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4.6.1908 Erstes Blatt
 
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158. Jahrgang

Nr. ISO

Donnerstag 4. Jnni 1908

Erstes Blatt

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säe KAMI Al? Alf Ar 11 m zAf ii MW zää ssgWlVßVllVl ^llljviyus «LS General-Anzeiger für Gberheffea WMZ Annahme von Anzeigen V ' 8 fr u. Land- und ^Gerichts-

«r bie tcflesmimmee Rotnflotisbtu» und Verlag öet SrühCschen Unlv.-Vuch. «nd Sietndrnckerel. R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schnittratze 7. wr d°n ins vormittags 10 Uhr. c 1 u Aiireigenteil: 'H. Beck.

Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten.

Vie preußischen Landtagrrvahlen.

Nach den bis jetzt vorliegenden Ergebnissen der gestrigen lUrwählerwablen in Preußen werden sich voraussichtlich auch im neuen Landtage die Stärkeverhältnisse zwischen rechts und links nicht wesentlich verschieben. Tie Konservativen und das Zentrum werden nach wie vor die Majorität haben. Mer chatte bei dem jetzigen preußischen Wahlrecht denn auch etwas anderes erwarten können. Neu und bemerkenswert ist es immer» hin, daß dicsesrnal auch die Sozialdemokraten in den preußischen Landtag einziehen werden. Nach den bis heute früh bekannt- oenn'rdenen Wahlresultaten waren gewählt: 80 Konservative, 4G Freikonservative, 37 Nationalliberale, 18 freisinnige Bolkspartei, 6 freisinnige Vereinigung, 68 Zentrum, 4 Polen, 3 Sozialdemo­kraten (nach anderen Meldungen sogar 8 Soz.tz 2 Seinen und 1 Fraktionsloser. An den Stichwahlen sind beteiligt 2 Konser­vative, 2 Frcikonscrvative, 10 Nationalliberale, 2 freisinnige Vollspartei, 2 freisinnige Vereinigung, 8 Zentrum und 4 Sozial­demokraten. In Berlin 2 und 3 sind nach genauerer Fest­stellung die Sozialdenwkratcn unterlegen. Gewählt sind Sozial­demokraten in Linden, Berlin-Gesundbrunnen und Berlin-Wedding, in die Stichwahl kommen sie in Kiel-Stadt, Frankfurt-Land und Altona. 1

In Marburg ist die Wahl des konservativen Landrals von Negelein gesichert. In W e tz l a r wurden 101 konservative, 70 nationalliberale, 36 frei'innige und 7 sozialdemokral.sche Mahlmänner gewählt, so daß es hier zur Stichwahl zwischen den Konservativen und den Nationallioeralen kommt. In W i c s- baden-Stadt und Untertaunuskreis ist die Wahl des natl. Bartling gesichert. In Biedenkopf die Wiederwahl des kons. Landrats v. Deimburg. In Neuwied gewinnt das Zentrum dank der Wahlhülfe der Konservativen (evangelischer Pfarrer Leckenroth) das Mandat. In Huenfeld-Gusseld (Kassel) i|t das Zentrum gewählt, ebenso -»in Ct. Goar und Ahrweiler. In Eschwege-Schmalkalden (Kassett ist der Jreikonservative gewählt. In Kreuznach-Simmern-Zell ist die Wahl der Nationallibcralcn gesichert, in Limburg a. d. Lahn die des Zentrums.

