Ausgabe 
6.8.1908 Zweites Blatt
 
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Donnerstag 6. August 1908

Nr. 183

Zweites Blatt

158. Jahrgang

Erfcheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.

gesucht

oielle

schloß:

I 6. *

680

DieStetzener ZamUienblStter- werden dem »Anzeiger^ viermal wöchentlich beigclegt, das KreUblati für den Kreis Sieben" zweimal wöchentlich. Tie »Landwirtschaftlichen Seit- tragen" erscheinen monatlich zweimal.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sche» UniversuätS - Buch- und Steindruckerei.

R. Lauge, Gießen.

mecklenburgischer Abstammung". Ein OrtZepelin" liegt un­weit Butzow in ÄLccklenburg-Schwerin und^die ursprünglich slawischen Namen auf l ynb in, wie Berlin, Stechlin, Kröpelin werden auf der zweiten Silbe betont. Was aber für den Sprach­kenner die Frage entscheidet, ist das p bezw. pp in Zeppelin. Wäre dec Name allcmannisch, so müßte er, da das mittel- und nieder­deutsche p int Oberdeutschen überall zu ps verschoben worden ist, Zepslin" beißen, wie denn dieZäpsli" undZäpfle" im Schwabenland und in der Schweiz nicht selten angetroffen werden. So zu lesen in derFrkf. Ztg." Und sie hat recht.

Redaktion, Expedition und Dnickerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 6L

Redaktion: 1U Tel.-Adru AnzeigerDießen.

Zum Teufel mit Böcklin, Ich heiße Böcklin."

Unser freundlicher Leser bat Unrecht. Böcklin sandte aller­dings einst an die bekannte Dichterin Frieda 'Schanz, die in einem vuldigungsgedichte auf den genialen Künstler dessen Wanten so ein­gefügt hatte, daß er bei der Lektüre falsch betont werden mußte,

Deutsches Reich.

Das Kaiserpaar hat gestern von Stockholm aus die Rück­reise angetreten.

Der Oberpräsidialrat v. Liebermann (Danzig) gilt als zukünftiger Regierungspräsident in Osnabrück.

TieReichSfinanzresorm. Die Einladungendes Reichskanzlers an bestimmte Parlamentarier und Journalisten zum Besuch in Norderney zwecks Rücksprache über die bevorstehenden parlamentarisck-en Arbeiten sind einer parlamen­tarischen Korrespondenz zufolge nunmehr ergangen. Nachdem die Projekte für die Reichöfinanzreform von den einzelnen Bundes­regierungen genehmigt worben finb, ist im Rcichsschatzamt eine Denkschrift ausgearbeitct worden, die die Grundzüge der Reichs­finanzreform darlegt und eine Berechnung der neuen Bedürfnisse des Reichs aufstellt. Diese Denkschrift soll verschiedenen, inner­halb der Parteien maßgebenden Parlamentariern zugestellt werden, selbstverständlich streng vertraulich, und soll die Grundlage für die Norderneyer Konferenzen abgeben. Wie verlautet, soll beab­sichtigt werden, neue Mittel in Höhe von 300 Millionen zu schaffen.

Ein bürgerlicher Name für einen preußischen Prinzen. Wie demWiesb. Tagebl." aus Zürich gemeldet wird, beantragte gutem Bernehmen derZüricher Zeitung" zu­folge Prinz Joachim Albrecht von Preußen beim allerhöchsten Ehef des Hauses Hohenzollern die Genehmigung zum Austritt aus hohenzollernscknnn Familienverband und zur Annahme des bürger­lichen Namens Joachim Albrecht.

Rleiue» Feuilleton.

