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9.3.1908 Erstes Blatt
 
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Montag S. Marz 1908

188. Jahrgang

Erstes Blatt

So tritt uns auch heute wieder an feinem Todestage! eines ganz natür.i^- n

Die heutige Nummer umfatzt 10 Seiten.

gelehrt werde! D. Red.) der Kaiser übernehmen.

1. Vorsitzender ist Bode

Bezugspreis: monatlich 75 Ps., viertel­jährlich Alk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Ack. 2. viertel- jährt, ausfchl. Beslellg. ZeckenpreiS: lokallöPf^ auswatts 20 Pfennig.

Verantwortlich für den politischen Teil: E. Anderson: f. Feuille­ton undVermischtes" P. Wittko: fürStadt u.Lcmd" undGerichts-

arbeiter urteilt da doch wohl zu schroff, w i e Kunstgeschichte, besser ivare freilich betrach tu ng, auf unseren Schulen Tas Protektorat über i)en Verein wird

Nr. 58

De: Giehener Anzeiger Erscheint täglich, außer EonntagS. - Beilagen: viermal wöchentlich GichenerFamilienblStter; iwelmalwöchentl.llreis- lattfürdenUreisSieljett ^DtenStag und Freitag); zweimal monalb Land­wirtschaftliche Seitfragen Fernjprech - Anschlüsse: für die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 llbrefie für Depeschen:

Anzeiger Gießen.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer tus vormUtägs 10 Uhr.

die ganze Persönlichkelt deS großen Kaisers in seinem reich gesegneten Regentenleben lebhaft vor die Seele. Uns, den Hinterbliebenen, bleibt sein Vermächtnis: Bleib groß, mein Volk, in Treue und Pflicht, groß in Demut und Dankbarkeit!

6.

ganz dazu angetan, höchste Achtung zu erhalten vor aus- bcnienibe Geistesarbeit erfordernder literarischer Analytik. Da von derWildente" bereits an dieser Stelle die Rede gewesen ist und in den nächsten Tagen wiederum von ihr zu sprechen sein wird, kann das Referat über den Vortrag kurz sein. Prof. Collin führte im wesentlichen aus, wie Ibsen allzeit litt unter dem Drucke des Widerstreites zwischen dem ideellen, ursprünglichen Weltbilde und dem durch die Selbstverblendung, den Dünkel und all die anderen Verkehrt­heiten der Menschen daraus gestalteten Zerrbilde. Sein ent­täuschter Idealismus machte ihn zum realistischen Pessi­misten. Er sah die in lauter Lügen verstrickten Menschen als verblichene Gespenster, sie scheinen ihm in ihrer heuch­lerischen Wesenlosigkeit tot vor ihrem Tode- Als verwegener Reformator tritt er mit seinen seetenanalytischen Dramen vor seine Mitmenschen, um schließlich statt des Bildes eines idealen Reformators das ihn selbst verhöynenoe Zerrbild eines weit- und menschenunkund:gen Verbesserungssüchtigen zu schaffen in Gregers Werte, dem unklaren Manne der idealen Forderung", dem ethischen Quacksalber, der seine dilettantische Rettungstheorie an Narren verschwendet, die keinen Schuß Pulver wert sind. Prof. Collin deckte die Fäden, die von des DichtersBrand" durch eine lange Dramenreihe bis zurWildente" führen, wie die Verborgenheiten der Charaktere in derWildente" mit seinem Geiste und ein­dringlichem Verständnis aus, und nicht zum wenigsten werden ihm viele es zu verdanken haben, wenn sie morgen imstande srnd, dem Dichter bis zu seinen letzten Absichten zu folgen, und dazu beizutragen, der Dichtung zu dem ihr gebührenden großen Erfolge zu verhelfen. P. W.