Nach den uns im einzelnen vorliegenden Meldungen ist die Wahl der Konservativen und Freikonservativen in folgenden Wahlkreisen gesichert: Merseburg 8, Lüneburg 4, Gumbinnen 5, 4, 2, 3, Königsberg 7, 2, Allenstein 1, 4, 3, Schles­wig 16, 6, 13, 19, Aurich 3, 2, Stralsund 2, Marienwerder 6, Brom berg 4, Hildesheim 7, Hannover 3, Liegnitz 9, Köslin 1, Osnabrück 2, Franksurt >Obctt 1. Tie Wahl des Zentrums ist ferner gesichert in folgenden Wahlkreisen: Allenstein 2, Osna­brück 5, Düsseldorf 12, 6,7, Aachen 3,2, Münden 3, 4, Köln 3, 1, Oppeln 4, 10, Koblenz 5, Sie Wahl der National- liberalen ist ferner gesichert in beh Wahlkreisen: Hannover 2, 4, Lüneburg 6, Hildesheim 6, Magdeburg 4, Köln 5, Schles­wig 12. Sic Wahl der F re i i i n n i g e n Bolkspartei ist gesichert in: Erfurt 1, Posen 3. Ser bisher im Besitz des Zen­trums gewesene Wahlkreis Oppeln 2 fällt an die Polen. In Breslau 6 ist die Wahl des Lwmpromißkandidaten des Zentrums und der Konservativen gesichert. . ,

Nicht ohne Interesse wird es sein, zu hören, daß der Neichs- ka n z l e r Fürst low dieses Mal in der 2. Klasse des 40. Berliner Wahlbezirks hat w ä h l en dürfen, während andere Exzellenzen, bi.- Staatsminister v. Bethmann- Hoilweg und St. Beseler, der Staatssekretär Nieberding, der Chef des Zivilkabinetts v. Lueanns und der Gewandkämmerer v. Perpoucher mit 189 anderen Wählern ihre Stimme in der d r i t t e n Klasse abgeben. Ilm VjII Uhr begab sich der Reichskanzler zu Wagen in das WahllokalZur Hütte", Taubenstraße 7. Als er eintrat, erhoben sich die Herren des Wahlvorstandes von ihren Platzen. Mit lauter Stimme nannte der Reichskanzler die beiden konservativen Wahlmänner Greibig und Hübscher. Nach einer verbindlichen Verbeugung zu den Herren am Wahltisch verließ Fürst von Bülow alsdann das Wahllokal.

Als Kuriosum sei nach derFrkf. Ztg." noch erwähnt,

daß im 147. Berliner Urwahlbezirk in der 1. Abteilung keine Wahl zustande gekommen ist, weil der einzige Wähler (Bachstein, der mehr als 90 000 Mk. Steuern entrichtet hat und zwei Wahl­männer wählen konnte) inzwilcken verstorben ist.

Deutsches Reich.

Der deutsche Botschafter in Rom. Gegenüber der Meldung eines römischen Blattes wird derPost" an zuständiger Stelle mitgeteilt, daß von einem bevorst.'henden Rücktritt des Grasen Monts amtlich nicht das mindeste bekannt ist. Weder in Italien noch in Seutschland habe man den Wunsch, den ggeenwärtigen deutschen Botschafter in Rom aus seinem Posten gegen seinen Willen zu verdrängen.

In der Strafsache gegen den Fürsten Eulen - burg sind bisher ungefähr 200 Zmgen vernommen worden, die sich auf verschiedene Städte verteilen. Vernehmungen haben stattgcsunden in Berlin, Potsdam, Liebenberg, München, Starn­berg, Wien, Paris, Oldenburg usw. Sämtliche Zeugen .sind schon in der Voruntersuchung vereidigt worden. Wie ver­lautet, soll die Vor'.'.ntersuchiung in diesen Tagen abgeschlossen wer­den. Sie Akten gehen dann an b-c Königliche Staatsanwaltschaft, bie die Anklage erhebt und die Sache noch in der nächsten Schwnrgerichtsperiode, die in der letzten Juniwoche beginnt, zur Verhandlung bringen zu können hofft. Sie Anklage wird vertreten von dem Oberstaatsanwalt St. Jsenbicl und dem Staatsanwalt Rasch.

Sas englische Königspaar trifft auf der Reise nach Reval am nächsten Sonntag früh 4 Uhr in Brunsbüttel ein und passiert nachmittags Holtenau. Tie Königsjacht fährt als­bald nach Reval weiter. Sie von 5tagen kommenden Begleit­kreuzer treffen am Sonntag in Kiel ein.

