Nr. 282
157. Jahrgang
Samstag, 30 November 1907
Erscheint tSgNch mit Ausnahme deß VonntagS.
Die „6ltßen<t tfamlllenblatter" werden dem ,Anzeiqer^ viermal wöchentlich betgelegt, daS „Krftsblott füt öcn Kreis Eiehen" zweimal wöchemltch. Der ..heffUche Landwirt" erscheint monalltch einmal.
Gietzens zeiget
General-Anzeiger für Gberhesfen
Rotationsdruck and Verlag der Br üblichen Untöcrfttäta « Buch- and BtemörudeteL R. Lange. Gießen.
Redaktion. Ervedition and Druckerei: bchul- stratze 7. (Erpeöuion and Verlag 61. Redaktion:ll2. TeU-Adr^AnzeiaerG'etzen,
Deutscher Reichstag.
61. Sitzung. Freitag, 29. November.
Tische des Bundesrats: o. Bethmann-Hollweg, v. S ch o n , Frhr. v. Stengel, v. Einem, v. Tirpitz, Frhr v. Rhelnbaben, Dernburg, v. Löbell, Graf Lerchenfeld, Caspar.
Das Haus ist im ersten Teil der Sitzung mäßig besetzt, der Andrang zu den Tribünen ist groß.
Ter Vertrag mit den Niederlanden
Über die Unfallversicherung steht zunächst zur zweiten Abg. Erzberger (Zentr.) erstattet den Kommt sfwnSbencht.
Nach erläuternden Erklärungen des Ministerialdirektors Caspa r auf Anfragen des Abg. Molke nbu h r (Soz.) wird der Vertrag m feinen einzelnen Artikeln genehmigt.
Etat und Flottengesetz.
(Zweiter Tag.)
Darauf wird die erste Lesung deS Etats und deS Flottcn- gesetzes fortgesetzt. u
Preußischer Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben: Die finan. zieuen Ausführungen des Abg. Bassermann bedürfen der Erwiderung Gewiß, auch andere Staaten machen Schulden, aber — in der Fixigkei 1 sind w i r ihnen über. (Sehr richtig!) England hat im vorigen Jahrhundert 5 Milliarden Schulden ab- gestoßen (hört! hört! rechtS), erst durch den Buren krieg kamen 8 Milliarden hinzu. Und Frankreich hat von 1881 bis 190i trotz seiner enormen Rüstungen zu Wasser und zu Lande keine öffentliche Anleihe ausgenommen (hört! hört! rechtS), wir in derfelden Zeit unsere Schuldenlast verzehnfacht auf 2 Milliarden (hort! hört! rechtS) und sind seitdem auf 4 Milliarden gekommen. DaS schädigt ohne Zweifel unser wirtschaftliches und auch politisches Ansehen im Auslande. (Sehr wahr!) Die Ungunst unserer finanziellen Verhältnisse im Reiche And der unverdiente Stand unserer Staatspa piere trägt dazu bei, unsere ganze finanzielle Situation im AuSlande viel schlechter erscheinen zu lassen, als sie ohnehin ist.
Der Finanzminister wendet sich gegen die Bemerkung BassermannS zur Zigarrenbanderolesteuer. Herr Bassermann , kennt die Absichten der Regierung nicht, aber er mißbilligt sie. Die Aeußerung, das amerikanische Banderoleshstem paffe auf unsere Verhältnisse nicht, erinnere ich mich nicht getan zu haben. Nur besteuert das ameri- kanisck-e System die Zigarre des kleinen Mannes wie die des wohlhabenden; daS können wir nicht machen. Auch in Amerika hat man die ganzen direkten Steuern den Einzelstaaten überlasten (hört! hört! rechtS), auch in der Schweiz. In der Tabakbelastung auf den Kopf der Bevölkerung stehen wir viel günstiger da, zum Teil um das^Vier- bis Fünffache als andere Staaten; bei einer bescheidenen Steigerung sind wir immer noch viel bester daran. Der Rückgang des Konsums wird ebensowenig eintreten, wie es bei der Zigarette der Fall gewesen ist.
