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25.11.1907 Erstes Blatt
 
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Erstes B?E

Mor?trrg 2Z. November ZK07

Mzeiger für GberWen

157. Jahrgang

Be-ugSpretSr monatlich 75131., viertel- jährlich Mk. 2.20-. durch Abhole- u. Zweigstellen monatlid) 65 'BL; durch diePosl Alt. <4. viertel- tährl. auSjchl. Gestellg. ZeilenoretS: lokal IbBf^ auswärts 20 i>fenmq,

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G'ebener Anzeiger .erben tm Wechfel tritt »m hcssilchen kandwirt ie Siebener KamllitN' Idttei uicrnml in dci ^oche bciqelcqt veimal wöchentlich das rcisbifltl für den Krds Ichen. Ferniprech-An- blußf. d. Redaktion 112 ieriag u. ExVedrtton 51 [Ötefie tüt Deveichen» KuzcLAS» Öiefecn. genahmc w* Änzelgen

_ u. Land- und.Sertchls-

-* JX-Ärc Uotatlsnsrruck und Verlag der Srühl'schen Univ.-Vuch- und Steindruckrret. B. Lange. Redaktion. Expedition und Druckerei, Schulstratze 7. !Lui°.a°n,esl'^b"'«Ä

Ium Geburtstag S. K. H. des Großherzogs.

3n Treue und Liebe sind heute die Blicke des hessischen Volkes nach Darmstadt ge- chtet, wo der Großherzog inmitten seiner Familie seinen Geburtstag begeht. Neunund- eißig Jahre wird der Fürst heute alt und ^5 Jahre seiner Regierung liegen hinter uns. eides ist für menschliche Verhältnisse keine lange Zeit, aber doch lang genug, um den )ert und die persönlichen Eigenschaften eines Mannes erkennen und seine Taten und undlungen beurteilen zu können. Das Urteil des hessischen Volkes über seinen 5. Groß- rzog sieht denn auch schon längst fest. Es sieht und liebt in ihm den gerechten und itigen Fürsten von ehrlich konstitutioneller und fortschrittlicher Gesinnung, der gern dem olke geben möchte, was des Volkes ist, wenn nicht ein Teil der verfassungsmäßigen -walten aus selbstsüchtigen Gründen die zeitgemäße Erneuerung der hessischen Verfassung s jetzt vereitelt hätte. Das hessische Volk sieht ferner in seinem Großherzog den fein­bildeten künstlerisch empfindenden Mann, der mit allen seinen reichen Gaben sich bemüht, r Kunst, dieser schönsten Blüte des menschlichen Lebens, eine bleibende Stätte in seinen rnden zu bieten und zu erhalten und sie allen Kreisen der Bevölkerung nutzbar zu machen. > konnte das Heffenland unter seiner zielbewußten und weitausschauenden Führung seit mein Regierungsantritt eine Zeit des Aufstiegs und des Fortschritts auf kulturellen und irtschaftlichen Gebieten durchleben, wie vorher kaum je, und diese Tatsache bildet den sten Beweis, daß die deutschen Einzelstaaten auch in der Zeit des neuen deutschen eiches ihre volle Daseinsberechtigung haben, wenn sie nur ihre Zeit verstehen und ihre ufgaben richtig erfassen.

3u Treue und Liebe gedenken aber heute vor allein die Oberhessen und ganz sonders die Bewohner seiner getreuen Stadt Gießen ihres Landesfürsten. Sie wußten ja

früher schon, daß er den Interessen des alten hessischen Stammlandes warmherziges Inter­esse von jeher entgegenbrachte und rechneten es ihm hoch an, daß er seine fürstliche Ge­mahlin aus dem alten Kattenlande sich erkor. Aber im letzten Jahre wurden, sofern es überhaupt möglich war, die Bande zwischen Oberhessen und Großherzog Ernst Ludwig noch enger geschlungen. Besonders zahlreich waren die Besuche, die der Großherzog der und jener oberhessischen Landschaft niachte. Die provinzialhauptstadt Gießen zumal hatte zweimal die Freude, den Landesherrn begrüßen zu können; das erstemal an der Seite des Kaisers, um das hessische Kaiserregiment zu besuchen, und das zweitemal bei der Säkular­feier der Landesuniversität, als deren rector magniticentissimus das Gelöbnis ablegend, daß die Wissenschaft auch fernerhin in den hessischen Landen voraussetzungslos frei und ungehindert sich betätigen könne.