Ser elsässische L a n d e s a u s s ch u ß hat die Vorlage über bie Erhöhung der Beamtengehälter in allen drei Lesungen angenommen. Es sind 1 200 000 Mk. ausgeworfen, die sämtlichen Beamten-Kategorien mit Ausnahme der höchsten Beamten des Landes zugute kommen.

Ausland.

Im englischen Unterlaufe teilte der Generalpost- uwister mit, daß die Vereinigten Staaten der Ein­führung des Pennyportos mit Großbritannien 5 um 1. Oktober 1908 zugestimmt hätten. Thorne (Arbeiterpartei) fragte, ob Edward Grey dem König anraten wolle, daß der Besuch Rußlands keinen amtlichen Charakter tragen möge. Grev erwiderte: er könne den König nicht in diesem Sinne beraten. Als Thoime darauf fragte, ob dies so zu ver­stehen sei, daß die Regierung dem brutalen Morden in Rusz- land zustimme, griff der Sprecher ein und bemerkte, diese Sprache fei einem lu>eui.l:t'n Starre gegenüber nicht ange­messen. .

Ein Unfall des Präsidenten Roosevelt. Auf einem Spazierritt in Begleitung seiner Gemahlin im Roel Creek- tal stürzte der Präsident Roosevelt gestern mit seinem bäumenden Pferde einen etwa 10 Fuß hohen Abhang hinunter in einen Bach, den er vorher durchritten hatte. Ser Präsident stand gleich nach dem Sturz wieder auf, ohne verletzt zu sein.

Eine neue Verfolgung des Oeltrufts. SieNew Dort Times" meldet, die Bundesregierung nimmt eine neue Ver­folgung des Oeltrusts vor. Sie entdeckte über 3000 Gesetzes­verletzungen, wofür bie höchste Strafe 68 Millionen beträgt.

25us Stadt und Land.

G i e b c n, 4. Juni 1908.

** Eine Ordensauszeichnung, die von Leuten, die dazu Zeit haben, in unserer Residenz viel besprochen wird, wurde gestern dem erst 27 Jahre alten Konzert­meister Gustav Havemann zuteil, nämlich das Ritterkreuz 1. Klasse des Philippsordcns. Herr Havemann war Leiter des kürzlich in Darmstadt gehaltenen Kammermusikfestes

und ist Dirigent der Ausstellungskapelle. Da der genannte Orden sonst nur an höhere Militärs und Beamte ver­liehen zu werden pflegt, erregt die jetzige Verleihung an einen verhältnismäßig jungen Künstler großes Aufsehen.

** Leh r e rpersonalien. Uebertragen wurde dem Schulamtsaspiranten Adolf Dunkenberaer aus Frank­furt a. M. die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Heidel­bach. Bestätigt wurde der von dem Fürsten zu Löwenstein- Wertheim-Rosenberg auf die Lehrerstelle an der Gemeinde­schule zu Ober-Klingen präsentierte Schulamtsaspirant Gil­bert Ott aus Birklar; der von dem Grasen zu Erbach- Erbach an die fünfte Lehrerstelle an der evang. Schule zu Erback) i. O. präsentierte Lehrer Karl Kitz zu Reichels- beim (Kr. Erbach). In den Ruhestand wurde versetzt der Lehrer an der Volksschule zu Offenbach Joh. Hofmann auf sein Nachsuchen, unter Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste, und ihm aus diesem Anlaß das Silberne Kreuz des Verdienstordens Philipps des Großmütigen mit der ftronc verliehen. Entlassen wurde der Lehrer an der Gemeindeschule zu Nieder-Weisel Jul. Hartmannshenn auf sein Nachsuchen. Erledigt sind: Eine Lehrerstelle an der kath. Schule zu Bensheim. Eine mit einer evang. Lehrerin zu besetzende Lehrerinstelle an der Gemeindeschule zu E b e r st a d t (Kr. Darmstadt).

