Erstes Blatt
Samstag 8. August 1908
Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten.
158. Jahrgang
Die Gemeinde aber ehrt durch ihre Erhaltung die wackeren Vorfahren, die den Stolz und die Freude über die frisch erkämpfte: kirchliche Selbständigkeit dadurch am würdigsten zu bekunden glaubten, das; sie, nach der Väter Weise und doch im Geiste ihrer. Zeit, ihr Gotteshaus nach besten Kräften schmückten.
Sauer.
Darstellungen des jüngsten Gerichtes gilt: Der Weltenrichter ist hier, weil der Bogen die Mitte ganz in Anspruch nahm, nach rechts gerückt, im übrigen aber ist die symmetrische Aufreihung der Figuren nach alter Weise durchgeführt. Ein später Nachklang mittelalterlicher Kunst.
Zur Datierung dieser Malereien Helsen zunächst die Orna- mentsormen, die gut und ganz in entwickelten Renaissanceformen gemalte Quaderung des Bogens, das Band- und Bollwerk über den Stichbögen der Fenster, das ganz ähnlich behandelte Rahmenwerk einer Grabplatte rechts vom Bogen, alles Formen, die nicht vor der Mitte des 16. Jahrhunderts entstanden sind. Tie Grabplatte nennt einen Dix Borck und rühmt seine Verdienste um die Einrichtung der Pfarrei Leihgestern; die Zahl 74 scheint dabei nicht sein Lebensalter anzugeben, sondern Jahreszahl zu sein. In der Tat stimmen dazu die Zeitverhältnisse: 1574 bekommt Leihgestern, das bis dahin von der Komthurei Schiffen- berg abhängig gewesen war, seine, eigene Pfarrei. Es ist höchst ehrenvoll für die Gemeinde, daß sie zur Verherrlichung der neu errungenen Selbständigkeit nun auch dem alten Gotteshaus, das aus einem romanischen Langhaus und dem wuchtigen gotischen Turm sich zusammenseyte, einen neuen Schmuck verlieh. Und das zu einer Zeit, wo derartige Ausgaben sehr zurücktreten, die mittelalterliche, „katholische" Tradition begreiflicherweise ziemlich abgerissen ist.
Als 1692 die flache Decke des romanischen Langhauses durch das bis 1906 erhaltene Holzgewölbe ersetzt wurde, empfand man die Bilder als altmodisch und offenbar viel zu katholisch, mnn übertünchte sie also und setzte höher hinauf in den großen Schildbogen die Kreuzgruppe. Als noch später die Orgelempore hierher versetzt wurde, mußten auch die Kunstwerke des Weißbinders Debes wieder verschwinden.
Daß jetzt die Gemälde der Renaissancezeit wieder hervorgeholt, gesichert, aufgefrischt und mit .Vorsicht ergänzt worden sind, ist mit großer Freude zu begrüßen und als ein Erfolg Oer nicht immer gerecht beurteilten Denkmalspflege mit Genugtuung zu verzeichnen. Mag mancher dem biederen Leihgesterner zustimmen, der nicht einsehen wollte, wozu man die „alten Heiden" da an den Kirchenwänden erhalten wolle, die meisten werden ihre Freude daran haben. Dem erfahrenen Maler Velte aus Frankfurt, der an den Frau-Rombacher und Hungener Malereien sich schon vortrefflich bewährt hat, ist es gelungen, die alten Reste dem neuen Raum nach seiner Dekoration anzupassen, ohne zuviel Modernes und Eigenes hinzuzutun; daß er dann die weniger ganz zerstörten Gesichter, um nicht leere Flecken stehen zu lassen, ungefähr in dem Stil der übrigen zu ergänzen suchte, wird man billigen. Den großen leeren Raum des Schildbogens über dem Triumphbogen uns dem Frontgemälde hat er mit demselben Laubwerk umrahmt, in dem unten die Figuren erscheinen; an die Stelle der Kreuzgruppe und der Jnsäwift des 17. Jahrhunderts, die wirklich nicht erhalten zu werden verdienten, trat ein einfaches Kreuz und ein schön geschriebener Spruch.
