Ausgabe 
27.4.1907 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Ueber den Jnhall: teS neuen deutsch-anrerr- konischen Handelsvertrages berichtet dieDeutsche Tageszeitung": Deutschland gewährt ten Vereinigten Staaten Don Amerika nicht den ganzen Konventionaltarif, wohl aber einen -rotzen Teil der Zollermäßigungen. Selbstverständlich wird unter die Sätze des Konventionaltarifes nirgends heruntergegangen. Amerika gesteht als Gegenleistung die Herabsetzung tes Schanm- weinzolles und einige nicht besonders erhebliche Erleichterungen bei der Einfuhr zu. Ob diese Erleichterungen für un>ere In­dustrie von besonderem Werte sein werden, wird von ihrer Handhabung abhängen. Das Handelsabkommen wird auf ein Jahr abgeschlossen: nach dem Ablaufe des Jahres gilt es als stillschweigend verlängert, wenn es nicht 6 Monate vorher gekündigt wird. ~ _

Der Termin für die allgemerne Berufs- und .Be­triebszählung ist vom Bundesrat auf den 12. Juni fest­gesetzt. Tie Zählung findet im Sommer statt, um die deutiche Volkswirtschaft in möglichster Entfaltung aufzunehmen. Auch die früheren Erhebungen fielen in den Juni. Wegen ter großen Arbeiten und Kosten können die Berufs- und Betriebszählungen nur selten stattsinten. Bisher sind überhaupt nur zwei, tec erste 1882, die ziveite 1895, vvrgenommcn. Seit der letzten hat sich das Erwerbsleben besonders schnell entwickelt. Zweifel- los wird deshalb die Statistik große Veränderungen in der deutschen Volkswirtschaft aufweisen.

Glauchau, 27. April. In der gestrigen Reichstags^ Ersatzwahl im Wahlkreise Glauchau-Meerane siegte »er sozialdemokratische Kandidat Molkenbuhr mu 1 < loo Stimmen über ten Nationalliberalen Dr. Claus, für den 12 boö Stimmen abgegeben wurden. (Am 25. Januar hatte ter ver­storbene Auer 16 657, ter nationalliäcrale Kandidat 13 4^4 Stimmen erhalten. Demnach ist der so z i a l d e m o kr a t r I chc Stimmenzuwachs recht beträchtlich. D. Red.)

Leipzig, 26. April. Eine von ter soziatdemokratrichen Parteileitung der Leipziger Neichstagswahlkreise und den Ge­werkschaften einberusene Versammlung beschloß die Gründung eines Arbeiter-Bildunas-Jnstituts für Leipzig desien Zwea sein soll, tlie Arbeiterschaft aus politischem Gebiet im Geiste tes wirtschaftlichen Sozialismus auszuklären. Lies soll durch systematische Unterrichtskurse, durch Ausführung g^ eigneter Theater st ücke, Auslegung von I u g e n d s ch,r i s t e n und sonstiger Bestrebungen, die die Ausbildung der Arbeiterschaft zuni Ziele haben, erfolgen. Die Kosten sollen gemein.chastlich voll der Partei und den Gewerkschaften getragen werden. Die Verwaltung besteht aus einem 7 gliedrigen Komitee.

(Frkf. Ztg.)

Koburg, 26. April. Der koburgische Speziattanotag hat einstimmig das neue Domänengesetz genehmigt, nach welchem für alle Zeiten der Reinertrag de rDomänen dem Herzog- l i ch e u H a u s e und der S t a a t s k a s s e zu g l e i ch e n T e i l e n zufällt.

Ausland.

Paris, 27. April. Ter TempS widmet den Debatten über den Heeres-Etat im deutschen Reichstage einen Leitartikel, in dem er sagt: Es ist gewiß, daß m Deutsch- land sich eine Erhebung des dtationalgefühles vollzieht und gewisse Zeitungsartikel enthüllen sogar kriegerische ©tinimung, die nrnn gewöhnlich zu verbargen sich bemüht. Wenn wir auch nicht glauben, daß die Maß- losigkeiten des Herrn Maximilian Harden den Seelen- zustand des deutschen Volkes richtig wicdergcben, so läßt eS sich doch erkennen, daß bei unseren Nachbarn das patriotische Gefühl seit 1871 niemals mehr so ebendig war als jetzt. Tas beweist genugsam die Unruhe, die durch die Ereignisse des intcrnntioimlcn Lebens bei ihnen heroorgernfen wird. In Deutschland gedeiht der A n t i p a t r i o t i s ni u s nicht.

