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08/08/1908 Zweites Blatt
 
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Nr. 18S Zweites Blatt

158. Jahrgang

Samstag 8. August 1908

Grschetnl tägst- mit Ausnahme des Sonntags.

Die ^Lietzener $amilitnblätter* werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich betgelegt. das Krelsblatt für den Kreis Siehe," zweimal wöchentlich. Die »Landwirtschaftlichen Seil- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhefien

Rotationsdruck und Verlag bei Drühlfch« UniversitätS - Buch- und Sleindruckerei.

R. Lauge, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag: 6L

Redaktion, e-^ll^. Tel.-Adr^-AnzeigerGießen.

Grafen,

morben, so daß eine Bahnhofsrestaurateur

Bahnsteig promenierte, von einem Hunde in die Made gebissen blutende Wunde entstand, die vom ausgewaschen und verbunden wurde.

Die leidende Gattin des

hcit des Landes, die zvulturstusc der Bc.ro hner und ihrer Lebens­weise und die Beobachtung und Erforschung der Pocken-, Lepra- und Tseis »Krankheit beziehen. Ter Borlragcndc ergänzte seine Ans- führnngen durch 80 sehr gute und interessante Lichlbübcr ans dem

politische Lagerschau.

Deutschland und die Türkei.

TerPolitischen Correspondenz" wird aus Konstantinopel geschrieben: In jnngtürkischen Kreisen hat cs Befremden hervor- gerufcn, daß in der ausländischen Presse von einer dcutsch- I c i n dl c che n Strömung die Rede ist, die seit der neuen Wendung in der Türkei hcrvorgctreten sein soll. Vollends macht bic Art, in der man diese Behauptung zu begründen jucht, einen seltsamen Eindruck. Tas türkische Volk, so heißt cs in den be­treffenden Nachrichten, grolle Deutschland, weil dieses das despo- tische Regicrnngssystem des Sultans unterstützt habe, um wirt­schaftliche Vorteile in der Türkei zu erlangen. Wenn das mehr oder weniger erfolgreiche Betreiben wirtschaftlicher Angelegen­heiten im ottomanischcn Reiche seitens einer fremden Macht eine hinreick)cnde Grundlage sein soll für die Beschuldigung der letz­teren, die frühere Willkürherrschaft in Konstantinopel aus egoistischen Motiven begünstigt zu haben, so müßte man doch auch billigcrwcisc gegen andere Staaten die gleiche Anklage erheben. Tie politischen Kreise in der Türkei sind nicht nur von einer ungleichartigen Beurteilung der fremden Lvtächte in dieser Beziehung kntscrnt, sondern zollcnDeutfchlanddieAnerkennung, das; es sich bei verschiedenen Gelegenheiten als wahrer Freund nicht etwa des autokratischen Systems, sondern der Türkei als Staatswesen erwiesen habe. Insbesondere in der, Armee werden die Verdienste unvergessen bleiben, die sich Teutschland um die Förderung der Umgestaltung des türkischen Heeres erworben Hal. lrs wird niemand zu bestreiten wagen, daß Freiherr von Mar­schall, der Deutschland während mehr als einem Jahrzehnt in Konstantinopel vertritt, während seiner ganzen Tätigkeit die srcundsck-aftliche Gesinnung für das türkische Volk bewiesen hat. Tas türkische Volk war sich immer dessen bewußt, daß Deutsch­land einer der wenigsten Staaten ist, die nie auf den ost prophe- zcihten Zusammenbruch der Türkei spekuliert, sondern im Gegen­teil stets daraus bedacht waren, zu der politischen und wirtschast- lichen Krästigung des ottomanischcn Reiches beizutragen. Dre Behauptung, daß fetzt all dies in Konstantinopel mit Feind­seligkeiten vergolten werde, kann daher nicht aus türkischen, sondern nur aus ausländischen Kreisen stammen, bie aus Abneigung gegenDeutschland eine solche Wendung herbeiwünschen.

Wie man in der Türkei einen verhaßten General behandelt.

