Ausgabe 
5.10.1907 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

k.

157« Jahrgang

Erstes Blatt

d

Nr. 234 Grhchetnt täglich auyet Sonntag«.

Dem Dtthener Anzeiger werden im 2Lechsel nut sem kcsilschcn tandwlrl die Sietzene. §anuüen- Wätter viermal tn der Woche beigelegl und -weimal wöchentlich da-s dreisblatt für den Kreis Hichen. Ferwprech-An- ichlußf. d. Redaktion 112 Verlag u. Expedition 51 Adresse «" Depefchen» «nzctger Gtl-tzen.

Annahme wn Anzeigen für Die Tagesnummer bi« vormittags 10 Uhr.

u. Land ' und.Gerichts-

ttotationrdrnck und Verlag der vrühl'schen Univ.-Buch. und Steindruüerei. U. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchulstra'ge L anjei9enteüe;&1c>%ei

Samstag 5* Oktober 1907

Be-agSyeetSr monatlich 75 viertel­jährlich Mr. 2220; durch Abhole- tu Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Mk. 2. viertel- jährl. ausjchl. Bestellg. ZetlenpretS: lokal 16 auswärts 20 Pfennig.

Verantwortlich kür den politischen Teilt <L Anderson; j. Feuille­ton und ^Vermischtes^ P. Witiko; für »Stadt

Zie vertilge "Kummer umfatzt 16 Ketten.

Zum nationaBiücrakn Parteitage.

In Wiesbaden sind nunmehr auch die Delegierten der nationailiberalen Partei zusammengetrcten, um eine Aus­sprache über die politische Situation sowie die Stellung der eigenen Partei herbeizusühren. Dem Parteitage war die Einweihung des Bennigsendenkmals in Hannover voran­gegangen, des Mitbegründers und Führers der Partei, der ihr das charakteristische Gepräge aufgedrückt und unter dessen Leitung sie in der Entwicklung Deutschlands eine wesentliche Rolle gespielt hat. Wie andere, hat auch diese Partei mancherlei Wandlungen durchgemacht, sie hat in den sechziger und siebziger Jahren auf der Hohe ihres Ein­flusses gestanden, um später, infolge der Schwenkung der Bismarckschen Politik zurückzugehcn, zn.mal sie nicht die Interessen einer bestimmten wirtschaftlichen Gruppe vertrat, aber sie hat sich immer wieder von den Schlägen erholt und bildet heure einen wesentlichen Bestandteil des Regie- rungsblvckes, auf den Fürst Bülow mit ziemlicher Sicher­heit in fast allen Fragen zählen kann. Gewiß gehen auch in dieser Partei die Meinungen zuweilen auseinander, man spricht ja auch von einem linken und einem rechten Flügel, aber wenn es galt, zur Stärkung der Wehrkraft Deutschlands zu Wasser und zu Lande bcizutragen, oder wenn es sich um schwerwiegende wirtschaftliche Fragen handelte, hat die Partei nie versagt, selbst unter Zurück­stellung niancher berechtigter Sonderwünsche. Es sind ihr deshalb von gegnerischer Seite oft Vorwürfe gemacht wor­den, indessen wird niemand in Abrede stellen können, daß die Partei sich in der Unterstützung der Regierung stets von selbstlosen Motiven hat leiten lassen.

Zwei Hauptpunkte sind es, die den diesjährigen Partei­tag in Wiesbaden vornehmlich beschäftigen werden, einmal die Blockpolitik, dann aber das Verhältnis zu den Jung- liberalen. In ersterer Hinsicht dürfte es kaum irgendwelche Meinungsverschiedenheiten geben, da die Nationalliberalen die Blockpolitik deö Kanzlers durchaus willkommen geheißen haben; anderseits aber verlangen auch sie, daß gewissen liberalen Forderungen im Interesse der Zusammenhaltung M Blocks nachgekommen wird. Man wünscht dabei auch ein Anpassen der preußischen Politik an die im Reiche rin- gcjchlagene Richtung und fordert mit Entschiedenheit eine Liesorm des Wahlrechtes, wenngleich man sich nicht aus den Standpunkt stellt, daß der Wahlmodus unbedingt dem int Reicher entsprechen müsse.

