Ausgabe 
24.12.1907 Drittes Blatt
 
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Nr. 302

Drittes Blatt

157. Jahrgang

Dienstag 24. Dezember 1907

Erscheint täglich mit Ausnahme de» Sonntag-.

Di« Lietzener KamtNenblatter" werden dem .Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das Kretsblan fät den Kreis Gietzen" zweimal W-chenUlch. Der ^heistsche Landwirt" erscheint MDnaUich einmal.

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

Rotationsdruck und Verlag her VrühNchen HntöcrfitätS - Buch» und ~{ t<tnörudcteL 8t Bonge,

Redaktion, Expedition und Druckerei' Schul» stratze 7 6rpebttton und Verlag t>L ^«hafttonj^Ä 112. TeL-Adr^ ÜlneeigerGleben.

5. Pensions-Versicherung der Privat-Ange- ft eilte n.

Zu dieser Frage wird folgende Resolution einstimmig ange- nommen: Die Handelskammer hält unter Würdigung der heutigen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse den Wunsch der Privat- Angcstellten nach einer Invaliden-, Alters- und Hinterbliebenen- Versicherung für berechtigt und spricht sich für deren baldige Durchführung in der sicheren Erivartung aus, daß die von den Unternehmern und Angestellten zu leistenden Beiträge sich in angemessenen Grenzen halten.

6. Banderole ft euer für Zigarren.

Tie Handelskammer beschlicht, die nachstehende einstimmig gefaßte Resolution zur Kenntnis des Reichstages und der Großh. Regierung zu bringen: Die in letzter Zeit wiederholt aufgo tauchten Nachrichten, wonach die Neichsrecherung die Einbringung einer Tabakfteuervorlage, insbesondere einer Banderolesteuer für Zigarren beabsichtigt, sind von amtlick>er Seite bisher nicht wider­legt worden, im Gegenteil, es sind im Reichstage vom Negie- rungstische aus Aeußerungen gefallen, welche mit Sicherheit eine derartige Steuer erwarten lassen. Angesichts dieser drohenden Gefahr, welche noch durch den bereits einsetzenden Niedergang der allgemeinen Erwerbstätigkeit verschärft wird, halten wir uns als berufene Vertreterin der in unserem Handelskammer­bezirke vorherrschenden Zigarren- und Tabakindustrie für ver­pflichtet, gegen jede weitere Besteuerung des Tabaks, in welcher Form es auch sei, entschieden Einspruch zu erheben. Die Zigarrenindustrie unseres Bezirks produziert hauptsächlich billige und mittlere Zigarren. Eine Steuerabwälzung durch Preis­erhöhung würde besonders den Zigarren der erstgenannten Art ihren jetzigen Charakter als Massenkonsum-Zigarren der minder­bemittelten Kreise, welche höhere Preise nicht anlegen können, nehmen und infolgedessen einen Konsumrückgang bringen. Eine Steuerabwälzung durch Qualitätsverminderung, d. h. durch aus­gedehnte Verwendung inländischen Tabaks, würde der Gießener Zigarrenindustrie die Konkurrenz mit den süddeutschen Fabriken, welche an und für sich durch Frachtersparnis, leichtere Auswahl geeigneter Sorten, billige Arbeitskräfte einen großen natürlichen Vorsprung haben, noch mehr als bisher erschweren, ja fast zur Unmöglichkeit machen. Die schwerwiegendste und am tiefsten ein­schneidende Folge einer Banderolesteuer für Zigarren würde aber die Verschlechterung der Arbeitsverhältnisse fein, deren Trag­weite sich vorerst gar nicht absehen läßt.

7. Eingänge.

a) Die Kreisvereine Gießen der Handlungsgehilfenverbände von Leipzig und Hamburg hcrben bei der Großh. Bürger­meisterei die Einführung der vollständigen Sonntagsruhe in Kontoren und die Verkürzung der Verkaufszeit in offenen Geschäften auf 11 b is 1 Uhr vor­mittags durch Ortsftatut beantragt Zum Gutachten hierüber aufgefordert, beschließt die Handelskammer, der Großh. Bürgermeisterei mitzuteilen, daß sie feine Veran­lassung habe, von ihrem seit Jahren in dieser Frage ein­genommenen ablehnenden Standpunkt abzugehen. Die Gründe, welche für diese Stellungnahme maßgebend ge­wesen sind, seien auch heute noch zutreffend und so lange nicht von Reichswegen die völlige Sonntagsruhe an­geordnet werde, könne die Handelskammer in Rücksicht auf die besondere Lage Gießens Sonderbestrebungen nie­mals ihre Zustimmung geben.