Rach einem Telegramm derKölnischen Ztg." aus Uesküb vom 7. August wurde General Mustafer Pascha, der der Kommission für bie Taxierung der Sanbschall)ahn zugeteilt unb als Reaktionär und Spion bei bem Offtzier- korps schon lange verhaßt war, auf seiner Durchreise nach Saloniki von auf bem Bahnhose anwesenden Offizieren erkannt. Sie holten ihn aus bem Wagen heraus und spuckten ihn an. Ein junger Offizier sagte:Du bist ein Schuft, ein Verräter!" Der General mußte die Worte nachsprechen. Lei der Abfahrt wurde er gezwungen, am Fenster zu stehen unb auszurusen:Hoch bie Freiheit!" und sich selbst von neuem zu beschimpfen; auf jeher Bahnstation erwartete ihn das gleiche Schicksal. Der Pascha mußte selbst sein Gepäck einlaben, da kein Träger ihm half. Rach einem weiteren Telegramm besselben Blattes wurde General

Gras Zeppelin

ist trotz enormer körperlicher Anstrengung von erstaunlicher Frische, getragen von der wahrhaft überwältigenden Fülle der Sympathiebeweise. Er begibt sich Anfang nächster Woche auf einige Tage aus sein schweizerisches Lanbgut.

Gras Zeppelin hat seine Werft in Manzell am Donners­tag besucht. Er war tief ergriffen, als er die verwaiste Reichs-Ballonhalle betrat.

Ein kleines Mißgeschick des Grafen.

war außer der gegen ihn herrschenden Stimmung im Offizierkorps das Benehmen des Paschas bei der Aus­rufung der Verfassung. Er sagte zuerst:Hoch die Religion und der Sultan!" und dann:Hoch die Freiheit!"

Wie nachträglich bekannt wirb, ist der Graf am Mitt­woch abend auf ber Fahrt von Stuttgart nach Friedrichs- hafen auf dem Ulmer Bahnhofe, wo er während ber Zu­sammenstellung bes Zuges nach Friebrichshasen auf bem frei herumlaufenben

Anthropologen-Aongreh.

IV.

S.u- H. Frankfurt a. M., 4. Aug.

Zu Beginn des heutigen zweiten Verhandlungstages sprach an erster Stelle Prof. Dofrat Kramberger (Agram! über: Anomalien und pathologische Erscheinungen im Skelett der Ur­menschen aus Krapina. Der Redner verbreitete sich in seinem Vorträge über Einzelheiten, die lediglich den Fachmann in­teressieren. Hierauf bcfoauMtr- Pros. Klaatsch (Breslau) das Thema: Kranio-Morphologic und Kranio-Trigonometrie. Der Vortragende besprach) die neuen Methoden, welche an Stelle der alten bankerotten Kraniometrie notwendig werden, um eine den modernen Anforderungen entsprcch.'nde wissenschaftliche Kranio- logie aus genetischer Grundlage zu schaffen. Seine ausgedehnten vergleichenden Unlcrsuch-ungcn über Menschenrassen, besonders die Australier und die fossilen Menschenrcste Europas, von denen er den Sch)üdcl ves Ncanbcrtalmcnschen in Rekonstruktion vorlegtc, haben ihm die Gesichtspunkte gegeben, um die Variationen inner­halb des Menschengeschlechts genetisch zu ordnen. An Beispielen der Stasen und der Kinnbildung zeigte der Vortragende, wie die so verschiedenen Befunde der heutigen Menschenrasse und zugleich auch der Menschenaffen auf gemeinsame Urformen zurückgeführt werden können, von denen aus sich die Anthropoiden einerseits, tnc Menschenrassen andererseits und wiederum in verschiedenen Bahnen die Mongoloiden, 'Negroiden und Europäer sich ent­wickelt haben. Das Problem der Kinnbildung wird durch kritische Analyse des BegrifssKinnvorsprung" in Angriff genommen. Die mittlere rundliche K'innpromenenz des Menschen ist keine Neubildung. Das Lateral-Kinn, die seitlichen Wulstungen, be­sonders im Bereich desMusculus Mandibulae" sind Neubil­dungen. Das Kinnrclicf an sich ist unabhängig von der Stellung der vorderen Kinnfläche zur Zahncbene. Beide bilden miteinander einen stumpfen Winkel nur bei dem vorragendcn Europäerkinn (positives" Kinn). Die niederen Rassen, bei denen der Winkel unter 90 Grad bleibt, haben einnegatives" Kinn. (Australier, Afrikanegcr, Ncaudcrtalrasse.) Tie Mongoloiden nehmen eine mittlere Stellung ein. Tic Umstellung der Kinnplattc, die zum Europäerkinn führt, hängt mit Rückbildungen der Zähne zusammen. "Auch für die übrigen Schädelteile, Stirn, Schläfen und Hinter­hauptregion lassen sich in der Menschheit höhere und niedere Zustände Nachweisen. Auf gemeinsamer Erhaltung solcher niederen Zustände beruht die Aehnlichkeit der fossilen Neanvertalrasse mit den heutigen Australiern. T-c vergleichende Projektion der Kurven verschiedener Schädel aufeinander verschafft erst ein richtiges Urteil über ihre verschiedene Wertigkeit. Für solche Projektionen müssen bestimmte Horizontal- und Vertikalcbencn zur gemeinsamen Ein­stellung gegeben sein. Dieselben bieten sich in derGlabella Lambda" Ebene und der Basier Bregma Ebene, welckie fast immer aufeinander genau oder nah.zu scnkreck-t stehen. Hieraus ergibt sich die Möglichkeit einer Zerlegung des mcdranen Schädeldurch­schnitts in Vierecke und Dreiecke, deren Winkel für die vergleichen­den Messungen bedeutungsvoll sind.

