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Nr. 75
• rMtlnt tägrich außer Eonnlagt.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Siebener Samllten- blätter viermal tn der Woche beigelegt un zweimal wöchentlich dat Mrcisblatt für den Krell Sieben. Fernsorech-An- schlußs.d. Redaktion 112 Verlag u. Expedition 51 Mbrefle iür Depeschen:
Anzeiger «tctzen.
Samstag 30. Marz 1907
157. Jahrgang
Erstes Blatt
Rofafiou$6rud und Verlag der vrühflchen Unlv.-Vuch- und Stetnöruderei. R. fangt. Retaftlow. «rreöftton und Drndcret; kchulstratze 7
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
teil. P. Wiltko. rüt ,Lladi und Vanb* und .ipenchlsfaat'. Ernst Heß, tut den Anzeigenteil. Öan« Beck
Bezugspreis: mok nlich 7b vierteljährlich w. 2.20. durch Adhole- u. ^welgNellen monatlich 6o Pi., durch die Post Pik. 2.— viertel- jährt, austcht. BelteUg. Annahme von ünzetge» tut tue Lagetzriuinnret blS vormittag« 10 Uhr. Zellenpreis, lokal 1 b auflioarte 80 P'ennig. Beranikvorilich rür den poltt und a tigern.
Die heutige Kummer umfaßt 16 Setten.
Zum Astirjeste.
,Tie Unsterblichkeit dar! kein Wunsch sein, iveiii, sie nicht erst eine Aufgabe geivesen ist, die Ihr gelöst habt. OJlilien m der Endlichkeit emS werden mit dem Unendlichen und ewig sein m einem Augenblick, das ist btc Unsterblichkeit der Religion/
Schleiermacher.
Man pflegt Oster- und FrühlingSbettachtungen miteinander zu verbinden, jene mit diesen auszuschmücken. Das schiene ja diesmal recht angebracht, ist aber ost recht mißlich. Denn nicht immer stimmen die von dichterischer Begeisterung durchglühtcn Naturschilderungen mit der nackten Wirklichkeit. Wie mancher Reis fällt von den FrühlingSnächten — auch im übertragenen Sinne.
Rian predigt von Auferstehung des Heils, doch Sünde und Not und Tod wollen nicht weichen. 91.8 der erste Haager Friedenskongreß zusawinentrat, hofften viele, die Stunde der Auferstehung des Weltfriedens fei gekommen. Sinn find die Böller wieder bereit, ihre Vertreter zu emem zweiten solchen Kongresse zu entsenden. Aber auch dieser wird wahrlich nicht des Friedens Grad sprengen. Just seit dem ersten Haager Friedenstage begannen vielmehr die Kanonen häufiger wieder zu sprechen als jahrelang vordem, und die Länder, die am meisten daß Wort .Abrüstung* tm Munde führen, rüsten ihre Flotten am bedrohlichsten auS.
Osterfeuer, so hatten wir gehofft, werde es in diesem Jahre, wie foyst in manchen deutschen Gauen alljährlich, auch bei unS in (Ließen geben. Denn der zweite Ostertag ist zugleich deS deutschen Volkes Bismarcktag, und darum hätten sich wohl gar viele gefreut, wenn am Abend dieses Tages von unserer Bismarcksäule auf der Hardt helle Feuer hinausgeleuchtet hätten ins Land zum Zeichen des Sieges eines über alle erleuchteten deutschen Mannes über dw Finsternis deutscher Zersplitterung und deutscher Klein- und Engherzigkeit. Da die Säule aber ein Studenten- Dcnlmal ist und die jungen Akademiker z. Zt. fern von HeffenS alma water in den Ferien weilen, sollen nur am Sonnwendfeste, dem Todestage des Altreichskanzlers, Gedenk- feuer ihm zu Ehren entzündet werden. Doch selbst wenn sie diesmal zum Osterfeste entzündet würden, so wäre
doch die Einsicht vorhanden, daß wahrlich nicht der alte deutsche Kleinmut völlig vernichtet ist von
dem mächtigen Feuerbrande, den jener Große einst in den Herzen semeS Volles kühn entfachte und über weite Länder lodern ließ. Glicht mehr ist heute seines Feuergeistes voll die deutsche Seele und sein unsterbliches Wirken von Nachhall im Rate des Reiches.
