Ausgabe 
28.5.1907 Erstes Blatt
 
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Mir sind Vettern, und wie es bei Vettern manchmal der Fall ist, daß sie bisweilen vock Eifersucht und Ne(b en bmhler schäft geplagt werden, so ist es auch Lei uns. Aber wir Engländer vergessen niemals unsere teutonische BlutverwandtschcvfL. Eng­land und Deutschland haben auch Seite an Seite gekämpft, aber nie gegeneinander. Wir wünschen nur immer mehr, Ihnen befreundet zu werden, Ihre Gedanken und Be­strebungen,'soweit möglich, kennen LU lernen, und wir sind ,'von der Ueberzeugung getragen, daß sie wohl vereinbar sind mit der Förderung imserer eigenen Ideale. (Lebhafter Beifall.) Hiernach führte Zunting! '(Contemp. Rev.") aus, es gebe in der Entwicklung der beiden Länder nichts. Was sie zu einem Konflikt führen rönne, wenn nur die beider- geitiaen Beziehungen unter dem Einfluß der Vernunft gepflogen würden. Von den angesehensten und einfluß­reichsten Kreisen sei anerkannt, daß jede Nation ein leb­haftes Interesse an dem Gedeihen der anderen habe. Die Erwägung dessen, was für die ganze Welt am ersprießlichsten ist, sei ein Korrektiv für gegenseitige Mißverständnisse. Alle «Fragen des Volkslebens müßten von diesem Gesichtspunkt betrachtetwerden. (Beifall.) Der britische Bizekonsul Haag «brachte dann das Wohl des Bürgermeisters Dr. Marcus jaus, und Chefredakteur Sidney Low (Standard") toastete auf den Senat und das Gedeihen des Staates Bremen.

Low führte aus, bereits im Mittelalter seien die Kauf­leute der deutschen Seestädte in England bekannt gewesen. Auch heute würden die bedeutenden Fortschritte der Hanse­städte von England ohne Neid und Eifersucht beobachtet. Redner «gab dem Wunsche Ausdruck, daß die Hansestädte sich auch weiterhin glanzvoll entwickeln, und daß die Kon­kurrenz zwischen den beiden Nationen zur gegenseitigen Anerkennung, zum Frieden und, zur Freundschaft führen möchte.

An das Festmahl schloß sich eine Besichtigung des historischen Ratskellers, in dem ein Schlußtrunk einge- !nommen wurde.

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Soweit die uns heute aus Bremen vorliegenden Berichte. Blicken wir nun jetzt unsere Presse an. Da gibt es nicht wenige Blätter, die in Begrüßungsartikeln dies welterschütternde Er­eignis bejubeln und sich im Uebcrschwang der Gefühle nicht genug tun können in Lobeshymnen auf dasgute Verhältnis" zwischen Deutschland und England, auf dieengen Beziehungen", die '.beider Länder Herrscher miteinander verknüpfen, diestammes- verwandten Gefühle" beider Völker und ähnliche schöne Dinge mehr. Der unbefangene Zuschauer wird sich angesichts solcher Morte kaum eines Lächelns erwehren: sind doch erst wenige Wochen vergangen, da las man aus Anlaß der Reisen König Eduards ganz anders, da waren cs nicht bloß Schwarzseher, die vor Englands Einkreisungspolitik warnten, da waren Worte wie das vomperfiden Albion" und vombrutalen Britannien" mo.ch billig wie Brombeeren. %

Und doch iff eins so falsch wie das andere. Unter dem jUeberschwang der Gefühle leidet unsere Würde jetzt ebenso, wie «früher unter der Nervosität von Schwarzseherphantasien. Ueber- itriebene Geschäftigkeit, künstliche Herzlichkeit, auffalleirde Liebe- Menerei vor den englischen Journalisten drängen ruhige Be­sonnenheit ganz in den Hintergrund und die alte Affenliebe der Deutschen für ^lles Ausländische wird wieder einmal bemerkbar.

