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5.6.1908 Erstes Blatt
 
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Funktionär verhörten den Attentäter. Gregory fall erklärt haben, er habe die Armee für den ihr angetanen Schimpf rächen wollen. Tas Attentat Gregorys hat bei seinen Bekannten lebhaftes Er- ftaunen hervorgerufen, da Gregory, der sich als militärischer Fach- ^schriftfteller eines gern inen Ansehens erfreute, als besonnener, ruhiger Mann aalt. Als die Menge von dem Attentat erfuhr, Krachte sie Hochrufe auf Zola und die Republik und Schmährufe gegen die Nationalisten aus. Zu dem gegen den Major Treyfus peniblen M ordanschlag werden von anderer Seite noch folgende Einzelheiten berichtet: Gregory, der unter dem Namen »Gregoire seit langen Jahren für denGau- lois" und für dieFrance Mililaire" schreibt und Vorsitzender des Kerems der militärischen Presse ist, wohnte der Feier im Pantheon auf Her Journalistentribüne bei. Als Treyfus sich anschickte, mit seiner Familie und Frau Zola das Pantheon zu verlassen, eilte Gregory ihm nach und feuerte einen Revolverschutz hinter Trey- fus ab. Treyfus wandte sich um und erhob instinktiv seinen rechten Arm wie zum Schutze; nur biejem Um stände hatte es Treyfus zu danken, daß er keine schwere Verletzung davontrug; denn Gregory feuerte noch aus unmittelbarer Nähe einen zweiten Schuß ab, der dem Major Treyfus tief in den rechten Vorderarm eindrang. Mathieu Treyfus, der Bruder d.s Majors, packte Gregory am Halse. Ter Attentäter erwiderte ruhig:Der Revolver ist nicht geladen. Ich schoß blind. Es ist mir bloß um eine Demon­stration zu tun." Mathieu Treyfus ließ Gregory los und suchte den Attentäter gegen die erbitterte Menge zu schützen. Gregory ist ein ehemaliger Mittelschulprosessor. Er wohnte wiederholt als Berichterstatter auch den deutschen Herbstmanövern bei. In nationalistischen Kreisen gibt man sich der Hoffnung hin, daß der Schwurgerichtsprozeß gegen Gregory, ivelcher zweifellos wegen Mordversuchs angetfagt wird, Gelegenheit zu einer Art Gegen­revision des vom Kassationshof verkündeten Freispruchs des Majors Treyfus geben werde. Infolge von Schmährufen gegen Zola und die Negierung wurden nach "der Feier im Pantheon aus dem Boulevard Saint Michel etwa hundert Leute verhaftet.

Nach weiteren Mitteilungen gab der Schriftsteller Gregory in dem Augenblick, als Präsident Fallieres das Pantheon verließ, um die Truppen vorbeimarschieren zu lassen, zwei Nevolverschüsse aus nächster Nähe auf Treyfus ab. Während der erste Schuß den Major am Vorderarm verletzte, wurde der zweite durch seinen Bruder Mathieu abgewendet. Major Treyfus wurde nach der Mairie des 5. Arrondissements geführt, wo Senator Doktor Pozzi die Wunde untersuchte und seststellre, daß kein Knochen getroffen ist und ernstere Folgen nicht zu befürchten find.

Ter Präsident der Republik, der von dem Attentat erst später erfuhr, nahm auf dem Paradeplatz das Tesifae der Truppen ab. Vom diplomatischen Korps wohnten unter anderen der amerikanische Botschafter und der deutsche Botschaftsrat Frhr. von der Lancken bei.

Ans Stadt nrrd Land.

Gießen, 5. Juni 1908.

* * Vom G r o ß h. Hofe. Ter r st von Solms- Lich war nebst Gemahlin gestern am Darmstädter Hofe zu 'Besuch. Am Nachmittag wurde in Gemeinschaft mit dem Großherzoglichen Paare die Landesausstellung besucht.

