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Nr. 33« Zweites Blatt
158. Jahrgang
Mittwoch 7. Oktober 1908
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag«.
Die „Stehener Kamilienblatter" werden dem „Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das „Hretsblatl für den Kreis Liehen" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhessen
Rotationsdruck und Verlag der Drühl'schen UnwersitälS - Buch- und Sterndruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Trllckerei: Schul« straße 7. Expedition und Verlag: 5L
Redaktion:^^Z1I2. Tel.-Adr.: AnzeigerGießem
politische Tagesschau.
Die Reichswertzuwachssteuer abgelehut!
Staatssekretäp Sytzow hat die Einführung einer Reichszu- wachsstcuer abgelehnt. ^Oer Vorsitzende des Bundes deutscher Bodenreformer Adolf Damaschke erhielt vom Staatssekretär Sy- dow folgendes Schreiben: „Für die Uebersendung des „Jahrbuchs der Bodenreform", Band 4, Heft 2, danke ich verbindlichst. Ich habe von dessen Inhalt — auch soweit er die Einführung einer Reichszuwachssteuer zum Gegenstände hat — mit Interesse Kenntnis genommen. Daß die Einführung einer Zuwachssteuer unter Umständen als wirtschaftlich gerechtfertigt gelten konnte, ist unbedenklich zuzugeben. Der Gedanke, sie dem Reich dienstbar zu machen, würde jedoch dieselben Einwendungen zu gewärtigen haben, die von dem Vertreter des .Herrn Finanzministers bei der Besprechung Ihrer Petition in der Gemeindekonrmisfion des preußischen Abgeordnetenhauses der Einführung einer staatlichen Zn- wachsfteuer entgegen gestellt worden sind. Der Staatssekretär. Sydow." .
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Gegen die Mehrbelastung des Tabaks.
Die bevorstehende Beschlußfassung des Bundesrates über die Steuerentwürfe des Reichs-Schatzamtes hat der Leitung des .Deutschen Tabakvereins Veranlassung geboten, in einer Eingabe nochmals die sachlichen Bedenken gegen eine Mehrbelastung des Tabaks darzulegen. Reichhaltiges ftatistisäies Material über die Bedeutung und die Verteilung des Tabakgewerbes in Deutschland, über die Gestaltung des Tabakverbrau chcs in Deutschland seit 1861, über die Steigerung der Geldausgabe des deutschen Volkes für seinen Tabakgenuß sind der Eingabe beigefügt. Zum Schluß heißt es daun: „Der Deutsche Tabakverein zählt zu seinen Mitgliedern gegen 1400 Geschäftsbetriebe aus allen Zweigen des Tabakgewcrbbcs und seiner Hilssindustricn, mrb aus allen Gegenden Deutschlands, welche gut 150 000 Arbeiter und Angestellte beschäftigen. Er ist also der berufene Vertreter des Tabak- gewcrbes und zur Wahrung seiner Wohlfahrt nicht nur berechtigt, 1 andern auch verpflichtet. P)ir sind gerne bereit für unseren Teil die Opfer zu bringen, welche eine gleiche und gerechte Verteilung der neuen Steuerlasten von uns erheischen wird; wir müssen aber gegen eine noch dazu kommende besondere Besteuerung unserer .Erwerbsguelle in aller Ergebenheit ernsten Widerspruch erheben, und zwar nicht nur im Interesse der von uns vertretenen Unternehmer, sondern noch mehr der von chnen beschäftigten Arbeiter und Angestellten."
