Ucich.
Das Befinden deS Kaisers tyu sich so weit gebessert, daß der Monarch bereits am Somuage mit ber Kaiserin den ersten Spaziergang machen konnte. s
Für die B c r s a s s u n g s d e b a l t e, die am Mittwoch im Reichstage beginnt, sind b.sl^r folgende Redner angemeldet: Für die Freisinnigen: Mntter-Meiningen nno Friedrich "Naumann. Für 'die Sozialdemotraten: Lebeöour, Singcr und Heim. Für die Nationattivcral.n: Junck. Für daS <>cnuum: Spahn.
Eine Einladung an Roosevelt. Nach einer Meldung der Köln. Ztg. erhielt die Ncwyorker Times aus Berlin die Nack-recht, ber neue deutsche Botschafter Graf Bernstorfs über- brmge eine Einladung des Kaisers an Novseveli zum Besuckx Deutschlands und Deutsch-Afrikas.
Ter deutsch-portugieiische Handelsvertrag ist gestern in Oporto unterzeichnet worden.
D e m s o z i a l d e m o k r a l i s ch e n A b g e o r d n e t e n H o ff - mann in Kaiserslautern ist nach der Münchener Post von der Regierung, die weitere Erteilung des Unterrichts an der städtischen Fachgewerblichen Fortbildungsschule in Kaiserslautern untersagt worden. Hvs smaun hat sich hiergegen bereits besck-werdesührend an das Kultusministerium gewandt.
5um Ausstand auf den Gruben Saar und Mosel.
Der Bllistuno des Gerne c teere ms ajiriftliaj-er Bergarbener hat in der Ang-..egenheil des Bergaroeitcranssdanbes in Lothringutz, folgende Depefck-e an den Reichskanzler Fürsten v. Bülow erlaubt : „Auf den Gruben Saar und Mosel in Lothringen sind die Arbeiter zum Teil in den Ausstand getreten; es heißt, weil infolge Don, Flötzbrunden Gefahr für Leben und Gesundheit deo Arbeiter bcstcht. Bier Arbeiter sind bereits betäubt und ein Ar-
bercit Muster dann von sämtlichen in Deutschland entstehenden kleineren Kckrnzleicn nachgeahmt wurde, hcwen Hand in Hand mit ben gciftiidxn Schulen, aus welck-en |\e ihre Leute bezogen, vwle Jahrhunderte lang jene laleinisckfe Stilistik gedrechselt, von der seit dein 15. und 10. Jahrhundert aufkoinmcndc, nun angeblich beulidie Kanzleistil lediglich eine mechanische Uebersetzung voll fremden Sprack-geiltes blieb, llnd diese ganze Nichtung hatte sich nur verstärkt, als oom staufischen Zeitatter ab die Jurisicnboll)- schulen und mit ihnen das direkte Studium der röm.schen Kaiser- rechtöquellen in Aufnahme Cantcit Was sie Neues brachten, war die umnitceloare W.ederanknüpfurrg an die starre spütrümische Juristenlogik und deren Bollbringungen. Es war der lange vor- vercitete Sieg einer begrifflich schraubenden Logik über eine naivere und, rsckKlichrre Empfindung, die schöner, edel,inniger und dabei meist auch trefflicher gewesen Ivar, als alle Paragraphen- und Begriffsklauberei. Es vollendete sich ber Triumph der Spracl>- verwicklung und im besten Fall der prüden Sprau/nüchternheit über die epenhast poelsiche Sprache, die in den Lvlksrechten uno Weis- tümern c>er Germanen lebendig geivcsen war und oie wir Halbrömer heute in der Tat unmöglich mehr vertragen und verstehen.
— Charakteristische Sa r do u-Eri n n e r u n g e n bringt in den „Münchener N. N." Hermann Bang, der m Paris doii dem erfolgreichen französischen Dielschreiver üi ber 'Jiegcl „Barbar" genannt wurde. Die Skandinavier liebte nämlich Sar- dou so anzu|preck-en. Bczeichneud ist die Etc die Episode des Abends, an dem ,,'Jtora" neu in Paris gegeben wurde. Ter Vorhang erzählt Bang, war eben gesatten, als zwei Herven aus die Buhne kamen, nw ich mit Frau yiejane und Herrn Porcl stand. Es waren Alexander Tama» sirs uno Victorien oaixou. Dumas sagec Frcm tnejane einige ocgeifterte Worte. 3otjüu aber beugte ,ich zu ihrem Ohr haiao und flüsterte so laut, oap wir es alle hören Sonnten, nur em Wort — „Mist, Gaoriettc", iagte er — und ging.
