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1.9.1908 Zweites Blatt
 
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Nr. 205

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

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iizl. Glückwimschi

DieGießener ZamMenblätttr" werden dem »Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das Lreirblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Diekandwirtschaftlichen 3eit= fragen" erscheinen monatlich zweimal.

In». Verein.

ts Prümng unl> er Bibliothek wird diel^. >d des Monats Syteak.

Rotationsdruck und Verlag der Drühllsch«, Universität-? - Buch- und Eteindruckerei. R. Lange, Gießen.

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Dent?ches Reich.

Das Kaiscrpaar ist gestern nach dreiwöchiger Ab­wesenheit in Berlin wieder eingetroffen.

Ter rumän. MinisterpräsidentSturdza, der kürzlich in Berlin eingetroffen wac und im Hotel dkaiser- hof Quartier genommen hat, ist auf einige Tage nach Nor­derney gereist, wo er mit dem Fürsten Bülow zusammen­zutreffen gedenkt.

Der Nachfolger Köllers. Wie der Straßburger Korrespondent oerFranks. Ztg." erfährt, hat der Kaiser bei fernem Aufenthalt in Straßburg den Unterstaatssekrelär Freihenm Zorn von Bulach definitiv zum Nachfolger des Staatssekretärs v. Köller auserjehen, sobald dieser in den Ruhestand tritt.

DerReichs an zeig er" veröffentlicht die Auf­hebung der Verordnung vorn 17. April 1901 wegen Er­hebung eines Zolles auf Älauholz und eines Zollzuschlags auf Kaffee und Kakao aus dec Republik Haiti.

Kriminalkommissar Friedberg, der seiner­zeit durch seine eigenartigen Depeschen an die flüchtigen Friedberg und Bohn von sich reden machte, tritt seinem Gesuch gemäß am 1. April 1909 mit voller Pension in den Ruhestand.

Der häusliche Streit im sozialdemokratischen

Eine vom Staat organisierte unpar tciische Arbeits­vermittelung hielt Hinzpeter für eins der besten Mittel, den sozialen Frieden zu fördern. Ta Hinzpeter sich mit den Einzelheiten dieser Frage wenig beschäftigt t-atte, so veranlaßte er Tr. Karl Dtöller, in der angesehenen volkswirtschaftlichen ZeitschriftSchmollers Jahrbücher" feine von ihm gebilligten Ansichten über die Ausbildung der Arbeitsnachweise nicderzu- legcn und versprach, einen Sondcrabdruck dieses Aufsatzes dem Kaiser zu überreichen. Er hat dies auch getan.

Hinzpeter teilte dem Verfasser demnächst mit, der Kaiser habe aui seine Empfehlung der Schrift erwidert: Tie in der SchriftZentralisierung des Arbeitsnachweises" ausgesprochenen Ansichten halte er im wesentlichen für ridrtig, die Regierung könne aber nicht mit den vorgeschlagenen gesetzgeberischen Maß­regeln hervortreten, bevor nicht die öffentliche Meinung dafür gewonnen sei und vielfache Versuche im kleinen die Richtigkeit der in der Schrift ausgesprochenen Ansichten bestätigt hätten. Er habe bei dem Trunksuchtsgesetz in dieser Beziehung üble Erfahrungen gemacht, und die Regierung werde denselben Fehler hier nicht wiederholen. Es müßten also zunächst Provinzial­verbände, Kommunen und Vereine mit Versuchen auf diesem Gebiete vorgehen und das Feld vorbereiten, ehe man kommunale Arbeitsnachweise mit Anmeldepflicht der Arbeitgeber zwangsweise überall cinführen könne. Ter einzige vorläufige Erfolg der lieber- reichung der Schrift an den Kaiser waren Rundschreiben der Regierungen an die Unterbehörden, daß sie paritätische Arbeits­nachweise fördern möchten.

Dem ArbeitcrwohNungswesett schrieb Hinzpeter die größte Bedeutung zu, er hielt es für die körperlidie und geistige Entwickelung der Arbeiter und ihrer Kinder sowie j)ur Erhaltung des Familienlebens, zur Bekämpfung der Trunksucht und zur Erhaltung guter Sitten und vor allem für die Zufriedenheit der Arbeiter für unbedingt erforderlich, daß auf diesem Gebiete im großen Stile etwas geschähe.

