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5.2.1908 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

Mittwoch 5. Februar OOP

158. Jahrgang

Bezugspreis: monatlich 75Pf.,viertek- jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Mk.2. Viertel­jahrs ausfchl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal 15Pst auswärts 20 Pfennig. Verantwortlich für den politischen Teil: E. Anderson; f. Feuille­ton undVermischtes"

Nr. 30

Der Sietzener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. Verlagen: viermal wöchentlich GictzenerFamllicublätter; zweunal wöchentl.Areis- blatt für öcn Kreis ©iefecn (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Land­wirtschaftliche Zeitfragen Fernsprech - Anschlüsse: für dre Redaktion 112, _

MZL General-Alyeiger für Oberheffen

bis ooOTütaqTiaui)" Rvtation-druü und Verlag der Vrllhl'schen Univ.-Vuch- und Ste'ndruSerei. R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schuliirakie 7. f

r ________ _______________ _______ * u Anzeigenteil: H. Beck.

Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.

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Stengel und die Keichrsinanzreform.

Wie derSüddeutschen Tabakzeitung" in Mannheim aus Berlin telegraphiert wird, hat das Rcichsschatzamt den Entwurf einer B a n d e ro l st e u e r auf Rauchtabak und Zigar­ren aus dem Bundesratsausschuß auf unbestimmte Zeit zurückgezogen. Es schtveben Verhandlungen mit deii Block­parteien wegen anderweitiger Regelung eventl. Hinausschiebung der Reichssinanzreform bis zur nächsten Rcichstagssefswn. Auch das Brauntweiniuonofwl gilt schon heute als abgetan. Schatz- fefretär Freiherr von Stengel hat also mit diesen beiden Grund­pfeilern seiner geplanten Reichssinanzrcsorm kein Glück gehabt. Fraglich ist augenblicklich auch, wie es mit der Verlängerung der Zuckerkonvention werden wird. Die Kommissionsmchrheit halte die Annahme der Brüsseler Zuckerkonvention von der Annahme des Antrages Schwerin-Löwitz aus Herab­setzung derZuckersteuervon 1 4 M a r k a u f 10 M a r k abhängig gemacht. Tie Regierung hatte den Antrag Schwerin- Löwitz bekämpft. Staatssekretär von Stengel hatte eventl. mit dem Scheitern des Abkommens gedroht. Nunmehr soll allerdings in der Frage zwischen der Regierung und den Ver­tretern der Mehrheirsparteien eine Einigung erfolgt sein, aber die endgültige Stellungnahme des Reichstags, die heute erwartet wird, muß diese Annahme erst bestätigen.

Wie dem auch sei, die Reichsfiuanzreform ist für dieses Mal gescheitert, und es ist unter diesen Umstünden nicht schwer zu erraten, das; der Schatzsekretär Freiherr von Stengel keine Freude mehr an seinem Amte hat. Selbst dieLtreuzzlg." zweifelt nicht mehr an der Absicht des Freiherrn von Stengel zurück zutreten, meint jedoch, daß der Wechsel im Reichsschatzamt erst im Herbst erfolgen werde. Demgegenüber glaubt aber dieFreis. Ztg.", daß die Deniission schon jetzt erfolgen werde, denn bei einem Manne wie ihm, sei doch nicht anzmrehmcn, daß er an seinem Amte klebe.

Mit einiger Wehmut wird man sicherlich wohl in vielen Kreisen den Freiherrn von Stengel aus seinem Amte scheiden sehen, denn als er Mitte des Jahretz 1903 zum Nachfolger des Freiherrn von Thielmann berufen wurde, war man all gemein der Zuversicht, daß jetzt wirklich der Mann gesunden fei, der unsere Reichsfiuanzen sanieren könne. Ihm ging der Ruf eines tüchtigen, weitblickenden Beamten und eines Mannes von ernstem Wollen voraus. Aber es scheint, daß das Berliner Klima lahmend aus das K'önneir und Wollen dieses Bayern gewirlt hat. Es ist ihm ebenso gegangen wie seinerzeit dem Handelsminister Möller. Auch dieser Kaufmann wurde einst­mals als ein Erlöser im preußischen Handelsministerium begrüßt, aber bann kennte man von ihm, ebenso wie jetzt vom Reichsschatz- seiretar und manchem anderen unserer Staatsmänner sagen: Ach! Unsere Taten selbst, so gut als unsere Leiden, sie hemmen uns'res Lebens Gang."

