Wr. 181
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Erstes Blatt LT7. Jahrgang Montag 5. August 1907
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möglichen. Hoffentlich wird nun endlich mit dem Eintreffen des Gouverneurs eine Aera friedlicher und gedeihlicher Entwicklung einsetzen.
Kießener Studenten-Krinnerungen
Nachdruck verboten.
Äte'S» vonV Jahren uw- gchmderli diesen Genüssen hingeben bürste. Nicht mehr weckt ilm wenn er noch morgens int besten Schlummer liegt, der Dcrhasuc Tow dcS ,ArmenslmderglöäckMs", daS ihn iwhl. odiw schlecht präpariert ins Gymnasium pust. Nein, frei, tret i)ö btI '“beiten wir glücklichen „Mpulesel" als wir im Linden. Hof unseren Abschiedskommers vom Pennvl hrelten Mich hielt meüe ". «irwühltL Studium der Philologie in der alten Mu en. siadt Gießen, in der ich 13 schölte Jahre dev Knabcnzeit Vern bracht halte und feierlichst warft ich in «M« allen L>aal« des Ättn es^ÄSÄSfA i“ Bestrafung eines Studenten, der mit den salbungsvollen Worten
. Audivimuß quid em und dann fortfuhr, „daß man zwa^, in ÄikuttiviL Mndern^ Lund«ÄluL L e[JL ucbilbcter Jüngling seinen „Moloffei MI lteme Ztinoer uno alieÄchwach«! Mürlerchen loslassen Wime, das zu erfahren, das hu l ou m ö gelech-l, o Ferdinande Kundert; darum haben wer,dich bi^ über d°eu Litten Meilenstein .aus dem Weichbild NN crer Stadt verbannt," Bald darum .las ,»mn d^en atademl>cheit Utas in klassisches Axutsch übersezt i® Kiahdcradatsch und er
„O >alte Burschenherrlichkeit, Wohin bist du geschwunden? — , Du kehrst nicht icieber, goldne Zeit, So froh und ungebunden!"
So sang einst ein „bemoostes Laupt", das, wie es scheint, gesenkten Btiaes in das Philisterland zog, um entiveder „die fund'ge Seele sauszuschelten",, oder „ihr versallenes HauK zu flicken". Ja, unbeschreiblich^ ist der Zauber der Studiemahre, zumal vergoldet im lichten Scheine der Erinnerung an eme stoh genossene Jugend. EL nm vor, allem b-ie
Freiheit, die der dem dumpfen Kerter oer ^ckMlstuben und env* engendem Zwange enthobene Pennäler! mit durstigen atmet. Nicht braucht er sich mehr.heimlich zu verbeten, wenn er seine Pieise schmjauchen will, nicht braucht er mehr m versteckte Stncipen zu schleichen, wenn er semen „Rundge ang beim Neckte HTieipeu ^„itzMrige^rimanert
Ein andermal fehlte der luegen einer Schlägeriei vorgeladenc Interpret und als der Professor entrüstet nach dem Grunde seiner! Pflichtversäumnis fragte, gab ein sodalis die Antwort: „Ei, er hat einem andern den Körper verletzt!" '
Außer unserem strengen Seminardirektor wirkte aber noch ein anderer Professor mit, ein großer Lateiner, aber em putziges Männlein, „Quietsch" genannt, dem die Ungunst des Schicksals versagte, über die Schranke eines außerordentlichen Professors hinanszu kommen und der im ungeordneten JunggeseUen-i leben schließlich im Suff verkam Diesem mußten tmr ait einem bA immtenWochenhage unsere lateiNifchen ^hlnbungen ao*. liefern; er hatte dazu vor seiner ^tubentür eigens einen alten Zigarrenkasten zum Hineinlegen befestigt. <Am senden Montag bekamen wir sie dann, mit Oel- und Tintenflecken besudelt, nach Tabak und Spiritus duftend und nut giftigen Randglossen versehen in einer besNmmten Rangordnung wie Exer- eitia pro loco zurück; für die zuletzt Rangierten war dies oft ehrgeiühlverletzend. Für eine falsche Wortjhellung hatte die typische Randbemerkung:
„Er hieß Gaspar Melcher, Ein Schäfer war welcher."