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Heber die Verquickung von Wehrsteuer und Nachlaßsteuer glaubt die „Köln. Vvlksztg." mitteilen zu können, die .Höhe der Steuer bis zum Werte von IVe Prozent des Nachlasses fontme auf jeden Nachlaß zur Anwendung, dessen früherer Besitzer seine Wehrpflicht nicht erfüllt hat beziehungsweise aus irgendeinem Grunde nicht zu erfüllen brauchte. Diese Wehrsteuer soll auf 4 0 Jahre rückwir kend eingeführt werden; das heißt , vom Nachlaß aller Personen, die seit dein Jahre 1868 militärdienst- pflichtig gewesen sind, ohne tatsächlich gedient zu haben, würde ein solcher Steuerzuschlag erhoben werden. Unter diesen Umständen könnte bei größeren Vermögen, z. B. wenn nur Geschwister als Erben vorhanden sind, die Steuer, schon auf insgesamt 14Vr Prozent vom Wert der Hinterlassenschaft steigen können, bei entfernteren Verwandten bis zu 29 Prozent. Die „Köln. Vvlksztg." fügt dem hinzu: „Da ein solcher Steuersatz für Grundbesitz, selbst in günstigen Verhältnissen, nahezu unerschwinglich ist, sollen Erleichterungen für den Grundbesitz eingeführt werden dergestalt, daß die Steuer in natura durch Abtretung von Land entrichtet werden kann. Schwieriger gestaltet sich allerdings der Fall, wenn der Nachlaß in Häusern, {yabrifcn oder Bergwerkseigentum besteht, da diese nicht gut geteilt werden können. In solchen Fällen .zollen zehnjährige verzinsliche Ratenzahlungen gestattet sein."
Die Gewerkschaften Deutschlands.
Nach einer soeben veröffentlichten Stallst-? der Generalkommission der (sozialdemokratischen) Gewertschaften Deutsch- lands belief sich die Mitgliederzahl dieser Gewerkschaften Ende 1907 auf 1873 000 Köpfe, die in 61 Zentralverbänden zufammen- geschlassen waren. Die Mitgliederzahl hat sich gegen 1906 zwar um 74 000 vermehrt, doch war der Aufschwung der Mitglisdcr- zahlen viel langsanrer als in den Vorjahren. Der Rückgang des Geschäftsganges in Deutschland in der zweiten Hälfte des Jahres 1907 ist auch an den Gelverkschasten nicht spurlos oorübergegangen. Die größten Zentralverbände waren: Metallarbeiter 355 000 Mitglieder, Maurer 193 000, Holzarbeiter 150 000, Fabrikarbeiter 134 000, Textilarbeiter 121000, Bergarbeiter 110 000. Von den 61 Zentralvcroänden hatten int Jahre 1907 40 eine Zunahme um über 100 000 Mitglieder, dagegen 21 Verbände eine Abnahme um über 26 Oüü 'Mitglieder zu verzeichnen. 5)ie_ bedeutendste Abnahme hatten die Verbände der Bauarbeiter, Holzarbeiter und Maurer, eine Folge der schweren Niederlage im Berliner Bauarbeiter streik im Sommer 1907.
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Sonderbare Umgaugsformen.