W i e i st der W a nt e Zeppelin z u betonen? Ein langjähriger eifriger Leser unseres Blattes schreibt uns vom Lande:

In dem Gedicht:Der Graf von Zeppelin" wird an vier Stellen der Versuch gemacht, den echt schwäbisch-allemannisch- schweizerischen Warnen Z ö ppclin (der am Bodensee sogar Zöppeli gesprochen wird- in einen Wanten obotritisch-mecklenburgischer Abstammung zu verhunzen. Ich möchte Sie bitten, diesem Un­fug alsbald in der Oeffentlichkeil entgegenzuwirken und daraus aufmerkfam zu machen, daß der große Maler Böcklin in gleicher Lage hinsichtlich der norddeutschen Verhunzung seines Namens sich mit einem Gedichtcl-en wehrte, das mit den Worten

tcnbctfiet,&'k

folgende Verse:

Wart, Frieda Schanz gleich komm ich mit i/cni sstodhn

Und klopf' dir aus dein Dichter-Unterröcklin: Zum Teufel mit Böcklin ich heiße Böcklin I"

Zeppelin ist keineswegs ein _fchwäbisch-allemanniich- schweizersicher" Warne. Die Zeppeline sind tatsächlichobotriti)dy=

HcutcAbcud9W w* im Hotel SG rc3c Beteiligung biltd Oei* Vorstand;

Mort gejucht. KiimcM. . Krankdeiten.

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Gderheffen

Lllexandec Koch-Darmstadt, bringt Wiedergaben dec Malerei auf der »Hessischen Landes- Ausstellung", voran die prächtige Baueinbraut von Professor Bantzer, dann Ludwig von HofmannS m Tust und Sonne badenden Nymphen, großzügige Landschaften von Bracht, Gauls Plastiken :c., int ganzen 28 Bilder mit eingehendem und kritisch gerechtem Text von Wil­helm Schölermaun. Groß ist heutzutage der Kreis berjenigen, die auf die Architektur ihr Hauptaugeumerk richten; ihnen werden die Schöpfnngeu des Pro'. Albin Müller vorgesührt in den Bildern des Gebäudes für angewandte Kunst und der eigenartigen archi­tektonischen Gartenaniage. Zu einer der aftucQjten Fragen der Gegenwart finden wir reiches Anschauungsmaterial in der nach­folgenden Serie der Arbeiterhäuser, denen eine ausführliche Tertbeilage jedes einzelnen Architekten beigegeben ist. Wir ge­winnen öen Eindruck, daß Darmstadt in der Erreichung positiver Resultate mit Stuttgart an der Spitze marschiert. Von den Re­sultaten, die mit der Schöpfnng des Arbeiterdorfes auf derHessi­schen LandeS-AiiSstellung' gewonnen sind, geben nicht nur Zu­sammenstellungen der Außen- und Innenansichten und Grundrisse Auskmift, sondern jeder einzelne Architekt kommt in dem Begleit- texte selbst zu Wort und macht genaue Angaben über wifseiis- werte Details.

Kleine Chronik au» Kunst und Wissenschaft. Professor Robert Koch wirb als offizieller Delegierter der deut­schen Regierung am Intern. Tuberkulose-Kongreß teil- nehrnen, Ser vom 21. September bis 12. Oktober in Washing - ton tagt. Außer dein berühmten Bakteriologen entsendet die deutsche Regierung den Geh. Lber-Medi;inalrat Prof. Kirchner, vortr. Rat im preußischen Kultusministerium, unb den bekannten Würzburger Kliniker Prof, v- Lende, als ihre Vertreter. Wie , aus Tokio geschrieben wirb, hat der Kaiser von Japan dem Prof. Dr- Erobert rioch in Anerkennung feiner Verdienste um die medizinische Wissenschaft auf dem Gebiete der Bakterwlogie in Japan eine silberne Schale mit dem kaiserlichen Wappen zum Geschenk gemacht. Ein Mitglied des Kurorch.'fters in 'N an­heim, Gust. Kaempf, hat dem zturdiretcor einen Marsch gewidmet- Freiherr von Starck «prach den Wunsch aus, den MarschBad- W a u I) e i m e r T e r r a s s e n m a r s ch" zu benennen. Unter die­sem Titel wird der Drarsch im Laufe der nächsten Woche auf einem Nauheimer Konzert-Programm zu finden fein.

ilNitschet

2)Lal e r e i, Architektur, K l e i u - W o h u u n g s - [ u n st in Dar m sta d t. Tie August-Nummer der Darmstädter Kuustzeilfchrist: .Deutsche Kunst und Dekoration", Verlagsanstalt

Aus Stadt und Land.