* * In Audienz empfangen wurde am Mittwoch von S. K. H. dem Großherzog Geh. Justizrat Dr. Gutfleisch aus Gießen.

* * Z u den hessischen L a n d t a g s lv a h l e n. In dem Bezirk Butzbach sind bis jetzt folgende Kandidaten nominiert: Lekonom Friedrich Fenchel-Griedel (Bund der Landwirte), Amtsrichter Mahr-Darmstadt (deutsch-sozial), Oekonom Fenchel-Lber-Hörgern und der seitherige Vertreter des Bezirks, Altbürgermeister Joutz-Butzbach (Hessischer Bauernbund). Für Fenchel-Griedel tritt das Zentrum ein. Im Bezirk Lorsch kandidieren Oberlehrer Werner- Worms (deutsch-sozial) und der seitherige Vertreter Alt­bürgermeister Seelinger-Lampertheim (nationalliberal); letz­terer wird vom Zentrum unterstützt werden. Wahl­bezirk Gründ erg. Zu der Notiz in Nr. 126 vom 30. Mai d. I., bctr. Landtagswahl im Bezirk Grünberg, sei mitgeteilt, daß Herr Emmel von der Kandidatur dest- nitio noch nicht z u r ü ck g e t r c t e n ist und ein Beschluß vom Bund der Landwirte, die Kandidatur Moll zu unter­stützen, nicht gefaßt worden ist.

* * Gütervcrladestelle Schiffenberg. In der Mitteilung der Eisenbahnivünsche des Abg. Leun für den Kreis Gießen war infolge eines technischen Hörfehlers von einer Güterverladestelle Staufenberg die Rede. Es muß statt dessenGüterverladestelle Schiffen berg" heißen.

* Post - Personalnachrichten. Verliehen: Das Preußische Allgemeine Ehrenzeichen dem Oberbrieftrüger Schnei­der in Grebenhain aus Anlaß des Scheidens aus dem Dienste. Etats mäßig an gestellt: Telegraphengehilfin Theodore Lenninger in Gießen. Angenommen als Telegraphen­gehilfinnen : Marie Andreas, Frieda R a ß m a n n und Emilie Schwaab in Gießen und Hedwig Theis in Friedberg. Ent­lassen: Postgehilfe Stricker in Gedern.

* * Der K o l o s s e u m s s a a l bietet in diesen heißen Tagen tatsächlich einen angenehm luftigen Aufenthalt. Freunde des Spezialitätentheaters brauchen deshalb den Besuch keineswegs auf kühlere Abende zu verlegen. Sie kommen auch eben durchaus auf ihre Rechnung.

Kunstverein. Die gegenwärtige Ausstellung bleibt nur noch über die Feiertage geöffnet. Born 9. d. M. ab ist sie wegen vollständigen Wechsels der Gemälde vier Tage geschlossen. Tie nächste Ausstellung, die sehr reichhaltig und interessant zu werden verspricht, wird außer einer Serie Originalzeich­nungen hervorragender Mitarbeiter des Simplizissimus eine Kollektion von C. Earrodi-Rom und eine Kollektion von einem sehr beliebten Frankfurter Künstler, F. Mohr, aufzu- meisen haben.

