Samstag 4. Mai 1907
157 Jahrgang
Zweites Blatt
Nr. 104
Gießener Anzeiger
Erscheint lS-llch mit Ausnahme bei Sonntag!.
General-Anzeiger für Gberhefjen
Die „«iehenn LamlIIenblSller" werden dem ,5lngetget* viermal wöchentlich beigelegt, dal ^Krtbblott für bei Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Der ^elfische tonbolrt* erschemt monatlich etirmnl
Rotationsdruck und Verlag der Brüh lachen UnwerftlälS - Buch» und Sretndruckerei.
R. Lange, Ließen.
Redaktion. Exvedition and Druckerei: Schul- strage 7. LrvediNon und Verlag > eij* &L Redaktion: 1IL. Tel-Adru AaeeigerGietzen,
Aus dem Keichslag.
R. Berlin, 3. Mai.
Die Reichsbeamten in den Provinzen Posen und West- Preußen werden nun auch d"r Ostmarkenzulage teilhaftig werden, die die preußischen Beamten bereits seit Jahr und Tag beziehen. Der Reichstag genehmigte heute die entsprechende Rewlutwn zum Postetat mit lö8 gegen 149 Stimmen, mit einem von freisinniger Seite beantragten Zusaß, der die Umviderrus- lichkeü der „Prämie" festlegt. In der Hauptsache gehörte bu Hitzung der Beratung des Ko l o n i a l e ta t s. Es galt, das vielumstrittene Reformwerk m dieser Verwaltung zu krönen durch Bewillmung des selbständigen Reichsamts für dre Kolonnen und des Staatssekretariats für Dernburg. -per Vater und die Gattin des Kvlonialdirektors konnten nicht umhin, Zeuge de» für die Familie Derburg denkwürdigen Schauspiels zu sein. Sie blickten von der Diplomatenloge mit Wohlgefallen in den Saal, wo die Debatte ohne jeden dramatischen Aizent anhub mit einer streng sachlichen, auf sehr milden Ton gestimmten Oppositionsrebe des Zentrumsfübrers Dr. Spahn.
Tie Partei der Mitte gibt das Spiel verloren; der Gegenstand erscheint ihr jetzt nicht einmal groß genug, um ihren „Staatsmann", den F-rhrn. v. Hcrtling, mit der rednerischen Derttetung zu beauftragen, obgleich dieser in der Budgetkommission namens der Partei das Wort geführt hatte. Ein Zufall fügte es, daß gerade heute, am Geburtstag des Fürsten Bülow, die Regierung den Erfolg in der Frage des kolonialen Staatssekretariats errang, für die sich der Kanzler von Anfang an persönlich ins Zeug gelegt hatte. Heute war er der Rotwendigkett überhoben, sein Wort in die Wagfchale zu legen Er hiett sich fern den parlamentarischen Gefilden. Dr. Spahn hat sich dermaßen mit den veränderten Verhältnissen ab- gefunden, daß er Dernburg für seine Afrikafahrt gute Ratschläge zu geben sich bewogen fühlte, in erster Linie im Interesse der Missionen. Die Wünsche der evangelischen Missionen brachte der Rheinländer Abg. Linz (Rp.) zur Kenntnis der Regierung.
Daß die Stellung des Zentrums zur Kolonialpvlittk zahlreiche Berührungspunkte mit der der bürgerlichen Linken hat, erhellte aus dw Rede des Abg. Dr. Wiemer (Fr. Blksp.). Dre Liberalen widerstreben gleichfalls der Errichtung einer Kvlonial- armee und einem Eisenbahnbau im Großen, wenn sie auch andererseits das öoloniale Rcichsautt bewilligen, gerade um Dernburg Cllbogenfreihett zu schaffen für eine mehr kaufmännische Verwaltungsreform., um ihm dann aber auch die volle Vcranttvvrtung zu schieben zu können.
Auf unbedingt ablehnendem Standpunkt auch dem neuen Kolo- malllirs gegenüber steht die Sozialdemokratie, für die Bebel mit viel Temperament und Phantasie sprach. Er sieht hinter dem Staatssekretär Dernburg schon den Kolcnial-Kriegs- m i ni ster auftauchen, den der Block später werde bewilligen müssen, in Konsequenz seiner jetzigen Bewilligung der Neuorganisation des Oberkommandos der Schuvtruppen. Die düsteren Prophezeiungen gipfelten in der Aufrollung eines afrikan. Kon- ftiktt zwischen Deutschland und England, der Bebel schon den dumpfen Tritt der Kolonialarmee hören läßt. Die anderen Parteien wollten aber nicht „das Gruseln lernen", sw nahmen Bebels Zukunftsgeschichten mehr von der heiteren Seite, sodaß dieser schließlich gekränkt ausrief: „Meine Herren, Sie smd eben in der Hurrastimmung!"
