Urozcß Karden.
S. u. H. Berlin, 27. Dezember.
Heule vormittag um 10 Uhr fand die Prozeßvcrhandlung ihren Fortgang. Ter Zuhörerraum war fast leer. Nur an den Pressetjschen herrschte Gedränge. Kurz nach 10 Uhr erschien der Gerichtshof im Saal. — Der Vorsitzende teilte mit, daß ein Schreiben eingegangen ist, wonach Fran v. Elbe schwer erkrankt und nicht vernehmungsfähig ist. Ein ärztliches Attest ist eingegangen, lvonach ein Rückfall cüict früheren Blinddarmentzündung eingetreten ist. Sie ist nicht reisefähig und in den nächsten Wochen nicht verhandlungsfähig. Es ist fraglich, ob sie in absehbarer Zeit vernehmungsfähig sein wird. Sie ist in auffallender Weise psychisch alteriert, leidet an Verfolgungszuständen und hohem Fieber. — Bors.: Das Münchener Gericht hat die Vernehmung des Professor Schweninger genehmigt. — Oberstaatsanwalt : Professor Schweninger hat mir telegraphisch mitgeteilt, daß er Vern ehinungs fähig ist. Dann möchte ich folgende Erklärung obgeben: Es geht durch die Zeitungen die Nachricht, daß hier ein gesetzlich unzulässiges Schweigeverbot erlassen worden sei und zwar vom Vorsitzenden und vom Staatsanwalt. Der Staiatsanwalt kann ja überhaupt feine Verbote erlassen und schon gar fein Schweigeverbot. Er hat es auch nicht getan. Ich habe LN einer entsprechenden Aeußerung des Vorsitzenden überhaupt
'als Abgeordneter der Großh. Hessischen (25.) Division bei der evangelischen Landessynode bestimmt.
* * Anlagemusik findet morgen vormittag 11.30 Uhr in der Südanlage mit folgendem Spietplan statt: 1. Ouvertüre zur Oper ,Der Geiger auS Tyrol" von Gene. 2. Martin- Walzer von Zeller. 3. Fantasie aus „Sobengrin" von ,Wagner. 4. Der Möllendorfcr! Präsentier-Marsch der Kavallerie, arrang. für Jnfanteriemusik von Krauße.
• • DaL Museum ist am Sonntag, 29. d. Mts., nachmittags von 2—4 Uhr geöffnet. Die Besichtigung vormittags fällt aus.
* * Aus dem Bureau des Stadttheaters. Der „Dieb", Henry Bernsteins interessante Komödie, geht morgen, Sonntag, nachmittag zum letzten Male in Szene, worauf alle Interessenten aufmerksam gemacht seien. Bekanntlich gehört „Der Dieb", sowohl was Darstellung als auch was Ausstattung betrifft, zu den besten Aufführungen unseres Stadttheaters. Diese Vorstellung ebenso wie die Abendvorstellung des „Kä r ch e u s v o u < . i l - den bei kleinen Preisen statt.
** Kun st verein. Die gegenwärtige Ausstellung, darunter die Kollektionen Hambuchen (Düsseldorf), Licht (Chariottenburg), Koberstein (Berlin) und andere, kann nur noch kurze Zeit hier bleiben, da Anfangs Januar eine Sonder-Ausstellung von der Künstlergruppe „Brücke" im Kunstverein veranskallel wird. Die Ausstellung ist morgen, Sonntag, von 11 bis 3 Uhr geöffnet. Die bei der Verlosung hierher gefallenen 43 Gewinne gelangen sofort nach Eintreffen von Darmstadt zur Verteilung.
** Lehrerpersonalien, liebertragen wurde dem Lehrer Peter Christian zu Jügesheim die 2.Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Ilbenstadt, bem Lehrer Herrn. Jos. Laube zu Erbach (Kr. Heppenheim) eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Jügesheim, dem Lehrer Hrch. Frimbe rger zu Erbach (Kr. Erbach) die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Erbach (Kr. Heppenheim). Dem israel. Religionslehrer Leop. A g u l n i k in Worms wurden die Rechte eines definitiv angestellten Bolksschullehrers erteilt. Erledigt sind: Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Neu- Isenburg. Die mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Schönnen. Dem Grafen zu Erbach-Erbach steht das Präsentationsrecht zu.
