Ausgabe 
1.7.1908 Erstes Blatt
 
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kleine Tageschronik.

In dem Nachrzuqe floln-RönigSwinter wurde eine Tarne kurz hinter der Kölner Voror.sration Ka'.k Hrnubi.

Sängern und 217 Punkten Ticburg, den zweiten Preis mit 215 Punkten und 58 Saugern Groß-Zimmern, während Germania" LanggünS mit 207 Punkten und 33 Sängern den ersten Preis m der zweiten Klasse erhielt. Beim Ehren- prcissingen hatten in der ersten Klasse Dieburg und Groß- Zunmern gleiche Punktzahl 112 und es wurde unter beiden Vereinen gelost, wobei Groß-Zimmern der Ehrenpreis zusicl. Alsdann kam Langgöns wieder mit gleicher Punktzahl 112 m der zweiten Klasse, alle übrigen Vereine hatten bedeutend weniger. Dieses beweist, daß der Gesangverein Germania unter Leitung des Dirigenten Sarnes sich gut entwickelt hat. An dem Ehrenpreissingen für die Gesamtleistung nahm Lang, wns wieder teil und hatte nur einige Punkte weniger wie Groß-Zimmern, die den Gesamtpreis errangen. Der erste Preis bestand in 100 Mk., sowie in einem Kunstgegenstand.

Bleichenbach, 30. Juni. Ter hiesige Metzger Daigand Leih bestieg einen alten Kirsch bäum. Schon nach einigen Augenblicken lag er mit gebrochenem Knöchel, von beträchtlicher Höhe h e r a b g e f a l l e n, am Boden. Später wurde er gesunden und mit einem Lagen nach Hauje gebracht. Ob sonstige Verletzungen vorliegen, konnte noch nicht sestgestellt werden.

§ Wenings, 30. Juni. Sonntag, 12. Juli, findet hier das alljährliche Bundessest der Vogelsberger Sänger Vereinigung* statt. Der Präsident des Bundes, Mehrer W. Schaad-Gedern, wird die Festrede halten. AIS Massenchor ist das Lied schläft der Sänger* vor-

gesehen. Mehrere Vereine fingen als Einzelchor das von Amtsrichter Karl Pusch-Ortenberg gedichtete und der .VogelS- Dcrgcr Sängerveremigung* gewidmete HochlandsliedNicht nach Südens Sonnenland" (komponiert von C. E. Groß,

Tageskalender: Progranunwechsel im Kolosseum.

Liebigs höbe: Jeden Ticnstag und TonneWtaa pach- tnittftg 4 Uhr Konzert der verstärkten KolossemnSkapest^

" Lehrerpersonalien. In den Nuhestand versetzt wurde die Lehrerin an der Gemeindeschule zu Hechtöheim

Anna Keilmann auf ihr Nachsuchen, unter Anerkennung I ihrer treuen Dienste, bis zur Wiederherstellung ihrer Gesund- heit. Erledigt ist eine mit einem kath. Lehrer zu be­setzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu JügeSheim. Dem Inhaber können die Funktionen eines HauptlehrerS an der Schule gegen besondere Vergütung übertragen werden.

** Kolosseum. Tie End kämpfe der internationalen Tamen-Rmgkampf-Konkurrenz um die Preise von 3000 Mk. hatten folgendes Ergebnis. Frl. Philippi siegte gegen Frl. Richter und wurde mithin Gewinnerin des 1. Preises durch Armfallgriff am Booen i.n 28.10 Min. Frl. H a n - lon-Elsaß gegen Frl. Murankri-llngarn, bei der die El­sässerin nach 17 Mm. durch Schulterdrehwurf am Boden als Siegerin hervorging. Nach dem Gesamtergebnis der Kämpfe wurden die Preise wie folgt verteilt: Frl. Phi- lippi-Aachcu 1. Preis 1200 Mk., 9 Siege, keine Niederlage. Frl. Richter-Schlesien 2. Preis 800 Mk., 8 Siege, 1 Meder- läge. Frl. Hanlon-Elsaß 3. Preis 600 Mk., 7 Äiege, 2 Nie­derlagen. Frl. Muranky-Ungarn 4. Preis 400 Mk., 6 Siege, 3 Niederlagen. Außerdem wurden die Tarnen mit Buketts ausgezeichnet. .