Um nicht im Anstande Mißtrauen auflommen zu lassen, hielt es der Stellvertreter des Reichskanzlers, Graf Posadowsky, für geboten, Bebels Darstellungen als „eines Jules Verne würdige, phantastische Behauptungen" zu kennzeichnen, denen jede Grundlage fehle. , x
Und der nächste Redner, Alm. Dr. Arnrng (nl.), em ehemaliger Militärarzt bei der Schutztruppe in Ostafrika, bestrebte sich, an der Hand seiner kolonialen Erfahrungen und Beobachtungen lichtere Farben in das Situationsgemälde zu bringen. Aus dem interessanten Vortrag war auch einiges über die Kolonialskandale zu entnehmen, so wie sie einem unparteiischen Be- ,urteil ei sich darstellen. . ..
In einer „kurzen Erllärung", die sich zu einer halbstündigen Rede ausdehnte, begrüßte Abg. Frhr. v. Richthofen (kons.) die Morgendämmerung der kolonialen Neuzeit.
Dernburg selbst wollte an diesem Tage natürlich nicht ^Zuschauer bleiben. Er suchte die wegen großspuriger Zukunfts- pläne geäußerten Bedenken zu zerstreuen und skizzierte nochmals sein Reformprogramm. Es fehlte nicht an scharfen Worten gegen Bebel. Viel Neues erfuhr man nicht; doch der stolze, selbstbewußte Ton ließ schon den mit seinen größeren Zielen gewachsenen Mann, den Staatssekretär, verspüren . . .
Gegen Abend hin wurde es noch recht lebhaft. Freisinnige nnh Sozialdemokraten sagten sich Aufrichtigkeiten, und Dernburg warf sich mit seinem vollen Temperament zum Anwalt feiner Beamten auf. Frau Dernburg sah chr Warten in später Stunde belohnt. Sie konnte als Gattin eines Staatssekretärs das Haus verlassen. ___________
politiid)c Tagestzcha«.
Kaiser und Kanzler.
-tt- Berlin, 3. Mai.
Wieder einmal wird unter Berufung auf ,gut informierte Kreise* behauptet, es bestünden zurzeit zwischen dem Kaiser und dem Fürsten Bülow gespannte Beziehungen. Die .KönigSb. Hartung'sche Ztg.* gibt eine Berliner Meldung wieder, die von den Maulwürfen spricht, die noch immer nicht go"z aufgehört hätten, gegen den Kanzler zu wühlen. Als ob die Riaulwurfsarbeit nicht nur gegen den an der Spitze stehenden Staatsmann, sondern gegen jeden, der m besonderem Maße das kaiserliche Vertrauen hat, überhaupl aufhören könnte! DaS ist doch aus den Denkwürdigkeiten Bismar^S und deS Fürsten Hohenlohe zur Genüge bekannt, wie viel Einflüsse, von der Jntrigue bis zur offenen Gegnerschaft, sich geltend machen im Kampfe um den „Platz an der Sonne*. Aber es ist keinerlei Grund vorhanden, die Beziehungen zwischen Kaiser und Kanzler gespannt oder auch nur getrübt zu nennen. Meinungsverschiedenheiten könnten gegenwärtig nur auf dem Gebiete der auswärtigen Politik von Belang sein, denn in der inneren Politik stehen keine Entscheidungen von besonderer Tragweite bevor, und Reichstag und Regierung kommen ganz gut miteinander aus. In der auSwärtigrn Politik aber ist eS zweifellos, daß die jüngsten Ausführungen des Fürsten Bülow im Reichstage in jeder Hinsicht der Meinung des Kaisers entsprechen,- sonst würde der Kaiser dem Fürsten nicht zu der Rede, die wegen ihrer Bedeutung noch immer im Auslande Erörterung findet, seine Anerkennung ausgesprochen haben. Verfehlt ist die Annahme, daß etwa die Verleihung deS Schwarzen Adler- ordenS an den Fürsten von Monaco dem Fürsten Bülow mißfallen hÄb«. Ordensverleihungen sind Sache des Kaisers, die Veryntwettlichkeit deS R-ichSkanzlerS hat damit nichts zu tun. Doch davon abgesehen, diese Auszeichnung wäre nicht einmal eine Berfti'nmung, geschweige berei einen Konflikt wert — heute, reo der Ernst bcr internationalen Lage von Tag zu Tag die Lösung ganz anderer Fragen gebieterisch erheischt! Darüber kann kein Zweifel bestehen, wis beruhigend auch die amtlichen Erklärungen lauten, daß der Weltfriede einer sehr kräftigen Belastungsprobe entgegengeht. In solcher kritischen Zeit ist kein Raum für nebensächliche Dinge, in solcher Zeit sind .gespannte Beziehungen* zwischen Kaiser und Kanzler durchaus unwahrscheinlich. Man sollte derartige Erzählungen — auch in gut informierten Kreisen gedeiht der Klatsch — nicht weiterverbreiten, schon um dem Auslande nicht Anlaß zu hämischen Zweifeln zu geben an der Einheitlichkeit der Gesinnungen, die in Deutschland lebendig sind.__________________________________
parlamentarische».