Hinzpeter hat über seine Tätigkeit und seine Erlebnisse aus­führliche Aufzeichnungen gemacht, die er angeblich mit Ausschluß der von ihm vernichteten Bericlste über die Prinzenerziehung dem Kaiser zur Aufbewahrung und Benutzung vermacht l-at. Hinz­peter äußerte fick) oft mißbilligend über die Indiskretion, mit der hochgestellte Personen ihre Erinnerungen gleich nach ihrem Tode veröffentlichen lassen, obgleich dadurch viele Lebende in eine unangenehme Lage kommen. Er war der Ansicht, daß der­artige Aufzeichnungen für den Geschichtsschreiber aufbewahrt werden müßten, der seine Tätigkeit beginne, nachdem das lebende Ge­schlecht einem andern Platz gemacht habe. Jedenfalls wird ein zukünftiger Geschichtsschreiber das Leben Kaiser Wilhelms II. nicht schildern können, ohne Hinzpeters und seines Einflusses eingehend zu gedenken und dessen Lebenserinnerungen, sobald sie zugänglich geworden sein werden, zu studieren."

Ter Verfasser des Artikels, dem obige Stellen entnommen sind, ist ein Vertrauter Hinzpeters, der Geheime Kommerzienrat Tr. Karl Möller, ein Bruder des früheren Handelsministers.

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Erhcller gewesen: Dir verdankt die Musikwelt Alles Löbliche, was meine letzten besten Lebensjahre ihr zu bieten vermögen!" Von Tschaikowsky, den er in Petersburg kennen lernte, schreibt Bülow:Ter Verfasser ist persönlich einer der allerliebenswür­digsten Menschen, denen id) je in diesem Leben begegnet, dabei so tolerant und lobessreudig für seine Kollegen, kurz ein Pracht­exemplar. 1840 geb., beinahe schon weißhaarig, aber voll geistiger Jugend: wenn er komponiert, vergräbt er fid) in die absoluteste Einsamkeit, ist er fertig mit der Arbeit, sc erfreut er durch seinen herzlichen Verkehr alle ihm sympathischen Mitmenschen." Doch nur selten sammelt sich der Meister, der ein gehetztes Virtuosen­leben führen muß, zu der aussülwlichcn Schilderung eines großen Eindrucks, wie etwa in dem Brief an Frau Cornelius über die Ausführung der herrlichen Oper ihres verstorbenen s.0lannc§, des Barbiers von Bagdad". Viel lieber läßt er das Brillantfeuer seiner kapriziösen Einfälle spielen und macht fid) lustig über sich und die Welt.Nach dreijährigem Werben", schreibt er an Helene Raff,habe ich endlich mein Ziel erreicht: höre id- werde wieder geliebt. Von wem? Vom Kamel des Zoologischen Gartens, sogar von zweien, aber das EineAntar" habe ichs gekauft kennt meinen Ruf, begrüßt mich und begleitet mich wie ein Hündchen hinter seinem Gitter springend und hüpsend. Heute nachmittag ist noch seierlicher Abschied von den Bestien allesamt. Es ist nicht unmöglich denn dieses Lebewohl geht ihm wahrhaft zu Herzen daß dabei einige wirkliche Tränen vergießt Tein treuer Wahlontel." Einem Freunde rät er:Glaube nie unbedingt, zuweilen auch nicht einmal bedingt, Zeitungsnotizen über mich; Wolff verfährt da nach Belieben, ohne mich je zu konsultieren. Rach vielen vergeblid-en Versuchen, ihm das ab- zugewöhnen, habe ich mich resigniert." Sein freund von Bron- iart sucht ihn für ein Mufikscst zu gewinnen und er berichtet Darüber an seine Frau:man" hat sich offenbar an ihn gewendet, um mich wiederum für diefe Tilettantenwirtfchast als Mitonkel zu kapern. Pas si bete. Ich brauche meine Kräfte für den Wintcrärger auf. Und diese Tonkänstlerseste haben fürs Musik­leben nicht mehr Sinn und Bedeutung als die Leipziger und Braun­schweiger Mesien heutzutage für Handel und Verkehr. Immerhin habe id) Br (onsart- geantwortet: ivenns ihin nicht gefällt, so kurzweilts ihn doch und de singt er das Hundecmiplet in Göttingen, dessen Musik Heine Harzreise in Worte gesetzt hat."