In seinen Lehrstunden, die er mit Sarkasmen und Zoten, würzte, ging es zu, W beim Unterricht ernes, disziplinlosen! Lehrers. Ihm zum Schabernack schraubten wir feinen Küthedep so hoch, daß er, so wie so ein winziges Mannlem, ganz, dahinter verschwand. Aber nicht genug. Wir erschienen mit Pfeifen und Zigarren und bliesen ihm den Tabaksqualm durch eine Kathederritze ins Gesicht, daß er pustend und hustend, schreiend und vergebens an dem Kathederaufsatz rüttelnd, fich die glanze Stunde ui ohnmächtiger Wut erschöpfte. Schade, daß der kärglich besoldete Gelehrte, zumal in ungeregeltem Jung- gesellenleben verwahrlost, elendiglich versumpfte. *) Immer em°s samer und verwahrloster gestaltete sich das Leben dieses zweifelsohne nässenschttstlich bedeutenden, aber vielleicht aus Mangel! an Förderung verkommienen Genies. Zuletzt hatte er nur noch mit einem einzigen Geistesverwandten, dem Tl-eologen P., der Schillers „Glocke" ins Hebräische übersetzte, Berühr, und ort sah man beide, äußerlich seltsam kontrastierende Figuren, dertz
*) Pon dieses unglücklichen (Mehrten vergeblichem Hei, rutsantrage hat bereits Dr. H. in unstrer Nr. 1?6 ^zahlt.
d yteo.
Die Lage des städtische« Haus- und Grundbesitzes in Deutschland.
(Unberechtigtei yu.upi.. . verboten.)
S.n.H. Berlin, 3. Aug.
In den nächsten Tagen wird in der freien und Hansastadt Hamburg der Zentralverband der städtischen Haus- und Grund- besitzervereine zu feinem diesjäbrigen, dem 29. ordentl. Verbandstage znfammentreten. Ans diefeni Anlaß hat der Direktor des Verbandes, der bekannteDresdener Städtrat und ehemalige Reichstagsabgeordnete Baumeister Hartwig eine interessante D e n k s ch r i f t über dis Lage des städtischen Haus- und Grundbesitzes in Deutschland herausgegeben, die voraussichtlich bei den bevorstehenden Verhandlungen des deutschen HauSbeßtzerlages zu eingehenden Erörterungen Anlaß geben rvird, und deren Inhalt weit über die Hausbesitzerkreise mterefsiert. Der Dentschrist ist folgender bemerkenswerte Satz vorangestellt, der als das Fundament aller Bestrebungen der deutschen Hausbesitzer bezeichnet wird. Wir verlangen auch nicht im geringsten Sondervorteile. Wir erstreben, daß wir da, wo es gilt im öffentlichen Interesse Steuern zu zahlen oder andere Lasten zu tragen, mit den anderen Berufsständen gleichgestellt werden. Der Zeitpunkt, zu ivelchem die deutschen Hausbesitzer dies erreicht haben werden, wirb der Sterbetag der Hausbesitzervereine in ihrer heutigen Kampfstellung sein. Zugleich wird auch an alle Hausbesitzer mit Ernst, wie immer, die Mahnung ausgesprochen: Hattet Frieden mit SOI t e t e r n! Die Befolgung dieses Grundsatzes habe, so wird in der Denkschrift ausgeführt, bisher die besten Erfolge gezeitigt. Die Denkschrift unterfucht dann eingehend die gegenwärtige wirtschaftliche Lage. Danach ist bezüglich der allgemeinen Lage des städtischen Haus- uud Grundbesitzes auch im verflossenen Geschäftsjahre keine Besserung zu konstatieren gewesen. Die geringen Vorteile, die in einigen Staaten zu verzeichnen gewesen sind, bleiben weit zurück hinter den vermehrten Nachteilen und neuen Belastungen, die das verflossene Jahr dem Haus- und Grundbesitz gebracht hat! Insofern kann mit Recht von einer Ver-' schlechtermig gesprochen werden.
Während die wirtschaftliche Entivicklung im verflossenen Jahrtz sich immer noch auf Der Höhe hielt und voraussichtlich sich noch einige Zeit halten wird, war der Zugang nach den Städten doch nicht ein solcher, daß dadurch der bereitstehende Vorrat an Wohnungen zum größten Teil absorbiert worden wäre. Der durch die ungezügelte Bautätigkeit in den früheren Jahren im Uebermaß erstellte Wolmungsvorrat bei Großstädte hat durch die schon einige Jahre andauernde industrielle und kommerzielle Hochkonjunktur nicht aufgezehrt werden können.
