Ausgabe 
4.12.1908 Drittes Blatt
 
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Freitag, 4 Dezember 1908

Drittes Blatt

158, Jahrgang

Nr. 286

trfdiehit tSgllch mit VuSnabme beS SonnkagS.

und im übrigen die Knocken auf (Schallende Heiterkeit.) DaS ist

lternativc:

sind nicht in

izpolitik für den Fall der Gewährung (Lebl-afler Beifall bei den^Liberalen.)

itofciHonebrud und vertag bei Wrßfinrfjeti Untocriuäte Buch, und ©temOcudercL 9L Lang«. Gießen.

Redaktion. ErvediNon und Druckerei: Schul» strage 7. Expedition und Verlag: 5L

Redaktion.«-^ 118. TeU-Adr^AnzergerGreven.

Deutscher Reichstag.

175. Sitzung, Donnerstag, den 8. Dezember.

Am Tische des Bundesrats: v. Bethmann-Hoilweg, Dr. Nieberding.

DaS HauS ist nur schwach beseht.

Präsident Graf Stolberg eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 15 M in.

DieÄteBtner KamtltenblStter- werden dem ,91nAeifler* otennal wöchentlich bctgelegt, daS Kreisblati für öen Kreis Siehrn" zweimal wöchentlich. Dre ..Landwirtschaftlichen Sett- fragen" erscheinen monatlid) zwennal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhefsen

um dem deutschen Reichstage lichem V e r a n t w o r t l i ö schemGesamteinfluhzu..,..

Es hat gestern Herr v. Dircksen verschiedene Stcllekl meines ver­ehrten Parteifreundes Schrader angezogen, an denen er aus­gesprochen haben soll, daß er für das englische parlamentarische System seinerseits nicht eintreten könne. Ich rede in seinem Sinne, wenn ich diese Stellen so erkläre, daß er sagte, jedes Volk habe seine eigene Geschickte, d e englische Geschichte sei eine andere wie die deutsche, und Der bloße Schemati-muS, der glaubt, morgen für Deutschland haben zu können, was heute England hat wisse nicht, wie schwer es Enaland geworden ist, daS zu ge­winnen, was es heute bat. (Sehr wahr! bei Den Freis.) In

Die BerfaßungSantrLge.

Dis Beratung über die Anträge der Freisinnigen, deS Zen­trums, der Polen und der Sozialdemokraten wird jortgeseht.

Abg. Gracs (Wirtsch. Vg.):

