Ausgabe 
3.12.1907 Drittes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Sir. 284

Erscheint täglich mii Ausnahme des Sonntags.

Die ^Gtehener Kamilienblütter" werden dem ,Anzeiger^ otennal wöchentlich bergelegt, das Kretsblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Der ..hessische Landwirt erscheint monatlich einmal.

157. Jahrgang

Dienstag, 3 Dezember 1907

Geheim Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

Rotationsdruck und Verlag der BrühlNchen UnwersllätS - Buch- und 6tetnb ruderet 9t Lange. Gießen.

Redaktion. ExvedtNon und Druderet: Schul- straße ?. (Erpebitton und Verlag: e^5a$ 51 Redaktwn:^:^ 112. Tel-Adr^ AnzeigerGreßew

Deutscher Reichstag.

63. Plenarsitzung, 2. Dezember.

Am Tische des Bundesrats: b. Bethmann-Hollweg, b. Schön, Dernburg, Frhr. b. Stengel, b. Sobel I.

Das Haus ist schwach besetzt.

Etat- und Flottengcseh.

(Vierter Tag.)

Schrader (freis. Vgg.): Als Aufgabe des Blocks hat der Reichskanzler bezeichnet dienationalen" Aufgaben, d. h. die Bewilligung der erforderlichen Ausgaben für Heer, Flotte und Kolonien und außerdem eine Verständigung über eine Reihe bon Fragen, die außerhalb der eigentlichen Parteipolitik liegen, die unbefangene Prüfung der Regierungsborlagen. Also genau das, was wir stets getan haben: bor dem 13. Dezember, am 13. Dezem­ber und nach dem 13. Dezember. (Sehr wahr! links.) Aber die Blockrede des Reichskanzlers hat auch eine ncgatibe Seite: Ausgeschloffen sollen sein die Fragen, über die eine größere Mei- nungsberschiedenheit zwischen Konservativen und Liberalen besteht. Das heißt, unsere deutsche Politik soll eine Politik der Erledigung der Augenblicksgeschäfte sein. Der Reichskanzler hat es nicht der Mühe wert gehalten, auf die Frage des Dr. Wiemer über daS preußische Wahlrecht ein Wort zu äußern; die s ch ä r f st e Zurückweisung, die man sich denken kann. Denn wenn eine Frage gestellt ist, so erwartet man eine Antwort. Vor dem Zentrum wird uns graulich gemacht (meckerndes Geläch­ter des Abg. Erzberger); wir und das Zentrum kennen uns ja seit langer Zeit; wir wiffen, welche Politik wir mit einander machen können, und welche wir gegen emander zu machen haben.

Unsere Ziele können wir nicht aufgeben. Sie sind ja nicht zufällige, sie sind ja nicht erst seit gestern: sie datieren aus einer Zeit, als der Reichskanzler mit unserer Politik noch nichts zu tun hatte. (Sehr gut! links.) Daß wir aus bloßem Parteiintereffe so berfahren, dagegen müssen wir uns auf das aller­entschiedenste berwahren. Das ist einer der schlimmsten Vor. würfe Bismarcks, daß die Parteien eigentlich untergeordnet seien, daß der Reichskanzler dazu da sei, der Politik die Wege zu weisen. Zwei Sorten Politik, eine im Reichstag, eine im Land­tag, lassen sich nicht nebeneinander machen. Wir können dem Reichskanzler nicht zusagen, daß wir seine Wünsche durchweg er- Men.'

Der Redner wendet sich zum Etat und zu den F i n a n - z e n. Da sind wir alle einig, die Lage ist nicht schön. An unserem Steuersystem ist das bedauerliche, daß gerade die not­wendigsten Gegenstände am schwersten belastet sind, während man z. B. in England vornehmlich Luxusartikel besteuert. Auch fließt der Hanptteil des Ertrages nicht in die Kassen des Reiches, sondern in die Taschen der Großindustriellen und Agrarier. (Sehr richtig! links.) Es ist immer dieselbe Geschichte, das Geld wird immer aus derselben Tasche genommen. Wir haben eine Staatsberwal- inng, die teurer ist als die irgend eines anderen Landes. Viel Geld wird oerdient, aber in der Hauptsache nur bon den Wohl­habenden. Lebensmittelbesteuerung, deren Folgen steigende Löhne, und deren Folge weitere allgemeine Verteuerung. Und dazu, das ist das schlimmste: d i e Konjunktur sinkt!