b) Im Interesse des ober hessisch en Holzhandels hatte die Handelskammer beantragt, datz den Holzinteressenten sog. Oc-Wagen außer nach dem Ruhrgebiet nach allen Stationen des deutschen Reiches zur Ver­fügung gestellt werden. Nach einer Mitteilung der Königl. Eiienbahndirektion Frankfurt sind diese Wagen zur Koksbeförderung bestimmt und werden nur für Holz­sendungen nach dem Ruhrgebiet zugelasscn. Die Han­delskammer wird deshalb bei dem Minister der öffent­lichen Arbeiten beantragen, daß Oc-Wagen in ausreichen­der Weise gebaut werden, damtt sie auch den Holzin­teressenten in erweitertem Umfange dienstbar gemacht werden.

c) Der Vorstand des ober hessischen Viehhändler- Vereins zu Alsfeld hat an die Handelskammer das Ersuchen gerichtet, bei zuständiger Stelle dahin vor­stellig zu werden, daß das Vieh, welches Viontag vor dem Markt in Gießen eingestellt wird, bereits von mtt- tags 2 Uhr auf Kosten der Viehbesitzer untersucht wird. Wiewohl ein gleicher Antrag bereits vor mehreren Jahren abgelehnt worden ist, wird die Handelskammer nochmals den Wunsch in befürwortendem Sinne zur Kenntnis des Großh. Kreisamts Gießen bringen.

Ein weiteres Verlangen des genannten Vereins geht dahin, darauf hinzuwirken, daß bei der Einfuhr von Schweinen aus nichthessischen Gebieten in einer Anzahl von weniger als 50 Stück diese nicht mehr einer 12tägigen, sondern nur einer ötägigen Quarantäne, wie dies jetzt bei einer Einfuhr von mehr als 50 Schweinen der Fall ist, unterzogen werden. Auch diesem Ersuchen wird die Kammer Rechnung tragen.

d) Von den Vertretern des Kreises Alsfeld wird lebhaft Klage geführt, daß die Abfahrt des Personen­zuges 522 (ab Alsfeld 6.21 vormitta g§) zu wiederholten Malen erheblich verzögert und infolgedessen die Anschlüsse in Gießen nicht mehr er­reicht worden seien. Die Verzögerung sei in der Haupt­sache darauf zuruckzuführcn, daß Viehwagen in diesem Personenzug eingestellt und mitgeführt werden. Die Han­delskammer wird auf Abstellung dieses Mißstandes be­dacht sein.

e) Einem Anträge auf Verlegung der Viehlade­rampe an der Liebigstraße nach dem Güterbahnhofe konnte seitens der Königl. Eisenbahnverwaltung aus be- ttiebstechnischen Gründen nicht entsprochen werden. Die Handelskammer beschließt, die Königl. Eisenbahndirektton zu ersuchen, dieser Angelegenheit fortgefetzt ihr Augen­merk zu widmen.

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Zur tzyaruktenM des Schays von Wersten.

