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26.10.1907 Erstes Blatt
 
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Samstag ÄEZ. Oktober

1.5 7. Jahrgang

Erstes Blatt

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»stat!on?rruck und Verlag der vrühl'schen Univ.-Vuch- und SteindruSerei. 2. Lange. Heöaftfon, Expedition und Druckerei! §chul?ir«tz« ?.

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Die heutige Wummer umfaßt 14 Seiten

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Aus dem Zarenreiche.

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und man darf es freudig begrüßen, daß der Reichskanzler

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Beza gSpretsr monatlich 7b B^oierrel« jährlich Mk. 2.20; durch Abholv- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Dtk.8. viertel- jührl. ausfchl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal 15'13U auswärts 20 Pfennig.

Verantwortlich tüt den politischen Teil: G, Anderson; s. i$eutQe- lon undVermischtes" P Wittko; fürStadt u. Land- und,töcrid)td-

benswande l der Mönche und Nonnen in oen rujf. Klöstern ist in letzter Zeit derartig offenkundig geworden, daß eine besondere Konferenz unter dem Vorsitz des Metro- politen Antonius einberufen werden mußte, um Maßnahmen dagegen zu treffen. Die Konferenz beschloß, eine strenge Kontrolle einzusühren und die Zelleutüren in den Klöstern mit Gucklöchern zu versehen und zur Bewachung der Klöster besondere Wächter anzustellen.

(Petersb. Telcgr.-Ag.) Durch einen kaiserlichen Ukas tritt für die Städte Jekaterinburg und Wercho- tu rje mit den dazu gehörigen Bezirken anstelle des ver-

Nr. 252

Arsch < tnt täglich duyet Sonntags.

Tem Gießener Anzeiger werben im Wechsel mit dem hessischen Landwirt d.e Siebener KamlUen- blätter viermal in der Hoche beigelegt und zweimal wöchentlich das Kreisbiatt für den Kreis Sieben. Fernsprech-An- Schluß!, d. Redaktion 112 Verlag u Expedition 51 Adresse lür Depefchenl

Anzeiger «Letzen.

Annahme ssn Anzeigen Hix Die Tcgc5mnnmec bi« vormittags 10 Uhr.

Der liederliche Le

Iie MoUKe-Kacdettuffäre vor Gericht.

(Dritter Tag.)

S. u. H. Berlin, 25. Okt.

Die Verhandlungen werden von einem amtlichen Sterw- graphen des Reichstags im Wortlaut ausgenommen. Die Nieder­schriften werden alsbald übertragen und durch einen ^abine^.s- kurier dem Kaiserl. Zivilkabinett überbracht, da der Kaiser üoer den Gang des Prozesses täglich stets eingehend unterrichtet sein will. Maximilian Harden war mit seinem Anwalt Justizrat

Zahlmeister verwundet. Die Räuber koppelten die Lokomotive los und fuhren in der Richtung nach Strze- mieszyce davon. Der Distriktschef nahm mit einem Mi- iitärwmmando die Verfolgung auf.

Bakum, 25. Okt. Heute nacht griff eine etwa 4 0 Mann starke Bande einen Postzug an, als er auf einer Ebene zwischen den Stationen Delegery und Dzersuli hielt. Räuber warfen den Lokomotivführer von der Lokomotive und! beschossen den Zug. Die militärische Bedeckung des Zuges erwiderte das Feuer. Der Zugführer wurde getötet, sieben Soldaten sind verwundet worden. 4 Räuber drangen in den Postwagen und bemächtigten sich der Geld sacke. Die Höhe der geraubten Summe ist noch ungewiß.

(Petersb. Delerg.-Ag^) Heute vormittag 11 Uhr wurde der Ponzeibeamte Balakhany in der Nähe des Bahn­hofes getötet. Der Mörder wurde verhaftet.

stärkten Schutzes der außerordentliche Schutz Kraft.