Unsere diesmaligen Beratungen sollen keineswegs eine Fort- sehung der Kaiser-Jnterview-Debatten sein. (Sehr richtig! rechts.) Die beiden Materien müssen grundsätzlich ge­schieden werden. Erfreulich ist, daß die Negierung aus ihrer bis­herigen Reserve gegenüber Anträgen herauSgetreten und hier an­wesend ist. Die gestrige Rede des Herrn Ledebour mußte ein Gefühl der Beschämung Hervorrufen. (Sehr richtig! rechts.) Ec hat daö Milieu verwechselt und glaubte wohl, im Theater oder im Zirkus zu sein. (Sehr richtig! rechts, Lachen der Sozialdcmo. traten.) Er sollte daran denken, daß ein Abgeordneter hier als Volksvertreter aufzutreten hat und nicht als berufsmäßiger Clown. (Sehr richtig! rechts, Lachen Der Sozialdemokraten.) Durch solche Szenen roiiD das Niveau deS Reickstags herabgedrückt, etwa auf daS deS Nürnberger Parteitages. (Heiterkeit.) Wenn die sozial­demokratische Presse die Rede LedebourS eineGlanzleistung" nennt, so ist Daö ein ganz perverser Geschmack. (Sehr richtig! recht-, Lachen bei den Soz.) Mit einer Verbesserung Der Ge­schäftsordnung sind wir gern einverstanden. Eine Beschlußfassung am Ende der Besprechung einer Interpellation ist ganz zweckmäßig. Ueber Krieg und Frieden darf nur der Bundesrat entscheiden. Der Reichstag soll dabei nicht mittun. Das würde schön werden, wenn wir z. B. eine sozialdcmolratische Mehrheit hätten. Da würde dieblutige Rosa" auch mitentscheiden wollen (Heiterkeit.) Dem Antrag der Polen, wonach auf den Wunsch eines Drittels Der Abgeordneten der Reichstag einberufen werden soll, stimmen wir nicht zu. Auch die sozialdemokratischen Anträge ge­hören in den Papierkorb. Den Anträgen auf Herbeiführung einer juristischen Ministerverantwortlichkeit stimmen wir im Prinzip zu, wenn wir uns auch nicht auf Einzelheiten fest­legen wollen. Jedenfalls reicht die bisherige moralische Vcrant- Wortung nicht aus. Keineswegs denken wir aber daran, etwa aus Dem Reichskanzler einen parlamentarischen Prügel­knaben zu machen. (Sehr richtig! rechts.) Eine gewisse Ver­antwortlichkeit liegt aber auch im Interesse der Krone und der Monarchie. Für ein parlamentarischeSRegime im eng- li scheu Sinne sind wir freilich durchaus nicht zu haben. Die Frei­sinnigen sehen in ihren Anträgen ein Allheilmittel gegen Daö per­sönliche Regiment, das ist nichts als eine agitatorische Phrase. (Sehr richtig! rechts.) Sehen Sie sich doch England und Amerika an. Hat König Eduard keinen Einfluß, ober der amerikanische Präsident? Wir sieben auf dem Standpunkt: Einer mutz Her» tm Hause fein! Nur. eine starke Monarchie kann Dem Wohle des Volkes dienen. (Beifall rechts.)

Abg. Naumann (Fr. 23g.):

Ter Abg. v. Dirkfen Hai sich in seiner gestrigen Ncde zwar im allgemeinen gegen unsere Anträge ausgesprochen, aber doch eine Anzahl von Gesichtspunkten hervorgehoben, die auch für uns er- wagenswert sind. Er sagte zwar, er sei noch ein junges Mitglied Deö Hauses, noch nicht gebleicht von der Fülle Der Jahre und er Denke gar nicht Daran, ein Präzeptor Germanias zu werden, aber er führte Doch Dem Reichstage selbst eine Anzahl von Hilfsmitteln vor, die er schon jetzt in Der Hand habe, um seine politische Macht zu stärken. Er nannte die Adresse an Den Kaiser. recht! aber als Der Gedanke aufgeworfen wurde, an Den Kaisei. eine Adresse zu richten. Da waren es gerade Die Herren von der Rechten, für Die Herr v. Tirksen gesprochen hat, die dieses Macht­mittel nickt aiiwenden wollten. (Sehr wahr! links.) Ferner ha Herr v. Dirksen auch Das Budgetrecht als ein Machtmittel bezeichnet. Es isi mir eine wahrhafte Freude gewesen, von einem Herrn von der Reckten Den Sah zu hören, das Budgeirecki könne vom Reichstage als Machtmittel benutzt werden, um politische Fort- schiirte durchzusehen. (Sehr gut! links.) Gewiß kann man einem Eisenbahnminister allmählich seinen Sessel unbequem machen, wenn man ihm fortdauernd eine Eisenbahn verweigert; ich fürchte aber, wenn wir nack dieser Methode vorgehen wollten. Dann wurde man bert von rechts un8 sagen: wie kann man einen Kultur- fonschritt wie Diese Eisenbahn um eines politischen Fortschritts willen preiSgeben! Gerade so wie es jetzt heißt: wie kann man eine nationale Aufgabe wie diese Finanzreform darunter leiden lassen, daß man zugleich mit ihrer Hilfe politische Fortschritte er­streben Willi (Sehr gut rechts.) Aber einen gewissen svmpto- matischeu Wert batten Die Ausführungen DeS Herrn v. Tirksen für mich Doch: er hat uns Die Grundlehren, Die zum parlamentarisck>en Erfolge führen, wenigstens theoretisch vorgetragen. (Sehr gut!

