Ausgabe 
4.12.1907 Drittes Blatt
 
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Nr. 285

Erscheint tSglich mit Ausnahme befl Sonntags.

DieHiehener Familtenblätter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Giehen" zweimal wöchenUlch. Der ..hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

157. Jahrgang

Mittwoch, 4. Dezember 1907

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhessen

Rotationsdruck and Verlag der Br 6 blichen UntversltätS - Sud)* unk Sttinüiudtut R. Lange, Gießen.

Redaktion, Cxvedttton und Druckerei: Schul- strahe 7. Erpedltton und Verlag 5L Redaktwn: 112. Tel.-Adr^ An-etger(ö letzen»

Deutscher Reichstag.

64. Sitzung am 3. Dezember, 1 Uhr.

Am Bundesratstisch: Freiherr v. Stengel, v. Deth- mann-Hollweg, Dernburg, Dr. Nieberding, v. E i n e m, v. Schoen, Wermuth, Twele.

Präsident Graf Stolberg eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 15 Minuten.

HandelSübercinkunft mit Atontenegro.

In der ersten Lesung nimmt das Wort

Staatssekretär des Aeußern v. Schoen: Die Begründung Les vorliegenden Gesetzentwurfes mag Ihnen auf den ersten Blick etwas mager und bescheiden erscheinen. Wir waren nicht in der Lage, aus Mangel an statistischem Material, ziffernmäßig nachzu- weiscn, wie weit der jetzige vcrtragslose Zustand zwischen Deutsch­land und Montenegro dem deutschen Handel zum Nachteil gereicht. Der Wert des Vertrages liegt hauptsächlich in der Zukunft. Auf besondere Bedeutung kann er keinen Anspruch erheb e n. Er mag Ihnen aber als ein weiterer Beweis dafür gelten, wie sehr die Regierung bestrebt ist, den Kreis der Handels­beziehungen zwischen Deutschland und dem AuSlande zu befestigen und zu erweitern. (Beifall.)

Nach einer Aussprache über die Handelsbeziehungen mit Montenegro, woran sich die Abgg. Storz (Dr. Vp.), Ortel (natl.) und Molkenbuhr (Soz.) beteiligen, wird der Vertrag in erster und zweiter Lesung genehmigt.

Es werden sodann eine Reihe von Rechnungssachen erledigt.

Eine Rechnungsübersicht nimmt Abg. Noske (Soz.) zum An­lasse, über den ständigen Wechsel unter den Gesandten, die an ihrem Platze nicht warm würden, über die unbesetzten Konsulate, über die hohen Remontepreise u. a. zu sprechen.

Präsident Graf Stolberg: Es hat sich niemand mehr zum Wmt gemeldet. Ich schließe die Sitzung (Große Heiterkeit) die Diskussion.

Etat itnb Flottengesetz.

(Fünfter Tag.)

Abg. Kreth (kons.): Aus der linken Seite des Hauses herrscht eine gewisse Schwärmerei für direkte Reichs st euer n. Wir haben unsere Bedenken dagegen nie verborgen. Wir wissen ganz genau, daß, wenn erst einmal eine direkte Rcichssteuer ein­geführt ist, der Reichstag memals wieder andere Steuern erheben würde. (Sehr richtig! rechts.) Wir sind entschlossen, die B I o ck- volitik des Reichskanzlers, soweit sie sich mit unseren Grundsätzen verträgt, aufrichtig und ehrlich zu unterstützen. Wir müffen erwarten, daß uns dieser Standpunkt von der anderen Seite nicht unnötig erschwert wird. Wir sind mit den Wahlen ganz zufrieden. Von einem liberalen Umschwünge, von einem liberalen Zuge haben wir bei der Wählerschaft nicht das geringste bemerkt. Herr Gothein hat hier erklärt, er würde dem Block keine Träne nachweinen. Diesem Alexander scheint sein Mazedonien zu klein zu sein. (Heiterkeit.) Herr v. Paper hob die Vorzüge der Süddeutschen gegenüber den Norddeutschen hervor. Er sollte stch bei Treitschke darüber informieren. Der war Sachse, also unparteiisch, imb als solcher auch helle. (Heiterkeit.) Der muß es also wißen.

