Ausgabe 
4.7.1907 Drittes Blatt
 
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Nr. 154

Zweites Blatt

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General-Anzeiger für Oberhessen

Erscheint tSgNch mit Ausnahme des Sonntag».

Die ^Oietzener $amilienblätter werden dem Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Kretsblatt für den Kreis Gietzen" zweimal wöchentlich. Derhessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Donnerstag 4. Juli 1907

Rotationsdruck und Verlag der Brühlfchen UniversitätS Buch, und Steindruckerri.

R. Sangt, Gießen.

Redaktion. Expedition und Druckerei? Schul» stratze 7. Expedition und vertag i «xs& 6L Redaktion.«^ 112. Tell-Adru An-eigsrGteßen.

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politische gagesfetyau.

Iswolskys Rundreise.

Das; der für die Sommermonate angekundiqien Ans- landsreise des russischenMinistcrs desAeußeren v. Iswolsky in russischen Kreisen hohe Bedeutung beigelegt wird, ist erklärlich. Sie stellt sich dar als der Ausdruck des Zusammenhanges der russischen mit der inter­nationalen Politik, als Glied in der Kette persönlicher Rück- sprachen der leitenden Staatsmänner der Großmächte Europas. Keiner der letzteren hat offenbar Neigung, nach Petersburg den Schritt zu lenken. Also kommtder Berg zu Mohamed". Rußlands Minister durfte schwerlich Träger einer politischen Vectragsmission sein in den: Sinne, daß er in den Strauß dec internationalen Vereinbarungen eine neue Blume ein­flechten will. Die Wahrscheinlichkeit spricht vielmehr für eine Entschließung des Zaren, durch Herrn v. Iswolsky die Kabinette beruhigen zu lassen über die Tendenz der russischen Politik nach Auflösung der zweiten Dmna, und nicht zuletzt wohl über die Kreditfähigkeit Rußlands. Die Lage im Zarenreich ist unverändert kritisch, das Elend dec breiten Masse des Volkes, das System dec Attentate und Revolten noch lange nicht überwunden. Das Ministerium Stolypin besitzt das Vertrauen des Selbstherrschers, nicht aber das dec Mehrheit der Regierten. Diese hegt Zweifel an dem ernsten Willen der leitenden Persönlichkeiten, dem Lande ein wahr­haft konstitutionelles Regiment zu geben, und auch im Aus­land will die Ueberzeugung nicht platzgreifen, daß die Rück­kehr zum Absolutismus, allenfalls verschleiert durch die Ein­richtung eines Scheinparlaments, ausgeschlossen ist. Ein ge- wrffes Mißtrauen gegenüber den Zielen des neuen russischen Wahlgesetzes läßt sich im Ausland nicht unterdrücken, ein Bedenken, ob es überhaupt möglich sein wird, auf diesem Wege einen Rechtsstaat in Rußland aufzubauen, ob nicht vielmehr Revolution und Reaktion von neuem aufschäumen werden. Sollte Minister v. Iswolsky in der Hauptsache als BeschwichttgungSkommiffar" nach Berlin, London, Paris und Wien reisen, so bliebe der Erfolg seiner Mission gleich­wohl dahingestellt. Nur Tatsachen können eine günstigere Meinung über Rußland aufkommen laffen, und diese Tat­sachen sind erst zu erwarten nach der Einberufung der dritten Duma.

Au» Stadt und Land.

Gießen, 4. Juli.

"* Personalien. Se. Kgl. Hoh. der Großherzog haben dem Kreisamtmann bei dem Kreisamt Dieburg, Dr. Herrn. Stammler, den Charakter als RegierungSrat er­teilt. Durch Entschließung des Großh. Ministeriums des Innern wurde der Lehramtsreferendar Hans Stein zu Fried- berg zum Lehramtsaffeffor ernannt. Uebertragen wurde dem Schulamtsaspiranten Ernst Gorr aus Dorf-Gill die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Eich. In den Ruhe­stand versetzt wurde der Lehrer an der Gemeindeschule zu Fischbach Joh. Hch. Schäfer auf sein Nachsuchen, unter Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste und unter Verleihung des Silbernen Kreuzes des Verdienstordens Philipps des Großmütigen mit der Krone.

