Nr. 25
Erscheint täglich außer Sonntags»
Tc in Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Lietzener Kamillen« dl Liter ötcnnal in der Wor1)e deigelegt und zweimal wöchentlich da» Krelsblatt für den Krtls -letzen. Aernsprech Anschluß s.d.Redaklwn 118 Verlag u. Expedition 51 Adresse für Depeschen: «uzctger Äießen.
Erstes Blatt
Mittwoch 30. Januar 1907
157. Jahrgang
Gietzener Anzei
General-Anzeiger für Oberhefsen
^Gcnchtsjaal': (i x n ft
ßotatlonsbrud und Verlag der vrühl'schen Unio.-Vuch« und rtelndruckerei. K Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchulftrahe 7. ^^.rteiu Han» B^'ck
vezugdv rei mona:lich75Pto viertel- löhrhrt) Mk. 2.20; durch 'llbbolc- il Jweigsiellerr monatlich Bo Pi.; durch die Post K'kk.2.— üiertd- ;äl)rL auSschl. Beflellg^ Annahme van Anzeige» •ur bie '2aqe»nui:uner dlS vormittags 10 llöu ZesienpreiS: lokal lüPs^ auSwärt» 20 Pfewiig, Verantwortlich ’üc den poliL und allgem. Teil: P. Willko: iür ,Ltabl und Vanb' und
Ile lZentige -Dummer nmfaht 10 gelten,
politische Lageischar».
Tel fleifer! Antwort.
Ein willkommenere» Geschenk al» den Ausfall der Reich»- lagSwahlen konnte da» deutsche Volk dem Steifer kaum auf den GeburlslagStisch legen, und die Genugtuung dürfte in hohen Sirenen umso größer gewesen sein, al» man einen derartigen AuSgang kauin hatte erwarten können. Muß auch der Kaiser über den Parteien flehen und daher eine direkte Aenßernng über da» Wahlresultat unterlassen, so hat er e» doch auf einem anderen Wege verstanden, feine besondere Freude durch einen Akt zu bekunden, welcher einem feil Jahren geäußerten Wunsche weiter Volkskreise entgegenkommt. In einem an seinem Geburtstage veröffentlichten Erlasse an den Iustlzminister forderte er, wie wir mitleiUen, diesen auf, ihm jede Verurteilung wegen MajestätSbeleidi- gung zu unterbreiten, uni für den Fall, daß keine niedrige Gesinnung vorliegt, vom Rechte der Begnadigung Gebrauch machen zu können. Ader nicht genug damit, gibt der Steifer in dem Erlasse zu verstehen, daß auch eine Abänderung der Majeslätöbeleidigungs- Paragraphen in Erwägung gezogen ist, welchen abzu- andern der Kaiser allein ja kein Recht hat, sondern dies der Volksvertretung überlassen muß. Damit wird eine Frage geregelt, die schon feil langem gewünscht wurde und man darf vielleicht hoffen, daß die kaiserliche Kundgebung ein Dinen dafür ist, daß man nunmehr auf anderen Gebieten in Berücksichtigung der Wahlen em ähnliches Entgegenkommen zeigt. Daß dem MajeslütSbeleidigungSparagraphen künftig eine andere Fassung gegeben wird, kann man nur auf da» lebhafteste wünschen, da durch denselben bisher schon genug an Unheil angerichtet worden ist. Wurden doch viele Anklagen auf Grund von Denunziationen erhoben, bei denen gemeine Rachsucht da» Motiv war. Auch in der Trunkenheit getane Aeußerungen brachten dem Unvorsichtigen schwere» Unglück, ja sogar kaum strafmündige Kinder, die keine Ahnung von der Tragweite ihrer Aeußerungen besitzen konnten, wurden nut Gefängnisstrafen belegt. Ueber Beleidigungen von solcher Seite kann die Perfon beS Kaisers wirklich erhaben sein, über sie kann er hinwegsehen und durch die Begnadigung feurige Kohlen auf ihren Häuptern an- sainmeln. Hoffentlich wird daS Kaiserliche Versprechen in Gestalt einer Parlainentsoorlage eingeläst werden in einer Form, die sich von Engherzigkeiten sreihält. Der Kaiserliche Erlaß zeigt, w:e die kürzlich erfolgten Zusagen auf Gehaltserhöhung der unteren Beamten und die LeuerungSunterstützungen, daß man endlich die Notwendigkeit eingesehen hat, auch mit der Bevölkerung wieder in engerem Konnex zu treten, der bedauerlicherweise in den letzten Jahren mehr und mehr verloren gegangen war. Wenn jetzt eine Umkehr eintritt, dann dürfte
die Regierung auf noch mehr Anhänger zählen künnen, als die Wahlen sie aufgeboten i aden.___________________________
Au» S.aoi uuo tuno.
