Einem anderen Berichte zufolge führte Stead u. a. folgendes aus: Als er und seine Kollegen nach Deutschland abfuhren, dachten sie an den großen deutschen Adler, den Militarismus -und Chauvinismus, und sie fanden hier nur Freunde und Brüder. Die großen deutschen Dichter Schiller und Goethe werden von 'dem ungebildeten gewöhnlichen Engländer nicht gelesen. Alte aber lesen und lieben die Werke der Gebrüder Grimm; für die Kinder der ganzen Welt sind die beiden Grimm die größten -Schriftsteller Deutschlands. Die Einbildung des englischen Volkes sei voll von wunderbaren Dingen aus der Märchenwelt, von Menschenfressern, Riesen und allerlei Teufelei. Und auch einige englische Journalisten, welche nie in Deutschland gewesen seien iintb kein Wort Deutsch lesen könnten, bauten sich in ihrer Ein- j bildung ein Märchen-Deutschland auf, voll von Ungeheuern, Riesen «und Werwölfen. Solche Leute könnten nichts Besseres tun, als 'nach Deutschland zu fahren und Gäste des deutschen Volkes zu sein. Die Korrespondenten im Ausland seien die wirklichen Botschafter des Volkes, die Journalisten seien die Dolmetscher für die fremden Nationen. Darum müssen die Journalisten reisen, damit sie selber mehr über die Völker wissen, welche unsere Nachbarn sind, und damit sie selber die Gedanken, die Politik .und den Charakter der Völker jenseits der Greinen kennen lernen. Unwissenheit ist schlimmer als Bosheit. Wenige Menschen sind böse; -unwissend sind wir alle. „Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens", sagt Schiller, aber wenn die Journalisten Englands und Deutschlands sich mit den Göttern verbünden und den himmlischen Mächten ihre Zeitungen als Donnerkeile im Kampfe gegen idie Dummheit zur Verfügung stellen, bann ist ihnen der Sieg -sicher. Redner schloß: Einige Journalisten beider Länder arbeiten nicht für Freundschaft, sondern für Feindschaft, nicht für den Frieden, sondern für den Krieg. Es ist schade, aber es ist wahr. In der Zukunft, hoffe ich, werden solche Bösewichter, welche Brandfackeln in die Pulvertürme der Völker schleudern, wie Bruud- -ftifter behandelt werden. Es ist viel schlimmer, einen Kontinent in Brand zu stecken, als einen Heuschober anzuzünden.
Hiddington von der „Pall Mall Gazette" brachte einen >TrinksPruch auf die Berliner Handelskammer aus, die so viel für Industrie und Handel getan habe. Die englischen Gäste 'sangen darauf He, is a jolley good Fellow. Wilson, Präsident des Institute of Journaliste toastete auf den Handelskammerspräsidenten Herz.
Heute abend fand in der Wandelhalle des Reichstages ein ^Bierabend zu Ehren der englischen Gäste statt. Anwesend (waren u. o. die Staatssekretäre Krätke und Frhr. v. Stengel, sProf. Schmoller, Paul Lindau und Fulda. Eine Militärkapelle konzertierte. Ter Berliner Lehrergesangverein trug Lieder vor. «Die Gesellschaft blieb in angeregter Unterhaltung bis Mitternacht j zusammen.
Wie das „Berl. Tagebl." erfährt, steht nunmehr fest, daß die englischen Journalisten auf dem Paradefelde in Potsdam vom Kaiser begrüßt werden. Vermutlich wird der Kaiser nach der Parade auch in der Orangerie , erscheinen und dort die Gäste beim Lunch willkommen sheißen. Auch der König von Sachsen beabsichtigt die i englischen Journalisten (am Samstag) in Schloß Pillnitz ^persönlich zu empfangen.