Der vorjährige Besuch der deutschen Redakteure auf eng­lischem Boden ward auch gefeiert als der Markstein, vor: dem aus in der Haltung der Presse beider Länder wie in den Bezie­hungen der beiden Völker eine erhebliche Aenderung zum bessern jausgehen werde. Diese Hoffnung ist vorläufig nicht einge- ftreten. Die deutschen Journalisten haben eben nur auf dem Wege der gesellschaftlichen und persönlichen Annäherung den ersten tastenden Versuch gemacht, auch da, wo Mißverständnisse und Interessengegensätze dfrohen, ein menschliches Begreifen an- jzubahnen und zur Milderung unnötiger Schärfen und zum besseren. gegenseitigen Verständnis nach Kräften beizutragcn. Dieser Versuch mußte naturgemäß durch die Erwiderung des Besuches seitens ibfer englischen Journalisten seine Fortsetzung und Ergänzung erfahren. Das war zunächst die Anstandspflicht der Engländer. Aber wir möchten der Hoffnung Ausdruck geben, .daß die Reise der englischen Redakteure durch Deutschland gute Früchte tragen, unseren Gästen mannigfache Anregungen und .erwünschte Aufklärung titet manche dem Ausländer wohl recht schwer zugängliche Fragen bringen mögen. Es ist unser auf­richtiger Wunsch, daß unsere Gäste empfinden möchten, wie das deutsche Volk Gastfreundschaft mit ehrlichem Herzen bietet und sich freuen würde, wenn alle festlichen Veranstaltungen zu einem besseren gegenseitigen Verstehen der beiden Völker führten. In­sofern sehen wir auch in diesem Besuch eine weitere Station auf dem Wege zu einer guten Verständigung zwischen den beiden mächtigen Staaten Europas. Aber wir hegen diese Ueberzeugung! nicht aus überschwänglichen Hoffnungen heraus.

Deutscher Reich.

Berlin, 27. Mai. Heute empfing, der Kaiser den Bischof Demnrel, den Staatssekretär Dornburg, den Unter­staatssekretär von Lindequist, den Direktor Dr. Contze, ,den Gouverneur .Dr. Seitz. und, den Gouverneur v. Schuck­mann.

Entgegen einer hannoverschen Meldung erfährt die >,Kreuzztg.", daß lediglich Sachsen den Schiff- fahrtsabgaben ablehnend gegenüberstehe; Meck­lenburg habe sich dagegen auf der jüngsten Konferenz in Gemeinschaft mit den übrigen Elbuferstaaten auf den .preußischen Standpunkt gestellt.

Ter V e r t r e t e r t a g der n a t i o n a l l i b e r a l e n Partei sollte in diesem Jahre, einem Beschlüsse des Goslarer Parteitages zufolge, in Kassel abgehalten werden. Gründe, die sich aus der innerpolitischen Lage ergeben, lassen es jedoch als zweckmäßigerscheinen, den ersten Partei­tag nach den Wahlen für dieses Jahr nach Wiesbaden einzüberufen.

Hamburg, 27. Mai. Der heutige Gedenktag des >fechzigjährig en Bestehens d er H ambürg-Ame­rika-Linie führte zu großartigen Kundgebungen im Hamburger Verwaltungsgebäude der Reederei. Ter Kaiser bestätigte sein Interesse durch zahlreiche Ordensverleihungen und Auszeichnungen an Beamte und viele Arbeiter.

Braunschweig, 27. Mai. In der heutigen Sitzung des Landtages stand der Antrag der staatsrechtlichen Kommission betreffend Feststellung der landesfürstlichen Rechte für die Dauer der neuen Regentschaft zur Beratung. Der Antrags die Zivilliste auf 1 125 000 Mark fest­zusetzen, wurde mit 41 gegen 6 Stimmen angenommen. Sodann brachte Staatsminister von Otto für die Regenten­wahl den Herzog Johann Albrecht von Mecklen­burg-Sch w e r r n in Vo r s ch l a g. Die Wahl soll morgen vor sich gehen.