Auch wenn Osterfeuer loderten, sie erleuchteten nicht Aller Seelen, und unbesiegt ist der böse Geist Zwietracht. Noch hütet er das Grab, in dem die keusche-Eintracht schlummert. Wann wird diese Tochter des Himmels erwachen und sieghaft her- vorbrechen, mit den berstenden Blöcken ihres Felsengrabes ihren Hüter zerschmetternd? Wann wird der Parteihader, der Parteihaß aufhören? — Gewiß, Verschiedenheiten muffen sein. Es muß gegensätzliche Meinungen geben. Niemand ist unfehlbar. Nur »vo Erwägungen „iür" und ,reibet* stattfrnden, kann das Richtige, die Wahrheit, gefunden, das dem Wohle des Volkes und Landes Förderliche beschlossen werden. Zu diesem Zwecke müssen Parteien sein und zu Worte kommen. Aber trotz unterschiedlicher, gegensätzlicher Meinungen müßte das gemeinsame Ziel zur Eintracht, man kann sagen »zur Einigkeit im Geiste* verbinden. Aber ist das der Fall? Dominieren nicht fast allenthalben allzu sehr der Stände Sonderinteressen? Und geschieht nicht manche Willenskundgebung unter Anwendung von Brutalität und unter Ehlorosormierung des Gewiffens? Lassen sich nicht die Kellen, die das Streben nach höheren, edleren, nach idealen Zielen fesseln, zersprengen?
Fürwahr, eine Nation, die sich christlich nennt, hat nicht durch gedankenlose Ruhe das 9luferslchungsfest zu feiern, sondern sollte an diesem Feste selbst stets von neuem auferstehen. Es gilt nicht nur, die Botschaft von der Unsterblichkeit alljährlich an den Ostertagen zu hören und wieder zu hören, sondern vor allem auch zu zeigen, daß der Strom der Unsterblichkeit in die Herzen gedrungen und von dort seine Scgensfluten durch christliche Taten in die Menschenwelt wälzt.
Es muß Ostern werden! Das ist die Hauptsache. Und kS kann Ostern werden, überall. Wir brauchen keine Pessimisten zu sein. Wir dürfen hoffen und haben die Pflicht, zu hoffen!
Viele sagen: „Wir leben gegenwärtig in einer religiös gleichgültigen Zeit. Tie Gebildeten interessieren sich gar nicht mehr für religiöse Fragen. Kein Wunder, wenn ihr Beispiel auf die Massen depravierend roicft.* — DaS ist nicht wahr! Wir leben in einer religiös sehr regen Zeit. Unsere Gebildeten sind in dec Mehrzahl gerade jetzt religiös ganz außer- ordentlich interessiert. Und dieses religiöse Interesse, dieser ivarme Pulsichlag eines christlich-religiösen Leben erstrebt, geleitet von der modernen Theologie, eine deutsche Bolls- k i r ch e.
Eine Frage, die die Gemüter mehr als seit Jahrzehnten beschäftigt, lautet: Wie dünket Euch um Christo?
Eine Frage, die nun 19 Jahrhunderte alt ist. Die populäre wie die wissenschaftliche EyristuS-Lltteratur wächst von Tage zu Tage, und soeben hat sie der Gießener Profeffor Dr. O. Holtzmann um ein neues, wertvolles Schrlfichen ver- mehrt.') WaS sehen wir daraus? Nichts geringeres als daö: heute wie je zwingt JesuS die Menschen, sich nut ihm zu befassen, mit ihm auSeiuanderzusetzen, entweder für oder wider ihn zu erklären; mit anderen Wollen: JesuS beweist, daß ei heute lebt, roie einst! Daß er unter uns lebt, wie Uhde ihn darstellt, wie er z. Zt. RasaelS im Gewände jener Zeit lebte. Sein urbildliches Menschenleben, in dem der Abglanz des Unsichtbaren zur vollendeten sichtbaren Darstellung gelangi ist, hat der Tod sich nicht zu unterjochen, den Strom dieses aus der Ewigkeitswelt entsprungenen, von der reinsten Liebe getragenen und in ihr sich auswirtenden Lebens daS Grab nicht zu verschlingen vermocht. Das Leben, daS vor bald 1900 Jahren Tod und Grab überwunden, eö geht auch in Zukunft nicht unter, sondern bewahrt seine Kraft. Je länger lern mächtiger, unaufhaltsamer Strom sich auf alle mensch- lichen Lebensgebiete ergießt, die Dämme menschlicher Selbstsucht, menschlicher Eigenliebe, inenschlichec Hoffart überflutend oder durchbrechend, desto mehr wird es Ostern, sei eS tn religiöser, sei es in sittlicher, sei es in sozialer, sei es in politischer Beziehung. Desto mehr Ewigkeitswelt dringt in die zeitliche Welt, desto mehr ernt sich die endliche Menschheit dem Geiste nach mit dem Unendlichen.