Gießen, v. August 1908.

LU. Dem Professsor Dr. ph.il. Karl Woqcf, Oberlehrer i. R., wurde die venia legendi bei der philo­sophischen Fakultät für daS Fach der Physik erteilt.

" Uebertragen wurde am 1. August dS. IS. dem Lehrer August Greb zu Bischofsheim eineLehrerstclle an der Gemeindeschule zu Zwingenberg, Kr. BenSheim; dem Schul- amtSaspiranten Peter Grimm aus Mommenheim eine Lehrer­stelle an der Gemeindeschule zu Biblis, Kr. Bensheim.

In den Ruhestand versetzt wurden am 1. Aug. d. IS. die Lehrerinnen an der Viktoriaschule zu Darmstadt Mcmie Mootz und Wilhelmine v. Zabern, beide auf ihr Nachfuchen, unter Anerkennung ihrer langjährigen treuen Dienste.

Zur Landtags wähl. Wie die tf£)ffenb. Ztg.' erfährt, finden die Wahl männer-Wahlen am 25. oder 26. Oktober statt.

*'Das Herrenzimmer im Oberhess. Hause, ge­liefert von der Möbelfabrik des Hoflieferanten Th. Brück in Gießen, ist nach Frankfurt a. M. verkauft.

** Eine mysteriöseGeschichte. Aus einem Buch- binberladen sind seit 28. v. Mts. 10 BändeGanghofer", 2 BändeEschstritth", 1 Kriminalroman und ein Pro be­händ mit dem Stempel der Buch- unb Kunsthandlung PH. Pfeiffer, Gießen, die zu einem Packet mit grauem Papier zufammengepackt, zum Einbinden dort abgegeben waren, auf rätselhafte Meise abhanden gekommen.

Die Schnaken plage tritt in der letzten Zeit lvieder in einem Maße auf wie selten zuvor, trotz der Tätig­keit unserer Schnakeilvertilgungskomiuission. Einsender sprach dieser Tage mit seinem Nachbar darüber, wie dies möglich märe, das Ungeziefer müßte doch eigentlich immer mehr ver­schwinden. Dieser, schnell in seinem Urteil, meinte, es seien nur zivei Fälle möglich: entweder taugten die angewandten Mittel nichts oder die bei Beginn ihrer Tätigkeit so hoffuungS- freubig begrüßte Kommission walte ihres Amtes nicht in richtiger Weise. Schreiber dieses kann diesem Urteil nicht unbebingt zustimmen, meint aber, eS wäre für die maß­gebende Stelle zeitgemäß, nachzuforschen, ivorin das dies­jährige massenhafte Auftreten dieser Plagegeister der Mcnsch- heit seinen Grund hat, und entsprechende Maßregeln für nächstes Jahr zu treffen. Wie uns versichert wird, mußten dieser Tage in der Gegend des Nodbergs auf dem Felde arbeitende Leute ihre Tätigkeit der Schnaken luegen vorzeitig abbrechen, also >virklich vor diesen flüchten, Beiveis genug, baß der Einsender vorstehender Zeilen nicht übertrieben hat.

Klein-Linden, 5. Ang. Selbstmord. Heute nachmittag um y25 Uhr wurde in der Nähe des CrteS ein 1618 Jahre alter Mensch erschossen aufgefunden. Neben ihm lag ein älteres Fahrrad Nr. 1006, das s. Zt. beim KreiSamt als verloren angemeldet worden war. Die Persön­lichkeit des jligendlichen Selbstmörders, der sich eine Kugel ins Herz geschossen hat, konnte bisher nicht festgestellt werden. Tie Leiche wurde nach Großen-Linden gebracht. Nach einer späteren Mitteilung, die uns von anderer Seite zugegangen ist, handelt es sich um den 20 Jahre alten Karl Gieß ans Neustadt bei Kirchhain, der zuletzt als Metzgergeselle in Lollar tätig war.