Eine neuentdcckte Germanengöttin. Ter an­sehnliche Kreis von altheidnischen Göttern und mit göttlid-en Eigensckaftci: ausgestatteten Helden (Äsen , von denen uns in der isländischen Edda und Den skandinavischen ^agas jo an- schau!ich Kunde übermittelt wird, sd-eint durd) die rastlosen For­schungen der modernen Altertumswi'senschaft eine ständig wachsende Ausdehnung anzunehmen. Tcn Untersuchungen eines namhaften norwegischen Fachgelehrten, Dr. Magnus Olsen, verdanken wir

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Kleines Feuilleton.

Die Eröffnung des neu eingerichteten $tüdertl)ttufcd auf der Matl-ildenhöbc zu Darmstadt, des letzten der für die Landesausstellung geschaffenen Ausstellungs­objekte, wurde, wie man uns aus Darmstadt schreibt, am Montag in Gegenwart II. KK. HH. des Großherzogs, der Großherzogin und des Prinzen Max von Baden vollzogen. In einem eine Stunde dauernden Rundgang bqid>tigien sie sämtliche Räume. Mit großer Aufmerksamkeit und stiller Wehmut wurden vor allem die Parterreräume lange in Augenschein genommen, die sämtlich nach Entwürfen des verewigten Professors Olbrich angeferligl worden sind. Von dem prächtigen groben Vvrraum, der die letzte und zugleich wohl künstlerisch loertDollfte Arbeit Olbrichs dar­stellt, gelangt man links ui einen zart wirkenden Tamensalon mit Möblement aus Ziosenholz mit rotgrüner Seidenspannung, daneben ein Herrenzimmer aus Eichenholzmöbeln und zwei ori­ginellen Büd-ecschrankeii. Zur. Rechten jd-licßt sid> ein dekorativ rvirkcndes Speisezimmer aus Amavantholz an. Daneben eine mit allen modernen Bequemlid-keiten ausgeftattetc herrschaftliche Küche. Die Einrichtung der Zimmer im ersten Stockwerk, ein Speisezimmer aus Palisanderlwlz, ein Herrenzimmer aus Eschenholz, ein Tornen- zimmer aus Kirfchbauncholz und originellen Beleuchtungseffekten, sowie ein vornehmes Sd-lafzimmer aus Hellem Mahagonie sind von Prof. Albin Müller entworfen, während bei beit Z immer- entwürfen im zrveiten Stockwerk verfchiedene Künstler tätig waren. Der Grobherzog beglückwünschte Kommerzienrat GUickert wieder­holt zu diesen neuen Leistungen der Darmstäoter Kunitmöbelindu- ftrie, durd) tvcld>c der Ausstellung eine Anzahl weiterer wert­voller Stüde zugefül-rr wird. Ta sich das Glückerthaus außerhalb der abgrenzenoen Landesausstellung befindet (rechts daneben', so empfiehtt cv sich, es zuerst zu besuchen. Der Eintritt ist für die Ausstellisdeswcher frei.

Aus Briefen Hans von Bülows. Der letzte Band der Briefe Hans von Bülows, der ^demnächst herausgcgeben werden wird, bringt den Abschluß dieses Briefwerkcs, das ein Standard Work der neueren Musikgeschichte und C>a5 charakteri­stische Denkmal einer einzigartigen Persönlichkeit darbiete:. Tie Neue Rundschau" veröffentlicht sd-on jetzt in bunter Reihe eine Anzahl Briefe aus dieser letzten Zeit, die in ihren mannigfachen Themen und Tonarten nur Durd) Die gcistfprühend witzige, immer beroeglid)c Grazie des großen Musikers zufarnrnengehalten weroen. Sein warmes enihusiastischrs Zcmixrament, das er sonst so gern unter allerlei Ironien und Bosheiten zu verbergen sucht, brich, ergreifend durd) in einem Brief an Brahms:Sieh wenn Dich Frau und Herr von Herzogeilberg rclictis ccteris mit vielleicht noch größerer Intelligenz bewundern, mit innigerer Liebe zu Dir können sie nicht ansivarteii. Du bist meines Geistes

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Der Hälfet und hinzpeter.