Berlin, 3. Mai. Die Bu d g e t t o m m i ssion des Reichstages verhandelte heute kbcr die Erweiterung des Kaiser Wilhelms-Kanals. Die Baukosten sind auf 221 Millionen veranschlagt, wozu noch zwei Millionen für Zwecke der Landesverierdigung treten. Für das lausende Jahr wird eine erste Rate von 15 Millionen gefordert. Das Projekt der Vorlage und die erste Rate werden mit großer Mehrheit angenommen. Darauf ging die Kommission zur Weiterberatung der Steuervorlage über. Der Voranschlag der Salzsteuer wurde von 55074 Mark auf eine Million erhöht. Nach Genehmigung der Branntweinsteuer mit 171450 000 Mt. und der Schaumweinsteuer mit 5 436 000 Mk. vertagte sich die Kommission auf Diontag.
— Dr. v. Burgsdorff hat im preuß. Herrenhause folgenden Antrag eingebracht: Das Herrenhaus wolle beschließen, die Staatsregierung zu ersuchen, ihren Einfluß im Bundesrat dahin geltend zu machen, daß die Fahrkartensteuer, welche den Verkehr besonders auf weite Strecken sehr belaste, möglichst bald wiederaufgehoben werde, zumal diese Steuer die preußischen Finanzen erheblich schädige und dem Reiche andere Steuerquellen zu Gebote stehen. (Volksztg.)
Deutsches Ucich.
Berlin, 3. Mai. Der Kaiser reiste heute abend um 11 Uhr nach Eisenach und Schlitz ab.
— Die Kaiserin reiste hertte abend nach Homburg v. d. H. ab.
— In militärischen Kreisen will man wissen, der Kronprinz werde bei der Frühjahrsparade des Gardekorps zum Major beföroert und gleichzeitig, oder bald nachher, zum Kommandeur eines der Garoekcwallerieregimenter ernannt werden. Der Kronprinz, der am nächsten Montag das 25. Lebensjahr vollendet, ist älter in der Hauptmanncyarge geworden als alle übrigen preußischen Thronfolger vor ihm.
»— Ter Reichskanzler Fürst v. Bülow (geb. 1843) hat zu seinem heutigen Geburtstage eine große Zahl von Glückwünschen erhalten. Verschiedene Souveräne haben telegraphisch gratuliert. Der Kaiser verehrte dem Fürsten eine kostbare Vase. Heute abend sand im Reichskanzlerpalais ein Diner statt, welches der Kaiser durch seine Anwesenheit auszeichnele. Einladungen zu diesem Diner haben il a. erhalten: der^ Minister Frhr. v. Aehrenthal nebst der gesamten österr.-ung. Botschaft, die gesamten Präsidien der drei Berliner Parlamente, Staatssekretär von Tschirschky, die Unterstaatssekretäre v. Mühl, Hengstenberg und Professor v. Renvers.
— Tie Anarchistenführer Otto Weidt und Werner Doya sind verhaftet worden. Beide waren die Hauptmi.arbciter an den hiesigen anarchistischen Blättern/ Der Grund der Verhaftungen ist noch nicht bekannt.
— Ter Bundesrat genehmigte heute einen neuen Ergänzungsetat mit einer großen Reihe von Forderungen für Südwestafrika.
— Die Reichstagsabgg. Faßbender (Ztr.), Kreth (kons.) und Weber (nl) brachten zum Etat der Reichsbank eine Resolution auf Erlaß eines Gesetzes betr. die lüege- lung des Scheckverkehrs ein.
— An einem Fraktionsessen der Zentrums» Partei des Reichs- und Landtags nahm auch der frühere Reichstagspräsident Gras B a l l e st r e m als Ehrengast teil. In seiner Erwiderung auf den ihm gewidmeten Trinkspruch des Grafen Hompesch versickerte Gras Ballesttem, daß er bis zu seinem Lebensabend der Zentrumspartei angehören werde. Er sei immer erfüllt gewesen von dem Geiste, der die Zentrumsfraktion beseelte. Denn dieser Geist sei der Geist der Gerechtigkeit.
