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5.5.1908 Erstes Blatt
 
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Nr. 105

Der Sletzener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich SichenerZamilienblätter; zweimal wöchentl.Areis- vlattsSrden Ureis Gießen (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Land- wtrlschaftitche Settfragen Fernsprech Anschlüsse: hu die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse tür Depeschen:

Anzeiger Gießen.

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Erstes Blatt

158. Jahrgang

Dienstag 5. Mai 1908

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Rotationsdruck und Verlag der vriihl'scheir Univ.-Buch- und Steindruckeret. R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchuistrahe 7.

Bezugspreis: monatlich 75M., viertel­jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Alk.2. viert el- lährl. ausjchl. Bestellg. Zeilenpreis: lokcElbPf^ auswärts 20 Pfennig.

Verantwortlich für den politischen Teil: E. Anderson; s. Feuille­ton undVermischtes" P. Wittko; sür ,©tabt u. Land" undGerichts­saal": E. £cb; für den Anzeigenteil: H. Beck,

Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.

Krieg mit Afghanistan.

Der neueste Aufstand an der indischen Grenze scheint nur das Vorspiel zu einem ernsten Kvnslikte zwischen England und Afghanistan zu sein. Tie Lage wird als sehr ernst geschildert. Man befurchtet einen offenen Krieg mit Afgha- n ist an. Ter Times wird aus Simla gemeldet, daß seit dem Angriff auf Landikotal tatsächlich schon ein inoffizieller Krieg mit Afghanistan geführt wird. Eine afghanische Bande, bestehend aus 15 bis 20000 Mann, die Freitagnacht die Grenze verlassen hatte, versuchte am Samstag ein Blockhaus und eine Karawanenstation am Michusslusse- zu überrumpeln. Ter An­griff währte die ganze Nacht bis zum Morgen. General Wilcox griff gestern früh die Afghanen auf den Hügeln westlich von Lauditotal an, wobei er nuc auf geringen Widerstand stieß, da der feindliche Führer gleich zu Beginn des Gefechtes entflohen war. Tie Afghanen wurden sämtlich über die Grenze geworfen. Auf englischer Seite wurden ein Offizier und zwei Gemeine ver­wundet. Von verschiedenen indischen Maharadschas werden der Regierung Truppen angeboten. Von offiziöser englischer Seite wird die Lage freilich einstweilen noch als leineswegs bedrohlich hingestellt, aber wenn man dem gegenüber die Privatmeldungen aus Indien in Betracht zieht, daun kann man in der Tat an den Kriegsabsichten des Emirs von Afghanistan kaum noch zweifeln. Um die Haltung des Emirs zu verstehen, muß man sich vergegen­wärtigen, daß der jetzige russisch-englische Vertrag ihm als eine Bedrohung erscheinen muß. So lange Rußland und England in Afghanistan Rivalen waren, könnte dieses Land sich verhältnis­mäßig sicher fühlen. Ter neue Vertrag aber stellt Afghanistan unter die Bevormundung Englands, und das ist es wohl, was dem jungen tatkräftigen Emir die Lage unerträglich macht.

Stimmungsbild üüs" öem Neichstage?

Berlin, 4. Mai.

Kehraus! Die Gesctzgcbuiigsmaschiue arbeitet mit Dampf, beim man ivill nach Hause. Drei wichtige Gesetze erledigte man in der siebenstündigen Sitzung in zweiter Lesung, und ihre endgültige Verabschiedung erwlgt schon morgen oder übermorgen. Jm'tetzteu Teile der Sitzung mutzle Herr Sydoiv als ochildhalter der Regierung recht unwirsche Worte hinnehmen wegen ihrer Haltung bei den B e s o l d u n g s w ü n s ch e n d e r B e a m t e n s ch a s r, deren Hinaus- jchieben auch die Teuerungszulagen als solche zu einem Stückiverk macht. Von einem testimonium paupertatis der Regierung sprach der Freisinnige vr. Eickhoff und er meinte es im wörtlichen und im übertragenen Sinne, und der Stationalliberale B e cl-He>delberg richtete an fte die ernste Mahnung, wenigstens im Herbst nicht zu versagen mit) der bösen Stimmung in den Kreisen der Beamten Rechnung zu tragen, die Verbillerung nicht chronisch iverden zu lassen. Dieselbe Melodie variierten Konservative, Zentrum und Sozialdemofratcu, aber man in ;m schließlich Die 23 Millionen für die Beamten, weil dem Nein des Herrn Sydoiv ein Mehr nicht abzuringerl ivar.

