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10.6.1908 Erstes Blatt
 
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Nr. 134

Der Siegener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich 6le&tner$amUienblöHcr; »weirnal iDÖcbentl.Kteis» vlattfürden Ureis Gießen (Dienstag und Freitag); zweimal monall. Land- wirtschaftliche Settfragen yernfprrch - Anschlüße r für die Redaktion 112, Verlag u. Expeditton 61 Ldreste Mr Depeschenr «uzetger Gießen.

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Erstes Blatt

158. Jahrgang

Mittwoch 10. Juni 1008

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Bezugspreis: monatlich75Pf.,viertel­jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Mk. 2.viertel- jährl. arMchl. Bestellg, ZeilcnpreiS: lokck.lvPf^ auswärts 20 Pfennig,

Verantwortlich für den politischen Teil! E. Anderson; f. Feuille­ton und .Vermischtes* P. Witiko; für.Stadt u. Land- undGerichts«

Kotafionsbrua und Verlag der vrühl'schen Unw.-Vuch- und Stelndruckerel. R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schnlftratze 7. bal":

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Die heutige Nummer umfahl 10 Seiten.

E. A.

schlage stellen.

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Frage ist nicht so leicht, wie es sich manche denken. Die Absonderung in Berufs- und Gesellschaftskasten und das Reserveofftziertum allein erklären hier noch nicht alles. Schon auf den Universitäten muß die Grundlage zu einer höchst erwünschten und dringend notwendigen Besserung gelegt werden. Universität. Ist es nicht der reine Hohn, wenn man die Einseitigkeit des einzelnen Studenten be­trachtet? Wie viele Studenten gibt es überhaupt, die Zeit und Lust haben, neben den unumgänglich notwendigen Fach- Vorlesungen sich auch auf den anderen Wissensgebieten um- zusehen. Ist nicht mancher Student direkt einem gewissen Spott ausgesetzt, wenn er eine Vorlesung hört, die in seinem Berussstudienplan nicht direkt verzeichnet ist. Und es sind leider nicht die Kommilitonen allein, die ihn verulken. Wie mancher Professor in Gießen ist es hoffentlich nicht so nimmt es, wie ich aus eigener Erfahrung sprechen kann, seinen Studenten direkt übel, wenn sie außer den Fach­vorlesungen noch andere Collegia hören. Sollte es nicht im Gegenteil so sein, daß der Professor seine Studenten anregte, und immerfort ermahnte, auch andere, entfernter liegende Wissensgebiete kennen zu lergen. Es gibt auf deutschen Universitäten auch solche Professoren, und ihre Zahl nimmt zu. Die Zeit der Facheinseitigkeit ist also, wie man wohl hoffen darf, bald vorüber. Von diesem Ge­sichtspunkte aus verdient der Gedanke des binnenlündischen Professovenanstausches, wie er jetzt anscheinend aus Hoch- schulkreisen in derKöln. Zlg." gemacht wird, höchste Beachtung. Der Vorschlag gipfelt darin, daß in Zukunft Professoren der Landwirtschaftlichen, Technischen und Han­delshochschulen, Vertreter der Hauptfächer sowohl wie ein­zelner besonders wichtiger Gebiete, je ein Semester zu ein­zelnen Universitäten beurlaubt werden mögen, um dort über ausgewählte Kapitel ihrer Wissenschaft zu lesen. Im Austausch lesen Universitätslehrer an den genannten Hoch­schulen. Auf diese Weise, so hofft man, würden nach einer längeren Reihe von Jahren ein regerer Verkehr und engere Beziehungen zwischen den einzelnen höchsten Bildungsstätten hergestellt sein, von dem die Wissenschaft gewiß eine För­derung erwarten dürfe. Nun wird es in erster Linie darauf ankommen, wie sich die Universitäten selbst zu diesem Vor-

Beruf und Studium.