Sprechstunden... . i —V-S ITbr abb».
Gießen, ben 80. Januar 1907.
Gedenket der hungernden Vögel!
— 6. SL H. bet Großherzog traf am Montag morgen 11 Uhr mit bem Flügelabjutanten Frei Herrn von Massenbach in München ein und nahm in dem Hotel ,Zn den vier Jahreszeiten^ Wohnung. Nachmittag» stattete ei n. d. Tarmst. Ztg. dem Professor Strick in seinem Atelier einen mehrstündigen Besuch ab. — I. K. H. die Großherzogin mit Gefolge beabsichtigte, schon am TienStag abend 11 Uhr 32 Mm. in Darmstadt wieder einzutreffen.
• * DrdenSangelegenheit. S. K. H. der Groß- herzog haben dem LandiagSabgeordneten Justizrat von Brentano bt Tremezzo, Rechtsanwalt in Dffenbach, bie Erlaubnis zur Annahme und zrim Tragen de» ihm von dem König von Italien verliehenen DsfizierkreuzeS des Ordens der italienischen Krone erteilt.
• • Unsere Berichterstattung z u r Reichstags wähl. Zu unserer Mitteilung, daß zwei Orts- Vorstände unserer Bitte um Uebernmlelung des Wahlresultals nicht entsprochen hätten, teilt uns jetzt der Bürgermeiiler von Geilshausen nut, daß auch er unserer Aufforderung entsprochen habe, und zwar außerordentlich früh. Wir haben leider sein Telegramm nicht erhalten, und muffen annehmen, daß es falsch bestellt wurde, waS bei der außerordentlichen Belastung deS Telegraphen an jenem Abend nicht sehr verwunderlich wäre. Jedenfalls stallen mir ihm, wie allen übrigen Herren Bürgermeistern für die telegraphische Aufgabe der Wahlresultate unfern Dank ab.
• * D i e Ortsgerichte haben da, wo das neue Grundbuch angelegt ist, jetzt die BefugiiiS erhalten, ans Antrag Beteiligter Verträge über Liegenschaften zu entwerfen. Sie erhalten in einer Betenntmachung vom 5. Januar 1907 besondere Weisung, als Ergänzung zum § 146 ihrer Tienstweisuug. Tie Gebühr beträgt für die Vorarbeiten zu einem Kauf- ober einem Tauschvertrag 80 Pf., zu einem Ucbergabeuertrag ober einer Güterteilung 50 Pfg. Hervorzuheben ist, baß es sich dabei lediglich um Vorarbeiten handelt und daß der eigentliche verbindliche Vertrag rechts- wirksam immer doch erst vor Gericht ober Notar errichtet werden kann. Hierbei sei noch der früheren Bekanntmachung vom 27. Juni 1906 erwähnt, die namentlich Aenderungeu deS Gebührentarifs und dabei auch die Bestimmung enthalt, daß vom 1. 2lug. 1906 für sämtliche Sterbefallsanzeigen ausgenommen nur die für Kinder unter acht Jahren, Gebühren vergütet iveibcn.