Derselbe Herr Sydow dürfte zu Beginn der Sitzung recht sreui-dliche Worte des Tankes, der Befriedigung und der Anerkennung entgegennehmen, und das gleichfalls bei einer Vorlage, bei der es sich um Beihrlsen für die Beamten handelt. Freiilch nur für die Beamten in den O ft m arte n. Hier hatte kaum noch jemand darauf gerechnet, daß die Resolution des Reichstags, die zu einer Aktion des Blockes gervorden ivar, noch in diesem Jahre den Reichs­beamten an der östlichen Grenze zu der Zulage verhelfen wurde, die ihre preußischeu Kollegen schon seit Jahren beziehen. Aber Herrn Sydoiv ist es doch noch gelungen, seinen einzel- staatlichen Kollegeii die hierzu erforderliche Million abzuknöpsen, und daran, das; die verlangte Unividerruslichkeit nur sür die Dauer eines Rechnungsjahres zugestanden ivird, nahm von den Block­parteien keine Anstoß; man überließ es dem Zentrum, dem In­grimm über seine Kaltstellung auch bei dieser Gelegenheit Ausdruck äii geben, und der Sprecher der lmksliberalen Fraktionsgemeiuschaft Dr. Pachnicke begnügte sich damit, noch einmal in kurzen Worten die Gründe zu markieren, die die Freisinnigen zur Leivilligung Der Zulage sichren mußten.

Das dritte Gesetz, das zwischen den beiden Beamtenvorlagen erledigt wurde, ist die neue Ai- u n d G e w i ch t s o r d n u n g. Drei Jahre hat der Enttvurf den Reichstag beschäftigt, so gründlich und eingehend, daß maii bei dieser recht schwierigen Materie von einer KonunissionSberatung doch abseheii zu können glaubte. Und es ging auch so. Etiva ein Dutzend Anträge wurde in der heutigen

zweiten Lesung gestellt, aber sie alle fielen unter den Tisch und die Vertreter der Gemeinden mit Eichämtern, die nun­mehr v e r st a a t l i ch t w e r d e ir s o l l e n , w a r e n s ch l i e ß l i ch zufrieden mit der Zusage möglichster Schonung der kommli n a l e n F i n a n z e n u n d Gewohnheiten durch die Regierting. In der Frage der Eichmtg der Förderwagen im Bergwerksbetriebe Hatteil die Sozialdemokraten Anträge gestellt, deren Undnrchsühr- barfeit der Vertreter der Pretißischeil Vergverwaltung überzetigend nachwies.

Deut-ches Ncöeh.

Zwischen Preußen und Bayern haben auf Grund neuerlicher beiberfeitiger Vorschläge in Weimar Konferenzen wegen einer deutschen Güterwagengemcinscyaft stattgefun­den. Sie bezogen sich, wie dieM. N. N." melden, in unverbind­licher Meise zunächst auf den Teilungsschlüssel und die rech­nerischen Grundlagen. Die Verhandlungen weco.'n fortgesetzt und versprechen, zu einem guten Endergebnis zu führen.

Dem Staatssekretär T r. R i c b c r b i n g, der seit dem Jahre 1893 bas Reichsjustizamt verwaltet, sind aus Anlaß seines 70. Geburtstages zahlreich briefliche und telegraphische Glückwünsche zugegangen. In erster Linie gedachte der Reichs­kanzler Für st v o n B ü l r> w von Vencbig aus seines langjährigen Mitarbeiters in der Reichsregierung. Den persönlichen Beglück­wünschungen, die ihm in nicht minder reicher Zahl zug.'dachc waren, hatte sich der Staatssekretär durch eine kurze Erholungsreise ent­zogen.

Tie sozialliberale Vereinigung für Rhein­land-Westfalen hat in Essen ein Vertrauensvotum für Dr. Barth beschlossen, bleibt jedoch in der freisinnigen Vereinigung, um den durch den Austritt von Barth und Genofsen geschwächten Partei',lüget nicht noch mehr zu schwächen.

Der Schiedsspruch für das deutsche Bauge­werbe wurde in Berlin auch von allen Arbeitnehmerorgani­sationen angenommen; dadurch ist der Friede im deutschen Baugewerbe bis 1910 gesichert.