91. Oden hausen, 5. Aug. Hier verunglückte gestern abenst ein junger Mann, der Sohn des Bürger­meisters Lang, dadurch, daß ihm das Pferd an einer ab- schlissigen Wegestelle mit dem Wagen durchging. Ter Wagen schlug um, ging auseinander und das noch junge Pferd raste mit dem Vorderwagen, auf welchem L. saß, den steilen Berg hinab. Als sich auch der Vorderwagen loslöste, muß L. entweder in dem Leitriemen oder in den Zugketten hängen geblieben sein und wurde so noch ungefähr 150 Meter geschleift. Blutüberströmt wurde er auftjefunben und von einigen Männern ins Dorf getragen, wo ihm die erste Hilfe­leistung zuteil wurde. Herr Tr. Kunz von Allendors,^ der sofort gerufen wurde, verband sodann die am Kopse sehr starke Wunde. Ter ganze Körper ist mit Beulen unb starken Quetschwunden wie übersät. Nach Aussage des Arztes ist Lebensgefahr nicht vorhanden. Tas Ganze ist eine schwere Warnung für Fuhrleute, an solch steilen Bergen sich nicht auf das Fuhrwerk zu fetzen.

Alsfeld, 4. Aug. Landwirte aus der Umgegend grün­deten vor einigen Tagen eine Viehverwcrtungsgenossen- schaft (eingetragene Genossenschaft mit beschränkt:,: Haftung) mit

iflÄUlciu -

Der Vortragsabend in Steins Garten War gestern sehr gut besucht. Herr Professor Sommer legte zunächst in einer Einleitung kurz den Hauptzweck des Kursus über Familienforschung und Vererbungslehre dar. Man sei dort bestrebt, Methoden zu finden, um in die Cinzclpersönlichkeit einzudringen und zu erforschen, in wel­cher Weise sich bestimmte geistige Eigenschaften vererben, so daß das herauskommt, was man eine Persönlichkeit nennt. Wenn man bedenke, in welcher Weise Persönlich­keiten wie Goethe und Bismarck in das Leben der Menschheit eingegriffen haben, so werde mau verstehen, warum gerade diese beiden Männer an diesem Vortragsabend über Ver­erbungslehre behandelt würden.

Nach dieser kurzen Einleitung sprach Herr Tr. Kekule v. Stradonitzi überBismarck vom Standpunkte der Vererbungslehre". Immer ist die Erforschung der Herkunft eines Menschen so führte er aus von hohem Interesse. Besonders aber von Menschen, die von Bedeutung gewesen find, «chon seit langer Zeit hat mau sich an die Darstellung der Lebensläufe bedeutender Männer heraugernacht, aber gewöhnlich bewegte mau sich hierbei in sehr engen Kreisen. Rechtlich hat man die Vererbung deS Familiennamens auf die männliche Linie beschränkt. Man erkannte wohl, daß jeder Mensch mit seiner Geburt in zwei, genauer genommen, m vier Familien hiueiiigeboren wird. An die Vererbung von geistigen und körperlichen Eigenschaften dachte man hierbei aber doch wenig. Erst mit der Schwannschen Er-

Ausland.

Der Sultan hat das Eutlassuugsgesuch desGroß- Wesirs und des gesamten Ministeriums a n g en o m- m c n. Im Aildiz dauern die Beratungen über die Bildung eines neuen Ministeriums fort. Extrablättern zufolge ist der frühere Minister Rami Pascha in dem Augenblick, als er sich auf ein Dampfschiss begeben wollte, von der Polizei und der Volksmenge sestgenommen morben.

Der erste Sekretär des Sultans Tacksin Pascha wurde a b g e s e tzt. Gegen ihn und gegen den abgelebten Marine­minister Hassan Pascha würben Haftbefehle erlassen.

Ein Opfer der VolkSjuftiz. Ter im Februar 1907 auf Beschwerde des bciiti'cbcn BolsäMers abgesetzte Chef der Ge- heimpolizei, Fehim Pascha, der seine Amtsgewalt zu zahlreichen Verbrechen mißbraiphte, ist heute auf der Flucht van seinem Ver­bannungsort Brussa der Aolksjustiz zuni Opfer gefallen unb er­schlagen worden. i

Ermordung eines Konsuls. In der vergangenen Nacht ist der russische Konsul Poppe in Tientsin von einem uu* bekannten Mann schwer verletzt worden. Die llri'adje des Ver­brechens ist noch nicht sestgestellt.

