Ausgabe 
30.7.1907 Zweites Blatt
 
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Grotz-Berlin.

Dorr besonderer Seite wird uns geschrieben:

Der Gedanke, aus Berlin mit seinen zahlreichen Vororten einGroß-Berlin" zu schaffen, besteht seit langem. Zunächst auS wirtschaftlichen Gründen. Es ist ein anormaler Zustand, daß viele Tausende von Bewohnern der Vororte Berlins, die bessere und billigere Wohnungsgelegenheit bieten, zwar in der Reichs- Hauptstadt tagsüber ihrem Erwerb nachgehen und die kommunalen Einrichtungen benutzen, aber dafür größtenteils nicht einen Pfennig Steuer der Stadt Berlin entrichten. Berlin mit seinen ungeheuren Verwaltungslasten könnte das Geld sehr gut gebrauchen. Eine Petition, die in diesem Sommer cni das preußische Abgeordneten­haus gerichtet wurde, fiel jedoch unter den Tisch. Das Abgeord­netenhaus überwies die Petition nicht ciitmai der Negierung zur Erwägung; vielmehr schloß sich die Regierung selbst der Auf­fassung an, das Berlin nichts zu fordern habe. Mit demselben Recht könnten die Fremden für die Benutzung der Straßen usw. steuerpflichtig gemacht werden. Das ist nun nicht ganz dasselbe. Denn die Fremden halten sich nur beschränkte Zeit in Berlin auf und die große Mehrzahl von ihnen weilt überhaupt nicht zu Geschäftszwecken, sondern zum Vergnügen oder zu Lernzwecken In der Reichs Hauptstadt.

Tie Steuerfrage für ein Groß-Berlin bildet aber nur eine Seite, wenn auch eine wichtige der Sache. Von noch größerer Bedeutung ist die zukünftige Entwicklung eines Groß-Berlins in architektonischer, künstlerischer, kultureller Hinsicht. DieVereinigung Berliner Architekten" und derArchiteltenverein" haben sich neuerdings tatkräftig des Gedankens angenommen, eine Reihe von Vor­schlägen zur Erlangung eines Grundplancs für die städtebauliche Entwicklung von Groß-Berlin aufgestellt und so ist endlich der

erste praktische Schritt zur Verwirklichung der Idee getan worden. Ein kürzlich erschienenes stattliches HeftGroß-Berlin" (Verlag von Ernst Wasmuth, Berlin) faßt die Aufgaben und die Mittel zur Durchführung übersichtlich zusammen. Für alle größeren Städte können die i-n diesem Buche niedergelegten Entwürfe, Anregungen, Urteile und Erfahrungen von Nutzen sein. Es ist nichts Geringes, um das es sich handelt: um die Beseitigung einer wirren Regellosigkeit in der ganzen Art der Anlage und fortschreitenden Bebauung der Stadt; um die der Besonderheit und Schönheit der Stadt; um die Erhaltung von Licht und Lust, von freien Plätzen und Erholungsanlagen; um die Schaffung der besten und schnellste:: Verkehrsgelegenheiten. Und, so schreibt mit Recht einer der führenden Architekten Berlins, Emanuel Heimann, in dem erwähnten Buche:Berlin gehört nicht nur den Berlinern, sondern ganz Preußen, ja ganz Deutschland. . . . Viele Fremde kennen von einem Lande überhaupt nur die Hauptstadt, und der Eindruck, den idnese hervorruft, wird maßgebend für die Beurteilung des ganzen Landes." Als Ziel stellen die Architekten hin: Ein großzügiges Netz von Haupt-Verkehrsstraßen, von Schnellbahnen und Wasserwegen, die .Freihaltung ausgedehnter Wald- und Wiesenflüchen, die Durchdringung der Baumassen mit Parkstraßen und Promenaden, Sport- und Spielplätzen, und die tunlichste Vorherbestimmung von Plätzen für öffentliche Bauten. Tie wohldurchdachte, von künstlerischem Geist getragene Regelung dieser Grundlinien der Stadtenrwicklung soll in enger Anlehnung an die wasserreiche Schönheit der märkischen Landschaft, die tech­nische und ästhetische Einheit einer mächtigen Großstadt des- 20. Jahrhunderts vorbereiten. Kürzer, prägnanter kennzeichnet Heimann das Ziel mit folgendem Satz:Aus dem ungeordneten Agglomerat von Häusern, Straßen und Plätzen, von Städten und Dörfern, das Groß-Berlin zu werden droht, eine großzügig ge­

plante, künstlerisch gestaltete Großstadt zu schaffen." Für das ganze Gebiet des zukünftigen Groß-Berlin müsse ein Bebauungs­plan gesetzlich festgelegt werden, unter Vermeidung der größten Gefahr der Einförmigkeit und Schablone.

Soweit Groß-Berlin. Unseres Erachtens ist es für alle beut, scheu Städte, d^e ein charakteristrsches Gepräge jetzt noch auf­weisen, ein Gebot, darauf zu achten, daß diese Eigenart mit bestem künstlerischen Geschmack gepflegt werde.' Es ist ein betrüblicher Anblick, wenn man als Besucher liebgewordene Städte wieder- sieht und die Verunstaltungen gewahrt, die vielleicht im Zeitraur. eines einzigen Jahres das Stadtbild erfahren hat, Veränderungen' von denen nur wenige einheimische Bewohner der Stadt sich Rechel schäft geben. Ta findet der Fremde unmittelbar neben entzückenden mittelalterlichen Bauten stillose, schreiende Bauten errichtet, reiz, volle Durchblicke zugebaut usw., mit dem Erfolg, daß die ganze Anmut einer Straße vernichtet ist. Auf Reisen kann man oft die Verwunderung ausdrücken hören, daß eine ehedem vielbesuchte Gegend seit Jahren sich verringernde Anziehungskraft ausüöe. Tie Verwunderten sollten sich einmal fragen, was aus der Gegench aus der Stadt im Laufe der Zeit gemacht worden ist!

Wir konnten, heimgelehrt von einer Fahrt, die uns in manche altberühmte und nur zu sehr veränderte Stadt brachte, diese bei­läufigen Bemerkungen nicht unterdrücken. Wohin es führt, wenn rechtzeitig versäumt wurde, das Gute der Vergangenheit liebevoll zu hegen unv das Neue nach einemwohldurchdachten, groß­zügigen Plane" zu soffen, das ist aus der Entwicklung der Reichshauptstadt ersichtlich. Tas Bild Berlins weist schon manchen verletzenden Schönheitsfehler auf. Es ist darum ein dankens­wertes Unternehmen, das von den Berliner Architekten begonnen wurde, und doppelt dankenswert, weil es Anregung versprich: auch für andere deutsche Städte.

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Der Vergleichsvorschlag ist auf der Gerichtsschreiberei des Konkursgerichts zur Einsicht der Beteiligten niedergelegt.

Gießen, den 29. Juli 1907.

Der Gerichtsschreiber B°/T des Großherzogl. Amtsgerichts.

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