Im alten Hessenschloß an dem nach seinem großen vorfahren genannten Platz der alten Hessenstadt Gießen hat der Fürst der Hessen sich ein neues heim geschaffen; möge er oft und gern hier weilen, in der Stadt, die Jahrhunderte hindurch mit seiner Familie in Freüd und Leid verbunden war. Möge das glückliche Familienleben, das der Großherzog Ernst Ludwig an der Seite seiner oberhessischen Gemahlin führt und das vor jetzt reichlich einem Jahr durch die Geburt eines Sohnes feine Krönung erhielt, ihm auch fernerhin erhalten bleiben und möge es dem Fürsten auch fernerhin vergönnt sein, seinem Volke ein Führer zu sein auf der Bahn des Fortschritts und der menschlichen Entwickelung.

Das ist der aufrichtige Wunsch, den Oberhessen und die Stadt Gießen dem geliebten Herrscher heute als Geburtstagsgabe darbringt. E. H.

politische Wochenschau.

Gießen, 23. Nov.

Einstmals nannte man uns das Volk der Dichter und enkcr, der Träumer und Idealisten, heute sind luir Wirk- hkeitsmenjchen von praktischer, nüchterner Weltaufsassung. ir suchen nicht mehr, wie ehedem, die höchste Befriedigung unfruchtbaren Idealen, wir träumen uns nicht mehr in astände yinein, die leine Wirklichkeit haben, wir sind nach anchen schmerzlichen Erfahrungen endlich dahin gekommen, wir ansangen, das Leben zu nehmen, wie eS fist. Be- idjnenb hierfür ist die Zurückhaltung gegenüber den uten Freudenklängen, die anläßlich des Besuches es deutschen Käiserpaares von jenseits des anals zu uns h-erübergekommen sind. Früher, vielleicht ?ch vor kurzem, hätte der Enthusiasmus bei uns keine rcnzen gekannt, und wir hätten alle Freundschasts- und riedensversicherungen der englischen Gastgeber auf Treue ,ib Glauben hingenommen. Gewiß, wir freuen uns auch ute über die Herzlichkeit, die unserem Kaiserpaare in ngland entgegengebracht worden ist. Wir konstatieren auch it Genugtuung, daß die deutsch-englischen Beziehungen eine mz merkliche Besserung erfahren haben, aber wir ver- nnen dabei doch nicht, daß im Volkerleben Friedens- und nnen dabei doch nicht, daß im Völkerleben F-riedens- tb Freundschastsversicherungen im Grunde genommen )ch nur Eintagswerte sind. Wir dürfen uns ifjer auch über die merkwürdige Rede nicht sonderlich andern, die der englische M a r in e m i n i st er jetzt, enige Tage nach dem Kaiserbesuche, gehalten hat. In dieser ebe hat Lord Beeresford gesagt, es sei die Pflicht Eng- nbs, darauf zu achten, daß die englische Flotte eine so :oße Macht erlange, daß jeder Krieg mit England von irnherein unmöglich werde. Sollte irgend ein Land Eng- nb heraussordern, so werde es durch die Stärke Englands rmalmt werden. Eine Spitze gegen uns sollten diese Worte itürlich wohl nicht haben. Sie sind nur ein Ausfluß des wßen Wirklichkeitssinnes der Engländer, der sie in allen benslagen in stand setzt, Welt und Menschen zu sehen, ie sie sind. Vergessen wir auch nicht, daß dieser gesunde -irklichkeitssinn England reich und mächtig gemacht hat. >enn wir es nun in dieser Beziehung den Engländern nach- achen, so wird es unser Schaden wahrlich nicht sein.

Gestern ist der deutsche Re ich s tag wieder zusam- engetreten, und er wird sich bald recht eingehend auch mit ragen unserer nationalen Wehrkraft zu beschäftigen haben, öffentlich lassen unsere Abgeordneten es dann ebensowenig ie die Engländer und Franzosen an realpolitischen Er- ägungen fehlen. Die so außerordentlich nüchternen und .attischen Engländer würden doch wahrlich keine so ge- alligen Aufwendungen für ihre.Wehrkraft machen, wenn e nicht von dem Gedanken durchdrungen wären, daß eine arte Rüstung die beste und sicherste Kapitalanlage eines olkes ist.

