Nr. 129 Erstes Blatt 157. Jahrgang Mittwoch 5. Jun« 1907
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Are heutige Dummer umfaßt 10 Seiten.
Zlnstimmigkciten.
Berlin, 4. Juni.
Da das letzte Wort über den Fall Eulenburg noch nicht gesprochen sein dürste, sei mit Bezug auf die in kiefern Zusammenhänge als bedeutsam hingestellte Interpellation Bassermann über die auswärtige Politik vom 14. November v. I. bemerkt, daß sie ungewöhnlich erscheint Hm Vergleich zu dem Urteil, das der nationalliberale Führer wenige Monate ipäter im neuen Reichstag über dieselbe Frage abgab. Durch die tatsächliche Entwicklung der Dinge war der viel zuversichtlichere Ton der zweiten Bassermann'schen Rede nicht ganz gerechtfertigt, denn es batte sich in der internationalen Situation nicht eben viel geändert. Als wohlberechnete Pointe im Hinblick auf die „Eulenburg-pronde" erscheint auch die Bemerkung Bassermanns in der Novembcrrede: mit der Erlangung von Kosenamen wie „Phili", „Specky" u. a. sei dem Ansel>en Deutschlands im Ausland wenig gedient. Fürü Bülow wandte sich in seiner die „Kamarilla" kennzeichnenden Erwiderung nicht gegen diese Pointe. Wenn mcni sich über dies vergegenwärtigt, baß im Reichstag Hergebrachtcrinahen der Interpellant sich mit dem in Frage kommenden Regierungsvertreter vorher über die „Stichworte" verständigt — denn die Antwort wird mit derselben Sorgfalt vorbereitet, wie die Anfrage —, dann spricht das Schweigen des Fürsten Bülow zu der „Phtli - Bemerkung eine kaum mißzuverstehende Sprache. ,
Die „Köln. Ztg." bezeichnet cs als völlig unwahr, datz der Kanzler Herrn Bassermann zu einem Vorgehen gegen daS „persönliche Regiment" angeregt haben soll. Der nationalliberale Führer hat sich aber nicht sowohl gegen letzteres, als vielmehr gegen die „unverantwortliche N e be n r eg ier u n g" getvendet, und was Fürst Bülow daraus über die Kamarilla sagte, besiegelt sein Einverständnis mit dem Interpellanten. Zum mindeston war es also dem Kanzler er> wünscht, daß vom Reichstag aus der Scheinwerfer aut die Unverantwortlichen gerichtet wurde. Cb Bassermann die Anregung zu diesem Beginnen aus der Wilhelmstraße erhielt, ift demgegenüber von geringerem Belang und lediglich formaler Bedeutung.
Was die Stellung deL Fürsten Bülow zum Staats,ekretar v. Tschirschky betrifft, so darf also nunmehr als feMtehend gelten, daß der Kanzler mit der Berufung dieses Diplomaten zur Leitung des Auswärtigen Amts einverstanden war. Er ist ihm nicht durch die Eulenburgsche, Tafelrunde aufgedrängt worden. Doch es werden Zweifel gestattet sein, daß sich zwilchen dem leitenden Staatsmann und Herrn v. Tschirschky em freundschaftliches Einvernehmen herausgebildet hat in den 17 Monaten der Amtsführung des Staatssekretärs. Wer beide Herren zusammen am BundesratStisch des Reichstags sah, dem fiel es aus, daß sie nicht ein Wort miteinander wechseiten während der Kanzler bei jeder Gelegenheit freundschaftlichst nut dem früheren Staatssekretär v. Richthofen konferiert hatte. In Bezug auf die sachliche Notwendigkeit des Meinungsaustausches kann doch unmöglich eine so gründliche Aenderung gegen früher eingetreten sein. Es sei auch daran erinnert, daß Freil-err v. Tschirschky im letzten Herbst in Italien weilte und eine Besprechung mit dem Minister Tittoni hatte. Man erfuhr aber darüber im Reichstag nicht nur nichts vom Staatssekretär, sondern der Vorgang machte auch nicht die Konferenz zwischen dem Fürsten Bülow und Tittoni in diesem Frühjahr überslüssig. Wad) einem Einvernehmen zwischen dem Kanzler und dem Staatssekretär sieht das nicht aus. „ v
Vollends die auffallende, durch den Abg. v. Voll mar im Parlament festgenagelte Tatsache, daß Fürst Bülow eine Reichstagsrede des Frhrn. v. Tschirschky über die deutsche Diplomatie ankündigte, die letzterer für gut befand, nicht zu hallen. Der in Ferienstimmung befindliche Reichstag nahm die Sache von der heiteren Seite, doch sie ist von ernster, symptomatischer Bedeutung. Man kann beinahe so etwas wie Auflehnung jedenfalls eine Unstimmigkeit zwischen Kanzler und Staatssekretär darin erblicken. Die Eile, mit der Herr v. Tschirschky sofort nach Schluß des Parlaments, vor dem er sich wahrlich nicht überanstrengt hat, zur Kur nach Kissingen reift, während der Kanzler in Berlin bleibt, während der Besuch der englischen Journalisten, die Vorbereitungen zur Haager Konferenz usw. die Anwesenheit des Staatssekretärs in Berlin nach landläufigem Urteil vonnöten machen, diese Eile spricht auch nicht gerade dafür, daß eitel Harmonie zwischen dem Fürsten Bülow und Herrn v. Tschirschky herrscht. Im vorigen Jahre die Affäre Podbielski;-Tippelskirch, jetzt der Fall Eulenburg, der am Ende noch weitere Kreise zieht — daS ist der Sommer des politischen Mißvergnügens...