(i) Klein-Linden, 27. Dez. Die Weihnachtsfeier des Gesangvereins „Harmonie" sand gestern im dicht besetzten Saale zur „Äirg" statt. Die musikalischen, gesanglichen und theatralischen Vorführungen wurden mit lebhaftem Beifall aufgeräumten.
△ Oppenrod, 28. Dez. Hier hatte ein Mann im Frühjahr zwei Ferkel gekauft, von denen das eine nach anfänglichem gutem Fressen sehr schlecht gedieh. Als das Tier kürzlich geschlachtet wurde, wog es nur 38 Pfund. Es stellte sich heraus, daß das Schwein vor längerer Zeit ein Porzellanei verschluckt und seitdem im Magen hatte.
△ Harbach, 27. Dez. Unter Leitung des Lehrers Veih fand hier eine im Sinne der Volksbildungsbestrebungen gehaltene Weihnachtsfeier statt, verbunden mit einem Festspiel, das Schulkinder darstellten. Der Ueberschuß der Feier soll zum Besten der Volksbibliothek verwendet to erben.
+ Aus dem Buseckertal, 28. Dez. In einem Orte de§ Buseckertales ist der Lehrer schon seit Sommer beurlaubt, weshalb Sonntags kein Lektordienst mehr gehalten wird, so auch wieder an Weihnachten. Am ersten Feiertag hielt der Pfarrer Gottesdienst, am zweiten Feiertag aber war niemand da, um den Lesegottesdienst abzuhalten. Deshalb hatte sich ein Bauersmann, der als fromm bekannt ist, einen Schulamtskandidaten bestellt, der die Orgel spielte. Um 10 Uhr läutete eS zur Kirche, der Bauersmann trat vor den Altar und hielt den Gottesdienst ab.
X Mücke, 27. Dez. Das Projekt, die O h m t a l b a h n von hier über Groß-Eichen zu führen, erfordert einen Kostenmehraufwand von ca. 300 000 Mark, der bei der Führung der Bahn durch das Ohmtal über Merlau und Kirschgarten, an Wettsaasen vorüber, in Wegfall kommt. Das Gelände zwischen Groß-Eichen und Ruppertenrod setzt dem Bahnbau durch einen Höhenzug große Schwierigkeiten entgegen. Groß-Eichen soll aber Ersatz bekommen durch eine Stichbahn Mücke—Groß-Eichen—Babenhausen.
O Abend st ern, 27. Dez. Auf Station Abendstern ist ein außerordentlich lebhafter Verkehr entstanden. Sie wird wegen ihrer bequemen Lage an der Rodheimer Straße als Güterverladestelle von sämtlichen Gemeinden im weiten Umkreis benutzt. Dagegen hat der Bahnhof Kinzenbach, der vom Biebertal aus schwer zugängig ist, an Bedeutung verloren. Der gesteigerte Verkehr hat hier auch eine Beamtenvermehrung zur Folge gehabt. Es mangelte aber seither an Wohnungen für die Beamten und diesem Mangel sucht man durch einen großen Neubau abzuhelfen.
(fc.) Frankfurt cl M., 28. Dez. Ein Metzger- meister, der sich auf dem Heimwege von Ginnheim nach Frankfurt befand, wurde vorgestern abend gegen 7 Uhr in der Nähe der Miquelstraße von einem Manne ange- sallen, der ihn vorher angebettelt hatte. Der beherzte Metzgermeister schlug lt. Frkf. Ztg. den Angreifer zu Boden und wehrte auch mit Erfolg einen zweiten ab, der seinem Genossen zu Hilfe eilte. Es gelang nicht, die Straßenräuber festzunehmen, die sich rasch davon machten.