X LanggonS, 1. Juli. Am 28. Juni nahm der erst im Jahre 1892 gegründete Gesangverein Germania Lang- güuS an dem GesangSweltstreit in Waldorf bei Frankfurt teil und errang, wie schon kurz mitgeteilt, in der 2. Klasse den 1. und den Ehrenpreis. ES waren 17 Vereine an dem PrciS- l'ingen beteiligt, die fast alle schon mehrmals preisgekrönt waren. Tie Punktzahl, die der Gesangverein Germania er- reichte, beiueift, daß seine Leistungen ausgezeichnet waren, denn in der ersten Klasse erhielt den ersten Preis mit 80

Derinifctytc**

* Luftschiffe, äüö .jl i.. i.. r.uv torluftschisf, das nach den Plänen b s KommaiidcurS der prcuß. Lustschisierabteiluna, Majors v. Groß, erbaut wurde, unternahm am 30. Ium in 2cgc i"feinen eril.u Ausflug. Ter neue Lnkbatlon ut 60 Meter lang, sein Tiird>nieiicr betrugt 11 Meter. Tic g |uinte .v>iule i)t <iu| ein Slahlrohrgerüst montiert Die fünf Meter lange und zwei Meter brate Gondel ist ebenfalls aus Stahlrohr. In der Gondel beiinoen ,»ch zwei Kverckngnwtoren ovn je <ö Pi erdet rasten; jebtr Motor treibt einen Propeller mit drei plügelschraubcn aus Alu- mininm Tiv Propeller befinden sich über der Gondel dicht unter | beni Ballon, an dessen Kiel ne befestigt sind. Tie Seite nstcuerung 1 arbeitet ähnlich wie das Ruder eines Dampiers und ist rote beim Schisse an: ved deö Ballons bejcftigt Tie .Böhensteuerung, die beim alten Modell durckz ein Laufgewicht hcrvorgerusen wurde, ist durcl; eine Zellens lache crjeM worden. Die Probe sal-rt bei lrüstiger Lstoriie verlies m jeder Beziehung zufriedenstellend und glatt. oenicr sand gestem in Gegenwart des Königs von Sachsen und der StaatSmunst-er Dr. Beel und Mebsch die Taufe des ärocilcn BallonS des sächsischen Dercins für Lustschin'alwt statt. Ter Ballon erhielt den NamenGras Zer-Pelin". Er flieg in ruhiger Fatrt in die Lüfte. Der BallonEognac" vom säTwelzeruchen Aeroklub, der am 29. Juni mit vier Passagieren vom Eigen- g le t scher ausgestiegcn war, ist nach 21 itünbigcr glüdlichcr 0-al)r<. nach Traversierung der Jungfrau und des S i m p l o n m a s s i v s glatt bei Stresa am Lago Maggiore ge- landet.

^DaS englische Verbum nach den Zeugnissen von Grammatikern dc5 17. und 18. Iahrhundens* oon etucl phil. Jakob Horn bearbeitet worden.