Herr Baffermann empfiehlt die Wehrsteuer. Sie steht schimmernd und gleißend aus, verliert aber bei näherem Zusehen alle Vorzüge. Frankreich hat seine Wehrsteuer beseitigt, Oesterreich ähnlich. Wir haben doch mühsam die alte Kopfsteuer beseitigt, die den kleinen Manr. bedrückt, während er sich bei Tabak, Spirituosen einrichten kann. Der Minister reiht die sonstigen bekannten Einwände gegen die Wehrsteuer aneinander: die schwere Einziehbarkeit, die kleinen Beträge, die nichts bringen. Sie ist nichts anderes als eine verkappte Reichseinkommen- oder Reichs- Vermögenssteuer, die bei den verschiedenartigen Verhältniffen in den Einzelstaaten sehr verschiedenartig wirken würde. Tie Wehr st euer wäre unsozial (Oho! bei den Natl.), sie trifft nicht nach der Leistungsfähigkeit, wie wir es z. B. in Preußen mit dem Kinderprivileg tun, das einen Ausfall von 8 Millionen bringt. Eine Wehrsteuer ist nur möglich bei denen, die wegen nicht erheblicher Veeinfluffung ihrer körperlichen Kräfte militäruntauglich sind. (Zustimmung der Natl.) Haben Sie die Güte, das in der Praxis durchzuführen. Der Minister führt das 'mter lebhaftem Widerspruch der Nationalliberalen weiter aus.
Der Finanzminister spricht sodann, unter der Unruhe der linken Seite und begleitet von demonstrativem Beifall der Rechten, gegen die Reichsvermögenssteuer. Herr Baffermann scheint an mich appelliert zu haben. Ich kann mit aller Be. stimmtheit erklären, daß er sich irrt, und ich habe auch den Auftrag von den anderen Bundesregierungen, zu erklären, daß sie sich der Einführung der Reichsvermögenssteuer widersetzen. (Hört! hört! rechts. Hört! hört! links.) Herr Müller-Meiningen hat die direkte Reichssteuer aus föderativen Gründen verworfen, 1898, bei der Neichseinkommensteuer (hört! hört! rechts und im Zentr.): die Bedenken liegen bei der Reichsvermögenssteucr in verstärktem Maße vor. (Widerspruch links.) Jeder Steuertechniker wird mir zugeben, daß die Vermögenssteuer ein integrierender Teil der Einkommensteuer ist. In Preußen heißt sie daher Ergänzungssteuer. Hoffentlich kehrt die nationalliberale Partei zu ihren premiers a m o u r s zurück. Und nun gar eine beliebig zu erhöhende Reichsvermögenssteuer: Tas müßte man sich zehnmal überlegen, die Folgen sind nicht auszumalen und, gewiß nicht mit Absicht, aber es ist der Schritt zum sozialdemokratischen Staat. (Schallendes Gelächter links, lebhafter Beifall rechts, Zuruf von den Soz.: Polenvorlage!) Wohin soll es kommen, wenn man den Einzelstaaten die einzige Einnahmequelle nimmt für ihre immer mehr steigenden Ausgaben: Wenn sie der Möglichkeit beraubt werden, der fortschreitenden Entwicklung im Volke zu folgen, welche tiefgehende Quelle der Unzufriedenheit liegt darin — wahrlich, nicht im wohlverstandenen Reichsintereffe! (Ter Minister schließt unter lautem, starkem Beifall der Rechten, Lachen links, besonders auf den Bänken der Nationalliberalen.)
Abg. Bebel (Soz.): Es ist uns unbegreiflich, wie nach einer Periode fortgestzter Steuer bewilligung ein solches Defizit entstehen konnte. Ter Staatssekretär hat erklärt, daß man neue Steuerpläne erwäge. Er hat sich aber ge- vxigert, über ihre Art Auskunft zu geben. Das ist eine Herabsetzung des Reichstages. (Lebhafte Zustimmung der Soz.) Wir sind keine Kinder, die warten müssen, bis der Weihnachtsmann kommt. (Heiterkeit rechts, Beifall der Soz.) Der Staatssekretär hat wohl die Höhe der Ausgabe beklagt, er hat aber wunderbarer Weise den Ursachen nicht nachgespürt. , Ueber die Frage der direkten Steuern ist unter den Vlockbrüdern ein kleiner Zwist ausgebrochen. Die Rechte geht wieder mit dem Zentrum zusammen. Die paffen ja auch viel besser zusammen, ete werden hoffentlich bald wieder ga"', v "'n. (Heiterkeit.)