Mabrid, 26. April. Ter Kabinettsrat hat das Marinebudget bewilligt, welches sich auf 60 Millionen beläuft. Dies bedeutet eine Vermehrung des Budgets um 15 Millionen gegen das Vorjährige. Diese Mehr- jorbcrnng wird in den nächsten 8 Jahren weiter bestehen bleiben.

Neapel, 26. April. Der König von Siam hat infre Stadt besucht und ist heute nach Genua weiter­gefahren. Der Slönig reist in Begleitung von 12 Frauen und einem zahlreichen Gefolge.

Aus StaOt und Land.

Gießen, den 27. April.

- Auszeichnung anläßlich des Kaiserbesuches. Se. Maj. der Kaiser überreichte bei der Regimentsbesich­tigung dem Regimentsadjutanien, Oberleutnant Menges, der ihm als diensttuender Offizier zugeteilt war, den Kronen- orden 4. Klasse.

*' Vom Großh. Hofe. Das Großherzogspaar stattete am Freitag vormittag in Begleitung des Prinzen und der Prinzessin Heinrich dem neuen, großstädtisch eingerichteten Hotel-Restaurant Heß einen längeren Be­such ab. Die hohen Herrschaften besichtigten bie ausgedehnten Hotel- und Restailrationsräume, dann besonders das große Wandgemälde von Hoftheatermaler Kempin, den Bürgerkeller, die Weinstube, die Bildergallerie u. s. w. Nach der Besich­tigung wurde im blauen Ecksaale eine Erfrischung ein­genommen.

* Ernannt wurde Otto Neuer in Gießen zum Kanzleigehülfen bei der Staatsanwaltschaft am Landgericht der Provinz Oberhessen.

* Anlagemusik findet Sonntag vormittag lV/2 Uhr in der Süd-Anlage mit folgendem Spielplan statt: 1. Oliver- fure zll »Die Heimkehr aus dec Fremde" von Alendelssohn; B. ,Mein Traum", Walzer von Waldteufel; 3. Zwei Motive aus ,Benvenuto" von Berlioz; 4. Armeemarsch Rr. 123.

Brand. In einem Hause der Gartenüraße machten die Bcivohner gestern abend kurz nach 10 Uhr die Entdeckung, daß dem Fußboden in der Badeslube Rauch ent­stieg. Es zeigte sich, nachdem man die Polizei geholt hatte und der Fiitzboden aufgebrochen worden war, daß die Balken stark angekohlt waren und zwar war die Ursache ein defektes Blech unter dem Badeofen. Hier hatten sich die Dielen und dann die Balken durch herausgefallene glühende Asche ent- züiidet.

Der Sängerkranz bereitet als erstes Fest in diesem Sommer für den 5. Mai einen Ausflug nach Marburg vor. Um unsere schöne und herrlich gelegene Nachbarstadl etwas näher kennen zu lernen, soll die Abfahrt schon mittags 12 Uhr 05 Mm. erfolgen. Nach der Ankunft werden die Hansenhäuser aufgesucht, wo sich Gelegenheit zum Kaffeetrinken und ein wunderschöner Blick auf die Stadt bietet. Hierauf werden die Ellsabethkirchc, das Schloß :c. besichtigt und ein Spaziergang nach dem Turnergarten gemacht. Hier ist die Zusammenkunft mit den um 3.13 nachkommenden Mitgliedern und ein geselliges Zusammensein bis zur Rückfahrt abends 8.56. Bei einigermaßen günstiger Witterung verspricht der Ausflug äußerst lohnend zu werden.