• • Preis schießen. In bem LogierhauS zum Zentral von L. Lüter hat lürzlich cm Preis schießen
ilattgesunden. Es bekamen folgende Herren Preise: 1. Stent. Dürr (goldene Herrenuhr), 2. und 8. Peter Gaud (silberne Herrenuhr), 4. Konr. Dürr, 5. Karl Böhling, 6. Karl DonariuS. Tie letzten vier Preise bestanden aus schöben Wertsachen. Nach Beendigung de» PreiSschießenS hat ein gemütliche- Zusammensein flottg^funben.
" A m Abend deS Reichstagswahltages herrschte bekanntlich ein aiißerordentliche» Menschengedränge vor unserem GefchäflShause. Eine kleine heitere Episode verursachte damals, roie man unS heute erzählt, unter den Wißbegierigen viel Heiterkeit. Ein kleiner Junge entdeckte plötzlich unerwartet seinen Vater im Menschentrubel und stürzte in Heller Begeisterung auf ihn zu nut dem Ruse: .Papa, Papa, wähl' doch Heyllgenstaebtl^
O Lau doch, 29. Jan. Ende der vorigen Woche ist in Braunfels die hier nahezu 20 Jahre tätige Jnsli- lutsvorsteherin, Frl. fötarie Schäfer an einem Halsleiden gestorben und in ihrer Heimatsstadt Friedberg beigefetzt ivorden. Sie war bie Tochter beS verstorbenen Direktor» öcr Blindenanstalt. Nachdem sie zu ihrer Ausbildung in den fremden Sprachen mehrere Jahre in Pari» und London zu- gedracht hatte, gründete sie 1877 hier ein Mädchenmstttut, mit dem sie bald eine größere Pension verband. Jin Jahre 1896 erwarb sie eine gleiche, größere Anstalt in Michelstadt, die unter ihrer Leitung einen solchen Aufschwung nahm, daß sie sie schon nach 6 Jahren vorteilhaft verlauste und sich zur Ruhe nach Braunfels zurückzog. Viele Töchter unserer Provinz werden bie Trauerkunde von bem Ableben ihrer im 60. Lebensjahre verstorbenen Lehrerin mit Anteilnahme erfahren haben. Ehre ihrein Andenken!
& Stockheim, 27. Jan. Die hiesige Zuckerfabrik macht schlechte Geschäfte und man geht, wie wir hören, mit der Absicht um, den Betrieb ein Hellen zu lassen.
X Dutenhofen, 29. Jan. Zwischen der Regierung und unserer Gemeinde schweben zurzeit Verhandlungen betreffs Errichtung eines neuen Volksschulgebäude S. fiS soll vier Lehrsäle erhallen und die nötigen Lehrerwohnungen. Cber- regierungsrat Lössel-Koblenz hat in dieser Sache an Ort und Stelle Einsicht genommen. — Auch werden an unserer Eisenbahnhaltestelle in diesem Jahre gewisse Veränderungen, resp. Neueinrichtungen Dorgenommen. Eben find teispictoweise die Arbeiten zur Anlage einer Rampe zum Ein- und Ausladen der Güter ausgeschrieben. Ter Eisenbahnsiskus soll an 70 000Mk. für die hier nötigen Bahnhofsveränderungen vorgesehen haben. Dem Vernehmen nach beabsichtigt die Eisenbahnverwaltung auf der Gießen—Teutzer Strecke eine Reihe von Bahnwärter-, posten eingehen zu lassen. Anstelle der Bahnübergänge sollen lieber- oder Unterführungen treten.
X AuS bem Kreise Wetzlar, 30. Jan. Tie in ben letzten Tagen abgehaltenen Nutz- und Brenn- Holzoerstetgerungen lassen erkennen, baß bie ohnehin Hohen vorjährigen Preise biesnml noch allgemein gefliegen und. Das Fcstmeter Eichenbauholz stellt sich jetzt auf 80 M., erstklassiges Buchenholz für den Kubikmeter an 50 'DL und
Gietzener Sradttheater.