P r o f. Schnitzer in M ünche n. Wie Jetzt feststeht, wird Professor Schnitzer nicht wieder auf seinen Münchener Lehrstuhl zurückkehren.

Abtretung der W a l f i s ch b a i an Deutschland. Einer Meldung eines Kapstadter deutschen Blattes zufolge sollten zwischen den zuständigen deutschen, englischen und Kapinstanzen Verhandlungen über bte Zukunft der Walfischb ai, d. h. über ijrc eventuelle Abtretung an Deutschland gegen Zuge­ständnisse in ber Frage der Bagdadbahn eingeleitet worden seien. An dieser Meldung ist, wie dieTagt. R." von zuverlässiger südafrikanischer Seite erfährt, etwas Wahres. Man werde nicht sehlgehen, wenn man dem bevorstehenden Besuch des Kvlonialstaatssekretärs in Kapstadt auch vom Gesichtsvunkte der Frage der Walfischbai aus besondere Bedeutung bei mißt.

Ausland.

Der Herzog v o n E u m b cr l a n d hat bekannt gegeben, daß er un nächsten Monat, wenn Die Satzkammergnlbeivohner Dem Kaiser Franz Joses gelegentlich seiner Fahrt ztun Somuteransentyalt in Ischl ihre Huldigung zum Jubiläum Darbringen, mit feiner Familie und seinem gesamten Hofstaat ebenfalls erscheinen uni) Dem Monarchen aus dem Wiener Bahnhof bulingen wolle.

Der h r e r d e r I u n q t s ch e ch e n H os r a t D r. H e r o l d ist letzte Nacht int Alter von 58 Jahreit in Prag gestorben.

Der Reichskanzler F ü r st B ü l o iv ist mit Der Fürstin, begleitet von dem GejaitDten von Flotoiv von VeneDig abgereift

E t n e n g l t j ch e r H e l; a p o st e l. General Baden-Poivell, einer der wenigen englischen Offiziere, Die sich im Burenkrieg aus- zeichneten, hielt gestern in Newcastle ornTyue eine Rede an die dortigen Offiziere unb Unteroffiziere ber neuen territorialen Armee, in welcher er ausführte, daß die G e f a h r e in e r D e u t s ch e n Invasion Englands v o r l i e g e. Deutschland sei der natürliche Feind Englands. In Hamburg lägen genug Schiffe, um 120 000 Alaun m dreißig Stunden an Bord zu nehmen. Die deutsche Flotte sei genügend kräftig, um die Meer­enge von Dover zu blockieren. Diese Gefahr zwinge England, die neue territoriale s2lrmee anszubilden, um im Ernstfälle gerüstet zu sein.

Eine Gemeinde, die nicht wählen will. In der Gemeinde Riols im Departement Hstantt konnte feine Wahl statt- finben, da fein Kandidat aufgestellt und auch fein W a h l- b u r e a n vorhanden war. Diese Ortschaft ist bereits seit einem

Jahr ohne Bürgermeister und Gemeinberal und will auch weiterhin in diesem Verhältnis bleiben.

R e p li b l i k a n i s ch e E i n f a ch h e i t. Ter Senat der Ver­einigten Staaten hat den Einkauf von eigenen Gebäuden für Die amerikanischen Botschaften im Auslande abgelehnt, cr verlangt, daß man auch fernerhin bei der republikanischen Einfachheit verbleibe.

Die Lage in Persien. TieTimes" meldet ans Teheran: Tie Situation in Persien ist ernst, die Provinz Aserbeidschan hat sich für unabhängig erklärt.

Tie Streitigkeiten zwischen Peru und .Columbien wegen des strittigen Geländes am Rio Porlonayo dauern fort. Nach den letzten amtlichcit Nachrichten ans Hanaos hatte dort eine wirkliche Schlacht stattgesimden, bei der 50 Menschen gefallen sind.

Das 5» jähr. DienWbsläum bes Geh. Regierungsrats Schönfeld zu Schotten.

(Originalartikel desGieß. fMnj.") (Schluß.)

