Blatt LS7. Jahrgang Mittwoch 31» Juli 1907
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S£ General-Anzeiger für Oberhessen WZZ
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Ji= vormittags io Uhr. Rotansnroruck unb Verlag btr vrühl'schen Univ.-Buch- und Skinöruderd. 8. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schuistrahe 7. Anjeigenie?l^'H^ Beit
§ur dritten Säcularfeier der Ludoviciana.
(Ein 3üngling griff ich einst zum wand'erstabe. Doll Kraft und Mut zog ich daher.
l)och stand mein Sinn, ob schmal auch war die Ejabe. Blank war mein Schild und scharf mein Speer.
ri.de, du Elternhaus! Der Freunde Kunde rim altersgrauen Tore meiner harrt.
Seid mir gegrüßt und gebt mir gute Kunde, Welch Ziel ist würdig wohl der Fahrt? —.
weit liegt das Vaterland. Hus allen Gauen Lockt es mit süßen Melobie'n.
D^s Kleines Rebenufer möchf ich schauen, sum Main ins Land der Franken zieh'n. Ls ragt am Keckarstrande, hört' ich sagen, Lin Zauberschloß in grüner Wälder Kranz. — wohin, mein Herz, wird dich die Sehnsucht tragen r rill überall ist Licht und Glanz.
Der eine sprach: „Zieh' mit, und lass' uns träumen Jni schatt'gen Schwarzwaldtannengrund." — „Sieh, wie der Ostsee blaue wogen schäumen. Lornm' mit an’s Meer", rief mancher Mund. — .nd jen»r lockt: „Schau, wie die Speere blinken, wie klingen sie am Saalestrand so hell.
herab vom Fels bemooste Burgen winken.
Dorthin sei du mein weggesell."
Sangbar nach Ernst Moritz flmbt’s:
„Sind wir vereint zur guten Stunde, Wir starker, deutscher Mannerchor."
Doch er, der Freunde liebster, den vor allen Den andren dieses Herz gekürt, (Er sprach: „Kn meiner Seite sollst du wallen"- Und hat getreulich mich geführt.
(Ein Maitag war's. Es duftete der Flieder.
3m Blütenschimmer prangten Berg und Tal. Da grüßten unsre frohen Burschenlieder, Mein Gießen, dich zum erst-enmal.
wenn nun dein Karne tönt, zu neuem Leben Erweckt er, was vergessen ward.
wach wird der Jugend Lust, der Jugend Streben, (Erinn'rung froher Burschenfahrt.
Und Freunde nah'n, die einst beim Licht der Sterne Mit mir durchschwärmt die laue Sommernacht. Und Rügen leuchten her aus weiter Ferne, Die einst zum höchsten mich entfacht.
Blick' ich gen Ost, weit kränzen dich die Forste, wie oft fyxt sie mein Lisd durchhallt!
Blick' ich gen West, wie oft zum alten horste Des Saliers bin ich hingewallt!
3ch stieg empor den alten Turm, zu grüßen Die grünen höh'n, des Stromes Silberband, Dich, teuer wie die Heimat mir, mein Gießen, Und dich, du liebes Hessenland. —
D großer Tag, da einst allhier erschlossen Ein güt’ger Fürst der Weisheit (Quell, wie perlt sein Kaß, sind auch dahingeflossen Drei Säkula, so klar und hell.
was mutvoll ward in großer Zeit begonnen, Stand hielt's in Kot und Nacht und Kriegsgefahr. Und wie den Ahnen beut der edle Bronnen Den Enkeln gute Labe dar.
Kun tönt hinaus ein Singen und Frohlocken 3n’s weite deutsche Vaterland.
von allen Türmen klingen Helle Glocken.
Tu' an, du Stadt, dein Festgewand.
Die du geschirmt in dreimalhundert Jahren, Sie naht in stolzer Jugendherrlichkeit.
Kun gib beim Klange jauchzender Fanfaren Dem hohen Gast das Festgeleit.
Blüh', alma mater, du in ero'ger Schöne, Hn Rufyn und Ehren groß und reich.
Es flicht dein Fürst, der erste deiner Söhne, Um deine Stirn den Lorbeerzweig.
Mit dankerfüllten Herzen dich zu grüßen Sieh deine Meister, deine Jünger nah'n. Und brausend tönt das Jubellied dir, Gießen, Du Musenstadt am Strand der Lahn. Dannemann.