Der erste Beginn der Tätigkeit Stengels war recht vicl- verheißend, uird dasBerl. Tagcbl." sagt von dieser Zeil recht treffend:Auch wer den verschlungenen Pfaden der Stengelschen Finanzlüiiste nicht folgen mochte, der gestand diesem Reichssck-atz- sekretär doch gern zu, daß er feine volle Kraft an feine Auf­gabe gesetzt hat. Ebenso aber muß er bekennen, daß alle diese Bemühungen nichts genützt haben. Die sogenannte Reichs- finanzreforni des Jahres 1906 erwies sich als ein. Wcchselbalg, an dem nicht einmal seine ultramontan-national- liberalen Eltern F-reude batten, und den die Masse der steuer- zahlentcn Staatsbürger als Monstrosität emvfanb. Freiherr von Stengck s.lbst ater, der noch einen letzten Versuch machen mol.te, seine Ausgabe der Reichssinanzreform inira^uiuljiCH, |ieijt auch den Rest seiner Schiffe scheitern. Auch vom Freiherrn v. Stengel heißt cs nach fünfjährigem Bemühen um eine Sanierung der Reichssinanzen:Still auf gerettetem Boot treibt in den Hasen der Greis." F-rciherr von Stengel scheidet aus dem Reichsdienst, um sich in das Privatleben zurückzuzichen. Es gibt keine Partei, die ihm nicht auf lange Jahre eine würdige Muße gönnte.

Aber feine letzte und größte Aufgabe ist von ihm nicht gelöst worden. Er läßt die Rcichsfinanzen noch in größerer Verwirrung zurück als fein leichtherziger Vorgänger."

Viel erörtert wird jetzt natürlich die Frage nach dem Nach­folger Stengels, und es wird sicherlich nicht leicht werden, einen geeigneten Nachfolger zu finden. Geh. Obersinanzrat Waldemar Müller, der Direktor der Dresdener Lank, soll den ihm angebotenen Posten abgclehnt haben. AlS eventl. Nachfolger wird neuerdings auch Dr. Walter N athenau genannt.

Da; Ku.-Mscher- und Getzeimmittelgejetz.

. Vom Reichsamt des Innern luirö soeben ein vorläufiger Gesetzentwurf über die Ausübung der Heilkunde durch nicht appro­bierte Personen und den Gchcinmnttelverkehr, perösfcntlichl. Der Entwnrs toill zwei verschiedene aber eng miteinander zusammen- hüngcnoe Fragen d.s öfienllichen Gesundheitswesens regeln; Ein­mal will er ben Schädigungen Vorbeugen, die dadurch verursacht werden, daß Personen ohne Befähigungsnachweis gewerbsmäßig die Behandlung von Krankheiten, Leiden und Körperschiden an Menschen ober Tieren in das Gebiet ihrer Tätigkeit ziehen; ferner will cr bem Univesen entgegentreten, das mit dem Vertriebe, dem Ansündigen und.Ainpveisen von Geheimmittclu ober ähnlichen Gegenständen verbunden ist, die der Verhütung, Sinterung oder Heilung von Kraui'hetten uslv. dienen sollen. Betreff der Be­kämpfung d.s -turpchscher-Unloesens seht der Entwurf von einem allgemelnen Verbot der Ausübung der Heilkunde durch nicht approbierte Personen ab. Es soll vielmehr ein solches Verbot nur in einem ganz beschränkten Maße cingeführl, andererseits soll aber auch die Möglichkeit vorgesehen werden, daß der Gewerbebetrieb unter gewissen Umstünden untersagt luetbcn kann. T'ic nichtapprobierten Heilpersonen (dazu gehören n. a. auch Dentisten) werden danaa) zur Anmeldung ihr s Gewerbebetriebes und zur Fül/rnng von Geschüstsbüchrrn verpstichtet. Verboten ist nnt.r allen Umstünden d.e F-ernbehuudlung, die Behandlung der Ge s ane chts ft an 5hm ten, ferner d.c Behandlung mit Betäubungs- mitteln nicl)L lokaler Natur, mittels Hypnose und mitte.s mystischen Verfahrens. Untersagt wird den nicht approbierten Heilpersonen der Gewerbebetrieb u. a wenn die Annahme vorliegt, daß durch die Ausübung des Gelverbes das Leben des behandelten Mcn'chen oder Tieres 'gefährdet ober deren Gesundheit geschädigt wird, ober daß Kunden sckMindelhast ausgebeutel werden; ferner, wenn der Gewerbetreibende rechtskräftig verurteilt ist, oder ihm die bürger­lichen Ehrcnrechte anerkannt sind, jedoch in dem letzteren Falle nicht über die Tauer des Ehrenverlusles hinaus. In bezug aus das G e h c i m m i 11 e l w e s e n wird dem Bundesrat die Ermäch- tigung erteilt, den Verkehr mit einzelnen MitteM zu beschränken oder zu untersagen. Zur Mittvirkung bei Ausübung dieser Bundcs- ratsbefutznis wird bei denv Kaifcrlick)en Gesundheitsamt eine Kvnnnission (gebildet, die vorher zur Begutachtung zu hören ist. Wettere Bestimmungen richten sich gegen schwindelhafte Reklame für Geheimmittcl.