Die Wehrsteuer bringt nur TLc - " cre Mühlen, ob
gleich man uns auch hierbei gern als Gespenst an die Wand malt. Nicht bester ging es den anderen Steuern. Und doch hat man das schöne Steuerbukett als nationale Tat geprie- s e n. Alles, was diese Herren dort drüben tun, ist ja eine nationale Tat. (Heiterkeit der Soz.) Danken Sie den Göttern, daß die Wahlen im Januar dieses Jahres stattgefunden haben und nicht im Juni nächsten Jahres angesetzt sind. (Lebhafter Beifall der Soz. und im Zentrum, Gelächter beim Block.) Herr Paasche bestreitet ja die Teuerung, er gibt den Bäckern den Rat, das Brötchen kleiner zu machen. Ist geschehen! Hier — Bebel öffnet feine Hand und zeigt ein winziges Brötchen. (Heiterkeit rechts.) Sie haben keine Ahnung, wie die Stimmung der Bevölkerung ist. (Lebhafte Zustimmung der Soz.) Ich sage Ihnen, sie ist geradezu revolutionär. (Gelächter rechts.) Gewiß, das Fleisch ist wieder billiger; wo das Brot so teuer ist, hat man kein Geld für Fleisch. (Lachen rechtS.) Bebel trägt die vom Verein der Berliner Volksküchen aufgemachte Statistik vor über die Zahl der Schulkinder, die kein warmes Mittagessen haben, in deren Fami- lien nicht gekocht wird. Die Sozialdemokraten begleiten jede seiner Ziffern mit Hört! hörtl-Rufen, von rechts ruft man: Sie hätten auf dem Lande bleiben sollen, dann hätten sie eö besser! Unruhe und Lachen links.) Bebel spricht weiter lange und im Einzelnen über die allgemeine Teuerung. (Ter Reichskanzler Für st Bülow betritt den Saal.)
Bebel spricht über die Steuergesetzgebung und fordert direkte Steuern: Sie können nicht mehr anders, Sie haben ja den erstell Schritt mit der Erbschaftssteuer gemacht. Lassen Sie sich ein Patent darauf geben, daß das eine indirekte Steuer ist! Patrioten sind Sie mit dem Munde; zeigen Sie den Patriotismus durch die Tat, dann sind wir dabei. Bebel wird vom ganzen Hause ausgelacht; er löst andauernd eine vergnügte Stimmung auS. Er bezieht sich auf sein Wort vom internationalen Sozia- listenkongreß in Stuttgart: batte ich die Wahl zwischen der Re- publik Frankreich und der Monarchie England — na, ich würde mich vielleicht für England entscheiden. (Heiterkeit.) WaS ist Republik — an sich ein leerer Scballl (Hört! Hort! rechts; sehr wahr! bei den Soz.) Alle Welt rüstet — jawohl, die ganze bürgerliche Welt befindet sich im Zustande der U n zu rechnungsfähig k e i t. (Schallende Heiterkeit.) Merkwürdig, die H a a - ger Friedenskonferenz ! Dem Reichstag erklärt der Reichskanzler im April, Deutschland werde sich an der Diskussion über die Abrüstungsfrage nicht beteiligen, das könnte eine Kriegsgefahr geben; und im Juni hat er sich doch beteiligt. Welche Gründe hatte der Umschwung? Vom Standpunkte seiner Regierung hat Herr v. Marschall Musterhaftes geleistet, er hat erzielt, daß man sich wiederum mit einer bloßen Resolution begnügte. Aber man sieht doch wieder: Zickzack, heute so, morgen so, und immer klug und weise! Ich weiß mich keines Jahres zu erinnern mit so viel Monarchenzusammenkünften. Monarchen und Minister — die Herren sind durch einander gekuselt. (Groß'' Heiterkeit.) Und jedesmal nach einer solchen Zusammenkunft wurde der Welt verkündet: der Friede ist