Auf der »Jabresoersammluicg Pommerschen Provinziallehrervereins in Stettin E.we der vorigen Woche hatte ein Pastor Müller die Tatsache, daß fein Rcgienlngsvertreler anweseird war, als eine Nichtachtung der Lehrer bedauert und die Meinung an- Ä, die Regierung scheue wohl eine Aussprache mit den ...z._.-n, Ain zweiten Verhandlungstage nahm nun vor Eröffnung der Sitzung OberregierungSrat v. F-alkenthal das Wort, um im Namen der Regierung zu erklären: „Meine Herren! Nach den Zeitungsberichten hat in dieser Versammlung Herr Pastor Müller gestern das Wort gesagt: „Ich bedauere, daß die Herren von der "Regierung nicht hier siltd, sie haben wohl Angst." Mit Herrn Pastor Müller wird sich die kgl. Regierung wegen dieser schweren chsentlichen Beleidigung an anderer Stelle auseinandersetzen. Hier interessiert die weitere Zeitungsnotiz, die von der Versammlung „stürmischen, lcmganhaltenden Beifall" notiert. Meine Herren! Daß Sie sich dadurch an einer schweren Invektive, einer schweren Herabsetzung Ihrer vorgesetzten Behörde beteiligt haben, erwähne ich nur beiläufig, denn ich glaube, der Respekt vor der vorgesetzten Behörde ist wohl nicht mehr ganz modern. Ich möchte aber meinen, daß die Tatfach.', daß sie Sich durch ihren Beisall an einer Herabsetzung und Verleumdung beteiligt haben, jedem einzelnen Don Ihnen bei näherer Betrachtung nicht zulässig erscheinen wird. Ich konstatiere, daß wir vor Ihnen keine Angst haben, daß aber wohl die gestrige^Verhandlung geeignet ist, die wannen Gefühle, die wir für Sie hegen, zu be- emträchtigen. Wir sind daher nicht mehr in,der Lage, an ihren weiteren Verhandlungen teilzunehmen." Pastor Müller erklärte zwar im Lause der Verhandlungen, er sei weit davon entfernt gewesen, der Regierung den Vorwurf der Feigheit zu nuiujen, aper seine Worte sind gleichwohl eine Taktlostgkect gewesen, die besser unterblieben wäre. So wenig man bie]cit fauchen Zungenschlag gutheißen kann, so wenig b.-greift man, jo bemerkt hierzu die „Köln. Ztg.", .das Echo, das er gnveckt hat. Die Erwiderung des Regierungsvertreters ist von einer Auffassung getragen, die zum mindesten unDcr|taiii)iiuj ist, wenn sie mit einer Revision des lehrersreundlichen Gefühls orohl, und sie bewegt sich in Formen, die mehr Zöglingen als Lru.",cr,i gegenüber angebracht sind. Auf eine Ungeschicklichtelt mit einer noch größern zu, antworten, iß sonst des Landes nicht der Brauch.
Deutsches Ueich.
Der neueste deutsch-französische Zwischen- fall in Rabat ist, wie der „National-Ztg." von gut unterrichteter Seite mitgeteilt wird, ohne Bedeutung und wird zu keinen anderen Verwickelungen führen.
Keine neue Flotten Vorlage. Die Meldung eines Berliner Blattes, das Reichsmarineamt bereite eine Vorlage vor, in der 200 Millionen Mk. für neue Schiffsbauten gefordert werden, beruht, wie die National-Ztg. mitteilt, auf Erfindung.
Die Reichstagsersatzwahl in Memel-Heyde- krug am 2. Oktober ds. Js. hat nach amtlicher Feststellung folgendes Ergebnis gehabt: Abgegeben wurden insgesamt 14 434 gültige Stimmen. Es erhielt. Schwabach (Natl.) 9710, Buttkereit (Kons.) 2912 und Hofer (Soz.) 1851 Stimmen. Zersplittert sind 11 Stimmen.
Ausland.
Der russische Minister für Volksaufklärung hat den Professoren besohlen, die Vorlesungen an der Universität sofort wieder aufzunehmen. Sein Zirkular solle keineswegs eine Einschränkung der Rechte bedeuten, die 1905 den Universitäten durch den Zaren verliehen wurden. Das neue Universitätsreglement werde der Reichsdnma zur Begutachtung vorgelegt werden.
Der russische Marineminister, Admiral Dikow, wird zurücktreten.
Eine schwere Beschuldigung Roosevelts. Der „Berl. Lokalanz." meldet aus Newyork: Richter Parker beschuldigt den Präsidenten Roosevelt, vor vier Jahren 100 000 Dollars von der Standard Oil Company erhalten und für Wahlbeeinflussungen verwendet zu haben.