D er Gießener Mieter-Verein hielt in dieser Woche seine Hauptversammlung im Schipka-Paß ab. Der vom Vorsitzenden Bräutigam erstattete Jahresbericht kon- statirte mit Befriedigung, daß die Tätigkeit des Vereins be­treffs der Kanalabgabe mit Erfolg gekrönt war. und daß das Eintreten der Mitglieder des Vereins bei der Stadt- Verordnetenwahl den Erfolg hatte, daß einer der Kandidaten deö Mieter - Vereins, der nicht auf der Vorschlagsliste der vereinigten Bürgerparteien stand, gewählt worden ist. An­dere Kandidaten des Mieter-Vereins haben es zu ansehn­lichen Minoritäten gebracht. Die Kosten der Stadtverord- uetenwahl haben allerdings die Kasse des Vereins stark in Angriff genommen, sodaß der Verein im abgelaufenen Jahre nach der Stadtoerordnetenwahl nichts mehr unternehmen konnte. Der Bestand der Mitglieder im neuen Jahre beträgt 180 gegen 220 im Vorjahre. Von den verlorenen 40 Mit­gliedern sind 25 von hier nach außerhalb gezogen. Es soll versucht werden, durch Werbung den Stand der Mitglieder wieder auf die alte Höhe zu bringen. Die Versammlung ,beschloß, den seitherigen Vorstand wieder mit der Führung der Geschäfte zu betrauen, und es ihm zu überlassen, die Aemter unter sich zu verteilen. In der Debatte erkannte man an, daß das Vorhandensein einer Mieter - Vereinigung, selbst wenn diese an Mitgliedern noch so schwach ist, schon gegenüber dem Bestehen eines HausbesitzeroeremS eine Not­swendigkeit sei. Es könnten Fälle eintreten, in denen Wirk­samkeit unumgänglich erforderlich werde.

" Kostenlose öffentliche Stellenvermittlung. Eine far Arbeitgeber und Arbeitnehmer segensreiche Einrichtung sind die durch den Mitteldeutschen Arbeitsnachweis in fast allen Stadt- und Landkreisen der Regierungsbezirke Kassel uiid Wies­baden, des Großherzogtums Hessen, des Fürstentums Maldeck sowie angrenzender Gebietsteile eingerichteten öffentlichen Ar­beitsnachweise. Die Verinittlungstätigkeit erstreckt sich auf gewerbliche und nicht gewerbliche Arbeiterinnen, männliches wie weibliches landwirtschaftliches Personal, insonderheit auch Dienst­mädchen. Die Vermittlung selbst geschieht für Arbeitgeber wieAr- beitnehmer vollständig kostenfrei. Sollte es nicht möglich sein, den Bedarf an Arbeitskräften oder offenen Stellen am Orte selbst z»i decken, so ist jeder Arbeitsliachweis zufolge seiner Zugehörigkeit zu oben genanntem Verbände auf Grund telephoilischer Rundfrage bei den übrigen Arbeitsvermittlungsstellen oder durch Vakanzen­listenaustausch jederzeit in den Stand gesetzt, das jeweils gewünschte Arbettspersonal git beschaffen oder geeignete offene Stellen nach- zmveisen, ohne daß auch hieraus bis auf weitere« Kosten er­wachsen. In dem Falle, daß Arbeiter beziv. Arbeiterimien von auswärts herbeigeholt werden tnüssen oder umgekehrt, daß Ar­beiter iiach auswärts vermittelt worden sind, steht beiden Teilen eine besondere Fahrpreisermäßigung zum Kilometersatze von 1,5 Pfennig auf sämtlichen Staatsbahnen zu, vorausgesetzt, daß die Entfernung mehr wie 25 Kilometer beträgt. Anmeldungen von Stellengesuchen wie offenen Stellen werden mündlich oder schrift­lich von jedem Bürgermeisteramt oder Magistrat entgegengenommen. Diese Stellen sind, auch wie die Landrats- und Kreisämter, jeder­zeit gerne bereit, .nähere Auskunft zu erteilen. In ZwcifelSsällen wende man sich direkt an den Mitteldeutschen Arbeitsnachweis­verband mit dem Sitz in Frankfurt a. Ak.