Ein recht interessantes Charakterbild des jetzigen Schahs von Persten, der gegenwärtig eine recht ernste Zeit durch­lebt, findet sich iimTag". Schon als Muhammed Ali, der jetzige Schah von Persien, sio heißt cs da, den Thron feinet Vater bestieg, fehlte es nicht an Stimmen, die voraus­sagten, daß der neue Herrscher die junge persische K'onstitu- tton mit sehr gemäßigter Sympathie betrachte und die erste Gelegenheit ergreifen würde, um sich dieses lästigen Ver­mächtnisses seines Vaters zu entledigen. Die Unruhen in Tel-eran, die jetzt die Aufmerksamkeit auf den neueri Herr­scher lenken, zeigen, daß diese pessimistischen Voraussagen nur allzu rasch eingetroffen sind. Seine Kronprinzenjahre, die ihn schon früh lehrten, unumschränkte Gewalt auszu­üben, der stark militärische Charakter seiner Erziehung, 'all das mag dazu beitragen, den Versuch des Staatsstreichs zu erklären, der jetzt Teheran zu einem Kriegslager ge­macht hatte. Muhammed Ali hat stets ein lebendiges In­teresse für persische und arabische Philosophie gezeigt und in seinen Mußestunden Studien gemacht, die ihn unter den Gelehrten seines Landes zu hohem Ansehen gebracht haben. Noch heute gilt er, der übrigens auch euro­päische Geschichte und politische Oekonomie ftuMert hat, als einer der glänzendsten Stilisten der persischen Sprache. Aber den größten TeU seines Entwicklungsganges füllt doch die militärische Seite seiner Laufbahn ans; schon im frühesten Jünglingsalter trat er als Fähnrich in die Armee ein und avancierte allgemach nach Ableistung der normalen Dienst­jahre in jedem Range bis znm Obersten. Wie alle künf­tigen Herrscher Persiens wurde Muhammed Ali bann Gou­verneur der militärischen Provinz Azerbeidjan. Hier liegen die besten persischen Truppen, und es gilt von alters her als Sitte, daß der Kronprinz hier mit dem Kern des Heeres Fühlung gewinnt, um bei seiner Thronbesteigung einen festen Rückhalt gegen die Umtriebe von Gegnern der Dynastie zu gewinnen. Er soll sich während seiner Regie­rungszeit in Täbris als ein strenger, aber gerechter Herr gezeigt hüben, persönlich von musterhafter Schlichtheit der Lebensführung; Kenner des Landes aber meinen, daß es chm in Wirklichkeit nie gelungen sei, populär zu werden. Alle, die den Schah persönlich kennen gelernt haben, heben hervor, wie wenig königlich seine Erscheinung ist, im Gegen­satz zu seinem Vater, der bei allen Seltsamkeiten doch eine getoihe Würde rricht verkennen ließ. So schilderte ihn un­längst ein Diplomat in einer englischen Monatsschrift:

Der Schah steht im besten Alter; er hat niemals ein Serail gehabt und ist der Kamerad seiner grau, was in asiatischen Herrscherhäusern ettvas sebr Ungewöhnliches ist. Sie ist von reinstem kaiserlichen Geblüt, er jedoch von mütterlicher Seite nicht. Das gab ihr einen gewissen Vor­rang in ihrem Hause. Muhammed Ali hat nicht das gute Herz seines Vaters und auch nicht die liebenswürdige Haltung. Er hat einige Züge von seinem Großvater. Jeder­mann , der ihn kennt, hält ihn für einen Starrkopf. In feiner Erscheinung ist nichts Persisches außer der Kleidung, die er trägt. Das Gesicht ist gewöhnlich. Von Gestalt ist er klein, und dabei haben Schultern und Taille einen beträcht­lichen Umfang. In seinem Benehmen weiß er nicht recht, was er mit seinen Händen anfangen sott, er ist scheu und verlegen, wenn er einem Europäer in der Audienz gegenübertritt. Seine Augen haben von häufigen Entzündungen gelitten, und er tragt oft blaue Gläser und goldgefaßte Kristallgläser, wenn er einen Fremden empfangt." Dabei ist er ein eifriger Jäger, und er hat es in der Kunst des Schützen ziemlich wett gebracht. Als er noch Kronprinz war, konnte man ihn oft sehen, wie er seine Schieß tun st an kleinen Vögeln erprobte, oder auch an Acpfeln, die auf das Dach des Pa­lastes gelegt waren.

7. Sitzung Grcßherzoglicher Handelskammer Gietzen für die kreise Gietzen, Alsfeld und Lauterbach.

(Schluß.)

2. Besteuerung der Filialgeschäfte.

Schon seit Jahren wird lebhafte Klage geführt über die Schädigungen, denen der seßhafte Gewerbeftand ausgesetzt ist durch das Ueüerhandnehmen bei Warenhäuser, Konsumvereine und ganz besonders der Filialgeschäfte. Die Bestrebungen des Detaillistenstandes find deshalb schon seit langem auf eine gerechtere Besteuerung der Filialgeschäfte, als dies jetzt der Fall ist, gerichtet. Die Handelskammer muß diese Bestrebungen als berechtigt anerkennen und hält auch ihrerseits die Einführung einer Filialsteuer für wünschenswert. Sie beschließt, in diesen: Sinne bei der Großh. Regierung vorstellig zu werden.