— In dem dem Reichstag zugegangenen Gesetzentwurf betreffend den Versicherungsantrag, sind die Kommissionsbeschlüsse des vorigen Reichstags sämtlich berücksichtigt worden mit Ausnahme der vom Zentrum durchgesetzten Bestimmung- daß im Duell gefallene Personen den Anspruch auf die Versichermigssumme verlieren sollten. Die)e Bestimmung hat der Bundesrat gestrichen.
Oldenburg, 3. Mal Oberlandesgerichtsrat Sur* läge, Mitglied des Landtages und des Reichstages (Ztr.), ist als R e i ch s g e r i ch t s r a t nach Leipzig berufen worden.
Köln, 3. Mai. Die englische Kanalkommission trifft hier nach dem Besuche von Antwerpen in der Pfingstwoche ein, um auf einer Reise nach Deutschland die Kanatverbältnisse zu studieren. Der Kommission wird sich voraussichtlich der Minister Lloyd George anfchließen. Von Deutschland fährt die Kommission zu gleichem Zwecke nach Holland.
Schleiden in der Eifel, 3. Mai. Bei her heutigen ReichstaAsersatzwahl im Wahlkreise Schleiden-Mal- medy-Montjoie wurden abgegeben für F e r v e r s iA e n t r.) 10 360 Stimmen, für Graf von Spec lZentr.) 4418 Stimmen, für Scheibler (nl) 543 Stimmen und für Hofrichter (Soz.) 102 Stimmen. Zersplittert waren 42 Stimmen. Fervers ist somit gewählt.
Straßburg, 3. 9)Zai. Die Jnspektionsversammlung von St. Thomae har dem Präsidenten Dr. Curtius einstimmig ihr volles Verttauen ausgesprochen.
Ausland.
London, 3. Mal Aus Lahore (Indien) wird tele- graphiert: In Rawalpindi brach gestern ein Aufruhr aus. Tie indische Bevölkerung warf die Fenster der Häuser der
Aer Kaiser unö Die Kunst.
Vor einigen Tagen smd in Berlin die beiden regelmäßigen Kunstausstellungen in der bekannten einfachen Weise eröffnet worden. Es fällt bei uns nicht mehr auf, daß namentlich die Große Berliner Ku n staus ste l - lung in Abwesenheit des Kaisers eröffnet wird; trotzdem hat man vielfache Vermutungen an dieses Fernbleiben des Herrschers geknüpft und sie aus seiner Stellung zur Kunst int allgemeinen zu erklären gesucht. Es kursieren darüber die verschiedenartigsten Lesarten und es ist jedenfalls bekannt, daß der Kaiser eine besondere Vorliebe für ausländische Kämst zeigt, die er erst jüngst wieder bei Gelegenheit deS Gastspiels der Monte-Carlo-Over in Berlin bewiesen hat. In französischen Müttern wird viel davon gefabelt, daß der Kaiser bei dieser Gelegenheit sich ziemlich abfällig über die deutschen Komponisten geäußert habe, so zwar, daß chm die Kompositionen von Saint- Saens mehr Anregung zubrächten, als die deutschen Meisen. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, daß der Monarch eine besondere Vorliebe für das „Berliner Theater" bekundet, welches sich bisher der deutschen Literatur möglichst ferngehalten und dafür die englische Detektivkomödie in unser Theaterleben eingeführt hat, nicht ohne dadurch dem Theaterleben einen Stempel aufzudrücken, über dessen geschmackvolle Anordnung man streiten könnte.
Vor einiger Zett erzähle man sich von dem eigenartigen Konflikt des Kaisers mir einem bekannten Berliner Bildhauer. Es handelte sich um einen Auftrag des Monarchen für eine öffentliche Denkmatsanlage, deren Sockel von sitzenden Adlern gekrönt sein sollte. Als der Kaiser das Atelier des Künstlers besuchte und sich die Entwürfe für die Anlage vorlegen ließ, bemerkte er, daß der Bildhauer die Adler in sttzenoer Stellung mir herunrer- bängenden Flügeln dargefteltt habe. Der Kaiser tadelte dies und verlangte, daß die Vögel mtt aus gebreiteten Flügeln abgebrlder würden, woraus der Künstler jedoch zuerst bescheiden, dann aber energisch protestierte,
da die Stellung des Adlers mit herunterhängenden Flügeln hier die natürliche wäre und er keine andere wählen könne, wett er nicht gewöhnt sei. Unnatürliches abzubilden. Da der Kaiser jedock auf seiner Ansicht bestand, blieb dem Künstler nichts anderes übrig, als den Auftrag ziemlich bestimmt abzulehnen, und tatsächlich sind die Adler von einem anderen weniger skrupulösen Bildhauer sitzend mit ausgebretteten Flügeln dargestellt worden.
