Ausgabe 
27.2.1907 Drittes Blatt
 
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Nr. 49

157. Jahrgang

Mittwoch, 27. Februar 1907

Erscheint tögvch mit Ausnahme des Sonntags.

DieSiebener Zamilienblätter" werden dem »Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, dar Krefcbkrtt für den Kreis Ließen" zweimal wöchentlich. Derhessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Rotationsdruck und Verlag der Br üblichen UnwersilälS Buch- und StembrudcuL R. Lange, Dieben.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Sckul- slraße 7. Ervebitton und Verlag: bl.

Redaktion: ey® 112. Tel.-Adru AnzeigerGießen.

Parlamentarische Verhandlungen.

Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.

Deutscher Reichstag.

4. Sitzung vom 26. Februar. 1 Uhr.

Taö Haus ist sehr gut besetzt.

Am BunLesratStisch: Frhr. von Stengel, Groi PosadowSky, Dernburg, Frhr. von Rheinbaben, Frhr. vonTschirschky, Kraette u. a.

Vor Eintritt in die Tagesordnung führt

Präsident Graf Stolberg

aus: Wie mir mitgeteilt worden ist, haben gestern einige Mit- glieder des Hauses in der Sitzung ihrem Beifall nicht nur durch Bravorufen, sondern auch durch Händeklatschen Ausdruck gegeben. (Heiterkeit.) bei dem sehr starken Bravorufen im voll besetzten Hause war das von hier aus nicht zu hören. (Große Heilerleit.) Deshalb möchte ich heute daran erinnern, daß das Händeklatschen nicht zulässig ist. (Zuruf: Tribüne!) Bei dieser Gelegenheit nwdrtc ich auch daran erinnern, daß nach § 63 der Geschäftsordnung von den Tribünen Beifalls« oder ZustimmungSkundgebungcn über­haupt nicht gegeben werden dürfen.

Die erste Beratung deS Etats wird fortgesetzt. Mit zur Debatte steht der Ergänzungsetat für 1907 (Erhöhung der Beamten-Gehälter usw.).

Wg. Bebel (Soz.):

Zunächst bin ich genötigt, auf das zurückzukommen, waS gestern die Herren Fürst Bülow und Dassermann gegen meine Partei ge­sagt haben. Diesen Herren erscheint es als daS größte Verbrechen für einen Bürgerlichen, in der Stichwahl für einen Sozialdemo­kraten zu stimmen. Wie war eS doch 1879 bei der Wahl in Frank­furt? Kennen Sie nicht das Bismarcksche Telegramm: «Fürst wünscht Saborl"? Fürst Bismarck war wenigstens objektiv genug, um die Bedeutung der Sozialdemokratie anzuerkennen. (Gelächter und Widerspruch rechts.) Ja, das war der Fall. Ich werde heute keine Behauptung aufstellen, die ich nicht beweisen kann. (Zuruf: «Heute!" Große Heiterkeit.) Fürst Bülow scheint die Sozial­demokratie als seinen persönlichen Feind zu betrachten. Von einem Staatsmann aber sollte man wenig,tenS den Schein der Objektivität erwarten. Statt dessen hat die Regierung in einer bis jetzt uner­hörten Weise in den Wahlkampf einbegriffen. Herr Dassermann war gestern über das Eintreten für die Sozialdemokratie sittlich entrüstet. Wenn ich einen National!iberalen sittlich entrüstet sehe, kommt mir immer ein Lächeln. (Unruhe.) Weiß Herr Basser- menn nichts vom Wahlabkommen zwischen Nationalliberalen und Sozialdemokraten bei den badischen Landtagswahlen 1905? (Leb­haftes Hört! hört! im Zentrum.) Damals hccken hohe Beamte, Reserveoffiziere, Lehrer, Pfarrer, Kriegervereine für die sozial­demokratischen Kandidaten gestimmt. (Lautes Hört! hört! im Zentrum.) Und wie war eS bei den Reichstagswahlen? In Freiburg hoben die Nationalliberalen meinen Parteigenosien an­geboten, wenn unsere Partei dort für den Nationalliberalen stimmt, würden die Nationalliberalen in Mainz und Köln für den Sozialdemokraten eintreten! (Lebhaftes Hörr! hört! im Zen­trum.) Genau dasselbe hatten wir in Gießen und Osnabrück. DaS nattonallibevale Blatt des Herrn Wamhoff rühmte damals in hohen Tonen die anregende, befruchtende Tätigkeit der Sozial­demokratie. (Hört!) Ein vierter Nattonallibcraler mag keinen Sozialdemokraten leiden, doch seine Stimme will er gern! .(Heiterkeit.)