Was nun die Beziehungen zu den Jungliberalen an- langck so wird es wohl an einer lebhaften Aussprache in Wiesbaden nicht fehlen, aber zu irgend einem Konflikt dürfte eS kaum kommen, da der Beschluß des jungliberalen Parteitages in Kaiserslautern, auch süddeutsche Verbände aufzunehmen, die die Altersgrenze nicht in ihren Satzungen haben, im Grunde genommen doch nur der Partei von

Vorteil sein kann. Mag die jungliberale Agitation den Alten" vielleicht auch manchmal etwas zu weit gehen, so birgt diese Strömung der Partei doch manches Gute, vor allem bringt sie etwas Frische, die sehr zum Schaden der Partei zuweilen gefehlt und den Verlust von Terrain zur Folge hatte, weil die Führer es unterlassen hatten, mit dem Gros der Wühler Fühlung zu halten und auf deren Intentionen einzugehen. Diesen Erwägungen verschließt man sich in den führenden Kreisen der Partei keineswegs und es darf darum als ausgeschlossen gelten, daß unter diesen kleinen Differenzen die geschlossene Einigkeit der Partei nach außen leiden wird, zumal man sich wohl bewußt ist, daß noch manche schwere Kämpfe bevorstehen. .

*

Wiesbaden, 4. Okt. Der nationalliberale Partei­tag, der von heute bis Montag hier tagt, wurde demRhein. Kurier" zufolge heute durch eine zahlreich besuchte Sitzung des Zentralvorstandes der Partei eröffnet. Zunächst wurde über die Kaiserslauterer Beschlüsse des Reichs­verbandes der nationalliberalen Jugend beraten. Der Vor­sitzende dieses Reichsvcrbandcs, Dr. Fischer, erklärte sofort nach Eintritt iu die Tagesordnung, er betrachte die Kaiserslauterer Beschlüsse als gegenwärtig nicht aktuell, weil die Vorbedingung dieses Beschlusses, nämlich die Einigung mit den süddeutschen Jungliberalen infolge der bekannten Vorgänge noch nicht erzielt sei. Die im Zusammenwirken mit der Gesamtpartei fortgesetzten Verhandlungen sollen im Sinne einer von dem geschäftsführenden Ausschuß des Zen­tralvorstandes vorgeschlagenen Resolution geführt werden, der zufolge grundsätzlich nur solche Organisationen in die Gesamtpartei ausgenommen werden können, die sich satz- ungsgemäß zu den Grundsätzen der nationalliberalen Partei bekennen und der Reichsverband soll als solcher in der Gesamtpartei eine Vertretung nach Maßgabe der Inne­haltung der Altersgrenze erhalten. Auf Grund dieser Er­klärungen setzte die Versammlung den Gegenstand von ihrer Tagesordnung ab und übertrug die weiteren Verhandlungen mit dem Reichsverbande der nationalliberalen Jugend dem geschästsführenden Ausschuß des Zentralvorstandes. Morgen finden allgemeine Verhandlungen statt, am Sonn­tag zwei große Volksversammlungen.

IColomalpofi,

Dar - es - Salam, 4. Okt. Staatssekretär Dernburg ist heute von Sadani hier eingetroffen. Er wird vom 9. bis 11. Oktober die Morogorobahn und die benachbarte Glimmerbrücke besichtigen und daun die Heim­reise antreten. In Sadani besuchte der Staatssekretär gestern die Baumwollplantage des kolonialwirtschaftlichen Komitees und ließ sich den von diesem dort eingesührten Dampspflug im Betrieb vorführen.

B e r l i n, 4. Okt. Nach einem heute hier eingegangenen Telegramm sind auf der deutsch-ostafrikanischcn Bahn Dar­

es-Salam-Morogoro die Gleise bis zur Endstation Vtorogoro gelegt.

Berlin, 4. Okt. Die Rücktransporte aus, Deutsch-Südwestafrika haben nunmehr begonnen. Mit dem am 1. Oktober von Swakopmund abgefahrenen Dampfer kehren 5 Offiziere, 1 Sanitätsoffizier, 1 Ober- beamter, 71 Unteroffiziere und 349 Mannschaften in die Heimat zurück.

Do la, 4. Okt. (Reuter.) Die britische Kommis­sion unter Major Whitlock zur Festlegung der Grenze zwischen Kamerun und Nigeria ist heute hier eingetrosfen. Die Vermessuugsarbeiten beginnen ver- mutlich Mitte Oktober.