gesicherter als zuvor! Als wenn wir in. einer beständigen Kriegsgefahr wären! DaS wäre außerordentlich traurig. Selbst die offiziöse Presse hat bittere Klage geführt, daß Deutschland immer allein geblieben ist. alle Bündnisse der letzten Zeit ohne Deutschland geschloffen wurden. Nun hoffte man, daß das Heil aus Windsor kommen würde. Es scheint nicht so. Ich hoffe, daß uns der Reichskanzler darüber klaren Wein einschenkt. Man redet immer vom Frieden, aber am Tage als die beiden hohen Herren sich in Windsor trennten, wurde die Flottenvorlage eingebracht. Die K o - möbie im Haag wollte der Welt nur Sand in die Augen streuen, es war eine vollendete Heuchelei. (Gelächter rechts; Lär- mende Zustimmung der Soz.) Das sind dumme Menschen, die auf so etwas sich einlaffen, aber d i e Dummen sind ja immer in b er Mehrheit. (Hohngelächter bcS Blocks.) Man benft ja gar nicht an Frieden, man ist sehr kriegerisch gewinnt. Kürzlich wurde ein Gedicht eines Kadetten bekannt, das dem Kaiser so außerordentlich gefallen hat, daß er befohlen, daß jedem Kadetten ein Exemplar davon überreicht wird. Das Gedicht soll ein Diener der christlichen Liebe verfaßt hab^n, von dem es der Kadett abschrieb. (Heiterkeit.) Es ist viel vom Schießen darin die Rede und e§ schließt mit den Worten: „W i r schießen für unseren Kaiser!" So ein Gedicht läßt der deutsche Kaiser verteilen; derselbe, der sagte: „Wenn ich befehle auf Vater und Mutter zu schießen, dann tut's!" Das Wort ist im Proletariat unvergessen. (Lachen rechts, Beifall der Soz.) Bebel trägt weitere Kadettenlieder vor; mit behaglicher Be- tonung: Den dicken Eduard obendrein, behalten wir uns als Geisel ein! Als Bebel geendet, ruft Tr. Müller-Meiningen: Ach, du liebe Zeit! (Allgemeiner Ruf der Enttäuschung.)
Bebel kommt auf die Kamarilla. Der Reichskanzler bestreitet ihr Vorhandensein. Aber Kamarilla, Hintertreppenpolitik ist in Deutschland nicht neu. Bismarck klagte über Friktionen, eS wurden sehr hohe Damen genannt. Bebel verliest das Zitat Bismarcks vom Hardenprozeß über die Hintermänner im doppelten Sinne, die den Kaiser abschließen. Tas ist doch Kamarilla, und das ist doch der abgesägte ßiebenberger! Unter der Unruhe des Hauses beginnt Bebel Hardcns Prozeßrede vorzulesen. Tas ist Ihnen unangenehm? (Zurufe: Nein, langweilig!) Dann gehen Sie hinaus. (Heiterkeit.) Also: — Bebel kommt auf die angebliche Reife der Gemahlin d e s'N e i ch s k a n z l e r s nach Wien zu Eulenburg; der Reichskanzler, der zuerst den Kopf geschüttelt und mit den Achseln gezuckt hat, beginnt herzlich z u lachen. Tas ganze Haus lacht mit. „Bernhard muß nach Berlin!" Der Reichskanzler schüttelt sich vor Lachen; Bebel kann unter dem Gelächter des Hauses sich eine Zeitlang nicht verständlich machen. Er fährt fort: Es wird behauptet, daß ge- rade diese Wühlarbeit im Dezember 1906 nahe daran war, Erfolg zu haben, daß dem Fürsten Bülow fein Verhältnis zum Zentrum, zur regierenden Partei verdacht wurde, und damit hing dann die Auflösung zusammen. Sie, meine Herren vom Zentrum, Hand aufs Herz: hätten Sie damals zwischen zweiter und dritter Lesung Zeit gehabt. Sie hätten die Sache doch schon eingerenkt. (Heiterkeit und Zustimmung links.)