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Von anderer Seite wird uns geschrieben:
Wider Erwarten nimmt die „Nordd. Allg. Ztg." nicht nochmals das Wort zu einer Erklärung der soviel Aufsehen erregenden Notiz über die Reichstags-Bemerkung Bülows gegen die „Kamarilla". Statt dessen spricht der „Lokalanz.". Im Auftrage welches Regierungsamts, läßt sich nicht klar erkennen. Aus der Reichskanzlei kann die neue Notiz, die rundweg die Existenz einer „Kamarilla", einer unverantwortlichen Nebenregierung verneint, kaum herrühren. Denn die entgegengesetzte Annahme würde im Widerspruch stehen zu der Veröffentlichung der „Nordd. Allg. Ztg.", die mit fester Hand in das Wefpennest hineingriff Die also von irgend einer Regierungsstelle aus inspirierte Mitteilung des „Lokalanz." konstatiert mit aller. Kürze, daß „nur solche Leute, die von der Persönlichkeit und dem starkenWillen des Monarchen keine Ahnung haben, auf eine unverantwortliche Regierung schließen können." Das ist, mit Verlaub, zuviel behauptet. Ter Fall ist, abgesehen von der geschichtlichen Erfahrung, fehr wohl denkbar, daß auch trotz des stärksten Willens eines Herrschers gewisse einflußreiche Personen, jede für sich oder gemeinsam, Einfluß auf die Regierungsgeschäfte und auf die Entschließungen der Krone zu gewinnen versuchen. Kein Geringerer als Fürst Bismarck hat, wie er nach feiner Verabschiedung nachdrücklichst immer wieder barlegte, einen heftigen Kamps gegen unverantwortliche Berater zu führen gehabt. Es ist ein großes Wort gelassen ausgesprochen, wenn man es jetzt offiziös so darstellen möchte, alä ob die Presse ohne sachlichen Grund bas Wort „Kamarilla" in die Diskussion geworfen hätte. Die Presse hat erst mit den Vorgängen sich be- sck)ästigt, nachdem diese durch Entscheidungen, deren Bedeutung ohne weiteres einleuchtete, zu einem Abschluß gelangt waren. Es ist zu begreifen, daß innerhalb der Regierung gewünscht wird, der Erörterung ein Ziel zu setzen. Nur kann man nicht so tun, als ob überhaupt an der Sache nichts gewesen wäre, als ob es sich um einen müßigen und gegenstandslosen Klatsch handele.
poiitifd>c Sagesschau.