Aus Frankfurt a. M. wird uns unferm 8. d. M. ge- fchrieben: Unter allen Anzeichen eines großen Ereignisses vollzog sich gestern in unserer Stadt die Gründung desDeutschen Vereins für Kunstwissenschaft". Die bekanntesten Ver­treter der Kunstgeschichte an unseren Hochschulen und eine Anzahl Museumsleiter fowie offizielle Persönlichkeiten waren anwesend. Am Vorstandstische saßen die Männer, auf deren Anregung der Verein wohl in erster Linie entstaiiden ist: Exz. Althoff, Geh. Rath Friedrich Schmidt vom preubischen Kullusmuuilerulm und der Generaldirektor der preußischen Museen Geheunerat B o d e. Der Vereiii plant erstens eine große monumentale Publikation: alle Denkinäler deutscher Kwist, nicht nur die in Deutschland, sondern auch die im AuSlande vorhandenen, sollen systematisch ver- öffentlicht werden; und so soll in einem großen Sammelwerke, dessen Titel vielleicht Monumenta artis Germaniae lauten wird (hoffentlich erhalten die Veröffentlichungen des Deutschen Vereins f. K. einen deutschen Namen! D. Red.) em eeitenitutf zu dem gewaltigen Unternehmen der Monumenta Germaniae histo- rica geschaffen werden. An dieser Quellenpublikation haben fast ausschließlich die Wissenschaftler Interesse. Zweitens aber will der

Verein aiich m die Massen gehen und das Interesse an der Kunfi im Volke fördern, und hierzu ist geplant, den H o ch j ch n l - und den M i 11 e l s ch i> 1 -Unterricht mit heranznziehen. Ohne Zwenel liegt hier der Punkt, an dem das Interesse der Nicht-Fachleute, die Teilnahme derweitesten Kreise" anknüpfen soll; ohne Zweifel ober liegt hier and) die Klippe, an der den Verein glücklich vorbei- zubringen außerordentlich viel Gesck)ick nötig ist. Rian merkte das gestern bei der Diskussion: zwischen der Gruppe, deren Führer Prof. L i d) t w a r k in Hamburg ist und der, nennen wir es kurz ministeriellen" Gruppe, zwischeii den Praktikern und den Theoretikern, ist eine Kluft, die sich schwer wirb überbrücken lassen. Nur nicht Kunstgeschichte" als neuen Lehrgegenstand einstihren! Bei unserer Schuldisziplin wäre das der Tod der Kunst! (Unser Herr '2)1 it- Es käme doch darauf an, der Unterricht in K u n st-

traut zu macken.

TieNation", ein häufig amtlich inspiriertes wöchentlich erscheinendes Londoner Blatt, bespricht die Mitteilung über den Brief des Kaisers und sagt: Es liegt eine besondere Roheit in der Charakterisierung von Mitteilungen, die niemals ans Licht zu ronfinen bestimmt waren und die unmöglich verösfent-> licht werden können und in denen, wenn wir schon das Aergste annehmen wollen, irgend eine familiäre Phrase gebraucht wor­den sein mag, in die man eine Absicht hineinlegen kann, die weit entfernt ist von der Gesinnung des Schreibers. Tes Kaisers Temperament ist wohlbekannt, er spricht und schreibt freimütig und impulsiv, aber notorisch, ist ja, datz er seit vielen Monaten sich bemüht hat, die pvlitisdjen Beziehungen zwischen Großbritannien und Deutschland zu verbessern. Wir glauben keinesfalls, daß er bei der Abfassung des Briefes den Z W e ck ungehöriger E i n m i, ch u n g verfolgt hat. Tas Blatt fügt hinzu, Lord Tweedmouth müsse aufgefordert werden, zu ecflären, wie ein durchaus pri­vates Schreiben hat bekannt gegeben werden können.