* * Vom Guttemplerorden. Wie vielleicht wenig be­kannt ist, arbeitet in Gießen und überhaupt in unserer Gegend eine Loge desNeutralen Guttemplerordens", dieLahnburg". Der neue Zweig der großen Guttcmplerbewegung, derNeutrale Guttemplerorden", macht mit seiner polnischen und konsessiouellen Neutralität wirklich Ernst. Er hat ein Ritual angenommen, das feinen Logeuarbeilen den Charakter des Religiösen und 'Mystischen nimmt uiid von dem nur zu bedauern ist, daß es nicht öffentlich bekannt ist. Tenn durch die Schönheit und Tiefe der angewandten Worte würde es ivohl manchen geiuinnen, der sich jetzt an den Begriff Loge stößt. Diese Vereinigung hat nicht nur den Kamps gegen den Alkoholismus auf ihre Fahne geschrieben, sondern auch eine Herz und Gemüt erhebende Geselligkeit, in der je nach den Personen der Mitglieder und des Leiters (hier Dr. Liebe, Waldhoi Elgershausen) mancherlei Gutes aus Literatur und Dichtung, aus Musik und darstellender Kunst ausgewählt lvird, um diesen Zweck zu erreichen. Große Logen halten aiich offene Äbende, um Andere an diesen über den gelvöhnlichen Kneipensreuden ftebenben Ge­nüssen teilnehmen zu lassen. Die noch heute Loge erläßt deshalb zur Geiviiiinmg neuer Mitglieder im Inseratenteile eine Auf­forderung, auf die wir hierdurch aufmerksam machen.

* * Befitzw echsel. Tas Louis Lony'sche Anwesen in der Bahnhofstraße ging für 92 000 Mk. in den Vesitz des Kaufmanns Grünewald, Inhaber der Firma Gebr. Berdux, über.

* * Gießener V o l k s b a d. Im Mai wurden 1 2 448 Bäder verabreicht gegen 7680 im April 1908 und 11745 im Mai 1907 oder im Durchschnitt pro Tag 402 Bäder gegen 256 im April 1908 und 397 im Mai 1907. Ter Besuch im einzelnen ha^sich wie folgt verteilt:

Schwimmbad: 5415 Männer, darunter 1263 zu 10 Pfg., 1446 Frauen, 281 10

Wannenbäder I. Kl.: 356 Männer, 141 Frauen,

IL 854 583

Brausebäder I. 1106 187

H. 1896 274

Dampf- und Heißluftbäder sowie Massage zusammen 151 Manner, 39 Frauen. Die Personenwage wurde von 320 Personen benutzt, das Bad von 6 Personen besichtigt.

* * Vorsicht vor Taschendieben beim Baden. Gestern machte schon wieder ein junger Mann die schlimme Er­fahrung, daß, nachdem er gebadet hmie, sein Portemonnaie samt Inhalt verichwunden war. Ter Dieb konnte nicht ermittelt wer­den. Wir richten daher an alle Badeanstaltsbesucher die Mahnung, sämtliche Werttachen bei dem. Bademeister oder Besitzer in Gewahr­sam ztl geben.

X Taubringen, 4. Juni. Arn zweiten Psingst-Feier- tag feiert der hiesige Turnverein sein 1 3. Stiftung»- f e ft verbunden mit Preis- und Schauturnen. Ter Verein wurde am 5. Juli 1895 mit 14 Mitgliedern gegründet und steht jetzt mit 105 Mann in voller Blüte. Tie Musik wird ausgeführt von der Regiments-Kapelle des 116. Jnf.-Regts. Kaiser Wilhelm unter Mitwirkung des Trommler- und Pfeiferkorps des Turn­vereins, ausgebildet vom früheren Tambour Emil Schäfer. Nach­mittags findet ein Festzug durch den Ort statt. Um 6 Uhr abends ist Preisverteilung, von 8 Uhr ab Fackelreigen und Pyramidenausstellung mit Femrwerk.

Winnerod, 4. Juni. In der Pfarrhofreike zu Winnerod ist am 2. Juni d. I. ein Kalb weiblichen Geschlechts zur Welt gekommen, das am Tage feiner Ge­burt hundertzw eiundzwanzig Pfund gewogen hat.

Butzbach, 4. Juni. Die Frau des in der Kasernenstraße wohnenden Färbers Karl Streng muß sich entweder beim Feuer- anzünden des Petroleums bedient haben, oder mit dem Petroleum dem Feuer zu nahe gekommen sein. Plötzlich erfolgte unter gewaltigem Schlag eine Explosion und im standen die Kleider der Bedauernswerten in Hellen Flammen. In der Ver- zweislung eilte die Fran auf die Straße. Die Nachbarsleute wurden sofort aufmerksam und mit Tüchern, Säcken usw. konnte man die Flammen bald ersticken. Der ganze Körper der Frau, be­sonders Brust, Rücken, Gesicht und Hände, sind verbrannt, so daß die sofortige Ueberbringung in das Hospital nach Nieder-Weisel erfolgen mußte.