Sodann erfolgte die Bekanntgabe der für 19 08/0 9 gestellten Aufgaben. Die theologische Fakultät gibt für den akademischen Preis daS Thema .Die Entstehungs- Verhältnisse deS sogenannten zweiten ClemenSbriefeS sollen :unter besonderer Berücksichtigung etwaiger Beziehungen des Briefes zum Taufbekenntnis neu untersucht werden*; für den Leydhecker-PreiS stellt sie die Aufgabe: .Tie Begründung der christlichen Missionspflicht, unter Berücksichtigung der neuesten Kontroversen". Die luristische Fakultät stellt die Aufgabe: .DaS eheliche Güterrecht und Gütererbrecht der übergeleiteten Ehen im Bereich der Rechte der Provinzen Starkenburg und Oberhessen*. Tie medizinische Fakultät gibt zwei Aufgaben, und zwar für den akademischen Preis bic Aufgabe:Es soll untersucht werden, durch welche Umstände die Lutwickelung krankheitserregender Bakterien in Nahrnngs- inittelkonseroen begünstigt wird* und für den BalscrpreiS die folgende: .Ueber die Beziehungen der Pankreatitis zu den Erkrankungen der Gallenwege*. Die philosophische Fakultät stellt folgende fünf Ausgaben: 1. auS der Archäologie: Tic literarische und bildliche Ueberlieserung über Zeus Ammon Holl neu gesammelt und kritisch behandelt werden; 2. aus bei deutschen Philologie: .Schön* undhäßlich* und sinn­verwandte Wörter in Goethes erzählender Prosa; 3. aus der mittelalterlichen Geschichte: Der Begriff der kanonischen Wahl im Jnvestiturstreit, seine Begründung und praktische Anwendung; 4. aus der französischen Philologie: Tie Sprach von RLthal im 13. Jahrhundert; 5. auS der Physik: Tic verschiedenen Methoden zur Bestimmung der inneren Reibung von Flüssigkeiten sollen einer vergleichenden kritischen Be< sprechung und, soweit sie zu einwandssreicn Ergebnissen nich: geführt haben, einer experimentellen Nachprüfung unterzogen werden.

Um l1/, Uhr begann ein Festmahl im Neuen Saal­bau für die Dozenten, Assistenten und Beamten der Ludo- viciana. Um 5 Uhr findet Konzert im Garten deS Neuen Saalbaus statt.

Zwei Geschästsjubiläcn.

Heute begehen zwei der angesehensten hiesigen Fir men der Zigarrcnbranchc das Jubiläum ihres fünf und- zwanzigjährigen Bestehens, die Zigarrensabri fen Ludwig Georgi und E. Klingspor. Beide Firmen gingen 1883 infolge gütlicher Vereinbarung beider Firmeninl)abcr aus der Firma Georgi und Klingspvr hervor, die über 18 Jahre bestanden und sich unter den hiesigen Zigarrensabriken eine angesehene Stellung erworben hatte. Auch nach der Trennung haben beide Firmen dazu beige tragen, den Rus Gießens als einen der hervorragendsten ZigarrcnfabrikationSplätze Deutschlands zu behaupten. Tic Firma Ludw. Gevr gi hat außer ihrer hics. Hauptsabris noch 6 Filialfabriken in Krofdorf, Gleiberg, Wißmar, 'Jtut- tershaufen, Steinbach und Lohra. Ihr Begründer, ftoiiv nierzienrat Ludwig Georgi, steht noch heute als Seniorches an ihrer Spitze, ivährcnd sein Sohn Karl seit 1. Januar 1900 als Teilhaber in die Firma ausgenommen wurde. Bon S. K. H. dem Großherzog wurden die Verdienste des Herrn Ludwig Georgi auf industriellem Gebiet am 25. Nov. 1898 durch die Verleihung des Kommerzienrat-Titels und am 25. 9!ov. 1905 durch die Verleihung des Ritterkreuzes 1. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen anerkannt. Tas Vertrauen feiner Mitbürger berief Herrn Georgi schon 1884 in die Stadtverordneten-Versammlung und 8 Jahre später wurde er von dieser zum Beigeordneten der Stadt Gießen gewählt. Auch als Handelsrichter, sowie auf manchen anderen Gebieten des öffentlichen Lebens hat sich Kommerzienrat Georgi betätigt und auch im politischen Leben als Vorstandsmitglied der freisinnigen Partei leb- 1 haften Anteil genommen. - Von der Veranstaltung einer allgemeinen Feier ihres Geschäftsjubiläums sieht die Firma Georgi ab. Es erfolgt heute eine Auszeichnung der feit Beginn ununterbrochen bei ihr tätig gewesenen Beamten und Arbeiter und außerdem wird die Firma ein Kapital