nicht das Wort genommen. Ich habe lediglich, als Dr. Moll mich fragte, ob er vas hier Verhandelte wissenschaftlich verwerten könnte, ihm gesagt, das könne er bei seinen wissenschaftlichen und menschlichen Qualitäten ganz verwerten, wie er es für gut unb richtig batte. Ein Schweigeverbot im gesetzlichen Sinne würde ganz unzulässig sein, da ein solches Verbot nur erlassen werden formte wegen Gefährdung der Staatssicherheit, wahrend hier die Oeffentlichkeit immer wegen der Sittlichkeit ausgeschlossen werde. Ter Vorsitzende hat gebeten, die Ehegeheimnisse, die hier entrollt worden sind, nicht auf den Markt zu tragen und keinen Gebrauch davon zu machen. Das ist Äne Bitte, die durchaus zulässig ist. Vors.: Ein Gerichtsbeschluß ist nicht ergangen. Ich habe nur die Herren gebeten, über die Sache möglichst nicht zu reden. — Justizrat Bernstein: Ich möchte bitten, bezüglich des Gesundheitszustandes des Herrn Harden feine Aerzte Tr. Marx und Eisenberg zu hören. Harden ist gegen den Millen seiner Aerzte hier. Diese haben mir gesagt, daß sie die Verantwortung dafür nicht übernehmen können, daß Harden hier erschienen ist. Sie haben ihm durchaus verboten, sich hier einzusinden. — Oberstaatsanwalt: Herr £)arbeit will verhandeln und anscheinend kann er auch verhandeln. — Vors.: Wir haben alle das größte Interesse daran, die Sache zu Ende zu bringen. Dem Zustande des Herrn Harden wird in jeder Weise Rechnung ge- ttagen werden. Wenn er es wünscht, wird die Verhandlung jedesmal unterbrochen werden. In der Pause kann er sich von den Aerzten untersuchen lassen. Jetzt wollen wir keine Aerzte hören. — Justizrat Bernstein: Wir haben zu der Vernehmung des Professor Schweninger zahlreiche Beweisanträge zu stellen. — Juftizrat Bernstein! legt zahlreiche Fragen vor, die an die Schweningcrschcn Eheleute gestellt werden sollen. Schweninger soll bekunden, daß er vor sechs Jahren schon Harden gebeten hat, sich der Frau v. Elbe anzunehmen, da sie boykottiert, verfolgt und gequält werde, weil sie von der albernen seelischen Veranlagung des Grasen Moltke zu Eulenburg Mitteilungen an andere gemacht habe. Professor Schweninger soll weiter Auskunft geben über das Leben der Frau v. Elbe, über ihren Gesundheitszustand, ob sie hysterisch sei, ob er wisse, daß Frau von Elbe erzählt habe, Graf Moltke habe für Fürst Eulenburg Beobachtungen gemacht und ihm politische Nachrichten überbracht. Er soll weiter angeben, ob Frau v. Elbe ihm berichtet habe,^ sie fei mißhandelt worden, und daß Graf Moltke ein schädliches Werkzeug des Fürsten Eulenburg sei. Frau Professor Schweninger soll bekunden, daß fie1 schon vor ihrem Gatten Harden ersucht hat, sich der Frau v. Elbe, ihrer Tante, anzunehmen. — Oberstaatsanwalt Tr. Isenbiel : Ich habe auch sehr viele Fragen , zu stellen. Wir haben nicht das geringste Interesse, die Wahrheit zuverschleiern. Wir wollen alles feststellen und aus- llären. Tie Verteidigung sucht mit der Vernehmung Schweningers die Sache wieder aus das politische Gebiet hinüberzuspielen, in das sie garnicht gehört. Tie ganze Sache bewegt sich im nüchternen Rahmen eines einfachen Veleidigungsprozeises, nichts weiter. Aber das Gericht hat bereits beschlossen, Professor Schweninger zu vernehmen und ich habe daher dagegen nichts anzuwenden. Die Vernehmung wird sich freilich sehr lange hinziehen. — Der Oberstaatsanwalt verlas bann eine lange Reihe von Fragen, die er a.n die Schweningerscheu Eheleute stellen will, über das Vorleben der Frau v. Elbe und ihre Beziehungen zu Harden, auch darüber, ob sie wissen, weshalb Harden lieber ins Zuchthaus gehen wolle, als sich mit dem Grafen Moltke zu versöhnen. — Juftizrat Kleinholz: Auch wir wollen die Wahrheit. Wir haben daher gegen die Fragen nichts