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LMmuiMWd aus dem Reichrtage.

Berlin, 4. Febr. Die MilrtärdebaLte.

In militärischen Kreisen gilt Generalmajor von L o ch o w, der nur in der vorigen Tagung einmal kurz in die Militärdebatten im Plenum des Reichstages eingegriffen hat, als designierter Nachfolger des Kriegs- min ist ers. Die heutige Rede des Chefs des allgemeinen Kriegsdepartements, Generalleutnants Sixt v. Armin nahm sich fast wie eine Kandidatenrede für diesen Posten aus. Der Abg. Schrader hatte heute den Fall Gaedke zur Sprache gebracht, im Anschluß daran die Reform- bedürftigteit des Ehrengerichtswesens be­tont und schließlich die Beseitigung des Militär­kabinetts in seiner gegenwärtigen Unverantwortlich­keit gefordert. Das sei ein altes Mauerwerk aus absolu-

tistischer Zeit, das abgetragen werden müßte. Die Schärfe seiner Kritik kleidete er dabei ein in so milde Redeform, daß die erregte, fast leidenschaftliche Erwiderung des Generals v. Armin auffaUen mußte. Der Kriegsminister solle noch geboren werden, der von den Kompetenzen der Kommandogewalt auch nur ein Jota nehmen ließe. Unter lebhaftem Beifall der Rechten und starkem Widerspruch auf der linken Seite erklärte er, das Militärkabinett sei lediglich ausführende Behörde, Kanzlei des Kaisers in Kom­mandoangelegenheiten. Er rechnete aber wohl selbst nicht darauf, daß er Herrn Erzberger, der nach ihm zu Worte kam, dabei an seiner Seite haben würde.

Die freisinnige Volkspartei schickte zwei ihrer Mit­glieder vor. Während Dr. Eickhoff die Stellung seiner Fraktionsfreunde zu den zahlreichen Resolutionen, die in der heutigen Sitzung sich noch nm zwei vermehrt hatten, begründete, und unter Ablehnung der sozialdemokratischen Forderungen doch zum Ausdruck brachte, daß die Entwick­lung unzweifelhaft auf eine weitere Verkürzung der D i e n st z e i t hindränge, machte sich Dr. M n g d a n zum Sprachrohr allgemeiner Empfindungen, die auf freisinniger Seite in Bezug auf das Heereswesen sich geltend machen. Zurückhaltend im Ausdruck wie der Abg. Schrader, erörterte er neben der Kavalleriefrage besonders die Zurückhal­tung eines Teils des Offizierkorps gegenüber dem Bürger­tum. Für seinen Hinweis auf den Ausschluß jüdischen Aspiranten aus dem Reserveoffizierkorps hatte der .Ver­treter der Kriegsverwaltung wie stets nur ein paar kurze formalrechtlich unverbindliche Worte. Daß sich eine Offi­zierskaste herausgebildet habe, bestritt Herr v. Armin ent­schieden Mit Nachdruck betonte er die Bedeutung der Ka­vallerie als entscheidende Truppe nach der Schlacht. Von der rechten Seite sprachen die Herren General b. Siebert und Liebermann v. Sonnenberg, beide unter Vermei­dung nahezu jeglicher Polemik, in der Hauptsache das in den Resolutionen gegebene Programm entwickelnd, und den Abschluß machte eine zweistündige Rede des Sozial­demokraten Noske, der die Nachfolge Bebels als Militär­redner seiner Partei angetreten zu haben scheint. Herr v. Siebert hatte in einer kurzen Bemerkung das Verhal­ten der Sozialdemokraten bei der gestrigen Beileidskundgebung für das portugiesische Königshaus gebrandmarkt; diese Gelegenheit nahm die Sozialdemokratie wahr, durch ihren heutigen Sprecher die Erklärung abzugeben, daß sie jede Art von Mord und Gewalttat verurteile; ihr herzliches Mitgefühl gelte dem portugiesischen Volke. Es gab kaum eine Frage aus dem weiten Bereich des Heereswesens, die Noske nicht mehr oder weniger gründlich behandelte. Im vorigen Jahre hatte er durch seine Erklärung, auch die Sozialdemokraten würden dem äußeren Feinde nicht einen Fußbreit deutschen Landes preisgeben, nicht geringes Aufsehen gemacht und sich erbitterte Angriffe aus den Reihen seiner Genossen in Nresse und Versammlung zugezogen. Ob man ihn den Radikalen oder den Revisionisten zuzuzählen hat, das läßt sich aus seinem bisherigen Auftreten nicht recht erkennen. Er ist der Nachfolger im Mandate Schippels, der, ge-