Dieser Vortrag war einer der intcressantcsten der ganzen Tagung, besonders durch seine erläuternden Illustrationen. Er rixfjletc sich vornehmlich gegen Prof. Schwalbe-

Privatdozent M o l l i s o n (Zürich- sprach über das Thema: Rechts und Links in der Primatenreihe. Der Redner bat unter­sucht, ob die Rechts- und Linkshänder bei den Menschen oder Anthropoiden vorwiegen und Hal feine Untersuc^ingen auf die unteren Extremitäten ausgedehnt. Er hat dabci gesunden, daß die K-nochenbildungen der beiden gan- verschieden sind. Die Rechts­händig kert des Menschen sei ihm allein nicht eigen. Er habe vieles mit (eien Anthropoiden gemeinsam.

Hierauf sprach Prof. Dr. Haderer (Kamerun/ über seine Beobachtungen in Südkamerun, die sich aus die Bovenbeschafsen-

Ausland.

Kaiser Wilhelm und der Zar. Trotz aller Ableug- irungen hören in Petersburg die Gerüchte von einer baldigst bevorstehenden Begegnung Kaiser Wilhelms mit dem Zaren nicht auf. Es itrirb erzählt, die Begegnung werde im August stattfinden.

Die Automob ilr eisc Tittonis. Nach derNeuen Freien Presse" wird der italienische Minister Tittoni auf seiner Automobilrcise nach Oesterreich Karlsbad und Marienbad besuchen. In Karlsbad soll er mit Iswolski und Clcmcnceau und in Marien­bad mit König Dmard Zusammentreffen.

R u d i n i f. Der frühere italienische Ministerpräsident di Rudini ist gestorben.

Tie Po st Verbindung en zwischen Venezuela und Holland sind abgebrochen rvorden. Eine amtliche Mitteilung verbietet, daß die nickerländische Post Briese oder Poststücke nach BeneFuela entgegennimmt.

Das Besinden der Kaiserin-Witwe. Trotz bem Deutenti der Petersburger Tclcgraphelt-Agentnr erhält sich j)ie Meldung, daß die Kaiserin-Witwe bettlägerig sei. Sie habe sich einen Hexenschuß zugezogen.

Wladiwostok. Ter Kommandant der Festung Wladi- tvostok, General Irman, hat dem Kiüegsminister ein Memorandum unterbreitet, worin er dafür eintriU, daß Wladiwostok unbedingt zur Festung und zum Käiegshafen ausgebaut iverden soll, da nur unter dieser Bedingung eine erfolgreiche Verteidigung des Ostens möglich sei. Für den Handelshafen soll ein anderes Bett in der 'Mhe von Wladiwostok gewählt und der Freihafen in kurzer Zeit aufgehoben iverden. Der General-Gouverneur des Amur- gebietcs, General Unterberger, hat diesen Vorschlag nicht befür­wortet, weil sich mit seiner Vernürklichung eine Wiederholung des Fehlers, der mit der Gründung von Dalny nahe bei Port Arthur gemacht wurde, zeigen würde. Dadurck) war seinerzeit den Japanern die Landung ihrer Belagerungsartillerie ermöglicht worden. ~

Attentat. Als der spanyche Mmistcr des Innern gestern seine Wohnung verließ, um nach dem Ministerium zu fahren, schleuderte ein kürzlich entlassener Beamter einen Stein gegen ihn. Ter Minister erlitt eine leichte Verletzung am Bein- Ter Attentäter wurde verhaftet.