einzuwenden. — Justizrat Sello: Es wird nicht an gängig sein, die Schweuingerschen Eheleute zu ihrer Vernehmung zu vereidigen. Es ist die Frage aufzuwerfen, ob sie sich nicht der Beihilfe zur üblen 9kachrede schuldig gemacht haben. Die Vereidigung würde eventuell ein Revisionsgrund sein. — Oberstaatsanwalt: Ich habe gegen die Schwenmgc-rschen Eheleute keinen Verdacht. — Justizrat Bernstein: Tie Vereidigung könnte nur ausgesetzt werden, wenn Verdacht vorliegt, das ist aber absolut nicht der Fall. — Harden- Herr Schweninger hat mir niemals etwas an Material gegeben. Er hatte keine Ahnung, was, wie und wann ich schreiben würde. Er ist absolut unbeteiligt. — Oberstaatsanwalt: Hat nicht Herr Harden während des Ehescheidungsprozesses Verjöhnungsv ersuche gemacht? — Darauf zog sich das Gericht zur Beschlußfassung zurück. Inzwischen hatte sich auch ö'ürft Eulenburg im Saale eiugesuuden. Nach halbstündiger Beratung verkündet das Gericht, daß Gerichtsassessor Lange am Samstag, 28. Dez. den Professor Schweninger und seine Frau in Schirianeck bei München kommissarisch eidlich vernehmen und ihnen alle Fragen der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung vorlegen soll. — Tarauf wurde Dr. Frey-Wien, der Hausarzt der Gräfin Moltke in Wien, als Zeuge und Sachverständiger vernommen. Er kennt die Gräfin seit dem Herbst 1897. Eines Abends wurde er zu ihr gerufen, weil sie an Blinddarmentzündung litt. Sie zeigte dabei eine tiefe Gemütsdepression. Auch erwies sie sich als äußerst blutarm. Am anderen Tage erkundigte sich Graf Eulenburg nach dem Befinden der Gräfin. Er erklärte, daß die Gräfin sehr nervös sei. Die Gräfin verlangte, man solle an Graf Moltke, der abwesend war, telegraphieren. Eulenburg riet ab, da der Graf selbst sehr leidend sei. Tie Gemütsdepression nahm immer sehr zu. Einmal nahm sie in der Aufregung soviel Opium, daß sie in eine tiefe Lethargie verfiel. T-er Zeuge riet ihr, ein Sanatorium aufzusucheu. Bald kam Graf Moltke nach Wien zurück und nun trat eine überraschende Besiernng bei der Gräfin ein. Tie ganze Krankheit war eine schwere nervöse Störung, wie man sie bei hysterischen und nervösen Personen vielfach findet, es war eine Pseudoblinddarmentzündung, wie ich später erkannte. Bors.: Sie haben bei Ihrer Vernehmung im Ehescheidungsprozeß noch angegeben, die Gräfin sei so hochgradig hysterisch gewesen, daß ihre Selbstbeherrschung beeinträchtigt wurde. Sie habe eine abnorme Gedankenflucht und Phantasie gehabt. — Zeuge: Das ist richtig. — Vors.: Hat die Gräfin Ihnen erzählt, daß ihr Gemahl homo- stxuell sei? — Zeuge: Darüber darf ich nichts sagen. Das fällt unter mein ärztliches Berufsgeheimnis. — Justizrat Sello:' Die Sache ist kein Geheimnis mehr, es ist schon einmal davon gesprochen wordep. — Oberstaatsanwalt: Der Zeuge hat da Recht, sein Zeugnis zu verweigern, wenn die Sache auch zweifelhaft fein mag. Wir haben aber schon Beweise genug, um die Dame zu kennzeichnen. Eine F-rage nur noch (zum Zeugen): Ist die Gräfin Moltke nach Ihrer Meinung eine hochgradig hysterische Person und war sie schon vor 1898 hysterisch? — Zeuge: Ob fie früher hysterisch war, weiß ich nicht, ich glaube es aber. Ich kann aber mit Bestimmtheit aussagen, daß ich in der Gräfin eine Tame von außerordentlich hysterischer Veranlagung und Beschaffenheit gefunden habe. Sie konnte für ihre Handlungen nicht verantwortlich gemacht werden, auch nicht für ihre Aeuße- rungen. Vermöge ihrer Intelligenz und ihrer Phantasie wußte sie ihre Erzählungen mit einer solchen Summe von Wahrhaftigkeit zu umgeben, daß sie Aerzte und Laien täuschte. Sie glaubte die Sachen, die sie erzählte. Ich bin aber der festen Ueberzeugung, daß.alle Anwürfe der Gräfin gegen ihren Gatten reine Phantasie sind.