ich, dessen Zinsen jährlich besonders bedürftigen beitem zugute kommen soll. An stelle der ausfallenden Feier erhält jeder Arbeiter bei der nächsten Lohnzahlung ein Geldgeschenk. Tic Firma E. Kling spor nahm iw folge der Tatkraft und der kaufmännischen Umsicht ihres Begründers Karl Kling spor ebenfalls einen glän­zenden Aufschwung und dehnte sich immer mehr aus, so daß sie heute den größten der Branche zuzurechnen t)L Sie hatte aus dem gcmciiifamcii Geschäft die Hälfte der Arbeiter und die Fabriken zu Vetzberg, Fellingshausen, Atz- Imd) und Steinberg übernommen und erbaute in Gießen alsbald einen stattlichen Neubau in der Tammstraße. Tic Filialsabriken mußten bald vergrößert werden und neue entstanden in Dutenhofen und Großcn-Buseck. 1887 schritt Karl Klingspor dann zur Begründung der Zigarrensabri- kation im'badischen Oderlandc, in der Gegend von Offen­burg, die sich rasch ausbreitcte und heute in verschiedenen Orten in eigenen Fabrikgebäuden betrieben wird. Am 1. Ja­nuar 1900 wurde der eine Sohn des Begründers, Adolf klingspor, und am 1. Juli der jüngste Sohn des Senior chess, Hermann Klingspvr, Teilhaber der Firma, die sich immer weiter ausdchnte. Am 26. November 1903 verschied Marl Klingspor mitten aus einem arbeils- aber auch er folgreichen Leben heraus. In unserm Nachruf schrieben wir damals, einköniglicher Kaufmann" sei in ihm dahin gegangen. Das war die treffendste Kennzeichnung des um die industrielle Entwickelung Gießens hochverdien tcn Mitbürgers, der, allen äußeren Ehren wenig geneigt, ein leuchtendes Vorbild in allen Bürgertugenden war. Seine Söhne traten eine große und mühevolle Erbschaft an, aber es ist ihnen gelungen, sie zu erhalten und zu mehren. In 'Baden und Hessen dehnten sich ihre Betriebe inzwischen weiter aus. Klein Linden, Wieseck, Schotten mürben zu neuen Klingspor'schen Fabrikationsorten durch Uebernahme be­stellender Fabriken und in Kirchvers, Altenvers und Münch- iwlzhausen entstanden neue Filialen. Aus den 250 Arbei- tern, mit denen die Firma vor 25 Jahren begann, sind mittlerweile über 1000 geworden, die in 20 Betrieben all­wöchentlich über 1 Million Zigarren Herstellen. Ten beiden Firmen, die weit über unsere Stadt hinaus volkswirtschaft­lich befruchtend wirken, wünschen auch wir an ihrem heuti­gen Jubiläumstage ferneres gesundes Gedeihen.

Einige Blätter vcröffatilidKn Interviews mit Maxi, milian Harden. Danach hat Harden erzählt: Eulenburg und der Franzose L c c o m t e hätten in Müncl-en mit dem österrcich. Gesandtsä>rftS-Attachä Grasen L o n y a y einen engenFreund s ch a s t S b u nd" geschlossen. Eulenburg habe den Gehcimvat von Holstein gestürzt. Dann fährt Harden fort: Auch der Spi r i. tismus des Fürsten wirkte höchlt schädlich aus die Um­gebung des Kaisers. Selbst der Kaiser hat spiritistischen ungen beigeroohnl. Er hat lange Zeit in seiner Uhr cm Stuck Zeug getragen, welches angeblich bei einer Ge i stere rsche i- nung zurückgeblieben war. Harden erklärte auch, daß Gras Moltke homosexuell sei. Dafür habe er noch mehrAlaterial als bisher von ihm verwertet worden sei. Er behauptet schließlich, daß man dem Fürften Eulenburg nahe gelegt habe, Selbstmord zu begehen.

op. 34).