— Das hessische Landes museum in Darmstadt erhielt von Oberamtsrichter u P. Baur zwei werivvtle Gc- schenLe. Es ist ras dclanute Gcnrnwe von Heinz Heim „Pfründner", das aus der Landesausstellung großen Beifall fand, und ein kleines Iagdv >. ld des v^c..unten im ^ahrc löbo verstorbenen Darmstädter Tiermalers Frisch.
— Steile farbige Wiedergabe n klassischer Gemälde gibt der bekaume Münchener Kunstverlag p a n i |t a e n g e l heraus und Hal sich bamü den lebhasiesien Beifall aller Kunstireuude!
** Konsul Lauteren f. In der Nacht auf Montag Ilard in Ni ainz Geh. Kommerzienrat Clemens Lauteren, belgischer Konsul, Inhaber der Wcmhanblung C. Lauteren Sohn nn 65. Lebensjahr. Lauteren war ernanntes lebenslängliches Mitglied der Ersten Kammer.
"Zetchenlehrerprüfung. Das Ministerium deS Innern Hal eine Bekanntmachung erlassen, die die Prüfung von Zeichenlehrern regelt.
**SanitäterversainmlunginOffenbach. In der Tur..Halle des Turnvereins fand am Sonntag die erste allgemeine Versammlung hessischer freiwtll.ger Sanitätskolonnen vom Roten Kpeuz |tatt. Den Vor.itz führte der Vorsitzende des Landesvereins, Exz. Buchner-Darmstadt. Nach eingehender Besprechung, an der sich vornehmlich Vertreter von Darmstadt, Mainz, Lsfenbach und Gießen be- tei igte.i, w..rde ein, iminig der Zus.mmei.schluß der zurzeit bestehenden hessischen Sanilätskolonnen uiuer dem Flamen „Verband der hesti.chen Sanitälslolonnen vom Roten Kreuz" gulgeheißen. J.n Mai näch,ttn Jahres soll in Darmstadt ein Kolonnenlag aogehalten werden, welcher über die weiteren Ala ßn ahmen beraten und beschließen soll. Auch wurde ein provisorischer Ausschuß zu dem Zweck ernannt, die Vor- ichläge und Anträge der einzelnen Kolonnen für die Tagung zu prüfen und vorzubereiten. Den Ausschuß bilden Vertreter der Kolonnen Mainz, Darmstadt, Offenbach, Worms und Gießen, dessen Beratung voraussichtlich bereits im Januar nächsten Jahres stattjindet. Die Verhandlungen, oie zur vollsten Zufriedenheit aller Teilnehmer verliefen und von dem 80jährigen Vorsitzenden mit bewundernswerter Frische geführt wurden, währten von 4 bis 61/2 Uhr.
Alendorf a. d. Eder, 29. Noo. Gestern, Samstag, abend 8 Uhr, wurde die Ballenberg—Hallenberger Post oberhalb des Torfes von einem Eisen bahnzug der neuen Strecke Frankenberg —Wmterberg überfahren. Der Wagen wurde vollständig zertrümmert, der Postillon vom Wagen erworben. Bisher sind drei Blatter erschienen und zivar Wiedergaben nach den betanutesleu Gemälden Rembrandts, die seither nur in wenig vollkommener ^aibentreue hergeslellt wurden. Sie drei großen Blätter, die gegenwärtig in der Kunsthandlung von Hirz ausgestellt sind, sind sehr lorgiältrg ausgekührt und nähern sich dem Original weit mehr als die seither üblichen Nachbildungen. Seither sind erschienen: Ter Mann nut dem Goldhelm, Die Nachtwache rmd die Luchmacherzun't.
— Alired Bock wirb, wie wir Berliner Blättern entnehmen, einer Einladung der L e s s i n g - G e s e l l s ch a f t für Kunst und Wissenschaft in Berl 1 n folgend, in der ersten Te- zemberivoche dort eigene Dichtungen zum Vortrag bringen.
— Klara Liebig hat em neues Eifel-Drama vollendet, das den -titel ,Tas lehte Lied" führt. Tas Werk wird wahr- jchemlich an einer einen Berliner Bühne zur Aufführung gelangen. _ — a s Hohe L i e d", der neue Roman von Hermann r- u d e r mmm, bringt, wie verlautet, seinem Verfasser em Honorar von 6u 000 Mart. Nachdem vor kurzem, wie wir gemeldet haben, auch Bruno Wille eine recht erhebliche Summe, nämlich 30 000 Alaik, für seinen Roman „Die Abendburg" erhalten hat kann man kaum noch davon sprechen, daß die erzählende Dichtung ihren Alami heulziuage schlechter nährt als die dramausche Arbeit. Es sei denn, daß man begabt genug ist, em Werk wie die.lustige Witwe* hervorzubimgen, das gebzehn Millionen emträgt.