Auch für konservative Kandidaten suchte man die Sozial­demokraten zu gewinnen. (Lebb. Widerspruch rechts.) Hat doch ein einflußreicher Mann im Flottenverein befürwortet, die Sozial- demokrateri gegen das Zentrum zu unterstützen. Das beweisen die Keim-Briefe. Der Reichskanzler kann es nicht begreifen, wie das Zentrum bei seiner Weltanschauung einem Sozialdemokraten seine Stimme geben kann. Das beweist, daß er nicht gerade sehr weit- ftchtig war. Zentrum und Sozialdemokratte waren in der Mehr­heit, gegen die am 13. Dezember der Reichstag aufgelöst wurde. Da war es naturgemäß, daß wir bei den Stichwahlen aufeinander angewiesen waren. Wir haben einander nichts geschenkt, wir find aufeinander loSgegongen wie nur zwei Todfeinde. Aber barm in der Stichwahl, da war für uns das Zentrum das kleinere Hebel. Da will einStaatsmann" uns daraus einen Vorwurf machen? Wir sind im Reichstag selber sehr oft in der Sozialpolitik schließ­lich mit dem Zentrum zusammengegangen, aber ebenso mit anderen Parteien. Es kam oft genug vor, daß die äußerste Rechte und die äußerste Linke allein gegen den übrigen Reichstag stimmten. Das parlamentarische Leben besteht eben aus Kompromissen! (Sehr richtig!) Die Entrüstung der katholischen Bischöfe kann uns nicht imponieren. Die Bischöfe haben vor 2 Jahren geschwiegen bei dem bekannten Kompromiß zwischen Zentrum und Sozialdemokratie zu den bayerischen Landtagswahlen. In der Frage, die den Reichstag zur Auflösung brachte, sind wir mcht mit dem Zentrum, sondern gegen das Zentrum gegangen. Wir waren eben gegen unsere Ko- lonialpolttik überhaupt, beim Zentrum handelte es sich nur um einige Abstriche. Herr Bassermann suchte gegen unsere Haltung die Ausführungen meiner Parteigenossen Calwer und Bernstein in denSozialisttschen Monatsheften" auszuspielen. Er hat es aber Unterlasten, auf die Stellen hinzuweisen, in denen Calwer seine ablehnende Stellung begründet. Calwer sagt im Märzheft auf Seite 196:

«Ich habe schon einen Gesichtspunkt an gedeutet, der es mir unmöglich macht, als Sozialdemokrat für kolonialpolitische Forderungen zu stimmen. Die Ausgaben für Kolonien_dürfcn auf keinen Fall aus dem Lohn einkommen, sondern müsten aus dem Kapitaleinkommen gedeckt werden."

Das ist derselbe Standpunkt, den wir Sozialdemokraten alle einnehmen. Aber nicht Sie. Herr Dernburg hat sich schön ge­hütet, solange er Direktor der Darmstädter Bank war, auch nur 100 000 Mark in Südwestafrika anzulegen. Erft als er Kolonial­direktor wurde, kam ihm die Erleuchtung. Na ja, wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand I (Heiterkeit.) _ Und Herrn Dernburg gab er nicht nur den nötigen Kolonialverstand, sondern auch die nötige Kolonialphantasie. (Heiterkeit.) Wer einer ernsten Versammlung von 1600 Sachverständigen das Mär­lein von der verlorenen Dattelkiste vorerzählen kann, der hat für mich das Recht verloren, in dieser Frage überhaupt ernst ge­nommen zu werden. (Unruhe.)

In dem zitierten Arttkel derSozialistischen Monatshefte" tagt mein Parteigenosse Calwer weiter:

«Neben diesem aus der wirtschaftlichen Stellung des Ar­beiters im heutigen Produktionsprozesse sich ergebenden Grunde kommen noch allgemeine politische Gründe hinzu, die

mir als Sozialdemokraten es zurzeit verbieten, für kolonial­politische Forderungen einzutreten."