** Ein Siebzigjähriger. Wie wir gestern bereits ndttcilten, feiert he ite Prof. Dr. Gordan m Erlangen, em früherer Angehöriger unserer Lantesuniversität, seinen < 0. Ge­burtstag. Aus diesem Anlaß seien einige Mitteilungen aus tem Lebensgang des hochgeschätzten Gelehrten mitgeteut. Gor­dan, geb. am 27. April 1837 zu Breslau als Sohn emes Kauf­manns, sollte nach dem Wunsch des Vaters. ebenfalls Kaufmann werten. Mit 14 Jahren trat er deshalb in den Hantelsstand ein, blieb aber dabei nur 6i&' zu seinem 19. Lebensjahr, da er keinerlei Neigung dafür hatte. Er besaß nur den einen Wunsch, Mathematik zu studieren. Nachdem er das Maturitats­examen nachgemacht, studierte er in Königsberg, Breslau und Berlin Mattenratik, machte in Berlin 1862 sein Dvkwrexamen und habillticrte sich 1863 als Privatdozent m Gießen, wo er zusammen mit Prof. Clebsch viele Arbeiten machte. 1865 wurde er außerordentl. Professor in Gießen, wo er sich mit der Tochter tes Professors der Rechte Dr. Daurer ver- l-eiratete. Seit 1874 ist er ortend. Professor in Erlangen. Im Laufe ter Jahre sind dem im Fachkreise hochgeschätzten Jubilar viele Auszeichnungen zuteil geworden, von denen wir folgende anführen: Geh. Hofrat Dr. G. ist Ehrendoktor ter Uni­versität Dublin, Ehrenmitglied der Universität Dorpat, korrespon­dierendes Mitglied der Kgl. Akademie ter Wissenschaften in München, ter Kgl. preuß. Akademie der Wissenschaften in Ber­lin, ter_ Kgl. Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen, tes Reichsinstituts Lombarte dipcienze e lettere in Mailand, ter Gesellschaft ter Wissenschaften in Lüttich, tes Instituts _ de France (Acatemie des scienccs) in Paris, der Math. Gesell­schaft in London, answ. Mitglied ter Math. Gesellschaft in Moskau, Mitglied des ccruto matein. in Palermo. Von aus­wärtigen Gelehrten sind zu der Feier erschienen Geh.-R. Pro­fessor Tr. Klein-Göttingen, G.-R. Prof. Dr. v. Brill-Tübingen, G.-R. Prof. Tr. v. Dyck und Prof Dr. Lindemann-München. Die Universität Erlangen ließ dein Jubilar eine kün|tlerisch ausgeführte Glückwunschadress überreichen, während die hessische L a n de s u n i v e r s i t ä t ihre Glückwünsche durch ein herzliches Telegramm übermittelte.

** Berbano Deutscher Handlungsgehilfen (Leipziger Verband). Der Rhein-Main-Gan im genannten Ver- baude, dem auch die Kreisvereine Gießen und Wetzlar angehören, veranstaltet am Sonntag, 5. Mai, zu D a r m st a d t eine Wander- versammlung. Allgemeines Interesse von den zur Verhandlung stehenden Punkten haben die Anträge, die Zuständigkeit der im Gaugebietc bestehenden Kaufmannsgerichte auf ihren Landkreis a u s z u d e h n e n und die völlige Sonntagsruhe nach dem Vorbilde der Stadt Frankfurt auch in den übrigen Städten im Gau einzuführeu. An den Verhandlungen der Wander- ocrsammlung kann jedes Mitglied des Leipziger Ve.bands teil­nehmen.

" Da 8 beginnend Frühjahr ruft die männ­liche und weibliche Jugend wieder zu froher turnerischer Arbeit. Auch der Gießener Turnverein von 1846 bat seine turnerische Tätigkeit wieder eifrig ausgenommen und in der Turnhalle und auf dem Turnplatz entfallet sich ein frisches turnerisches Leben, das an den Sonntagen Nach­mittagen eine wertvolle Ergänzung durch die neu in den Turnplan aufgenommenen Turnjpiele auf dem Trieb findet. Morgen fallen sie allerdings aus, da an diesem Tage das Frühjahrsanturnen in der Turnhalle stattfindet. Es besteht aus Schauturnen der Turner und der Samen» Abteilung. Konzert und am Abend Tanz.

Wieseck, 26. April. Wie schon früher mitgeteilt ivurde, feiert der Gesangverein .Jugendgrund" am 8., 9. und 10. Juni fein 25jährigeS Jubiläum. Die Vor­bereitungen sind in vollem Gang und nach dem Eifer, mit dem gearbeitet wird, ist em schöner Verlauf deS Festes zu erwarten. Bereits ist die Kapelle Hch. Becker von hier engagiert und auch der rühiltlichst bekannte Pislonoirtuose, Kammermusiker L. Kümmel, von der Großh. Hofmusik in Darmstadt hat seine Mitwirkung zugesagt.

