Zweites Blatt
Mr* 106
Mittwoch 6. Mai 1908
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.
General-Anzeiger für Sberheffen
Mit der Stelle ist
Organistendicnst verbunden.
Die „Siebener Zamilienblätter" werden dem „Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das „Krdsblatt für den Kreis Siehcn" zweiinal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Srit« fragen*4 erscheinen monatlich zweimal.
158. Jahrgang
Rotationsdruck und Verlag der Brü HUchen UniversitatS - Buch» und Stemdruckerel.
R. Lange, Ließen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« straße 7. Expedition und Verlag: e^5L Redaktion:^kt..sldru2lnzeigerGießen.
Lehrerstelle an der Gcmeindeschule zu Harxheim. Erledigt ist die mit einem eoang. Lehrer zu besetzende Lehrerstellc an der Gemeindeschule zu Wahlheim.
vom hessischen Landtag.
^te Zweite Kammer der Lanbstände tritt voraus- 110)111(0 am 21. M a i noch einmal zu einer etwa zwei- wochentuchen Plenarberatung zusammen, womit alsdann die ge- genwartlge 3 3. Legislaturperiode ihren Abschluß findet. Die Neuwahlen für die Erneuerung der Hülste der Abgeordneten soll diesmal frühzeitig im Herbst anberaurnt wer- den. Die früher in ben leitenden Kreisen gehegte Absicht, auch noch die vorn Sonderausschuß für die Revision der Verwal- tungsgescde zum Abschluß gebrachten Gesetzentwürfe über die Städte- und die Landgemeindeordnung zu erledigen, ist jetzt entgültig aufgegeben worden, nachdem sich herausgestellt hat, daß bei der Plenarberatung über diese beiden wichtigen Vorlagen recht erhebliche Schwierigkeiten zu überwinden sein werden. Die Zweite Kammer wird sich daher in den kommenden Plenarsitzungen nur noch mit dem Gesetzentwurf über die Fürsorgekasse für die Landgemeindebeamten, der oberhessischen N«e b enb a h n v o r l a g e und einer Anzahl kleinerer Vorlagen und Vorstellungen zu beschäftigen haben.
Der Finanzausschuß der Zweiten Kammer ist am Dienstag vormittag zur Erledigung einer umfangreichen Tagesordnung zusammengetreten, die 31 Punkte umfaßte. Der Ausschuß erledigte zunächst eine Reihe fertig gestellter Berichte, so die Anträge Adelung, Dr. Osann und Damm, lieber die uom Ausschuß einstimmig genehmigte Regierungsvorlage (eine vollspurige Nebenbahn Alsfeld—Nieder-Aula mit Abzweigung nach Schlitz, Staatsbeitrag 8118 000 Mk., Nebenbahn von Griedel nach Bad Nauheim und Nebenbahn Butzbach—Ebersgöns, Stactts- beiirag 30 Prozent der wirklichen Baukosten, sowie 100 000 Mk. für Geländeerwerb) hat Abg. Molthan den Ausschußbericht verfaßt, der heute genehmigt wurde. Abgelehnt wurden die Anträge Horn, betr. eine Nebenbahn Seligenstadt-Weißkirchen, Hauck betr. die Nebenbahn Groß-Zimmern—Groß-Umstadt, der Antrag Ullmann, betr. Bahnhof Vllbel und die Vorstellung von Ebersberg, betr. Bahnhof Schämen. Weiter wurde abgelehnt der Antrag Köhler, betr. die Reform-Bildungsanstalt in Lich, die Vorstellung der seminaristisch gebildeten Seminarlehrer und die Vorstellung des Rektors Balser betr. Gehaltserhöhung, lieber die beiden Vorstellungen einer Anzahl Oberlehrer und einer Anzahl Staatsbeamten inbetreff des Besoldungsdienstalters (Referent Abg. Dr. Gutsleisch) wurde die Beschlußfassung ausgesetzt, da sich ergab, daß die Erfüllung dieser Wünsche eine jährliche Mehrausgabe von 103 000 Mk. erfordern würde. Abg. Dr. Osann legte schließlich noch seinen Bericht, betr. die Fürsorgekasse für die Beamten der Landgemeinden und Kommunalverbände vor. Die Verlesung und Feststellung des 35 Druckseiten umfassenden Berichts soll am Mittwoch stattfinden. Ferner soll in dieser Sitzung auch eine gemeinsame Besprechung mit der Regierung über die Vorstellung der Steueraufseher in- betreff ihrer Gehaltserhöhung abgehalten werden.