So, nun nun kann Herr Bastermann vorlesen, soviel er will, durch diese beiden Sätze ist alles widerlegt. Alles, was Calwer über die Notwendigkeit und Wünschbarkeit kolonialer Erwerbun­gen sagt, sagt er nur vom Standpunkt bc5 Klasteninteresses der Bourgeoisie aus! Und übrigens: wenn Sie Calwer und Bern­stein so vernünftig finden, warum haben Sie denn alles aufge« boten, um sie nicht in den Reichstag hineingelangen zu lasten? (Gehr gut! bei den Soz.) S i e jammern über unsere Intoleranz! Sind nicht Calwer und Bernstein Beweise dafür, daß wir auch abweichende Meinungen als. gleichberechtigt anerkennen? Und auch Calwer und Bernstein selber sind wirtschaftspolitisch die schärfsten Gegner innerhalb der Partei. Gleichwohl entwickeln sic beide ruhig ihre Meinung, und wir haben nichts dagegen. (Zu­ruf: Na, na! Heiterkeit.)

Ueberhaupt: S i e wollen von Toleranz sprechen? Wer anders hat denn den Kulturkampf entfacht, als die Nationallibe- ralen? Und heute gibt es unter Ihnen (zu den Natl.) noch eine ganze Menge von Leuten, b.e bereit wären, den Kulturkampf wieder zu entfesseln, wenn sie - nicht ordentlich an der Kandare gehalten würden. (Unruhe bei den Natl.) Wenn ich in der vorigen Session sah, wie die Herren Bastermann und Spahn mit einander ver­handelten, ein Herz und eine Seele, bann wurde mir immer ganz schwummrig. Sie wollten die Sozialdemokratie gemeinsam er­legen und daS Fell teilen. Es kam anders. Die Auslösung zer­störte den feinen Plan. Und da zeigte es sich, daß sie innerlich noch wie Hund und Katze standen. Die alte Feindschaft ist wieder auSgcbrodjen. Allerdings, wenn e§ gilt, ein Mandat zu ergattern, bann genieren sich die Herren vor nichts.

Sie machen ein großes Geschrei von der Hintertreppenpolitik des Zentrums! Als ob Sie (zu den Natl.) es anders getrieben hätten! Lesen Sie nur die Memoiren deS Fürsten Hohenlohe! Erwarteten Sie da nickt den Lohn für Ihre Dienste durch Minister- sestel? (Unruhe bei den Natl.) Und wie gar die Konservativen Hintertrcppenvolitik machen, das hat ja Herr v. Kröcher im Wahl­kampf so schön und anschaulich uns erzählt, (.^iterlcit.) Und denken Sie doch an die. Zeit der Kamarilla und später noch an die Kreuzzeitungspartei, usw. Als Bismarck Bundestagsgesandter war, da wagte er e8 kaum, seine Briefe der Post anzuvertrauen, weil das Briefgeheimnis keineswegs sicher sei! Entrüsten Sie sich dock jetzt nur nicht über diegestohlenen" Keim-Briefe! Die hohe Politik ist nun einmal ein schmutziges Geschäft. Wenn Sie heute gestohlene ^geheime Briefe aus dem Lager der Sozialdemokratie be- fonunen, Sie besinnen sich nickt lange, Sie nehmen sie mit Hand­kuß! (Sehr richtig! Widerspruch.)

Heber dieNiederlage" der Sozialdemokratie herrscht bei Ihnen eitel Freude. Alle Potentaten haben dem Kaiser gratuliert. Die Interessen der Machthaber sind eben international solidarisch. Im übrigen: Frohlocken Sie nicht zu sehr! Sie (zu den Natl.) haben schon ganz andere Mandatsverluste gehabt. Und was ist Ihnen jetzt groß geglückt, nachdem Sie die Agrarier für sich eTngc= svannt und das Nestchen von Liberalismus zum Teufel gejagt haben? Kläglich genug. Herr Bastermann mußte lange umher- irren, bis er ein Plätzchen fand, wo er sein Haupt niederlegen konnte! (Große Heiterkeit.) Wir sind so munter, wie H.