In einigen Städten ist zwar eine geringere Abnahme der leerstehenden Wohnungen zu verzeichnen gewesen (z. B. in Dresden von 7.08 auf 5.8 Proz., Leipzig von 3.96 auf 2.63 Proz., Breslau von 6.20 auf 5.80 Proz., Königs Hütte i. O.-Schl. von 6.59 auf 5.98 Proz), und auch ein Rückgang in der Zahl der Zwangsversteigerungen ist an einzelnen Stellen zu Ve- merten gewesen. Aber diese Vorgänge berechtigen noch keines wegs dazu, von einer befriedigenden Besserung auf dem Wohnungsmarkte zu sprechen.
In anderen Städten wieder haben sich die leerstehenden Wohnungen trotz des stärkeren Wohnungsbedarfes noch vermehrt (z. B. in Köln von 4.64 auf 5.05 Proz., Kiel von 3.01 aut 3.13 Proz., Berlin von 2.09 auf 2.40 Proz.). Für die kleineren und mittleren Städte haben sich im abgelaufenen Jahre in dieser Hinsicht die Verhältnisse etwas gebessert. Sie haben nicht mehr so sehr unter dem Uebermaß leerstehender Wohnungen zu leiden wie in den vorhergehenden Jahren. ,r. t
An einzelnen Orten hat sich sogar eine gewisse Woh* nungs knappheit bemerkbar gemacht. Dies ist insbesondere der Fall gewesen in Krefeld, Nürnberg, Rastatt, Schwarzenberg, Solingen und Wetter a. K. Die vermehrt emsetzende Bautätigkeit und eine die gegenwärtige Hochkonjunktur anlösende Periode des wirtschaftlichen Niederganges werden diese Wohnungs-^ knappheit bald beseitigen. Es muß ausdrücklich davor geroarnj werden, an solchen Orten die freie Bautätigkeit noch besonders, anzuspornen. Vielmehr ist eine straffe Regelung dieser Wohnungs- Herstellung notwendig, denn das private Bauunternehinertum ist meistens sehr wenig geneigt, den Sturmzeichen am Horizont
mit zu rechnen, daß diese leidige Frage aufs neue aufgerollt i werden wird. Aus der Konferenz in Algeciras stand Deutsch- i land bekanntlich recht vereinsamt da und kurz zuvor war die i Gefahr eines Krieges nur mit genauer Not vermieden worden. ? In den letzten Monaten haben sich unsere Beziehungen zu den anderen Mächten nun freilich erheblich gebessert, aber wer vermag es mit Sicherheit zu behaupten, daß eine zweite Auflage der Marokkokonferenz nicht neuen Zündstoff in die Welt schleudern wird.
Angesichts der jüngsten marokkanischen Vorgänge gewinnt •' auch die Begegnung unseres Kaisers mit dem Zaren vor 1 Swinemünde eine ganz besondere Bedeutung. Als inter- ! nationaler Machtfaktor kommt Nnßland ja einstweilen wenigstens $ direkt noch nicht in Betracht, aber man darf auch nicht ver- ! kennen, daß Rußland und Frankreich ungeachtet der vielen s Mißstimmungen zusammenhalten und daß der Einfluß des ‘ Zarenreiches auf die Republik nicht unterschätzt werben darf. : Es geht entschieden zu weit, anzunehmen, daß diese Monarchen- i begegnung schon das Vorspiel zu einer Lösung des Zwei- ■ bundes sei, wie manche ft reife anzunehmen geneigt sind. Die ' russisch-französische Freundschaft mag ja bis zu einem gewissen Grade erkaltet (ein, aber es gibt doch immer noch so vieles, < was die Interessen dieser beiden Länder aneinander kettet und i einem jähen Bruche entgegenwirkt. Als RUttler zwischen 1 Deutschland und Frankreich kann Rußland uns hingegen gute ■ Dienste leisten, und es ist zu erwarten, -daß die Monarchen- i begegnung vor Swinemünde auch in dieser Hinsicht nicht ohne 1 Erfolg fein wird. - j
Von nicht unerheblicher politischer Bedeutung wird ohne : Zweifel auch die Begegnung unseres Kaisers mit dem König 1 von England fein, die im Laufe dieses Monats in Wilhelrns- höhe stattfinden soll. Ebenso der für den Herbst in Aussicht genommene Besuch unseres Kaisers in England.