Aus Statt und Land.
Gießen, 6. Mai 1908.
Das Wesen und der Schutz der Ehre.
In der am Montag in Mainz ab gehaltenen Hauptversammlung der Landesgruppe Hessen der Deutschen Anti-Duelliga, in der u. a. nach dem M. I. auch mitgeteilt wurde, daß für die Studierenden der Landesuniversität demnächst ein Ehrenschieds- amt eingerichtet werden solle, hielt Professor Dr. Mit ter - maier-Gießen einen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag über „Tas Wesen und den Schutz der Ehre". Tie Ehre bildet die Grundlage unseres gesellschaftlichen Lebens, lieber ihr Wesen befteijt vielfach eine eigentümliche Unklarheit. Wir Deutsche tragen in besonderem Matze eine Empfindlichkeit für unsere Ehre zur Schau im Gegensatz zum^Englünder, dein gleichwohl seine Ehre etwas Heiliges ist. Der Staatsrechtslehrer Binding hat mit Recht gesagt, daß diese allzugroße Empfindlichkeit ein Zeichen der Schwäche ist. Der Deutsche betont zu viel seine Standesehre, und doch har fein Stand gegenüber dem andern eine besondere Ehre. In dieser Hinsicht ist es eine recht dankenswerte Ausgabe der Liga, daß sie alle Stände des Volkes umfaßt. Die Ehre beruht auf dem inneren Wert des Menschen und ist nicht abhängig von dem Urteil des Nächsten. Sie ist Eigentum aller Menschen und begründet auf der Menschenwürde. Der innere Mert des Menschen beruht aber auf der Erfüllung seiner sozialen Pflichten: daher ist die Ehre eines einfachen Arbeiters oft höher iu bewerten, als die eines sozial Hochstehenden, an den man um so größere Anforderungen stellt, je höher seine soziale Stellung ist. Die Ehre beruht auch nichr auf den körperlichen oder geistigen Äirzügcn des Menschen, ebensowenig wie auf einzelne Leistlingen oder der Zugehörigkeit zu irgend einem Stand. Wenn wir die Ehrenhaftigkeit eines Mensck)en anzweifeln, so hat nicht der Angegriffene für sie Beweise zu liefern, sondern wir müssen das Gegenteil beweisen. Unsere Ehre kann uns der Verleumder nicht rauben; wir haben sie nur gegen uns selbst zu schützen. Diese Ueberzeugung schafft dem Menschen eine starke Position gegenüber den offenen und versteckten Angriffen auf seinen guten Namen. Tas äußere Ansehen kann allerdings durch Mißachtung, leiben; diese Erfahrung bildet aber zugleich für uns den Prüfstein für unsere innere Ehre. Unsere Strafrechtslehre leidet darunter, daß oft unbedeutende Anrempelungen als Beleidigungen aufgefatzt imd verfolgt werben. Durch eine gerichtliche Bestrafung eines Beleidigers kann unsere Ehre nicht hergestellt werden; schon ein Blick der Verachtung bei der Verkündigung des Urteils aus der Miene des Beleidigers kann uns aufs neue tief verletzen. Gegen die Angriffe auf unsere Ehre können wir uns zunächst durch Vorsicht im gesellschaftlichen Leben schützen. Bor allem sollen wir aber nicht zu empfindlich sein und namentlich im öffentlichen Leben nicht jeden gegen uns gerichteten Angriff zu tragisch nehmen. Ter Beleidiger wird oft durch Mite und Verachtung mehr gestraft, als durch eine gerichtliche Klage. Seien wir nicht zu nervös. Schenken wir auch verleumderischen Mitteilungen über unsere Nächsten nicht ein williges Ohr. Tie Ein'etzung von Ehrengerichten wirkt vorteilhaft, aber sie sollen allen ständen und Nicht nur einzelnen Berufsklassen dienen. Ter Schöffengerichte tonnen wir gleichwohl zur Ahndung der Beleidigungen nicht entehren. Gerade der einfache Mann aus dem Volte gibt als Schösse ment ein gutes und gesundes Urteil ab. Nicht ber äußere Glanz 0100)1 ben wahren Wert des Menschen aus: der sittliche innere Wert ist die Hauptsache. Ties mag uns trösten, wenn wir ost zu Lcb- zeiten keine Anerkennung bei unfern Mumensck-en Tmbcn. .-Vic Ehre manches Menschen gelangt in ben Augen seiner Mitmenschen oft erst nach seinem Tob zur Anerkennung.