Rheydt, 27. Mai. Die Berliner Tiefbaugesellschaft hat plötzlich die gesamten Kanal isatio ns arbeiten eingestellt und 600 Arbeiter teils entlassen, teils ander­wärts beschäftigt. Es verlautet, daß die Gesellschaft eine h ö h e r e B e z a h l u n g, als vereinbart war, von der Stadt wün s ch t._______________________

Ausland.

London, 27. Mai, (Unterbau2.) Der erste Kommissar für Arbeiten und öffentliche Bauten Harcourt legte einen Gesetz­entwurf vor, durch den für eine v er mehrt e A n z ah l klein er

Landgüter gesorgt werden soll. Harcourt schildert die mit der Entvölkerung des platten Landes verbundenen Mißstände und erklärt, die Gesetzesmaßregel soll der Ent­völkerung Einhalt tun. Die Bill ermächtigt die Graffchafts- räte, Land zur Errichtung kleiner Landgüter zu erwerben durch Pachtung oder Kauf und zwar nötigenfalls durch Expropriation. Falls der Grafschaftsrat nicht die von der Bill vorgesehenen Vorkehrungen trifft, soll das Ackerbauamt Kommissare ernennen, die anstelle des Grafschaftsrats handeln und die von diesen ge­machten Ausgaben einziehen. Die Bill stellt die wichtigste Agrarmaßnahme der Regierung in der gegenwär­tigen Tagung dar. Im weiteren Verlaufe der Sitzung werden an den Staatssekretär Gladstone Anfragen gerichtet, ob die russischen Sozialisten, die jetzt in London eine Kon­ferenz abhalten, von der Londoner Polizei beobachtet werden und ob die dabei erlangten Informationen der russischen Polizei mitgcteilt werden würden. Gladstone erwidert, die russischen Sozialdemokraten würden von der Londoner Po­lizei nicht beobachtet. Die englische Regierung greife niemals störend ein in die persönliche Freiheit in polit. Beziehung. Die Polizei habe ein- für allemal die Anweisung, und sie habe, ohne daß dabei die Nationalitäten unterschiedlich behandelt werden, alle Schritte zu tun, die er­forderlich sein könnten, um zu verhindern, daß gewalttätige Ver­brechen yn England oder sonst wo vorbereitet oder ausgeführt werden.

Paris, 27. Mai. Ts.is Königspaar von Nor­wegen ist cheute nachmittag hier eingetroffen. Es wurde vom Präsidenten Falliöres und allen Ministern empfangen.

Budapest, 27.Mai. (Abgeordnetenhaus.) Minister­präsident Wekerle legt einen Gesetzentwurf vor, der anläßlich der vor 40 Jahren ftattgchabten Krönung Königs Franz Josef die ErrichMng eines Arbeiterkrankenhauses imb einer Reihe von Volksakademien, bestehend aus Arbeiter­heim und Bibliothek, in Budapest und in der Provinz in Aussicht nimmt.

Teheran, 27. Mai. (Petersb. Telegr.-Agentur.) Von verschiedenen Seiten wird bestätigt, daß der G o u v e r n e u r von Lari st an mehrere Tausend Kurdenreiter sammelt, um Hamadan in Besitz zu nehmen oder sich zum Schah aus­rufen zu lassen. Die Kurdenreiter sind mit Gewehren neuesten Systems bewaffnet und besitzen mehrere Schnellseuergeschütze.

Hongkong, 27. Mai. Aus Swatow treffen Berichte über den Ausbruch von Unruhen in Wongoong (Präfektur Tschin-Tschin) ein. Die Ruhestörer sind teils aus dem Distrikt gebürtige, teils aus den benachbarten Provinzen stammende Leute. Alle bürgerlichen und militärischen Be­amten wurden ermordet und die Verwaltungs- gebäude verbrannt.