und Heiterkeit links.) t m t

Dann hat Der Abg. Ledebour auf Grund ähnlicher Vorder- gedanken einen Appell an die bürgerlichen Parteien, nicht an die konservative, aber an Die übrigen gerichtet, sie sollten die s e Mittel t n der jetzigen Situation der RcickS- finanzen anwenden,- Die llnterstützuna Der Sozialdemokra. tie würde ihm bei einem derartigen Vorgehen nicht fehlen. Ick will nickt iveiter Darauf entgehen, daß auch Die übrigen bürger­lichen Parteien nach den gestrigen Erklärungen der Abgg. Spahn und Junck mckt übermäßig geneigt sind, auf diese Methode ein­zugehen. Aber angenommen, cd ließe sich ein derartiges Ver­fahren denken, was ick persönlich parlamentarisch für DurckauS richtig und zulässig halten würde, so würde gerade Der letzte Satz des Abg. Ledebour, daß Die S o z i a I b e m o f r a ti e ihm ihre Hilfe gewähren würbe, zu bcanftanben tetn. Denn wenn sich ein politisches Verfahren gründet auf die Alternative: Entweder Ihr gewährt uns dieses Reckt, oder wir sind nicht in der Lage, diese und jene Finanzpolitik mitzumachen, so muß man entschlossen sein, die Finanzpolitit für den Fall der ®eroahrunp der Rechte mitzumacken. (L.T. ? " -IL'2 V" Sollte aber Lieser Fall cintrcten, so werden sich die «ozialdemo- traten des Nürnberger Parteitags erinnern, dessen Be­schluß es ihnen unmöglich macht, in eine derartige politische Aktion überhaupt einzuireten. (Sehr gut! bei den Liberalen.) Ich emp­fehle dem Abg. Ledebour die Lektüre des Aufsatzes seines Gc. nassen Eduard Bernstein im letzten Heft Der Sozialistischen Mo­natshefte über die Gründe, warum die Freisinnigen die Block- Politik mehr oder weniger genötigt sind mitzumachen:, weil eine andere Koalition auf Grund Der bisherigen BeschIü s f e und Taktik der Sojialbemofratie für unS nicht in Frage

diesem Sinne hat der Abg. Schrader einen oberflächlichen Schematismus abgelehnt, aber in keiner Weise sagen wallen, daß er nicht voll durchdrungen sei van dem Ge­danken einer Beteiligung deö Volkes an Der Re« gierung, die die Grundlage cner wirklichen Volksvertretung ist. (Sehr wahr! bei Den Freis.) Dasselbe war Der Sinn Der Ausführungen Des Aba. Dr. Müller-Meiningen, und er hat mich beauftragt, dem Abg. Ledebour zu sagen, daß er seinerseits f ü r das parlamentarische Regiment eingetreten ist. und das jetzige System einen Schernkonstitutionalismuö genannt hot, um es zu unterscheiden von dem Ideale, auf welches wir hin- arbeiten. W i r wollen nicht eine schematische Nachahmung Englands, aber wir wollen doch in Der Gesamtrichtung Der englischen Entwicklung vorwärts gehen. Zuerst müssen wir uns dabei gegenwärtig halten, daß auch Die englische Verfassung beständig im Flusse i st, wie alle staatliche Verfassung. Gerade dieser Tage ist wieder ein wertvolles und interessantes Buch über das englische Regierungs­system von Sydney Law erschienen, auS Dem man sieht, wie in