Das russische Re form Projekt für Mazedonien. DerMatin" meid.u aus Petersburg: Ter Minister des Acußern wird heute abend den Mächten auf telegraphischem Wege das ruffifxfje Resormprojekt für Mazedonien zustellen. Iswolski wird gleichzeitig die Beweggründc, welche Rußland zu der Ausstellung des Reformwerkes veranlaßt haben, auseinanderi'etzcn. Er wird erklären, Rußland verfolge das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten der Türkei, aber es verfolge mit Interesse die Christen im Orient.

Vom Kongo. Gerüchtweise verlautet, daß in dem kongo- staatlichen Gebiet von Manycna ein neuer Aufruhr unter der Leitung des Wazimba Chefs ausgebrochen ist.

das Land und seine Bevölkerung und die Lebensart der Menschen.

Es kamen hierauf eine Anzahl Ethnographen zu Wort. Zu­erst sprach Prof. Kramer .Kiel) über seine Reise nach den Südscc-Inseln, besonders nach den Karolinen. Tr- Kaden (Stuttgart sprach über seine Forschungsreise nach Tibet Er er­läuterte seine Ausführungen durch eine Anzahl hochinteressanter Lichtbilder. Die Bcivohner des Landes seien durch bie Chinesen, die dort stark angcficbclt seien, mißtrauisch gegen die Fremden geworden. Sie ähneln dcn Mongolen sehr, mischen sich aber durch Ehen sehr stark mit den Chinesen, so daß der reine Stamm in kurzer Zeit kaum mehr erhallen sein wirb. Politisch ist das Land 'sehr zersplittert. Von allen Kennern das Landes werden die Chinesen als eine große Gesa Iw angesehen, troydcm sic sehr fleißig sind und den Handel in Schwung bringen. Tie buddhistisch- lamaischc Religion herrsckst dort vor, ober die Sekten bie bie Chinesen unterstützen, terrorisieren die Anhänger ber einmimischen Religion sehr. Sehr häufig sind heilige Berge auznlrcficn, nach denen im Herbst gewallsghrtet wird Tie Zauberei und Lbohr- fagerci blühen dort in hohem Praße und üben einen starken Ein- Nuß ans. Wenn ein Tibetaner gestorben ist, ivirb zuerst durch den Iwhen Priester der Geist ausgetrieben. Der Aberglaube spielt eine große Rolle bei der Bevölkerung. - Dr. M. M o s z L) wsky (Berlin) sprach daraus über die Urstämme des östlichen Sumatra und erläuterte seinen Vortrag ebenfalls durch zahlreick^e Licht bildet und Demonstrationen. Ein Vortrag von Dr- W i l f e r (Heidelberg) über Spuren des Vormcnschen aus Südamerika be­gegnete in der Versammlung lebhaftem Widerspruch. - Pros. Klaatsch (Breslau- erklärte, daß der Vorttag unter dem Nivean der Gcsellsckiaft gewesen sei. SanilätSrat Berg 1 Kassel) be­zeichnete die wissenschaftlichen (Srläutcrungeii ocs Referenten als Phmtastercien, die vor der Wisscnsckiast nicht bestehen können. Der Referent verwahrte sich dagegen, aber die Art, wie sein Vortrag von der Versammlung ausgenommen wurde, ließ daranf schließen, daß die Majorität auf feiten der Opponenten stand.