Nun zu dem Fall des Obersten Gädke, über den selbst gemäßigte Blätter, wie dieLeipziger Neueste Nachrichten", sich abfällig ausgesprochen haben. Die Mitteilung, die er an den Kriegsmini st er gestern gerichtet hat, wird wohl auch bei seinem Verteidiger Herrn Baßermann Zweifel darüber aufkom­men laßen, ob es richtig war, hier für ihn einzutreten. Herr Baßermann war darüber ungehalten, daß gegen Herrn Gädk? eine Freiheitssttafe beantragt wurde. Sollte eine Geldstrafe von 3 oder 5 Mark eine Sühne dafür sein, wenn ein Mann im Wider­spruch gegen Recht und Gesetz sich einen Titel anmaßt? (Zurufe lrnks.) Es liegt mir fern, in ein schwebendes Prozeßverfahren eingreifen zu wollen. Es liegt außerhalb unserer Pflichten, hier mit einem noch nicht abgeschlossenen Prozesse uns zu beschäftigen. Nun hat aber der Abgeordnete Gädke (Große Heiterkeit), der Oberst Gädke gestern einen Brief geschrieben, in dem er den .Kriegsmini st er zum Duell zwingen will. Es ist dock ein merkwürdiger Gegensatz, daß jemand, der dem Redak­tionsstabe desBerliner Tageblatts" angehört, das bekanntlich das Duellunwesen in der Armee als solches in Grund und Boden hinein verdammt, daß ein solches Mitglied des Redak- tionsstabes die Grundsätze des Blattes, für das es arbeitet, beiseite schiebt, und den Kriegsminister in dieser Form zum Zweikampfe herausfordert. (Sehr richtig! rechts.) Ich verstehe es auch sonst nicht, wie ein Mann, dessen ganze schriftstellerische Tätigkeit darauf beruht, die Armee zu kritisieren, und zwar in einer Weise, die einer Herabsetzung ähnlich sieht, ich verstehe es nicht, daß ein solcher Mann so viel Wert auf den Titel Oberst legt. (Sehr rich­tig! rechts.) Das ganze deutsche Offizierskorps von den höchsten Chargen bis zum jüngsten Leutnant legen nicht den geringsten Wert daraus, daß Herr Gädke den Titel Oberst weiter fuhrt, und daß sie mit ihm ein gemeinsames Band haben. Es ist nicht jeder­manns Sache, sich in Kreise, die von ihm nichts wissen wollen, sogar auf dem Prozeßwege hineinzudrängen. Es ist sonderbar, wie er mit dem Mute der Verzweiflung er mag ja glauben einen Kamps um das Recht zu führen wie er mit einem Mute, als ob man ihm die Jungen rauben wollte, für seinen Titel kämpft.

Für meine Fraktionsgenoßen ist er durch den Brief gründ­lich erledigt. (Beifall rechts. Zuruf: Sie werden jetzt auch einen Brief bekommen! Heiterkeit.)

Auf den Parteitagen in Eßen und Jena hat Liebknecht direkt zur antimilitaristischen Propaganda aufgefordert. Ob ein bekommenes Subjekt Pläne von Festungen ver­kauft, ode^ ob jemand, darauf vertrauend, daß es seinem juri­stischen Verständnis gelingen werde, das Vaterland wehrlos zu machen versucht, das ist dasselbe. (Lachen, Unruhe, Beifall.) Ob jemand aus herosttatischer Sucht, in der Umsturzpartei eine Rolle zu spielen, oder auS Not solche Handlungen begeht, das kommt auf dasselbe heraus. (Lachen, Unruhe. Zuruf: Das Reichs- gericht.) Wenn das Reichsgericht da versagt, dann wird man andere Gesetze schaffen müßen. (Gelächter, Unruhe, Zurufe.) Ueber Herrn Bassermann wird sich doch man­cher draußen im Lande wundern, auch über seine Haltung in Steuerfragen. Der Redner wendet sich weiter an die So­zialdemokraten und veranügt das Haus mit Lesefrüchten aus ihrer Preße. Er erwähnt unter Zurufen der Entrüstung das Bubenstück derKönigsberger Volkszeitung", über die die Hartungsche Zeitung das leitende freisinnige Blatt Ostpreußens, das> schärfste Urteil gefällt habe. Die Staats­anwaltschaft habe ja den Schandbuben, der gewagt hat, das nationale Denkmal der Königin Luise eine Schandsäule zu nennen, bei seinen langen Ohren genommen. Gegen solche Bubenhaftigkeit muh das deutsche Volk geschützt werden (Beifall),