Diese Uebeczeugung macht uns Ostern zum frohen Feste.
•) Verlag von Quelle und Meyer in Leipzig._______________
polUiid)c Lage-scharr.
Tie „Ministerkanrridatur" AdickeS.
Don besonderer Seite wird uns auB Frankfurt geschrieben:
Daß der Oberbürgermeister von Frankfurt a. M. Adickes ein ihm angetragenes M i n i st e r a m l in Preußen abgelehnt habe, wurde in diesen Tagen mit soviel Bestimmtheit behauptet, daß die .Meldung beinahe glaubwürdig erschien. Adickes galt aber als Kandidat für alle möglichen Ministerien, das machte die Meldung etwas weniger wahrscheinlich. Heute wird von den Offiziösen Wert darauf aelegt, zu erklären, daß amtliche Verhandlungen mit Aoickes wegen eines hohen Staatsamts bisher nicht stattgefunden haben. Das ist in jedem Fall bedauerlich. Einen hervorragend tüchtigen Mann wie Adickes hätte die preußische Negierung zur „Auffrischung" recht wohl brauchen können! Bei ihm war nicht zu befürchten, daß er, wie Miquel, alsbald aus einem Liberalen zu einem Konservativen sich mauserte. Immerhin ist Adickes für die Besetzung vielleicht frei werdender hoher Staatsämter, die die Offiziösen zugeben, „mit in Betracht gezogen" worden. Bevor jemand die Berufung zum Minister erhält, pflegt eine mehr oder minder diskrete Sondierung seiner Meinungen und Absichten zu erfolgen. Es kann wohl jein, daß an Adickes der Wunsch herangetreten ist, bei einem Eintritt in die preußische Negierung seine Politik möglichst der seiner neuen Kollegen anzupassen. In einer solchen Harmonie mit Selbstverleugnung findet mancher keinen Reiz. Nach wie vor gilt in Preußen der konservative Kurs. Werden vom Reichskanzler Fürst Bülow im Reiche der Volksstimmung gewisse bescheidene Zugeständnisse gemacht, in Preußen läßt der Ministerpräsident Fürst Bülow gern alles in den alten Geleisen. Man braucht im preuß. Landtag auch das Zentrum, und das Zentrum hat nichts dagegen ettizu- wenden. Es wird sich zeigen, daß keinLiberalerzumNach- folger des Kultusministers v. Studt berufen wird. Das geht einfach nicht, selbst wenn Fürst Bülow den Wunsch hätte, dem Liberalismus den gebührenden Anteil einzurämnen. Tie Konservativen würden einem liberalen Kultusminister rundweg das Vertrauen für Schule und Kirche verweigern. Adickes ist nicht der kommende Mann — und ein Anderer, Gleichgesinnter auch nicht. Abermals ist der Liberalismus um eine Illusion ärmer, um eine Erfahrung reicher.
Nicht unregislriect bleibt trotz dieser, wegen ihrer Urheberschaft höchst bernerlentzwerten Zuschrift folgende berliner Meldung der in Ludwigshafen erscheinenden Pfälz. Rundschau:
Oberbürgermeister Adickes aus Frankfurt a. M. war tatsächlich als N a ch f o l g e r Dr. v. Stadls in Aussicht genom- men. Auch Graf Posadowsky sollte gehen. Nun schwebt alles. Tr. v. Studt geht im Mai. Der Nachfolger Posadowskys ist noch nicht bestimmt.
Wir glauben indes dem Pfälzer Blatte nicht, so bestimm und wichtig dadurch es seine Meldung auch aufputzt.
Tttrche und Schule.
— Zur preuß. Mädchenschul-Reform erfahren die ,93. N. N.': Es wird geplant, auf den neun- bezw. zehnklassigen Unterbau der höheren Töchterschulen neben dem vierklassigen wissenschaftlichen Oberbau, der zum Univ er- sltätsstudium führen soll, noch em Lyzeum aufzusetzen, in welchem em Lehrermnen-Seminar und eine Haus- Ha l t u n g s i chu le vereinigt werden.
Kie Krüijayrstasiung der hessischen Stanbe- fiammein.