Johauuidscucr,
Schauspiel in 4 Akten von Hermann Sudermann.
Seitdem Sudermann in fernem Drama „Die Ehre" mit glücklicher Hand den sozialen Gegensatz zwischen tem reichen Sorbet» yous und dem ärmlichen Hinterhaus dargestellt fiat, ist er Jahr nir Jahr mit einem neuen Stück auf bem Plan erschienen, ohne das seine Produttton eine künstlerische Steigerung erfahren hatte. $roar rief er der Gesellschaft mit Emphase sein „J'accuse“ zu, rührte an manche faule Stellen im Leben der Gegenwart, aber seine dichterischen Qualitäten waren und sind nur germg.. Die Mache überwiegt, eben darum ist er bei einem naiven trostlosen Publikum immer eines gewissen Erfolges sicher. Das Schausp.el „Johannisfeuer", daS wir gestern in unserem Stadttheater sahen, i|t in Gießen bekannt. Ueber der Aufführung leuchtete kein günstiger intern. $)ert >tober war erkrankt, an seiner Stelle mutzte töerr Ko st die Atolle des Georg von Hartwig übernehmen. So an- crlennenswert eo ist, daß Herr Kost in letzter Smnde für feinen Kollegen einzutreten im Stande war, bari doch nicht verschwiegen werden, daß er sich feiner Aufgabe in keiner Hinsicht gewachsen zeigte. Er ging und sprach wie auf Stelzen, alles kam geschraubt und unnatürlich heraus und über seinen Gestus will ich lieber ganz schweigen. Tie Marille gab Fräulein D o n e a e r. Von ihr gilt das Dort: 9iur ein Künstler, der Bildung hat, bildet fein Publikum. Fräulein Twnecker studiert, grübelt und überwacht sich selbst, man sieht, um ein Wort von Lenau zu gebrauchen, bei ihrem Spiel ihre Seele. Zuwellen, wenn sie von der Empnndung völlig beherrscht wird, finit ihr Organ zum Flüsterton herab. Das follte sie vermeiden, denn sie wird alsdann unverständlich. Die Rolle der Marille, des Notstandskindes, liegt ihr vorzüglich unb gab ihr Gelegenheit, eine ganze Skala von Asielten zu durchlaufen. Tas Publikum dankte chr mtt lautem SeifalL Vor- trefsiich war der Gutsbesitzer Vogelreuter^ des Herrn B a ko s, er loar maßvoll und polterte nicht. Für Herrn Sunt hatte Ü)crr Reimer - Schlegeldie Rolle des Predigers mfffe übernommen unb führte uns mit Dielen feinen Zügen ausgestattet, ja mit virtuosem Können ein leibhaftes ostpreußtsches Pjäsilein vor.. Das Naive Backfischmaßigs der Trude hatte Frauleui Minder stein glücklich erfaßt. A^s Weszkalnene verriet Frau ö o n 6 .eine nicht gewöhilliche Gabe der Charakterisierungslunst. Auch p>rau von ^agemann als Frau Logelreuter wurde ihrer Ausgabe gc- ted>L Tie Regie, die in den Hänten des Herrn Bakof lag, Der- dient Anerkennung. Die Ausstattung des Stückes war eine würdige.