Naisuli. Bvu Aouba griff gestern abend daS Dorf Ain Halufa bam Garb Raisulis an. Er zerstörte bas Dorf unb steckte es in Brand. Infolgedessen begab sich heute Raisuli mit 50 Bewaffneten zur englischen Gesandtschaft in Tanger und for­derte Wiebererstuttung seines Hab unb Gutes, wibrigenfalles er auf den englischen Sdjuib verzichten unb sein früheres Leben wiebcr beginnen würbe.

ißljältctinM ..Oktober Stellung.v iWe Angeb. um. M ii Gichencr Anzeiger tri ein IMriges MK ngSliber Stellung gefut )Iten zu Kind. Zu erfrage

Löwengaffe 1& Mtioi&Slödjin such! M, )aslSköchitiv.l.Sevl.Äck ittenber^r, Selters. 5

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forschen, unb erwähnte hierbei die nicht durchweg zuver- lässtgen Taaebuchaufzeichnungcn Senckenbergs über Anna Margarete Lindheirner. Redner ging bann näher auf bic Persönlichkeit be* Vaters dieser Frau ein und auf seine schriftstellerische Tätigkeit, in der sehr vieles an Goethe erinnert Neu und bedeutungsvoll war das, was der Vor­tragende über Ferdinand Lindheirner mitteilte, der and) in diese Familie hineingelwrte und auffallend viel ver- wandtsckiaftliche Züge mit Goethe zeigt. Er ivanderte in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts nad) Texas und Mexiko aus und lebte jahrelang als Waturforftfjcr, als Botaniker in der Einsamkeit. In feinen Schilderungen der Flora von Texas und Mexiko zeigt sich eine Freude am Optischen und eine phänomenale Fähigkeit, Farben zu schil­dern, genau so wie bei Goethe. Man findet bei ihm einen ausgeprägten Zug bet Entwicklungslehre, wie bei Goethe in der Metamorphose der Pflanzen. Dem Redner waren diese Züge bei Ferdinand Liudheimer ausgefallen, ohne daß er fick) im Anfang des verwandtschastlick>eu Zusammenhangs zwischen Ferdinand Lindheimer und Goethe bewußt gewesen wäre. Er erfuhr die Tatsache erst später.

Die direkte Ahnenreihe, so führte der Redner ans, ist nicht das wesentliche, sondern es kommt darauf an, ob in den Seitenlinien Eigenschaften auftauchen, die ähiilich ind. Der Zweck dieser wissenschaftlichen F-orschungen, so schloß Redner, ist es, die genealogischen Interessen mit den naturwissenschaftlichen Interessen zu verbinden, so daß eine einheitliche Richtung in der Vererbungslehre und Familien­forschung entsteht. ______________________________________