HandwerLsLamrnertagrmg.

(Original-Bericht des Gießener Anzeigers.) Darmstadt, 27. Mai.

Tie Handwerkskammer für das Großherzogtum hielt heute vormittag, wie wir schon drahtlich kurz berichteten, ihre 11. Hauptversammlung ab. Nach kurzer Begrüßung gedachte der Vorsitzende Gewerberat Falk aus Mainz des in der Aus­übung seines Berufs verunglückten Kammermitgliedes Kayser in Grünberg, zu dessen Ehren sich die Versammlung von den Plätzen erhob. Wecker machte der Vorsitzende Mitteilung, daß die, beabsichtigte Abhaltung eines hessischen Handwerkertages verschoben worden sei, weil man zunächst 'die Durchführung des Gesetzes über den kleinen Befähigungsnachweis abwarten wolle. An der im nächsten Jahre stattfindenden hessischen Künst­ausstellung werde sich die Handwerkskammer beteiligen. Der Vorsitzende ersucht schließlich dahin zu wirken, daß die Gesellen möglichst zahlreich an dem Besuch der Vorbereitungskurse zu den Meisterprüfungen teilnehmen und weist auf die Berichte der Kreisschulkommissionen hin, in welcher ein erfreulicher Fort­schritt des fachlichen Unterrichts konstatiert wird. In dem dann verlesenen Bericht über die Tätigkeit des Vorstandes wird be­merkt, daß .das verflossene Geschäftsjahr nicht nur eine stetige Weiterentwickelung und Ausdehnung der Geschäfte der Kammer gebracht, sondern auch eine Reihe bedeutende Erfolge für die Handwerker gezeitigt habe. So sei dsas Gesetz über den Be­fähigungsnachweis im Baugewerbe vom Reichstag genehmigt, die Vorlagen über die Sicherung der Bauforderungen und den sogenannten kleinen Befähigungsnachweis seien im Mlgenreinen beratungsfertig und würden voraussichtlich noch in diesem Jahre zur Verabschiedung gelangen. Was insbesondere bezüglich des letzten Gesetzes in den Verhandlungen des Reichstages mit seltener Einmütigkeit im Eintreten für die Wünsche der Hand­werker zur Diskussion gebracht wurde, berechtige zu den besten Hoffnungen für die Annahme auch dieses Entwurfs. Tie Handwerkskammern hätten an dem Zustandekommen dieser Ge­setze den größten Anteil und die Regierungsvorlagen stützten sich in weitgehendeiu Maße auf die von den Handwerkskammern be­antragten Entwürfe, resp. wurden durch letztere modernifiziert. An den letztgenannten Gesetzentwurf habe die hessische Kämmer noch in ganz besonderem Maße mitgearbeitet und der Bericht protestiere gegen die Darstellung, als ob die Handwerkskammern an , dem Zustandekommen dieser bedeutsamen Gesetzentwürfe einen wesentlichen Anteil nicht hätten. Der Bericht weist dann noch auf den gedruckt vorliegenden Jahresbericht hin, aus welchem die weitere Tätigkeit des Vorstandes näher erhellt. Auf dem Gebiete des Lehrlingswesens, das einen sehr bedeutenden Teil der Vorstandsttckigkeck beanspruche, lasse sich eine stetig fort­schreitende Besserung der früher ungeordneten Zustände deutlich erkennen, ebenso seien bemerkenswerte Fortschritte in der Aus­gestaltung fachlich gegliederter Fortbildungsschulen und auf dem Gebiete des Gesellenprüfungswesens erzielt worden.