Außer Heeres- und Flottenvorlagen wird noch eine rnze Reihe anderer wichtiger Vorlagen den Reichstag ui !m jetzigen Sessionsabschnitte beschäftigen, so z. B. die orlagen über die Erhöhung der Beamten- und Ofsiziers- -hälter und die Forderungen für Kolonialbahnen, ferner e sogenannten Blockvorlagen, das Vereinsgesetz und das örsengesetz und endlich die sozialpolitischen Vorlagen, von -n vielen kleineren Vorlagen, wie bie_ über den Scheck- :rkehr, den Wechselprotest, die Majestatsbeleidigungen, Versicherungsvertrag u. a. gar nicht zu reden. Ob auch die coße Finanzreform schon jetzt kommen wird, ist fraglich.

Etwas mehr realpolitischen Sinn und einen weiteren Blick hätte man auch unseren Gießener Wählern bei den diesmaligen Stadtverordneten wählen wünschen können. Die Wahlen sind ja dieses Mal noch glücklich und gut ausgegangen, aber bei der beispiellosen Zersplitterung der bürgerlichen Stimmen hätte der Ausgang der Wahlen auch leient einige .unliebsame Ueberraschungen bringen können, ',-jlan verfällt im deutschen Vaterlande leider noch immer gar zu leicht in den alten Fehler, über dem Zw- nächstliegenden die großen wichtigeren Ziele aus dem Auge zu lassen.

In Belgien und Portugal scheint die politische Lage sich gegenwärtig täglich zu verschlimmern. Hier wie dort erscheint die Dynastie ernstlich gefährdet. In Portugal ist diese Wendung der Dinge nicht sehr überraschend, denn dort besteht schon seit geraumer Zeit große Mißstimmung gegen die Regierung und den Monarchen. In Belgien da­gegen war die Person des Monarchen beliebt. Unzusrieden- heit mit der klerikalen Negierung herrschte ja auch hier, aber eine gewisse Großzügigkeit in der Politik König Leo­polds versöhnte die Belgier immer wieder mit der sonstigen innerpolitischen Lage des Landes. Darüm sah man auch über die vielen Charakterschwächen des Königs sehr weit­herzig hinweg. Neuerdings aber hat es König Leopold, wie es scheint, mit seinen Belgiern doch gründlich verdorben. Man will seine neue Kongopolitik nicht mehr mitmachen, man ist auch über das persönliche Verhalten des Königs empört. Häßlich genug war der jahrelange Erbschaftsstreit des Königs mit seinen Töchtern, aber als skandalös emp­findet man es jetzt, daß der König sogar den Schmuck seiner verstorbenen Gemahlin gerichtlich versteigern läßt. Unzufrieden ist man ferner damit, daß der König fast das ganze Jahr hindurch im Auslande lebt. Man erwägt bereits ernsthaft den Gedanken, den Prinzen Albert mit der Regentschaft zu betrauen. Aber auch die Proklamierung der Republik wird eifrig besprochen. Unter diesen Um­ständen kann eine Entscheidung in dem einen ober anderen Sinne leicht eher kommen, als man es erwartet.

Die Iberische Halbinsel mit ihren heißblütigen Be­wohnern, denen das Messer stets locker in der Scheide sitzt, ist schon oft der Herd von Umwälzungen gewesen. Es ist ost genug erzählt worden,- wie der Thron Mfons von Spanien auf einem Vulkan errichtet sei, und er selbst ist ja auch schon mehrfach der Gegenstand von Attentaten gewesen, denen er glücklich entging. In letzter Zeit scheinen sich aber die Verhältnisse in Spanien doch etwas gebessert zu haben, wenn auch aus dem stets unruhigen Katalonien, speziell Barcelona, ab und zu Meldungen über Ausschreitungen und dergleichen kommen. Um so schlimmer aber lauten die Nachrichten aus dem benachbarten Portugal, wo man am Vorabend einer Revolution zu stehen scheint. Ter König ist persönlich unbeliebt und hat sich dies selbst zuzuschreiben, weil sein Privatleben ost schweren Verdruß erregt, obwohl man in Portugal in dieser Hinsicht doch etwas frei denkt. Anstatt nun durch eine zweckdienliche und dem Wunsche der Bevölkerung entsprechende Politik deren Meinung zu ge­winnen, hat der König in den letzten Jahren alles getan, um nicht bloß die Opposition, sondern sogar die Regierungs­partei vor den Kops zu stoßen. Man beachtet die Wünsche der Volksvertretung in keiner Weise, Parlament auf Parla­ment wurde aufgelöst, bis man es schließlich überhaupt nicht mehr einberief. Der böse Geist des Königs ist der Minister­präsident Franco, der absolutistisch regieren möchte wie der Zar und eine Diktatur errichtet hat. Unter solchen Um­ständen ist es erklärlich^ wenn sich des Volkes bis in die