Die Londoner »Westminster Gazette" schreibt:
»Wir verzeichnen mit großer Freude den großen Erfolg des Besuchs englischer Journalisten in Deutschland. Sie vertreten in glücklicher Weise alle Schattierungen der polit. Meinungen in Großbritannien, und wie sie mit gewinnender und .großartiger Gastlichkeit von ihren Wirten, deren Güte und Au' jmerfjamfeit wir aufrichtig anerkennen, würdig ausgenommen -worden sind, so stellen wir gern fest, daß die beiderseits gehaltenen Reden sich durch Aufrichtigkeit und Gradheit auszeichneten, die den beiden Nationen eigen ist. Der freie Austausch von Ansichten und gesellschastlichen Höflichkeiten wird viel zur Verhütung !von Mißverständnissen beitragen, rote sie nur zu oft von einem 'Teil der Presse beider Länder bedauerlicherroeise genährt ivorden ist/
Der Londoner »Star" schreibt:
»Die Rede des Unterstaatssekretärs v. Mühlberg verdient bei Jenen Beachtung, die unablässig die englische öffentliche Meinung gegen Deutschland auszureizen sieh bemühen. Das ist eine Redeweise, wie sie verständige Engländer begreifen können; sie zeigt, daß die Deutschen sich in ihren Bestrebungen von uns selbst nicht wesentlich unterscheiden und daß wir miteinander, ebensogut wie mit anderen Nationen, an den Welt- aufgaben z u s a m m e n a r b e r t e n können. Wir hoffen zu» wersichtlich, daß Herrn v. Mühlbergs Aufforderung an die deutschen sund englischen Journalisten, die falschen Legenden und das un- gerechtserligte Mißtrauen zu zerstören, in London oder Berlin nicht in Vergessenheit kommen wird, wenn die Festlichkeiten be= 'endet sind".
Der Journalistenbesuch wird in Frankreich mit großer Aul- mrcksamkeit verfolgt. Während einige Zeitungen der Reise einen absolut berufsmäßigen Charakter beilegen, verhehlen sich andere nicht die Wichtigkeit, die diese Gelegenheit zum Meinungsaustausch Iber Publizisten hat.
Die italienischen Blätter äußern ihre Sympathie mit der Reise der englischen Journalisten. Ter „Secolo" schreibt in einem Leitartikel: Die englischen Journalisten vollziehen vielleicht eine historische Reise, die für Deutschland eine aufrichtige daueinde Versöhnung und damit für das des bewaffneten Friedens müde Europa ,eine neue Aera einleiten wird.__________________________________
Deutsche»
Berlin, 30. Mai. Ter Kaiser hörte heute int Neuen ^Palais die Vorträge des Kriegsministers, des Chefs des Militärkabinetts und des Chefs des Marinekabiuetts.
— Zu den bevorstehenden deutsch-dänischen Han- belsvertragsverhandlungen erfährt die „Voss. Ztg.", chaß die Abänderung veterinär-polizeilicher 93-e* stimmungen zur Erleichterung der Vieheinfuhr dabei nicht in Frage kommt. Wenn trotzdem auf einen günstigen ^Verlauf der Verhandlungen zu hofsen ist, so liegt das daran, daß Deutschland in der Lage ist, in der für Dänemark wichtigen Frage der Pferdeeinfuhr wertvolle Konzessionen gegen entsprechende ^Ermäßigungen des dänischen Zolltarifs zu machen.
Essen, 30. Mai. Heber die Frage der Zulassung der > Preise zu den Sitzungen der Haager Konferenz verbreitete der „New Pork Herold" die Meldung, daß Deutschland und Japan sich dagegen ausgesprochen hätten, obwohl die Mehrzahl der Mächte, insbesondere Rußland und die Vereinigten Staaten, für- die Oefsentlichkeit der Sitzungen eingetreten seren. Demgegenüber erfährt die „Rhein.-Wests. Ztg.", daß über diese Frage Verhandlungen zwischen den einzelnen Mächten überhaupt noch nicht slattgefunden haben, daß aber Deutschland sobald die Frage erörtert werde, unbedingt für die Zulassung de r Presse cinireten werde, um durch die Oeffentlichkeir der Verhandlungen allen Preistreibereien vorzuveugeu. Die Erfahrungen von Algeciras^ in dieser Richvurg dürften noch nicht vergessen sein.
Hagen, 30. Mai. In d.r Stadtverordnetenversammlung brachte Bürgermeister Cuno die hohen Preise für Schweinefleisch im Einzelverkauf zur Sprache. N^lch eingehender Erörterung wurde beschlossen, die Angelegenheit der Schlachthofwmmission zu überweisen. Diese soll mit dem Vorstände der Fleischerinnung wegen Herabminderung der jetzt lbefteherrden ungetvöhnlich hohen Spcntnung zwischen Einkaufs- und Verkaufspreisen beim Schweinefleisch verhandeln. Bleiben diese Verhandlungen erfolglos, dann lotlen Mittel vvrgeschlagen werden, die der minderbemittelten Bevölkerung einen billigeren Fleischbezug gelvährleiiten.