- treone Smigaglia, bis vor wenigen Jahren bei musikaliichen B elt noch em völlig Unbekannter, ist durch feine Piemontenichen Tänze und feine Lustjpielouvertüre „Le Baraffe cinozzotte (Tie Rauerel in Ehioggia- Mit einem Male m die blciDc der am meisten gezielten Orchesteikomponliien der Gegenwart genial. L.ie angesehenften Lrchesterdingenten Deutschlands -.oben die Ouvertüre fast ausnahmslos ,ür die diesiährige Kouxert- zeit auis Programm genommen.
on. ~ Kleine Chronik aus Kunst und Wissenschaft. Als Naa-sviger bis Profcstors Ernst H ickel in Jena wurde rar dni ^h.sLuhi oer uvu^g^e an der Universität ^ena au fier oeni 4M’üic_iior xr. Arnow Lang-Züriu-, Professor Plate- Berlur ausersehew — „Die blaue Maus' von Alexander Engel uui) >>ulius Horst, die so lange auf dem Spielplan des
o1 lli Piet Hanfes g.< nuen hat, ist m M u nche«: "N ber Zensur verooien rooroat.
Kleines Feuilleton«
— Vom Kanzleistil i. ii u wie wir z a ihm kommen plaudert im „Daheim" Dr. Hans Sendling. Nack-dem er so manche Unarten und Sprachverhun-ungen gegeißelt hat, fragt er: Woher nun bie$ alleä? und er antwortet: „Ja, sie waclffen schließlich alle am gleichen Hvl-c, diese alten und neuen Verschandelungen unserer Muttersprache: vom Sa^bau und von den mißgeborenen Mörtern der Kan-leien an bis zur uiinuhlichen Gelchrtenexaktheit und bis Mr undeklinablen Eingesrovenheit der Firmen und Titel. Es ist „ber große Logiker"", wie Wustmann sehr gut es seiner zett nannte, der hier als Mißerzieher zu sck>eub- licher Ungcstült unsere Sprache vergcwalttat. Der „große Logiker" aber seinerseits, wenn wir nun kiilturgeichichttich werben, kommt letzten Endes wicber aus ber Mumienwelt des vergreisten Altertums her, aus dieser Dekadenz der Ltömer, die uns allzu bescheiden^ Deutsche auf zahlreichen Lebensgebieten noch immer als gespenstisch verknöcherte Erblasserin tyrannisiert. Die spätantiken Grammatiker- und Rhewrenschulen fanden ihre eigene Nachfolgerschaft in fixer lateinischen Klojrerschule des Mtttelalters, das bekanntlich. loeUIidje Schulen nicht besaß. So wurden denn die „sieben freien iliinfte" der römischen Ncagister durch das ganze Mittelalter die l-öl^erne Drillmaschine all derjenigen Menschen, die überhaupt diszipliniert zu benk-n und schreiben lernten. Daran hat der kecke Humanismus wohl manches geändert, gewiß, er hat Befreiungen, Erweiterungen gebracht hat u. a. zu den Grieäwu geführt und Hurch Hutten und andere das Deutfck)e entdeckt: euer das Hebel an Mer Wurzel ausgetilgt, hat auch er nicht, das war viel tiefer schon in die beuqu/e Mensa-heit hineingefressen, als daß solches möglich geivcsen wäre. Der -rvette Weg, aus bim die fangannige Einwickliingsiogik der spätrönttschen vihelorcir- und Mvvkatenschulen auf uns gekommen ist bas find die Kanz-lcicn. Den erobernden Germanenkönigeii ber Vvll'erwanderung war es genau so wichtig, stilvolle lateinische Kanzleien cinzuricksten. Wie es heule den Herrschern von Japan und Siam wichttg ist, als englisck-e Gentlemen gekleidet zu sein. Ein Thcvderich ber Große — Dietrich vvn Bern! — hat in seinen Kanzlei, chreioen, bereu oberster Redaktor Cassiodorus Seimlor war, mustergültig verschrobenen lateinischen Bombast entfaltet, uno die wilderen Könige der Franlen werben von unseren Historikern erst von da ab gepriesen, wo sie durch gelehrige Reformen ihrer Kanzleien annähernd tzevselbLN Rekord erreichten. Die KvnigL- und ^öaijerkanzleien.