W. Bad Nauheim, 4. Juni. Ter Photograph Johannes Pörtzgen, gebürtig ans Haarfein in Holland, hat sich hier verschiedener Betrügereien und Unterschlagung von Knndengeldern schuldig gemacht. Die Unterschlagungen belaufen sich auf insgesamt 72 Mk. Nachdem er noch eine silberne Remontoiruhr im Werte von 45 Mk. sich angeeignet hatte, ergriff er die Flucht. Seitdem hat man jegliche Spur von ihm verloren. Die Polizeiorgane recherchieren eifrigst nach dem Betrüger und Dieb. Er wird als ein feingekleideter Herr bezeichnet.

sc. Aus der Wetterau und Taunus, 4. Juni. Die Aussichten auf eine gute Obsternte sind infolge der Unwetter in hiesiger Gegend stark reduziert. Die Kirschenbäume, die reich geblüht und guten Fruchtansatz zeigten, haben durch den Hagel schwer gelitten, ebenso die Birn- und Aepselbäume. Auch sie hatten reichen Fruchtansatz, der teilweise durch die Hagel­schläge vernichtet wurde und jetzt werden besonders die Aepsel- bäume noch durch die Raupen schwer heimgesucht, die Blätter und Fruchtansätze total zerfressen.

R.-B. Bürstadt, 4. Juni. Die 11jährige Tochter des hiesigen Einwohners Philipp Schümm goß gestern abend gegen 8 Uhr, um das Feuer im Herde besser anzuschüren, Petroleum hinein. Die Folge davon war eine Explosion, bei der die Flammen auch das Kind ergriffen und dasselbe derartige schwere Brandwunden davontrug, daß es heute früh daran verstorben ist.

X. Q f f e n b a ch a. M., 4. Juni. In der heutigen Sitzung der Stadtverordnetenversammlung wurde der zum unbesoldeten Beigeordneten der Stadt Offenbach ge- lvählte seitherige Stadtverordnete Jakob Porti) durch den Bürgermeister Dr. Tulio in sein Amt eingeführt und in Pflicht genommen. Die Rechnung der Stadtkasse für 1906 wurde entgegengenommen nnö genehmigt. Die Gemeinde­

steuer hat in dem genannten Rechnungsjahre einen gegen­über dem Voranschläge erfreulich höheren Betrag (54 000ML mehr) ergeben, auch die Armenlasten verringerten sich, beides also die besten Belege für den günstigen Stand der wirt­schaftlichen Verhältnisse Offenbachs int Jahre 1906. Sodann genehmigte die Stadtverordnetenversammlung den Erlaß eines Ortsstatutes über die Besteuerung des Wert­zuwachses der in der Stadt Offenbach gelegenen Grund­stücke. Das Ortsstatut wurde in der vom Ausschüsse ent­worfenen (seinerzeit mitgeteilten) Fassung mit geringen redaktionellen Aenderungen angenommen. Die neue Steuer­verordnung soll schon vom 1. Juli d. I. ab eingeführt werden. Ein mit dem Fürsten zu Jsenburg-Birstein über die Ablösung des ihm für eine Anzahl L e h r e r st e 11 e n Offenbachs zustehenden P p ä s e n t a ti o n s re ch t s abzu­schließender Vertrag wurde genehmigt.