lieber das Verhältnis des Kaisers zu feinem einstigen Lehrer dem kürzlich verstorbenen Geheimrat Hinzpeter, ist im Laufe der Jahre alles mögliche geschrieben ivorden, ohne daß man naturltd? etwas Authentisches hierüber hätte sagen können In dem soeben erschienenen 22. Jahresberichte des Historischen Der eins für die Grafsd-aft Ravensburg findet sich nun ein höchst interessanter Artikel überHinzpeters Stellung in politischer, lo-wler, pädagogischer und. religiöser Hinsicht". In bicic-m Ar titel heißt es nun u.a.:

. ,<Än. sozialen Fragen hat Hinzpeter den Kaiser schon zu beeinflussen gesucht, als dieser noch Prinz Wilhelm war, und damals wohl hauptsächlich. Hinzpeter war der richtigen Ansicht, daß die politischen Kämpfe in Deutschland für die näd-ste Zeit »m wesentlichen abgeschlossen seien. Wenn aud- l-iec nod) vielerlei zu befiertt wäre so handle es sich bod) wesentlid- um Fragen zweiten Ranges, Von denen bas Geschick Deutschlanbs nicht ab- bingc. Die Lösung bet sozialen Fragen dagegen hielt Hinzpeter für eine der wichtigsten Aufgaben des Herrschers, von deren Erfolg der innere Friede und die Zukunft Teutschlands ab­hinge. Wenn auch in sozialen Fragen ein Monarch noch weniger als in politischen Fragen allem entscheiden könne, so wäre es nach Hinzpeters Meinung in einer Zeit wie der jetzigen bod) unbedingt nötig, daß der Herrsd-er volles und klares Verständnis für diese wichtigen Angelegenheiten hätte, und Hinzpeter äußerte deshalb oft, daß er es für seine Pflicht halte, feinen früheren Zögling darüber zu informieren.

Daß die SSerfihmnerung des Volkes in geistiger und körper­licher Beziehung, welche durch die Fabrikarbeit fo leicht herbei­geführt wird, vermieden werde, hielt er für die wichtigste Auf­gabe. Es müsse durch Arbeiterschutzgesetze eine Entartung eines großen Teils der deutschen Bevölkerung verhütet werden. Hinz­peter forderte deshalb vor allen Dingen eine möglichste Ver­kürzung der Arbeitszeit namentlich für die Jugend und für die Frauen. Er war der Ansicht, daß der Fabrikbetrieb nur dann unschädlich gemacht werden könne, wenn die Industrie­arbeiter, und namentlich der jugendliche und weibliche Teil der­selben, außerhalb der Fabrikstunden Zeit und Muße fänden, sich körperlich und geistig zu erfrisd-en und weiterzubilden . . . Tie Erhaltung der Wehrfähigkeit Deutschlands for­derte nach seiner Ansicht unbedingt eine Einsd-ränkung der Ar­beitszeit in den Fabriken und Berg- und Hüttenwerken und eine Verhütung der schädlichen Einflüsse, welche bei schiedst er Lüftung und ungenügender Staub- und Gasbeseiligung Die Ge­sundheit schädigen.

Dem Llusbau der staatlichen Gewerbeaufiicht widmete er ein ganz besonderes Interesse: er war der Ansicht, daß cs für die Invalidenversicherung äußerst widstig sei, daß Die schäd­lichen Einflüsse des Fabrikbetriebs möglichst eingeschränkt würden, um, die JnvaliditätSgrenze hinauszuschieben. Aus den gleichen Gründen interessierte Hinzpeter fid) lebhaft für alle Unfall- vcrhütungsmaßrcgeln, die der Industrie und dem Volke jährlid- viele Millionen Mark ersparen könnten. Zu den Schädi- gungen der Arbeiter rechnete Hinzpeter vor allen Dingen den übermäßigen Alkoholgenuß, und er wirkte auf den Kaiser ein, daß dieser die Alkohvlgefahr für das deutsche Volk in vollem Maße würdigte. Hinzpeter hielt es für eine wichtige Aufgabe Der Gewerbeaufsicht, den Genuß geistiger Getränke namentlid) auf den Arbeitsstätten zu verhindern.

Tas Arbeiterversicherungswesen nahm Hinz­peters volles Interesse in Anspruch, er sah darin eines der besten Mittel, den sozialen Frieden wiederherzustellen. Er hielt auch die Witwen- und Waisenversicherung für noch wich­tiger als die Invaliden- und Altersversicherung, und er freute sich, daß er nod) erleben durste, daß auch die Witwen- und Waisenversidierung der Verwirklid)ung entgegengeführt wurde.