Mir haben seit einigen Jahren einen Professorenaus­tausch zwischen Deutschland und Amerika, uno dank der Stiftung von Cecil Rhodes können nun auch alljährlich einige deutsche Studenten sich aus englischen Universitäten umsehen. In den Kreisen der Neuphilologen ist es schon längst Brauch, daß sie sich zur Vervollkommnung ihrer Studien nach England und nach Frankreich begeben. Der Gedanke des Austausches von Schülern, von Lehrern, ist heute nichts neues mehr. Die Wissenschaft ist international, und man hat angefangen, diesen Gedanken auch ins Prak­tische zu übersetzen. Ueber diesen Gedanken hat man aber etwas sehr naheliegendes bisher übersetzen. Spezialwissen ist notwendig. Mir brauchen es, ein jeder in seinem Beruf. Aber für die heutige Zeit genügte es nicht mehr, Beherrscher eines Spezialgebiets zu sein. Die einzelnen Spezialwissen­schaften greifen ineinander, und es läßt sich überall schwer die Grenze zwischen den einzelnen Wissensgebieten festsetzen. Wer auf der Höhe seiner Zeit sein will, wer seinen Beruf recht ausfüllen will, der muß eine universelle Bildung haben. Es genügt nicht mehr, daß einer auf seinem eigensten Gebiete Meister ist; er muß auch die vielfach verknoteten und unendlich verwickelten Fäden kennen, die sein engeres und engstes Wissensgebiet und seinen Beruf mit anderen Wissensgebieten, mit anderen Berufen ver­binden, mit dem praktischen Leben verbinden, und es ist vielleicht das größte Verdienst der Nationalökonomie ge­wesen, daß sie dieser Erkenntnis die Bahn gebrochen hat. Tie Macht der Tatsachen in ihr hat eine gewaltigere Sprache gesprochen als die nur für feine Ohren bestimmten Mahnungen der Philosophen. Die unerbittliche rauhe Welt der Wirklichkeit und der Erfahrung hat dem modernen Berufsmenschen gezeigt, wo es ihm fehlt und was er tun muß, um sich durchzusetzen.

Ist diese Flut der Lebenserkenntnis schon zu unseren Universitäten gedrungen, vor allem zu unserer akademi­schen Jugend? Ich fürchte, nein. Erst mit dem Eintritt in seinen praktischen Beruf als Geistlicher, als Jurist, als Arzt, als Lehrer macht der junge Akademiker erst die Er­fahrung, daß die vorgeschriebenen Collegia, daß der Wissens­stoff, den er fürs Examen braucht, für die Praxis und fürs Leben nicht ausreichen. Und nicht jedem gelingt es, das Manko in den kurzen Praktikantenjahren auszugleichen, und das Unzulängliche und der Mangel einet gewissen universellen Bildung hängt solch einem Manne dann das ganze Leben hindurch an.

Man spricht von weltfremden Richtern, von Lehrern, l i2 nicht Bildner, sondern Tyrannen der jungen Seelen sind; man hat neuerdings auch schon versucht, die Gründe hierfür zu erforschen und die Schäden zu beseitigen. Die

teopolö

».Geboren 9. Juni 1808.1

Zur Jahrhundertfeier seines Geburtstages. (Original-Feuilleton des Gieß. Anz.) lieber dem lebhaften Anteil, mit dem wir in unseren Tagen die leidenschaftlichen Kämpfe des Papsttums gegen die Vertreter desModernismus" verfolgen, wird nur zu leicht vergessen, daß jene Verfehmung alles irgendwie nach Liberalismus aus­schauenden iuiabhängigen wissenschaftlichen Denkens nicht als eine Besonderheit des derzeitigen Trägers der päpstlichen Tiara gelten darf, sondern daß das Papsttum schon "in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts allen Versuchen, dem Prinzip des Fort­schritts in der Entwicklung des Katholizismus Geltung zu verschaffen, mit genau dem gleichen flämmenden Eifer ent­gegengetreten ist. Die Erinnerung an jene nahezu vergeßene ältere Generation der deutschen Modernisten wird in diesen Tagen in willkommener Weise wieder wachgerufen durch die WO. Wiederkehr des Geburtstages Leopold Schmid's, der hervor­ragendsten Leuchte der einstigen Gießener katholisch-theologischen Fakultät, der im schweren Kampfe uni seine wissenschaftliche und religiöse Ueberzeugung aufs tapferste und in geradezu vorbildlicher Weise seinen Mann gestanden hat.