Bis in die Karwoche hinein hat sich der erste Abschnitt der Beratungen unjerer Siändetammern ausgedehnt. Es ivar eme Hane, unuangreiche Arbeit, die der Votksverlreiung diesmal zur Bewältigung uberwieien worden war. Wahrend sich so-st Oie zweite Kammer im ersten Jahresquartal stets nur mit der Erledigung des Staatshaushalts zu beschchtigen brauchte, und damit ichon „alte Hände voll" zu tun halte, ist ihr diesmal noch die liösting des schwierigen Problems einer sogen, kleinen Finanzreiorm Geschieden gewesen, eine Aufgabe, die bei den vielen divergierenden Interessen ‘inneres E oßherzogtums zwischen Stadt und ^and ge- iviß nicht gerade als sthr angenehm bezeichnet werben taim. Daß sie notwendig war, boiübev konnte nirgends em Ziveiiel bestehen, umsoweniger, ivenn man den dicken Wust von Vorstellungen und Klagen über die geringen Besoldungen der Beamten und
Lehrer un Vergleich zu biit rapib gencigeneit allgemeinen -teue- rungSverhältnisjen betrachtete. Nun hatte das verflosseiie Jahr nut seiner überraschenden Hochkonjunklur eine Sleigerimg ber Lleber- schusje aus den Ertragnissen der preußisch-hessischen Etsen- bahngemeinschast um eine volle Million ergeben und auch bie Einnahmen aus den direkleii Sleuern wiesen eine solch ersreu- Uche Anjchwellimg au', daß iür das lauiende Jahr em Mehr von 651000 Mt. erwartet werden bad, — war es da Nicht geradezu lelbstversländlich, die Gelegenheit beim Schopf zu lassen und iür einen wenigsteiiS einigermaßen besriedigenden Ausgleich Sorge zu tragen?
Trotz dieser erfreuliche n Verbesserung unseres Staakssinanzen wäre cs aber doch nicht emmal möglich gewesen, die vvn allen Seiten für dringend nctiuenbig anertaiuiun Verbesserung en der Beamten- und L e h r c r g e h ä l t< r zur Durchführung zu bringen und dazu ixid seit sechs Jahren unser Budget wie ein Gespenst verjolgende Defizit aus bre Welt zu schaffen, wenn die Regierung nicht glücklicheriveije noch zu einem neuen Auskunitsmittel hätte ihre Zuflucht nehmen können: zur Erhöhung des Immv bilien stempels. Im Go- setz über den Urkund en stempel vom 12. August 1899 waren dw Stempersätze besonders bei Immobilien-Verkaufen rc. bisher so niedrig bemessen, daß sie bei lueitem nicht die diesbezüglichen Sätze in den anderen Bundesstaaten erreichten. Hier war also Die Möglichkeit gegeben, auf eine möglichst ivenia sichtbare Weis« oem Staate eine neue Einnahmequelle zu erschließen, und damit eine sichere Basis für die Gehaltsverbesserungen au gewinnen. Tie vom Finanzminister auf J. 100 UOO 5)1 L berechnete Mehr- einnahme aus dem Stempel (die Gcsamteinnabme beträgt sogar 1 300 UOO Ml., von denen aber ca. 200 000 Mk. für gleichzeitig eingesührte Stempelermapigungen in Abzug zu bringen siiid) iväre nun aber wieder von den geplanten Gehaltsverbesserungen iast ganz verichlungen worden uno es waren nur wenige tausend Mark für die Beseitigung deS rechnerischen Fehlbetrages von 725 UOO Mt. übrig geblieben, wenn man nicht als weiteren Rettung sanier noch dcn Ausgleichsjonds hätte mit venoenden können. Ihm fließen bekanntlich die 800 000 Mk. Lotterieentschädigung von Preußen und die lleberschüsse aus der Eisenbahn- gemeinschast zu und da der Fonds ohne dies sck-on im laufenden Jahre die gesetzlich bestimmte Höhe von sechs Millionen erreicht, so konnte die Volksvertretung ohne Skrupel dem Vorschlag der Negierung folgen und aus den Ueberschüsfen den Betrag von 630 000 Mk. in den ordentlichen Etat zur Deckung des Fehlbetrags verwenden. So ist es möglich gewesen, nicht nur zum erstenmal wieder einen d e f e z i t f r e i e n Staatshaushaltsetat zu schassen, solidem auch dem berechtigten Verlangen der Beamten unb Lehrer m be,rledigender Weise entgegen- zukvmmen. Ta auch der ordentliche Etat des Ministeriums des Innern und ber Justiz eine Erhöhung der Ausgaben um viel« Lausend Mark infolge ber höheren Vergütungen an die Schreiber- gehilsen re. erfahren hat, so kann man die aus der „kleinen Finanzrefvrm" hervorgegangene Besserstellung der Beamten und Bediensteten im Großherzogtum auf mindestens 1200 000 ML laxieren, das ist rund eine Mark pro Kopf der Bevölkerung, gewiß eine recht respektable Leistung, die aber hoffentlich auch das Gute zeitigen wird, unsere Beamten und Lehrer in ihrem Beruf mit Zufriedenheit und Arbeusireudigteit zu erfüllen!