nalen AlltagSarbeit. Sein Anteil an Der Deutschen Go- scpichte ist aber nur ein sehr begrenzter. Wenn man Die Geschichte Der letzten vierzig Jahre. Der zwanzig Jahre BiSmarck u_nD Der zwanzig Jahre BiSmarckserne einmal schreiben wird, so tauschen mir un» nickt, so wird cS nicht Die Geschichte Der wechselnden Legislo.urperioden deS Deutschen Reichstag- fein, sondern die Wen» Dunge der Geschichte stammen bisher von der anderen Seite, von Sir cm n, die ich mit den Worten .SouveriNitatLkolle- q i u i ' bezeichnen will. Ich will mich nicht in den Streit der Staat -echtslehrer mischen, ob der Kaiser nur im Auftrag deS Bunde. -iS handelt, oder auS eigener kaiserlicher Kraft. EL ist ein zusu. -"nhänocuoes System ineinanderarbeitender Kräfte. In der Mitte Dkied Systems steht wie Die Hoble DeS Malepartus Das HouS in der Wilh.imstraße. (Sehr gut! links.) Nun ist die Vcr- iassung aufgebaut auf Dem zweifachen System. Auf der einen^--eite sieht daS VolkSvertrctungssysiem und auf der anderen dieses «ouve- ränitälssyftem. Und die beiden rechten miteinander.

Warum ist diese- Volksvertctungösvstem so schwach? Der DundcStat arbeitet geheim. BiSmarck Hot zwar nach seiner Ent» lasiung verschiedentlich dafür plädiert, daß er öffentlich verhandeln möge, so wie eS im ucsznünglicken Frankfurter Entwurf vorge­sehen ist; aber solange BiSmarck selbst das Präsidium hatte, ift er nicht für die öffentliche Verhandlung eingetreten und offenbar aus einem guten Grunde. Denn wenn auch die Stille deS BundcSrats nicht ohne Seufzer ist (Heiterkeit), so bringen diese Seufzer nicht an die £effentlid)kit. Wer bad Buch von Poschmger über Bis- marck und den Bunde-rat lieft, findet in diesem Buche, da- über­haupt eine Quelle von politischen Bekenntnissen für unsere deut» sch en Zustände ist eine Anzahl von Stoßseufzern o u 8 ber Tiefe d e - Bunde-rats heraus, die noch heute, nach mehr als 80 Jahren, ihren ergreifenden Klana nicht verloren haben. Und wenn einmal späte- ein anderer Poschmger schreiben wird: Bülow und der BundeSrat, dann zweifle ich nicht, daß auS den Privatbricfen und persönlichen Urkunden auch diese Epoche deS deutschen LebenS eingewisseSStohnenhi nie r verfchlofsenen Türen anzeigen wird. (Heiterkeit.) Aber Darin liegt die große Kunst deS Apparate-, Daß er nach außen fertig unD abg.glattet herauStritt. Ganz selten ist cs einmal vor« gclommen, Dap ein Vertreter eine» BuuoessiaateS von Dem Minder» heitSreckte Gebrauch gemacht hat. Im allgemeinen arbeitet Der Souveränitätsapparat mit der Geräuschlosigkeit, die zum politi­schen Wirken eignet, während wir im Reichstag genötigt sind, alle unsere Fragen und Querelen cS liegt im System und kann nicht geändert werden bei der Volksvertretung öffentlich durch­zuverhandeln und dadurch beständig in der Gefahr sind, unsere Willensbildung selbst durch die Zwischcnfragen der WillenSbildung uns wieder zu erschweren. Und dann hat daS Souverän,tatSsystem eine Menge ausführender Organe: die direkten Reichkbehörden und indirekt die Landesbehörden und die Sachverständigen. Dieser Apparat kann heranziehen und hinznziehen, wen er will.