P. Schlitz, 30. Juni. Am Sonntag ertrank m der Fulda beim Baden der 15jährige Karl Ritz auS Pfordt. Erl konnte angeblich schwimmen und hat, wie verlautet, einen I Schlaganfall erlitten; seine Leiche wurde noch am Abend ge- borgen. Em gleiches Schicksal hätte am selben Tage einen hiesigen Glascrlehrlmg im Schlitzflusse treffen können, wenn nicht ein beherzter Junge, der 14jährige Ernst Jhlö, den Mut gehabt hätte, ihm nachznsprmgen und, der eigenen Lebensgefahr nicht achtend, dem beinahe Ertrunkenen die rettende Hand zu reichen. Wieder hat der hiesige Gesang-^ verein einen Erfolg zu verzeichnen. Bei dem 10. Bundes- sängerfest deS Fulda-Rhön-SängerbundeS, baB am Sonntag zu Hünfeld ilattfanö, errang er den 2. Preis, einen silbernen Pokal, gestistet von der Stadt Hünfeld.

[] Marburg, 1. Juli. (Tel.) TaB städtische ElektrizitätS- werk ist heute Nacht teilweise abgebrannt.

X Hanau, 30. Juni. Der B r e rn s e r Z i r b, der aus einem Güterzuge Dienst hatte, stürzte heute nachmittag bei der Station Heldenbergen von dem Zuge herunter und wurde von der nachfolgenden Schubmafchiiie schwer ver­letzt. Man nimmt an, daß der Verunglückte von einem Hitzschlage betroffen wurde, infolgedessen er absturzte.

(Scricbtsiaal.

Wien, 1. Juli. Sicc -hnski, der Mörder des galizijck-eu Statthalters Potocki, wurde von den Ge­schworenen einstimmig des gewöhnlick>en Mordes schuldig besun- dcn. Der Gerich!sl)of verurteilte ihn zum o d e durch den Strang. Tie Ver.eid.g.r ineib.tai die Nickt gkvils-^eschwerde gegen das llr.cil an. Me verlautet, hat der Gerichtshof bcichloiseii, die Begnadigung Sicczhnskis zu empschlen. Sieczhnski sührtc in einer Verwidigimgsrede aus, er gcstek-e, die Tat begangcn^zu haben, fühle sich aber eines Verorcchcns nicht schuldig. Tic -uit iei ohne Verabredung, ohne Mitschu.dige und ohne Verleitung, aus langer Hand vorbereitet und aus eigener Initiative begangen worden.

Mordprozetz Grete Beter.

Freiberg, 29. Juni.

Unter geradezu beängstigenbem Andrang deS Publikums nahm Montag Doiimttcg der Mordprozeß gegen die BurgermeislerS- tochler Grele Beier seinen Anfang. Schon von früh 6 Uhr ab belagerte eine dichte Mensckwmnenge daS Gerichtsgebäude. Kurz nach 9 Uhr betrat der Gerichtshof Öen überfüllten Verhandlung-, jaal. Ten Vorsitz führt Landgerichtsdireklor Tr. Rudert, die An­klage vertritt Staalsanwalk Tr. Männl, während der 'Angeklagien wiederum Rechtsanwalt Tr. Knoll als Verteidiger zur Seile steht. Tie Auklage lautet auf Mord und schwere Urkunden'älfchiing. Tic Vorgeschichte des Prozesses ist zur Genüge bekannt, so daß wir von ihrer erneuten Wiedergabe absehen können.