Weniger politischen Charakter trug eine Begegnung deL Deutschen Kaisers auf seiner Rordlandsahrt; diejenige mit der Exkaiserin Engenie von Frankreich. Rian hat sich verschiedentlich den Kopf darüber zerbrochen, was wohl Wilhelm II. in seiner einstündigen Unterredung mit der greisen, so schwergeprüften Kaiserin besprochen haben mag; aber es liegt auf der Hand, daß politische Erörterungen auLgeschloffen waren und daß es sich lediglich um einen Akt ritterlicher Eourtoisie handelte, wie sie dem Kaiser eigen sind und die ihm namentlich im AuSlande soviele Sympathieen errungen. Auch in Frankreich, wo man trotz allem der Exkaiserin ehrfurchtsvoll gedenkt, hat der Schritt Kaiser Wilhelms ein sympathisches Echo geweckt.
Auf kolonialem Gebiete kam in dieser Woche eine wenig erfreiiliche Nachricht, der Ausbruch eines Aufstandes in Nordkamerun. Unter großen Mühen ist erst vor nicht allzu langer Frist die Erhebung im Süden dieser Kolonie niedergeschlagen worben, und nun kommt diese Hiobsbotschaft auö dem Norden, der sich bisher ziemlich ruhig verhielt und in wirtschaftlicher Hinsicht bedeutende Fortschritte gemacht hatte. Eine Beilegung der Wirren wirb um so schwieriger sein, als bie Motive des Aufstandes religiöser Natur sind und bie Bewegung von mohammedanischer Seite ausgeht. Gouverneiir Seitz wird nach seiner Ankunft im Schutzgebiet schwere Arbeit vorsinden. Besser wird sein Kollege Schuckmann in Südwest, asrika daran fein, denn der Aufstand kann dort als völlig beendet angesehen werben. Geht die Regierung doch bereits daran, die Polizeitruppe der Kolonie zu reorganisieren und zu verstärken, um die Verminderung der Schutztruppe und umfangreiche Heimsendimgen der wackeren Kämpfer zu er- wird wohsfeine Wirkung, die akademische Jugend vor äbnlichen, Rohheiten .abznsckwecken, nicht verselflt haben. Waltete doch in Gießen ein Universitätsrichter, genlannt „Plattkopp , seines Amtes und drohte oben im Giebel des alten Zeuahauses der Carcer, wenn auch lallerlei „Flaschenzüge^ zur Milderung der ftrengen L>aft ihren Weg zu den einsamen Gefangenen oft gefunden haben.
Tvch -dieses „Schwert des DamokleS" verkümmerte uns den Genuss der Freiheit nicht. Ja, in gewissem Sinne galt sogar jefct ffc uns, ähnllch wie bei den römischen Ssiiturnalien, das Prinzip, der verkehrten Welt; bedienten einst im alten Rom an diesem Volksfeste die Herren die Skbaven, so machten uns retzt bei unseren Antrittsbesuchen dlie Professoren, hei denen ^mr Kollegien belegten, förmlich den Hof, jja sie begleiteten unS mit Kratzfüßen bis an die Haustür. Zwar eine Einschränkung unserer per,E lichen Freiheit mußten wir Philologen wenigstens uns in der Eflirichtting des philologischen Eiintrrs gefallen lassen. Dai wurden wir nicht viel besser gehalten als in der schule.
die Interpretation eines griechischen oder latemischen Reihe nach um, und dazu mußten wir und bei dem tauben Untversitätsbibliothekar Sch. einen ganzen Stapel schwerer Folianten holen. Damit -beladen konnte es einem gehen, wie dem unbeholfenen Privatdozenten B., der auch unter beiden ckrmen mit Büchern und einem Regenschirm bepackt, höflich ^n Gruß erwidern wollte und dabei alles, Bücher, schirm und schließlia) seinen Zylinder fallen ließ, ja es hätte nicht viel gese./.t, da wäre er selbst die Aulatreppe hinuntergekollert. Als ich ;e.iiunal bbi einem Professor die Anfrage stellte, ob man nicht zum wrt eUws solchen Apparats einen StaaMarren zur BerfügunS stellen könne, sah mich der ehrwürdige Herrbefremdet an, als ob ich einen schlechten Witz machen ivvlle. Also täglich, morgens uni 9 Uhr, mußten wir zu dem zwangsweise befohlenen Seminar antreten und unweigerlich, wenn einen die Reche traf, die Prä- lvaration in lateinischer Sprache übernehinen. Da gab s bei dem gestrengen Semiwrrleiter L. keine Entschuldigung. Eine solche ' wagte einmal ein sodalis hinnamsmus, - so wurden wir, tote i imit Hohn, tituliert, -1 er wollte sich w?gen einer Gesangs- - probe im Cäeilienverein entschuldigen, aber da kam ^ böse an.
schroff fuhr ihli der unerbittliche Professor an. ,,Ja, dänn miissen - Sie sich beizeiten entscheiden, ob Sie Musi-ant oderMlologu , werden wollen." Ter gestrenge SenliMrdirektor ahnte wohl mcht, daß der musikalische Schüler dazu auserieheli war, dereinst dip : X Ä Meren Mischen MwrriMsl«!-M äu werden.