Höchst beachtenswert ist das gesunde, vernünftige Urteil eines französischen Blattes, desFigaro", über den Baiser­brief. Der Direktor desFigaro", Calmette, verurteilt in ;einem Blatte scharf den Lärm, der in England wegen des Kaiwrbriefes erhoben werde und sagt: Ein Teil der englischen Presse bietet gegenwärtig ein Schauspiel, das man, wenn es anderwärts vor- täme, in England ohne weiteres als lücherlick) bezeichnen wurde. Man muß in der Tat anerkennen, das; das englische Bott, das gegen die Unüberlegtheiten anderer Böller so strenge ist, sonst mehr Ruhe und Würde zu zeigen pflegt. Der Brief des Kaisers an Lord Tweednwuth ist durchaus begreiflich. Es handelt sich um einen Privatbries, worin der Kaiser, dessen Vorliebe lür Marine­sragen bekannt ist, mit einem hervorragenden Fachmann einige diesbezügliche Punkte erörterte. Er sprach als Seemann zu einem Seemann und unterhielt siä) mit ihm über einen Gegenstand, dessen Erörterung ihm gewiß mehr als jedem anderen zusteht: über die deutsche Manne. Der Kaiser ist bekanntlich ein glänzender und mitteilsamer Plauderer. Er hat mit Lord Tiveedmonth korre­spondiert, wie er sich mit ihm nach einem Diner in Windsor oder im Buckingham-Palast unerthatten hätte. S^at er nicht während seines jüngsten Aufenthalts in England persönliche Beziehungen mit der offiziellen Welt und der englischen Aristokratie ange­knüpft. fpat man denn als Kaiser nicht mehr das Recht, fernem Freunde zu schreiben? Es ist unglaublich, daß ein derartiger Gedanke so viele Auseinandersetzungen und Streitigkeiten verursacht hat in einem Lande, das m»n wahrlich für weniger nervös halten durfte.

Im englischen Unterhause sind inzwischen folgende Inter­pellationen für Montag formell auf die Liste gesetzt worden: Von dem liberalenLeader wird der Premierminister gefragt, ob der deutsche Kaiser kürzlich einen Brief an den ersten Lord der Admiralität gerichtet hat, worin er versucht habe, den für das Flottenbudget verantwortlichen Minister, im deutschen In­teresse zu beeinflussen. Ob ein solcher Brief empfangen wurde! und in diesem Falle, ob er authentisch sei, und ob eine Erwioe-, rung darauf abgefchickt sei. Ferner: ob er in anbetracht der Anzahl von Personen, denen dieser Brief gezeigt wurde, und des Interesses, wrelcheS das gesamte Land daran habe, daß unter diesen Umständen die Sache voll veröffentlicht werbe.

Der Vorstand bestebt aus 25 Personen.

geworden. Neben dein Vorstand steht ein Ausschußvon 100Mitgliedern Das Ausscheiden von Prof. Bernhard Scholz aus der Leitung des Dr. Hoch'schen Konservatoriums, das gestern bekaniu gegeben ist, hat überrascht. Tas Ereignis kann für das^Frautturler Aiusik- leben ooit großer Bedeutung werden. Prof. Scholz ist kein ioit- schrittlich gesinnter Musiker, unb da§ Hoch'jche Konservatorium hat unter seiner Leitung em sehrakademisches" Gepräge erhalten. Seines Nachfolgers harrt hier eine große Aufgabe. W e r dieser Nachfolger werden wirb, darüber ist jetzt noch nichts bestimmt. Der Wunsch vieler Musikfreunde geht dahin, daß die Leitung des Kon­servatoriums in dieselbe Hand gelegt werden möge, wie die der Museumskonzerte, und daß fid) später and) noch die Leitung eines unserer größten Gesangvereine hinzufinden möge. DaS Schau­spielhaus feierte gestern den 70. Geburtstag von Adolph L ' -!l r r o n g e durch eine Neueinstudierung desDoktor Klaus" (in historischer" Inszenierung). Ur. G. Z.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindriickerei. 8. Lange. Ncdaltion, Expedition und Druckerei: Lchülstratze 7.