Are Beratung der Kanalgebührcnorvnung.

Gießen, 4. Okt.

Wir haben schon mitgeteilt, daß in der letzten Sitzung der Stadtverordnetenversammlung die Frage der Kanalgebühren-Ord- nung durch einen einstimmigen Beschluß erledigt worden ist.. Unter Hinweis auf das gestern veröffentlichte Ortsstatut und die dazu gegebenen Unterlagen seien im nachstehenden die Ver­handlungen des Stadtparlaments über die Vorlage wiedergegeben.

Ter Vorsitzende eröffnete die Beratung mit einem Himveis auf die Begründung des ablehnenden Bescheids des Ministeriums bei der früher beschlossenen Gebührenordnung und bemerkt dann weiter, daß auch diesmal wieder die Finanzdeputation, die: Baudeputation, die juristische und die sozialpolitische Deputation die Vorlage einer gründlichen Beratung unterzogen hätten. In der Sitzung dieser Deputationen am 1. Oktober sei die Frage, ob die gesamten Kanalbau- und Betriebskosten auf die direkten Steuern ausgeschlagen werden sollten, mit 15 gegen 3 Stimmen verneint worden. Sodann sei mit großer Mehrheit beschlossen worden, eine besondere dauernde Kanalgebühr von den Haus­besitzern zu erheben. Bezüglich des vorgesehenen Ethebungsmodus verweise er auf die vorliegende Drucksache (die in der gestrigen Nummer desGieß. Anz." abgedruckt murdeü Insbesondere wolle er noch darauf Hinweisen, daß die Vorlage von 5cn' Hausbesitzern 10 000 Mk. jährlich weniger verlange, als die frühere Vorlage von den Mietern und Wohnungsinhabern verlangt habe.

Stadtv. Haubach spricht sein Bedauern darüber ans, daß das Ministerium die frühere Gebührenordnung nicht genehmigt habe. Er halte auch heute noch die damalige Regelung für die richtigste. Auch die Berechtigung des Ministeriums zur Ableh­nung sei ihm nicht ganz klar; auch bei der Benutzung des Friedhofs erhebe man besondere Gebühren, und das Ministerium habe dies nicht beanstandet. Es sei bedauerlich, daß man in Hessen in dieser Sache nicht so selbständig sei wie z. V. in Preußen, wo man derartige Beschränkungen der Städte nicht kenne. Es sei an der Zeit, daß die Sache entschieden werde, damit die Erhebung der Gebühren vom 1. April 10Q7 ab er­folgen könne und nicht noch mehr Geld verloren gehe. Bei der früheren Gebührenordnung sei man von dem Grundsatz ausge­gangen, daß jeder bezahlen solle, der an der Einrichtung beteiligt sei und davon Vorteil habe. Jetzt müsse man sich entscheiden^ ob man die Steuern erhöhen wolle oder, ob die, Hausbesitzeo eine besondere Gebühr bezahlen sollten. Bei dieser Sachlage könnten die Hausbesitzer gar nicht anders handeln, als die Ge­bühr auf die Mieter abwülzen und da zumeist sich, der dadurch unvermeidlich gewordene Mietaufschlag sich nicht auf diesen Be­trag beschränken werde, meine er, daß mit der jetzigen Regelung gerade den Mietern kein Gefallen getan werde.

Stadtv. Dr. G u t f l e i s ch ist der Ansicht, daß man dev Sache nicht diene, wenn man die allgemeine Frage wieder

Greszeucr' LLcrötthcater.

Nordische Heerfahrt.

Don Ibsen.

Ibsen als dramatischer Gestalter der Nibelungensage!