** Neuer Konsul. Der zum mexikanischen Konsul in Mainz ernannte Bankier Adolf Car leb ach, der .sich tm Besitz des Reichsexequaturs befindet, ist zur Ausübung konsularischer Verrichtungen im Großherzogtum Hessen zu- gelassen worden.

** Ein früherer Gießener, der noch vielen un­serer älteren Mitbürger bekannt sein dürste, ist vor kurzem 1 6. Juni in Stapleton, 9Lordamerika, gestorben, Herr Carl F. Zentgraf, der Senior-Chef der bekannten Papier-Faörikatwns-Firma Louis Degonge und Co. Herr Zentgraf stand, wie wir der in Newyork erscheinenden Hess. Darmst. Ztg." entnehmen, im 67. Lebensjahre. Er wurde von der Lungenentzündung befallen, die ihn nach kurzer Zeit dahinraffte. Der Verblichene war in der Nähe von Darmstadt geboren und kam schon in frühester Jugend 1 ..imCTmaRWBtE "vsm.g.acswmmji i urwi1

nach Gießen, wo sein Vater als Staatsanwalt und lpater als Oberlandesaerichtspräsident stationiert war. Der junge Zentgraf, ein Odenwälder vom alten sturmerprobten schlag, absolvierte das dortige Gymnasium rasch und widmete sich später der kaufmännischen Karriere; doch schon Ende der 60 er Jahre kam er nach Newyork und trat als Angestellter in die damals bereits renommierte Firma Louis Degonge ein. Nach mehrjähriger Tätigkeit heiratete er die Tochter seines Arbeitgebers, wurde Teil­haber in dem Geschäfte, dem bedeutendsten dieser Branche in Amerika, und leitete es später bis zu seinem nun er­folgten Ableben als Senior der Firma. Er war bis zu seinem Tode Präsident der Sparbank von Staten Island und einer der Gründer der Deutschen Lutherischen Krrchen- gemeinde auf Staten Island, als deren Sekretär er seit 35 Jahren fungierte. Ebenso war er unter den Gründern des Deutschen Klubs und lange Zeit dessen Präsident, wie er auch Präsident der Ultramarin-Werte in Kreischerville war. Ein Sohn und drei Töchter überleben den Dahin­geschiedenen. Sein Schwiegervater lebt in Frankfurt a. M.

** L e b e n s r e t t e r. Der Apothekergehilfe Alfr. Hops in Wimpfen hat am 28. Juni 1906 einen Knaben vom Tode des Ertrinkens gerettet. Als Anerkennung hierfür ist ihm von S. K. H. dem Großherzog die Rettungs­medaille verliehen worden.

** GießenerVolkSbad. Im Juni wurden 12 792 Bäder verabreicht gegen 11745 Im Mai 1907 und 12 531 un Juni 1906 oder im Durchschnitt pro Tag 426 Bäder gegen 897 im Mai 1907 und 418 im Juni 1906. Der Besuch im einzelnen verteilt sich wie folgt:

Schwimmbad: 5109 Männer, darunter 1043 zu 10 Pfg.,

1779 Frauen, , 405 , 10 ,

Wannenbäder 1. Klasse 348 Männer, 157 Frauen, 2. 868 , 635

(einschl. 48 Kohlensäure- und Krefernnadelbäder). Brausebäder 1. Klasse 1288 Männer, 207 Frauen, 2. 1966 279

Dampf- n, Heißlustbäder, sowie Massage zns. 129 Männer, 27 Frauen. Die Personenwage wurde von 300 Personen benutzt und das Bad von 6 Personen besichtigt.