Leopold Schmid war am 9. Juni 1808 in Zürich als «m)N eines katholischen Württembergers und einer reformierten Züriche­rin geboren. Er studierte in Tübingen und München 1827 bis 1830 katholische Theologie und wurde 1831, int Alter von kaum 23 Jahren, zum Professor und Subregens am bischöflichen Priester- seminar zu Limburg ernannt. Um Muße für die Bearbeitung einer von ihm geplanten Erklärung der Bibel zu gewinnen, Uetz er sich 1834 beurlauben und übernahm die Stelle eines Haus- kaplans bei dem auf Stift Neuburg bei Heidelberg wohnenden bekannten Fraiikfurter Konvertiten Friedrich Schloffcr. Zwei Jahre (1837 bis 1839) verbrachte dann Schmid im Psarramte in dem nassauischen Westerwald-Dörfchen Großholbach. Aus Be­treiben des damaligen Mainzer Bischofs Kaiser erfolgte 18o9 seine Berufung als Professor der Dogmatik an die junge katholisck^ theologische Fakultät zu Gießen, deren eigentliche L-eele er nach kurzer Zeit geworden ist. t ~, ..

Es war eine entscheidungsschwere Periode, in der -schmid sein akademisches Lehramt übernahm. Nach jahrelangen Kämp­fen, die zwischen der Kurie und den weitdeutschen Staaten über die Heranbildung der katholischen Geistlichen geführt worden, war es 1827 zum Abschluß eines Staatsvertrags zwilchen Württem­berg, Baden, Nassau und den beiden Hessen gekommen, worin diese Staaten den Besuch einer Universität als Vorbedingung für die Bekleidung eines Amtes int katholischen Küchendienste fest- setzteu. Nur mit bitterem Grolle hatte sich dkw, ^^.^^ier Ab- Uiachung, die er geradezu als einen Akt der Wortbruchigkett be­zeichnete, gefügt. Zumal die auf dem Boden der alten luthertichen Gießener Universität angepflanzte kacholifcki-theologiichc Fakultät toar den römischen Heißspornen ein Dorn im Auge, ^zhre Zer­störung oder wenigstens ihre Verlegung nach Mainz wmrde von jener Seite schon in den ersten Jahren nach ihrer Gründung umso energischer angestrebt, als es sich zeigte, dal; die Gießener theologischen Professoren durch ihre tapfere s..titarbeit an der geistigen Wiederbelebung des Katholizismus die von der lutiver- sitätsbildung der katholischen Priester gehegten Befürchtungen der ilUrauiontanen durchaus rechtfertigten.

Unter emsiger wissenschaftlicher Tätigkeit verfloß ^chwid das erste Jahrzehnt seiner Gießener akademischen Tätigkeit. Schon bald wendete er sich tiefgehenden philosophischen Studien zu und erwirkte sich die Erlaubnis, auch philosophische Vorlciungen zu halten. Im Jahre 1841 veröffentlichte er das Werklieber bie menschliche Erkenntnis", im folgenden Jahre letzte er sich in der SchriftEin kurzes Wort an die Denkenden tu Teutich- land über die gegenwärtige religiöse Bewegung" mit dem ^eutfcki- Katholtzismus auseinander, 1848 bis 1850 endlich folgte sein bedeittendstes WerkGeist des Katholizismus ober Grundlegung der christlichen Jrenik". Schmid's Stellung innerhalb des^ aka­demischen Kreises hatte sich sebr günstig gestaltet Im pabre 1843 und dann wiederholt 1855 bekleidete er das Amt des Rektors. Berufungen nach Hildesheim und Breslau schlug er aus, wogegen er nun auch zum ordentlichen Honorarproseiwr in der Gießener philosophischen Fakultät, unter Belassung in seiner theologischen Stellung, ernannt wurde.