Wenn ich nun weiter über den Sonntag, den Hauptfesttag, berichte, so muß ich mich sehr kurz sassen, der Bericht würde andernfalls eine ganze Zeitungsnummer ausfüllen. Um 10 Uhr begannen die Gratulationen, als erste Abordnung über­brachte der Stadtvorstand feine herzlichsten Wünsche, Andere Gratulanten folgten, die Herrsckwften des Licker ind Lau- bacher Hauses fuhren vor. Unablässig füllte sich das Kreisamtsgebäude, wahrend draußen die Kapelle der 61 er konzertierte. Tie Bürgermeister des Kreises Schotten überreichten durch eine Abordnung ihr Gruppenbild, ber Kreis Schotten ließ einen goldenen Becher überreichen; vom Bczirkskriegcr- v er band wurde eine künstlerisch andgearbeitetc Adresse mit Er­nennung zum Ehrenmitglied überreicht; während Der Landwirt­schaftliche Bezirksverein Schotten ebenfalls eine Ehrenurkunde mit Ernennung zum Ehrenmitglied überbrachte, ließ der Pro- vinzial-Ausschuß ebenfalls ein Gruvpenbild durch Provinzial bireiior Geheimerat Dr. Breidert übersenden. Tic israelitische Reiigionsgemeinbe Schotten sanbte ein hübsches Blumen-Arrange­ment, während Kreisrat von Bechtold in Lauterbach eine Photo­graphie seines Großvaters, des früheren Staatsministers von Bechtold überreichte, bei dem Geh. Regierungsrat Schönfeld seinerzeit seinen Akzeß gemacht hat. Neben den vielfachen Gratulationen wurden noch andere Zeichen der Liebe unb Hoch- schätznng überreicht. Wir wollen hier noch erwähnen, daß am Samstag abend eine Anzahl Gießener Herren zu Ehren dcs Geheimen Regierungsrats Schönfeld auf dein » o h e r obs - köpf ein Freudenfeuer abbrannten. Das e j't esse n int Hotel zur Post bereinigte etiva 100 Teilnehmer, wobei ver- schicbene Reden gehalten wurden und nanicnrltd? bieieniae de- Provinziutdir^ttoc.' Geheimerat Dr. Breidert hervorgehoben zu werden verdient. Nach dem Festessen schritt der Jubilar mit seiner Umgebung die Front der inzwischen zur Aufstellung ge­kommenen etwa 1100 Kriegervereinsmitglieder ab, worauf sich der Festzug zur Turnhalle bewegte. Kaum vermochte die Halle unb ber überbuchte Garten bic Fest'.eilnehmer zu fassen. Einer Begrüßungsansprache folgte solgenbe Festrede von Professor Dr. Biermcr -Gießen:

Die heutige Feier, bic frohe Teilnehmer von nah unb fern hier zusammengeführt hat, trägt ein ganz eigenartiges Gepräge. Sie verrät trotz ber großen Zahl der Festgenossen in allen ihren Programmounkten einen gewissen intimen, ja familiären Zug. Und in der Tat sind die heute von allen Seiten so herz­lich bci gebrachten Glückwünsche bem väterlichen Ober Haupte eines btnhenben Kreises, bem erprobten Meister einer erfolgreichen Beamtenschulc, dem allverehrten Mittelpunkte einer stattlichen Gemein-be von anhänglichen Freunben unb aufrichtigen Ver­ehrern geroibmet. Unser Herr Jubilar stellt in seiner lang­jährigen, reich gesegneten Wirksamkeit eine besonbers glückliche Vereinigung einer älteren, mehr patriarchalischen Periode, mit ber bes ntobern unb rasch pulsierenben, großzügigen Staats- lcbenS unserer Zeit bar. Viele Patrioten, die in der Volks­seele zu lesen gelernt haben, sehnen sieb gelegentlich nach jener Zeit zurück, wo man die Interessen aller Art und die Eigenart eines kleineren Gemeinwesens, des Teilverbandes des ösfent- lichen Organismus, in dem obersten Beamten dieses Bezirks verkörpert wußte, so daß der Kreis- ober Lanbrat mit ben Kreiseingesessenen eng verwachsen war unb mit ihnen bauernd als ihr berufener Sachwalter verbunden blieb. Durch diese

Prokfiüerfantmhing des Deutschen Goethe-Bundes.