Ueber die Prüfung und Abnahme der Rechnung des Etats- jahres erstattete Petri aus Gießen Bericht. Der Rech­nungsabschluß ergab keinerlei Anstände und schloß mit 37 770 Mark Einnahmen und 37 193 Mk. Ausgaben. Der ' Stand des Beamtenpensionsfonds betrug Ende 1906 11305 Mk. Der dann zum Vortrag gebrachte Haushaltsplan für 1908 balanziert in Einnahmen und Ausgaben mit 30160 Mk. und wurde ohne Debatte genehmigt. Es folgt ein Referat des Stadtv. Rockel über die Anlage von Kapitalien, woraus hervorgeht, daß die Kammer bei der Hess. Handwerker-Zcntral-Genossenschaft durch die Uebernahme von 15 Aktien ä 200 Mk., also 3000 Mk., be­teiligt ist. Die Versammlung erklärt mit dieser Geldanlage ihre statutenmäßig erforderliche Einwilligung.

Der nächste Punkt betrifft die Errichtung neuer Gesellen­prüfungsausschüsse rc., wird aber als noch nicht spruchreif von der Tagesordnung abgesetzt. Ueber verschiedene Anträge betr. die Ab­änderung des Lehrlingswesens berichtet Obermeister Lautz- Darmstadt. Von verschiedenen Rednern wird dabei namenllich über die sog. Lehrlingszüchtung Klage geführt. Die Versamm­lung überweist schließlich die Anträge an den Ausschuß für das Lehrlingswesen.

Es folgt ein kurzes Referat über die Abänderung der Ge­werbeordnung (kleiner Befähigungsnachweis), über die Tätigkeit der Handwerker-Zentral-Genossenschaft, die Frage der öffent­lichen Führung des Meistertitels rc.

Schließlich wurde zur Abwehr von Angriffen der hessischenLandw irisch aftskammer auf das Metzger­gewerbe einstimmig folgende Resolution angenommen:

Die Handwerkskammer erachtet es als ihre Pflicht, den Verhandlungen und Beschlüssen der Landwirtschaftskammer über die Stellung des Metzgerhandwerks in der Frage der Fleisch­teuerung entgcgcnzutreten. Sie stellt fest, daß der hessische Landwirtschaftsrat, als damalige Vertretung der Landwirt,chaft, den von ihm öffentlich verlangten Beweis für seine im Jahre 1905 erhobene Behauptungdie Metzger hätten von der dama­ligen Steigerung der Viehprcisc den größten Nutzen", seither nicht erbracht hat. Sie kann der willkürlich aufgestellten Sta­tistik keine Beweiskraft beimessen, welcl>e die Landwirte jetzt für ihre neuerliche Behauptung aufstellen, daß die Spannung zwischen den Schweineprcisen und den Preisen für Schweine- flmfch zu hoch sei, da ihnen insbesondere bekannt sein muß, wie hoch die Ansprüche der Bevölkerung gehen und was m den Städten alsSchweinefleisch" überhaupt nur verkäuflich, ist.

Die Kämmer Ijäft es für höchst bedauerlich, daß die Landwirte die Metzger als die Ursache der Fleischteuerung bezeichnen und die Ausschaltung des Metzgerhandwerls verlangen, während sie ihre Pflicht, zur Versorgung der Bevölkerung mit Fleischnahrung beizutragen, völlig außer acht lassend, jetzt schon wieder drohen, die Schweinezucht und -Mast als unrentabel cinzuschränken." Der Vorsitzende Gewerberat Falk bedauert, daß diese schwere Beleidigung eines ganzen Zweiges des Hand­werkes '(Abg. Köhler hat seinen Antrag in der Landwirt- schastskammer auch mit den Worten begründet, daß der wucherische Zwischenhandel der Metzger ansge- schaltet werden müsse) von dem Vorsitzenden der Land­wirtschaftskammer ungerügt blieb, deshalb solle Stellung zu diesem Vorkommnis genommen werden, zumal die Landwirtschafts- kammer ihre Tätigkeit nicht besser beginnen zu sollen glaubte, als eine andere Erwerbsgruppe in leichtfertiger Weise zu verdächtigen. Er hat das Vertrauen in den Staatskommissar, der Handwerkskammer, daß er dafür sorge, daß nichts geschieht, ohne vorher die berufenen Vertreter des in Frage kommenden Handwerkszweiges zu hören, für den Fall es die Regierung mtt den Grundsätzen der Gewerbefreihcit für vereinbar hält, hier irgendwelche Bestimmungen zu treffen. Ohne genaue Kenntnis der einschlägigen Verhältnisse 'lasse sich ein gerechtes Urteil nicht bilden.