höchsten Spitzen eine enorme Gärung bemächtigt hat, die über kurz oder lang zu einer schweren Explosion der Ge^- müter führen muß. In den letzten Tagen scheinen sich die Dinge ungemein zugespitzt zu haben; ähnlich wie in Rußland sand man Bombenlager und Massenverhastungen waren die Folge. Selbst Ossiziere sollen kompromittiert sein; das Heer ist anscheinend unzuverlässig, denn in Lissabon wird die Stadtgarde in ihren Kasernen konsigniert und ebenso werden diejenigen Kriegsschiffe, deren Mannschaft verdächtig ist, in die Kolonien gesandt. Genaueres erfährt man kaum, da eine überaus strenge Zensur ihres Amtes waltet und alle verdächtigen Briese durch ein von der Post eingerichtetes schwarzes Kabinett geöffnet werden. Das Häuslein der Regierungsanhänger wird daher immer kleiner, viele angesehene Persönlichkeiten treten sogar zur republikanischen Partei über, deren Weizen jetzt naturgemäß blüht. Welchen Ausgang die Dinge nehmen werden, mag angesichts dieser Situation kaum zweifelhaft fein. Mit Sicherheit kann angenommen werden, daß, wenn sich die Dinge weiter zuspitzen, König Carlos fein Verhalten mit dem Verlust der Krone wird büßen müssen, ähnlich wie sein Oheim Dom Pedro von Brasilien. Fraglich ist nur, welche Staatsform man alsdann wählen wird. Ans der einen Seite erfreut sich der Kronprinz ziemlicher Sym- pathisn; es heißt auch, daß er dem Könige gegenüber Vor­stellungen wegen seiner Politik gemacht habe und des­halb nach einem entfernt gelegenen Schlosse verbannt worden, sei. Anderseits gewinnt der republikanische Gedanke in­folge des Verhaltens des Königs mehr und mehr an Boden. Jedenfalls geht Portugal einer Reihe von sehr schweren Tagen entgegen. ______ ___________

St.mmunlzSbAd aus Sem Kelchstage.

Berlin, 23. Nov.

Mit einer Häkelei zwischen den Antiblockparteien be­gann die Samstagssitzung des Reichstags. DaS schwach besetzte Haus hatte sich zunächst mit einer an sich ziemlich harmlos erscheinenden Vorlage zu beschäftigen. Ter deutsch- niederländische Vertrag über die Unfallversicherung der deutschen Arbeiter in Holland und der holländischen Ar­beiter in Deutschland stand an erster Stelle zur Beratung. Diese Unfallversicherung, die wir vor einigen Tagen näher besprochen haben, bedeutet den ersten Versuch auf diesem Gebiete, und ihr werden binnen kurzem ähnliche Verträge mit dem übrigen Ausland folgen. Dieser Umstand gab einer Reihe von Rednern Veranlassung, die Verweisung der Vor­lage an eine Kommission zu verlangen, eine Forderung, die schließlich vom Hause mit erdrückender Mehrheit ge­billigt wurde. Das interessanteste Moment der Debatte war die Fehde zwischen den Abgg. § und Schiffer, die Führer der sozialdemokratischen und der christlichen Ge­werkschaften. Schon am ersten Tage des Sessionsabschnitts hatten sich die beiden Antiblockpaneien gezankt; die Sozial­demokraten hatten dem Zentrum die Mängel der Berggesetz­novelle zur Last gelegt. Dafür gedachte sich das Zentrum am Samstag zu revanchieren, und Herr Schiffer holte zu einer großen Vernichtungsrede gegen die Sozialdemo­kraten aus. Die Genossen machten ihm das Leben durch höhnische Zurufe und Gelächter sauer, und Herr Hue wieder­holte die Angriffe vom Tage zuvor. Herr Schiffer kam nicht dazu, ausführlich zu antworten; ohne Erbarmen schnitt ihm der Vizepräsident Paasche den Redefaden ab, und der Zentrumsfprecher mußte sich mit ein paar lapidaren Sätzen begnügen. Offenbar widerstrebend verließ er die Tribüne. Erheblich weitsichtiger gestaltete sich die Debatte