D ,3 gro*' Fest, dessen Vorbereitung so unendlich viel \'eit verursacht hat, ist endlich herangerückt. Unsere erfebaft hat alles Erdenkliche getan, um Gießen zu einer n- ^en und frohen Feststadt zu machen, wer beobachtet t, wie zahllose fleißige Hände seit Monaten tätig waren, i den Straßenzügen ein schmuckes und freundliches Ge- rnd zu geben, wird die Aeußerung, die man in den letzten .gen öuers hören konnte, die dritte Zentennarfeier habe die ndt mit e -em. Schlage um ein ganzes Jahrzehnt vor- im gebracht, nicht übertrieben finden. (Es hatte etwas ihre. oes; zu beobachten, wie selbst der kleinste Mann n ei.faches heim herausgeputzt hat, als wollte er sagen: luch ich gehöre zur Universität und sie zu mir. Die Ludo- :ia>ia Joli merken, wie sehr sie uns allen an’s Herz ge= rchsen ijt!" Dieser Zug des gemütlichen und harmo- d;cn Zusammenlebens, der Lehrkörper, Studierende und gcdchost seit Jahrhunderten so innig verbindet, ist viel- v l C2S L m erkenswerteste und Schönste an dem ganzen t c ge-sest. was nutzen kostbare Veranstaltungen, wolle Feierlichkeiten und ein glänzender Festtrubel, nn nicht hinter ihnen die wirkliche Herzensfreude, die iniüäc anmutet, steht! Gegensätze von Bildung und Besitz vd man in diesen Tagen nirgends verspüren. Keberall jt man von den Gesichtern das Gefühl des Stolzes und l Bejrietigung ab, daß der Liebling des Landes, die ldoviciana, in so blühender Jugendfrische und so voll :-.cr und berechtigter Hoffnungen in das vierte Iahr- .ndert eintreten kann.
historische Erinnerungsfeste, wie das bevorstehende, den willkommenen Anlaß zu ernsten Betrachtungen. Die utigen Universitäten stehen nicht mehr in der ersten Reihe , । nigen Faktoren, auf denen das politische Leben des lüschen Volkes beruht. Früher waren sie schützende Burgen zeitlicher Gesinnung gegenüber den dunklen Mächten der . ur-idien und politischen Reaktion. Sie trugen die 3deen n (Ei 111)0iv und Freiheit, von Reich und Erbkaisertum in le Kreise des Volkes, vaterländische Kundgebungen aus -em Schoße wurden in der dumpfen Stille der Zersplitte- i;g und Kleinstaaterei zu politischen Ereignissen ersten rngos. Fast alles, wofür die Universitäten auf diese weise mutig und erfolgreich gekämpft haben, ist jetzt erreicht.
politischer Einfluß gehört nunmehr der Vergangenheit Das, was man Volkswillen oder öffentliche Kleinung nut, wird von den Parlamenten ober Selbstoerwaltungs- rperu, nicht mehr von den Hochschulen, vertreten, hinter lx neuen politischen Parteien muß die ehrwürdige HIma xter jUrücktreten. Sie hat an staatsbürgerlicher Macht Üblich eingebüßt. Um so großer ist aber ihr Einfluß
im Kulturleben der Kation geworden. Sie erzieht und beherrscht mit ihren 3deen die akademische Welt und damit das Beamtentum aller Grade und Rrten, und da das Beamtentum das festeste Fundament jedes gesunden Staatsorganismus ist und bleiben wirb, so sind bie Universitäten immer noch ausschlaggevenbe Faktoren in unferm ganzen öffentlichen Leben. Rus bem Unmittelbaren, vielfach aber nur vorübergehenden Einfluß ist ein mittelbarer, aber andauernder geworden. Früher spielten die Persönlichkeiten die Hauptrolle, heute der Geist, der Lehrer und Schüler eint und von dort auf bie Massen heilsam überströmt.
Wer da glaubt, es könnten reiche Stifter nach amerikanischem Muster und ehrgeizige Kommunen mit Gelb allein Universitäten aus einem Kichts, gleichsam wie gemeinnützige Rktiengesellschaften, hervorzaubern, ber kennt die Universitätsgeschichte, kennt die Kulturgeschichte, nicht. Eine echte Universität ist bas probukt eines komplizierten geschichtlichen Prozesses, ber tausendfältige Beziehungen mit bem ganzen Lanbe geknüpft hat. Mag man noch so viel reformieren unb reglementieren, man wird es nie verhindern können, daß auf Deutschlands hohen Schulen ein Geist in Forschung unb Lehre gepflegt wirb, von bem immer wieber eine Rrt von Blutauffrischung bes ganzen nationalen Lebens ausgeht.