3. Wiedereinführung des Identitätsnachwei­ses für Getreide.

Ter § 11 Abs. 1 des Gesetzes vom 14. April 1894 besagt: Bei der Ausfuhr von Roggen, Weizen, Spelz, Gerste, Hafer, Buchweizen, Hülsenfrüchten, Raps und Rübsen aus dem freien Verkehr des Zollgebietes werden, n>enn die ausgesührte Menge wenigstens 5 Doppelzentner beträgt, auf Antrag des Waren­führers Bescheinigungen (Einfuhrscheine) erteilt, die den Inhaber berechtigen, innerhalb einer vom Buiidesrat auf längstens 6 Mo­nate zu bemessenden Frist eine dem Zollwerte der Einfuhrscheine entsprechende Menge einer der vorgenannten Waren ohne Zoll­entrichtung einzusühren. Von der Erteilung solcher Einfuhr­scheine ist nun im fortgesetzt steigendem Maße Gebrauch gemacht worden, so daß mit Recht die Frage aufgeworfen ist, ob angesichts der Tatsache, daß Deutschland)es Jahr iwch große Mengen ausländischen Getreides zur Deckung des inlänbischen Bedarfes hinzukaufen muß und angesichts der herrschenden Teuerung der not­wendigsten Lebensmittel der weiteren Ausfuhr inländischen Ge­treides nicht Schranken zu setzen sind. Die Handelskanuner be­jaht diese Frage unter Hinweis auf die Schäden, welche der Allgemeinheit durch die Ausfuhr von Brotgetreide erwachsen sind und in Zukunft noch erwachsen können und beschließt, für die Wiedereinführung deS Identitätsnachweises für Getreide einzu­treten.

4. Ausprägung von 25-Pfennigftücken.

Seitdem, mit Ende 1903 die letzten Zwanzigpfennigstücke aus dem Verkehre gez-ogcn worden find, ist in immer fteigertbereem Maße das Verlangen von den verschiedensten Seiten geäußert worden, die bestehende Lücke zwischen bem 50-Pfennigstück und dem 10-Pfennig- stück durch eine 25 - PfenniAlNÜnze ausgefüllt zu sehen. Da die Ausprägung einer größeren Summe Scheidemünzen ge­plant ist halt die Handelskammer den Zeitpunkt für geeignet, sich für die Schaffung eines 25 - Pfennigstücks auszusprechen, weil eine solche Münze an unb für sich schon eine größere Verwenbbarkeit besitze als bas 20 - Pfennigstück und sich be­sonders gut für Lohnzahlungen eigne..

Gericht-Saal.

R. B. Darmstadt, 22. Dez. Ein interessanter sportlicher Rechtsstreit ist soeben vorn hiesigen Ober­landesgericht als letzter Instanz entschieden worden. Der West- phälische Automobilklub hatte im vorigen Jahre mit ver­schiedenen ähnlichen Verbünden eineWestdeutsche Touren- Wettfahrt" arrangiert, an welcher sich etwa 80 Kraftwagen auf einer 1000 Mlometerstrecke von Bielefeld-Hannover-Frankfurt am Main und Köln beteiligten. Der erste der zur Verteilung ge­langten Preise, der Ehrenpreis des kaiserlichen Automobilklubs und ein Damenpreis wurde dabei vom Preisrichterkollegium der Fran Opel in Rüsselsheim zuerkannt; ein anderer Preis fiel Herrn Fritz Opel-Rüsselsheim zu. Gegen diese Preisver­teilung wurde nun von mehreren Setten Widerspruch erhoben und infolgedessen änderte das Preisgericht fein Urteil dahin ab, daß her erste Preis einem der Mitbewerber zugesprochen und Frau Opel zwar den Tamenpreis belassen, aber für den erften Preis nur einer der folgenden zugesprochen wurde. Daran kehrte sich nun aber bie Firma Opel nicht, sondern machte,