Mannheim, 31. Mai. Das Gro ßher zo g s pa ar, das iEtLgroßherzogspaar und Prinz Däax von Baden mit Gemahlin sind gestern abend zur Teilnahme an den Festlichkeiten des dre i- hundertjährigen'stadt-Jubiläums mittels Dampfers hier eingetrofsen. Sie werden 8 Tage hier verweilen. Die Stadt ist verschwenderisch ausgeschmückt. Aus dem Fcstprvgrainm ist hervor zu heben: die Enthüllungsfeier des vom Großherzog ge- stpteten Denkmals aus dem Schloßplatz, die Crnweihuug bes
Industriell äsens, drei Musikfeste, ein Kinderfest, Festmahl, Festvorstellung im Hostheater und Illumination der Stadt.
Nürnberg, 31. Mai. Wie der „Fränk. Kür." meldet, ist der Zcntrumsabg. Tr. Heim mit dem Automobil verunglückt. Er erlitt bedeutende Quetschungen am Schienbein und mußte sofort ärztliche Hülfe in Anspruch nehmen.
München, 31. Mai. Heute sind hier einige sechzig Mitglieder des ungarischen Landesagrikulturvereins eingetrofsen, um eine mehrwöchige Studienreise durch Deutschland zu beginnen.
Offenbacher Kreisamt die Genehmigung zu diesen Beschlüßen mit Hinweis auf die finanzielle Belastung der Gemeinden. Eine Beteiligung in der Höhe von je 50 000 M. seitens der Gemeinden wurde als ausreichend bezeichnet. Der Magistrat der Stadt Hanau legte nun der Stadtverordnetenversammlung einen Antrag vor, ivonach die Stadt Hanau sich prinzipiell bereit erklärt, die fehlenden 50 000 M. zur Verfügung zu stellen. Der Antrag wurde angenommen.
Christiania, 31. Mai. Während die französische und die deutsche Presse allgemein den Besuch König Haakons in Paris als nicht politisch beurteilt, macht hier der gestrige Leitartikel der „Times" Aufsehen, welcher den gegenseitigen Sympathie-Austausch dahin verdolmetscht, daß eine franco- norivegische Verständigung nach dem Muster des eng- lisch-sranzosischen Abkommens beabsichtigt sei.
Paris, 30. Mai. Wie in hiesigen politischen Kreisen verlautet, wird Präsident Falliöres nach seinem für den September in Alissicht genommenen Besuch in Norwegen auf der Rückfahrt dem König von Schweden und dann dem König von Dänemark einen Besuch abftatten.
— Einem unkontrollierbaren Gerücht der „Libertä zufolge steht eine Begegnung des Präsidenten Fallieres mit dem Zaren in Kopenhagen bevor.
— Tie Kammer nahm einen Antrag an, nach welchem die Ehe zwischen Schwager u n d S ch w ä g e r i n gestattet wird, sowie einen Antrag, nach welchem die bisherige Frist von 10 Monaten, nach welcher eine geschiedene Frau sich wieder verheiraten dürfe, abgeändert wird.
Madrid, 30. Mai. Großes Aufsehen erregt die Verhaftung des Admirals Tiaz del Rio wegen eines heftigen Auftritts, den er mit dem Marineminister hatte. Im gesamten Marinekorps herrscht große Unzufriedenheit, weil der Minister beabsichtigt, eine Anzahl Offiziere und Unteroffiziere zu entlassen, indem er erklärt, sie seien überflüssig und es sei in erster Linie notwendig, das mangelhafte schwimmende Material zu vervollkommnen.
Konstantinopel, 31. Mai. Einer aus Rumänien eingetroffenen Depesche zusolge ist ein kutzowaalachischer Notabler von Griechen in Kanateria schwer verwundet und sein Diener getötet worden. — Eine vom Patriarchat eingegaugene Nachricht besagt, daß /am 18. Mai bei Plewna die drei bulgarischen Bandenführer Nenitseff, Tsaund-aroff und Zapranoff von Truppen erschossen worden sind. Ein vierter Bandenführer ist entkommen.