und da ist es angebracht, Gesetze einzubringen, nach denen derartige Ausschreitungen auf das schärfste bestraft wer­den. (Beifall rechts, Unruhe und Widerspruch links und im Zen­trum.) Soll man solche Bubenhaftigkeit im deutschen Lande dul- den? Wer hat Ihnen, meine Herren Sozialdemokraten, aufge- Kunden, daß der König Demos ein Lastträger sei? Wo trägt in Preußen das Volk eine Last? (Schallendes Gelächter links.) Das Koalitionsrecht wollen Sie für die Eisenbahnarbeiterl Denken Sie mal, wenn alle Staatssekretäre streiken wollten (Große Heiterkeit rechts), dann haben Sie ja niemand, den Sie angreifen können. (Bravo! rechts.) . Der Redner spricht weiter von den Waffenniederlagen der jüdischen Terroristen, von Parabellum- Pistolen. (Zuruf von den Soz.: Dum! Dumm!) Die Agrarier füllen sich angeblich die Taschen; ich habe noch nichts darin ge­funden. (Hohngelächter der Soz.) Die Caprivischen Handels­verträge lasten noch jahrelang auf der Landwirtschaft. (Gelächter links.) Der Redner apostrophiert in weiteren langen Ausführun- gen Bebel. Er erwähnt dessen Worte von der Dummheit der Mehrheit; Sie selbst, Herr Bebel, haben ja gesagt, Sie selbst hätten bei der letzten Wahl die meisten Stimmen gehabt. (Bei­fall.)

Abg. Gothein (sreis. Vgg.): Seien Sie unbesorgt, ich werde nicht so fortfahren wie der Vorredner. Großzügig war seine Rede nicht; er war ein Detailreisender in politischen Korinthen. (Heiterkeit.) DieLeipziger Neuesten Nach­richten", das Organ des Herrn Liman, nennt er ein liberales Organ! Wo mag er die Preße lesen? In Stallupönen (Große Heiterkeit). Gothein erklärt seine volle Zustimmung zu den Ausführungen Bassermanns über Gädke und Lieb- knecht. Welche politische Verfolgung muß sich Gädke gefallen lassen! Das entspricht nicht der Würde der deutschen Recht­sprechung. Der Kriegsminister täte besser, so starke Ausdrücke, die deutlich auf eine Stelle hinzielen, nicht zu gebrauchen. Er kann dieselbe Sache ebenso deutlich sagen, ohne beleidigend zu werden. Freilich, mit der gleichen Beleidigung durfte Gädke nicht ant­worten; er mußte an die ordentlichen Gerichte gehen. Herr Kreth hat nach bt.m Reichstagsalmanach allerdings Rechtswissenschaft studiert, aber er fügt freilich hinzu: als Korpsstudent! (Heiter­keit.) Er sollte ooch Deutschland wirklich nicht lediglich aus dem Gesichtswinkel von Stallupönen, Goldap und Dar- k e h m e n betrachten. (Heiterkeit.)