Der Jahresbericht des S t ä d e l s ck) e n 9)1 u {e u in § - Vereins zu Franks u r t konstatiert mit Genugtuung, daß die im letzten Bericht ausgesprochene Hoffnung, die Stadl werde einen Beitrag zum Erwerb deS Lueas Eranach-Altarbilde-S geben, sich erfüllt habe. Der Verein hat dem Städelsck)en Kunstinstitut auf Vorschlag des Direktors Swarzenski em Porträt von Millet und das GemäldeDie Pelle" von Courbel überwiesen. Ferner wurden Zeichnungen von Adolf v. Menzel und Laubigny sowie mehrere Radierungen von Mar Liebermann gefoult. Zur Erwerbung des Thorane-ZlinmerS für das Goethe-Museum, das zirka GO Dar­stellungen von Seekatz, Hirth, Traulmann und Schütz enthält, ge­währte der Verein 1000 Mk. Die Werke siiid alle in Frankfurt entstanden und für 32 000 Alk. angekaust worden. Die tllusgüben des Vereins betrugen ca. 95 000 Alk., Mit dem Städelschen Institut zusammen wurden noch 84 500 Mk. zu Neuanschaffungen verwandt. Der Bericht erwähnt auch die in Entstehung begriffene Srädlisd)e Galerie, die Frantsurt zu einer Kunststadt von hervorragender Be- bentung machen dürste.

i Mißverständnisses bezüglich der beson-- bereit Stellung, welche ein britischer Minister entnimmt. Ein solches Verlangen werbe so ausgefaßt, als enthalte es eine Rüge Sr. Majestät, die gänzkich über tobet Kompetenz steht, was auch sicherlich außerhalb der Absicht fei. DaS Parla­ment möge indesfen Recht haben, daß die Regie­rung besondere diplomatische Mittel ergreifen! müsse, um den Kaiser mit dem Wesen der inini- fteriellen Verantwortlichkeit in England öer*

ALeänes Feuilleton.

Ibsen und sein SchauspielDie Wild- e n t e" so lautete das Thema, über das Pros. Dr. Collin am letzten Samstag im Gießener Stadttheater sprach. Es galt, das Gießener Theaterpublikum bereit zu machen zuin Mitgehen mit dem Dichter bei der für morgen bevorstehenden Aufführung derWildente". Diese Tragi­komödie gehört gewiß zu den anregendsten !>iunstschöpfungen der neueren Zeit, aber sie ist zugleich von so bitter ironischem Grundton, aus ganz intimer seelischer Analyse baut sich ihr Humor aus und so schwer an Andeutungen ist der Dialog, daß man mit gespannter geistiger und Gemütskraft solgen muß. Man muß sehr nachdentlich menschliches Wesen ver- solgt haben, um hier zu begreifen, und solche Nachdenklich­keit verlangt Raum zur Entfaltung, namentlich für das arbeitsbelastete Publikum von l-eute. Literarische Urteils- lrast und verfeinerte Kunstempfänglichkeit fliegen nicht zu, lIC wollen durch langjähriges intensives vergleichendes Kunst- ünd Literaturstudium mühsam erworben sein. Das wird don viel zu vielen verkannt. Nichts ist unsinniger als die llebertragung des allein für den Gaumen geltenden Er- sahnmgssatzes:Ueber den Geschmack läßt sich nicht streiten" aus künstlerischenGeschmack". Womit man sagen will, daß ledermann seinen eigenen un modifizier baren Kunstgeschmack habe. Es gibt vielmehr nur einen Kunstgeschmack, den durch jahrelange Kunsterziehung und Kunstbildung mit Hilfe ursprünglicher Kunstempfänglichkeit erworbenen. Alles llebrige ist llngefchmack oder, im besten Falle, ungeläuterte üud nur durch ernste Arbeit zu läuternde Geschmacksfähigkeit. 6e!ws verfeinerte Problem erfordert zur geistigen Aufnahme verfeinerten Sinn. Und der gedeiht naturgemäß erst bei voller geistiger Hingabe unter günstigen psychischen und auch materiellen Bedingungen. Aus diesen Gründen erkvarb stch Pros. Collin durch seinen einführenden Vortrag über sbfen und sein morgen zu schauendes Werk ein dankens- ivertes Verdienst bei allen den vielen, die durch ihre be- londeren Lebensbedingungen außerstande find zu innigem ^chversenken in literarische Werke, und es war zu bedauern, dre Gelegenheit zu einem selbst so kurzen Einblick in