Castro ist krank. Das niederländische Kolonialamt erhielt vom Gouverneur in Caracas folgende Depesche: Ein vom 26. September datierter Brief der Gesandtschaft in Caracas meldet, daß Präsident Castro schwer erkrankt ist. Die Gesandtschaft erfuhr, daß die Regierung wahrscheinlich noch in dieser Woche in die Hände des Vizepräsidenten übergehen dürfte. Die Note der Niederlande vom 25. September ist dem Minister des Auswärtigen in Caracas zugestellt worden. Castro wird jedesmal „schwer krank", wenn er in Bedrängnis ist. Dieses Mal ist es bekanntlich Holland, das von ihm Genugtuung für die Ausweisung des holländischen Gesandten fordert.
Kein Kotau! Der Dalai Lama lehnte es ab, sich den bei der Audienz beim Kaiser vorgeschriebenen chinesischen Zeremonien zu unterziehen; infolgedessen fand die Audienz nicht statt.
Parteitag ver deutschen volkrpartei.
S. u. H. Tübingen, 4. Oktober.
Unter dem Vorsitz des wnrttembergischen Landtagsabgeordneten Liesching (Tübingen) hielt am Samstäg und Sonntag die Deutsche Volkspartei hier ihren 28. Parteitag ab, dessen Hauptverhandlungspunkt die Stellung der Deutschen VolkSpartei zur Blockpolitik bildete. Referent hierzu war der Führer der Partei, Reichstags» abgeordneter v. Payer-Stuttgart. Redner empfahl schließlich die Annahme folgender Resolutionen:
„Ter Parteitag der Deutschen Volkspartei verkennt nicht, daß eine gründliche Reform unseres durch langjährige Mißwirtschaft vollständig verwirrten Reichsfinanzwesens nicht länger verschoben werden kann und daß zu deren Durchführung die allmähliche Abtragung unserer übermäßig angewachsenen öieichsschulden und weitere Steuormittel in beträchtlichem Umfange erforderlich sind Die Deutsche Volkspartei weiß sich frei von der Verantwortung für die Mißwirtschaft, vor der sie rechtzeitig gewarnt hat, sie kann es auch nicht als ihre Aufgabe betrachten, politischer oder wirtschaftlicher Reaktion die Mittel zur Herrschaft zu liefern. Teniloch hält der Parteitag es für richtig, wenn die Reichslagsabgeordnelen der Partei sich zu ernster Mitarbeit bei der Reform bereit erklären. Dagegen muß der Parteitag schon jetzt erklären, daß der veröffentlichte Reforinplan des Reichsschatzamtes, von allen EinzelheUen abgesehen, im ganzen Aufbau geradezu unverständliche Mängel zeigt. Derselbe läßt, obwohl auch dem deutschen Reiche nur eine rücksichtslos durchgeführte strenge Sparsamkeit, die aus volkswirtschaftlichen Gründen unerläßlich ist, zu einer wirklichen Gesundung seiner Finanzen verhelfen kann, bei Abmessung der für jetzt, wie der für später aufzubringenden Beträge diesen Gesichlspuiikt vollständig außer acht. Er droht, das Ausgabebewilligungsrecht des Reichstages tatsächlich arißer Kraft zu fegen, und trägt dem berechtigten Begehren, daß eine nicht zu vermeidende stärkere Heranziehung der Verbrauchssteuern durch entsprechende Belastung von Einkommen oder Besitz ausgeglichen werden müsse, nur ganz unvollständig Rechniing. Ohne eine gründliche Umarbeitung der Reformpläne in diesen Richtungen könnte der Parteitag ihre Durchführung von vornherein nur für wirtschaftlich und politisch gefährlich erachten/
„Ter Parteitag bedauert, daß der verantivortliche Staatsmann im Reiche gegen den von ihm erweckten Erwartungen nicht einmal die politische Gleichberechtigung liberaler Anschaiiuugen zur Geltung zu bringen vermochte und daß er nicht imstande war, die politische Verfolgung freisinniger Beamte» durch die Verwaltung des Bundesstaates, dessen Ministerpräsident er ist, hintanzuhalten, und daß er eine dem deutschen Rechtsbewllßlsein entsprechende Reform des preußischen Wahlrechts, ja sogar den Schutz der preußischen Wähler durch die Einführung des Wahlgeheimnisses abgelebt Hai. Der Parteitag ist einslnnm.ig der Ueberzeugung, daß die Fortsetzung einer derartigen antiliberalen Negierungspolilik im Reich und im führenden Bundesstaat die Voraussetzung der Mit- wirkmig der Deutschen Volkspartei naturgemäß beseitigen muß."