Es geht so nicht weiter, auf alles indirekte Steuern zu legen. Dir müssen auch die direkten Steuern heranziehen, aus finan­ziellen Gründen, aus Gründen der Gerechtigkeit. Die Last der Steuern drückt schon allzu schwer das Volk. Die verantwortlichen Stellen sollten sich fragen, ob es z. B. nicht möglich ist, beim Heere mit geringeren Mitteln die gleichen Erfolge zu erreichen. (Bei­fall links.) Der Bundesrat wird ernstlich erwägen müssen, ob mit der bisherigen steuerlichen Flickarbeit fortgefahren wer­den soll, oder ob nicht besser ganze Arbeit geleistet wird. (Beifall links.)

Staatssekretär des Reichsamts des Innern Dr. v. Bethmann- Hollweg: Der Abg. Bassermann hat in seiner Rede die Schaffung eines selbständigen Reichsarbeitsamts in balliger Tren­nung bom Reichsamt des Innern, oder doch in einer gewißen Selbständigkeit bon diesem angeregt und damit eine Frage aufs neue berührt, die den Reichstag schon oft beschäftigt hat, und die in diesem Sommer in den berschiedensten Formen bentiliert worden ist. Daß beim Ausscheiden des Grafen Posa- d o w § k y die Frage entstand, ob das Reichsamt des Innern in seiner Vielgestaltigkeit noch länger in einer Hand bereinigt bleiben könne, nachdem dieser Mann in seiner allgemeinen politischen Bedeutung und bei feiner Beherrschung des Stoffes aus dem Amte geschieden war, oas war sehr natürlich. Und ich bin der erste, der die Berechtigung solcher Zweifel rück­haltlos anerkennt. Wenn ich Sie trotzdem bitte, die Entscheidung dieser Frage borderhand noch aufzuschieben und mir zur persön­lichen Beurteilung noch Zeit zu taffen, so berhehle ich mir nicht, daß ich Sie bei unseren bevorstehenden Beratungen wiederholt um Nachsicht werde bitten müssen. Wenn ich die Sache rein materiell untersuche, so möchte ich einstweilen vorbehaltlich späterer Korrek­turen meinen, daß für die Behandlung der sozialpolitischen Fragen es gerade einen Gewinn bedeutet, wenn sie bon den die allge­meinen wirtschaftlichen Zustände behandelnden Fragen nicht los­gelöst werden. (Beifall rechts.) Die Gestaltung und die Bedürf­nisse der berschiedenen Berufsstände und Klassen sind so sehr bon dem Stande und bon den Formen unseres wirtschaftlichen Lebens abhängig, daß mir eine prinzipielle Abschweifung der Sozialpolitik einstweilen bedenklich erscheint. Die Frage nach der Fort­setzung unserer Sozialpolitik ist schon neulich bom Herrn Reichskanzler gestreift worden. Wie man aus Anlaß des Personenwechsels, der in diesem Sommer eingetreten ist, bon der Möglichkeit oder bon der Gefahr des S t i l l st a n d e s unserer Sozialpolitik hat sprechen können das ist mit, wenn im offen sein darf, nicht verständlich. Wenn ein Staat wie Deutsch­land es einmal als staatliche Aufgabe anerkannt hat, Sozialpolitik in dem umfassenden Sinne dieses Wortes zu treiben, und wenn er auf diesem Gebiete eine so weitschichtige Gesetzgebung ins Leben gerufen hat, wie es Deutschland tatsächlich getan hat, dann hieße es doch beralten, wollte man still stehen. Die Formen unseres Wirtschaftslebens haben noch lange nicht die wirtschaft- lieben, geschweige die sozialen und politischen Äustände und Lebens­bedingungen der einzelnen Faktoren unseres Wirtschaftslebens und das gegenseitige Verhältnis dieser Faktoren zu einander so stabilisiert, daß eine Gesetzgebung, welche entschlossen ist, an der Ordnung dieses Verhältnisses mitzuwirken, als abgeschlossen gelten kann. In bielen Punkten ich will nur einzelne beispielsweise herausnehmen in der Frage der Organisation bon Vertretungskörperschaften für die Arbeiter und An­gestellten, in der Frage der Versicherung der Privatbeamten sind wir ja noch kaum bei den ersten Anfängen angelangt. Die prägen des Arbeiterschutzes sind unzertrennliche Begleiter der sich ent- wickelnden Industrie. Daß wir einen weiteren Ausbau und eine Vereinheitlichung ober soll ich sagen eine Vereinfachung