Damit war die Tagesordnung erschöpft, sodaß der Vor­sitzende die Sitzung schließen konnte. Ein gemeinsames Mittags- mahl schloß sich an.

Kriegsmarine-Ausstellung. L

Gießen, den 28. Mai 1907.

Für die Dauer dieser Woche veranstalten der Flottenverein und der Marineverein im großen Saale von Steins Garten eine Ausstellung. Sie bietet für den Fachmann wie für den Laien genug des Sehenswerten und hat den Zweck,das Interesse und Verständnis für unsere Kriegsmarine auszubreiteii". Dabei bemüht sie sich um den Nachweis, daß wir zur See stets so stark sein müssen, daß wir unsere Küsten und Häsen gegen jeden Feind zu schützen vermögen. Auch der vielleicht mit Tendenzen des Flotten- verems sich nicht immer einverstanden erklärt, muß doch zugeben, daß die Ausstellung, welche diese Organisation uns bietet, m vielen Beziehungen äußerst belehrend und anregend wirkt.

Das gilt besonders non den Kriegss chiffs modelten, deren etwa ein Dutzend vorhaliden ist. Sie bieten ein natur­getreues, wenn auch natürlich stark verkleinertes Bild der einzelnen Schiffstypen unserer Marine. Zunächst sehen wir ein Schiff der Karserklasse, das LinienschiffKaiser Karl der Großes im Modell vorgesührt. Ma>i darf wohl behaupten, daß der Laie, der noch nie em solches Schiff gesehen hat, über dessen Dimensionen recht ungenaue Vorstellungen hat. Namentlich wird es über das Verhältnis der Geschützgroße zu der des Schiffes sehr ost der Wirklichkeit nicht entsprechende Ansichten haben. Im Verhältnis zum gesamten Schiffsbau erscheiiien die angebrachten Geschütze recht winzig. Betrachtet mein dann aber einmal die in natura ausgestellten Gejchützarten, so kann man sich sehr leicht ein Bild von den ungeheuren Dimensionen unserer Kriegsschiffe machen. Der angeführte Gegensatz tritt noch deutlicher an den Kreuzer- mo dellen zu Tage. Der PanzerkreuzerPrinz Heinrich" unter­scheidet sich durch seiii blendendes Weiß und sein glanzvolles Aeußere scheinbar recht vorteilhaft von dem stahlgrauen schlichten Liiilenschiffe. Er ist kleiner als dieses uiid weist weniger Geschütze auf. Ter daneben ausgestellte kleine KreuzerGazelle" ist weit schiiiäler und hat bebeiileub kleinere Geschütze. Berben Modellen sieht man es an, daß die von ihnen bargestellten Schiffe für bie offene Seeschlacht nicht gerade äußerst tauglich erscheinen und baß sie mehr für beit Ausklärungsbienst in Frage kommen. Einen nicht so schönen Einbruck macht ber K ü st e n p a n z e rBeowulf". Dies Modell sticht von ben vorigen scharf ab durch seinen kurzen, plumpen und dickbäuchigen Runrpf.