Indianapolis, 30. Mai. Anläßlich des heutigen Memorial Dah, des Tages, an dem die Gräber der im Bürgerkriege 1861—65 Gefallenen besucht und geschmückt werben, fand heute die Enthüllung des Denkmals für den Genera! Lawton statt. Hierbei hielt Roosevelt eine Rede, in der er ausführte, eine der großen Aufgaben, welche die Nation vor sich habe, sei die Erhaltung der Eigentumsrechte, die viel weniger von den Sozialisten und Anarchisten, als von den reichen Räubern bedroht werden. Die ganze Kraft der Nation gelte es einzusetzen zur Verhütung von Verbrechen gegen das Eigentum ebenso gut wie von Gewalttätigkeitsverbrechen. Wenn die Kontrolle über den geschäftlichen Gebrauch großer Vermögen, namentlich der Korporationen, durch die Nation selbst notwendig sei, so sei dies in erster Linie bei den Verkehrsmitteln zwischen den Einzelüaaten, den Eisenbahnen, der Fall und jedes Bundesgesetz, das sich hiermit befasse, sei ein Schritt vorwärts auf dem rechten Wege. Der Bundesregierung müsse eine Kontrolle über die Eisenbahnen eiiigeräumt werden, ähnlich der über die Nationalbanken. Zur Schaffung gesunder Verhältnisse im Eisenbahnwesen sei äunndhl'f "eine Untersuchung der Verhältnisse der einzelnen Bahnen notwendig, die seitens der Interstate Com- meree-Commissiou zu geschehen habe.
Aus S*aot uno taito.
Gießen, 31. Mai 1907.
**■ Z u Djirt Vergiftungserscheinungcn in der Familie des Schlachthofdirektors Dr. Garth in Darmstadt tonnen wir berichten, daß alle Erkrankten außer Gefahr sind, auch der am heftigsten angegriffene 10jährige Junge, der im Darmstädter Kraucenhause ausgenommen ist. Nach unseren Erkundigungen beim Gießener hygienischen Institut ist der Krank- beitserreger ein zur Gruppe der Gärtnerschen und Paratyphus- Lazulen gehörender Mikroorganismus. Wie dieser in die Reisspeise in so großen Mengen gelangt ist, ließ sich bisher rwch nicht feststellen.
x Vetzberg, 30. Mai. Ein hiesiger neunzehnjähriger Bursche, Wilhelm Römer, lag schwer krank darnieder. Der Arzt ordnete seine Ueberführnng in die Gießener nied. Klinik an, wo die Aerzte epidem. Genickstarre konstatierten. Kreisarzt Dr. Braun aus Wetzlar traf gestern hier ein, um die Krankheitsursache sestzuslellen. Vetzberg hat bekanntlich sehr dürftige Wasserverhältnisse.
— Wetzlar, 31. Mai. Nach einer Mitteilung des Vorstandes der Landesversicherungsanstalt der Rheinprovinz hat der Gesamtvorstand beschlossen, für die hier neu zu errichtende Volksbadeanstalt ein Darlehen von 90000 Mk. zu 3x/2 Prozent Zinsen und V/2 Prozent Tilgung zu bewilligen' unter die Voraussetzung, daß die Nolksbäder — Schwimm- und Brausebäder — sämtlichen Arbeitern der Stadt und des Kreises Wetzlar an 2 Wochentagen zum Preise von 10 Pfennig zugänglich sein sollen. Mit dieser Reueinrichtung wird einem sozialen Bedürfnis in schöner Weise Abhülfe geschaffen.
Frankfurt a. M., 30. Mai. Eine 22jährige Schneiderin versuchte sich heute früh mit Lysol zu vergiften. Ter Zustand des Mädchens, das die Tat au§ Liebeskummer begangen haben will, ist bedenklich. — Gestern waren 8 Tage verflossen, seit der Eibenbauni den ersten Schritt auf die Straße getan hat. Heute Mittag stand die Eibe mit bunten Bändern und Fähnchen geschmückt, am Opernplatz-Uhrtürmchen. — Zu dec Aussperrung in der Vietallb ranche ist zu melden, daß in den Lahmeyer- Werken der Betrieb vollständig ruht. Morgen folgt die Aussperrung bei Kley er. Die Einigungs-Verhandlungen wurden heute früh in Offenbach fortgesetzt. Ein greifbares Resultat hatten sie noch nicht. — Den Stationsafsi stellten im Hauptbahnhof ist von Seiten der Betriebs-Inspektion die Mitteilung zugegangen, daß Anträge für Erholungs- Urlaub wegen Personalmangels bis auf weiteres nicht zu stellen sind. Der schon bewilligte Urlaub einiger Affisten- ten wurde wieder zurückgezogen.