Wie der Kaiser sich sonst in Kunstsachen stellt, ist vielleicht aus jener Anekdote bekannt, die semerzett kursierte, als Begas das Grabmal für Bismarck fertigstellte. Es war damals der Geheimrat Rasckdorf, der dem Kaiser die Vorzüge des Entwurfes pries und sich dabei zu der, vielleicht etwas unangebrachten, Aeußerung verftieg, der Künstler habe hier den Fürsten Bismarck in einer erhabenen Stellung, gleichsam als Hüter der Hohenzollern aufgefaßt. Aber der Kaiser entgegnete ihm ziemlich kurz: „Ach was, wir Hohenzollern brauchen keinen Hüter, wir hüten uns selb st."
0 Laubach, 2. Mal Das Rhein-Mainische Verbandstheater teilt jM nn ein südliches und nördliches Verbandsgebiet. In ihm veranstaltet der Volksbildungsverein zwischen Ostern und Pfingsten je 30 Vorstellungen von Mitgliedern des Hanauer Stadttheaters. Nachdem an zwei vorhergehenden Abenden von dem südlichen Verbandstheater in Butzbach gespielt worden war, gab es am gestrigen im hiesigen Saale des Solmser Hofs eine sehr gut besuchte Vorstellung, die die Lustspiele „Die Geschwister" von Goethe und „Der eingebildeteKrauke" von Moliere zur Darstellung brachte. Gespielt wurde flott und gewandt Die Tageseinnahme, 215 Ml, mag der Beweis dafür fein, daß die Bemühungen des hiesigen Derkehrsvereins, dem das Zustandekommen der Vorstellung zu verdanken ist, auf fruchtbaren Boden gefallen sind.
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— „Heil dir, Rüdesheim!* Auf ein Preisausschreiben des Rüdesheimer Verkehrsvereins, in dem zur Emsen düng von Liedern am Rüdesheim und feinen Wein aufgeiordert wurde, find nahezu 1000 Gedichte eingegangen. Den
ersten Preis, löO Flajchen echten Rüdesheinrer, erhielt Frau Emmy Rüden oon Sp illner in Dresden- Strehlen für ein Lied, dessen erste und letzte Strophe wie folgt lauten: ^Rhemgaus Perle! Dtr zum Preise
Schwing' ich grüßend den Pokal!
Drinnen lacht und glüht es leise Wie gefang’ner Sonnenstrahl. Wo er immer mir begegnet, Würzig, edel, goldenblank, Set er jubelnd mir gesegnet, Rüdesheim, dein GöttertrankI Aus dem Dämmerreich der Sage Taucht voll Majestät der Rhein! Stolz, mit breitem Wellenschläge Und smaragd'nem Funkelschein.
Heil dir, Rüdesheim! So lange Man noch fingt und trinkt und kost, Gruße dich mit Jubclklange Aller Lande brausend „Prosf.*
Alltäglicher Singsang, ohne die leiseste Spur eines nicht ganz abgeplatteten Gedankens! Wir gönnen der Dichterin die loO Flaschen, aber daß sie duichauS Klischees reimen mußte, dafür fehen wir keine Notwendigkeit ein.
— Oskar Wilde, Tas Granatapselhaus. Vier Märchen. Deutsche ttebersetzung von F. P. Greve. Dritte Auflage. Mit vier Vollbildern, vier Initialen, zwei Vignetten und Einbandzeichnung von H. Bogeler. Leipzig, im Jnselverlag. Geheftet 6.— Mk. — Es ist so erfreulich, daß ein Werk von dieser stilisttschen Feinheit beretts bie. driiie deutsche Auflage erlebt. In diesen vier Erzählungen kleidet sich ein tiefer, rein menschlicher Sinn in eine zugleich naive und unerhört farbenprächtige, zwingend bttb- haft geworbene Form. Das Buch ist — künstlerisch betrachtet — eines ber fleckenlosesten Prosawerke bes engl. Dichters, weil es aus reiner Freuve am Gestalten entsprmig. Vogelers, bes Worpswebcr lyrisch empfinbsamen zarten Künstler-Zeichnungen sinb gleichfalls von reinster künstlerischer Wirkung.