L.ü. Landesuniversität. Dem Dr. phil. Hans Freiherr von Liebig aus Dinkelsbühl, einem Enkel des großen Chemikers, wurde am 2. d. Mts. bic venia legenai bei der philosophischen Fakultät der Landesuniversitat für das Fach der Chemie erteilt. Seine Habilitationsschrift trägt den Titel „Studien in der Tritanreihe".
* * Le hre rpersonalten. Ucbertragcn wurde beni Lehrer Phil. Balz zu Bubeiiheim eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Weiterstadt; dein Lehrer H. Köhler zu Nierstein unter Zurücknahme des Dekrets für Weiterstadt eine
• • Steuern mtspersonalien. S. K. H. der Großherzog haben den NegierungSasscssor Aug. Löffler aus Gleimenhain zum Steuerkontrolleur und den Finanzaspiranten Karl H o f nu3 Darmstadt znm Hauptsteueramtsassistenten bei dem Hauptsteueramt Darmstadt ernannt.
’* Verpflichtung zum Besuch der Fortbildung^, schul e. Es ist nicht allgemein bekannt, daß zur Befreiung vom Besuch der obligatorischen Fortbildungsschule die Absolvierung der Obertertia eines Gymnasiums, Realgymnasiums, einer Ober-Realschule oder höherer Bürgerschule als Bedingung gesetzlich verlangt wird. Schüler, die also aus einer unteren Klasse austreten, sind zum Besuch der obligatorischen Fortbildungsschule verpflichtet. Achnlich verhält es sich mit Schülern, die erst mit der Konfirmation das Ziel der Quinta einer höheren Lehranstalt erreicht haben. Falls sie au8 der Anstalt austreten, müssen sie noch ein Jahr weiter die Volks- schule ober eine andere Lehranstalt besuchen.
* * Gießener V o l k s b a d. Im April wurden 7680 Bäbcc verabreicht gegen 8041 uu Marz 1908 und 8613 im April 1907 ober im Durchschnitt täglich 256 Bäder gegen 259 im 'März 1908 und 287 int April 1907. Der Besuch im einzelnen Hai sich wie folgt verteilt:
Schwimmbad: 3897 Männer, darunter 749 zu 10 Pfg., M 743 Frauen, „ 200 „ 10 „
Wannenbäder 1. Klasse 243 Männer, 107 Frauen,
„ 2. „ 691 „ 506 ,
Dampf- u. Heißlustbäder, sowie Massage zuf. 166 Männer, 29 Frauen. Brausebäder 1. Klasse 838 Männer, 127 Frauen,
„ 2. „ 1173 „ 170
Die Persouenwage wurde von 180 Personen benutzt und das Bad von 6 Personen besichtigt.
** Leistungsstationen für Hühner. Im vergangenen Herbste hat der LandmirtschaftSkammer-Ausschuß für Oberhessen in jedem Kreise eine Leistungszuchtstation für Hühner eingerichtet, um in diesen Hochzuchten den Landwirten und Geflügelzüchtern bequeme Bezugsquellen für Bruteier zu schaffen. Die dort gehaltenen Rassen sind rebhuhirsarbige Italiener, schwarze Minorka und weiße Wycmdottcs, die unter günstigen Verhältnissen gehalten und durch Gebrauch von Fallnestern auf erhöhte Legefähigkeit gezüchtet loerben. Um die Verbreitung guter Nutzhühner zu erleichtern, ist der Preis für das Brutei auf nur 12 Pfg. gesetzt worden, sodaß es jedermann für billiges Geld möglich ist, sich in den Besitz besten Zuchtmaterials zu setzen. Da Frühbruten anerkanntermaßen wesentliche Vorteile gegenüber Spätbruten besitzen und auf die Anwendung der ersteren besonders eingewirkt werden soll, hat der LandwirtschaftSkammer-AuSschuß die Bestimmung getroffen, daß der den Stationsinhabern gewährte Bruteierzuschuß vom 1. Juni ab, in Wegfall kommt, und diesen das Recht zusteht, von genanntem Tage ab, den Preis für das Ei auf 20 Pfg. zu erhöhen. Zur Ausnutzung der nur noch kurzen Zett gewährten Vergünstigung dürfte eS deshalb im Interesse der Geflügelzüchter gelegen fein, Be- stellungen von Bruteieru beim Landwirtschaftskammer-Ausschuß in Alsfeld ober bei den Stationsinhabern baldigst vor- zunehmen. Bemerkt sei noch, daß in der letzten Sitzung des Ausschusses die Vermehrung der bestehenden Geflügelzuchtstationen um 6 genehmigt worden ist, sodaß in jedem Kreise zwei Stationen unterhalten werden.