Kielce, 25. Okt. Ein Eisenbahnzug, mit dem Zahlmeister der Eisenbahnverwaltung fuhr, wurde auf Station Stawkow von Räubern angegriffen und

manövrierte vor dem Kaiser. Er arbeitete bei weitem besser als der Militürballon, der unterdessen landete. Nach der Besichtigung des lenkbaren Luftschiffes sagte der Kaiser, er habe bisher der Frage, ob lenkbare Ballons möglich seien, skeptisch gegenüber gestanden, nach dem was er aoer heute gesehen habe, blicke er hoffnungsvoll in die Zukunft und er glaube bestimmt an weitere Erfolge. Im Anschluß an die heutige Besichtigung der beiden lento circn Lu ft schisse durch den Kaiser werden in Metz und in Straßburg Sta­tionen mit je einem lenkbaren Militär-Lustschiss eingerichtet. Es werden zwei Offiziere, davon einer voni 2. Eisenbahn- Regiment, dorthin beordert werden. Der Kaiser nahm nach der Vorführung der Luftschiffe an einem Frühstück i m O s f i z i e r s k v r p s d e s L u f t s ch i f f e r b a t a i l l o n si teil.

Kanzler und Arbeiter.

Der nationale Aroeiterkongreß, der Anfang dieser Woche tagte, hatte, wie bereits drahtlich gemeldet, eine Depu- lätion unter Führung des Reichstagsabgeordneten Behrens zmn Reichskanzler entsandt, um diesem das Resultat der Beratungen zu unterbreiten und die Wünsche der Arbeiter­schaft persönlich vorzubringen. Es mag ja in manchen greisen einer derartigen Begegnung nicht viel Gewicht bei» Öt werden, weil man meint, daß die Machthaber sich die gehörten Wünsche nicht weiter beeinflussen lassen würden; im vorliegenden Falle dürfte die Sache vielleicht aber doch wesentlich anders liegen. Die Wendung des Re­gierungskurses hat das erfreuliche Faktum gezeitigt, daß der Leiter unserer Politik das Bestreben zeigt, mit den Par­teien einen engen Konnex zu unterhalten, um ihre Wünsche bei den Plänen der Regierung nach Möglichkeit zu berück­sichtigen und so eine glattere Abwickelung wichtiger Vor­lagen im Parlament zu ermöglichen. Unter diesem Gesichts­winkel mag vielleicht auch der Empfang der Arbeiterdepu­tation in Klein-Flottbeck erfolgt sein, indem dem Kanzler daran gelegen war, auch seinerseits seinen Standpunkt zu den vorliegenden Fragen zu äußern, um so der bekannten Begrüßungsrede des Staatssekretärs v. Beihmann-tzollweg bei Eröffnung des Arbeiterkongresses größeren Nachdrua zu verleihen und auf diese Weise zu dokumentieren, daß cs der Negierung mit der Durchführung sozialer Probleme ernst sei. Es handelt sich also in der Erwiderung, die Fürst Bülow bei dem Empfange der Deputation gab, nicht 'um höfliche aalglatte Worte, sondern um eine Bekräftigung, daß die Regierung auf sozialem Gebiete nicht nachlassen wolle, und aus diesem Grunde dürste es auch von nicht unbeträchtlichem Werte sein, daß in den sich anschließenden Gesprächen der Reichskanzler unmittelbar aus der Arbeiter­schaft manches zu Horen bekommen hat, was ihm viel­leicht sonst leicht entgeht und was er aus Blättern und Vorträgen seiner Räte kaum in dem Maße entnehmen kann, als es bei einem persönlichen Meinungsaustausche der Fall ist. Wenn man alles dieses berücksichtigt, kann man eine gewisse Bedeutung dem Empfange nicht absprechen

bekennt sie sich zu einer Solidarität mit den anderen Ständen, die auf and'rer Seite nicht unerwidert bleiben kann und die Freudigkeit stärkt zu weiterem Fortschreiten aus sozialem Boden. Und so wird die deutsche Arbeiterschaft, indem sie frei von einseitigen oder übertriebenen Forde­rungen ihr eigenes Interesse vertritt, die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse des Arbeiterstandes heben und gleichzeitig die Grundlagen unseres staatlichen Lebens stärken. Diese Ihre Bestrebungen n Kräften zu fördern, betrachte ich als eine meiner vornehmsten Aufgaben."