Die Affäre Harden Moltke-Etüenburg scheint sich zur heurigen Haupt- und Staatsaktion auswachsen zu sollen. Da aber bisher nur unklare Andeutungen über die Veranlassung der neuesten Klatjchsensation durch die Presse gingen, — so wollen wir versuchen, nachstehend einiges Material zum besseren Verständnis unserer Leser vorzubringen. Seit Jahr und Tag hatte der Herausgeber der Zukunst aus den unheilvollen Einfluß hingewiesen, den die unter der Leitung des Fürsten Philipp Eulenburg stehende Kamarilla namentlich auf dem Gebiece der äußeren Politik auSübt. Ta waren es folgende wenige Zeilen in der Zukunft vom 24. November, die wie eine Bomve in die Hofge^eüsuiast ^nsch.ug^ Dffcnc3 im Ufergebiet. Der Harfner: „Hast du s gelesen?" Ter >L>üße: „Schon FrettaZ." Ter Harfner: „Meinst ou, daß noch Mehr fomint?" Ter ^ütze: „Wir müs'en mit der Ärmlichkeit rechnen: er fdjeint orientiert, und wenn er Briese kennt, in denen vom Liebchen die Rede ist . . Ter Harfner: „Undenkbar! Aber sie lassens überall abdrucken. Sie wollen uns mit Gewalt an den Hals." Ter Süße: „Eine Hexenzunft. Vorbei! Vorbei!" Der Harsner: „Wenn nur Er nichts davon erfährt!"
Ein Kommentar zu dieser Stelle zu geben, ist unmöglich. Genug, in den Salons wurden die Namen der beteiligten Herren geflüstert und getuschelt, und eine Frage bewegte alle,, ob es einem Feinde der als Harfner bezeichneten Persönglichkeit gelingen werde, diese Zeilen dem Kaiser zu übermitteln. Allen schien es gewiß, daß in diesem Falle die Eulrnburgfche Tafelrunde ausgespielt haben wurde. Schon eine Woche vorher hatte Harden u. a. von Eulenburg folgendes geschrieben: _ . ..
„Er hat für alle seine Freunde gesorgt. Ein Moltke ist Generalstabschef, ein anderer, der ihm noch näher steht, Kommandant von Berlin, Herr von Tschir-schky Staatssekretär im Auswättigen Amt, und für Herrn von Barnbühler hofft man auch noch ein warmes Eckchen zu finden. Lauter gute Menschen. Musikalisch, poetisch, spiritistisch; so sromm, daß sie vom Gebet mehr Heilswirkung erhoiseu als von dem iveilesteu Arzt; und in ihrem Verkehr, nründlichen und brieslichen, üoit rührciider Freund-chast- lichkeit. Tas alles wäre ihre Pttvatangelegenheit, wenn sie nicht zur engsten Taselrunde des Kaisers gehörten und (ich habe noch lange nicht alle Assiliierten ausgezählt) von sichtbaren oder unficht- baren Stellen aus Fädchen spönnen, die dem Deutschen Reich die Atmung erschweren." . . '
Wegen oie,er und auch einiger anderer Artikel nun soll Gras Moltte gegen den Herausgeber der „Zukunft" die Klage erhoben haben.
Da Maximilian Harden, der auch von Pöplau als Zeuge geladen war, an einer Rippenfellentzündung erkrankt ist, so hat der Prozeß Moltke-Harden noch weite Wege.
Uebrigens hat gegen den General-Intendanten der Königl. Schauspiele, Kammerherrn Georg von Hülsen der frühere Königl. Hofopernsänger Willy Frank ähnliche 9ln- fchuldlgungen wie Harden gegen den Kommandanten von Berlin erhoben. Exzellenz von Hülsen hat gegen Frank den Strafantrag gestellt. Da bestimmtem Vernehmen nach Frank nicht den mindesten Beweis für seine Anschuldigungen erbringen kann, so hat sein Verteidiger den Antrag gestellt, den Geistesziistand seines Klienten untersiichen zu lassen. Erklären die Aerzte, daß der § 51 des Strafgesetzbuches auf Frank keine Anwendung finde, so dürste ihm eine hohe Strafe sicher sein.
Anders verhält cs sich aber bezüglich der Liebenberger Tafelrunde. Zunächst mußte ein EskadronSchef eines Potsdamer ^Reiterregiments, ein hoher Adliger, den Dienst quittieren. Inzwischen wiirde ein Prinz zum Ritter des Johanniterordens ernannt. Der interimistische
Vorsteher des IohannitcrordenS, Graf Wartensleben, veranlaßte jedoch, daß die Ernennung des Prinzen rückgängig gemacht' wiirde. Ein ähnliches Mißgeschick ist dem Grasen Willy o. Hohenau passiert.