Es ist eine merkwürdige Erscheinung, daß, nachdem bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts die germani­schen Heldenlieder wieder entdeckt Wörden waren, genau ein Jahrhundert später, freilich nach mißglückten Versuchen einiger kleinerer Geister, ziemlich gleichzeitig, und zwar in­nerhalb von anderthalb Jahrzehnten ein paar der wuchtigsten Persönlichkeiten der neueren Zeit, Wagner, Ibsen, Hebbel und Jordan, an die dichterische Neugestaltung der uralten Sagenjlo'sjL herantraten. Und ein wunderlicher Zufall läßt hier die Zahl 7 eine Rolle spielen. 1557 hatte Hans Sachs seine Tragödie vomhörnen Seifrid" beendet, 1757 als erster Bodmer Bruchstücke des Nibelungenliedes veröffent­licht. 1767 ließ derselbe eine Umdichtung von dessen zweiten Teile erscheinen. 1807 erneuerte Hagen das Nibelungen- Ued, 102.' folgte Simrocks lledersetzung. Bis 1857 hielt sich Raupachs TragödieNibelungenhort" im Repertoire der großen Bühnen und im gleichen Jahre, also genau ein Jahrhundert nach des Liedes Wiederentdeckung, das ja aller­dings mit der Sage nur in losem Zusammenhänge steht, er- schienen Ibsens 'Helden aus Helgeland", das der erste deutsthe uebersetzer willkürlichNordische .Heerfahrt" be­titelte, und veröffentlichte Geißel sein Brunhild-Drama. Zehn Jahre später kam Jordans grandioses Nib-elungen- epos als Buch heraus, und 1877 Wilbrandts Kriemhild- Tragödie.

Rur äußerst selten erscheint auf den deutschen Bühnen Ibsens Nibelungendrama, in dem der Dichter, wie der Lic. Hans Vollmer in seinen, im übrigen ja ziemlich anfechtbaren Erläuterungen zu dem mhd. Liede uno der neueren Nibe- lungendichtimg (Leipzig 1906, Heinrich Bredt) zutreffend sagt, Ernst gemacht ist mit der llebertragnng der Materie ins Rein-Menschliche.

Vrauocs sagt in der sonst vorzüglichen Einleitung zu dieser Jbsenschen Jugenddichtung, in der von ihm im Verern mit Elias und Schleuther heraus gegebenen großen deutschen Ibsen-Ausgabe, er betrachte es als einen Fehler, daß loir erst am Schluß des 3. Aktes Sigurds Leidenschaft für Hjördis, die Walküre, erfahren, die bei Sigurds zärtlichem Verhäiuris zu Dagny anscheinend ausgeschlossen sei. Ich meine dagegen, diese Leidenschaft läßt Ibsen von vornherein ahnen uno hat sie sogar nicht allzu verblümt angedeutet. Als eine um des Effektes willen gesuchte ckebcrraschung wirkt es allerdings, wenn .Sigurd, was BrandjeS gleich­

falls tadelt, erst in seiner Todesstunde Hjörvis und den Zuschauern mitteilt, daß er Ehrist und deshalb auch in einem zukünftigen Leben für die Geliebte verloren ist. Sonst aber schwebt über der ganzen Handlung Altnordlands Geist, und oie Hauptgestalten, wie Oernulf vom Fsord und seine Pflege­tochter Hjördis, sind von mythischer Wucht und Größe. Leben, Bewegung und psychologische Wahrheit sind in dieser dramatisierten Wälsungsage reichlich vorhanden und fesseln Auge und Ohr ahn' Unterlaß. Seine großen Gedanken von der Selbstbestimmung und von demKnoten der Norne, den keiner lösen kann", hat der 29jährige Ibsen hier schon deutlich ausgesprochen, ebenso wie er dasRecht der Persön­lichkeit" mit allem Nachdruck betonte.

Die Hörer waren unter dem Einfluß der schicksal­schweren Dichtung so gebannt, daß ihre Vorführung sich zu einem Triumphe für die dramatische Kraft des toten Skalden gestaltete, wie ihn gleich rauschend seine späteren Seclendramen kaum zu erringen vermöchten.