Der Reichskanzler verweilte noch längere Zeit int Ge­spräch mit den Delegierten. Die einzelnen Mitglieder der Deputation brachten dabei in freimütigster Weife ihre be­sonderen Wünsche zuut Ausdruck, die der Reichskanzler mit großer Aufmerksamkeit anhörte. ^Nachdem die Herren im Speisezimmer des Reichskanzlers einen Imbiß eingenommen

Der Kaiser unb die deutsche Lustschiffahrt.

Berlin, 25. Ott. In A n m e s e u hettdes K a i s e r s sand heute vormittag in Tegel ein Aufstieg der beide n lenkbaren Luftschiffe statt. Zunächst stieg der lenk­bare M i l i t ä r b a l l o n auf, und zwar gegen einen boeigen

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die Ausführungen des Staatssekretärs des Innern mit der Autorität seiner Person noch weiter ergänzt hat. Bor allem

zahl erheblich zugenommen. Mit Genugtuung entnehme ich in Uebereinstimmung mit Ihnen daraus den Beweis, daß in den deutschen Arbeitern noch in weiten Kreisen eine Stätte für die Betätigung christlich-nationaler und monarchischer Gesinnung vorhanden ist. Möge es Ihnen gelingen, den christlichen und deutschen Sinn weiter zu fördern und zu pflegen. Ueber die Lage derjenigen Angelegenheiten, welche Sie bei unserer vorigen Besprechung in den Vordergrund

ist cd erfreulich, daß er erklärt hat, die Erledigurrg> des itieichsvereinsgesetzes und vor allem den Arbeitskammer- cntwurs tatkräftig fördern zu wollen. Bemerkenswert waren Seine Mitteilungen über die Ausdehnung der Sonntagsruhe und der dabei vertretene Standpunkt, bei der Zulassung der Sonntagsarbeit nur Rücksicht auf unabweisbare Bedürf­nisse zu nehmen. Ebenso wiro man es in Arbeiterrreisen nicht ungern hören, daß die Regierung einer Regelung der Verhältnisse in der Groß-Ersenindustrie näher treten und die mehrfach zur Sprache gebrachten Mißstände beseitigen will. Für eine gesunde Sozialpolitik wird der Reichskanzler stets die überwältigende Mehrheit des Reichstags hinter sich haben, und er täte im Interesse der Erhaltung des Blocks sehr wohl daran, wenn er nach dieser Richtung hin das Schwergewicht der inneren Politik legen würde.

Der Reichskanzler führt folgendes aus:

Meine Herren! Es ist mir eine aufrichtige Freude, Sie als die Delegierten des zweiten deutschen Arbeiterkongresjes heute bei mir zu sehen. Seit dem Frankfurter Kongreß I-aben sich die Ihnen angeschlosseiren Vereinigungen in ver-

gestellt haben, ist Ihnen durch den Herrn Staatssekretär des Innern Mitteilung gemacht worden. Ich füge hinzu, daß ich meinerseits alles tun werde, um die Einbringung und bte parlamentarische Erledigung des in Aussicht stehen­den Reichsvereinsgesetzes und des Arbeitskammergesetzes zu fördern. Was die Gegenstände Ihrer soeben abgischlojfe- nen Tagung betrifft, so liegt mir die Frage der Sonntags­ruhe besonoers am Herzen. Ich sehe in der Sonntagsruhe eine der Lebensquellen für unser gesamtes Volkstum und ich werde dafür Sorge tragen, daß bei den gegenwärtig schwebenden Verhandlungen über eine Revision dieser Be­stimmungen nur insoweit Ausnahmen von dem Verbote der Sonntagsarbeit zugelassen werden, als diese mit Rücksicht auf unabweisbare Bedürfnisse geboten sind. Die Verhand­lungen des Reichstages im letzten Frühjahr haben die be­sondere Aufmerüfamkeit der obersten Reichs- und Staats­behörden auf die Verhältnisse in der Industrie gelenkt; namentlich über etwa vorhandene Mißstände in den sani­tären Arbeiterverhältnissen und in der Abmessung der Ar­beitszeit bestimmter ArveiterAassen hat der preußische Ar- beitsminister eine Aufklärung bereits in die Wege geleitet. Die demnächstige Erhebung wird unter billiger Abwägung aller Interessen und nicht ohne Anhörung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern erfolgen. Seien Sie versichert, meine Herren, daß die Sozialpolitik nach dem Willen unseres Kaisers fortgeführt wird. Wenn der Fortschritt aus manchen Gebieten sich nicht so rasch vollzieht, wie Sie ihn wünschen, so wollen Sie dabei im Auge behalten, daß die Reichsverwaltung die Interessen aller Stände wahrzuueh- men hat, und daß eine gesunde und kräftige Sozialpolitik von der gesamten Volksausfassung getragen sein muß. Nichts aber wiro die sozialen Verhältnisse der gesamten Station mehr fördern, als wenn die deutsche Arbeiterschaft in immer weiterem Umfange auf dem nationalen Boden steht. Dadurch