Juftizrat Sello: In einem Schreiben vorn 21. November 1898 schrieb die Gräfin: „Haben Sie, Herr Dr. Frey, nicht Folgendes mir gesagt: „Haben Sie das Liebesgirren dieser beiden Männer gesehen, ganz wie ein Brautpaar, er M., ganz versunken in den Anblick von E. und er E., über ihn ganz gebietend. Haben Sie ein so widerwärtiges Bild zwischen Bdännern schon gesehen? Daraus ergibt sich, daß M. pervers ist!" — Herr Zeuge, haben Sie der Gräfin Darauf nicht geantwortet: „Das habe ich nicht Ihnen gesagt, sondern Sie haben es mir gejagt!"? — Zeuge: Das ist richtig. (Bewegung.) — Juftizrat Bernstein: Hat die Gräfin nicht den Eindruck einer glaubwürdigen Dame gemacht? — Zeuge: Ich konnte doch nicht immer entscheiden, was wahr oder unwahr war. Ihre Glaubwürdigkeit hat mir von Anfang an nicht sehr imponiert. — Juftizrat Bernstein: Haben Sie nicht in Ihrem Antwortschreiben auf den erwähnten Brief es für eine sittliche Pflicht erklärt, der Gräfin zu helfen? — Oberstaatsanwalt: Man muß das Milieu, das vor dem Ehescheidungsprozeß sich darfteltte, beachten. Tie Gräfin war verdächtigt worden, abscheuliche, niederträchtige Aeußerungen gegen ihren Gemahl getan zu haben. War die Frau hysterisch, so tonnte, sie für die .Aeußerungen nicht verantwortlich gemacht
werden. Ter Zeuge war der Ansicht, die Gräfin sei unfäuTK- weil sie für ihre Taten nicht verantwortlich gemacht konnte. Deshalb wollte er ihr helfen. — Zeuge: So ist Oberstaatsanwalt: Ich weiß nicht, warum die Verteidigung dagegen protestiert, daß Frau v. Elbe hysterisch ist. k
doch das Günstigste für sie. — Juftizrat Bernstein: Wir nur die Wahrheit feftstellen. h>oIten
Darauf trat um y2 1 Uhr eine viertelstündige Pause ein
Nach der Pause wurde Fürst Philipp Eulenburg in den S« r ; geführt und der Chefredakteur der Leipz. 9?. Nachr Dr S ■ Liman vernommen. — Juftizrat Bernstein: Sie sollen ffi1 funft geben über Aeußerungen des Fürsten Bismarck über h Fürsten Eulenburg. — Tr. Liman: Es kann sich nur um Pi„ Unterredung handeln, die in der Zeit des Leckert-Lützow- . Tausch-Prozesses stattfand, in den Jahren 1896 und 1897 mals war ich wiederholt Gast in Friedrichsruh. Tas Haichttbew bildete die Frage, wie weit die Prozesse Tausch und Leckert-^üd^ gegen Bismarck geführt wurden. Es trat damals in den tungen die Behauptung auf, die „Hintermänner" des v. Tausch seien in Friedrichsruh. Diese Behauptung einen gewissen Nachdruck dadurch, daß ich in der Voruntersuchi/n zum Prozeß Tausch über Beziehungen Bismarcks zu Tausch k,? nommen wurde. Bismarck geriet in heftige Erregung, Ausdruck „Hintermänner" inbezug auf ihn und seinen Sohn o? braucht wurde. Bei dieser Gelegenheit sagte er, „die Hinw männer sitzen nicht in Friedrichsruh". Es gibt anderswo Kamarilla der Kinäden. — Er hat später keinen Zweifel barer gelassen, daß er diesen Ausdruck nicht im besonderen Sinne meinu Er wendete den Ausdruck im Sinne Götz von Berlichingens an als dieser die kaiserlichen Kommissare verabschiedete Diei^ Ausdruck war gegen Fürst Philipp Eulenburg gerichtet ~ 4* habe nicht angenommen, daß den Fürsten Bismarck sexuelle Wn. mente dabei beeinflußt haben. Nur durch eine Jdeenassociation kann diese Aeußerung in diesem Sinne ausgefaßt werden hatte den Eindruck, als ob der Fürst nach dem Gruudsatz!; hon. delte: Auf einen Schelm gehören anderthalb! — Bei der Aeuste, rung von den „Hintermännern" fiel auch das Wort von L- „Siebenberger Tafelrunde". Das Thema der Beeinflussung bei Kaisers durch unverantwortliche Ratgeber wurde viel besprochen. Er sprach davon, daß der Kaiser umgeben sei von einer AnzM von Manern, die nicht , verantwortlich seien. Das Thema lag nahe, da der Fürst seine Entlassung auch ähnlichen Einflüssen zuschrieb., Er glaubte auch, daß Siebenberger Einflüsse schuld daran seien, daß die Entftemdung zwischen ihm unb dem Kaiser später nicht abgenommen hat.