Tie Stille dieses friedlichen Gelehrtenlebens wurde durch die an den Tod des Mainzer Bischofs Kaiser (30. Dez 1848) fich an- fnüpienben Ereignisse jäh unterbrochen. L/ie hessische Regierung hatte sich anfänglich Tür Schmids Erhebung aus den Mainzer Bischofsstuhl tatkräftig eingesetzt, so daß er vom Mainzer Dom­kapitel im Februar 1849 mit vier von neben stimmen zum Bischof gewählt wurde. Umso leidenschaftlicher gestaltete sich die ultra montane Gegnerschaft gegen Schmids Kandidatur; bet einem Pius IX. hatte sie leichtes Spiel. Vergebens suchte man von Rom aus Schmid zum freiwilligen Verzicht auf seine Kandidatur zu drängen. Mannhaft blieb er auf seinem Posten, so das; Pius IX. nun in einem an das Mainzer Tomkapttel gerich­teten Breve vorn Dezember 1849 zu Schmids Auhl Stellung nehmen mußte: bet Papst verwarf sie, weil Schmid angeb­lichjene Gaben entbehre, bie zur Verwaltung des bischöflichen Amtes ersorderlich seien". Wohl bat bie Mehrheit des Dom­kapitels wiederlwlt um Bestätigung der Wahl. ^ie schwächliche Haltung der hessischen Regierung machte es jedoch Pms IX. nur allzu leicht, dem Freiderrn von Ketteier, der von allem Anfang der Kandidat der Kurie gewesen war, zum Siege zu verbelfen. Der neue Mainzer Bischof setzte die Aufhebung der Gießener katholisch-theologischen Fakultät, deren ^rojeiforen treu zu ihrem Kollegen Schmid gestanden halten, alsbald ms Werk; wiederum wurde er dabei durch die Lethargie der Tarmitadter Re­gierung auf das wirksamste unterstützt. sJcod) vor der Aushebung der Fakultät war Schmid im Februar 1850 aus sein Rachsuchen und in ehrenvollster Form als ordentlicher Professor m Die philvsophisckie Fakultät versetzt worden.

Noch fast zwei Jahrzehnte hindurch hat Schmid sich in Gießen seiner akademischen und schriststellerischm Täli^ett unermüdlich gewidmet. Er las über Geschichte der Philosophie, über Psycho­logie, Logik und Metaphysik, besuchte aber auch selbst die Vor­lesungen seiner Kollegen über Physiologie, Physik und Botanik. Schriften aus dieser Periode sind:Grunozuge der Einleitung in die Philosophie" (1860, unddas Gesetz der Persönlichkeit (1862). Aber auch der Erörterung der brennenden^ kirchlichen und religiösen Fragen vermochte er nicht auf die -teuer fern zu bleiben. In den Jahren 18531855 hielt er Vorlesungen über diereligiöse Ausgabe der Deutschen", in denen er seine großzügigen Anschauungen über bie ihm als Ideal vorschwebende Konföberation" der christlichen Konfessionen entwickelte, deren

fy. verbandstag der Deutschen Technilerverbander.

Königsberg, 7. Juni.

Am Samstag vor Pfingsten wurde im Handelshause der Verbandstag feierlich eröffnet Verbands-Direktor Dt Feldgen- Berlin brachte das Hoch aus den Kaiser aus und verband damit zugleich eine scharfe Absage an d ie Sozialdemo­kratie. Universitätsprosessor Dr. Diehl, der bekannte Natto- nalötonorn, hielt darauf einen sehr bedeutsamen Vortrag über die sozialpolitische Bedeutung des t c rfj n i f d) e n Fortschrittes. Im Saale der Palaestra Albertina begannen um 5 Uhr nachmittags die Verbandsverhandlungen.