** Der ©banget Arbeiterverein hielt am letzten Sonntag im Saale der Herberge zur Heimat eine Vierteljahrs- Versammlung ab. Der Vorsitzende Oberbibliothekar Dr. Heuser erstattete Bericht über die Tätigkeit des Vereins im abgelaufenen Winterhalbjahr, lieber die geplante Gründung einer Jugend- abteiluug erfolgte eine längere Aussprache, worauf eine aus drei Personen bestehende Kommission mit den nötigen Vorarbeiten betraut wurde. Die Jugendabteilung soll den Zweck haben, dem Verein, dem es an jüngeren Kräften mangelt, Nachwuchs zu verschaffen, namentlich der im Verein bestehenden Gesangs- abteilung. Weiter aber soll die konfirmierte männliche Jugend, außer der Gelegenheit zur Benutzung unentgeltlichen Unterrichts, mit dein Zweck und den Zielen der Eoangel. Arbeitervereine, befonders auf sozialem Gebiete vertraut gemacht werden, um dann nach Vollendung des 17. Lebensjahres zur Mitarbeit befähigt zu sein. Weiter soll den jungen Leuten auch die nötige Unterhaltung, im Sommer durch Spaziergänge, im Winter durch Spiele, Unterhaltungsabende usw. geboten werden. Bet der Gründung der Jugendabteilung wird vor allem die konfirmierte Jugend der Mitglieder des ungefähr 360 Mitglieder starken Vereins zugezogen werden, doch werden auch andere junge Leute zuge- lajfen. Im weiteren Verlaus der Sitzung wurde die Beteiligung an den voraussichtlich im Juni staltsindenden kirchlichen Wahlen beschlossen. Tie Gesangsabteilung des Vereins wird nutzer der Mitwirkung bei der am Sonntag statlfindenden Wichernfeier in Steins Garten an dem im Juni vorgesehenen Verbandsfest des Mtttelrheinifchen Verbandes Evangel. Arbeitervereine in Zells- Heim teilnehmen und anschließend hieran einen Ausflug nach dem Niederwald usw. unternehmen.
•* Der Festzug beim Frankfurter Deutfchen Turn- f e st. Eine Glanznummer unter den Veranstaltungen des Deutschen Turnfestes wird der am Sonntag, 19. ^uli, sich durch die «traßeu der Stadt bewegende farbenprächtige Fcstzug bilden. Dieser zerfällt m drei Hauptabteilungen. Ein historifcher Teil führt die Entwicklung der Leibesübungen vom Altertum bis zur Neuzeit m tutturgejchichllicheu Trachtciigruppeil vor; diese Gruppen erheischen Die Mitwirkung von über 500 kostümierten Personen und etwa 100 Pierdeil. Es folgt als zweiter Teil die g e s a m t e T u r u e r- schäft, in Kreise und Gaue geteilt. Tie Zugeinheit bildet der Gan. Jedem (Sau wird Ort und Zeit der Aufstellung und der Ainiiiarfchweg am Tage feines Eintreffens mit Aushändigung der Drucksachen befannt gegeben. Tie Turner sollen in Anbetracht der großen Teilnchmerzahl (übet 40,000) nach Beschluß der -rnitschen Tnrnerfcha't in Achterreihen marschieren. Jedem Gau sind die Zahnen und Banner vorauszinragen. Ten drillen -reil des Fesizuges bilden die Innungen, Vereine und sonstigen Korporationen der Stadl Frankfurt mit ihren Bannern, Emblemen nnb ihren charallermiichen Trachten. Einzelne der größeren Frankfurter Verbände iverden Prunkwagell stellen, die Mitsührung (nut Ausnahme Des Jahmvagens im ersten Teil) auf diesen dritten Teil beschrankt bleiben muß. Ein Sängcrchor, cüua dreißig Militärkapellen, mehrere Zivilkapellen und BataillonstambourkorpS werdenimFestzug Mitwirken,
Deutscher Reichstag.