Fürst Philipp Eulenburg: Ich habe zu dem Hause Bismarck stets in allerfreundlichsten Beziehungen gestanden. Meine Eltern waren frnit dem Fürsten schon seit seiner Jugendzeit bekannt. Meine Schwester war die intimste Freundin der Fürstin. Mich verband die allerintimfte Freundschaft mit dem Grafen Herbert Bismarck eure Freundschaft, die denselben Charakter trägt, roie die zum Grafen Moltke. Nachher als die beklagenswerte Trennung zwischen Bismarck und dem Kaiser ftattfand, hat der Verkehr voll- kommen aufgehört. Man hat mich im Hause Bismarck nicht mehr gesehen. Es ist ja bekannt, welche Form diese Gegen- sätze damals angenommen haben. Mir ist bekannt geworden, in welcher Weise man damals mein Auftreten in Friedrichsruh beurteilt hat. Ich stand mit Bismarck bis dahin sehr gut. Ich konnte stets uneingeladen bei ihm erscheinen. Ich habe da vieles gehört. Ich hätte ein gutes Recht, meine Erinnerungen nieder- zuschreiben. Ich gedenke es aber nicht zu tun, weil solche Memoiren immer em Gemisch von Wahrheit unb Tichtung sind. Als der Fürst Bismarck ging, hatte man das Gefühl, als ob ich auch gehen müßte. Ich habe es ans guten Gründen nicht getan. Tie Feindseligkeit gegen mich hat sehr lange gedauert. Ich kann versichern, daß ich lvahrhaftig nicht geschürt habe, und daß ich wahrhaftig nicht dazu beigetragen habe, sie zu vergrößern. Ter Fürft soll ein häßliches Wort gegen mich gebrauch: haben Er war eine vulkanische Natur und brauchte vulkanische Aus^ drücke. Und wenn er das Wort gegen mich gebraucht hat, so mar das ein Partherpfeil, der sehr geschickt gewählt war, und der seine Wirkung nicht verfehlt hat. Ich deute aber mit tiefer Dankbarkeit an die Zeit, in der ich das Glück genossen, habe, in Bismarcks Hause zu weilen. Und ich denke mit tiefer Trauer der Zeit, als ich von jener Seite Feindschaft erlitt. Dann möchte ich feftstellen, daß ich nicht unveraiitwortlich war. Ich war vereidigter Beamter und war sogar oft in Vertretung des Auswärtigen Amtes tätig. Als Besitzer von Siebenberg allem hätte ich das nicht getan, schon um nicht in den Ruf zu kommen, unverantwortlicher Ratgeber zu sein. — Dr. Sim an: Wenn Bismarck von einer Kamarilla von Kiiräden sprach, so ließ er jeden erotischen Sinn bei Seite. Er verlegte diese Tätigkeü der Kanmrilla nur in seine Dienstzeit hinein. — Fürst Eulenburg: Damals ftanb ich auf völlig freundschaftlichem Fuße mit dem Fürsten Bismarck. — Juftizrat Sello: Ich möchte noch feftstellen, daß Secomte nicht dem Kaiser zuerst in Siebenberg vorgestellt wurde. — Fürst Eulenburg: Das märe ja ganz absurd gewesen. Der Botschafter hat natürlich felbft seinen Rat zuerst dem Kaiser präsentiert. Ich habe nach meiner Verabschiedung als Botschafter niemals mehr Politik betrieben. Nm als ich einmal noch von Secomte Nachrichten über die Stimmung in Frankreich zur