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— „Mär 8* *, Halbmonatsschrift für deutsche Kultur. Herausgeber: Ludwig Thoma, Hermann Hesse, Alben Langen, Kurt A r o in. Preis Alk. 1.20, im Abonnement das OuanoI (6 He't?) Mk. 6.—. Verlag von Alben Langen in München. Tiefe fiei'.e Zeitschrift, an beiei- Stütze die Führer de- jungen literarischen ll! ünchen stehen, erregt An'sShen. $er Titel ,3)1 arj* ist ja etwas tz-ellar. Soll Damit an den Marz 1848 erinnert werden, dessen läge die Herausgeber vielleicht wiederiefiren sehen, ober soll dieser
„fDläiA* den Vorfrühling eines Nenerblühens des geistigen und politischen Leben» Teulschlands bedeuten? Das uns vorliegende erste Heil fagt darüber mchlS. Vielleicht will man das Eine luie das Andere. Jedenialls gehören die Herailsgeber zu den bekanntesten und markantesten literarischen Eharaklertöpsen unierer Zeil, Thoma als erster Redakteur, Langen als Herausgeber und Atom, em früherer hessischer Geistlicher, als Müarbeitei des „Snnpllclssimns" in deutschen Landen viel genannt, Hesse al.- einer der verheißungsvollsten Romanschriftsteller, eine der ersten Berühmtheiten des neuen JalnHunderts. Polnisch scheint der „März" der süddeutsche» V o l k s p a r t e i dienen zu wollen. Conrad Haußmann und Tr. Al n l 1 e r - Ak e i n i n g e n gehören zu den Alnarbeilern des 1. Heues, und der anonyme polit. Leuaiiiiatz, wohl von Thoma geschileben, deutet auch darauf hm; seoenialls beabsichtigt bie neue Zeitschrift bie Förderung der bürgerliche n Demokratie. Thoma» kritische Glossen zu beit Reben Kaiser Wilhelms II. sind voll von bitterer Illoyalität, aber werben gewiß weite Beachtung finben; es steckt boch in bieser lanSbübigen Kritik manches LLahre. — Ter literarische Test ist »iichl mmber interessant. Frttz Ak a u l h n e r veröffentlicht eine» geiu- vollen Ibsen- 'Aufsatz; er führt ben toten Dichter in bie Geftlbe der Seligen unb stellt ihn bort neben Swm unb Voltaire. Ueber ülilhelm Raabe spricht Dr. Livlglaß. Emil Slranß, bet Dichter bes schönen Romans „Frennb Hein^, sowie Hermann Hesse fleuericn ferner seine Novellen bei. Ter heroorratzenbe Berliner, frühere Gießener Kriminalist Pro'essor von Liszt iprichl über .Rulturionictinti unb Llrafgesetzgebnng^. Akeyrntt verspottet des üblen Berliner Kritikers Rerc lächerlich sajenge Art. Syz widmet der Salome von Richard Slranß einen -Evilog', Aram bespricht die Aiünchener Theater rc. rc. Jeden- 'alls kann man der neuen, mutigen Zeitschrift eine große Zukunft prophezeien.
— Leo Tolstoi über Shakesveare. Eure krit.sche Studie. Nebst dem Essay Ernest Erosbys über die Steilung Shakespeares zu ben arbeitenden klaffen unb einem Brief Vernarb Shaws. Preis Mk. 2.—, Adoll Sponhaltz Ver.ag, Hannooer. Seit Lessing, Goethes, Wllhelm Meister unb ben Tagen bei Ütomanti! gilt Shakespeare als ber weder vor noch nach ihm je erreichte dramatische Dichter. Diesen ersten Glaubenssatz ter modernen LiteraturZeichichte ivagt Leo To.iwi iür einen funba» mentalen Irrtum zu erll^reu. Das ist bei Tolstoi nicht etwa als eine launenhaste Schrulle tes Greifenaltcis anzusehen, das ja nach bmx orientalischen Sprichwort den Dren^chen mll siebzig Jahren zur Spinne werden laßt. Tolstoi hat Shakespeare nie verstehen tonnen, auch nicht in ten Tagen seiner fugend, wo er m der Erwartung, in feinen Werten eine Fülle künstlerischer Genus>e zu finden, eine feiner ersten großen Enttarncknmgen erlebte. Er fiat lange ;u den ccric&iebenften Zeiten ? ^ens Sfiakeipeare in Russisch unb (rnglifcn, wie in teuitajer Ueöeise_,^ng wieder unb wieder gewesen, um immer wieder v:n neuem in seinem eru- geimmneneit lineü beiiarft Za imerten und d. s yat chn schließlich bewogen, "eü'e Arreä)MUig mu dem „Sch.aan. vorn Avon" der Mitwell zu uueerörellen. Tolstois Ur.