Tie Leihgesterner Kirche, an dec schon die originelle und glüäliche Lösung eines schwierigen Lauproblems hohes Interesse beansprucht, hat mir diesen geretteten Malereien des 16. Jahrhunderts eine weitere ganz eigenartige Sehenswürdigkeit gewonnen.
Nr. 185
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Anzeiger (Sieben.
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Die Wandgemälde der ttirche zu Leihgestern.
Tie letzten Jahre haben nicht wenige Reste von alten Wandgemälden in oberhessischen Kirchen ans Licht gebracht. Frau- irombaa- bei Schlitz ist stolz auf seinen dem 14. Jahrhundert entstammenden Bilderzyklus vom heiligen Heraklius, in der Kapelle des Grünberger Antoniierhauses fanden sich, jetzt freilich nur un Verborgenen weüerlebend, kolossale Heiligenbilder, andere, Aderwiegend ornamentale Wand- und Gewölbemalereien wurden ■in Friedberg, Hochweisel, Hungen aufgedeckt. Diesen Kirchen ueihte sich vor zwei Jahren unerwartet die Leihgesterner an. 'm der Westwand des Turmes, von dem der Orkan daS Langhans 2veggerissen hatte, wurden über dem spitzen „Triumphbogen" Male- aeien sichtbar, die freilich ohne Kunstwert, aber für die Lau- zeschichte des Gotteshauses nicht unwichtig waren. Zwei schwebende <rngel hielten da einen herzförmigen Schild, der in goldenen Buchstaben auf schieferblassem Grund eine Inschrift aufwies, die ton neuer Wölbung und sonstiger Erneuerung der Kirche ün Jahre 1692 unter Pfarrer I. H. Heel berichtete. Darüber cr- loben sich aus Wolken drei Kreuze, das mittlere, das des Heilands, allerdings nur in seinem oberen Teile sichtbar, denn die spätgotische Tür die hier in den Turm führte, nahm den ganzen Raum Ton jenem Jnschriftschild bis hinauf zum Querarm des Kreuzes «in; offenbar hatte man sie damals vermauert und verputzt, rud als man sie später wieder öffnete, mußte man das mittlere Jtreuj opfern. Der Verlust läßt sich verschmerzen; die Malerei ist stümperhaft und wird von keinem Künstler, sondern einem '-nternehmenden Weißbinder herrühren, wahrscheinlich^ von dem Gießener Debes, den die Kirchenbaurechnung 1691—1696 nennt.
Nachdem man einmal auf Spuren von Malerei aufmerksam geworden, war es ein Leichtes, in dem jetzt so tageshellen Chor ähnliche zu bemerken, deren Aufdeckung schon eher lohnte, -liefe Gemälde an den Wänden der „Turmkapelle", an den Laibungen des spitzen Triumphbogens und au der Weitwand des Turmes unterhalb jener Inschrift und Kreuzgruppe sind es, die vor einigen Nochen in diesem Blatt bereits eine sachkundige Besprechung erfahren haben. Auch sie sind von keinem eigentlichen Künstler, jmd weder korrekt in der Zeichnung noch irgendwie besonders gehaltvoll, und doch sind sie, rein dekorativ, wie sie sich geben, etn erfreulicher Schmuck des Altarraumes, lieber einer ein fachen gelbe Grnundlinie, die stellenweise — ähnlich wie so oft spätgotische Nippen und Maßwerke — durch kleine Astansätze einen naturalistischen Sinn bekommt, stehen in reirfjem grünen, roten, violett- grauen Rankenwerk auf breiten, grünen Blättern, die freilich jdtfamc Standflächen abgeben, die Gestalten der Apostel, aus- gestattet mit ihren gewohnten Attributen und durch Inschriften Äi Antiqua bezeichnet: Petrus und Andreas, dessen schiefes Streui wie aus dünnen Latten gemacht scheint, an der Ostwand, Jakobus „Der Gros" als Pilger und Johannes im Süden, Thomas und Matthäus im Norden, Philippus in der südlichen, Bartholomäus ii der nördlichen Laibung des Triumphbogens, rechts von bieiem reben dem Heiland selbst Jakobus der Jüngere, links eine einzelne, ja ft ganz zerstörte Figur, der auch die Inschrift jetzt fehlt, entweder Simon oder Judas Thaddäus. Das ist also, den Raurn- lerhältnissen angepaßt, die typische Zusammenstellung der heiligen Gestaden, wie sie im Mittelalter und darüber hinaus für die
politische Wochenschau.