Marokkoaffäre erfuhr, teilte ich das dem Reichskanzler mit. Mit dem Kaiser habe ich fast überhaupt nicht über Politik gesprochen, nur zufällig fiel einmal ein Wort darüber. — Graf Reventlow gab an, daß Harden feine Artikel aus politischen Gründen geschrieben habe. Er hat den entstandenen Skandal sehr bedauert. Eine Beleidigung des Grafen Moltke habe ihm, fern gelegen. Es sei ihm peinlich gewesen, daß sexuelle Moment in die Oeffentlichkeit ziehen zu ntüjfen. Harden wollte dem Vaterlande nur einen Dienst erweisen. — Oberftaats- anivalt: Wissen Sie, woher der Haß kommt, den Harden gegen Graf Moltke hegt, so daß er lieber ins Zuchthaus will, als sich mit ihm versöhnen? — Zeuge: Herr Harden haßt den Grafen sicherlich nicht. Er glaubte nur seine Pflicht zu tun. Er hat sicher nur aus lauteren politischen Motiven gehandelt. — Harden: Ich habe nrcht das geringste Gefühl des Hasses gegen den Grafen Moltke. — Oberstaatsanwalt: Sie haben in der „Zukunft" einen Artikel über Hardens Atotive geschrieben. Haben Sie ihn nicht zuerst anderen Zeitungen angeboten ? — Zeuge: Jawohl. — Oberstaatsanwalt: Warum haben diese ihn nicht genommen? — Zeuge: Sie hielten die Veröffentlichung nicht für opportun. — Juftizrat Kl einholz: Vielleicht, meil Harden sich durch seine schriftstellerische Tätigkeit Feinde gemacht hat? — Zeuge: Gewiß. — Darauf wurde Fürst Eulenburg als Zeuge entlassen.
Am Samstag wird Gerichtsassessor Sange die Schweninger- schen Eheleute in München vernehmen. Die Staatsanwaltschaft wird durch Staatsanwalt Rasch vertreten sein. Auch Juftizrat Sello und Justizrat Bernstein werden der Verhandlung beiwohnen. — Die nächste Verhandlung findet am Montag, 30. Dez.« vormittags 10 Uhr statt. Schluß 2y2 Uhr.
E i f e n b ah n u n i a l 1 e. Aus dem Hauptbahnhoie zu Breslau fuhr der Personenzug 501 dem Zug 211 in die Flanke, wodurch drei Wagen des letzteren entgleisten. Em Personenwagen wurde stark beschädigt. — Benn Zusammenstoß zweier Personen- rüge in der Nähe von Ludhiana (Indien) wurden z w a n z i g Reisende, darunter vier Europäer, getötet. — Bei C a m d en. (New-Persey) stieß Sin Expreßzug auf der Pennsylvama-Zweiglinie nach Atlantie City mit einem Sokalzuge zusammen. Acht Pertonen blieben tot, 14 liegen noch unter den brennenden Trümmern * Der Wiener „H anptmann von Köpeni ck", Goldschmidt, ist, wie wir gestern bereits (drahtlich) meldeten, in der Nähe von Freysmg von einem Schutzmann angehalten und verhaftet worden. In feinem Besitz befanden sich noch 21240 Kronen sowie 80 Mr. in deutschem Gelde und ein Motor-Zweirad. Auf seiner Fahrt hatte er sich zunächst nach Regensburg begeben und ging dann nach Böhmen über, wo er sich teilweise auf der Bahn uitd teilweise aus der Landstraße bis nach Regensburg begab. Hier glaubte er sich ui einem Hotel entdeckt und floh unter .Hcuterlassung seines