gestützt auf die erste Entscheidung des Preisgerichts, in ihren Geschäftsanzeigen bekannt, daß sie bei der Tourenwettfahrt den ersten Preis erhalten habe. Eine belgische Konkurrentin aber, die gleichsalls an der Wettfahrt beteiligt war unb auch einen Preis erhalten hatte, erhob auf Grunb des Reichsgesetzes über den unlauteren Wettbewerb bei der hiesigen Kammer sür Han­delssache Klage mit dem Anträge, die Firma Opel dahin zu verurteilen, daß sie ihre Angabe, sie sei bei her Tourenwett­fahrt mit dem ersten Preis ausgezeichnet worden, in Zukunft zu unterlassen habe. Die Kammer für Handelssachen beim hiesigen Landgericht entschied aber seinerzeit dahin, daß das erste Urteil des Preisgerichts rechtsgültig gewesen sei, und eine nachträgliche Abänderung als unzulässig abzuweisen sei. Die belgische Firma wurde daher mit ihrer Klage abgewiesen und in die Kosten des Versahrens verurteilt. Jetzt hat das Ober­landesgericht das Urteil der Kammer für Handelsfachen als ge­rechtfertigt anerkannt und die dagegen von der belgischen Firma eingelegte Berufung verworfen.

Aus Halle a. S. berichtet man unterm 21. Dez.: Schon wieder stand heute ein Jünger der Wisjenschaft in der Person des Studenten der Landwirtschaftskunde Hellmuth Mates al wegen Verübung groben Unfugs, Widerstandes und Mißhandlung des Polizeisergeanten Möbius vor dem Schöf­fengericht unter Anklage. Der 24jährige junge Mann, Sohn eines Rittergutsbesitzers, war zum Schlachtfest gewesen, hatte dort einige Schnäpse getrunken, dann in einem Lokal an einer Studenten kneipe teilgenommen und schließlich dort einen Herrn mit zwei Damen angeulkt. Ter belästigte Herr verließ das Lokal, der Angeklagte mit seinen Kommilitonen kamen hinterher. Als der Student in jener Nacht auf der Straße den Herrn mit den beiden Damen weiter belästigte und ein Mepschenauflauf entstand, schritt der Polizist ein und bat um Ruhe. Der Student lärmte aber weiter und wurde nunmehr von dem Polizisten nach der Wache gebracht. Dabei leistete er heftigen Widerstand unb schlug ben Polizisten mit seinem Stock über den Kopf, baß der Stock zersprang und der Helm des Poli­zisten vollständig die Form verlor. Die vor Gericht an den Polizisten gerichtete Frage, ob der Angeklagte sinnlos betrunken gewesen sei, wurde verneint mit dem Bemerken, auf der Wache habe der Angeklagte gesagt: Bei der Halleschen Polizei braucht man doch nur zu sagen, was die Sache koste, dann sei schon alles erledigt. Der Verteidiger des Angeklagten warf ein, ein Polizist könne sich in einen Sttiderttenrausch nichthinein-- denken", denn wüßte ein Polizist, was Schlachtefest, Studenten­kneipe und Schnäpse trinken heiße, bann würbe er sagen, der Angeklagte war sinnlos bettunken. Der Amtsanwalt wies daraus hin, daß in dieser Woche hier der vierte Studierende unter Anklage ftehe; Berliner Zeitungen beschäftigten sich bereits^ mit den hiesigen Studentenausschreitungen, und dadurch komme Halle in Mißkredit. Der Angeklagte sei energisch zu bestrafen, wes­halb eine Geldstrafe von 170 Mark zu beantragen sei. Das Urteil lautete jedoch nur auf 40 Mark Geldstrafe.

Uiiiöenität5«ilafbrid?ten.

Ter Großherzog von Baden hat, nach dem Vorschläge der badischen historischen Kommission ihr Ehrenmitglied, ben Tr. Alfred Dove als Vorstand der Kommission unter Wieder- ernemumg zum ordentlichen Mitglied derselben für 5 Jahre be­stätigt; den ord. Brofessor für neuere Geschichte in Heidelberg Tr. Hermann O u ck e n (früher in Gießen) unb den ord. Professor der deutschen Rechtsgeschichle Dr. Alfred Schultze in Freiburg zu ordentlichen Mitgliedern der historischen Kommission ernannt.

Getreide- Wochenbericht

der Preisberichtsstelle des Deut',chen Landwiry'chastsrats vom 17. bis 23. Dezember 1907.