Damit vergleiche ich nun Den Reichstag. Was hat Denn der Reichstag hier an Organen? Er hat ein Präsidium (die Blicke der Abgeordneten wenden sich während Der folaenben Schilderung unter wachsender Heiterkeit auf den Präsidenten Graf Stolberg, der mit Der Glocke m Der HanD am PräsiDententische steht), wclckcS die Erlaubnis hat. bei repräsentativen Gelegenheiten den Reichstag nach außen zu vertreten, die Tagesordnung festzu» i'ctzen. Differenzen zu schlichten und im übrigen k-*

erhabenem Scßel zu fühlen. (Sch'2' L: : k Der ganze Apparat, den Der zweite Faktor Der Deutschen Reich». regierung sich geschaffen hat. Je Der andere Faktor ist unauflösbar, auf Erblichkeit begründet, wechielnb zwar durch dar Kommen und Gehen Der einzelnen Personen, aber sozusagen unveränderlich in der Institution. Dor Reichstag kommt und geht, und wenn er nicht gefällt, dann wird er auf gelöst. Diese Gegenüberstellung der beiden Faktoren hat uns erst zum Bewußtsein gebrockt, waS da- Volk eigentlich von uns fordert, wenn cS jetzt an uns herangcht: Ihr, ihr sollt unS jetzt Garantie ii schaffen für bi e Leitung b e r deutschen Geschickte. Dieser Forderung Der Garantien gegenüber ist c5 m meinen Augen ein geringer Trost, daß man unS lagt und auch gestern gesagt hat: Ihr habt ja die Kraft des VolkeS, habt die öffentliche Meinung Wahrhaftig, ich unter- sckiätzc daS nicht und unterschätze auch nicht. waS am 10. und II. November daS Wichtigste gewesen ist, nicht, was. etwa hatte beschlossen werden können an diesen Tagen ich unterschätze auch nicht den großen Dialog zwischen Volk-ver» tretung und Krone, der über den Erdball hin- gerollt ist zu allen Ländern, wo überhaupt politisch gedackt wird. (Lebh. Zust. links und in der Mitte.) Aber Tage solchen Dialoges können nicht oft kommen, und im Jntcresie der Nation und der Ge­schickte nickt oft gewünsckt werden. (Allgemeine Zustimmung bei den bürgerlichen Parteien.) Deshalb muß man sagen: Die Worte, die verklingen, und WaS bleibt, muß etwas Rechtmäßiges sein. (Sehr wahr! links.) Und wenn man unS gleich ein» wendet: ..Auch was Geschriebenes forderst Du, Pedant" (Heiter, feit) _ die Leute, die wißen, wie schwach sie sind, möchten doch gern etwas Ge s ck r i e b e n e S haben. So kommen wir vom Reichstage aus und wollen unser Geschriebenes haben, und wollen eS, rod wir wißen, daß eS ein Stück auf dem Wege ist, u etwas mehr aesch i ch t- citSgefühl und politi- verhelfen. (Sehr wahr! Iinf&.)

steht. (Sehr gut» bei den Freisinnigen.) Damit ist aber leider daS Verfahren. ba8 an sich nach der Empfehlung oe» Herrn v. Dirck. Jen parlamentarisch richtig wäre, aus Mangel an der mög­lichen MihrheitSbildung tm Augenblick leider nicht ernsthaft diskutabel. (Allgemeine Zustimmung.) Gerade dieser Mangel an einer Mehrh.'ilsbudung hat den Abg. v. Dircksen vcr- anlaßt. näher auf die Gründe diefeS Mangels einzugehen. Er nannie den deutschen Par 1 eigeist. die Kleinlichkeit in der Auffassung politischer Geschäfte. daS Ucberroiegen deS Agitator,' sehen über das politisch Praktische. Mit aQebcm bin ich einvcr- standen. Jedoch ist die Sacke hiermii noch nicht in ihrer ganzen Tiefe ergriffen. Wenn unser deutscher Reichstag zur Mehrheiis- bildung fo sckwack sich zeigt, daß er die Mehrhcilsbildung fast nur an der Hand führender Regierung-Vertreter bisher vollziehen kann, wenn der deutsche Reichstag eine dauernde MehrhcitSbildung auS sich heraus bisher nicht erzeugt hat. so liegt b a 5 a n D c . ganzen deutschen Geschichte, an dem kurzen Zeitalter, in dem wir überhaupt ein Parlament hab.n und an dem F e h ' c n einer großen Legende, w'e sie hinter den Volksvertretern von Frankreich und England in Den Revolutionen deS 17. und 18. Jahrhunderts steht.