beiter tut 511 Tage gefördert worden. Die Grubenverwaltung und die Bcl/örden erklärten in der vorigen Woche, eine Gefahr bestände nicht. Demgegenüber hielten die Arbeiter an ihrer Aussage fest. Co >st, ivie uns mitgeteilt wird, nach ber Erklärung der Behörden, am letzten Freiiag nadinuttag wiederum cm Arbeiter bewusstlos zu Zagt gefördert wo eben, cm Ben-eis, daß nicht jede Gefahr beseitigt ist W.r bitten Ew. Durchlaucht, gt- faUigft veranlassen zu wollen, datz jede Gefahr für bie Ao- beiter beseitigt und bie u. a. burch bas gegenwärtige rliadbod- Unglück aufgeregte Aroeilcrsck>aft berulstgt wirb. Der Zen verband der GewerLsverrine u-risttichor Bergarbttter. Kor Vvisitzcnder.""
SttmmMngsbUö aus dem Reichstage.
Berlin., 30. Nov.
Arbeiteriunenschuh.
Zwischen Steuervermchrung und Verfassungswünschen Hut sich der Reichstag mit dem weniger aufregenden Gebiete des Arbeitcrschutzes zu beschäftigen. Aus der großen Ge- lverbenovelle, deren Verabschiedung eine immer neue Flut von Anträgen für diese Tagung in Frage stellt, mußte wenigstens der auf die Verhültniise der weiblichen rmd der jugendlichen Arbeiter bezügliche Abschnitt herausgegriffen werden, denn seine sofortige Erledigung ist notwendig, wenn ne Berner internationale Arbeiterschutz-Konvention zu Neuahr, am bestimmungsmäßigen Termin, in Kraft treten oll. Dre Lauptteile dieses Ätovellenstücks betreffen die gesctz- liche Festlegung des Zchnstundcntags für Arbeiterinnen, das Verbot der Nachtarbeit und in Verbindung damit die Erfüllung der von den Frauenvereinen ausgehenden Wünsche nach einem weitgehenden Mutterschutz. Daneben wird, wenigstens für die Frage des Arbeiterschutzes, die alte, bisher nicht gelöste Streitfrage der Abgrenzung von Fabrik und Handwerk dahin entschieden, daß Betriebe mit regelmäßig mehr als zehn Arbeitern als Fabrikbetriebe im Simie der Gewerbeordnung gelten sollen. Die Kommission hat in fleißiger Arbeit die soziale Fürsorge der Negieruiigsvorlage noch in einigen Punkten erweitert, zum TeÜ freilich unter lebhaftem Widerspruch der Industrie, der auch jetzt bei der ziveiten Lesung im Plenum in Anträgen zum Ausdruck kommt. Schon in der Kommission wurden von den Sachverständigen der industricltcn Praxis schiverwiegende Gründe dafür geltend gemacht, daß die soziale Beglückuilgstätigkeit deS Zentrums und der S^zialdemolratie mit einzelnen der in schrverem Wettbewerb aus dem Geld- marlt ringenden Industrien auch das Wohl und Wehe der beteiligten Arbeiterschaft in das Prokustesbett zrvängt und ihr eine Fürsorge aufdrängt, die statt einer Besserung ihrer Lage sie in ihrer Lebenshaltung zurückwersen würde. Während im allgemeinen für den Samstag der Zehnftundentag aus eine Höchstarbeitsdancr von acht Stunden herabgesetzt ist, hat die Kommission für diejenigen Arbeiterinnen, bie ein Hauswe'en zu besorgen haben, die Arbeitszeit um noch zwei weitere Stunden verkürzt. Hiergegen wird von den Vertretern der Industrie und besonders von der Textilindustrie der auch dem Laien verständliche Einwand gemacht, daß dies in den meisten Fällen die Schließung des Betriebes für den Samstag-Nachmittag überhaupt zur Folge haben müsse, da die Tätigkeit der verschiedenen Arbeiter ineinander greift. Freisinnige und 9iationalliberale vertreten durch den Bamberger Fabrikbesitzer Manz und den Generalselretär des Bundes der Industriellen Dr. S t r e s e - mann forderten daher die Beseitigung dieses Kommissionsbeschlusses und fanden nachdrückliche Unterstützung durch den Staatssekretär v. Bethmann-Hollweg und den Bevollmächtigten der sächsischen Regierung, den Gesandten Vitzthum von Eckstädt. Das Zentrum versuchte mit einem aus betriebstechnischen Gründen allseitig für unannehmbar erklärten Vermittelungsantrag den Rückzug anzutreten, und so blieben denn die Sozialdemokraten, die neben dem Arbeiterselretür Schmidt- Berlin auch Sperrn Stadthagen auf die Tribüne sandten, schließlich völlig vereinsamt; denn der Wortführer dec wirtfchaftlichen Vereinigung, Schack, der in der Kommission auf ihrer Seite gestanden hatte, erklärte sich durch die Gründe überzeugt, und die Stellungnahme der Polen bedarf nicht erst einer besonderen Erwähnung, da diese Partei seit geraumer Zeit aus Fraktionsgrundsatz in allen Dingen genau so stimmt wie die Sozialdemokraten. So erklärte denn Herr Ku- lerski auch sein Einverständnis selbst mit der agitatorischen Forderung des Achtstundentages, die seine roten Genossen durch Parteitagsbeschluß genötigt sind, bei solchen Gelegenheiten herauszustecken. Obgleich auch die konservativen Parteien durch die Wgg. Henning und Schmidt- AltenburA, zum Teil sogar mehrfach zu Wort kamen, führte die fünfstündige Verhandlung heute noch zu keiner Abstimmung.