[] Marburg, 4. Juni. Wie dem soeben fertiggestellten Studentenverzeichnis zu entnehmen ist, stellt sich die Zahl der Studenten, die diesmal unsere Universität besuchen, auf 1924, gegen 1598 im letzten Winter und 1855 im Sommer 1907. Rechnet man noch 91 Hörer (darunter 38 Damen) hinzu, so steigt die Gesamtziffer auf 2015. Dem Studium nach infamen sich 155 der Theologie, 468 der Jurisprudenz, 288 der Medizin und 1001 der Philosophie. ES stammen 1542 ans Preußen (darunter 642 aus Hessen- Nassau), aus den übrigen deutschen Ländern 302 (aus Hessen- Darmstadt 38), aus Großbritannien 6, ans Norwegen 2, ans Oesterreich-Ungarn 20, aus Rußland 18, ans Spanien 1, aus der Schweiz 16, aus Amerika 10 und aus Asien 7.

Zur Werner-Anfrage

Wird uns von geschätzter Seite geschrieben:

Der Abgeordnete Bähr, der in der gestrigen Kammersitzung mit seiner Interpellation über den Fall Dr. Werner ein so glänzendes Fiasko erlebt hat, steht bekanntlich auf dem Stand­punkt, daß das Parlament Beamtenversetzungen zu kontrollieren habe und kein Beamter aus politischen Gründen versetzt werden dürfe. Offenbar billigt er diesen parlamentarischen Schutz nur Antisemiten zu, denn in der Sitzung der Zweiten Kammer vom 17. März ds. Js. hat er angekündigt, daß er demnächst den Antrag stellen werde, dem ordentlichen Professor der Nationalökonomie an der Landesuniversität, Professor Dr. Bier m er, das im Budget vorgesehene Gehalt zu streichen, sofern nicht neben der von Biermer seit acht Jahren bekleideten Professur eine agrarische Strafprofessur errichtet werde. Der Abgeordnete Bähr nimmt es mit der Wahrheit augenscheinlich nicht sehr genau. Zur Begründung seines Antrags, der vom Ministertisch mit feiner Silbe einer Antwort gewürdigt worden ist, weist Bähr darauf hin, daß die Zweite Kammerim vorigen Jahre oder vor zwei Jahre n" denc i n ft i m m i g c n" Beschluß ge­faßt habe, die Strafprofessur zu fordern. Ein gewissenhafter Abgeordneter hätte sich jedenfalls der Mühe unterzogen, den Tatbestand vorher genau festzustellen. Der Beschluß der Zweiten Kammer, der auf die Interpellation Köhler-Langsdorf er­folgte, stammt vom 27. Februar 1903, ist also fünf Jahre alt, und selbstverständlich war er fein einstimmiger. Gegen ihn haben geschlossen die Freisinnigen, die Sozialdemokraten und ein Teil der Nationalliberalen gestimmt. Herr Bähr, der nicht will, daß ein rasseantisemitischer Agitator von Gießen nach Worms versetzt wird, verlangt für das Parlament das Recht, die nationalökonomische Wissenschaft an der Landesuni­versität so zu beherrschen, daß sie im Einklang steht mit den Forderungen feiner politischen Partei. Eventuell droht er mit Streichung des Gehalts für Professor Dr. Biermer, also mit einem brutalen Eingriff in wohlerworbene Rechte. Professor Dr. Biermer fann die Angelegenheit natürlich ganz gleichgültig sein, dem: er würde sofort eine Zivilklage gegen den hessischen Fiskus auf Weiterzahlung des Gehalls und Weiterbezug feiner Gebühren anstrengen. .Der Abgeordnete Bähr ist auch aus Spar­samkeitsrücksichten gegen die Versetzung des Oberlehrers Dr. Wer- ner, muß sich aoer vom Ministerinch sagen lassen, daß seine Interpellation den Staat mindestens 1000 Mark gekostet hat. Tie Strafprofessur würde den Staat jährlich über 5000 Mark kosten. Die ganze Beweisführung Bährs gipfelt in der Sentenz: Ja, Bauer, das ist ganz was anderes!"