Gießen, 8. August 1908.
Ein Name war in diesen Tagen auf aller Lippen, der Name des schwäbischen Grafen, dessen Luftschiff in kühnem Fluge sich die Herrschaft des Luftmeeres ertrotzen zu wollen schien. Was Jahrtausende hindurch ein schöner Traum der Menschheit geblieben war, hier schien es Ereignis und Wahr heit werden zu wollen. Nach Jahren rastlofer Arbeit, nach unsagbaren Opfern, nach zahllosen Mißerfolgen hat der Graf Zeppelin ein Luftschiff gebaut, das endlich tauglich erschien, seinen Zweck zu erfüllen. Eine ungeheure Erregung bemächtigte sich aller, als es am 4. August bekannt wurde, daß dieses Zeppelinsche Luftschiff seine erste große Fahrt angetreten und auch sein nächstes Ziel, Mainz, nach einem unbedeutenden kleinen Unfall erreicht hatte. Ta gab es wohl kaum einen Menschen, der nicht laut oder still dem Grafen glückliche Heimkehr von dieser Fahrt gewünscht hätte. Alles andere Interesse schwieg für den Augenblick, und man hörte überall nur die eine Frage: Ist Zeppelin in Friedrichshafen wieder glücklich angelangt? Leider nein. Ein neues großes Mißgeschick zwang den Grafen, auf der letzten kurzen Strecke seiner Fahrt abermals niederzugehen, und seine .Hoffnung, Den an sich bedeutungslosen Schoden in Stürze beseitigen zu können, hat nun ein tückisches Geschick jählings vereitelt. Der Ballon ist vernichtet und der materielle Schaden ist sehr groß, aber der eine Trost ist dem Grafen Zeppelin und allen, die an seiner stolzen Forscherfahrt Anteil genommen haben, geblieben; das ist der Trost, daß dieses Luftschiff doch auf alle Fälle den Belveis seiner Tauglichkeit geliefert hat. Der Unfall, der dieses Luftschiff betroffen hat, unterscheidet sich in nichts von den Unfällen, die jedes andere Fahrzeug treffen kann. Vor seinem Untergange ist kein Dampfer, kein Eisenbahnzug, kein Automobil sicher, wieviel mehr gilt das von einem neuen Luftfahrzeuge, bei dem die Erfahrung fehlt, die den Menschen erst in den Stand setzt, sich gegen die vielen Unfallsmöglrchkeiten zu schützen. Das Problem der Luftschiffahrt ist praktisch gelöst und der 4. August dieses Jahres bedeutet einen neuen, vielleicht den wichtigsten Merkstein in der Menschheitsgeschichte der letzten Zausend Jahre. Dieses erste stolze Luftschiff ist zwar vernichtet, aber man wird neue seiner Art bauen und dabei die bisherigen Erfahrungen noch besser verwerten können. Die Sympathie und das Interesse der Nation sind bei dem Erfinder, und so fehlt es denn jetzt auch nicht mehr an üpfersreudigkeit. Wir beklagen den vorzeitigen Untergang dieses Schiffes wie ein nationales Unglück, aber die frohe Gewißheit, daß die Erfindung selbst sich bewährt hat, die hebt uns ivieder freudig empor. Ein Deutscher ist es gewesen, der zum ersten Male in langer mutiger Fahrt das Lustmeer durchkreuzt hat, und das deutsche Volk kann und darf diesen Erfinder nicht verlassen, der ihm in idealer und materieller Hinsicht einen so großen Vorsprung vor allen andern Völkern gegeben und der Menschheit neue, unausgedachte Perspektiven gezeigt hat. Der Opfersinn des beut»