** Sie erste diesjährige Schlußprüfung der Kandidaten der evangelischen Theologie, die in den AmtSräumen des Großh. Oberkonsistorinms abgehalten wurde, ist zu Ende gegangen. Es beteiligten sich daran 13 Examinanden, von denen vier aus Starkenburg und neun aus Oberhessen sind.

** Historischer Verein f ü r^d a s Großherzog- t u m H e s f e n. Als Ziel des zweiten Sommerausflugs hatte der Verein n. d.Darmst. Ztg." die Ronneburg bei Büdingen gewählt. Die Teilnehmer der am Sonntag, 31. Mai, ausgeführten Burgenfahrt hatten die Wahl nicht zu bereuen. Von Hanau, dessen Sehenswürdigkeiten, vor allem dessen historisches Museum, von neuem seine An- ziehungsiraft auch auf die bewährten, die die lehrreich an- geordneten reichhaltigen Sammlungen des Geschichtsvereins noch in frischer Erinnerung hatten, ging es weiter nach Hüttengesäß mit der Kleinbahn. Allerdings war der Auf­stieg, so kurz und unbeschwerlich er auch an sich ist, diesmal unter den Strahlen der glühend brennenden Sonne ein Ver­dienst, das nur durch reichliche geistige und körperliche Ge­nüsse ausgewogen tuerben konnte! Und beide waren oben in ausgezeichneter Weise vertreten. Es müß anerkannt werden, wie schnell und gründlich der Burgwart Link von Alt-Wiedermus die hungrigen und dürstenden Gäste im traulichen Turmstübchen zu laben verstand, ehe diese sich zur Wanderung durch die Ruine anschickten. Zwei Kenner der Burg dienten ihnen bei dieser als zuverlässige Berater. Lehrer Schleucher von Langenselbold durch den seiner Feder entstammenden Führer, in dem, namentlich in der wesentlich verbesserten 2. Auflage der Wissensdurstige alle haupt­sächlichen Fragen beantwortet findet, soweit sie überhaupt eine Lösung erfahren haben und konnten. Aus reicher Kennt­nis, echter Liebe zur Sache schöpfte das Vereinsmitglied Heuscher von Hanau, der seine geschichtlichen und örtlichen Erklärungen allen in dankenswerter Bereitwilligkeit münd­lich abgab und dadurch in den Teilnehmern an der Burgen­wanderung eine anschauliche, festhaftende Vorstellung von dem ehemaligen Wehrbau erstehen ließ. Die Ronneburg hat ja freilich keine große, reiche Geschichte. Von bedeuten­deren Ereignissen, ernsteren Belagerungen und Zerstörungen

Aus dem Reiche der Töne.

Das verflossene KvNLertjahr 1907/08 hat für Deutschland eine außergewöhnlich größere Anzahl von Ehrenabenden, Gedächt­nis- und Erinnerungsfeiern zu verzeichnen, als das ,vnst der Fall ist Hat doch gerade bie zweit' Hälfte des Jahres 1907 bie einen Teil dieses Konzertjahres bildet, harte Verteilte dem Mu,tt- leben gebracht und der Februar des Jal-res 1908 bie 25. Wieder­kehr des Todestages eines der größten Meister der Töne. Foieph Jeachiin 15. August 1907, Edvard Gneg 4. September 1907, Ignatz Brüll 10. September 190? und Richard Wagner 13. Februar 18831908.

Alle diese Ereignine Voten den Kvnzerr-Ge,elischalten, Kunstler- gruppen und sonstigen Vereinigungen Gelegenheit, zu Ehren dieser Meister musikalische Feiern zu veranstalten.