Der Redner kommt zum Etat. Das Deutsche Reich ist in der Rolle des großen Geschäftsmanns, der großen Luxus treibt, offenes Haus und offenen Tisch hat und sich ruiniert. Es treibt den Luxus der Agrarpolitik und schmälert die Ertragfähig­keit seiner indirekten Steuern. Wenn wir unter unserer Schutz­zollpolitik vorwärts gekommen sind, so nicht wegen, sondern trotz dieser Schutzzollpolitik. Die Tüchtigkeit unserer In­genieure, unserer Kaufleute hat uns vorwärts ge­bracht. So lange wir die Nahrungsmittelzölle haben, sind wir für weiteren Ausbau der indirekten Steuern nicht zu haben. Um so mehr_ für den Ausbau der Erbschaftssteuer und für Vermögenssteuer. Die Monopole lehnen wir schon politisch ab, wegen der ungeheuren Vermehrung der Beamtenzahl. In He er esf ragen haben wir von der freisinnigen Bereini­gung nie geknausert, unserem Vaterlande die nötigen Machtmittel zu bewilligen. Aber wie ist die politische Lage? Rußland kommt jetzt als Beacht nicht mehr in Frage; Frankreich ist außer stände, die Aushebungsziffer mit tauglichen Leuten zu leisten; 40 000 Kapitulanten fehlen da, die vierten Bataillone mußten aufgelöst werden, auf die Artillerievermehrung mußte verzichtet werden, weil es an Leuten fehlt, es muß bei 99 Geschützen gegenüber 144 wie bei uns pro Armeekorps bleiben; auch Kavallerie und reitende Artillerie hat dort die zweijährige Dienstzeit und ist daher minder- werttg. Frankreichs Schlachtschwert ist nach dem Urteil eines Kenners ich will es nicht voll unterschreiben nicht nur schartig, sondern auch stumpf. Und seine sonstigen Verbündeten? Spanien? Das nimmt doch niemand ernst. In den Mond muß man gehen, um sie zu suchen! Das europäische Gleichgewicht besteht im Drei­bund und Z w e i b u n d. Unter diesen Umständen konnte man den Gedanken der Abrüstung mit Erfolg betreiben. Jeden­falls sind wir nicht reich genug, die Rüststng zu tragen; und die politische Lage hat sich so verschoben, wir sind so unangreifbar, daß wir sogar den Versuch machen könnten, einseitig vorzugehen. Im Auslande haben wir uns nicht beliebt gemacht. Man traut uns den Grundsatz zu: Macht geht vor Recht, wie er hier auf der rechten Seite ausgesprochen ist, in einer das Rechtsgefühl verwüstenden Weise. Im Haag durch die ausgezeichnete Vertretung durch Freiherrn von Marschall hat sich unser Ansehen wieder stark gehoben. Aber wir sind dabei, die Sympathien wieder zu verscherzen. Der öster­reichische Reichsrat hat einen Vorstoß gemacht gegen Deutschland. Ein einzelner Abgeordneter mag sich das erlauben das haben auch bei uns Alldeutsche getan. Aber wenn der österreichische Minister des Auswärtigen ver­pflichtet wird, einzugreifen bei der preußischen Polen- Politik, so geht das allerdings sehr viel weiter, denn er ist der berufene Vertreter des gesamten österreichischen Reiches, und eine derartige Einmischung in unsere deutschen Ange­legenheiten man mag zu ihnen stehen, wie man will muß mit aller Entschiedenheit und Schroffheit zurück gewiesen werden. (Lebhafte Zustimmung.) Aber das zeigt doch, wie die Stimmung des österreichischen Volkes gegen uns ist. Es sind nicht nur die Polen und Tschechen, auch ihre bittersten Feinde, die Ruthenen, die italienischen Abgeordneten; denn man soll doch nicht glauben, daß die deutschen Liberalen in Oesterreich, die sieb gewehrt haben, den österreichischen Reichsrat zu einem solchen Beschluß bringen zu laßen, die preußische Polen­politik und den Sprachenparagraphen des deutschen Vereinsgesetzes etwa billigen. Wir haben es fertig gebracht, das Land, mit dem wir in historischer und traditioneller Freundschaft leben, gegen uns aufzubringen.

Nun muß ich mein Befremden über die Haltung des Reichskanzlers aussprechen. In dem Moment, wo sich die österreichischen Liberalen mit Entschiedenheit gegen diesen Vorstoß gegen das Deutsche Reich wehren, hat der Reichskanzler hier nichts Eiligeres zu tun, als ein Wort zu sprechen, daß dort aufs bitterste empfunden werden mußte, das Wort von den Herbstzeit­losen. War es denn klug, unsere besten Freunde in Oesterreich so vor den Kopf zu stoßen? Auch unseren deutschen Brüdernin Ungarn ist diese preußische Polen­politik ein Schlag ins Gesicht. (Sehr richtig! links.) Man muß das Entsetzen dieser Leute kennen. Wenn wir in Deutschland solche Politik treiben, fallen wir unseren Brüdern im Auslande doch geradezu in den Rücken. (Lebhafte Zustimmung links und im Zentrum.) Der Reichskanzler hat gesagt, wir sollen uns durch die Anzapfungen des Zentrums und der Sozialdemokratie nicht beirren laßen. Diese Neckereien sind doch am wenigsten wirksam, da merkt man die Absicht und wird verstimmt. Der Block ist in ganz anderer Weise ge­