Norderney eingeladen haben. Diese Heimlichkeit, mit der die wichtigste Frage unserer inneren Politik jetzt wieder behandelt wird, wirkt nicht gerade sympathisch. Man itfeiß, baß es sich um Hunberte von Millionen aus ben Taschen der Steuerzahler hanbelt, da sollte und mußte der Seffent- lichkeit so zeitig wie möglich Gelegenheit gegeben iverben, bie einzelnen Steuerprojekte kennen zu lernen. Man liebt es anscheinenb, bas beutsche Volk immer wieder vor plötzliche, überraschende Tatsachen zu stellen, so daß es bann nicht mehr imstanbe ist, mitzuentscheiben. Die Erfahrungen, bie man bei ber letzten sogenannten Finanzreform mit bieserf Taktik gemacht hat, sind keineswegs besonbers heilsam gewesen. Volksabstimmungen über wichtige Gesetzesvorlagen, wie sie beispielsiveise bie Schweiz hat, haben wir^ja leib er nicht. Da sollte man gerechterweise wichtige Gefetzcsvor- lagen bei uns boch wenigstens so zeitig bekannt werben lassen, baß bie Abgeorbneten bie Möglichkeit haben, sie mit ihren Wählern zu besprechen. Unsere Reichstagsabgeorb- neten mögen noch so tüchtige Männer sein, aber von Berlin aus können sie boch schwerlich in allen Fällen bie Stimmung unb bie Wünsche ihrer Wählerschaft bis ins Einzelne richtig beurteilen. E. A.
Deutsche» Reich.
Der Kaiser unb bie Kaiserin reiften gestern mit Gefolge unter ben begeisterten Zurufen ber Volksmenge um 2.15 Uhr in beni Hofzuge von Swinemünbe ab unb traf abenbs um 6.15 Uhr in Berlin ein.
Der beutsche Botschafter in Paris ist vom. Reichskanzler beauftragt worben, ber französischen Regierung für bie Hilfeleistung ber französischen Solbaten beim Branbe in ber beutschen Ge- sanbtschaftswache zu Peking ben wärmsten Dank bes Kaisers auszusprechen.
Der „Reichs anzeig er" veröffentlicht einen allerhöchsten Erlaß, wonach denjenigen, die zurzeit den Titel K a n z l e i r a t ober Geheimer Kanzleirat führen — mit Ausnahme der Kanzleivorsteher der Zentratbehörben und ber Geheimen Kanzleisekretäre biefer Behörben bet Charakter als Rechnungsrat oberGeheimerRech- n u n g s r a t beigelegt wirb.
Die Ursache des Einsturzes ber Kölner Eisenbahnbrücke. In einer allgemeinen Bauarbeiterversammlung würbe von bem Arbeitersekretär Bartels über bie Ursache bes Kölner Eisenbahnbrückeneinsturzes Bericht erstattet. Die an dem Brückenbau beschäftigten Arbeitet erklären .auf Grund eingehender Feststellungen, daß die! Bauverwaltung die Schuld an dem Einsturz treffe. Auch die Eisenbahnverwaltung habe es an ber nötigen Kontrolle, fehlen lassen. Ein auf ber Brücke aufgestellter schiverey eiserner Krahn konnte burch zivei Mann fortbewegt werben, als sich plötzlich eine Senkung ber Brücke bemerkbar machte., Jnfolgebessen neigte sich ber Krahn nach ber Seite unb könnt« nur burch Zuhilfenahme weiterer Arbeitskräfte fortbewegt werben. Diese Beobachtung wollen Arbeiter vor ber Katastrophe gemacht unb bie Bauleiter rechtzeitig bavon verständigt haben.