Ungefähr 80 Mitglieder der Anthropologischen Gesellschaft fuhren am 4. August, nachmittags um 2 Uhr, in 18 Autos nach den Gräberfundstätten der südlick>en Wetterau. In der Nähe des Baiecsiöder Hofes bei Ostheim wurden drei Gräber aufgedeckt, die Knochenrestc und Halsketten enthielten. Nachher wurde die Fahrt nach Büdesheim fortgesetzt, wo in der Nähe des WaldcS abermals zwei Gräber mit ähnlichem Befunde geöffnet wurden. Gestern abend 8 Uhr begrüßte in den Prunkräumcn des Frank- furter Rathauses bie Stadt Frankfurt bie Teilnehmer des Kon­greßes. Oberbürgermeister Adickes begrüßte im Namen ber Stadt bie Freunde ber jungen Wissenschaft. Heute referierte Dr. Glbcrt aus Essen a. d. 3tugr über prähistorische Funde auf Java. Dr. Tafel-Stuttgart über seine Forschungsreise durch Tibet, Dr. Mao zkowsky-Bcrlin über die landschaftlichen Schönheiten und die eigen­artigen sozialen Verhältnisse auf Ost-Sumatra, Prof. Haberer Kamerun über seine Beobachtungen in Süd Kamerun, Professor Krämer-Kiel über bic Karolinen. Alle Reiscrcfercntcn äußerten sich sehr skeptisch über dcn Wert der heutigen europäisck-en Kultur mit ihrem Hasten und Rennen. Besonders Prof. Krämer war mit vielen Maßnahmen der deutschen Regierung auf den Karolinen nicht einverstanden. Sie habe viel gutes Althergebrachtes ver­nichtet, ohne Besseres zu bringen. Im Jahre 1909 wird der Kongreß in Posen abgehalten. An Stelle von Pros. Andrce- München wurde Professor von der Steinen-Bcrlin als erster Vor­sitzender der Gesellschaft gewählt. Morgen, den 6. August, be­sichtigen die Kongreßteilnehmer den Altkönig mit seinen Ring- wällen unb bie Saalburg.

Das neue türkische Kabinett.

Tas neue türkische Kabinett, dessen Zusammensetzung wir gestern kurz mitteilten, wird, wie es heißt, nur die Aufgabe haben, die Parlamentswahlen durchzuführen. Wenn das geschehen ist, soll es einem Parlamentärschen Kabinette Platz machen, und damit hätten selbst die Türken bann einen mächtigen Vorsprung vor uns voraus. Bei uns im Deutschen Reiche hat ja bekanntlich die Znsammemetzung des Parlaments keinerlei Einfluß auf bic Zu­sammensetzung ber Ministerien. In der Türkei ist man mit dem neuen Kabinett sehr zufrieben. Das jungtürkische Komitee für Einheit unb Fortschritt veröffentlicht eine Mitteilung an bie Bevölkerung, worin auf bereu Dankbarkeit und Ergebenhett gegen­über dem Sultan für bie gewährte Verfassung hingcwiesen und betont wird, baß zwischen dem Herrscher, der nur das Wohl­ergehen und bas Glück seines Landes wünsche, und dem Volke keine verräterische Straft mehr bestehe. Das neue Kabinett s c i des Vertrauens aller würdig, weshalb sich bie Nation ihm anschlicßeu, ober sich keineswegs in die Regicrungs- geschäste einmischen solle. Nur unter dieser Bedingung könne die Regierung im Rahmen ihrer Vollmachten zum Fortschritt des Vaterlandes an der Durchführung der Reformen arbeiten. Um nicht die ohne Mut errungenen Früchte zu verlieren, möchten alle an der Einigung arbeiten. Unberufene Personen, bic sich in bic Regierungsgeschäfte mischen würden, sollen von der Re­gierung verfolgt werden. Niemand habe das Recht, die Be­strafung gewisser Personen alten Regimes zu verlangen; hierüber hätten die zuständigen Staatsdepartements zu entscheiden. Das Komitee empfehle, sich dem Willen des Sultans $u unterwerfen und dem Ntinisterium zu vertrauen, das nach seinen Taten zu beurteilen sein werde. Das Komitee sei immer im Rahmen des Gesetzes tätig gewesen unb werbe bieses Verhalten auch weiterhin beobachten.

Mit Ausnahme des Schecks Ul Islam, Tewfik Pascha unb Ria Pascha sind alle Minister bes abgeänderten Kabinetts neue Männer. Das kaiserliche Edikt, wodurch Kiamil Pascha mit ber Bildung des Kabinetts beauftragt wurde, macht dcn Irrtum des vorherigen kaiserlichen Ediktes wieder gut, da in dem ersten Edikt dem Sultan die Ernennung ber Minister für Krieg unb Marine Vorbehalten wurde, währcnb sämtliche ministerielle Er­nennungen burch Vorsckstag des Großwesirs zu erfolgen haben. Hiermit ist das neue Kabinett auf vollständig konstitutioneller Grundlage zusammengestellt worden. Die Liste des neuen Ka­binetts ist dem Sultan zur Gutheißung unterbreitet worden. Es ist ausgeschlossen, daß der Sultan Einspruch gegen irgendeine Ernennung erheben wird.