fährdet, und zwar von der preußischen Regierung und dem Reichskanzler selbst. Wie soll denn ein Zusammenarbesten zwischen uns möglich fein, wenn von dieser Seite erklärt wird: wir gehen auf direkte Steuern nicht ein. (Sehr richtig! links.) Wir hätten es für das Natürliche gehalten, wenn der Bundesrat vor der Einbringung des Etats uns feine Vorschläge gemacht hätte, wie er das Defizit decken will. (Sehr gut! links.) So ist die Etats­beratung unvollständig und kümmerlich. Der Reichskanzler beladet den Block mit dem kolossalen Sckwergew' t der Ente^gnungsvorlage. Ist das nicht tatsächlich für uns ein Schlag ins Gesicht? Wie können wir mit unserem ehrlichen Namen als Liberale eine derartige Politik decken? (Lebhafte Zu­stimmung links.) Wir leiden ja am schwersten im Lande, wenn man uns eine derartige Politik anhängt. Dafür danken wir, das machen wir nicht mit. (Lebhafter Beifall links.) Auch der § 7 des Vereinsgesetzes ist für uns unannehmbar. Besteht der Reichskanzler auf dieser Polenpolitik, s o hat er selbst den Keil in den Block getrieben und darf sich dann nicht wundern. Einen Zweifel haben wir ihm nicht ge­lassen und wollen wir ihm auch weiter nicht laßen. (Lebhaftes Bravo! bei den Freisinnigen.) Die Enteignungsvorlage schafft eine maßlose Verbitterung und bringt uns ein zweites Ir­land in unser deutsches Vaterland. (Beifall links.) In seiner Blockrede war der Reichskanzler manchmal sehr dunkel. Ich glaube, mit dem AusdruckA s p h a l t l i b e r a l i s m u s" wollte er uns eine Schmeichelei sagen. Er soll deutlicher ausdrücken, was er damit meint. Vorläufig ist die Sache absolut unverständlich. Auch aus seinen sonstigen Andeutungen konnte man nichts Greif­bares entnehmen.

Wir sind die Hungrigen, Sie rechts sind die Satten. Wir denken nickt daran, auch nur eine Spur nachzu­laßen in der Bekämpfung. Ihrer W'rtschaftsvolitik; den Vorteil davon hätten nur die Sozialdemokraten. Sie haben ja wieder ein Schwei beglück: auf die Reden von Bebel und David die Erwiderung des Abg. Kreth! (Heiterkeit links.) W'r ver­treten die 'iberalen Forderunaen nach wie vor so, daß die Sozial­demokraten nickt das geringste gegen uns einwenden können. (Heiterkeit rechts.) Auf die Wablrechtsfrage ist der Reichskanzler mit feinem Wort eingeaangen. Ist denn ein einziger Mensch hier im Saale, der nickt weiß daß das Reick von Vrenßen regiert wird? Ich rufe dem Reichskanzler auch ein Uhlandsches Wort zu, das er den Fürsten zurief:

Wenn eure Schmack die Völker lösten, Wenn ihre Treue sich erprobt, So ist's an euch, nicht zu vertrösten. Zu leisten ist's, was ihr gelobt!"

Mehr Uhland, Herr Reichskanzler! (Beifall links.)'