unseres Arbeiterbersicherungswesens brauchen, darüber sind wir alle einig. Für alle diese Fragen, bon denen ich, wie ich wieder- hole, nur einzelne genannt habe, läßt sich kein einheitliches Schema borschreiben. Auch möchte ich dabon absehen, ein all­gemeines Programm zu stellen. Die Situation schreibt bor als einzelne aber bedingte Voraussetzung: daß ich Ihnen alles, was ich an Arbeitskraft habe, zur Verfügung stelle, um die Gesetzentwürfe, die Ihnen bereits borliegen, und die. jenigen, die ich mir noch zu nennen gestatten werde, bald zum Abschluß zu bringen.

Ich möchte mich, wenigstens für meine Person, keiner Täu­schung darüber hingeben, daß trotz aller skeptischen Ansichten, die in unserer gegenwärtigen politischen Situation sich geltend machen, das Bedürfnis nach politischer Betätigung in der gesamten Nation ein ungemein lebhaftes und ursprüngliches ist, und daß das nicht erst bon heute oder gestern ist.

Vor lauter Kritik sieht man über die Realitäten des Lebens hinweg, wenn man, wie es bielfach geschieht, die Gegenwart, biel­leicht das letzte Dezennium, als eine Periode unfrucht­barer Stagnation bezeichnet hat. Ich will kein laudator temporis acti sein, der ungeachtet alles Mißvergnügens, der un­geachtet aller Teilnahmlosigkeit auch im speziellen politischen Leben, die auch gerade in gebildeten Kreisen herrscht, den Drang nach politischer Betätigung überschätzt. Niemand kann aber berkennen, daß in den Kreisen der Arbeitenden, in den Organisa. Honen, die die berschiedenen Berufsstände auf gewerkschaftlichem und landwirtschaftlichem, auf charitatibem, wissenschaftlichem und künstlerischem Gebiete geschaffen, daß in der Gesamtheit unserer Kommunalberbände usw. eine überaus, ich mochte sagen, jugendliche Tätigkeit herrscht, deren Erfolge für jeden, der sehen will, unverkennbar sind. (Der Reichskanzler Fürst Bülow betritt den Saal.)