150. Sitzung am 6. Mai.
?lm Tische deS Bundesrats: v. Bethmann.Hollweg, v. Schön, D e r n b u r g, Dr. Sydow, Wermuth, T w e l e, Caspar.
Präsident Graf Stolberg eröffnet die Sitzung um 11 lUjri 20 Minuten. Er erbittet und erhält die Ermächtigung, dem Kronprinzen zu seinem morgigen Geburtstage die Glückwünsche des Reichstages darbringen zu dürfen. Dec Präsident teilt ferner mit, daß der Abg. Schwabach (nalL, Mcmel-Hehde- krug) sein Mandat niedergelegt hat. (Zuruf rechts: Na also!)
Die Verner internationalen Abkommen zwischen dem Reiche und verschiedenen anderen Staaten bont 26. September 1906 über das Verbot der Nachtarbeit der gewerblichen Arbeiterinnen und über das Verbot der Verwendung von weißem (gelbem! Phosphor zur Anfertigung von Zündhölzern werden in zweiter Lesung ohne Debatte genehmigt, ebenso in; dritter Beratung der Gesetzentwurf über die Verlegung der' deutsch-schlveizerischen Grenze bei Leopoldshöhe.
Das internationale Privatrecht.
Es folgt die erste Beratung von drei am 17. Juli 1905 int Haag unterzeichneten Abkommen über das internationale Privatrecht und zwar über die Wirkungen der Ehe auf die Rechte und Pflichten der Ehegatten, auf ihre persönlichen Beziehungen und auf daß Vermögen der Ehegatten, ferner über die Entmündigung und über den Zivilprozeh.
Staatssekretär des Auswärtigen v. Schön:
Die drei Abkommen, welche dem Reichstage borlieaen, sind das Resultat der Privatrechtskonferenz, die im Jahre 1905 im Haag zusammengetreten ist. Die drei Abkommen bedeuten einen wesentlichen Fortschritt auf dem Gebiet deS internationalen Privatrechts. Sie bedeuten eine weitere erfreuliche Etappe auf dem Wege, welchen Deutschland in Gemeinschaft mit anderen Staaten seit einer Reihe von Jahren verfolgt, und der zur Erleichterung de8 internationalen Rechtsverkehrs führen soll, um die Schranken zwischen den Nationen, wenn cmck nicht zu beseitigen, so doch zu öffnen.
Wie allgemein bekannt, iverden diese Abkommen, welchen di? meisten Staaten bcS europäischen Festlandes beigetreten sind, einen hoben Wert für die Sicherung deS internationalen Privatverkehrs haben. Durch sie werden Diele Erleichterungen geschaffen werden. Auch die Gebühren der Konsulate sind herabgesetzt worden. DaS Werk der internationalen Privatrechtskonferenz im Haag ist mit diesem Abkommen keineswegs erschöpft. Die Konferenz hat noch weitere Materien in Angriff genommen, vor allem die deS K o n k n r S r e ch t S und des Erbrechts. Bezüglich einer internationalen Regelung des Koniucsrechts haben sich Schwierigkeiten ergeben, die noch nicht gelöst werden konnten. WaS das Erbrecht anlangt, so ist bereits eine Verständigung erzielt worden, soweit eS sich um das materielle Erbrecht handelt. Es ist Aussicht, daß auch eine Verständigung nach der formalen Seite der Sache hin erreicht wird. Damit würden wir einen wesentlichen Schritt vorwärts kommen- ES ist ferner nicht ausgeschlossen, daß die Konferenz noch weitere Maßregeln trifft und sich auch um die Schaffung eines internationalen Wechselrechts bemüht. Die Losung dieser Malerie würde allerdings über die ursprünglichen Ausgaben der Konferenz hinausführen. Die vorhandenen^ Schwierigkeiten erscheinen aber nicht als unüberwindlich. Zunächst ist Aussicht vorhanden, daß auf dem Wege des Erbrechts eine Verständigung erreicht wird. Damit werden der internationalen Rechtssicherheit weitere Garantien gegeben.