WaS Sie unS diesmal abgejagt haben, holen wir das nächste Mal schon wieder. Das können Sie nicht ändern: jeder vierte Wähler ist ein Sozialdemokrat! Wenn wir ein gerechtes, pro- porttonales Wahlsystem hätten, hätten wir jetzt 117 Abgeordnete. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Der gesamte Hotten, tottenbloif (Heiterkeit und Unruhe) hat nur 54 Millionen Stimmen, wir allein 3V* Millionen, und die Opposition hat eine Million mehr als Ihr Block. Wir werden alle unsere Kräfte daran setzen, um die Scharte sobald wie möglich wieder auszuwetzen. (Lachen.) So, Sie glauben nicht daran? Nun, wenn Sie den Kampf reckt bald haben wollen, bann nehmen Sie unseren Anttag an, bie 5jährige Legislaturperioden toieber in 8jährige zu ver- toanbeln 1 Und wie ist gegen uns gearbeitet worden? Was hat nicht alles der NeickSverbanb zur Verleumdung der Sozialdemo- kratie geleistet! Und die Wahlbeeinflussung durch die Regierung, sie war ja noch ärger als unter Napoleon III. Wollte man all bie Mandate für ungültig erklären, die durch amtliche Wahl- beeinflussung zustande kamen: der halbe Reichstag müßte nach Hause geschickt werdenI (Sehr wahr! bei den Sozialdemo­kraten.)

Soviel zur Einleitung. Ich wende mich jetzt zur Thronrede. Was sie über die Sozialdemokratie sagt, ist eine objektive Unwahr­heit! Ebenso auch das, was über bie Leistungen bet Regierung ba erzählt wird. WaS hat sie denn aufzuweisen? In Preußen hält sie krampfhaft an dem von Bismarck gekennzeichnetenelendesten aller Wahlsysteme" fest, an dem rückständigen Vereinsrecht, an der verrotteten Gesindeordnung, sie beschert uns ba bas Stubtsche Schulgesetz, ben Bremserlaß: lauter Faustschläge in bas Gesicht, Faustschlägr gegen bie Kultur! Fürst Bülow hat vor zwei Jahren im Herrenhaus eine schöne Rebe gehalten er hält immer schöne Reben (Heiterkeit), ba sagte er:Preußen in Teutschlanb voran! Deutschland in ber Welt voran!" Eine faustbicke Un­wahrheit! DaS offizielle Preußen ist baS Inkarnat alles kultu- rellen Rückstandes! (Unruhe rechts.) DerCourrier Europeen" hat vor einiger Zeit eine Enquete veranstaltet, eine Anzahl bc- lannter Männer zu einem Urteil über Deutschlanb aufgeforbert. Was haben wir ba hören müssen! Der italienische Gelehrte Lombroso nannte Preußen bas Land bes Feubalismus, Milita­rismus und Absolutismus, ben einzigen europäischen Staat, in dem noch das persönliche Regiment bestehe! (Hört, hört!) Unb ähnlich äußerten sich anbere Kapazitäten.

Es ist eine ganz unwahre Behauptung, wenn von ber Sozial­demokratte gesagt wird, sie untergrabe die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung. Es ist noch nie von uns ein Antrag auf Befestigung der bestehenden Ordnung eingebracht, sondern alle unsere Anträge zielen lediglich auf ihre Verbesserung ab. Der Sozialis­mus ist in Wahrheit der Sauerteig geworden, ber bie bürgerliche Gesellschaft zu Reformen treibt. Die ganze soziale Gesetzgebung ist mir auf unser Drängen erfolgt. Wenn wir zuerst zum Teil gegen diese Gesetze gestimmt haben, so geschah cs nur aus dem Grunde, weil sie uns in ihrem Aufbau noch nicht genügten, mit dem Grundgedanken waren wir durckaus einverstanden, und unter allen Anträgen, die später von ben Nationallibcralen unb anberen zur Verbesserung dieses Gesetzes gestellt wurden, ist auch nicht einer, ber nicht schon längst von uns gestellt worben war. Unsere Mitglieber haben auch in den Kommissionen am fleißigsten an ber Verbesserung ber sozialen Gesetzgebung mitgearbeiter. Auch die Handelsverträge unter Caprivi sind nur mir Hilft der sofialdemo- krarischen Stimmen zustande gekommen. Caprivi wurde seinerzeit Graf, als er mit der -::sialdemokratie n russischen Handels­vertrag durchbrachte, ur Jraf Bülow K .de Fürst, als er gegen

die Stimmen der Sozialdemokratie ben Zolltarif durchsetzte, -so wandeln sich in ber Regierung die flnfdxiuungen. Auch Fürst Bismarck hat anerkannt, daß c8 ohne bie Sozialdemokratie eine Sozialresorm bei uns nock nicht gäbe Für den jetzigen Reichs­kanzler aber ist die ganze Sozialpolitik eine terra incogmtal (Lärm rechts; lebhafte Zustimmung bei den Soz.)