Bei der Unfallversicherung bedauerte er die Trennung derselben von der Alters- und Invalidenversicherung und die fehlende Mitwirkung der Arbeiter bei der Verwaltung, sowie endlich die zwecklose Aufipeicherung so großer Kapitalmengen bei den Berussgenossenschaften, wie sie im Gesetz für diesen Aveck vorgeschrieben ist. Er tadelte es, wenn infolge der einseitigen Verwaltung kleinliche und ungerechte Jnvalidenpensionen und Die Verweigerung derselben aus nid)tigen Gründen eintraten.

Bei den Arbeitervertretungen hielt er es für un­bedingt nötig, daß ähnlich wie für Landwirte, Industrielle, Kauf­leute und Handwerker selbständige Organisationen für die Ar­beiter geschaffen würden. DerartigeArbeiterkammern" sollten vom Staat organisiert und bei allen wichtigen Fragen sozialer Art von der Regierung gutachtlid) gehört werden.

Zweites Blatt 158. Jahrgang Dienstag 1. September 1908

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Vberheffen

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Lager dauert fort und von Berlin aus wettert man noch! immer mit wahrem Ingrimm gegen die unbotmäßigen fiib- deutscben Genossen. Der in Kiel tagende schleswig-hol- steinsche sozialdemokratische Parteitag hat nun aber zwei ihm vorgelegte Mißtrauens-Erklärungen geyen die süd­deutschen Genossen wegen der Budget-Bewilligung mit großer Mehrheit abgelehnt, um dem Nürnberger Parteitage nicht vorzugreifcn. Tie Mrechuung in 9Lürnberg wird jeden­falls vielversprechend.

Ausland.

Die Friedensrede des deutschen Kaisers in Straßburg. DasGiornole d'Jtalia" sagt in Be­sprechung der Rede bc-3 Kaisers Wilhelm in Stragburg, der Trintspruch stehe im Einklang mit den Gcsmuuugcu der Völker und der Regierungen und werde überall Zustim­mung und allgemeinen Beifall finden.

Eine französische Lina für Luftschiffahrt ist in der Bildung begriffen nach dem Vorbilde der deutschen ö-lottenliga. Der Zweck ist die Ausrüstung der französischen Armee mit einer Flotte von Luftvallons und Flugmaschinen. Ein in England als Professor tätiger französischer Geist­licher spendete 100000 Franken als Ergebnis einer einge­leiteten Sammlung. Man will fid) also von Deutschland nicht überflügeln lassen. Aehnliche Bestrebungen, wie die oben erwähnten in Frankreich, zeigen sich natürlich auch in England.

Die verwitwete Kaiserin von Rußland ist gestern in Christiania eingetroffen.

Der Gesundheitszustand des Königs von Rumänien hat sich merklich gebessert. Der König, der an Magenkrämpfen litt, fühlt sich wieder wohler. Er tonnte gestern die Spaziergänge im Schlosipark wieder aufnehmen. Die Magenbcsästverdcn werden der zu lange f origes etz.tax Milchdiät zugeschrieben.

Bürgerkrieg in Persien. Wie es den Anschein hat, wird jetzt die Lage in Persien von Tag zu Tag schlimmer. Sichere Nachrichten <4U5 Täbris besagen: Während einer von Nasreddin, dem Stellvertreter des Schahs, abgehal­tenen Truppenschau überraschte der Anführer der revolu­tionären Partei, Sattar Chan, mit einer Schar seiner An­hänger die in Parade befindlichen Negierlingstrnppen. Auf feiten der Schah-Partei blieben angeblich 800 Tote und Verwundete auf dem Platze. Seitdem wütet in Täbris der Bürgerkampf in heftiger Weise. Die Lage in Aserbeidschan wird namentlich auch wegen der Hungersnot bei lvachsendcm Geldmangel der Regicrrmg immer haltloser und verworrener.

Der Konflikt zwischen .Holland und Vene­zuela wegen der Ausweisung des niederländischen Ge­sandten dauert fort. Eine offiziöse Note der nieberlandi- schen Regierung bestreitet jetzt, daß sie sich in dem Konflikt mit Venezuela den Beistand Italiens, Englands und Deutsch­lands zu sichern suche. Jedenfalls hofft Holland, mit Vene­zuela allein fertig werden zu können, zumal die Vereinigten Staaten den Holländcr-t den weitesteti Spielraum bei ihrem Vorgehen gegen Venezuela eingeräumt haben.