Soweit reicht ufifere Erinnerung an das Jahr 1848 nicht un. selbst dieses Jahr war fein gemeinsames einheitliches deutsches Erlebnis uno alles, waS vor 1870 liegt, st überhaupt für unsere deutsche Nanon keine einheitliche Politik. Wie kann dann tm Laufe eines Menschenalters in einem Volk, das so viel Zerspalten, beit in seiner Geschickte hat, mit emcnunal d e r Geist n a Ilo­na l e r einheitlicher Politik ,,u instinktiver Sicherheit werden! Che er cS aber nicht tjt, wird c» auch un Parlamem nicht fein. (Sehr wahr!) ä

Wir haben Die konfessionelle Zerspaltung und bei fdpcDenen politischen Tialett im SuDen unD im Norden. Wenn nun auf Diesem Untergründe Die pohüjdie WillenSbildung eii.setzen soll, Dann isi Das eine Frage einer Langen unD schwierigen Er­ziehung. Wir sind aber mitten Drin; Das Bedürfnis, daß Der Reichstag mehrhciiSbildcnd sein soll, wird heute empsunden in und außerhalb Der Mauern dieses HauseS. (Sehr richtig! links.) Es sind aber nicht nur Diese in Der Geschichte liegenden p s y ch o l o- gischen Schwierigkeiten, sondern wir haben auch tech- nifdje Schwierigkeiten der Mehrhcilsbildung. Selbst England würde sein berühmtes parlamcntarisd'cs System vermutlich nicht foben, wenn die deutsche Snchivahlmethode hätte, weld)e die Quelle Der Zerspaltung der Parteien ist. Und haben wir nicht in unserer Geschäftsführung selbst einen Teil Der Ursachen, warum mir in eine wirkliche MajoritätsbilDung nicht hineinkommen. Tie, jenigen MitglicDcr des Hauses, Die mit Der Geschäftsführung alt geworden finD, mögen ja Diese Geschäftsführung für etwas unab­änderliches halten. Ucbcn wir aber nicht zum Teil eine ö e r « geudungvonKraftauS in der Art, wie wir Den Mechanis­mus unserer Verhandlungen entrichten? Vieles waS in Den Plcnarverhandlungen gesagt wird, isi im Grunde nur Stoff für die Kommission. (Sehr richtig! links.) Infolgedessen hat der­jenige nicht unrecht, Der mir einmal fagte, ihm komme Dieses HauS vor, wie eine HallederWieDerholur. gen. (Heiterkeit.) ES ist soweit gekommen. Daß Männer, die im Lande etwa- bedeuten und gefdjaffen haben, eS als Opfer ansehen, loenn sie diesen schwierigen und langwierigen Mechanismus an sich selbst erleben sollen. (Zustimmung linlS.) Ter Staatssekretär v. Bethmann, Hollweg nickt.) Tie großen organisatorischen Talente, bie Deutschland besitzt, Die es beweist in seiner In- dustrie und Landwirtschaft, Die großen Talente, von Denen Die SmibikatSbildungen der letzten Jahre fabelhafte Beispiele geliefert haben, sie haben sich mit Dem Problem Der Ersparung von Kraft und DeS georDnclen Mechanismus im parlamentarischen Haushalte bisher nicht beschäftigt. TaDurch ist bei un- Die Schwierigkeit vor, Händen, Daß wir große und kleine Tinge so wenig u n t e r s ch e i b e n. Ter Reichstag selbst ist in eine fleißige Tätigkeit hincingekommcn. wo man vor lauter Fleiß unb Arbeit bie eigentlichen großen politischen GesidsiSpunkte Der Nationalvcr» trciung in Der Mühe Des AlliagS fast auS Dem Auge verliert. (Sehr wahr.) Tas kommt uns auck zum Bewußtsein im gegenwärtigen Moment, wo Durch weite VolkSkrcise Das Gefühl eines Er­schreckens hindurd-geht. Wohin kommen wir mit Der bisherigen Methode Des Deutschen Reichstages? Id; spreche nidit von Dem Erschrecken Der Sozialdemokratie, der berufsmaßi- g c n Opposition. Diese haben uns alle schon immer für schlecht gehalten, infolgedessen sind auch die neuesten Erfahrungen für die keine besondere Enttäuschung. Ich meine im Gegenteil die- jenigen, Die m;t Herz unD Blut an dem Gedanken der vaterlän­dischen Macht hängen. Denen Die theoretische Frage, ob parlamcn» tarischeS, ob imperialistisches System, von HauS auS ganz gleich- gültig ist, wenn nurbieNationzuihremRechtckommt. Sie kleiden dieses tiefe Erschrecken, DaS noch tiefer privatim ist, als sie es in der Leffentlichleit mit Rücksicht auf DaS AuSlanD kund geben (Sehr wahr!), etwa in Die Fragen: wir haben Die große Arme unserer 22 Armeekorps! Wir haben eine Flotte, Die uns im Jahre 8400 Millionen Mark kostet. Wir tragen diese Lasten pro patria! Aber sie hoben nur einen Zweck, wenn wir auch überzeugt fein können, daß Diese gewaltigen Instrumente, Die mit Den Opfern der ganzen Nation ausgebaut sind, nun auch mit Der vollendetsten Sachkunde, Vorsicht unD technischen Akkuratesse geleitet werden. (Zustimmung link-.)