Ich habe in dieser Tätigkeit noch niemals auch nur eine Spur bon müdem Skeptizismus entdeckt. In ihr hat sich das heutige Deutschland bielleicht in einer gewissen Entfernung bon der parla­mentarischen Arena gebildet, und wenn man wiffen will, was der Deutsche kann und was er will, auch woran er leidet, bann mutz man dahin sehen. Unser politisches Leben kann nur gewinnen, wenn wir mit diesen Wirklichkeiten und allem Guten und Schlechten, was in ihnen liegt, wieder mehr rechnen. Wir werden daraus nur Anregungen für unser gesamtes politisches Leben gewinnen können, Denn in diesen Wirklichkeiten ist neben der manchen Not, die darin liegt, der deutsche Realismus nicht zugrunde ge­gangen. (Sehr richtig!) Wenn ich mich nicht täusche, so findet der politische Sinn der Nation in der Kräftigung und Verfechtung der rein materiellen Interessen nicht mehr sein bolles Genüge (sehr richtig!); er erfaßt wieder mehr und mehr nach außen hin die nationalen und im inneren die allgemeinen staatlichen ich darf sagen die staatlich kulrurellen und die staatlich ethischen In­teressen. Manche altüberfommenen politischen Programme er­weisen sich als überlebt. Man sucht und tastet, und das scheint mir der eigentliche Kern der jungen Bewegung zu sein, der sich in fast allen Parteien ausspricht, man sucht und tastet nach neuen Programmen, wobei es sich nicht sowohl um die extreme und radikale Verschärfung alter programmatischer Forde­rungen handelt, sondern vielmehr darum, für die neuen Anschauun­gen, welche aus unseren gewandelten wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen Herborgewachsen, Raum zu finden. Es mag para­dox klingen, daß wir den Anstoß zu diesem Ausgleich der An­schauungen und damit zum Uebergang zu freieren politischen Ideen gerade denjenigen Kreisen verdanken, die sich auf der Grundlage ihrer wirtschaftlichen Interessen zunächst exkludiert, zu neuem Standesbewußtsein zusammengeschlossen haben. Aber auch hier be­währt sich die Macht des Wirklichen und des Realen. Indem die deutsche Arbeiterschaft, indem der deutsche Bauernstand, indem der Mittelstand ich darf vielleicht im gegenwärtigen Augenblick mich dieses leicht zu Mißverständnissen herausfordernden Ausdrucks bedienen indem diese Stände entschlossen in unser politisches Leben eingetreten sind, haben sie ihm eine neue Färbung gegeben. Vielleicht mag zuerst die Wirkung unangenehm sein, und haben sie manchen Politiker abgestotzen; aber in seinem Ergebnis hat sie uns doch eine Verjüngung gebracht. Sie bringt die alten Parteien nicht zum Abgang; nein, w i r brauchen d i e alten Parteien auch in Zukunft ganz unentbehrlich. Aber sie bringt sie zu einer Re­vision der Programme, zu einer Revision vielleicht auch der politischen Gesinnung, zu einer Revision, die uns am Ende auch der Versöhnung näher bringt, weil sie auf die Hebung des Kulturniveaus des arbeitenden Kernes unserer Be­völkerung beiträgt, des Kernes, der in allen drei von mir ge­nannten Schichten die beste Grundlage unseres Volkslebens ist. Ich sage das auch insonderheit in bezug auf die Arbeiter. Sie, meine Herren, von der äußersten Linken, die Sie Ihre Gefolgschaft nach dem Kommando eines starren und nach Ihren Wünschen unwandelbaren Paneikommandos dirigieren, erschiveren ja diesen Prozeß, von dem ich sprach, unendlich. (Lebhafte Zustimmung.) Wenn die Zukunft einmal das Saldo Ihres Soll und Habens ziehen wird, dann wird sie Ihnen als schwere menschliche Schuld zur, Last legen, daß Sie immer und überall SUaffengenoffen gegen den Menschen ausspielen (Lebhafte Zustimmung), daß Sie im deutschen Arbeiter die Freude an staatlicher und gesellschaft­licher Mitarbeit zu ersticken suchen und damit auch den Trieb zu solcher Mitarbeit. (^>ehr ivahrl) Der deutsche Arbeiter wird auf die Dauer trotz Ihres Ideals des Zukunftsstaats diese Verkümme­rung nicht ertragen. Ich sehe einen Beweis dafür in dem An­wachsen der Arbeiterbewegung auf christlicher und nationaler Grundlage (Beifall), die Sie ja freilich nicht mit Befriedigung verfolgen. Herr Bebel hat neulich die Behauptung aufgestellt ich will sie auf ihre Richtigkeir gar nicht kontrollieren, daß der zweite deutsche Arbeiterkongretz so radikale, ja radikalere Forde­rungen erhoben habe, als es jemals die Sozialdemokratie tun würde. Bildet sich aber und ich vertraue darauf, eine Arbeiterbewegung daraus, welche den Willen und den Entschluß (jät verantwortlich mitzuarbeiten an der Ge- jtaltung unseres Lebens, dann wird in diesem Willen und Entschluß, das lehrt uns die gesamte Geschichte, ein sicheres und starkes Korrektiv auch gegen Uebertreibung, Ueberspannung einseitiger Forderungen liegen. (Sehr richtig.) Die politischen Kräfte im deutschen Volk sind nicht erstorben, sondern sie wachsen läglich in neuen Formen heran. Es wird mein Bestreben sein, ihnen Rechnung zu tragen auf dem ganzen großen Arbeitsfelde das vor uns liegt. Nur einige Mit­teilungen über den Stand der gegenwärtigen Hauptarbeiten! Die Novelle über die Einschränkung und Regelung ber Heim­arbeit werden morgen die Bundesratsausschüsse in zweiter Lesung passieren und ich hoffe, sie dann in ganz kurzer Zeit dem Reichstage vorzulegen. Der Gesetzentwurf über die Schaffung von Arbeitskammern liegt im Reichsamt des Innern vor. Ob