Ta der Verband die Sozialpolitik zum Hauptgegen­

stand seines gesamten Arbeitsgebiets gemacht hat, so mürben zu­nächst alle sozialpolitischen Fragen besprochen. Verbandsdirettor Dr. Felbgen hielt einen Vortrag über die s 0 zialp 0 liti sch c n Forderungen bes Verbanbes, bie sich zurzeit auf drei Hauptgebieten bewegen, nämlich auf seiner Stellungnahme zur GewerbeordnungSnovelle, zur Frage der Ar- beitskammern und zur P r i v a t b e a m t e n - Ver­sichern n g. Hinsichtlich der letztgenannten verlangt der Ver­band eine ausreichende, d. h. eine solche Versorgung, die es den Privatbeamten ermöglicht, in einer ihrer früheren Lebens­stellung entsprechenden Weise zu leben, ebenso ihren Hinterblie­benen.

Den von der Regierung verössentlichten Gesetzentwurf über ?lr beit 3 fammern kann der Verbandstag nicht als eine Instanz ansehen, in der auch bie technischen Angestellten eine Vertretung ihrer Interessen finden, und lehnt ihn daher als für diese unbrauchbar ab. Der Verbandstag spricht dabei die sichere Erwartung ans, baß das von der Regierung in Aus­sicht gestelltebesondere Vorgehen" für die technischen Ange­stellten in der Arbeitskammerfrage bald durch Veröffentlichung eines entsprechenden Entwurss in bie Tat umgesctzt werden wird. Die Wünsche der Techniker für bie ihnen in Aussicht gestellte Interessenvertretung gehen im Verbanbe bahin, daß 1. für bie Technikerkammern eine paritätis che Organisation vorgesehen wirb, 2. eine territoriale Einteilung ber Kammern er­folgt, 3. bie Kammern bei ihrer einigungsamtlichen Tätigkeit mit dem Vcrhanblungszwang ausgestattet werben, 4. es dem An­gestellten freigestellt wirb, sich bei Streitigkeiten an das Gewerbe- gericht ober bie Arbeitskammern zu roenben, 5. das aktive Wahl­recht auf das 21., das passive Wahlrecht auf des 25. Lebens­jahr festgesetzt wird, 6. bie Vertreterwahlen in erster Linie durch bie Organisationen ber Angestellten und Unternehmer erfolgen, wobei eine Wahl der leitenden Beamten der Verbände für statt­haft zu erklären iftv 7. die für bie Arbeitskammer notwendigen; Aufwendungen vom Reich übernommen werden.

Hinsichtlich der G e w e r b e 0 r b n u n g s n 0 v c 11 e stellt ber Verbandstag mit Genugtuung fest, daß die durch Kommissionsaii- träge im Reichstag vorgesehene Art ber Regelung seiner Bitten betr. bie einmonatliche Gehaltszahlung, die Ausstellung des Dienstzeugnisses am Kündigungstage, die Beseitigung des den Arbeitgebern bisher zuftehenden Rechtes der Aufhebung des Dienstverhältnisses infolge einer achtwöchigen Pflichtübung uiib die Verpflichtung des Arbeitgebers zur Fortzahlniig des Gehaltes / bei unverschuldetem Unglück auf sechs Wochen, auf eine den In­teressen der technischen Angestellten wohlwollende Gesiimung der Parteien schließen läßt. Der Verbandstag bittet daher den Reichstag, den Kommissionsbeschlüssen seine Zustimmung zu geben und dadurch in obigen Punkten eine g e s c tz 1 i ch e G l eich­st e 11 u n g der Techniker mit den Handlungs­gehilfen herbeizusühren. Er bittet den Reichstag ferner, dahin wirken zu wollen, baß in dem Entwurf zur Abänderung ber Gewerbeordnung eine Neuregelung der Vorschriften in 8 133h erfolgt in der Weife,daß f8erembarungeu,^ourd) die ber Angestellte für die Zeit nach ber Beendigung des Dienst­verhältnisses in seiner gewerblichen Tätigkeit befchrantt wird, für nichtig erklärt werben. Um ferner der Gefahr vorzubrugeu, daß nach Wegfall ber Konkurrenzklausel Vereinbarungen zwilchen Arbeitgebern getroffen werden, wonach Angestellte nur unter