Höchst bezeichnend für die heutige politische Lage in der Türkei ist auch folgender Vorgang: Bei der am geftrigen Freitag nach dem Solamlik ftattgefoabten Audienz des diplomatischen Korps verlas ber Sultan eine in türkischer Sprache abgefaßte Er­klärung, die besagt: der Sultan gebe sein Herrscherwort, daß er die wicdcrhergcstelltc Versassung achten und künftighin strikte nach derselben handeln werde. Ter Minister des Auswärtigen, Tewfik Pascha, übertrug die Erklärung ins Französische. Hier­nach wiederholte der italienische Gesandte Imperial als Doyen des diplomatischen Korps dessen Glückwünsche, und gab seiner Freude über das in der ganzen Welt begrüßte Ereignis Ausdruck. Nachdem er mit Wünschen für den Sultan und die edle türkische Nation geschlossen, reichte der Sultan jedem einzelnen Missionschef die Hand und sprach seine Befticdignng darüber aus, das diplo­matische Krops um sich zu sehen.

die in Friedrichshafen in einem Sanatorium ist, sollte dies­mal mit nach Manzell hinausfahren. Man hat es nicht gewagt, der Gräfiir Mitteilung zu machen von bem schweren Schlag. Dem Gatten selbst sollte es Vorbehalten bleiben, ihr die Unheilsbotschaft schonend beiznbringen.

Tie Ursache deS Unglückes.

Am Freitag vormittag ist die Reichskommission unter dem Vorsitz» von Geheimrat Lewald zusammengetreten. Es handelt sich um die Feststellung der Ursache der Katastrophe vom 5. August. Ter als Sachverständige hinzugezogene Meteorologe Tr. Linckc-Frankfurt a. M. hat sich der An­nahme, daß die Katastrophe auf eine Entladung atmo­sphärischer Elektrizität zurückzusühren )ci, auch seinerseits vollkommen angeschlossen. Auch der Graf selber bestätigt, daß bic Fahrtunterbrechungen lediglich auf M o - tordesekt zurückzusühren sind und der Brand durch elek­trische Entladungen herbeigeführt worden ist.

Tie Fortführung des Werkes.

An der in der Presse aufgestellten Behauptung, daß schon seit längerer Zeit ein neues LuftschiffmodellZeppe­lin V" im Bau sei, ist kein wahres Wort. Tas Interesse der Welt wird sich zunächst mit demModell 1907" zu befassen haben. Es wird beabsichtigt, dcn Ballon von 1907 durch Einführung neuer Glieder zu verlängern unb ihm so bem Status des jetzt zerstörten Modells 1908 zu nähern. Was den eventuellen Bau eines neuen Ballons an» belangt, so ist von Interesse, daß bic Lüdenscheider Firma Wilhelm Berg dem Grafen Zeppelin das Material für das Aluminiumgerüst des Luftschiffes, lieferbar in 14 Tagen, zur Verfügung stellte.

Beileidskundgebungen.

Daß die deutsche Industrie dem Grasen treu zur Seite stehen will, erklärten in einem gemeinsamen Tele­gramm an ihn der Verein zur Wahrung gemeinsamer In­teressen, der Verein deutscher Eisenhütten, der Verein deut­scher-Maschinenbauanstalten, der Verein Land Westfalen und der Nordwestliche Gruben-Berein deutscher Eisen- und Stahl- industrieller.

Generaldirektor Baltin sagt am Schluß einer längeren Depesche, daß es ihm eine große Freude wäre, mit dem Grafen

Mussafer Pasckfa auch im Kospruelue von einer großen Menschenmenge unb Militär empfangen unb beschimpft.

Es wurde ihm die Uniform zerrissen und ihm die Generals- suyrungcn oura) ou jciji giuc unu micrqianie A-iajtouDcr aus oem abzeichen abgenommen. Der Grund ber Wut des Volkes | Süden Kameruns unb gab dadurch ein anschauliches Bill) über