Nach Erledigung der üblichen Formalitäten wurde m die Vernehmung der Angeklagten eingetrclen. - Bors.; G5 kommt natürlich darauf an, daß Sie beute die volle Wahrheit Isagen. Wollen Sie das tun? - Angekl.: Jawohl. Bors.: Sic sind früher zwar nicht vorbesttast, in neuester Zeit aber wegen Abtreibnng zu einem Jahre Gefängnis und wegen schwerer Urkundeniälschung und erfolgloser Anstiftung Morde u. s. w. zu nini Jahren Zuchthaus verurteilt, eint, die Strafen rechtskräftig geworden? Angekl.: Ja. Bors.: Ter Eröffnungs - Beschluß legt Ihnen Mord und ^estamentü- iälschnug zur Last. Wollen Sie sich aus diese Anklage äußern? Angekl.: Vielleicht wäre eS om besten, wenn der Herr I Tireklor den Schrütsatz verlesen laßen würde, den ich auigeseht habe. Darin ist die volle Wahrheitiedergeschrleben. Bors.: Tie Verlesung dieses Schrulsatzes kann Ihre Vernehmung nicht ersetzen. Angekl.: Ich wußte nicht; ^vonut ich aniangen soll. ! Vvrs.: Erzählen Sie uns das, ivas <sic auch Ihrem Verteidiger erzählt haben. Fanden Sie meinetwegen mit der Tanzstnndc an, wo Sie die erste Velanntschait machten. - Tic Angeklagte beginnt

I zögernd zu sprechen, setzt dann aber flicücnb ihren Lebenslam ans- I einander. Sie erzählt: Nach meiner Slonnnnntion kam ich in bic I Tanzstunde. Tort lernte ich einen Herrn OehlSncr kennen, zu dem ich mich umsomehr hmgezogen fühlte, als meine Mutter sehr schloss und lieblos zu mir war. Ich fühlte mich allein auf der Welt und freute mich daher, m Cchtener einen Menschen gefunden zu haben, Dem ich mich anschlieüeu konnte. Es war ein schönes, rem ideales VerhäliniS, jedoch die Mutter war dagegen, beim ihr genügte der

I junge Mensch nicht. Ich aber fand ibn sehr lieb und konnte nickt von ihm lassen. Wir setzten daher unsern Verkehr heimlich lon. Fm Lanie der Zeit nahm das Verhältnis einen inlnneren Eharaktei Ian, ich konnte ihn nicht abivelsen. Durch lUiBUirftänbiuffe kamen wir auseinander. Am 25. Februar 19u5 lernte ich nut einem Maskenball m Freiberg '11 er t et kennen. Wir fanden so ort Ge­fallen aneinander. Schon am 9. Mälz verlobten wir uns heimlich.

I Ta erfuhr id) von Unterschlagungen, die er im Weid ait begangen I hatte. An einem Sonntagmolgen kam er ivicber: ,,'Jlur eie können mir helfen!" sagte er zu meinem Vaier. Jd) (ummeuc mich nicht um ihn, sondern gmq m die Kilche. Ich bin überljauvt lucniqüeivi war e4 früher so sehr religiös veranlagi, ich bin nicht so ruchlos, wie id) letzt eijcbcincu mag. In der Kirche soradi der planer über bas Thema vom verlorencu Sohiu Er legte I nahe, daß wir nicht bas Recht hätten, über bic Menschen zu I richten, und baß wir einem, der ge'trauchelt sei, hellen »Uißten. , Tie Rebe maditc ticicu Emoruck an, und, ich tagte den Enljchlnß, aus 'Dieder einen lnchugen Tienfrijcii zu machen. Er bekam laüo ooi» uns das Geld, und von jetzt ab wurde der Vet-

Der Lulendurgprozetz.

Berlin, 30. Juni.