— Das Ende ber großen dänischen Grönland-; Expedition. Mylms Erichsen, der jugendliche Leiter ber; Grönland-Expedition, ist, wie wir bereits gestern kurz melbcten,[ mit zwei Teilnehmern auf dem Grönlandeise gestorben. So hatJ die Expedition ein tief zu bedauerndes Ende genommen. ErichsenÄ Tod erinnert an daS vor nicht langer Zeit erfolgte Ende deÄ Führers der deutschen Island-Expedition, Dr. v. Knebels, der gleichfalls ein Opfer ber Wissenschaft würbe. Die Expedition,! die sich zur besonderen Aufgabe gemacht hatte, Nordost-Grönland' zu durchforschen, brach am 24. Juni 1906 von Kopenhagen auf dem Expeditionsschiff „Tanmark" auf. Sie bestand aus 26 Teilnehmern und hatte sich für eine mindestens zweijährige Forschungsreise ausgerüstet. Sie nahm mehrere Ueberwintcrungs- zelte und drei Motorboote mit. Die Erichsensche Expedition, die größte, die Dänemark je ausgerüstet hat, war auch die erste, die die modernsten Hilfsmittel der Technik in ihren Dienst stellte.; So führte sie ein Automobil mit, das auf der flachen grönländischen! Fjordis gute Dienste leisten konnte, und versah sie mit Einrichtungen für drahtlose Telegraphie, die bis auf die Entfernung von 200 Kilometer wirken tonnten. Erichsen war eigentlich Schriftsteller.. Doch schon im Jahre 1902 hatte er eine Expedition nach Grönland geführt. Diese war damals von privater Seite ausgerüstet worden, und der Maler Graf Harald Moltke batte sich ihr! angeschlossen, um Bilder aus dem Leben der Grönländer zu malen.
— Kleine Kunstchronik. Zum Intendanten des Hos- theaters in K o b u r g und Gotha ist der Hauptmann im 1. Sce- bataillon und Adjutant beim Kommando der Marinestation ber Ostsee Freiherr o. Meyern-Hohenberg ausersehen. Er ist aus dem 1. Badischen Leib-Gren.-Regt. Nr. 109 hervorgegangen, dem auch die Intendanten zu Putlitz (Stuttgart), von Radetzky- Mikulicz (Oldenburg) und von Vignau (Weimar) angehörten.! Freiherr von Meyern hat sich in Karlsruhe als Dichter, Komponist und Leiter von Tbeaterausführungen bewährt und ist der Verfasser bes Festspiels „Aus Veste froburg", bas seinerzeit beim Einzüge! des jetzigen Herzogs in Koburg aufgeführt wurde. Mit Dem! Hauptmann v. Meyern ist die Zahl der deutschen Theaterinten» bauten, bie früher dem Offizierstande angehörten, auf 13 gestiegen. — Der „Franks. Ztg." wird aus Teheran gemeldet, daß Rudolf Zabel, der im April von Frankfurt aus im Automobil eine Reise nach Persien angetreten hat, am 23. Juli dort angekommen ist. Zabel reift bekanntlich mit seiner Frau und einem Maler sowie seinem Chauffeur. Er will Don’ Teheran über Jsphahan nach Schiras und Buschir. Es scheint aber ausgeschlossen, im Automobil auch nur bis Schiras, geschweige nach Buschir zu kommen. Tie „Leipz. Jllustr.-Ztg." brachte neulich aus dem Kaukasus interessantes Bildermaterial von dieser wunber-i (amen Reise. ' '1
Bezug Spret-r monatlich 75 Pf., viertel- letzener Anzeigers General-Anzeiger für Oberhesfen MM
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Rototionsörud und Verlag der vrühl'schen Univ.-Vuch- vnd Zteindruckeret. R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchulstrahe 7. Smeigcnieü6;6:$>.uVcct>
scheu Volkes bat sich diesgO Mal denn auch in kaum geahntem Maße bewährt. Mit besonderen Stolz und besonderer Freude hören wir unter der Zahl der opferfreudigen Geber für die Zeppelinsche Sache als eine der ersten Städte Gie- Ben nennen. Die Bürgerschaft unserer Stadt hat mit der Bewilligung einer für Gießener Verhältnisse großen Summe aufs neue bewiesen, daß es ihr in unserer materialistischen Zett nicht an Sinn und Verständnis für ideale Forderungen fehlt.