X Hanau, 30. Viai. Die Stadtverordnetenversammlung beschäftigte sich in ihrer heutigen Sitzung auch mit der Fortführung der demnächst in Angriff zu nehmenden elektrischen Straßenbahn nach den hessischen Nachbarorten Groß- und Klein-Steinheim. Die Kosten betragen 300000 M., wovon die Bausirma Hecker u. Co., Wiesbaden, die eine Hälfte, die Gemeinden Groß- und Klein-Steinheim die andere Hälfte aufzubringen haben. Die beiden Gemeinden erklärten sich auch damit einverstanden, doch versagte das
Attnst Und Wissenschaft.
— Ein Buch des bekannten Wiener Schriftstellers Hermann Bahr, betitelt „Wien", das schon vor seinem Erscheinen Gegenstand einer heftigen Kontroverse zwischen dem Autor und feinem Stuttgarter Verleger gewesen ist, da dieser eine Art Präventivzensur übte und vor Erscheinen des Buches bei den deutschen Staatsanwaltschaften anfragte, ob nicht einzelne Stellen Bedenken Hervorrufen würden, ist nun auch der Wiener Zensur- beHörde zum Opfer gefallen. Tie Staatsanwaltschaft hat in der Charakteristik der Habsburger, welche Bahr in seinem Buch gibt, eine Verletzung der durch das Strafgesetzbuch gebotenen Ehrfurcht von den Mitgliedern des kaiserlichen Hauses erblickt und das Buch beschlagnahmt. Wegen Wiedergabe eines Kapitels aus dem Buch wurde gestern auch das Neue Wiener Journal konfisziert.
Arbeiterbewegung.
Rotterdam, 30. SDiai. Tie Mitglieder der Korporation der G e t r e i d e m e s s e r und Wäger hielt heute nachmittag eine Sitzung ab, um über die Maßnahmen zu beraten betreffend die ständige Einstellung von Schtffsausladern an Stelle derjenigen, welche sich geweigert haben, Dienst bei den hydraulischen Elevatoren zu tun. Berittene Polizei und Polizei zu Fuß, sowie eine Abteilung Marme-Jmanterie bewachen die Gebäude, Nach Schluß der Sitzung wurden die Mitglieder der Korporation unter polizeilischem Schutze nach ihren Wohnungen geleitet, wobei die Polizisten genötigt waren, gegen die andrängende, mit Steinen werfende Menge von der blanken Waffe Gebrauch zu machen. Zwei Mitglieder der Korporation ivaren auf ihren Wunsch allein tm Versammlungslokale zurückgelassen morden. Ente Anzahl von Entladern lauerte denselben beim Nachhaujegehen auf und bewarf sie mit (Sternen; beide erlitten schwere Verletzungen am klopfe und wurden ins Hospital gebracht.
Gerschtssaal.
Halle o. d. S., 31. Mai. Bor dem Kriegsgericht der 8. Division hatte sich gestern der Leutnant von Rakowsky vom 72. Jn'anteile-Regiinent zu verantworten. Er war angeklagt, am 16. Mal gelegentlich einer Bataillons-Uebnng dem Rekrnten Schiller einen Schlag mit dem Säbel, der in der Schiede st eckte, gegen die Schlche versetzt zu haben, sodaß der Verletzte anderthalb Stunden marschuniahig wurde. Unter Berücksichtigung des Ttensteisers, der Gereiztheit und des erregten Gemütes des Angeklagten tvnrde ein minder schwerer Fall als vorliegend angenommen und auf 14 Tage Stubenarrest erkannt.
Märkte.
ke. Frankfurt a. M., 31. Mai. (Orig.-Telcgr. des „Gieß. Anz.") V t e h m a r k t. Zinn Verkäme standen 00 Halber, 00 Schate tu Hammel, 882 Schweine, 0 Ziegen. Schweine: 1. Qual. 55-00 Pf., Lebendgeivicht 43.00—00 Pf., 2. Qual. 54—00 Psi, Lebendgewicht 42.00-00 Psg., 3. Qual. 46—48 Psg. Halber 1. Qual. 00—00 Pf. Lebendgewicht 00-00 Psg., 2. Qual. 00—00 Psg., Lebendgewicht CO—00 Pig^ Schlachtgewicht 00—00 Psg. Schafe 1. Qualität 00—00 Pfg., 2. Qualität 00—00 Psg, Geschäft bei Schweinen gedrückt, Ueberstand bedeutend.