** Der 6. Wissenschaftliche Fortbildungs­kursus für Volksschullehrer, der im Mai und Juni an der Landesuniversität stattfand, wurde am Mittwoch durch eine Schlußseier im Hotel Schütz im Beisein des Professors Dr. Kinkel und Privatdozent Dr. Schmidt und zahlreicher Lehrer geschlossen. Der Kursus war von 125 Teilnehmern aus Oberhessen, sowie aus den preu­ßischen Kreisen Wetzlar, Marburg und Biedenkopf besucht. Professor Dr. Kinkel las überEthik", Privatdozent Dr. Schmidt überAetherschwingungen, Lichtwellen, Radio­aktivität usw." Die Vorlesungen fanden jeden Mittwoch nachmittag von 46 Uhr in der Aula des Universitäts­gebäudes statt. Bei der Schlußfeier gedachte der Vorsitzende des Gießener Lehrervereins, Lehrer Val. Müller, des heutigen Gedenktages der Schlacht von Königgrätz und die sich anschließenden Einheitsbestrebungen des deutschen Volks, die 1870/71 mit der Errichtung des mächtigen deut­schen Reichs endeten. Seine von Beifall unterbrochene Rede schloß mit einem Hoch auf Kaiser und Großherzog. Hauptlehrer Storch-Butzbach sprach den dozierenden Herren den Dank der Teilnehmer aus und toastete auf die beiden Herren und die Alma mater. Der gewandte Redner betonte, daß die gespendeten Wrssensgaben, die mitgeteilten Resultate reicher Geistesarbeit, alles, was Denken, Streben und Forschen großer Männer hervor­gebracht habe, der Allgemeinheit zugute kommen solle. Die von den Lehrern geforderte Zulassung zum Universitäts­studium würde hierzu bedeutend beitragen, und Me all­gemeine Volksschule, die alle Stände, Klassen und Kon­fessionen umfassen müsse, fei geeignet, die sozialen und konfessionellen Gegensätze zu mildern. (Lebhafter Beifall.) Professor Dr. Kinkel sprach in kurzen Worten namens der Dozierenden, und hob das edle Streben des Lehrer­standes nach Vervollkommnung des Wissens hervor. Hier­an schlossen sich einige Deklamationen, von denen be­sonders die dichterischen Worte des Lehrers Lochau- Gleiberg lebhaften Beifall ernteten.

** Die Großh. Brandversicherungsan st alt hat für das Jahr 1906 einen Gesamtbedarf von 1168.14 Mark aufzubringen, was durch einen Ausschlag von 6 Pf.

£u! 100 Verjreyerungsrapitül geschehen soll. Die^

Erhebung erfolgt in den ersten 25 Tagen des Monats August. An Brandentschädigung sind 643 794 Mark zahlen und zwar in Starkenburg 315 391.05 Mark tn 1 Oberhessen 144773.10 Mark (davinter 34800 Mark von ' Brand in Wölfersheim am 21. April 1906 upd 10 962 Mark ' vom Brand in Büdesheim am 7. Mcr 1906) und in Rüein- Hessen 183 629.85 Mark. An Vergüungen für erhöhten Feuerschutz wurden 230 000 Mark un. als Beitrag in die LandeSfeuerlöschkasse 124 800 Mark venusqabt. Unter den rund 170000 Mk. Verwaltungskosten blinden sich 80 763 66 Mark für Besoldungen, 30 345.29 Mar. für die Kosten der Erhebung der Brandversicherungsbeiträx, sowie Gebühren für Ausfertigung der Versicherungsurkuihen, 14 930.47 Mk Diäten, Reisekosten und BrandabschätzunZkosten, 13 052.90 Mark Kosten der Repartition der Beiträge HebregisterferU- gung usw. Das Umlagekapital beträgt in Starkenburg 862 646 920 Mark, in Oberhessen 471 21480 Mark und . in Rheinhessen 685 024 670 Mark, zusammn 2 018 943 070 / Mark.