heißungsvoller Weise vermehrt und zugleich au Mitglieder-j bis neun Meter starken Wind. Er wandte sich über den ........ """ ' ** Schießplatz und beschrieb dann einen Kreis. Trotz des starken Windes verliefen die Hebungen glatt, wenn auch e-'.oaS langsam. Während der Militärballon übte, stieg dir grt ßere lenkbare Ballon des Majors Parseval aus und

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Gießener SLaöLthccrtcs.

Die Rabenstcinerin.

Schauspiel von Ernst v. Wildenbruch.

Nach des weisen Sophokles großmenschlicher Lehre leben wir nicht um mitzuhassen, sondern mitzulieben. Für Ernst o. Wildenbruch dagegen, den deutschen Dramatiker, sind wir, sein deutsches Volk, dazu da, um m i t i h m mitzuhassen und mitzulieben. Stets hat er in den besten feiner Histö­rchen Dramen, von denQuitzows" bis zumKönig Heinrich", mit seiner wildstürmenden, abenteuerlustigen, von den bunten Wirren der deutschen Vergangenheit wirk­lich ergriffenen Phantasie durch jein resolutes dramatisches Temperament und Talent und durch die Echtheit seines hohen Pathos das deutsche Publikum mitzureißen ver­standen. Wie er selber seine dichterischen Gestalten enit- weder mit loderndes Liebe umfaßt oder mit herbem Hasse verfolgt, so zwingt er sein folgsames Publikum zu gleicher Lebei nud gleichem Hasse. Und so waren denn am Freitag viele mitleiderfüllt um Bersabes, der edeltrotzigen 5^elden- jungfrau, schauriges Schicksal, ba sie zum Schafott ge­schleppt wird, und ebenso viele Herzen atmeten befreit auf, ba der majestätische stolze Vater ihres Geliebten, der hohe Handelsherr Augsburgs, vor dem die dem Tode Geweihte zmn Weibe begehrenden Sohne endlich die Segel streichen läßt und der das durch so viele Fährnisse nun glücklich zu einander gelangte Liebespaar zusammengibt, auf daß im indianischen Land, im fernen ,Menezuola", ihr Stamm wachse, blühe und gedeihe.

Wir blättern in den Büchern der Weltgeschichte und stellen fest, daß Bartolme Welfer, Loeotenant der Orinoko- länber, Jn der Charwoche des Jahres 1546 vom Statt- tjaUcr Ton Jun de Carvajal von Venezuela hingerichtet wurde, nachdem seine Leute ihn im Stich gelassen hatten, -vie Geschichte bereitete also dem Jüngling, der nach Wilden­bruch der Rabensteinerin Liebster war, ein erschütterndes Ende. Uub gab so dem Dichter den Stoff zu einer Tragödie großen Stiles; das barbarische Zerfleischen zweier Kültur-

nationen, der Deutschen und der Spanier, in einem Lande, dem sie beide die Kultur bringen wollten !

An dieser Tragödie ist Wildenbruch teilnahmslos vor­übergegangen. Einer Tragödie, die er, nach Björnsonschem Vorbilde,Geographie und Liebe" hätte betiteln können.