Doch ich glaube, auch Künstler, die an übergroßen Auf­gaben öfter sich erproben können, als die zu Darstellungen aller Arten berufenen unseren, dürften nur selten echte Interpreten sein jener herben Größe, die Ibsens Helge- land-Helden trotz ihrer Uebertragung aus der Mythe in die Wirklichkeit beibehalten haben, einer Größe, die den Augen des modernen Dienschen diese Gestalten fast wieder als Gebilde der Sage erfcheinen läßt. Auch Darstellern, die vielleicht lieber int hohen Drama als in der dem Ge­dämpften, Diskreten zuneigenden gegenwärtigen Kunst etwa eines Schnitzler u. a. ihre Kräfte üben mögen, entschwindet wohl immer mehr die Fähigfeit, den Riesengestalten eines Hebbel oder den Heerfahrern Ibsens die Schranken­losigkeit der Taten und Gefühle mitzugeben, die bei ihnen alle Reflexion ausschließt. Diesem innerlichen Manko, das mehr nur der Zuschauer empfindet, dem die Lektüre andere Illusionen erweckte, gefeilt sich ein äußeres, das auch der unvorbereitete, im Augenblick der Darstellung naiv genießende Zuschauer bald empfindet: zu klein, zu eng ist bei den meisten die Gebärde, und der Dialog wird hin- und hergeworfen zwischen hohem Bühnen-Pathos und einer hastig erregten, heftig vibrierenden Konversation, die doch nur im modernen Schauspiel ExistLnzrecht besitzt. So kommt, was an der Darstellung derNordischen Heer­fahrt" in unserem neuen Theater auszusetzen ist, wenn der Ton der Darstellung den Geist der Dichtung nicht durch­weg echt und rein wiedertlingen ließ, nicht eigentlich auf Rechnung Einzelner; diese Disionanz ist nur ein Beweis dafür, daß nicht sowohl die älteren unter unseren Bühnen­künstlern, als vielmehr der ^Nachwuchs im Suchen nach

neuen Ausdrucksmilteln steht, daß ihnen, den jüngeren, in ihrem Schwanken die reine Ausprägung einheiüicher Dichtungen gar schwer wird. Berücksichtigt man aber, daß.' dem Entwicklungsgesetz der Bühnenkünstler allzeit unter­worfen bleibt, und daß der junge, für die verschiedenen Stilarten die rechten Formen juchende Mime an mehr oder minder theaterschulmäßige Art noch gebannt ist, dann bleiben von dem, was unsere Künstler am Freitag den Ibsen-Gestalten mitgaben, schöne und reiche Proben tüch­tigen Könnens, das ausnahmslos liebevolle Beschäftigung und unverkennbarer Fleiß zu höherem Aufschwung geför­dert hatten.

Der Name Bakof muß zuerst genannt werden. Die^ rühmlichen Merkmale seiner Tätigkeit als künstlerischer Leiter zeigten sich allenthalben. Freilich ist ihm firr die dekorativen Bühnenbilder und szenischen Anordnungen nicht sonderlich viel Lob zu spenden. Die Stimmung am wogengepeitschten Meere im ersten Akte wurde beeinträch­tigt durch eine höchst unnatürliche Schneegestöber-Vorfüh­rung, die weder den Menschen noch der Erde etwas an­hatte. Recht hübsch machte sich ja die hohe Halle in Gunnars 5^aus (der nichtBauer", sondernein reicher Lehnsmann" ist; wann endlich werden sich unsere Bühnen zur Benutzung der großen Ibsen-Ausgabe von Brandes usw. entschließen?). Aber die Massen nahmen an deu großen Trinkszene gar temperamentlos teil. Im übrigen indes zeigte sich das Bestreben, dte Charaktergröße der Helden und die Wucht der Geschehnisse durch ein markiges Pathos zu symbolisieren. Bakof selber gab darin das beste Beispiel. Der ehrwürdigen Erscheinung eines isländischen Landsassen entsprach seine kraftvoll rauhe Rede, sowie die Ruhe seiner meisten Gesten. In der Vollanwendung der Lungenkraft artete er ja freilich zuweilen aus, so daß er nicht immer gut zu verstehen war. Auch machte bei seinen abwehrenden Bewegungen eine absichtliche jähe Ueber- hastung störend sich bemerkbar. Wo er aber durch rheto­rische Gewalt wirten kann, stand Bakof am höchsten; aller» dnias hat die Totenklage um die Sühne, oer die grandiose Ruhe ebenso fehlte wie der wtmdervolle Text der großen Ibsen-Ausgabe, bei der schönen Ibsen-Gedenkfeier am 15. November v. Js. noch machtvoller gewirkt.

Weingärtner darf den Seekönig auch in seinen Szenen mit Dagny und Hjördis krafwoller halten. Er be­fleißigte sich eines außerordentlichen Maßes von Ruhe und Einfachheit. Möglich, daß er glaubte, solches zieme dem wahren H>elden, zumal einem durch unglückliche Liebe zu steter Verstellung und Heuchelei gezwungenen. ES schien, mir aber doch eine gewisse Apathie vorzuliegen, jichtücher,