Ästit den glücklich überstandenen Etatsdebatten hat ÜbngenS die zweite Kammer diesmal einen Rekord ausgestellt, der so leicht nicht wieder übertroffen werden dürste. Sie hat nämlich für die ganze Beratung des Staatshaushaltsetats für 1907 nur neun Sitzungen gebraucht, für die sonst 3—ätägige Generaldebatte nur knappe vier Stunden. Die Beratung der fünf schwierigen Nachtragsgesetze nahm dann noch fünf weitere Sitzungen in Anspruch, in Summa also nur 14 Sitzungen, ivährend die bloße Etatsveratung im Jahre 1906 lö Sitzungen, in den Jahren vorher sogar 16—18 Sitzuiigen erfordert hatte. Die Ursache dieser durchaus erfreulichen Erscheinung ist aber wohl weniger ein allmähliches Sinken der Redelust unserer Volksvertreter, als vielmehr der Umstand, daß die Karwoche immer naher ruckte und sowohl Präsident Geh. Rat Haas, wie Vizepräsident Dr. Schmitt mit allen Mitteln ihrer Amtsbefugnisse die säumigen Debatten zu beschleunigen verstanden. Der wesentlichste Förderer der hessischen Kamineroebatten aber war _— der deutsche Reichstag, der zur gleichen Zeit tagte und besonders die beiden viel- rednerischen Abgg. Dr. David und Ulrich fast gänzlich „fern vvn Madrid" hielt. Wer sich der sonstigen breiten, selbstgefälligen Behaglichkeit entsinnt, mit der gerade diese Beiden durch das Tummeln ihrer bekannten Steckenpferde in Hessens parlamentarischer Arena die Budgetberatung in die Länge zu ziehen verstanden, der wird erleichtert aufgeatmet haben, daß diesmal ihre Pchtze aus der äußersten Linken des Haujes unbesetzt blieben, unb statt ihrer nur einige Di minores .der Partei das Wort ergriffen. Ulrich, d.r s>ich sonst wohl gern als den „Eugen Richter der Etatsdebatte" bezeichnen hörte, war ja unabkömmlich von Berckn, sonst iväre doch dort selbst nicht mal mehr das dritte Dutzend ber Genossen voll gemeien; Auch Herr Köhler, oer erste Vizepräsident ber zweiten Kammer, hatte für sie feine Zett; er kam nur einmal von Berlin .zur Hess. Kammer.
Angesichts der Wichtigkeit der jüngsten Kammertagung hat sich auch die erste Stänbefanimer nach sehr eingehenoen Ausschußberatungen noch in vier Plenarsitzungen mit dem Etat und den Nachtragsgesetzen beschäftigt. Sie trat besonders gegen die im Gesetzentwurf über die Abänderung des Ausgleichsfonds enthaltene .^Verpackung von Gesetzesvorlagen mit dem Budget" auf unb legte in einer motivierten Erklärung des Präsidenten dagegen Verwahrung ein. Wenn die Kammer trotzdem ihren Wioerspruch zurückzog unb den Beschlüssen der ^wetten Kammer beitrat, so kann man das im Interesse des parlamentarischen Friedens nur freudig begrüßen. So nahm denn Staatsminister Ewald in gerechter Würdigung der Sachlage ausdrücklich Veranlassung, der ersten Kam m e r für tyce uqunnene Gattung txni au,richtigen Dank der Regierung auszusprechen. Die diesjährige Frühjahrs- tagung der hessischen Landstände ist somit trotz mancher Stürme doch noch in friedlicher Weise ausgeklungen unb sowohl der Bürger und der Landmann, wie der Beamte unb die Lehrerschaft können mit dem Ausgang wohl zufrieden sein!
Aie tztlttsveralung in der Ersten Kammer.
7,Gnbe gut, alles gut". Die Regierung hat das Budget und damit die so wichtigen Gesetze des Nachtragsetats glücklich aus gefährlicher Brandung in den Hasen gebracht.
Am Budget selbst hatte, wie bekannt, oer Ausschuß der ersten Kammer nichts zu beanstanden. Tiefeilstiia lonnte also der erste Tag der (rtütsberaiUdj um Montag höchstens retorische Leitungen bringen. Tiefen Teil bestritt bann aiiü) reichlich Frhr. o. Hehl. Eine Generaldebatte gao es nicht. Ta,ur wurde Kritik zu einzelneit Kaptteln geübt unb zwar zumeist in ernster Würde. Als Graf