1L

Tic hcutige DormilragL-SiBung wurde fast aus a licßlich durch die Vernehmung des Angeklagten auSgcfüIlt Dem Vernehmen nach bestreitet er nach wie vor mit aller Ent­schieden bei i. fick' im Sinne der Anklage ,'ckuldig gemacht zu zu haben. Er habe durch seinen Eid in Abrede gestellt, itiai- barc Handlungen im Sinne deS § 175 begangen zu haben. Unicc Schmutzereien" habe er nur alles das gemeint, waS Urai bar sei . Er bestreite aber heute noch. üd> strafbar gemacht zu haben. Auf die F-rage, wie beispielsweise der Zeuge Ernst auf feine be- laftcnbc Aussage komme, fall er gcantroonet haben, daß ihm das ein Rätfel fei. Auf die weitere Frage deS Von'ikenden, ro:e die intimen vertraulichen Briefe, welche er an Ernst gcfd>ricbcn habe, zu erklären seien, soll der Fürst geantwortet haben, er habe mit ihm viel gesegelt, gerudert und gesiscbt, sei fast ständig mit ihm zusammen gewesen und habe ihn eben lieb gewonnen. Standes unterschiede zu machen, fei niemals feine Gewohnheit ge­wesen. AlS dem Angeklagten dte Frage vorgelegt wurde, ob er perDttd empfunden £abc oder noch pervers empfinde, soll der Fürst mit einem entschiedenenNiemals" geantwortet haben.

M ilchhändler Riedel erfiart, als er aufgerufen wird, er habe beute morgen Drohbriefe erhalten und bittet aus diesem Grund.' um Beschluß des Gericht. Landgerichts-Dtrckwr üantoro:Auf Drohbriefe brauchen Sic nichts zu geben." Auch Oberstaatsanwalt Iscnbiel meint, er erhalte täg­lich Drohbriefe. Ebenso ist die Verteidigung tn der Lage, von einem ihr übersandten Drohbriefe zu erzählen.

Als erster Zeuge wird Bawn Rothschild vernckmmen, welck)er über den Leumund deS Fürsten in Wien aussagen fol'.. Ter Zeuge rührt aus, daß er mit d.m Fürsten in den Wicn.r litterarischen und künstlerischen SalonS viel zusammen kam, in denen dw Fürst fast ausschließlich verkehrte. Professor Otto Se il> auS München ist nicht in der Lage, positive Eingaben über daS Geschlechtsleben deS Fürsten zu mad?cn. _

Der Zeuge, Hausmeister Franz Tandl aus Starnberg er­klärt, daß ihn Fürst Eulenburg mehrmals unsittlich be­rührt habe, daß cs aber zu weiteren Handlungen positiver Natttr nicht gekonmicn sei. , t ,

Die Verhandlung wurde um 3 Uhr abgebrochen, da sich der Fürst zu ersckwpst fühlte.

In der heutigen fMittwoch-! Sitzung sollen Justizrat Bern­stein über den von Eulenburg in der geheimen Sik-ung der 4. | Strafkammer geleisteten Eid unb OberiandesgcrichtSrat Maier- I Pcünchen über den von ihm geleisteten Münchener Harden-Proz.ß | vernommen werden. Tarait dürfte sich die Vernehmung des Haus­arztes des Fürsten, Sanitätsrat Gennerich, und des Geh. Jusnz- rals Semmel schließen. .

Die Beroclsaufnahme dürfte mindestms zwei Wollen dauern. Von wescntlickwr Bedeutung ist die Tatsache, daß der Zeuge lSchönnc r, der von der Staatsanwaltschaft geladen wurde, nid t l erschienen ist und aud) bisher dem Ger ich: keine Entsckmldignng | hat zukommen lassen. Sdwnner ist derjenige, der in einem Mm»- I dKitcr Hotel, in dem sich Fürst Eulenburg als Legattonsrat auf- I hielt, durchs Schlüsselloch gcsehen^habcn will, wie der Angeklagte | jid) unsittliche Handlungen zu Sckmlden kommen ließ. Wenn I Schönner auch weiterhin der Labung keine Folge leistet, so wirb, | wie wenigstens von gewisser Seite behauptet wirb, die etaatS- | anwaltschaft nicht umhin können, die Weitersührung des Prozesses so lange hinauSzuschicbcn, bis der Zeuge an Gerichts- I stelle erscheint.