2lu$ Statt Mitt Land.

Gießen, 1. Sept. 1908.

** Neue Ansichtspostkarten mit vorzüglich ge­lungenen Originalaufnahmen der Großherzoglichen Fainilie von S. Homann, Werkstätte für moderne Licht­bildkunst, sind soeben erschienen. Die Photographien haben als solche schon allgemeinen Beifall gefunden und gehören zu den besten, die von der Großh. Familie existieren.

" Herb st-Pferde markt zu Gießen. Am 23. Sep­tember findet zu Gießen Pferdernarkt mit Prämiierung statt. Die letzten Märkte waren durchschnittlich mit über 300 Pferden befahren und von Händlern, Züchtern und Landwirten sehr den interessanten Rad)weis, daß es neben der als Allmutter und Beherrscherin aller untergeordneten Gottheiten verehrten: Göttin Freya oder Frigga, der Gattin Odins (Wodans), eine gleid)- gcstellte Göttin namens Haern (isländisch gleich Hörn, Hern) gab, btc zusammen mit dem gleichfalls er ft neuerdings wieder aufgcspürten Gotte Ull den Gegenstand religiöser Verehrung- dete. Heber die spezielle Bedeutung des Namens Haern läßt fid) keine beftimmtc Aufklärung mehr beibringen, doch ist mit L-rcherheit nachzuweisen, daß der fraglichen Göttin zu Ehren in verschiedenen Landschaften Mittel- und Südschwedens besondere Altäre, Opferstätten und sogar Tempelbauten errichtet waren, in denen ihr von eigenen Priestern und weisen Frauen mit einem ausgebildeten Sonderkult gehuloigt wurde. Daß Die Verehrung der heidnischen Göttin sich noch weit in die christliche Zeit hineiir erstreckt hat, geht aus zahlreichen Ortsnamen hervor, die bis auf unsere Tage von der Vorliebe der altnordischen Bewohner für biefen Kult Zeugnis ablegen. 2ln anbereu Stelle,', wiederum scheint sich der Haern-Kult nach und nad) mit dem der Freya vermischt zu haben und von diesem schließlich ganz absorbiert worden zu fein. Aeußere Anzeichen spred-cn aud) dafür, daß wir in der Haern-Verehrung ein Gegenstück des klassischen Eeres- Kults zu erblicken haben, was zum Teil auch das relativ späte Hervortreten dieser Gotthett in den germanischen Religions- Übungen erklärlich machen würde. Solange die iwrdischen Ur­bewohner iljren Hauptlebensnnterhalt ans den Erträgen Der JagD, des Fischfanges und einer ziemlich ambulant gearteten Vieh- paltung bestritten, lag für die Verehrung einer speziell als Vr- schützerm des Getreidebaues gedad-ten Gottheit naturgemäß teilt Bedürfnis vor. Überhaupt läßt sich nicht in Abrede stellen, daf; bet religiöse und ethische Grundbegriff, wie er sich in Haern- u.nd Ceres-Kult wiederspiegelte, möglicherweise nur das Ergebnis einer fremden Kultureinwirkung dar stellt, die sich bem nordischen 23e|en er ft durch die wachsende Berührung mit dem Süden fühl­bar machte und deren Wurzeln ähnlich wie im Falle der Götter- immmcrungSibee sich auf eine unmittelbare Fühlungnahme mit gcmiiien Vorstellungen des orientalischen Heidentums zurückfübreu lassen dürften. '

Ein Zerwürfnis im Köniashause. Seit ge­raumer Zeit ichon herrfchte zwischen König Alfons und seiner ^chwregemrutter ein derart gespanntes Verhältnis, daß in ein- gewechten Hofkrei,en bei Ausbruch eines offenen Konfliktes tag- N^-?blärck)tet wurde. Der König hat gar zu ost in Madrider Hofkreisen Avlenkung von fernen ehelichen Pflichten gefunden. Bei feinem letzten uufenthalte ui ot. Lebastian, bei dem er gelegentlich einen Jb,-edier nad) dem nahegelegenen Badeorte Biarritz machte, W" er jene Parlier Lebedame wieder gesehen haben, mit der er uow vor ferner Verheirittung während seines ersten offiziellen Be- inches in Paris ui Beziehung gestanden haben soll. Tie Multer;