Aus Berlin, 3. Mai, wird uns geschrieben:

Unter zahlreicher Beteiligung von Schriststellern, Künstlern, Politikern unb auch Damen trat heute der Deutsche Goethe- bund zusammen, um gegen die Angriffe auf die Freiheit der Wissenschaft und K u n ft zu protestiere n. Sämt­liche 14 Goethebünde des deutschen Reiches waren vertteten. Die Versammlung wurde von Ludivig Fulda geleitet. Er begrüßte die Erschienenen. Die Freiheit, der sich jetzt Kunst und Wissen­schaft erfreue, gleicht nur der Freiheit des entlassenen Sträi- kings, der unter Polizeiaufsicht steht, und der jeden Augenblick ioieber ins Loch gesteckt werben kann. Wir leben aber in «inent Zeitalter des Autos, nicht in dem des Anto-dafe. Wir vollen zurück nach dem Fridericianischen Zeitalter-, als noch jeder Mch seiner Fasson selig werden konnte. (Lebh. anhaltender Beifall.)

Reichslagsabg. Prof. Stengel (Greifswald), besprach die ßage der Universitäten. Der Staat besolde die Be- tinten und er glaubte daher auch das Recht beanspruchen zu dürfen, daß sie sich nach seinen Wünschen richten. Tie volge seien Konflikte mit freiheitlich denkenden Männern. Ter Sfonn, beer am schlimmsten in biefer Bezichuirg gesündigt hat, Gtubt, ist nicht mehr im Amte. Hoffentlich wird nun em anderer ^eist im prcuß. Kultusrninisteriuni herrschen. Tie Selbständig- >nt der Universitäten darf nicht angegriffen werden. Sic ist aber licht nur voni Staate bedroht, sondern auch von ber Kirche, vreimülige Männer wie Ehrhardi (Straßburgj. Ermann (Münster) xrd Schnitzer (Ntüncheni mußteii schließlich nachgeben, nwil der vtaat und die Oesfcntlichkcit sie nicht stützte. 5)ier muß Wandel öejchaffen iverden. ,

, Mit lebhaftem Beifall begrüßt, sprach dann Reichstagsabg

Naumann über das Schul w e s e n: Ter Goet^-Bund teill die Stimme der Bildung sein. Wir brauchen diese Lrgaiü fetioncu, weil die Gebildeten sich um die öffentlichen Dinge nicht kümmern. Da kommt einmal em Augenbltck, daß ber Gebildete anfwacht und sagt : Was tut Ihr ba? Das geschieht, wenn der Theaterdichter nicht mehr dichten barr, wie « will. Tie Gebildeten befümmem sich nur um das, was sic Vwsönlich angeht. Was liegt ihnen daran, wie in Preußen re- S'.ert wird. So kommt eine Politik zustande, für bic ein milder anb persönlich nicht einmal abstoßender Ausdruck Herr Studt tjy, Er Ivar nur eine mildernde Auflage der prerchischen Volks­

vertretung. Ta verlarrgt man vom Kultusminister ein frei­heitliches Regiment. Es gibt Gebildete, für die fängt der Mensch erst oberhalb des Oberlehrers an. Was da unten ist, das ist Volksbildung, sür die da unten wird eine besondere Bildung besorgt. Und wenn dann die Voltsschule vertäust wirb, bann sagen die Gebildeten: Was kann ich d.'iin dafür? Das prcuß. Volks- schulimt.rt-aliimgsgesetz ist nun in Kraft getreten. Turcy dieses Gesetz sind böse Gewohnheiten gesetzlich feftgetegt. Tic Schule ist konsessionalisiert voorden. Es gibt leine Individualität inehr. Alles ist konfessionell, und oben drüber singen die Cherubim. Tie Gesinnung ivird so leicht gcivechselt, wie es die 9)ia je (täten mit der Uniform hin. Tic Religion muß bem Volke er­halten bleiben, wer an nichts glaubt, unb wer nicht einmal für etwas leiben kann, mit bem ist nichts anzufangen. Wie steht cs mit ber Bilbung des Volkes? Ein Student kostet 700 Mark pro Jahr, ein Gymnasiast 200, ein Volks- schü 1 cr in Preußen 47 Mk., im Reiche 51 Mk. Was kann für durchschnittlich 1 Mk. pro Woche an Bildung geleistet ivcrben? Wir werden nur vorwärts kommen, wenn die Ge­bildeten sich ans sich selbst besinnen. Stürmischer Beifall.