Die heutige Wummer umfaßt 14 Seiten.
politische Wochenschau.
Vor dem Selterstor hatte sich am vorigen Mittwoch ine vielhundertküpfige Menge angesammelt, um das Groß- ,erzog8paar bei seinem Einzuge zu begrüßen. Auch Stubenten waren natürlich barunter und trieben mancherlei iurzweil unb harmlosen Spott. „Mir kommt bas alles so urchtbar albern uot1 hörte ich ba plötzlich hinter mir auf usfisch sagen. „Mag fein'1, erwiberte eine zweite Stimme, ,,öber du wirst hier dennoch keinerlei Unordnung sehen, wie )ci uns in Rußland bei solcher Gelegenheit. Diese Deutschen olgen in allem dem natürlichen Zuge ihres Herzens unb -egrußen auch ihren Lanbesherrn in natürlicher unb herzlicher !Leise; nicht auf irgend einen Polizeibefehl hin, wie bei uns... Warum ist es bei unL in Rußland nicht jo?" — fügte der Hüffe nach einer Pause hinzu. In diesem Augenblick drangen oon der Frankfurter Straße her brausende Ruse zu uns unb jalb darauf fuhr bas Großherzogspaar in offenem Wagen angsam vorbei. Es waren keinerlei Absperrungen vvr- tenommen worben. Die Menge machte von selbst Platz, ries Hurra unb schwenkte bie Tücher. Das Fürstenpaar dankte reundlich lächelnd... „Warum ist es bei uns nicht jo?" vicberholle sinnend der Russe. — Der zweite schwieg. In riesen Judiläumstagen wirb jener Russe wohl noch sehr läufig Gelegenheit gehabt haben, seine Frage zu wiederholen, -ine Frage, bie zwei verschiedene Welten wiederspiegelt. Run ist das Fest vorüber, der Jubel verstummt unb bie Straßen unb Häuser der Stadt werben in wenigen Tagen vieber ihr gewöhnliches Aussehen zeigen, aber in bem Herzen eines jeden Gießeners wirb die Erinnerung an bie Dritte Jahrhunbertseier der Ludovieiana fortklingen. Schön .inb harmonisch sind diese Festtage verlaufen unb ber vernein sinn der Gießener Bevölkerung hat sich in seltener Vollkommenheit bewährt. Ein solches freubiged Zusammen- virken aller ’ Bevölkerungsschichten, wie es bei tiefem Feste jiitage getreten ist, kann geradezu vorbildlich genannt werden. Mit inniger Liebe hatte Vornehm unb Gering, Arm unb -ieich an ber Ausschmückung ber Stabt mitgeschaffen unb eß Mar wohl kein Haus hier in Gießen, das nicht aus vollster Seele Anteil genommen hätte, an dieser Unioerfitätßfcicr. Mögen sich in 'kleinen Tagesfragen beim Deutschen noch so iioge Meinungsverschiedenheiten geigen, in großen Fragen, Deren Bedeutung über den Tag hin ausreicht, ist er einmütig. Zittere unb schwere Schicksale haben ben Deutschen in ihre Schule genommen unb ihm gezeigt, baß nur durch festes Zusammenhalten und harmonisches Zusarnnienwirkeu etwas Schönes und. Großes geschaffen werben kann.
Das Gefühl der Zusammengehörigkeit hat unsere Uni» oersität und Stabt bieses Atal ein schönes Fest feiern lassen, möge dieses Gefühl ber Zusammengehörigkeit in unserer Be- vülferimg nun auch immerbar fortbcstehen und sich vor allem auch in großen nationalen Angelegenheiten zeigen. Wir durchleben augenblicklich wieder eine sehr ernste Zeit unb es läßt sich noch gar nicht voraussehen, ob uns nicht schon die nächsten Tage neue politische Schwierigkeiten bringen werben. Die letzten blutigen Vorgänge in Casablanca, die Ermorbung von Europäern unb das freche Verhalten Raisiilis haben bie marokkanische Frage wieder aktuell werden lassen. Die Hoffnung, baß das internationale Abkommen von Algeciras alle marokkanischen Schwierigkeiten aus ber Wett schaffen werbe, scheint sich nicht verwirklichen^^^ollen^^esE^^mellnehr^a^