.Tiefen des literarischen Studiums nicht von einem noch größeren Kreise aufmerksamer Hörer benutzt wurde. Das ürotzere Publikum war sogar sehr beklagenswerter Weise dem Vortrage int wesentlichen fern geblieben und man sah viel mehr von solchen Hörern, die aus eigener Tätigkeit gründ- tuyes Studium zu schätzen wissen, als solche, denen infolge u)res anders gerichteten Lebensganges das rechte Verständnis dafür manyiu. Jedenfalls war der Vortrag Prof. Cv.^us

Der Vries der deutschen Katfets.

Tie Tweednwuth-Angclegenheit Ijat sich zu einem großen politischen Ereignis ausgewachsen. Es läßt fid) kaum beschrei­ben, welche Ausregung dieTimes"-Enthüllung in London her- vvrgerusen hat. Die Stellung des Lord Tweedmouth gilt durch den Briefwechsel mit dem deutschen Kaiser für ernstlich er» sckKttert. Fast die gesamte Presse fHmnit darin überein, daß der Briefwechsel besser unterblieben wäre. Die konservativen Zeitungen neigen nteistens zur Ansicht, daß die Behauptungen derTimes" uollftönbig erwiesen seien. Tie liberalen Blätter dagegen vertreten die Ansicht, daß die Msleguirgen derTimes" übertrieben seren. DieTimes" kommt heute auf die Ange- legenl-eit nochmals in einem Leitartikel zurück und erklärt, sie habe nie die Behauptung aufgestellt, daß der Brief des deuttchen Kaisers tatsächlich den englischen Marineetat beein­flußt habe. Sie habe nur behauptet, daß der Brief einen Versuch darstelle, einen solchen Einfluß auszuüben. Diese Be­hauptung hält dieTimes" aufrecht. Tie Erklärung des Schatz­kanzlers Asquith Ina Unter Hause enthalte nichts, was ihre Be­hauptungen entfmftigen könnte.

Ueber den Brief Kaiser Wilhelms will dieDailh Mail" folgendes erfahren haben: Die Veranlassung i>aju habe Loü» Eshers Brief an die Gründer der Imperial Maritime League (Flvtt-eiWerein) geboten, worin dieser erklärte, in_ Deutsch­land würde jedermann, der Kärscr an der Spitze, den Sturz Sir John Fishers wiUEommcn heißen. Ter Kaiser habe, hierdurch verletzt, einen persönlichen Brief an den ihm intim bekannten Lord Tweedmouth gerichtet. Mehrere Hohr öffentliche Beamte hätten schon die Ehre gehabt, Briefe vom Kaiser zu erhalten, doch diese behielten sie für sich; Tweedmouth leider nicht. Er zeigte ihn verschiedenen Führern beider Parteien und Iwhen Persönlichkeiten der Gesellschaft. In dem Brief, der im Unter» halttungstone gehalten gewesen sei, habe sich der Kaiser ziem­lich deutlich über Lord Esher ausgesprochen. Ties sei ossen- bar der Grund, daß cs Lord Tweednwuth Spaß geinacht habe, den Brief zu zeigen. Schließlich sollen auch Damen davon Kenntnis erhallen haben. Worauf es mit dem Geheimnis vorbei war. D ie emsige Bezugnahme auf britische Flotten- politik bestand in einer Parenthese worin der Kaiser erklärte, er könne, wenn er 'wolle, beweisen, daß die brittsche Flotte fünf­mal so stark sei, als die deutsche. Lord Tweedmouths Ant­wort habe bei dem Vergnügen, welches ihm der Brief des Kaisers bereitete, wahrscl/einlich mehrere sein gewählte Ausdrücke seiner perfönlichen Genugtuirng enthalten.