Damit hängen ja böse sexuelle Dinge zusammen. Ich habe schon 1898 bereits die Dinge geschildert, ich habe erklärt: Wenn bad alles bekannt wäre, so käme ein Skandal viel schlim- wer als der Panamaskandal, der Dreyfusskandal, der Tausch- skandal! und der Chef der Kriminalpolizei Graf Pückler sagte mir darauf, er müsse das alles bestätigen. (Hört! Hört! links.) Er erklärte, daß sogar hohe Fremde von der Polizei an gewiße Orte geführt würden, als Sehenswürdigkeiten, wo diese Männer zufammenkommen. Und der damalige nationalliberale Abg. Dr. Kruse sagte: Bebel hat noch zu wenig gesagt, das sage ich Ihnen als Arzt! (Hört! Hört!) Wozu hat man in Potsdam den Be« fehl erlaßen, daß die Mannschaften nicht in weißen Hosen und hohen Stiefeln ausgehen dürfen? Seit 1898 ist alles viel schlimmer geworden. Dieselben Subjekte, die sich als männ
liche Protistuierte verkaufen, furchten nicht etwa die Polizei, nein, die Polizei furchtet sie. (Hört! Hört!) Soweit sind wir! Bei der Polizei sind alle Namen eingetragen, aus den höchsten Gesell- schaftskreifen und Leute, die sich für Geld hergeben und Erpresser werden. In einem Jahre sind nicht weniger als 20 Offiziere verurteilt worden und eine Reihe von Unteroffizieren und Mann- schäften. Eine ganze Reihe adliger Offiziere ist in den T.od gegangen wegen ber Erpressungen, aus den verschiedensten Regimentern. Das muß offen ausgesprochen werden und eS muß rücksichtslos ausgesprochen werden. (Zu- ftimmung links.) Denn nur dadurch, daß nichts vertuscht wird, kann Besserung eintreten. Diese männlichen Subjekte schreien ja Unter den Linden an der Kranzlerecke adlige Namen aus, Namen von Prinzen, um sich zu empfehlen. Und das sind die Kreise, die das Volk als Crapule betrachten! Wir haben griechische und lesbische Liebe im Deutschen Reiche. Lynar und Hohenau — will der Reichskanzler leugnen, daß das zweierlei Maß ist? Hier muß mit glühendem Eisen ausgebrannt werden.
Bebel spricht über den Fall Liebknecht und den H o ch - verratSparagraphen. Er wirst dem preufeijdjen Justizminister vor, bei der Anweisung an den Staatsanwalt gegen seine Ueberzeugung gehandelt zu haben. (Vizepräsident Tr. Paasche untersagt solche Vorwürfe.) Bei dieser Begründung der Hochverratsanklage ist kein konstitutioneller Mann mehr sicher, und ein Sozialdemokrat, der ist minderen Rechts! (Der Reichskanzler ver, läßt den Saal.)
Bebel kommt bann auf bie Sozialpolitik zu sprechen, die er in schärfster Weise kritisiert. Er schließt mit der DrUimdigung weiterer Neben, in benen er zu den anderen Fragen Stellung nehmen werde. (Beifall bei den Soz.)
Preußischer Kriegsminister v. Einem: Ich muß zunächst dem .Herrn Abg. Bebel entschieden widersprechen, daß der Geheime Kriegsrat Romen meines Ministeriums die Klageschrift gegen Liebknecht angefertigt bat. Herr Bebel ist in dieser Beziehung falsch berichtet. Es ist n'cht wahr. Herr Romen hat mit dieser Angelegenheit nicht das Mindeste zu tun. Sodann muß ich in einem anderen Punkte dem Herrn Bebel allerdings Recht geben. DaS liebel, von dem er gesprochen hat, ist allerdings in den letzten Jahrzehnten erheblich gewachsen. (Hört! hört!) Darauf hat es sich auch bezogen, was Harden in seinem Prozeß gesagt hat, daß ganze Regimenter verseucht wären. Es mag darin eine große Uebertreibung liegen, aber bie Tatsache stellt allerdings fest, daß unsere Soldaten sich nur mit Mühe der Angriffe erwehren können, die von diesen Buben auf sie aemacht werden. (Große Bewegung.) Der Befehl, daß Kürassiere in der bekannten^ Tracht und mit dem Waffenrock, weißen Hosen und langen Stiefeln in der Dunkelheit nicht ausgehen dürfen, datiert nicht von einigen Wochen her. Er datiert schon von langer Zeit. (Hört! hört!) Die Schuld trifft nicht bie Armee, die Schuld liegt ganz wo anders, und ich von meinem Standpunkt aus könnte nur den Wunsch hegen, daß, fr^nn irgend möglich wäre — der .Kriegsminister erbebt seine Stimme — mit eisernem Besen ausgekehrt würde. ^Stürmischer Beilall.) Ich fünfte mich nicht, vo r keinem Skandal, auch vor keinem Skandal, ber die Armee berühren könnte, und wenn in der Armee sich bmarfige Leute finden, dann müssen sie raus. (Tosender Beifall.)