Prof. Muther (Breslau bespricht die Beschlagnahme einer Nachbildung einer Gruppe von Begas, Die auch die Venus zeigt. Man dürfe der Staatsanwaltschaft nicht ohne weiteres Zelotismus und Ignoranz vorwerfen, denn das Bild befand fich mitten in einer SerieBerlin bciNachll'. Auch der Patriotismus bat nichts mit ber Kunst zu tun. Die Bilder von Mitgliedern des angestammten Herrfcherhanscs gehören nicht in die Museen. Die Nationalgalerie ist fein patriotischer Biloerspeiche:, keine Ruhmeshallc. Ob ein Künstler einem noch so l)ohen Dilettanten mißfällt, ist ganz belanglos. Wir müssen unsere Kinder an- lernen, daß sie die schöne Nacktheit in ber Kunst mit unbe­fangenen Augen ansehen.

Tarauf nahm Otto Ernst (Hamburg) das Wort: Holle, der neue preuh. Kultusminister, hat mit einem Kampfe gegen die Gescllf ch ast für Volksbildung begonnen, nach- dem bic Liegnitzer Regierung ihm dabei den Steigbügel ge­halten hatte. Holle hat erklärt, die Liegnitzer Regierung habe sich tadellos benommen. Die preuß. Regierung hat sich mit der Tadellosigkeit ein Armutszeugnis ausgestellt. Jeder Mensch muß sie bejammern. Holle will nur diejenigen Leute vor schlechten Büchern schützen, die nur Halbbildung haben. Es ist dieselbe Geschichte rote mit dem Mttestttsterungs.-Paragraphen.

der nur ein Paragravh zur rauchlosen Ketzerverbrennung ist. Was ist denn .Halbbildung? Ich glaube ein Zehntelgebildcter zu sein, und ich suche mein ganzes Leben lang schon einen ganz gebildeten Menschen. Ist Herr v. Pvdbielski ein solcher, Herr Studt? Unb wo soll das Volk sich Bilbung herholen, wenn Holle die Bollsbibliothcten schließt und ben Schlüssel in bic Tasche steckt? Ganz abfchließen kann er bic Bildung doch nicht mebr, ba hätte er bic Mühe nicht scheuen dürfen und hätte 500 Jahre früher auf stehen müssen. (Heitcrkeft.- Warum nimmt man nicht Hackel und Harnack ins preußische Mini­sterium? Enlfveber würden die anderen Herren etwas von ihnen lernen, oder sie selbst würden im Regierungshimmel ge­reinigt werden. (Lebh. Beisall.)

Tr. Conrad (München , der über den Klerikalismus sprechen sollte, war durch .ücankheit verhindert und sandte ein Begrüßungstelegramm. Schriftsteller Wilhelm Bölsche (Frie- drichshagen) sprach über die Fesselung des Geistes und die Vor- lxrrfchast der Polizei in Preußen. Geh. Justizrat Prof. v. Liszt iCl-arlottcnburg behandette Die Rückständigkeit auf dem Gebiete der Strafrechtspflege. Darauf wurde von Fulda die Versammlung geschlossen

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Kleine K u n fr chronik. Herzog Georg von Meiningen genehmigte ben H o f t h e a k e r b a up l a n bes Hosbaumelsters Behlert-Meiningen und beauftragte diesen mit dem sofortigen Wieder- aufbait. Das Gebäude wird un korinrhischen Stil gehalten sein und zwei Range l)abcn. Die in 21 e n ß verstorbene Witwe Dr. Clemens Sels, geb. Hofsstadk, v e rin ad) te 4)ev Stadt Neuß 259,000 Mk. für den Ban eines Museums, außerdem sehr wertvolle Kunst- s a in mlunge n. DaS Waisenhaus in Neuß erhält 20,000 Aiark, ber Valerländische Frauen-Verein 20,000 Alk., der Wöchnerinnen- vercin 20,000 Alk., das Gymnasium und tue Oberrealschule 20,000 Mk als Etipenbiensliflung, bte Väter vom Heiligen Geist-unb die Abtei Knechlfteben ebenfalls 20,000 Alk. Die,'New-York Staatszeitung" meldet, die Unterhandlungen eines Unternehmens wegen einer Amerikatour Sigf rieb Wagners mit bem berliner p h r l har in o n i scheu Orchester seien dein Abschluß nahe, rzrau Cosima Wagner ivird wohl ihren Sohn begleiten. Dem Maler Otto Heinrich Engel in Berlin ist vom preußischeu KilUusminisler der Prosessortilel verliehen worden. Engel wurde geb. 1866 zu Erbach i. Odenwald. Die Berliner Lieder­tafel gab am Montag in Konstantinopel ein Konzert.