Gießener Wetterdienst.
Voraussichtliche Witterung für Hoffen am Samstag den 1. Juni: Rietst trüb, leichte RegensäUe, mäßig warm, südliche Winde.
Eingesandt.
(Für Form und Inhalt . .,i um.,^ Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion deut ..>uolikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)
Die Neuregelung der Fahrkartenausgabe hat auf unserem B a h n h o f e Zustände geschaffen, die unmöglich von Dauer fein dürfen. Entgegen der früheren guten Sitte werden bekanntlich die Fahrkarten fetzt nach allen Richtungen an einem und demselben Schalter verkauft und nur innerhalb der Wagenklaffen findet eine Scheidung dahin statt, daß die Karten 1. bis 3. Klasse an einer Stelle, diejenigen 4. Klasse und für Militärpersonen an einer zweiten verkauft werden. Ob diese Neuregelung den Schalterbeamten genehm ist, die gegen früher eine mindestens dreifache Anzahl von Karten überblicken und schnell greifen müssen, weiß ich nicht. Das Publikum hat keinen Grund, damit zufrieden zu fein, und ist entrüstet, wie ich mich gestern morgen überzeugen konnte. Vier Schalter waren geöfmet, um für die verschiedenen bald nach 8 Uhr Gießen verlassenden Züge Karten abzugeben, gut paritätisch zwei für die Klasse 1 bis 3, zwei andere für Klasse 3 und Militär. An den letzten Schaltern kaum ein Mensch, an den ersteren lange drängende Reihen bald räsonierender, bald ängstlich auf die unbarmherzig vorrückenden Uhrzeiger blickender Menschen. Anlaß zu besonderem Andrang war heute nicht, also wird's wohl immer so fein, und ich muß gestehen, ähnliches nur in Italien einmal vor Jahren gesehen zu haben. Damals schwoll unser Nationalstolz: „rote gut, daß wir nicht sind wie jene da", und heute? . . . Mir glückte es, nach 12 Minuten ein Billett zu erwischen, nach loeiteren fünf Minuten meinen Koffer aufzugeben; in eiligem Lauf die Sperre und den Tunnel durchquerend erreichte ich IR/2 Minuten nach Betreten des Bahnhofs den Zug. Daß alte Reifenden so glücklich waren, etwa solche, die tollMhn nur 15 Minuten vor Abgang des Kölner Zuges sich in die Reihe der ängstlichen Nörgler gestellt hatten, wage ich nicht zu behaupten.
Es erübrigt, die Unannehmlichkeiten zu erörtern. Es muß verlangt werden — und es ist betrübend genug, daß dies Verlangen erst ausgesprochen werden muß —, daß mindestens 4 Schalter für die Klaffen 1 bis 3 zugleich geöffnet werden und weiter, daß ein maßgebender und Hilfe schaffender Oberbeamter immer zur Stelle ist. Heute vernahm nur das Gewölbe des dem Verkehr neuerbauten Bahnhofs die Klagen. Das ist ja hoch und ein guter Schallfängcr, aber mit diesen trefflichen Eigenschaften ist dem reisenden Publikum allein nicht gedient. S.
Gießen, den 29. Mai 1907.
Original-Drahtmeldungen.
R. B. Darmstadt, 31. Mai. Im Auftrage der städt. Armendeputation wurden heute 65 Kinder nach dem Odenwald geschickt, und zwar die Knaben nach Neunkirchen, und die Mädchen nach Nonnrod.
Düsseldorf, 31. Mai. Prof. Olbrich aus Darmstadt hat den Auftrag erhalten, hier ein Warenhaus für die Firma Tietz zu errichten. Der Bau soll 5 Millionen Mark kosten.
London, 31. Mai. Der Bischof von Norwich hielt eine heftige Rede gegen die Greueltaten im belgischen Kongo st aate, fügte aber hinzu, daß auch England nicht überall makellos dastehe.
Rom, 31.Mai. Gestern trafen hier zahlreiche Kinder der streikenden Arbeiter ein, um bei hiesigen Arbeitern untergebracht zu werden. Bei ihrer Ankunft veranstalteten die Arbeiter eine Demonstration, wobei es zu Zusammenstößen mit der Polizei kam. Hierbei wurde ein Polizciosfizier und ein Polizist verwundet, während auf Seiten der Arbeiter emer schiver unb acht leichter verletzt wurden.