Ich komme nun nach diesen kurzen Worten, denen ich nur b'nzufüaen möchte, daß es mich gefreut hat, daß der Abg. Befiel diese leidige Frage in einer so ruhigen und sachlichen We-se behandelt hat, zu demienigen, was ich über den JP?oltfe* Harden-Prozeß zu sagen habe. Ich werde hier in aller Freimütigkeit. so wie ich die Dinge weiß und wie ich sie ermittelt habe durch Nachfragen, wie ich sie aus persönlicher Erfahrung weiß, Ihnen vortragen. Es muß zunächst festgefwllt werden, daß von den Vorgängen in der sogenannten Adlervilla — die im übrigen gar nicht die Adlerv'lla ist, sondern sie liegt daneben , daß von diesen Vorgängen vor dem Moltke-Harden-Prozeß weder in Kameradenkreisen, noch in Vorgefetztenkrcjsen jetzt oder früher irgend jemandem etwa? bekannt geworden ist. Ich spreche schon jctzt, obgleich die Untersuchung, auf die ich noch kommen werde, noch nicht abgeschlossen ist. die kichere B-ficnivfung aus, daß in dieser Villa sich nur Einzelfälle abgespielt haben können Es ist nicht möglich. daß dort ein Treiben stattgefunden fiat, wie es -um Teil aeschildert ist und w'e es angenommen w'rd, als ob diese Villa ein Freudenhaus wäre! Dieses Treiben hätte niemandem, weder der Polizei, noch der Frau des Hauses, noch den Dienstboten jemgls verheimlicht werden können. Es hätte auch unmöglich den Kameraden entgehen können. Es ist ganz aus- geschlossen, wenn eS überbannt stattgefnnden fiat, können es nur wenige Ein»elsälle fein. Erst in der Verhandlung ist durch die Aussage des Zeugen Bollhardt darauf bingewiefen worden, b'5 dab'n hatte kein Mensch eine Ahnung davon gehabt, ^"r die Be- wiligten find Wiffer gewesen, und Ue haben ihre Wiffenfchaft mit Aengstlichkeit behütet. Wer der Bete'ligten gewesen sind, das steht auch heute noch nicht fest. Bollhardt hat genannt den Grafen Lvnar, den Grawn Hohenau; eS ist moalich. daß sie schuldig sind, erwwsen ist noch nichts. Er fiat auch rwch ans rwc' andere aeieiat. Er bat gezeigt auf Fürst Eulenburg und Gras M^ltke. Es steht iinzweifeshaft fest, daß diese beiden Leute niemals in der B'lla gewesen sind. (Hört! Hört!) Es ist mit Sicherheit scstaestellt, daß die beiden Herren, die der Mann dort gesehen haben will, unter keinen Umständen Offiziere de? Regiment? der Garde ^du Eorps gewesen fein können, denn der dort dienende Mann hätte sie un^weifl'lhaft kennen müllen. Erst wenn man weiß, daß über diese Vorgänge nichts bekannt geworden ist, w^rd man Pcrstehen daS sandeln der Kommandobebörde bei der DisvofitionS'Wllimg des Grafen Hohenau und bei der Verabschiedung des Grafen Lvnar. Beides bat n'chts miteinander zu tun. und keines von beiden steht in irgend einem Zusammenhänge mit den Orgien, die in der Villa gefeiert fein sollen. Die Vorgänge im Vrozeß Molkte-Harden haben mich veranlaßt, sofort e-ne kriegsgerichtliche Untersuchung einzuleiten gegen den Grafen Hohenau und den Grafen Lvnar.
Der Graf Hohenau ist zur Disposition gestellt worden. Graf Lvnar ist verabschiedet worden. Aber sein Vergehen ist im Dienste begangen, und er steht nach § 10 der Militärstraford- nung auch heute noch unter dem Gesetz. Ich hoffe mit Rücksicht auf diese beiden Herren selbst, und auch mit Rücksicht auf ihre Familien, ich hoffe eS zur Ehre der Armee, daß sie beide erscheinen und dem Gericht sich stellen werden, und daß sie das büßen, was sie der Armee BöseS getan haben, und was sic^ alles angerichtet haben, wenn sie es getan haben. Bis jetzt — wenn ich das kurz erwähnen darf — fiat die Voruntersuchung nichts weiter ergeben a I 8 Gerüchte, die nicht bewiesen sind. Der einzige Zeuge, ber gegen sie ausgesagt, ist Bollhardt. Niemand sonst weiß von diesen Dingen. Nun ist in den Blättern davon die Rede gewesen, daß ein Ehrengericht mit ber Sache betraut worden fei. Das konnte nicht fein, denn der Zeuge hat diese beiden genannten Herren eines Vergehens beschuldigt, daS