es möglich sein wird, die diesem Entwurf parallel laufenden Ent­würfe über die Einrichtung von Vertretungen für die Handels­angestellten und für die Techniker noch in diesem Winter zum Ab­schluß zu br.ngen, kann ich mit Bestimmtheit nicht sagen, doch hoffe ich es. Gerade diese Gesetzentwürfe liegen mir besonders am Herzen. Ich habe mich bei der Ausarbeitung lediglich von dem Bestreben leiten lassen, für die Organisationen Formen zu finden, welche den Beteiligten eine wirklich praktische Arbeit ermöglichen. Die Privatangestellten haben bis in die letzte Woche hinein über die Frage ihres Versicherungswesens beraten. Die zum Teil ein­ander entgegengesetzten Vorschläge aus ihren Reihen zeigen deut­lich die große Schwierigkeit der Materie. Daß diese Schwierigkeiten bald überwunden werden müssen, ist mir nicht zweifelhaft. Die von mir angeordneten Vorarbeiten über die Art der Organisation, den technischen Aufbau und insbesondere über die Höhe d-r Beiträge ist im ReichSamt des Innern dem Abschluß nahe. In Uebereinffimmung mit den Vorschlägen der Privatange­stellten wenden für die Beiträge höchstens 10 Prozent be§ ur^1*^ Verdienstes halb zu Lasten des Arbeitgebers und halb zu Lasten de- Angestellten gerechnet werden, und auch die weiteren Wunsche Ver­kürzung der Karenzzeit usw. werden berücksichtigt werden. Das ist ein Plan, der zunächst die technische Möglichkeit der Durchführung dieses schwierigen Versicherungszweiges zeigen soll. Sobald dre Vorarbeiten abgeschlossen sind, werde ich den Entwurf ^5^ftent- lichen, damit die Beteiligten Gelegenheit haben, die wirtschaftlichen Erfolge des Gesetzentwurfes zu beurteilen. Weber die Frage, ob und wie die Vorschriften über die Sonntagsruhe tm Han- delsaewerbe weiter auszubauen sind, sind die Bundesregierungen in Verbindung getreten. Persönlich vertrete ich dabei den StanD- punkt, daß diejenigen nicht recht behalten haben, welche bei der grundsätzlichen Einführung der Sonntagsruhe gmiz unerträgliche Schwierigkeiten für die erwerbenden Stände befürchteten. (Zu­stimmung.) Ick bin im Gegenteil der Ansicht, daß das V er­st ä n d n i s für öen großen S e ge n de r ©o n n ta g§ * ruhe sehr stark ge wachsen ist (Beifall), und,daß die Be­völkerung mehr und mehr bereit ist, auch in ihren persönlichen Ge­wohnheiten und Bequemlichkeiten dem Ruhebedurknis der arbeiten­den Klassen nachzugeben. So neige ich dazu, daß die s o n n - t a a S r u h e besonders in den großen Städten noch wirb ausgedehnt werden müssen (Beifall), und daß es möglich sein wird, eine größere Uebemnftimmung in den Au-- führungsbestimmungen der verschiedenen Bundesstacsten herbeizu- führen. Die Schwierigkeiten unterzchätze ich dabei nicht. Die Vor­arbeiten über die Revisionsfähigkeit und -Bedürftigkeit der auf Grund des S 105 b der Gewerbeordnung zugelassenen Maßnahmen haben wegen der Fülle des Erhebungsmaterials bisher noch nicht abgeschlossen werden können. Der Wunsch nach^Erweiterung icr Sonntagsruhe wird in dieser Beziehung selbstverständlich seine Grenze in der Aktionsfähigkeit der Industrie ftnden müssen. Die Vorarbeiten für die Einführung der Sonntagsruhe im Binnenschiffahrtsgebiete sind hn Gange. stelle zum

Handwerkskammergesetz wird, tote ich hoffe, nn Januar und Februar veröffentlicht werden können. Wenn sick' auch die Enguete der Natur der Nache nach,auf nur einen verhältnismäßig kurzen Zeitraum beziehen konnte, so glaube ich doch, daß die zum Teil sehr günstigen Ergebnisse über die Tätigkeit der Handwerks- fommern an einzelnen Orten reichliche Anregungen für die se< samten Kreise des Handwerks geben werden.