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Der Berliner Korrespondent der Pariser Zeitung ,Le Temps' hat seinem Blatte gemeldet, der Kronprinz habe seinen kaiserlichen Vater von den ungünstigen Gerüchten in Kenntnis gesetzt, die seit längerer Zeit über daS Privatleben einer Reihe von Persönlichkeiten der Umgebung und des Freundeskreises des Kaisers im Umlauf sind. Hierzu bemerkt einer unserer Berliner Mitarbeiter:
Nach unterer Kenntnis ist diese Mitteilung des franz. Berichterstatters zutreffend. Es ist in der Tat der Thronerbe gewesen, der auS etgenftem Antriebe jenen Schritt unternommen hat, dessen (cgcnsvcicDc Wirkungen sicherlich nicht ansbleiben werben. Dieser Schritt bcö Kronprinzen und die Aumayme, die er gesunden hat, legen zugleich eine anschauliche Probe davon ab, wie herzlich das Enivernehmeli zwischen dem Kaiser und seinem ältesten Sohiie m allen Dingen ist. Dagegen ist der Berliner Korrespondent des .Temps* schlecht unterrichtet, wenn er nut der Angelegenheit, die sich erst im Aniangsstadium ihrer Entwickelung befindet, die Person des Wirklichen Geheimen Rates von Holstein in Verbin- diing bringt, der mit ihr in Wahrheit in gar keinem Zusammenhänge steht. Man darf auf den weiteren Gang der Dinar gespannt sein, für die übrigens nicht nur die Berliner Sphäre, sondern in gewisser Beziehung auch die Süddeutschlands, speziell München, in Betracht kommt.
Deutsche» Reich.
Berlin, 4. Juni. Tas „B. T." teilt mit, daß Gra Hohenau bereits am 3. Mai ausgehört hat, b e i m K a i s e r Dienst zu tun, und daß er durch den Obersten Freiherrn o. Marschall ersetzt wurde. Am Tage vorher hatte der Kronprinz dem Kaiser die Nummern der „Zukun ft" übergeb en , die er selber von ehemaligen Regimentskameraden erhalten hatte. Man nimmt an, daß auch in hohen Kommandostellen ein Wechsel bevorsteht, da gewisse Persönlichkeiten beschuldigt werden, das Offizierkorps einzelner Regimenter nicht genügend beabsichtigt zu haben.
— Der Reichskanzler empfing heute den grotzherzoglich hesiischen Staatsminister Dr. Ewald.
— Das Herrenhaus nahm heute den Gesetzentwurf betr. die Bewilligung weiterer Staatsmittel zur Verbesserung der Wohn ungs-Verhältnisse von Arbeitern, die in staatlichen Betrieben beschäftigt sind und von gering besoldeten. Staatsbeamten debattelos an.
Braunschweig, 4. Juni. In der heutigen Sitzung des Landtages kam es zu einem bemerkenswerten Zwischenfall zwischen dem Staatsminister von Otto und dem Abg. Krcis- öirefior Krüger von Wolsenbutlel. Der Staalsminister batte in der letzten Sitzung seine Mißbilligung darüber ausgesprochen, daß sich Staatsbeamte an einer politischen Kundgebung beteiligt hätten und zwar hätten sie eine Eingabe an den Herzog von Cumberland gesandt, in der sie baten, er möge sormell aus Hannover verzichten. Abg. Krüger betonte, das habe in den Kreisen der Staatsbeamten peinlich berührt. Staatsminister v. Otto erwiderte, er sei nicht in der Lage, auch nur einen Bucl)- taben von dem Gesagten zurückzunehmen. Es sei einzig und allein Sache der Regierung, in den Gang der politischen Tinge einzugreisen, wie sie es für notwendig halte. Es sei bezeichnend, daß man der Regierung den Wortlaut bet Eingabe an den Herzog von Cumberland vorentbalten habe.
— Nach einer Gmundencr Meldung wird der Herzog von Cumberland gegen die vollzogene Regentfchascswahl in seinem und seiner Nachkommen Namen abermals staatsrechtlichen Pro - t e st einlegen.
Ausland.
London, 4- Juni. ’jiau) einer Meldung des „Times" stehen neue deutsche Erfolge in Persien bevor. Ter Pariser „Timeä"-Korrcspondent teilt mit, daß der Direktor der deutschen Lricntbank, Herr Guttrnann, der jetzt in Teheran weilt, wahrscheinlich in nächster Zeit Konzessionen erhalten wird, welche in sich die Möglichkeit ichließen, später größere und sehr wichtige Konzessionen zu bekow.men. Tie Deutschen machen große Auftrengungen, um möglichst viel Erfolg in Süopersien durchzuführen, bevor das englisch-russische Abkommen unterzeichnet wird.