König fiailos und Königin Amelia.

Der Geburtstag des portugiesischen Königspaares fiel auf denselben Tag. Carlos war am 28. September 1863 geboren, die Königin gerade zwei Jahre später. Heber die Art, wie die beiden sich fanden, wird eine kleine Ge­schichte erzählt, die des romantischen Charakters nicht ent­behrt. Der damalige Kronprinz hatte sich gegen eine Hei­rat aus Konvention gesträubt und erklärt, er werde nur eine schöne Prinzessin heiraten, die anmutig, reich und geistvoll wäre. Keine der Fürstinnen aus den regieren- ?cn Häusern, soweit er sie kennen gelernt hatte, schien ihm diese Bedingungen $u erfüllen. Da spielt ihm eines Tages eine kluge Französin, die Gräfin de la Ferronaye, eine wohlgelungene Photographie der Prinzessin Amelia von Orleans in die Hände, und als der Prinz dies Bild gesehen halte, meinte er mit einemmal endlich die richtige gefunden zu haben. Ein eiliger Besuch in Paris schloß sich an diese Eittdeckung seines Herzens und die nähere Be­kanntschaft mit der reizenden Prinzessin befriedigte ihn so, daß Verlöbnis und Heirat nicht lange auf sich warten ließen. Die Königin ist reich beanlagt mit mannigfachen Interessen. Sie hat Medizin studiert und sogar ihr Examen gemacht, so daß sie als die einzige unter den .Königinnen auf den Titel Doktor Anspruch erheben darf. Ihr be­sonderes Studium hat der Kinderpflege und -Ernährung gegolten, und sie hat ein großes Ho Pital für kranke arme Linder errichtet. Krankenhäusern uno Pflegeanstalten wen­dete sie ihr besonderes Interesse zu, und sie hat viel für die Hebung des Gesundheitszustandes unter allen lassen ihres Volkes getan. Kampf bis auf» Messer hat sie dem Korsett geschworen; die Entdeckung der Röntgenstrahlen bereilele ihr die besondere Genugtuung, die großen Schä­den dieses manchen Frauen so notwendig erscheinenden Instruments nachzuwciscn. Sie selbst photographierte mit iliöntgenstrahlen eine Dame, die sich jahrelang eng ge­schnürt halte, und ließ Abzüge von diesem Bilde, das die Schädigung der inneren Organe durch das Korsett deutlich an,geigte, überall verbreiten, so daß sie viele Frauen von dem Gebrauch der Schnürbrust abgebracht hat. Königin Amelia ist auch allem körperlichen Sport sehr ergeben und zeichnet sich bejonders in der edlen Schwimmkunst aus. Leun Wettschwimmen hat sie mehrere Male die goldene Medaille erhalten, und die Netttmgsmedaille als sie zwei.

Kinder aus den Wellen errettete. Eine Rettung mit eigener I feiVirtuosentum". Es fei dre Darstellung eines tragischen Lebensgefahr vollbrachte sie vor nicht alhu langer Zeit, Charatters, das i n s i ch sein Verhängnis trage. Nach Paul

Charakters, das i n s i ch s

Ernst i[t_ dies ein Rückschritt. Das Schicksal^alS tragischer Faktor ist von außen nach innen verlegt. Sh. hat damit die alte strenge und starre Form allerdings gesprengt. Aber er hat damit eine große Bereicherung gebracht. Bei Shakespeare

ist dieser Fundus menschlicher Tragik zum unübersehbaren Reichtum geworden. Er schuf, um einen Ausdruck Fr. Th. Vischers**) zu gebrauchen,die Tragödie der mißhandelten Pietät."