Diese Refolulionen waren in geschlossenen Sitzungen des ParteiausschusseS vorbevalen worden, wobei Payer ursprünglich eine mildere Fassung in Vorschlag gebracht hatte.
Der Ausschuß stimmte jedoch für die schärfere Resolution. — Ter Korreferent Landtagsavgeordneler Muser (Offenburg) tadelte Payers Reichstagsrede zum Vereinsgesetz, weil sie s. E. im national- liberalen Sinne gehalten sei. Ferner sei die Zustimmung zum Sprachenparagraphen falsch gewesen, da durch diesen em fundamentaler Grundsatz der bürgerlichen Rechtsgleichheit verletzt worden sei. — In der Debatte behauptete Professor Tr. Quidde (Slündjen), daß Mitglieder der Fraktion für den Sprachenparagraphen selbst in seiner ursprünglichen Fassung gestimmt haben würden, wenn die Regierung es verlangt hätte. (Bewegung). Payer habe vei° sucht, den in Sachen des Sprachenparagraphen eingegangenen Kompromiß zu verteidigen. Das sei aber eine vergebliche Liebesmüh gewesen. — Reichsiagsabgeordneter Dr. Wiemer (Berlin) verteidigte dem gegenüber die Haltung der Fraklionsgemeinschaft. — Reichstagsabgeordneter Konrad Haußmann mahnte ziir Einigkeit. Alan solle mcht dem Nürnberger Beispiele der Sozialdemokraten folgen und sich in revisionistische und radikale Gruppen gegeneinander stellen. Es sprachen dann noch Venedey-Lonstanz und Jlg-Sluttgarl. Hierauf luurbeu die Resolutionen angenommen.
Zur Lage der P r l v a t b e a m t e n i n D e u t s ch l a n d referierte Professor H u m mel - Karlsruhe unter Vorlegung folgender Leitsätze: „1) Für alle Privatbeamten ist die völlige Sonntagsruhe durchziimhren. 2) Eine gesetzliche Regelung der Kontorarbeit ist erwünscht. 3) Für die technischen Privatbeamten aller Gehalts- klassen ist eme gesetzliche Regelung der Kontorarbeit erwünscht. 4) Vereinbarungen, wonach ein Privatbeamter zeitlich an der Ausübung seines Berufes verhindert werden soll, sollen nichtig fern. 5) StüHueniioiialllvaien sollen die Höhe des halben Jahresgehalts nicht übersteigen und die Geltendmachung weiterer Schadensersatz- ansprüche ausschließen. 6) Erfindungen von Angestellten gehören
dem Geschäftsherrn, soweit sie zur Tätigkeit und zum Arbeitsgebiet des Angestellten gehören, soweit eine Vergütung stattfindet und nicht durch Vertrag anderes bestimmt ist. Ter Erfinder hat ein klagbares Recht darauf, daß sein Name in der Annieldung und in der Patentschrift genannt wird. Abmachungen, nach denen der Geschäftsherr auch Erfindungen beansprucht, die nicht zum Arbeitsgebiet des Erfinders gehören, sollen nichtig sein." Es wurden schließlich drei Resolutionen angenommen, in denen die Reichstagsabgeordneten der Partei ersticht werden, im Reichstage dahin zu wirken, daß baldigst eine Alters-, Jnvaliditäts- und Hinterbliebenen-Versicherimg der Privatbeamten emgesührt werde, und daß das Koalnionsrecht der Privatbeamten gegen Uebcrgriffe der Unternehmer sichergestellt wird. Ferner sollen Öffentliche Arbeiten nur an solche Unternehmer vergeben werden, die das Koalitionsrechl der Privatbeamten respektieren.