Vorarbeiten für die Revision des ArbeiterversichcrungS- wesenS habe ich nach Möglichkeit zu fördern gesucht. Sie werden begreifen, datz es mir ein Bedürfnis war, zu den Vorarbeiten, die ich im Reichsamt des Innern vorfand, auch persönlich Stellung zu nehmen und dabei, so viel tote irgend möglich war, sn d^ Vergangenheit, in der Gegenwart und m der Zukunft tfWung mit dem praktischen Leben zu halten. Ich lege bei der Reform Wert auf folgende Gesichtspunkte: tunlichste Vereinheitlichung des Kreises derjenigen Personen, welche wegen Krankheit oder In- Validität zu versichern sind, Schaffung der Möglichkeit, daß die Behandlung durch die Krankenkassen im Interesse der Beruss- genossenschaften und Versicherungsanstalten Nicht vorgreift, Schaf­fung eines einheitlichen mit Arbeitgeber- und Arbeitnehmer-Bei­sitzern ausgestatteten behördlichen Organs der -.okalinstanz, von dem der Arbeiter tunlichst in allen Versicherungsangelegenheiten Recht suchen und Recht ftnden kann, ohne Gefahr zu laufen, durch Irrtum in der Instanz Rechte zu verlieren (BravoI), Entlastung der obersten Instanz, Stärkung der Krankenkaffenorganisation durch Verteilung des Risikos auf möglichst breite Schultern, sei ev durch Zentralisation der Kaffen, sei es durch Zusammenschluß zu Zweckvereinigungen in Anlehnung an Kommunalverbande, Maß­regeln zur Sicherung der Verwaltung der Ortskrankenkassen gegen politischen M - brauch (lebhaftes Bravo! rechts; Unruhe und Zurufe bei den Sozdem.) allgemeine Grundzüge, die ich einstweilen für richtig halte. Wollte ich auf die Details eingehen, auf die Regelung des Verhältnisses der Berufsgenossenschaften und Versick^rungsanstal- ten zu den lokalen Versicherungsämtern, von denen ich sprach, auf das zukünftige Verhältnis der Ortskrankenkassen zu den Betriebs-, Bau- und freien Hilfskassen, auf die Reorganisation der Orts­krankenkassen usw., auf die Frage der Halbierung des Beitrags, des Stimmrechts, der Aerztewahl, so würde ich den Rahmen über­schreiten, der einerseits durch die heutige Tagesordnung, anderer­seits durch den gegenwärtigen Stand der Arbeiten gezogen ist. Aber allein aus der Aufführung dieser einzelnen Punkte werden Sie selber sich noch einmal vergegenwärtigen, mit was für Schwie­rigkeiten wir bei dieser Reform des Versicherungsgesetzes zu tun haben. Ich bin der Ansicht, wenn nicht auf allen Seiten der feste Wille vorhanden ist, tatfräfHg mitzuarbeiten, daß es dann nicht möglich sein wird, unsere Versicherungsgesetzgebung so einheitlich und so durchsichtig zu gestalten, datz der Zweck der Versicherung, dem Versicherten schnell und gerecht zu seinem Rechte zu verhelfen, kaum erreicht werden kann. Ich hoffe, datz es möglich fern wird das ist wenigstens mein Wunsch, daß diese Reform gleich­zeitig mit der Einführung der Witwen- und Waisenversorgung ins Leben gerufen werden kann.

In den letzten Monaten und Wochen ist in der Presse der Verwunderung darüber Ausdruck gegeben worden, daß weder der Reichskanzler noch der preußische Handelsminister noch ich bei Worten, die mit Vertretern von Arbeitnehmerorganisationen ge, wechselt wurden, Veranlassung genommen hätten, vom Koalitions­recht zu sprechen, das doch der Angelpunkt des gesamten Arbeiter­lebens sei. Es wurden scharfe Worte gesprochen, die darauf hinausliefen, daß das Koalitionsrecht in seiner heutigen Form nahezu illusorisch sei. (Sehr richHgl links.) In dieser Be­hauptung liegt unzweifelhaft eine große Uebertreibung. (Sehr- richtig! rechts.) Die Arbeiter haben sich bei dem jetzigen Recht in Deutschland so reichhaltig koalieren können, wie kaum in einem anderen Lande. Die Organisationen, die geschaffen wurden, haben nicht nur große Erfolge auf dem Gebiete der Lohnsteigerung er­zielt, sondern sie haben auch von ihrem Streikrecht einen um­fassenden Gebrauch gemacht. Sie haben es sogar verstanden,