Bei Joseph Joachim, der als erster nboeruren wurde, waren bie Kvnzertgeber, wie deren Programme verraten, in gewisser Verlegenheit. Joachims Bedeutung lag vornehmlich in seiner ausübenden Künstler, chast, gegen bie der Komponist znrucktrat. So findet man denn auch in den Kotizertprogrammen der Gedeitt- feiern, neben einer kleinen Auswahl der Kompositionen Joachims, die Werke von L. v. Beethoven und Johannes Brahms, die der Verstorbene mit Vorliebe gewählt hatte. Dazu dann häufig die Tragische Ouvertüre von Brahms, die Trauermärsche von Beet­hoven und Richard Wagner. Immerhin erreichen die zu Gehör gebrachten Kompositionen von Joachim die Zahl 69 (1 Lied, 20 Orchesterwerte, 27 Soli mit Orchester, 21 Kammermujikwerke..

Bei Edvard Grieg dagegen konnte aus dem Vollen geschöpft werden- 431 Werke, bie sich aus 11 Chorwerken, 178 Liedern, 180 Orchefterwerken, 19 Soli mit Orchester, 28 Kammermusik­werken und 15 für Klavier zusammensetzen, sind zu verzeichnen.

Als Drittem müßte ich nun von Ignatz Brüll berichten, aber ich bin dazu außerstande, weil dessen von niemand gedacht wurde, weil ihn alle, die sich im Kvnzertsaal und in der Oper 1 einer Merke so oft erfreut hatten, den verstorbenen Meister mit der letzten Scholle Erde vollständig vergessen zu haben scheinen.

Aber auch bei Rick-ard Wagner will ich nicht die Zahlen allein geben, bie die Gedächtnisfeiern erbrachten, sondern fiXcf) das Gesamte, was 225 Konzertgeber innerhalb April 1907lJu8, auf ihre Programme setzten: 18 Chorwerke, 202 einstimmige Gesänge, 511 Orchesterwerte, 2 Soli mit Orchester, 1 Stummer» musikwerk, 2 Orgelwerke (zumteil natürliche Bearbeitungen- in Summa 736 Werke. Und nun zum Schluß, Mm 70 jährigen Geburtstag Max Bruchs, 16. Januar. Auch dieses liebenswür­digen Meisters und seines Geburtstages hat man m Worten und Tönen gedacht; die Worte habe ich nicht gezählt, auch nicht die Töne im einzelnen, aber als geschlossene Werke waren es 32 Chor­werke, 12 Lieder, 17 Orchesterwerke, 40 Soli mit Orchester, 14 Stammermujifroerle, 2 Orgelwerke und 1 Klavierstück; summa iummanim 118 Werke, ... .

Gießert. / - - Ernst C ha Ute? sen.

Gietzener Aorrzertverein.

Meisterwerke weltlicher Vokalmusik (

des 16. bis 18. Jahrhunderts.

Etwas reichlich spät hat die Gießener Konzertsaison ihr Ende erreicht, aber der verhältnismäßig gute Besuch des gestrigen, letzten Konzerts des Gießener Konzertvereins ; hat doch gezeigt, daß das Interesse des Gießener Publikums . an diesen Veranstaltungen bis zum Schluß rege geblieben ist. Damir ist denn natürlich auch der auffallend späte Termin , dieses letzten Konzerts vollauf gerechtfertigt.