Ter nächste Parteitag, auf dessen Tagesordnung die Handwerkerfrage gesetzt werden soll, findet, im Jahre 1909 in Baden statt.
2\. Generalversammlung der Evangelischen Sünder.
Braunschweig, 5. Okt.
Neben nichtöffentlichen Vorstandssitzungen fand am Montag unter sehr reger Beteiligung die erste Mitgliederversammlung unter Vorsitz des ersten Vorsitzenden v. Leßel statt. Der geschäftsführende Vorsitzende des Gesamibundes Reichstagsabgeord- ncter Everling sprach zur Jahresarbeit undzurZcit- l a g e. Man kann den Blockreichstag den Reichstag des konfessionellen Friedens nennen. Freilich, das Zentrn.m sammelt jetzt Straft, um sich um so besser zu behaupten. Es beunrul-igt mit Fleiß den katholischen Volksteil durch das Külturkamvfgespenst. Die Lüge vom Katholike.ihaß, von dem wir uns alle frei missen (lebhaftes sehr richtig), lvird verbreitet. Das neueste und schrillste Signal zum rücksichtslosen konfessionellen Kampf aber ist die Kriegserklärung (lebhaftes sehr richtig) gegen evangelischen Konfirmandenunterricht. Ein führendes Zentrumsblatt hat „von frevelhaftem Unfug" im Konfirmandenunterricht zu reden gewagt. In Graudenz chat sich der Bund als ein Prophet erwiesen, ccks er vor dem Bündnis mit dem Zentrum warnte. Das „Bollwerk gegen den Umsturz" wurde bei der Reichstagswahl 1907 zu einer Rettungsanstalt für den dritten Teil aller Reichstagsmandate der Umsturzpartei. Und noch vor wenigen Wochen hat im Wahlkreis Speier-Ludwigshafen vor dem Siegeszug der Ballonmütze der Krummstab sich verständnisvoll gesenkt. Ein christlicher Block in Luthers Land setzt voraus rückhaltlose Anerkennung der evang. Kirche, Auflösung der katholisch-konfessionellen Zentrumspartei und Ersetzung des politisch-konfessionellen Machtkampfes burd) den geistigen Wettkampf! Der geschäftsführende Vorsitzende entwarf nun ein fesselndes Bild von der int verflossenen Jahr geleisteter» Bundesarbeit.
Nach dem Jahresbericht hat der Bund jetzt 370 000 Mitglieder, das sind rund 1 Proz. der evangelischen Einwohner.
Am Abend fanden dann ^wei von evangelischen Männern und (j-rauen zahlreich besuchte Volksversammlungen statt, die im Zeichen deutsch-evangelischer Aufgaben in der Heimat standen. Pfarrer K r ö b e r - Waldheim sprach unter Zugrundelegung des Kampfes zwischen Papst und Modernismus über! „Ueberzeugung, nicht Untcrtoerfun g". Er nannte die - innerlichste, darum erste deutsch-evangelische Aufgabe, angesichts der Heldengestalt Luthers: Ueberzeugungstreite. Sie und nicht die Unterwerfung, wie sie Rom überall uno immer fordert, zuletzt erst wieder von deutschen katholischen Professoren, fei einer der Eckpfeiler unserer modernen Kultur geworden, von Galiei bis Zeppelin. (Lebhafter Beifall!)
Darauf folgte eine Rede des Fabrikbesitzers Dr. jur. Konrads Niethammer (Waldheim in Sachsen) über das Thema: Einigung, nicht Zersplitterung. „Weg mit allen Meinungsverschiedenheiten, gegenüber dem gemeinsamen Gegner, der zum Sturm vorgeht", rief der Redner unter lebhafter Zustimmung der Versammlung aus.