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kenntnis vom zelligen Aufbau der Organismen, feit 1839, wurde der Gedanke zum G.'samtyut, daß der Mcnsck) etwas Keimsubstanz von einem jeden ferner Ahnen ererbe. Redner Icat dann weiter die Begriffe: Ahnen, Ahnentafel und Ahnenreihe dar und streifte dann kurz das Werk von Ottokar Lorenz über wissenschaftliche Genealogie, das dieser For­schung neue große Anregung gegeben habe. Redner ging sodann näher auf Bismarcks AhnenRifel ein, nachdem er AUüor noch kurz auf zwei in letzter Zeit erschienene Werke hingetviescn hatte: Lomer,Bismarck im Lichte der Na­turwissenschaft", und Tr. Georg Schmidt,Tas Geschlecht von Bismarck". Ob das Geschlecht der Bisinarcks erst 134.5 durch Belehnung mit dem Schlosse Burgstall adlig geworden sei, diese Frage ließ Redner unberührt. In der Altmark, so führte er aus, liegen die Wurzeln der Kraft des Bismarckschen Geschlechts. Vater, Großvater und Urgroßvater Otto non Bismarcks, sie waren alle Rittergutsbesitzer und Offizier. Der Ururgroßvatcr war ein Gelehrter. In der Ahnen­tafel Bismarcks findet man zwei bedeutende Momente: ein Ahnenverlust und die Abstammung vom Feldmarschall Tersf- linger. Unter Ahnenverlust versteht man das mehrsack)e Auf­treten desselben Ehepaars in einer Ahnentafel Terfflingcr erscheint zweimal auf Bismarcks Ahnentafel, und das ge­währt mancherlei Ausblicke vom Standpunkte der Ver­erbungslehre. Redner betrachtete nun näher die Vorfahren Bismarcks von mütterlicher Seite. Seine Mutter, eine geb. Menken, war eine bedeutende Frau, schön, klug und hoch­gebildet für ihre Zeit und hatte bedeutende Vorfahren. Es war eine alte Gelehrtenfamilie, die ihren Ursprung im Oldenburgischen hatte. Ihr Vater, Großvater und Urgroß­vater sind sämtlich berühmte Professoren der Rechte gewesen. Man denkt hierbei unwillkürlich daran, welch ein großes juristisches Genie auch Bismarck gewesen ist. Seine Körper­größe hat Bismarck vom Geschlechte der Mutter nicht In seiner Ahnentafel treten Rechtsgelehrte und Vcrwaltungs- menschen mit Soldaten unb Krauljunkern zusammen. Unb so entsteht diese einzigartige Persönlichkeit des ersten Reichs­kanzlers.

Von den Ahnen Bismarcks fesselt vor allem die Gestalt des Michael Bütncr, eines hervorragenden Juristen, dessen Charakter in seinen Grundzügen ein erstaunlich getreues Spiegelbild des Charakters Otto v. Bismarc^o ist. In Bis­marck bereinigt sich ein altes, psychisch hochstehendes, aber physisch schwaches Geschlecht, mit einem körperlich hoch­stehenden, geistig aber das Turchschnittsmaß nicht über« teigenbem Geschlecht.

Zum Schlüsse betonte der Redner, daß er von mate­rialistischen Erklärungsversuchen weit entfernt sei. Er sprach aber den Wunsch aus, das; die Naturwissenschaften unb bie geschichtliche Forschung sich die Hand reichen möchten zu einer besseren Erkenntnis der Vererbungslehre.

Nach einer kurzen Pause sprach Herr Professor Dr. Sommer überGoethe vom Standpunkte der Vererbungs­lehre". Der Vater des kaiserlichen Rats Goethe, des Vaters des Dichters, stammte aus Artern, kam als Schneidermeister nach Frankfurt und heiratete dort bic Schellhorn unb würbe Gastgeber. Webner wies bei Betrachtung dieser väterlichen Abstammung Goethes auf den aufstrebenden Zug zum geisti­gen Genuß hin. Ter Vater der Frau Rat Goethe, Johann Wolfgang Textor, hatte eine bedeutende juristische Karriere durchgeniacht und mar mit Anna Lindheimer aus Wetzlar vermählt. In der dritten Ahnenreihe ist die Familie also schon nicht in Frankfurt ansässig; sie geht auf Gießen, Mar­burg und Fraiikenbcrg zurück. Bei der Vererbungslehre, so führte der Redner im weiteren Verlaufe seines Vortrags aus, dürfe man fick; die Vererbung durch das Keimplasma natürlich nicht so denken, daß sich eine Unsumme von Persönlichkeit vererbe. Tas sei nicht möglich. Der Prozeß spiele sich jedenfalls so ab, wie es die Botanik dar­lege, daß es sich nur um die Vererbung dominierender Merkmale handle. Während Goethe mit seiner Mutter, äußerlich betrachtet, gar keine Aehnlichkeit hatte, obgleich sie in geistiger Beziehung dock) so viel auf ihn übertragen hatte, sah er der Mutter feiner Mutter sehr ähnlich. Sogar die kleinen morphologischen Asymmetrien finden sich bei ihm wieder: wie bei seiner Großmutter, so weicht auch bei ihm das eine Auge von der Worinalftclluug ab; auch die gleiche Führung der Augenbrauen zeigt sick; bei ihm. Redner hält es für sehr interessant, das Leben dieser Fxau näher zu er-