politische Lagersciiar».
Die deutschfeindlichen Demonstrationen in Prag.
Gestern erneuerten jiaj in Prag am Graben bie Unruhen, pte Sttatzen waren von tschechischen Studenten überfüllt. Kaum, datz btc deutschen Studenten auf die Straße kamen, erhob sich em Wütendes Gebrüll. Man sang nationale Hetzlieber und bedrohte bie Dculsck-en. Einige würben geprügelt, darunter auch der Vertreter ber Straßburger Stubentenschast, der an bie Wand gedrückt und bespuckt Würbe; er begab sich in das beutsck-e Konsulat und strderte Schutz. Der Graben mutzte schließlich von einem größeren Aufgebot von Getrbarmen geräumt werben. Tie Demonstranten zogen nun auf ben Hauwagsplatz zum rückwär- ttgcn Eingang des beutsckten Kasinos und versuchten, bas deutsche Haus zu stürmen. Da aber das Haupttor zugeschlossen Wurde, begnügten sie sich damit, das Pflaster ausKure-.tzcu und die großen Steine über den Garten zu werfen. Sckstictzlich drang ein Wachs. Aufgebot vom Graben aus in das deutsche Haus ein und sprengte die Demonstranten amScmanbcr. Es würben zahlreick>e Verhaftungen vorsenommeu. Unter den Leuten, bie gestern aus dem Graben an den Deirwnstcationen gegen bie deutschen Studenten sich beteiligten, befanden sich auch englische F u ß b a l l s p i e - l e r, die als Geiste eines englischen Klubs in Prag weilen. — 2>ie iKeng« blieb auf dem Rmgpmtz stehen unb bewarf das Re- detzki-Monument mit Steinen, OfsiKiere tvurden bespuckt; einen hölieren Offizier wollte man in die Bioldau werfen. Bci ben Ausschreitungen Wurde einem 16 jährigen Iunglmg, der sich unter ben Demonstranten befand, der Sck-adel gespalten. Der Jüngling würbe sterbend in das Spital gcsäxafft. Insgesamt kamen hundert Venvuiwungen vor. Bor dem Museum würbe auf die Polizei gcsclwssen. Es ersck-alten Rufe: Wir werden euch das Kaise» Jubiläum sckjon zeigen, Ihr Mörder! Die Pferde der Schuv- leute wurden vvn hinten mit spitzen Nägeln gestellten, so datz sic sckpeu würben und üawnliefen. Die Stellung des Statte Halters von Böhmen, Grasen Eondenhi.>ocn, wird als erschüttert bezeichnet. Der Statthalter wartet nur die Äbsvlvicrung ber Zubilaumsfeicrlichkeitcu uno ine ihm ai s diesem Anlaß be» voiftcheiwe Auszeilljimng ab, um sich -urückzuziehen. Zn hie- Iigen ^rcharischkratijchcn itre.fcn, die mit ben Hvfämtern Fühlung haben, zirkuliert bas Gerücht, daß ein hohcr, vor kurzem in ben RuhcstnW getretener General ben Statu-rn.ernsten beziehen sott, um mit militeriidjcr Strenge Ordnung zu sll/asfen. Eure Bestätigung dieses Gerüchtes bleibt ab^uwarten.