Es ist ein ungewöhnlich wirkungsvolles Volksstück, dieses Ritterfchauspiel ,',Die Rabensteinerin", und darum auch in einer Volksausgabe als Buch erschienen. Ein Stück, wie es ein großer Teil des Volkes liebt, handlungsreich, packend im Fortschreiten der Entwicklung, voll stürmischen Feuers, vor­nehmlich aber von bewundernswerter Naivität in Er­findung und Empfindung und in der Sorglosigkeit der Verwendung stärkster dramatischer Mittel voll von rühr­seligen romantischen Effekten. Es erinnert uns an die goldene Zeit der Kinderspiele voll Paradiesesunschuld und voll Glück, zurück an unseres Daseins Morgenröten, wo Seligkeit wir fanden im Räuber- und Jndianerspielen. Erstaunlich geradezu ist die arglose Vertrauensseligkeit, die treuherzig redliche Harmlosigkeit, die undiplomatische Un­verzagtheit dieses einstigen Vortragenden Rates im deutschen Staatssekretariat für die auswärtigen Angelegenheiten. Charakteristisch aber auch zugleich für diese wichtige poli­tische Behörde des deutschen Reiches. Und spaßhast die tendenziöse Hineinziehung von begeisterungsstarker Tern- burgerei.

Und doch istDie Rabensteinerin" auch wieder kein Volksstück, denn einem von den Geschehnissen und Forde­rungen der Gegenwart mächtig mitgerissenen Volke sind mittelalterliche Raubritterhistorien Schall und Rauch, wäh­rend es sich von der universellen Geschichtsauffassung und vertieften Verlebendigung ferner Zeiten in den darum ewig zeitlosen und unsterblichen Dramen Goethes und Schillers, Hebbels und Shakespeares allzeit erschüttern lassen wird.

Wildenbruchs Darstellung der Reformationszeit, in der das Stück spielt, gibt nicht, wie das unter gleichen Umständen etwa Schiller getan hätte, die hereinbrechende Epoche mo­derner Ideen und chaotisch sich bildender neuer Probleme, sondern nur das Aeußere jener Zeit, seine Raubritter und

reichen Kaufleute, verfallenden Burgen und aufblühenden Städte, zusammengesatzt in eine frei erfundene, alter Chronik scheinbar nachempfundene abenteuerliche Fabel. Tie Zeit selber bleibt er uns schuldig. So ist es denn weniger Dich­terisches, als die herzhafte, einbildungsstarke Be­lebung des Stoffes, was an dem Drama packend ist und zur Anteilnahme zwingt, nicht feine innerliche Llusgestal- tung tiefen Seelenlebens, sondern die krastvoll zupackende, so gar nicht reflektierende Theatralik mit allen ihren über­lauten Worten und überstarken Geberden. Klingt doch ein klarer, reiner, Heller Ton hindurch, ein Ton der bunten Lust am romantischen Wagen, an der deutschen Märchen- stimmung. Trotz Raubes und Mordes, trotz blutig düsterer Atmosphäre und übler Untaten hält Wildenbruch in be­neidenswerter Hofsnungsfceude eine unverderblich treu­herzige Stimmung fest, die wie in jedem guten Märchen und in jedem schlechten Roman am glücklichen Ende nicht verzweiseln läßt. Im Handumdrehen wendet sich auf das Geheiß des Dichters alles zum Guten, nachdem kurz zuvor des Tichters Wille der Rabensteinerin Vaterhaus von deren Geliebten hat zerstören lassen, nachdem er den Weg zum Brautbett mit Leichen gedüngt hat.

Aber hier zeigt sich doch auch wieder Wildenbruch als weit mehr denn nur als platter Henker-Melodramatiker. Er greift nicht zu naheliegender flacher Rührszene, sondern indem sich zwei Generationen trennen, führt er sie gleich­zeitig zu einem weittragenden und verbindenden Verstehen. Dadurch aber erhält der Abschluß trotz aller Theatralik etwas verehrenswert Großzügiges.

Man hat dieRabensteinerin" hier und da mit KleistsKätchen von Heilbronn", ihre Sprache mit der Schillers verglichen. Welcher Unsinn! So wenig wie W. etwas von der feinen Reizsamkeit Kleists, von dessen genialer Kraft der Entdeckung ganz ungeahnter Gefühlssphären besitzt, so wenig verfügt er über die natürliche Kraft und sinnige Schönheit Schillerscher Rhethorik. In der Sprache derRabensteinerin" stört vielmehr eine seltsame Manier; zur Verrntttelallerttchung der an siK knappen und gegen^f