Bizepräsident Paasche:

Sie dürfen dem Reichskanzler nicht vorwerfen, daß er etn wichtiges Gebiet unserer Gesetzgebung nicht kennt. (Schallendes Gelächter bei den Soz.)

Abg. Bebel (fortfahrend) *

Professor Delbrück hat anerkannt: Kunst, Wissenschaft und Bildung haben sick geflüchtet unter die Fittiche ber Sozialdemo­kratie, unb dieses Urteil ist mir mehr wert, als das Urteil deS jetzigen Reichskanzlers.

Ucber unser Regierungssystem ist ja selbst von nationallibe­raler Seite der Stab gebrochen worden. Kann man sich ein schärferes Urteil denken, als daS, toeldie8 dieNational-Zenung", ein gut nattonallibcraleS Blatt, noch im Oktober v. I. fällte, in­dem sie ben Satz anfstellte: Die Parole mühte fein, ber Regierung keinen Pfennig zu bewilligen! DaS ist boch daS Radikalste, waS man tun kann, wenn man ben Etat verweigert. Auch Herr Paascke hat sich über unsere Politik in einem Sinne geäußert, daß man sich wundern muß, wie solcke Gedanken in einem nationalliberalen Gemüte Wurzel fassen können. (Heiterkeit.) Er erkannte noch im Juni in einer Versammlung in Schleswig-Holstein an, daß die augenblickliche Lage Deutschlands mit ber einer Joslierung bedenk­lich viel Aehnlichkeit habe, und er tadelte nicht nur die auswärtige Politik, sondern auch die Militärpolittk, daS Cliquenwescii, daS sich dort breit macke, und anderes. Ick frage Sie: WaS hat sich in diesen Dingen feit dem Juni geändert? Aber wenn bie Herren auch unzufrieden sind, selbst wenn sie in Friedenskonferenzen der Ab­rüstung das Wort reden, sobald es sich im Parlament um die Ab­stimmung handelt, bann ist keiner unter ihnen, ber ben Mut hat, den übertriebenen Forderungen für bas Heerwesen entgegenzu­treten. Der Reichsschatzsekretär hat sich gestern rebliche Mühe gegeben, ben Etat in einem günstigen Lickte erscheinen zu lassen. Aber neue Steuern lassen sich gar nicht mehr vermeiden, infolge ber ungeheuren Ansprüche, welche Heer unb Marine unb Kolonial- volitik stellen, und in nächster Session werden sie sickerlich kommen. Den jetzigen mit so großem Tamtam gewählten Reichstag hat man nur noch nickt gleich damit behelligen wollen. Wetm das Reich fick endlich entschlösse, eine die großen Vermögen stark treffenbe Reichserbschaftssteuer einzuführen, dann würde es aller finan­ziellen Sorgen enthoben fein.