Butzbach, 3. Juli. Ein in der Hel'schen Nudel­fabrik beschäftigtes Mädchen wurde bei dr Bedie.urra einer Maschine an der H a n d v e r l e tz t, wis die Uev.^ führung des Mädchens nach dem Johannittchospital Xx Nieder-Weisel zur Folge hatte. Ein große: Teil der BurschenschaftGermania" von Gießm stattete heute unserer Stadt einen Besuch ab und veranstaltete ' mit Trompetengeschmetter und Gejang einen Uuzug durch die Stadt.

tf] Friedberg, 3. Juli. Seit etwa einen Jahre bewegt die wichtige Frage der Bahnho'soer- legung die Gemüter unserer Einwohner. Diese lange Zeit strittige und lebhaft erörterte Frage ist jetzt durch eine Verfügung des Ministeriums, die dahin entscheidet, daß der Bahnhof etwa 600 Meter weiter südlich in die Gemarkung des Stadtteils Fauerbach kommt, geregelt. Die neue Wetterauer Bahnen und die Homburger Bahn haben einen so starken Verkehr mit sich gebracht, daß unser Bahnhof trotz mehrfacher Erweiterung den Verkehr aus die Dauer nicht bewältigen kann, zumal auch noch ein Bahnprojekt über Florstadt, Staden nach Ramstadt große Aussichten auf Verwirklichung hat. Eine Erweiterung des jetzigen Bahnhofs ist infolge der ungünstigen Terrain- verhältnisse nicht mehr möglich. Durch die Verlegung wer­den allerdings zahlreiche Geschäftsleute, Wirte, Kaufleute usw. geschädigt. Man strebt deshalb an, daß anstelle des jetzigen Bahnhofs eine Haltestelle verbleibt.

0 Laubach, 4. Juli. Am morgigen Tage feiernder auch in Touristenkceisen wohlbekannte frühere Gastwirt zur Traube, Karl Kircher und seine Ehefrau Christiane, geb. Seitz, das seltene Fest der goldenen Hochzeit. Das Jubel­paar, das ziemlich gleichalterig ist, ist zusammen 147 Jahre alt und erfreut sich verhältnismäßig großer Rüstigkeit. Der Jubelgreis bekleidet noch das Amt eines Feldgeschworenen. Es leben drei verheiratete Kinder und sechs Enkel.

§ Vom Hoherodskops, 3. Juli. Nächsten Sonntag, den 7. Juli, findet das Jahresfest des Vogelsberger Höhen­klubs hier statt.

?Vom oberen Vogelsberge, 3. Juli. Infolge des anhaltend schlechten Wetters hat die Heuernte noch nicht begonnen. Nur vereinzelt sind Wiesen gemäht, die minderwertige Erträge liefern. Die Graspreise sind gegen da§ Vorjahr um 4050 Proz. gesunken. Die Getreide­arten stehen sehr günstig; das Korn zeigt Aehren von vielversprechender Länge. Eine reiche Beerenernte steht bei einigermaßen warmen Tagen bevor.

(h.) Franksurt a. M., 3. Juli. In der Sonnenstraße in Bockenheim ereignete sich ein blutiges Familien­dram a. Es handelt sich um die Familie des Hundekot- sammlers Münzel. Die Familie, die einen stallartigen Raum bewohnt und außerdem noch Logiergäste beherbergt, lebt seit einiger Zeit im Streit, der gestern in blutige Szenen ausartete. Der Sohn, unterstützt von seiner Mutter, schlug mit einem Hotzbeil solange auf den 53jährigen Vater los, bis dieser zusammenbrach. Mit einem Taschen­messer schlitzte er dann dem Vater den Mund bis zu den Ohren auf und verletzte noch einen zu Hilfe komm enden

Aus HariöalviS Levcn.

Zu seinem 100. Geburtstag.