-eil ui-er Shaiespeare ist vollkommen k-je>tefi/uenb. Er sucht ihn jowotzh als. Ethllei und
Philosophen, wie »vis Künstler zu vernichten. Und über diese negative Kritik firnausgehend, stellt er ferne Foroerungen füc das Drama der Zukunft auf, dessen wesentllchstes Ntoment iür ihn Las religiöse ist. In diesen Fragen können wto chm einfach nicht folgen, tenn wir suhlen, datz wir nicht leben tonnen ohne das, was er uns aufgeben heißt. Tie Anregung zu Tolstois Ausführungen gab ein Essay d.s englischen Bolit.kers Erosby über Lhatefpeares Siellung zu den arbeitenden Klassen, der mit uinem Brief des bedeutendsten lebenden englischen Tramatilers Vernarb Shaw zusammen als Anhang bet deutschen Ausgabe erscheint. Jeber, ter auf selbständiges literarisches Urteil Anspruch macht, wird sich mit bem Tolstouchen Essay a.useinander»etzen müssen; jeder literarisch Interessierte, mögen ihn Tolstois Ausführungen im Einzelnen auch noch >'o sehr 5um Wider sprach reizen, wird aus bem Buche Anregungen empfangen. — Ter alte Herr ist übrigens wieder erkrankt.
— Aus Frankfurt a. M. wird berichtet: In unterem. Schauspi.lhaufe [inten jetzt verschiedene Gaivp.eie zur Ert-Lnzung des Persorials statt, über die nüchstens berichtet werden soll. Heute fei nur Fräulein Ilm vom 3ntimentfieater in Nürnberg erwähnt, die sich in „Liebelei", „Avsusiedssouper" und „J^h^nn.s- ieuer“ als temperamentvolle Künstlerin von i'tatlem Rönnen und ausgeprägter JndividuoLität e.n-uhrie und deren Engagemeiit wir befurtuocten mötöten. Tie Erstous.ührung von Cstar Vlumen- Lfials „Glashaus" war gut, ausgezeichnet Fräulein Sophie König, auch Herr Bolz sehr wirksam.
* Im Leipziger Schaui'pielhame erzielte Paul Ernsts Lustspiel „Eine Nacht in Florenz" guten Ersolg.
— Dernburg als Poet. Reichsireue Wähler aus Kay- Hütte i. Th. hatten am Freitag abend dein Rotoiuaiöireftor Dein- burg das freudige Wahlergebnis ans ihrem Wahlkreije telegioph. miigeleill. Darauf antwortete der Kolonialdirekior, der aui der Ruckreiie von enutgari in Ainstadl turzen Anfenchalt nahm, eben- -alls auf ielegraphi'chem Wege in folgenden launigen Veijen:
.Ueverall herrscht große Freude, Ueber's neue Llaaisgebände; Thüringen hal's brav gemacht. Hat manches Role umgebracht, ßiosi Katzyütler! ruhig, Heuer, Prosit Atülleis und io weiter! tönun im Mal znr Sommerfrische, Kneipe dann am Tlensiagstifche Mit des Reiches dori'gen Stützen Unb wlll neben Schuhmann siyen.^
Arnstadt, BH'. Dernburg.
— Sei einer beim be.g. Stoatsminister Seemacrt ahge- haltenen Sitzung wurde im Prinzip beschlossen, eine neue bei» gijtöe Expedition nach dem S^.dpol auszurüsien Le wlssenichafLiue Komme wn wird das Programm cu:...-r-:n. Versammlung fd-cint tum an» dem SLngreu ;u Rtons er. .r:eji: u Proiett bettesiend pornographische Ltuoien geneigt zu lein.