Mit besonderer Genugtuung darf ferner verzeichnet werden, daß auch der Kaiser unb bie übrigen beutschen Bun- besfürsten bes Erfolgs unb bes Mißgeschicks bes- Grasen Zeppelin in warmen Worten gebacht haben. Selbst im Aus- lanb regt sich bie Teilnahme für Zeppelin unb sein Werk, unb wenn sich bort auch vereinzelt Schabenfreube zeigt, so überwiegen boch im allgemeinen die Stimmen der freudigen neidlosen Bewunderung für die kühne Luftfahrt unb bie Stimmen bes BebauernS über bas vorzeitige Enbe bes stolzen Luftschiffes.
Die Zeppelinfahrt hat, wie schon oben erwähnt, in ber verflossenen Woche alles andere Interesse in ben Hintergrunb gerückt. Selbst ber schön unb harmonisch verlauefene B e - fuch unseres Kaiserpaares am Stockholmer Hose unb bie herzlichen Trinksprüche, bie bei biejer Gelegenheit zwischen ben beiben Souveränen ausgetauscht würben, sinb im ganzen wenig beachtet worben.
Währenb ber Abwesenheit bes Kaisers ist ber langjährige Ches bes Geheimzivilkabinetts bes Kaisers, Hermann v. Lucanus, gestorben. In ben Der» schiebenen Nachrufen, bie biesem Manne gewibmet würben, hat man bie wiberspruchvollsten Urteile über seine Wirksamkeit lesen können. Den einen erschien er als ber „schwarze Mann", ber nicht immer ben günstigsten Einfluß auf ben Monarchen ausgeübt habe. Die andern Beurteiler sahen in Lucanus lediglich den Ausführer ber kaiserlichen Wünsche unb Befehle. Die Wahrheit wirb wohl auch hier toieber in ber Mitte liegen: ber Kaiser ist ja bekanntlich eine viel zu felbftänbige Natur, um sich bauernb von irgenbeincr Persönlichkeit beeinflussen zu lassen. Anberseits war aber auch Lucanus trotz aller höfifchen Geschmeidigkeit nicht die geistige Null, bie sich lediglich als Werkzeug gebrauchen ließ. Einen so außerordentlich schwierigen Poften, wie den bes Chefs bes ZiviltaöinettS hätte ein inferiorer, ünfelbftänbiger Charakter icherlich nicht so lange zur Znsriebenheit bes Kaisers aus- üllen können, wie man es bei Lucanus gesehen hat. Man chreibt manche schwcrwiegenbe Fehler unserer auswärtigen Politik bem Einflufse bes Herrn v. Lucanus zu; mit welchem Recht, wirb erst einmal bie Geschichte ber Regierungszeit unseres jetzigen Kaisers tlarzustellen vermögen.
Wie jetzt verlautet, hat bie Reichsregierung eine Denkschrift über bie Reichsfinanzreform fertig- gestellt. Diese Tentschrist, die von den Bundesregierungen gutgeheißen worden sein soll, wird, — man weiß nicht recht warum — geheimgehalten unb soll nur einzelnen herkorragenben Parlamentariern zugestellt worben sein. Wie schon früher, soll ber Reichskanzler auch jetzt toieber bie sührenben Parlamentarier zu einer Besprechung nach