Luxemburg, 4. Juni. In der heutigen Sitzung der Kammer brachte der Scaatsmunster einen Gesetzentwurf über ein Familienslacut des Großherzogs Wilhelm ein. Tas Statut bestimmt, dcch dem Großherzog in Ermangelung eines männlicher Erben seine erstgeborene Tochter, Prinzessin Marie Adelheid, und nächst ihr ihr Alannesstamm nachzusolgen Hal. Während der Minderjährigkeit der Prinzessin soll die Gemahlin des jetzigen GroßherzogS tue Regentschaft und Vormundschaft führen. Im Falle des Ablebens der erstgeborenen Tochter oyne Hinterlassung einer Nachkommenschaft sind die andern Töchter des Großyerzogs in gleicher Weise nach Primogeniturrecht zur Erbfolge zu berufen.
Paris, 5. Juni. Der Temps meldet aus Berlin, es gehe ein Gerücht, daß Kaiser Wilhelm im Frühjahr 1908 eine Mitrelmeerrcisc plane und wahrscheinlich zur Einweiyung des ozeanographischen Instituts nach Monaco kommen werde. Tort werde Kaiser Wilhelm vielleicht mit dem Präsidenten der französ. Republik äulammentreffen. Zu dieser Begegnung sollen aup) oeutsche und französische Kriegsschiffe in Monaco eintreffen.
— „Petit Parisien" meldet aus Tanger, der Sultan habe Raisuli seine Begnadigung versprochen unter der Bedingung, daß Raisuli entweder Macvtto verlasse, oder sich mögliche weit von Tanger niederlaise. Freunde Raisulis sollen diesem oorgeschlagen haben, eine Reise durch Europa und die Verein. Staaten zu nivchen und bun in Baritee-Theatern auszutreten. Wie verlautet, soll Raisuli diesem Vorschläge nicht abgeneigt sein.
Wien, 4. Juni. Einer parlamentarischen Korrespondenz zufolge Haden sich die deutiche Volks Partei und die deutsche Agrarpartei unter dem Namen deutschnatio- naler Verband fufioniett.
Eiu neues Bombenattentat.
Aus Lodz wird gemeldet, daß gegen eine Polizei-Patrouille, nachdem zuerst von unbekannten Männern Schüsse abgeseuert worden waren, eine Bombe geschleudert wurde. Zwei Geheimagenten, ein Schutzmann, zwei Soldaten, die Frau eines Geheimagenten und die Tochter eines Schlossers wurden schwer verletzt. In den benachbarten Häusern wurden die Scheiben zertrümmert und in das Straßenpslaster ein tiefes Loch gerissen. Turch eine Salve des Militärs wurde eine junge Jüdin verletzt. Bei einer Haussuchung wurden 100 Personen verhaftet. Tie Attentäter enifamen. Als Grund des Attentats wird der Umstand angegeben, daß zwei frühere Kampfgenossen der sozialdemokratischen Partei geheime Polizeiagenten geworden sind und viele Partei-Mitglieder verraten haben. Die beiden Agenten, zwei Brüder namens F-romel sind ihren bei der Explosion erhaltenen Verletzungen erlegen. Insgesamt wurden 20 Personen verwundet. Nach der Bomben-Explosion wurde der Hausbesitzer Mader verhaftet. Mader, der preußischer Staatsangehöriger ist, wurde von Soldaten durch Stöße mit dem Gewehrkolben mißhandelt. Er wurde die ganze Nacht über gefangen gehalten. Tie ärztliche Besichtigung ftellte zahlreiche Wunden sest. Mader nahm unter Stellung von Entschädigungsansprüchen die Hilse des deut- schen Konsulates in Warschau in Anspruch.
Aus Ktadt und Land.
Gießen, 5. Juni.
- Stadtv. Kirch -j-. Eine Totenfeier für unseren so jäh auS dem Leben geschiedenen hoch verbienstvollen Mitbürger Stadtv. Jean Kirch findet am Donnerstag nachmittag 4 Uhr in der Kapelle des alten Friedhofes statt. Die Leiche wird dann zum Bahnhof fpediert zum Transport nach Offenbach, wo am Freitag nachin. 3 Uhr die Einäscherung im Krematorium stattfindet.
•• Von d e r Augenklinik. Die voraussichtlich im August ins Leben tretende Verwalterstelle der UniverfitätS- Augenklinik in Gießen soll schon alsbald provisorisch besetzt werden. Bewerber, welche die vorgeschriebene Prüfung mi Finanzfach erster Kategorie bestanden haben, wollen sich bis