Wie wird denn unsere Regierung überhaupt, selbst von ben Ihrigen, angesehen?Unsern Mangel an diplomatischen Kräften müssen wir durch brutale Macht ersetzen": so sagt ber Generalissi­mus bieses Wahlkampfes, der Generalmajor a. D. von Siebert! (Abg. v. Siebert ruft: Bravo! Heiterkeit.) Nun wollen wir mal sehen, wo? bie Regierung jetzt leisten wird. Jetzt haben Sie (nach rechts) ja die Macht, jetzt können Sie Ihre Politik treiben, wie Sie wollen! Jetzt macken Sie endlich Ihre MittelstandS- volittk! Wird ja nichts als Pfusckwerk, kommt ja alles nur dem Großkapitalismus zu gute! Ich wollte, Herr Pauli würbe endlich einmal in daS Reicksamt des Innern berufen werden, bann wird es sich zeigen, wie weit er kommt! Phrasen sind genug gewechselt, wir wollen endlich Taten sehen. Der Reichskanzler hat uns ge­sagt: er denke an dies, er denke an das! Ja, ben len ! Es wird sich zeigen, was er tun wird! Wir verlangen Gerechtigkeit für alle, Beseitigung der Klassenjusttz, ber schweren Recktsbeugun - gen! Exzesse gegen d e Arbeitslosen, wie in Hamburg, müssen ein für allemal unmöglich gemacht werden. (Unruhe.s In Sachen des Kriminalkommissars Sckoene ist noch nichts geschehen, der Hand- abhacker in Breslau ist noch nicktentdeckt"! Wir verlangen ein freies Vereins- und Versammlungsgesetz, Freihett unb Recht ohne Ansehen der Person, ein Berggesetz, baä Kaicsstrophen wie in Reden unmöglich macht. Wir wollen freie Betätigung ber poli­tischen unb religiösen Ueberzeugung. (Zuruf: Auch für bie kleinen Geschäftsleute, bie von Ihnen bofotticct werben!) Wo so ettoaS vorkomw mißbillige ich das auf das allerentschiebenste. Aber wie machen Sie es benn? In Gera hat man den kleinen Geschäfts- leuten, bie in sozialdemokratischen Blättern inserieren, mit dem Bovkott gedroht! Alle Reichs« und besonders die Militärbehörden botifottieren die Sozialdemokraten. Ick war selber Kleingewerbe- treibenber, hatte schöne Aufträge vom sächsischen Staat; sie wurden mir sofort entzogen, als es bekannt wurde, daß ich Sozialdemokrat bin. Wird bei ur.5 in dieser Beziehung gesündigt, so bet Ihnen zehntausendmal. (Särm rechts.) Wir wollen den Fortschritt auf allen Gebieten. Daran ist aber nicht zu denken, solange der preu­ßische Junker regiert: die Verkörperung aller Reaftion! Wir aber haben guten Mut. Wir wissen: Unser ist bie Zukunft trotz alle­dem! (Lebh. Beifall bei ben Soz. Starkes Zischen recAs.),

Reichskanzler Fürst Balow:

Ick will auf eine konkrete Anfrage, die ber Herr Abg. Bebe! im Laufe seiner Ausführungen über angebliche

Wahlbeeinflussungen der Regierung

währenb beS Wahlkampfes an mich gerichtet hat, mich vor diesem hohen Hause und vor dem Lande auf bas entschiebenste unb un- zweideutigste erklären unb feststellen, baß währenb ber Wahl­bewegung aus amtlichen Fonds für Wahlzwecke nicht ein roter Heller ausgegeben worben ist. (Hört, hört! rechts.) UebrigenS weiß jebes Mttglieb bieses hohen Hauses, baß ebenso wie aiun Kricgführen auch zu einer Wahlkampagne Gelb gehört. Ich habe mich deshalb für bie Bilbung eines Komitees interessiert, welches für bie Minderheitsparteien vom 18. Dezember Gelb gesammelt hat. (Lebhaftes Hrt, hört! bei ben Sozialdemokraten.) DaS zu tun, war bein gutes Recht. (Sehr richtig! rechts.) Von meinem 1 guten Rechte habe ich Gebrauch gemacht. Die gesammelten Gelber sind nicht durch mich, sondern durch Verttauensmänner der Parteien verteilt worben. Dem Wunsche einzelner Geber gemäß haben auch in einzelnen Fällen Anregungen, die mir zu- gegangen und bic von mir an bie Verteilungsstelle übermittelt waren, Berücksichtigung gefunden. Im übrigen gehe ich auf die Ausführungen des Herrn Abg. Bebel über Wahlbeeinflussung heute nicht weiter em, ba ich sie gestern schon im voraus widerlegt habe. (LauteS Gelächter links, Sehr gut! rechts.) Höchstens will ich diese Ausführungen dankbar quittieren als einen Beweis dafür, daß die Regierung bei dieser Wahl nicht geschlafen hat, sondern auf dem Posten war unb ihre Schulbigkeit tat (Lebhafte Beifallskunbgebungen bei ben Mehrheitsparteien, stürmische Zu- rufe bei ben Sozialbernorkaten.)

Nun hat der Abg. Bebel auch gemeint, daß bie Sozial- bemo kratie eine vorzugsweise, wenn nicht lediglich refor