Gnribalois Leben ist reicher an seltsamen Begebenheiten, span­nenden Momenten und unglaublichen Gefahren, als es die kühnste Phantasie wohl ausdenken könnt-. Ein Alexander Dumas Vater/ der den Helden so aufrichtig bewunderte, hat für seine Phantast. Abenteuerromane in reichem Maße sich duych dieses^romantische Schicksal beeinflussen lassen, und andere schlechtere Schriftsteller, z. B. Redcliffe, haben diesen wirksamen Stoff zu wilden Ge­schichten verarbeitet. Ter Vater, ein Seemann aus der genue­sischen Matrosenstadt Chiavarc, ernährle sich mfr mühsam und konnte seinen vier löhnen feine Schulbildung angedeihen lassen. So wuchsen sie ziemlich wild heran und besonders ungebärdig war der zweite, Giuseppe, den nur der Mutter liebevolles Wesen in seiner Zügellosigkeit besänftigen konnte. Tie Mutter, die zu den Nachlomnien des merkwürdigen Königs von Korsika Theodor von Neuhof gehörte und so deutsches Blut in ihren Adern trug, hat Garibaldi immer wie eine Heilige verehrt. 35cen J£ob glaubte er, auf dem fernen Weltmeer segelnd, durch eine Vision voraus- zuahnen, wie er sich überhaupt durch geheime Zusammenhänge immer mit ihr verbunden wußte. Erst mit fünfzehn Jähren ließ ihn der Väter zur See, und als Schiffsjunge machte er seine ersten Reisen. Während seines Aufenthaltes in Konstantinopel erkrankte er schwer, und in der Stille des Krankenlagers, mit den rückkehrenden Kräften der Genesung ergriff ihn ein tiefer Wissensdur st, eine Trauer über feine Unbildung, sodaß er eifrig zu lesen und sich selbst zu unterrichten begann. 1832 trat et in die sardinische Flotte als Matrose ein. Vom Geiste Mazzinis ergriffen, schürte er unter seinen Kameraden und stiftete eine Ver­schwörung an. Alles wurde entdeckt. Mit knapper Not gelang es ihm, aus Genua zu entfliehen und sich nach Marseille zu retten. In contumaciam wurde er vom sardinischen Kriegsgericht zum Tode verurteilt. In Marseille konnte er sich durch Mathe- mplikstunden errtähven, so weit hatte er es mit seinem Selbst- studiunc gebracht. Doch nicht lange läßt es ihm Ruhe in solch bürgerlicher Beschäftigung; ihn loctt's in's Wette, nad) Gefahren und Abenteuern. Er verdingt sich zunächst auf einer französischen Brigg, fomunt Yann in d> D.e.i^e deS Beys von Tunis! und kommt tauf einem tuuesischeic Kutter nach Südamerika. Hier fämpst er rym Lwölj Jahn na gegen LMM«: Mh iür ine

Abschaffung der Negersklaverei. Zuerst als Kapitän eines Schiffes', dmrn als Führer einer kleinen Flottille greift er in die Aufstände in der Republik Rio Gpande ein. Er wird gefangen genommen, entflieht, wird wieder eingefangen, gefesselt, gefoltert; nach gren- zenlofen Qualen sieht er dem sicheren Tode ins Auge. Und doch entkommt er. Mit einer Bande Freiwilliger zieht er gegen seine Henker; es gelingt ihm, den Anführer, seinen schlimmsten Feind, der ihn zum Tode verurteilt hatte, in seine Hand zu bekommen, er schenkt ihm die Freiheit! Ein ander Mal verbrennt er in höchster Not <alle seine Schiffe und rettet sich kämpfend an Land. Völlig vetliassen, elend, dem Hungertode nahe, wird er durch eine Frau gerettet. Es ist die Kreolin Anita Riveiro de Sttva, die später sein Weib wurde. Als endlich Ruhe in Rio Grande herrscht, betreibt er einen Rinder handel mit Uruguay. Ta bedroht Rosas, der Tiktator von Buenos Ayres, die Unabhängigkeit des Landes.