Die Luboviciana gehört zu den kleinen Hochschulen bes Reichs, aber sie steht selbst ben großen gegenüber ihren Mann. Das werben in biefen Festtagen bie Rektoren ber Schwesteranstalten unb bie Delegierten ber Rkabemien ber Wissenschaften, bie als illusterste Gäste bem Feste beiwohnen, feierlich bezeugen. Sie werben auch barauf Hinweisen können, baß man in Gießen wissenschastlickw Arbeit mit gemeinnützigem Sinn, gewissenhafte Forschung md Lehre mit treuer Betätigung von Bürgertugenben zu vervinben weife. Man nennt Gießen mit Vorliebe eine Rrbeits- universität im Gegensatz zu ben Dergnügungsunwerjitäten, die ihre Anziehungskraft zu einem guten Teile nur ber Mobe verbanken. wir Gießener biirfen uns biefe Bezeichnung wohl gefallen lassen, denn sie enthält ein hohes Lob. 3n Gießen wirb in ber Tat ernst und eifrig gearbeitet, und dazu sind schließlich die Hochschulen, wie alle anderen Schulen, da. Die akademische Freiheit kommt dabei nicht zu kurz. Die Professoren- und Studentenschaft würde nach ihrem alten Spruche: „litteris et armis ad utrumque parati“, Der seit drei Jahrhunderten das Universitäts- banner ziert, geschlossen auf dem Plan erscheinen, wenn man die akademische Freiheit, die Freiheit der Lehre, wie die Bewegungsfreiheit der Studierenden, bedrohen wollte. Unser heutiger Lehrbetrieb vollzieht sich nicht mehr
in klösterlicher Enge unb in dogmatischer Verbohrtheit, wir wissen, was unfern beutschen Universitäten bas hohe Ansehen in ber ganzen IDelt verschafft hat. Es waren die Liebe zur wissenschaftlichen Wahrheit und der unabhängige, tapfere Sinn nach oben wie nach unten, die bie Hochschulen zur Blüte gebracht haben. Auch heute noch sind bie Universitäten akademische Republiken. Sie geben am treusten und tiefsten die Kulturerrungenschaften wieber, je mehr eine weife und fürsorgliche Regierung ihr Selbst- beftimmungsrecht achtet und schützt. Es dürfte wenige Universitäten im Reiche geben, deren Autonomie eine so verbriefte und weitherzig gehandhabte ist, wie die ber hessischen Lanbesuniversität. Diese rührige Selbstverwaltungstätigkeit hat erzieherisch auf alle Teile gewirkt unb es in erster Linie ermöglicht, bem gesteigerten Wettbewerb von außen her gewachsen zu sein. Große, ja erstaunliche finanzielle Opfer, namentlich in ben letzten Jahrzehnten, in ber Seit eines ungeahnten Aufschwungs, hat das kleine Hessenland, in dem Kulturabgaben nicht leiden, ohne Murren, ja freudig, seiner Landesuniversität gebracht. Dank dieser staatlichen Fürsorge zieht die Hochschule in all' ihren Teilen erneuert unb trefflich ausgestattet in bas neue Säkulum ein.
Daß übrigens bie Arbeitsuniversität Gießen nicht aller Freuden bar ist, beweist das ftische ungezwungene, von Protzigkeit und Engherzigkeit ebenso wie von Streberei freie studentische Leben. Auch hier heißt es: „Saure Wochen, frohe Feste". Und wenn in diesen Tagen tausende ehemaliger Studierenden der lieben, gemütlichen Lahnstadt zu- eilen, so tun sie das um deswillen, weil sie hier die schönsten Lebenserinnerungen, die unvergeßlichen (Erinnerungen der Studienzeit, lebendig erhalten wollen. Die „Alten Herren werden sich nicht wenig wundern, wie sich ihr altes Gießen in den letzten Jahren herausgemacht hat. Eine fortschrittliche Kommunalpolitik und ein kaum zu übertreffender Gemeinsinn der ganzen Bevölkerung haben zusammengewirkt, um die Stadt zu verschönern und behaglich zu machen. Die Umgebung war von jeher zauberisch schon, überreich an malerischen Punkten; jetzt ist auch die Stadt schmuck und fein geworben, viele werben bas traute „Rest" kaum wieber erkennen.
Allen Gästen von nah unb fern winken frohe Stunden. Möge bas benkwürbige Fest einen glücklichen verlaus nehmen unb bei allen Beteiligten schöne (Einbrüche hinterlassen. 3n biesem Sinne rufen wir allen unseren lieben Gästen ein herzliches Willkommen zu.
Prof. Dr. M. B.