Sobald diese- Bewußtsein nickt vorhanden ist, dann fragen sich auch treuste Glieder des Vaterlandes: WaS haben die großen Rüstungen für einen Zweck, wenn wir wünschen müßen, daß sie niemals eingestellt werden? WaS haben Die Rüstungen für einen Zweck, wenn wir an unsere Diplomatie nicht rechl glauben ?, wenn wir Den EinDruck haben, Daß daS eigen­tümliche Vorkommnis, wie Herr von Kiderlcn-Wächter hier die Geschäfte des Auswärtigen Amtes im Deutschen Reichstag vertreten hat', typisch i st für die diplomatischen Fähigkeiten des Deutschen Reiches? (Lebhafte Zustimmung.) WaS ist da» für eine Empfindung gegenüber den nationalen Lasten, wenn der einzelne sagt: DaS große Wetter der Ge- schichte geht über uns hin. Noch heute kann eS vorkom- men, ober später, daß aus alten grauen Tagen heraus wieder ein­mal das Wort gemurmelt wird: Quidquid delirant reges, plectuntur Achivi. Wenn derartige Ansichten vorhanden sind, bann wird auf den Deutschen Reichstag geschaut, nicht aus Theorie, sondern weil man seine Augen aufmacht, ob cS denn überhaupt noch Stellen gibt, die eine Sicherheit in derartigen nationalen Sorgen bieten. WaS kann nun der Deutsche Reichstag tun? Er kann Gesetze anregen und korrigieren und amendieren und hat darin eine außerordentliche Fertigkeit erlangt. (Sehr gut! links.) Er kann die Verwaltung kritisieren, kontrollieren, da und Dort etwas bessern, dem einzelnen Sdwtzmann nachlaufen (Heiterkeit), Der in einer Versammlung erscheint, wo er nicht hingehört. Der Reichstag ist heute nur ein fleißiger Hilfsapparat her natio­