Man bietet Garibaldi ein Kommando an, und er verteidigt sich bret Tage lang nut drei Schiffen gegen zehn feindliche Fahr­zeuge. Da er sich nicht halten kann, verbrennt er feine Schiffe und bahnt sich mit ben Waffen den Weg mitten durch die Feinde nach '.Viontevideo. Bei der fünfjährigen Belagerung der Handels- repitbhf Montevideo steht er nun an der Spitze einer Legion von 300 Italienern und tut Wunderdinge an Tapferkeit und Kühnheit. Er wirb von Rosas gefangen genommen, gefaltert, bock) er wirb roiebev frei unb siegt in zahlreichen glücklichen Gefechten. Am Ende des Striegel wirb fein Name mit golbenen Lettern auf bie Fahne ber italienischen Kompagnie geschrieben, bie zugleich zur Ehren­legion avanciert. Er ist nun berühmt, fein Name wirb auch in Europa genannt. Italien, bie Heimat, soll nun fein Kampfplatz sein. Aber erst bas Berteldignngskomttee von Mailand benuitragt ihn 1848 mit Bildung eines FreiwilUgenkorpS. Er grünbete bas Bataillon Anzani, bas er nach einem amerikanischen Waffenbrnber in treuer Erinnerung nennt, siegt sogar im Kamps gegen viermal stärkere Streitkräfte unb rettete sich enblich, von ben Oeslerieichern ueviolgt, auf ben neutralen Boden ber Schweiz. Nachdem er in Bologna mit Unbank belohnt und feindselig behandelt worden ist, übernimmt er im folgenden Jahre Noms Verleidigimg. Währeiib ber Eroberung burcl) bie Franzosen flieht er, nachdem er sein herrliches Heer geopfert, feine Frau sterbend verlassen hat, geächtet wie em gehetztes Wild unb rettet bas nacue ^eben wieder nach Amerita. In Neiv-Pork wird er zunächst Seifen- und Talglichler- fabrifant unb ernährt sich burch bieje Arbeit. Dann geht er als

Golbgräber nach Kalifornien und Peru, wird Kapitän eines Kauf­fahrteischiffes unb macht eine Reise nach China.

Eine Vision fünbet ihm ben Tob seiner Mutter an, bei ber er seine Kinber untergebracht wußte. Die Unruhe unb Sorge treibt ihn nach Hause. Er trifft bie Mutter nicht mehr lebenb an, wirb nun Hanbelskapitän in Nizza unb lebt eme Zeitlang still mit seinen Hinbern. Mit einem kleinen Kapital, bas ihm von einem Bruber zusällt, kaust er sich einen kleinen Teil der unwirtlichen Insel Caprera in ber Nähe von Sarbinien, zimmert sich selbst ein Haus zusammen, säet unb erntet unb fuhrt em beschauliches Dasein. In boppeltev Gestalt erscheint er nun für sein künftiges Leben, einmal als ber Alte von ber Ziegeninsel ber in gutmütigem Jbyll mit seinen Kmberii, Freimben, Haustieren unb Pflanzen lebt, zuletzt in roilber Ehe mit einer Bäuerin, bie noch spät, um ber Kinber willen, sanktioniert wirb; bann aber als gewaltiger Schlachtengott, der immer wieder in Italien auftaucht unb in zorniger Vaterlandsliebe, in heiligem Grimm mit eherner Faust die zerrissenen italienischeii Staaten zusammenschweißt. Er erschöpft sich in seinen bekannten tollkühnen Unternehmungen, um Rom zu erobern, wirb vecwunbet, gefangen, entkommt wieder, um zu sehen, wie bie französischen Ehassepots seine Helbcn niebermähen, wirb rot eher gefangen und kehrt unter jubelnder Begeisterung nach Caprera zurück. Bis zu seinem Tobe hat er in zornvollen Mamsesten voll Wut über Psaffen- herrschaft unb Mißwirtschaft gewettert, kühne, saft saustische Pro­jekte gehegt, wie großartige Arbeiten am Tiber, Fruchtbarmachung der Campagna. Er hat sich mit feinem uneigennützigen Wirken in Schulben gestürzt unb schließlich eme Pension von ber Regierung annebmen müssen. 1875 erschien er zum letzten Male tn Rom; unenbliche (Sprüngen begleiteten ihn. Nun liegt er in seinem füllen granitenen Felsengrab auf feinem kleinen Etlanb, und bas Brausen bes Sturmes, bas Donnern ber Wogen fingen ihm baS rechte Totenlieb. . . .

Man schreibt uns aus Frankfurt a.M.: Joses Kainz wirb zum Schluß ber Saison an vier Abenben auftreten, und zwar außer ber Nolle besRomeo", mit ber er heule sein Gastspiel er­öffnete, alsDusterer" imGeroissensrourm", alsNuborff" in Rosenmontags unb alsMephistopheles". DerRomeo" war eine bebcuicnbe Leistung voll Kraft unb Letbenschast unb machte trotz bes burchgearbefteten Gesichts erueu ganz jugendlichen Eindruck.