Tie nunmehr vorliegeriben preußischen Erntezahlen zeigen bei Sommergetreide überaus günstige Ergebnisse. Beim Weizen fällt dies insofern ins Gewicht, als dadurch wenigstens ein teil­weiser Ausgleich gegenüber dem starken Ausfall an Winterweizen geschaffen wurde. Geerntet wurden (in Tonnen) an Weizen 2065000 also immerhin noch ungefähr 425 000 weniger als int Vorjahre, an Roggen rund 7 230000 gegen 7 291000. Tagegen brachte Hafer 6 ISO 000 gegen 5 695 000, Gerste 2 005 000 gegenl 793 000. Die russischen Ernteergebnisse, über die jetzt auch genauere An­gaben gemacht werden, siild beinahe ebenso ungünstig wie im Vor­jahre, das bekanntlich zu den schlechtesten gehört. Auf Rußland ist also umsoweniger zu rechnen, als dort bereits die schlechten Aussichten für die nächste Ernte rnitzusprechLN beginnen. Anderer- secks scheint auch die amerikanische Entteftatistik auf ein Nach­lassen ber bisher durch die finanzielle Lage bedii^gten starken Ausfuhr hinzubeuten. Daraus erklärt sich bas rege Interesse, mit bem ber internationale Getreibehandel die argentinischen Nachrich­ten verfolgt, unb da in diesem Lande Regen die Ernte verzögert, wahrscheinlich auch geschädigt hat, so konnte die in der Vorwoche beobachtete Besestigung iveiterp Fortschritte machen. Aus ben uv» länbischen Märkten haben bie Zufuhren nachgelassen, was eben­falls zu bet festeren Stimmung beitrug, wenngleich ftch vorerst kaum mehr Nachftage geltend machte. Die Hanptursache sür die Zurückhaltung bilden nach wie vor die leidigen Geldverhältnisse, aber auch bie Abneigung vor Jahresschluß neue Unternehmungen einzuleitcn, wirkt einschränkend auf das Geschäft. Auf dem Lie- ferungmarkte war Weizen zeitweise 1 Mk. höher, wovon heute infolge billigeren Plata-Angebote IV2 Mk. lieber vvrloren gingen, wahrend Dezember sogar noch etwas anzog. Im Roggengeschäft luar Tezemoer zeitweise durch Andienungen gedrückt; nachdem dieselben Aufttahnte gesunden hatten, zeigte sich neuerdings Teck- ungsfrage unb Käusluft für Mai, zum Teil in Deckung gegen ver­kaufte Labungen unb auch für auswärtige Rechnung, so daß beide Sichten 1 Mk. über letzter Woche schließen. .Der Hafermarkt leibet besonders unter dem Truck starken Ämgebots geringer Qua­litäten ; kleine Mehrforderungen wurden, nur für Helle, geruch­freie Ware burchgesetzt. Die Austvahl in feinen Gersten ist gering. Mittelsorten sind stark angeboten unb schwer verkäuflich.

Es stellten sich die Preise für inländisches Getreide am letzten Markttage:

Weizen

Roggen

Hafer

Königsberg

223 ( 3)

197 (4-

1) 160 (4- 2)

Danzig

230 ( )

198 (4-

1) 165 (4- 2)

Stettin

213 (4- 1)

195 (-

) 164 (- )

Posen

228 ( )

197 (4-

1) 161 (- )

Breslau

223 (+ 2)

204 (4-

2) 162 < )

Berlur

220 (+ 5)

204 (4-

1) 178 (- )

Alagdeburg

210 (4- 3)

200 (4-

2) 167 (- )

Leipzig

215 (4- 4)

210 (4-

2) 173 (4- 3)

Hamburg

207 (4- 1)

191 (4-

1) 180 (-- 2)

Hannover

206 (+ 1)

198 (

2) 166 (-- 1)

Tussetdors

205 (- 3)

200 (

) 178 (4- 2)

Köln

208 (4-1%)

198 (4-

/,) 176 (- 4)

Frankfurt a.M.

220 (4- 4)

206 (4-

1) 182% (- )

Mannheim

240 (4-4%)

217 (4-

3) 187% (4- 2%)

Straßburg

227'/, (- )

210 (

) 20ä (- )

Stuttgart

235 ( 5)

220 (

5) 190 (- 2%)

München

284 ( 2)

210 (

) 196 (- )

Weitmar

krpreise: Weizen: Berlin Dezember 221.75

C+ 4.75), Mar 226.50 (+ 2.50). Budapest April 225.20 U- 1,30)- Parrs Dez. 183.05 (4- Löb). Liverpool März 181,25 (-j- 3.10).