Eigenart er nicht unterdrückt, sondern nach der ibealen (5eiie. bin vertieft unb gestärkt zu sehen wünschte. So recht charakteristifch für seinen Standpunkt ist ein Ausspruch Schmids aus den fuuf- ziaer Jahren:Meine Mutter, ber Schutzengel meines Lebens, war evangelisch. Tie Liebe zu ihrem Heiland zu bewahren war ihr soviel Anlaß gegeben wie Wenigen. Ich.wurde tatyoliich erzogen und habe mich überzeugt, daß die Evangelieitat die Katholicität nicht nur nicht ausschließt, sondern datz es dem Christentume wesentlich ist, ebensowohl katholifch als evan­gelisch zu sein." Je schärfere F-vrmen nun aber bic ultramon- tanc Polemik in ber dem Vatikanischen Konzil unmittelbar vorausgehenden Zett annahm, desto schwieriger wurde es auch für einen so versöhnlichen Jreniker, wie Schmid es war, einer gründlichen Abrechnung mit dem in der katholüchen Kirche herrschend gewordenen Rornanismus aus dem Wege zu gehen. Im Jahre 1867 erschien seine SchriftUltramontan ober katho- ttsch? Tie religiöse Frage Deutschlands und der Clwtttenheir", die außerordentlich tiefen Eindruck machte unb von ber in kurzer ZKt vier Auflagen erschienen. Auch hier trat er wieber für die Anbahnung einer zunächst nur geistigen Gemeinschaft, eines ,Herzeiisbunbes" der evangelisä-en unb katholischen Kirche cm, während cr den unversöhnbaren Gegensatz zwischenKatholi­zismus" undUliramonianismns" freimütig barlegte. Als Er­gänzung erschienen im folgenden Jahre SchmidsMitteilungen aus der neuesten Geschichte der Tiözese Mainz", die die Ge,ctz- widrigkeit der letzten Mainzer Bischosswahl und die der Auf­hebung der Gießener katholi'ch-theologischen Fakultät zugrunde­liegenden Motive in Helle Beleuchtung setzten. Auch für ferne Person zog Schmid die Konsequenzen aus dieser Auseinander­setzung mit ber ultramontanen Richtung; dem katholischen Pfarrer zu Gießen gab er 1867 die Erklärung ab, daß crum Katholik zu bleiben, solange auf bic spezifisch römische Kirchengcmeinschast verzichte, als sie ben eigentümlichen Wert des Evangelismus anzuerkenneii ablehne."

Mitten in weitausfehenden wicnichaftlichen Planen setzte ein Herzschlag bem Leben des unermüblichen Gelehrten am 20. Dez. 1868 ein Enbe. Schmib's liebenswürbiges, anspruchsloses Wesen und bie Reinheit seines Charakters harten ihm bie Verehrung ber weitesten Kreise ber Gießener Bevölkerung gewonnen; im Jahre 1856 hatte man ihm sogar bas Lanbtagsmanbat angeboteii. So war bic Trauer um seinen Hingang eine tiefe und allgemeine. Schmid's wertvolle Bibliothek fiel nach seinem Wunsche der Lu- boDiciana zu. Am gestrigen Gebenktage bekränzte bie Universitäts­bibliothek banfimren Sinnes bie Stiftertafel, bie Schmid's Namen trägt unb bie bas Gebächtnis bes ausgezeichneten Gelehrten- bes verbienstvollen Universitätslehrers und bes tapferen Kämpfers auch kommenden Geschlechtern bewahren soll.

Herman Haupt.

K l e i n e K u n st ch r 0 n i k. Die berühmte Oberfängerin Erika Wedekind wird, wie verlautet, die Dresdener Hofoper verlassen und in Zukunft nur noch Gastspiele absolvieren. Ter ausge­zeichnete, in Darmstadt gebürtige fötaler Ludwig v. Hofmann hat an der Weimarer Kunstschule die Beaufsichtigung in der Akt- zeichenklasse aufgegeben, >veil ihm der Unterricht in der Klasse zu viel Störungen für seine eigenen Arbeiten verursachte. Ter Künst­ler bleibt indessen in Weimar, um gelegentlich die Leitung von : Meisterateliers zu übernehmen.