Abg. Dr. Paasche (natl.): Ich will den Svuren meiner Vor­redner nicht folgen (Bravo!) und nicht all die Fragen der inneren und äußeren Politik nochmals behandeln. Ich glaube aber, offen aussprecken zu dürfen, daß, wenn der Abg Gothein wie der Abg. Kreth die Absicht haben, an der Blockpolitik mitzuarbeiten, dann die vielen Worte, die heute auf beiden Seiten scharf gesprochen worden sind, jedenfalls nicht dazu beitragen, d i e Blockpoli­tik als solche zu fördern. (Sehr richtig! beim Block und lachen beim Antiblock.) Solche Angriffe sollten wir denen über­laßen, denen der Block ein Dorn im Auge ist. Diejenigen aber, die, erklärt haben, ernstlich mitzuarbeiten, sollten hier nicht zeigen, wie schwach das gegenseitige Verstehen und das gegenseitige Entgegenkommen noch ist. Der Reichskanzler hat mit Reckt den Weg gewiesen, auf dem der Block positive Arbeit leisten kann. Unsere Ausgabe ist es, jetzt nicht mit vielen Worten die Gegensätze hervorzukehren, sondern das Trennende hintan zu stellen und das Gemeinsame voranzustellen, damit wir positive Arbeit leisten können. (Bravo! beim Block.) Positive Arbeit tut not, denn draußen im Volk findet der neue Kurs noch wenig Vertrauen. Man hat heute schon davon gesprochen, so bald wie möglich in die Weihnachtsferien zu gehen. Meine politischen Freunde sind der Ueberzeugung, daß wir noch in diesem Jahre irgend eine positive Arbeit leisten m ü f f e n, um zu zeigen, ob das Exempel stimmt, daß Opfer- fteudigkeit links und rechts vorhanden ist, um den Mittel­weg zu finden, auf dem wir allein vorwärts kommen können. (Bravo! beim Block.) Ich will heute nur das widerlegen, was gegen unser Programm gesagt worden ist. Zuvor muß ich mich aber mit dem Abg. Bebel persönlich beschäf­tigen. Der Abg. Bebel hat am Sonnabend ausgeführt, ich hätte ein ganz neues Rezept erfunden, um der Teuerung abzuhelfen, ich hätte gesagt, die Bäcker sollten etwas weniger Teig zum Brot nehmen. Das geschehe bereits, führte er weiter aus. Das ist in den Berliner und auswärtigen Zeitungen weitergedruckt worden und Ausschnitte sind mir in Maßen zugegangen, wonach ich als alter Dummkopf hingestellt werde. In einem Ausschnitt heißt es: Ein genialer Gedanke! Ter nationalliberale Abg. Dr. Paasche hat im Reichstag den Bäckern empfohlen, zu den Semmeln Viü Teig weniger zu nehmen. Die Semmeln würden dadurch etwas kleiner, aber niemand würde darum eine Semmel mehr am Tage eßen. Gewiß, wenn man Lachs, Kaviar, Hummer usw., was ja bei keinem Gabelfrühstück fehle, mehr eße, werde man das nicht merken. Im übrigen sei es aber eine Vorspiegelung falscher Tat­sachen." (Heiterkeit.) Wenn ich das nun wirklich gesagt hätte, wäre dieser Hohn und Spott berechtigt. Aber von der Loyalität des Abg. Bebel hätte ich erwartet, daß er, bevor er meine Aus­führung zitierte, den gedruckten Bericht über meine Rede einge- schen hätte, und daß er sich nicht bei einer solchen Unterstellung aus einen Zeitungsausschnitt stützen würde. Solche Berichte sind leicht falsch. Redner verliest den Wortlaut seiner Rede. (Höhnische Zurufe der Soz.: Tas ist ja dasselbe!) . Dann haben Sie kein Verständnis für das, was gesagt ist: nicht: macht die Semmeln kleiner I sondern: der Konsum an Weißbrod wird zu rück­gehen, und die größeren Vorräte werden dann den Preis wieder herunterbringen

Dann muh ich mich gegen den preußischen Finanz- minifter wenden (Hört! Hört! und Bewegung). Er hat sich über das, was Bassermann imAuftragderFraktion hier vorgetragen hat, recht abfällig, recht von oben herab ausgesprochen (Sehr wahr! bei den Natlib.), was für d i e Z n- s a m m e n g e h ö r i g k e i t d e s Blocks vielleichtrecht förderlich sein kann!! (Hört! Hört! Sehr wahr!) Er meinte, Baßermann kenne die Gründe der Regierung nicht, aber er mißbillige sie; nach dem Prinzip hat er gegen uns polemisiert. Er fragte nicht, welche Form wir unserem Steuerprogramm geben wollen. Bei der Vanderolejteuer hat Baßermann sehr mit Rech: den Grundsatz hervorgekehrt, daß wir aus allgemein sozialen Gründen, aus Gründen der Arbeiterpolitik dagegen sein müssen. Der Finanzminister hat das sozialdemokratische Schreckgespenst an die Wand gemalt:huhu! wurde dazu gerufen. Daß wir den Vorwurf verdient hatten, sozialdemokratische Schrittmacher zu sein, das glauben Sie ia selbst nickt.