Das Drama gibt eine poetische Krankengeschichte. Sears Frische und Kraft, seine Ärtschiedenheit, Haft unb Willkür stehen im Kontrast zu dem hohen Alter. Sie sind aber die naturgemäße Folge der Anlage und der Verhältnisse, ebenso wie die Unfähigkeit, Widerspruch zu ertragen, unb der Mangel an wirklicher Lebenserfahrung und Menschenkennt­nis, der ihn zu Uebertreibungen aller Art verführt. Durch das Alter hat sein Geist starre Formen angenommen und die Fähigkeit der Llnpassnng verloren. Daneben sehen wir die Scheu vor unangenehmen Erfahrungen und die Neigung zur Selbsttäuschung, sowie die blinde Siebe für seine Kinder. Diese geistigen Besonderheiten zergen Sear als für Geistes­krankheit prädisponiert. Er bringt sich durch sie in eine Sage, der er nicht gewachsen ist; die Seeleustörung ist daS Endglied einer langen Kette ungünstiger Ereianifse. Die körperliche Erschöp,ung führt endlich zur Tobsucht. Die Genesung ist psychologisch unvergleichlich meisierhaft. Der Tod erfolgt durch bas Uebermaß und Plötzliche eines starken Affekts. Es bedurfte der langsamen und mühevollen Arbeit von Jahrhunderten, um da» Bild der Tob,ucht, das sich mit dem von Shakespeare gezeichneten vollständig deckt, wrssensck)astlich festzustellen und zu einer bewußten Erkennt­nis werden zu las en.

Daß die Dar tellung eines solchen Werkes an die Schau­spieler die allerhöchsten Slnforberungen stellt, ist selbslver- fcandllch und namentlich die Verkörperung der Hauptfigur gehört neben der des Hamlet zu den bedeutendsten, die die Schauspielkunst kennt, und bietet Schwierig- teiten, wie sie keine andere Shakespearesche Gestalt aufweist.

*^r^9LmyCTTBrerÜ.,mtcnr »(5[)flFc)>ar&=Vorträge" von Fr. Th- Blschcr, Bb. III, die auch eine Anzahl sehr beachtenswerter Stuttgar?^1901J8'* Phallen. (I. G. Cottasä-e Buck)h. Nächst

Gieszenev Stafcftbcater»

König Lear.

Von Shakespeare.

Auf unserer städtischen Bühne erschien am Dienstag die genaltige Tragödie des irren Heidegreises, der, jeder Zoll ein König und jeder Zoll ein Menfch, den Zuschauer im tiefsten erschüttert. Alle die Töne, die Shakespeare in den Dramen, die vorSear" liegen, schon angeschlagen hat, hier faßt er sie zu einer Riesensigur zusammen, deren er­greifende Melodie in der Heideszene sich zu jenem hinreißen­den Pathos erhebt, das nie zuvor unb nachher, weder bei Aeschylos noch bei Goethe, wieder erreicht worden ist. Aber auch nie hat Shakespeare wieder mit solcher Größe und Kühnheit den Schritt vorn Besonderen zum Allaemeinen getan. Nie wieder hat es mit so souveräner Genialität den ihm aus Chronik und Stoman überkommenen Don geformt zu wundersamen Gebilden, deren Handlungsweise auf fast märchenhaften Voraussetzungen beruht, die nie­mand bei näherer Prüfung einer kritischen Würdigung unterwerfen wird,u nd die trotzdem so wahr und ergreifend psychologisch wirken in ihrer Entwicklung, daß sie zu Tränen reinsten Mitleids zwingen.

Es berührt ü beraus verwunderlich, wenn ein feinfüh­liger moderner Aesthetiker, Paul Emst, der sich auch mit Glück a ls Dramatiker betätigt hat, in seiner geistreichen SchriftDer Weg zur Form"*) Shakespeare vorwirft, im Sear" mit unredlichen Mitteln gearbeitet zu haben!Nicht Fortgang der Handlmig, Verwicklung, Spannung, Lösung" lösen die dramatische unb tragische Wirkung imKönig Sear" aus, sonderndramatische Lyrik'". Es seinicht bas redliche, einfache Mittel der großen unb geraden Linst", es

*) Im Verlag von Jul. Bard in Valin.

als sie beim Baden einen Schiffer, der mit seinöm Boote umgekippt war und zu ertrinken drohte, ans Land trug. Für diesen Heldenmut hat sie von unferm Kaiser eine goldene Erinnerungsmedaille erhalten. Ihre Wohltätig­keit äußert sich in Spenden und Unterstützungen, die sie allen Bedürftigen zugeyen läßt und bei denen die Geldgabe häufig in Blumen verborgen ist.