Diese NechtSgarantien sind umso hoher anzuschlagen, al? mit1 dem stets wechselnden Verkehr auch die Rechtsbeziehungen zwischen den Stationen sich stets umfangreicher gestalten- Es kann daher nur gewünscht werden, dah die Konferenz tm Haag, an deren Zustandekommen hervorragende Rechtsgelebrte ein großes Verdienst haben, weitere Erfolge zeitigen wird. Ich empfehle die Abkommen zur Annahme. (Beifall.)
Abg. Giese (kons.) begrüßt die Abkommen als einen bedeutsamen Fortschritt in bee Festigung internationaler Beziehungen, und bedauert, daß nicht noch eine größere Anzahl von Staaten den Abkommen beigetreten sind. Hoffentlich treten die noch fernstehenden Staaten ben Ab- kommen° bei. Eine Kommissionsberatung der Abkommen sei nicht nötig.
Abg. Kirsch (Zentr.) Bemängelt einige Ausdrucke in der deutschen Uebersetzung, die nicht dem französischen Urtext entsprechen.
Abg. Dr. Junck (natl.):
In ZwnfekSfällen muß eben auf den Urtext zurückgegangew werden. An den Abkommen haben wir nichts auszusetzen, müpew aber lebhaft bedauern, daß eine derartig wichtige Vorlage unS so spät zugegangen ist. Im Juli 1905 bat man im Haag die Ab^ kommen unterzeichnet und im April 1908 sind sie erst dem beuftcherr Reichstage zugegangen.
Abg. Tove (frei]. Vgg.) begrüßt im Namen der linksliberalen Fraktionsgemeinschaft bitt' Abkommen und befürwortet ein internationales Wechselrecht.
Abg. v. Dirksen (Neichsp.):
Wir begrüßen die Vorlage von ganzem, Herzen und freuen' uns über die Aussichten, baß auch bas Wechselrecht international geregelt werden soll.
Direktor Dr. v. FrantnnS gibt Unrichtigkeit in der deutschen Uebersetzung zu, aber es komiab Da ja auf den Urtext an. An der verspäteten Einbringung ist die nicht rechtzeitige Fertigstellung der Uebersetzung schuld..
Die Erörterung schließt. Die internationalen1 Abkommen werden in zweiter Beratung ge* nehmigt.
Es folgt die zweite Beratung der P o st da in p s c r - S ub - ti c it t io ns-Vorlage. Tic Kommission beantragt unveränderte Annahme der geforderten halben Million. Ein Antrag von Liebermann-Lattmann-Vogt (Hall' will nur 230 000 Mk. bewilligen und die Verbindung von Neu-Giiynea nach Japan ausscheidcn lassen. Ein Antrag Albrcchl und Gen. ,Resolution- verlangt für die subventionierten Postdampfer Fessictzungcn über eine Bemannungs-Skala, ferner vertragliche Verpsiickpmig dcs Lloyd, für die Ausreise der Tampfer so viel weiße Schisssleute auzunmftcrn, als zu einer ausreichenden Besatzung erforderlich ist.
Abg. Graf Kanitz Jons, halt die gwße Bersciiuldung des Reiches für eine schwere Kalamität. Er, Redner, stimme gegen die Vorlage. Tagegen werde er für den Antrag Äattmann stlni- men. — Abg. .vor mann (frs. Vp. empfiehlt unveränderte LAnnahme der Vorlage. — Abg. Noske (Soz. bekämpft die Vorlage. — Staatssekreiär Dornburg weist die Bcl-auptung' zurück, daß die Boülage nur dem Großkapital diene. Redner betont weiter, die Regierung wolle, daß^d.c deutsche Flagge den Haid und das Ansehen, dos sie auf dieser Inselwelt habe, nicht verliere wegen ein paar Hunderttausend Mark.
Abg. Liebermann v. Sonnenberg (W. Bg.) befürwortet den von ihm und Latimann gestellten Antrag. Abg. Erzberg er (Zentrum- erklärt namens seiner Freunde, datz sie Den Eintrag der wirtschaftlichen .Bereinigung ablehnen würden.