TerS t a n d a r d" schreibe in der Angelegenheit des Brre;es des deutschen Kaisers: Weder die Mitteilung Arqniths, noch dce Erklärung des deutschen Auswärtigen Amtes könnten als befriedigend oder ab» schließend angesehen werden. Ta wir seslen Glaubens such, daß der Kaiser allein die Interessen des Friedens und der englisch-deutschen Freundschaft inv Auge gehabt hat, als er an Lord Tweedmouth schrieb, so hoffen wir bestimmt, daß er ins künftige sich auf den mehr herkömmlichen Apparat des diplo- Ni«tischen Verkehrs zur Förderung seiner anerkennenswerten Ziele stützen wird.

TieMorningpostt'' schreibt: Weder bas Oberhaus noch das Parlament werde voraussichtlich cme Veröffentlichung des Briefes verlangen, der nur habe gejchrieben werben können infolge

«tzener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

Zum 9. Marz.

Zwanzig Jahre sind inS Land gegangen, seit der große Kaiser Wilhelm I. die Augen schloß. Sein Todestag ruft uns wieder die Persönlichkelt eines seltenen Monarchen in Erinnerung. Ein großer Kaiser, nicht bloß groß durch seine Erfolge auf politischem Gebiete, groß auch als Mensch.

Was vor 60 Jahren die Nation vergebens erhofft und erstrebt, wurde uns unter ihm beschert. Statt des mittel­alterlichen Wahlkaisertums em erbliches deutsches Kaisertum, hervorgegangen aus dem einmütigen Wunsche der deutschen Fürsten und dem Sehnen des deutschen Volkes, das sich nach schweren Kämpfen wieder zllsammenfand. Nur eines Wilhelms I. ehrfurchtgebietende und herzgewinnende Persön­lichkeit konnte es ermöglichen, den in Hader so lange ge­trennten Stämmen ein deutsches Haus zu gründen und seinen weiteren Ausbau zu fördern und zu sichern. Ihm konnten sich die deutschen Fürsten willig unterordnen, und für den schlichten Sinn des Volkes fonnie sich der Gedanke: Kaiser und Reich" in keiner anderen Persönlichkeit glücklicher vereinigen. So verkörpert sich m Wilhelm I dem Träger beS neu erstandenen Deutschen Reiches, das Ideal unseres Volkes.

Wilhelm I. der Held, der sein Volk von Sieg zu Sieg führte, nicht minder groß als Friedens fürst. Sechzehn Jahre lang bewahrte er biird) seine Weisheit und Gerechtig­keit Europa vor einem verheerenden Krieg. In der Steigerung der Wehrmacht sah er nur die beste Bürgschaft für die Sicherheit des Reiches. Durch die Gründung deutscher Kolonien jenseits der Weltmeere legte er die Keime für die Zukunft zur Erstarkung des deutschen Handels. Und welchen Fortschritt, welche Erleichterung brachte nicht seine Regierung auf dem Gebiete des Verkehrswesens durch die Einführung einer einheitlichen Maß- und Gewichtsordnung im Jahre 1872, sowie einer neuen Münzordnung im Jahre 1875! In seiner Allsorgfalt für seine Untertanen hatte er auch Ver- fiändnis für Heilung sozialer Schäden. Sein warm fühlen­des Herz für die arbeitenden.Klassen der Bevölkerung schuf 1883 und 1884 das Kranken- und Unsallversichcrungsgesetz, Einrichtungen, um die uns unsere Nachbarstaaten heute noch beneiden können.

Wilhelm I. groß als Mensch, ausgestattet mit den schönsten Bürgertugenden. Einfach und fchlicht in seinem Auftreten, bieder und lauter in fernem Charakter. Arbeits- sieudig und pflichttreu bis ins hohe Greisenalter, ja bis zuni letzten Atemzuge, der keine Zeit fand,müde zu sein". Ein Uirst, der sich bezwang, selbst gegen den geringsten Diener <m hartes Wort auszusprechen. Dankbar für en,pfangene Wohltaten, druckbar gegen treue Ratgeber unb alle, bie ihm beisianden. Nie selbstüberhebend, inmitten des größten Glückes siets deinütig.