Berlin, 4. Juni. Ein So l d a t e nm ißha ndl u ng s- prozeß von dem Umfange, wie er feit dem, 5 Jahre zurück­liegenden Fall Breitenbach die deutschen Militärgerichte nicht mehr beschäftigt hat, begann heute morgen vor dem Kriegsgericht der 1. Garde-Tivision. Aus der Anklagebank haben acht Angellagie Platz genommen. Ter Haupt-Uebeltäter ist bet Unteroffizier Walter Thamm von der 1. reitenden Batterie des 1. Garde-Feld- artillerie-Regiments. Tie Anklage wirft dem Unteroffizier Thamm 600 Fälle von Mißhandlung und vorfchristswidriger Behandlung von Untergebenen vor. Außerdem fall er in vielen Fällen Unter­gebene zu strafbaren Handlungm veranlaßt haben. Ter Selbst­mord des Kanonier Knobbe ist auf die Mißhandlung des Thamm zurückzuführen. Ten übrigen Angeklagten werden Mißhaifalungen Untergebener bis zu 40 Fällen, schwere gemeinschaftliche Körper­verletzungen, Bedrohung von Untergebenen, Unterlassung der nö­tigen Aussicht usw. vorgeworfen. Ten Antrag des Vertreters d.r Anklage auf Ausschluß der Öffentlichkeit lehnte das, Gericht ab. Thamm gab im großen und ganzen zu, die Leute mißhandelt zu haben, entschuldigt sich aber mit großer Aufgeregtheit. Tas Urteil lautete: Ter Angeklagte Unteroffizier Thamm ist der fortgesetzten Mißhandlung von Untergebenen, der fortgesetzten vorschriftswidrigen Behandlung und der fortgesetzten Mißbrauchs der Tienstgewalt an Untergebenen, der Verleitung Untergebener zu strafbaren Handlungen usw. schuldig und wird zu einem Jahre drei M o n a t e n Gefängnis und Degradation verurteilt. Tie übrigen 7 Angeklagten wurden zu kleineren Ge­fängnisstrafen bezw. Arrest verurteilt. Bei ber_ Strafzumessung ist das Gericht von der Erwägung ausgegangen, daß einem einzelnen der Angeklagten die Schuld an dem Selbstmord des Kanoniers Kuobbe nicht beizumessen ist. Tas Gericht ist vielmehr der An­sicht, daß Knobbe in der Hauptsache durch die allgemeine Miß­handlung und durch unerhörte Behandlung in den Tod getrieben worden ist. Es war ferner zu berücksichtigen, daß die Hand­lungen der beiden Hauptangeklagten und der alten Leute syste­matisch betrieben wurde und daß gegen derartige Auswüchse beim Militär mit aller Strenge vorgegangen werden muß.

Sport.

Fußball. Ter Artikel in No. 129 desDießener An­zeigers" unter Sport ist folgendermaßen ru berichtigen. Ein Wett­spiel fand überhaupt nicht statt zwischen einer Laubacher Mann- schäft und der vom Realgymnasilim Gießen. Es handelt sich um ein Uebungsspiel, in dem die Gießener Mannschaft gegen 6 Leute der Laubacher Wetlspielmannschaft spielte. WeShalb dabei die Gießener Spieler die Torzahl nichtbeliebig erhöhten", ist nicht recht verständlich. Dann war auch Laubach durchaus nicht ein-

Kleine Tageschronir.

Erdbeben. Die Apparate der Hauptstation für Erdbeben­forschung in Hamburg verzeichneten gestern nachmittag ein mutet- starkes Fernbeben in etwa 5800 Kilometer Entfernung. Der beginn der Aufzeichnungen war 5 Uhr 5 Minuten 0 Sekunden; die Dauer 17, Stunden. _ ,

Pest in Südamerika. Nach einer Meldung atts Kuba wurde dort tuegen des Ausbruches der Pest in Südamerika die Quarantäne für alle Schiffe angeordnet.

T i e Entfchädigungsquote für die Hinter­bliebenen der E i f e n b a h n - K a t a st r o p h e x n Con11ch und die Gelder, die für Verwundete und Verstümmelte ausgegeben iverben müssen, betragen zusammen 3 Millionen Franks.