Von den verschiedenen Solistenkonzerten, die uns diese , Saison des Konzertvereins gebracht hat, abgesehen, war das gestrige Konzert eines der besten und interessantesten. Man hatte Gelegenheit, Meisterwerke ans der Blütezeit der Vokalmusik im 16. und 18. Jahrhundert zu Horen, dieser zwei in der Musikgeschichte so bedeutsamen Epochen. Uno wie viel Schönheit steckt in diesen alten, vergesfenen Meistern, wie Hans Leo Hasler und Eccard, die sich bet aller Begeisterung für die damals herrschende schule der Italiener doch ihre spezifisch deutsche Eigenart zu be­wahren gewußt haben. Welche Innigkeit und Gefuhlstiese spricht doch aus den einfachen Volksweisen, deren Kom­ponisten uns dem Namen nach nicht mehr bekannt sind. Und dann die höchsten Offenbarungen des musikalischen Ausdrucks dieser Zeit, und vielleicht aller Zeiten, durch >-oh. Seb. Bach. Welcher wunderbare Reichtum der Gedanken int Kleinsten wie im Größten, und dieser Humor. Ist das wirklich der Schöpfer der Matthäuspassion? Man wundert sich nur, neben diesem Großen einen Joh. Fr. Reichardt und Johann Abraham Peter Schultz zu hören, und doch sind auch diese Komponisten nicht uninteressant. Retchardts Musik hat ja selbst Goethe vortrefflich gesunden, wenn er auch die Instrumentierung bei ihm schwach nennt. Inter­essant war es ferner, den Liederkompcmisten Haydn zu hören; man hört ihn sonst selten genug. Sehr retzvoll klangen auch die Kompositionen von John Bennet, Dämel Friederici und Giovanni Giacomo Gastoldt, und sie wurden zudem ausgezeichnet vom Akademischen Gesangverein ge­sungen: sicher, fein abgetönt und oerstanditiSvo.l. Alv eine der besten Leistungen des Akademischen Gesangveretno (Über empfand ich HaslersMehr Lust uni). Är^M', bte Lieb J

mir geit". Hier kamen die zartesten Nuancen zu schönster k Geltung. . ,

Was die Leistungen der Solisten betrifft, so ist cs ja in Gießen für den Kritiker nicht ganz unbedenklich, die Wahr­heit zu sagen. Er muß sich s mitunter gefallen lassen, von berufenem- Seite berichtigt zu werden. Wenn er i B. einmal feststellt, daß eine Sängerin beim Singen ein gar zu unfreundliches Gesicht gemacht hat, dann muß er sich belehren lassen, daß das ein Vorzug sei gegenüber dem stereo­typen, gefrorenen Lächeln anderer Sängerinnen. Was es freilich in Wirklichkeit mit dem sogen, gefrorenen Lächeln, ober sagen wir lieber dem freundlichen Gesicht, beim Singen für eine gesangstechnische Bewandtnis hat, das lernt jeder Schüler bei seinem Gesangslehrer allerdings schon bei seinem ersten Unterricht kennen. Eine bloße mimische Hebung tft dieses Lächeln keineswegs. Das hat offenbar auch die Sängerin des gestrigen Abends, Fr. Anna .K a e m p f e r t aus Frankfurt a.M., gewußt, und weil sie mit belebtem Gesichts­ausdruck fang, darum war auch die Wirtung ihres Gesangs so ungemein sympathisch, und darum vermochte sie es auch, ihre Zuhörerschaft mit fortzureißen. Dasselbe kamt auch, freilich mit gewissen Abstufungen, von Herrn Hans Vaterhaus gesagt werden. Er erinnerte mich in seinem Vortrage entfernt an Wüllner, fo aus dem Innern heraus belebt erschien dieser Vortrag. Die Stimme selbst war, nament­lich in den tieferen Lagen, von großem Wohlklang und prächtiger Fülle. Nun könnte man nur entgegenhalten, daß eine Stimme, wie die des Herrn Anton Kohmann, auch unabhängig vom äußeren Gefichtsausdruck bie denkbar besten Wirkungen erzielen kann. Gewiß, Herr Kohmann hat eine prachtvolle Tenorstimme, von sympathischem Klang, von einer seltenen Weichheit und natürlichen Ausdrucks- fähiakeit. Diese außergewöhnlichen Vorzüge, die nut exakter Schulung und großer musikalischer Sicherheit gepaart sind, ließen in der Tat den oben erwähnten Mangel, wenn man in diesem Falle überhaupt davon sprechen dürfte, vergessen. Aber ich bezweifle es nicht, daß auch Herr Kohmann die Wirkung seines Vortrags noch, um vieles steigern konnte, wenn er ihn dramatisch noch mehr zu beleben vermöchte.

Herr Prof. Trautmann erwies sich auch gestern wieder als ein umsichtiger Dirigent und verständnisvoller Begleiter am Klavier. Ihm warb unter lebhaftem Applaus ein prächtiger Lorbeerttanz überr^idjtn.