Einen noch iveit größeren Kontrast zu den modernen Schiffsbau- arten bilden dann die ausgestellten Modelle älterer Kriegs­schiffe. Eines fällt bei allen diesen sofort auf. AuS der Schiffs- wand heraus starrt uns eine große Anzahl Geschützläufe an, die bei den modernen Schiffen sich auf Deck befinden und daher eine viel größere Bewegungsfreiheit und Schußfläche haben. Dann ist ein großer Unterschied ja auch schon der, daß das frühere Segel­schiff jetzt von dem Dampfschiff abgelöst ist. Das 1850 erbaute LinienschiffRenown" kommt uns noch vertrauter vor als die beiden Schisse aus deut 17. Jahrhundert. Hier fällt gleich das reiche Tateliverk, das beste Zielobjekt, auf. Ter Rumpf der allen Schiffe ist iveit höher und kürzer als der der heutigen. An der kurbrandenburgischen Fregatte bewundern wir bie mit bunten Karrees verzierte Außenwand.

Ausmerksamkeit verdienen auch die kleineren Schiffstnpen. Die Torpedoboote erwecken allgemein großes Interesse. Aus­gestellt sind Modelle eines Torpedobootszerstörers und eines Tor­pedobootes. Erstere ist größer. Beide sind lang und schmal, fast pieilsörmig und zeigen auf Deck wenig mehr als zwei kleine Schorn­steine und einen verhältnismäßig winzigen Mast. Den schmucken Schiffchen sieht man ihre Gefährlichkeit kaum an. Alan lernt sie aber achten, wenn man dazu das Torpedogefchoß vergleicht.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 29. März.

" Parlamentarisches. Die Erste Kammer der Stände wird dem Vernehmen nach gegen Ende der nächsten oder Anfang be& übernächsten Woche zu einer kurzen Plenarberatung zusammentreten und dabei besonders den Gesetzentwurf, betr. die Wertzuwachssteuer, zur Er­ledigung bringen. Neben der Verabschiedung einer Reihe kleinerer, bereits früher von der zweiten Kammer bewilligten Vorlagen, Anträge und Vorstellungen wird dann auch die Wahl eines besonderen Ausschusses von 5 Mitgliedern für die Vorbereitung der Wahlrechtsvorlage nach dem Aussühvmgsgesetz des Art. 92 der Verfassiingsurlunde erfolgen. Der Finanzausschuß und der Vierte (Petitions- rc.) Ausschuß treten im Hinblick auf die bevorstehende Plenar­beratung der Ersten Kammer bereits Ende dieser Woche zusammen. Der Finanzausschuß wird sich namentlich ein­gehend mit der Vorlage über die Wertzuwachssteuer, wie sie jetzt aus den Beschlüssen der zweiten Kammer heroorgegangen ist, zu beschäftigen Haden.

* Zur Universitäts-Jubelfeier. Dec hessische Staat wird aus Anlaß der 3. Jahrhundertfeier der Landes­universität eine silberne Plakette Herstellen lassen, bie. an die Dozenten der Ludoviciana und die Ehrengäste des Festes überreicht werden.

* * 5 0 000 Mark unterschlug am 14. l. MtZ. der Bankbote Arnold Lauterbach in Düsseldorf und ging damit flüchtig. DaS Geld bestand in Tausend- und Hundert­markscheinen. Lauterbach ist am 3. 1. 86 zu Kattowitz in Schlesien geboren, 1,6264 m groß, schlank, hat dunkel- braunes, rechts gescheiteltes Haar, ist bartlos und hat Pickeln im Gesicht. Ec war Mitglied der Heilsarmee, verkehrte auch häusig in Diakonissen-Anstalten. Auf Festnahme des Lauter­bach sind 500 Mark Belohnung und außerdem 1 % des wieder beigebrachten Geldes als Prämie ausgesetzt. Lauter­bach soll sich in hiesiger Gegend auf halten.

* Verhaftet wurde gestern dahier der Arbeiter Johann Frank auS Briefen, welcher vom Amtsgericht Kiel steckbrieflich verfolgt wurde. Ferner wurde ein junger Bier­kutscher in Untersuchungshaft gebracht, weil er seinem Arbeitgeber Kundengelber in beträchtlicher Höhe unterschlagen hatte.