In der zweiten Volksversammlung im „Saalbau" behandelte Stadtpfarrer Finkescher (Fürth) das Thema „W e h r p f l i ch t nicht Abrüstun g". „Im klerikalen Musterländle" in Bayern! steht das Zentrum in Reinkultur vor uns. Großmächten gegenüber wie dem Ultramontanismus ist Vorsicht geboten, auch wenn sie selbst in den Rus einstimmen: „Die Waffen nieder". (Lebh. Beifall. Sehr richtig.) Und das erst recht, feit Enzyklika und Syllabus das Licht freier sich gestaltender Wissenschaft unter den Scheffel des heiligen Thomas verbannt haben.
Zu zweit sprach Hauptpastor D. Dr. Rode (Hamburg) über. „Friedensstreben nicht Friede ns re de n". Er stellte! die Friedensreden auf dem Düsseldorfer Katholikentage den Tat- sack)en gegenüber, die von so gar keinem Friedensstreben, gezeugt haben. Insbesondere habe man dort wieder den Thron Petri über alle Throne der Welt erhoben, habe die Aushebung des Jesuitengesetzes gefordert und den sog. Toleranzantrag wieder hervorgezogen, dessen Annahme ein Freibrief für die katholische Intoleranz wäre. Demgegenüber, schloß der Redner unter allgemeinem Beifall, habe der Bund alle Evangelischen zu sammeln, die einen dauernden Frieden und feinen Scheinfrieden wollen.
Auf das Huldigungstelegramm der Generalversammlung des Evangelischen Bundes an den Kaiser ist folgendes Antworttelegramm eingelaufen: „Der Kaiser und .König haben den Huldigungsgruß der Abgeordneten des Evangelischen Bundes gern entgegengenommen und lassen bestens danken. Auf allerhöchste« Befehl der Gel-eime Knbinettsrat in Vertretung, v. Berg."
Ver verband der oberhefsischen Erzictzungroereine.
Am 2. Oktober mittags 3 Uhr hielt dieser Verband seine 7. Jahresversammlung in Gießen ab. Die Vereine waren vollzählig durch ihre Geschäftsführer vertreten, ebenso sämtliche oderhessischen Kreisämter durch ihre: Ressortreserenten, das Kreisamt Friedberg durch den Geschäftsführer seines Mathildenstiftes. Von den Kirchen- behörden nahmen Superintendent D. Petersen und Dekan Wagner-Grünberg, von der Staatsanwaltschaft und der Bürgermeisterei Gießen je zwei Herren, ferner Vormundschaftsrichter Dr. Lehr und einige Gäste teil. Nach kurzer Begrüßung verteilte der Vorsitzende, Pfarrer R ö s ch e n zu Freienseen, hektographierte Zusammenstellungen über den Bestand der Pfleglinge, nach Dekanaten rubrikenweise geordnet, und erstattete den Jahresbericht. Wiederum hat die Zahl der Pfleglinge zugenommen, mehr als in einem der letzten Jahre, um 68, und beträgt 646, in der Hauptsache Zwangszöglinge, doch ist auch die Zahl der in freiwilliger Fürsorge Befindlichen, 178, bedeutend; gering ist die Zahl der Waisen und noch geringer, leider, die der entlassenen Strafgefangenen. Annähernd die Hälfte aller Zöglinge ist noch oder noch nicht schulpflichtig,'317. Von den Schulpflichtigen steht die größere Hälfte in Dienstbotenstellung, die kleinere im Handwerk. Im Laufe des JahreI waren 49 Kinder abgegangen, 117 hinzugekommen; lu> sonders erfreulich war der große Zuwachs der in schul- pflichtigem. .Alter Aufgenommenen^ denn .es. ijt von be-,