^Butzbach, 27. April. Gestern abend fand im ,Löwen" eine weitere Versammlung der Spareinleger der Sparkasse G. in. b. H. statt. Ter Rechner Bikoni erstattete über den nunmehrigen Stand der Kasse ausführlich Bericht, dem man, rote bereits aus einer früheren Versamm- lang mitgeteilt wurde, entnehmen konnte, daß der Fehlbetrag bis auf kaum 10 000 Alk. bereits durch den Fortfall der Ver­zinsungen auf 1 Jahr gedeckt ist. Von etwa 40 Einlegern, die insgesamt etwa 80 000 Mk. dieser Tage gekündigt hatten, blieben nur vier auf Auszahlung ihrer Einlagen bestehen, die übrigen zogen die Kündigungen zurück. An der Diskussion beteiligten sich Oberamtsrichter Engel, der den heutigen Stand der Kasse als ein erfreuliches Bild ersprießlicher Tätig­keit des Vorstandes bezeichnete, ferner Kaufmann Friedr. Heyd, der die der Kasse zufließenden Einlagen vorerst nicht in Schuldscheinen und bergt., sondern als Bankguthaben fest- gelegt wünscht, damit man bequem einem etwaigen weiteren Ansturm auf Rückzahlungen begegnen kann, ohne vielleicht auch gute hypothekarische Beleihungen kündigen zu muffen. Mit sichtlicher Befriedigung über die dargelegten Verhältnisse konnte die Versammlung nach kaum einer Stunde geschloffen werden.

a. Lauterbach, 26. April. Mit der steten Zunahme unserer hiesigen israelitischen Gemeinde machte sich auch das Bedürfnis nach einer neuen Synagoge geltend, nachdem das seitherige, von der Gemeinoe pachtweise benutzte Haus, schon lange nicht mehr den Verhältnissen entsprach. Schon im ver­gangenen Jahre wurde daher die Erbauung einer neuen Synagoge beschlossen. Die alte Synagoge ging gestern durch Ver­kauf in den Besitz des Bäckermeisters Möller hier über. Der Kaufpreis betrug 18 000 Akk. In Landenhausen er­hängte sich der 61 Jahre alte Justus Eichener tn seiner Wohnung. .

ttB Darmstadt, 26. April. In den Waldungen bei Griesheim wurde dieser Tage ein ventables Räuber- lag er entdeckt. Em Forstaufseher beobachtete eines Tages 3 Strolche, die sich etwa 30 'Dieter von den Schießständen entfernt in einem Fichtendickicht ein vollständiges Lager aus Fichtenreisig und Teppichen hergerichtet hatten. Tie Strolche entkamen leider, doch sand man ca. 20 Flaschen Wein, Gerätschaften, Decken :c. vor. Später gelang es auch dem Forstaufseher, einen der Insassen des Lagers zu verhaften, es ist der 20 Jahre alte ehemalige Zwangszögling Philipp Germ and aus Griesheim, der emgeitanb, baß ber Wein aus einem am 7. April begangenen Diebilahl herrührte. Die zwei anderen Personen konnten noch nicht festgenommen werben.

Brandobern dorf, 26. April. Ein wertvoller Münzenfund ivurde gelegentlich einer Kanallegung an Dein hiesigen GasthausDeutsches Haus" entdeckt. Tie Münzen wurden in geringer Tiefe unter Ziegeln aufgefunben; es sinb gut erhaltene Silbermünzen aus dem 16. und 17. Jahr­hundert. An ber Fundstelle staub bis vor 20 Jahren ein uraltes Gebäude, das in früherer Zelt als Gerichlskasse und Amtsgericht biente; burchziehende Franzosen unb Russen sollen wiederholt ihr Hauptquartier darin gehabt haben.

Dlarburg. 26. April. Beim hiesigen Land­

gericht wird vom 1. Mai ab eine durchgehende Arbeite, zeit emgefübrt. Am Schloßberg rannte heute nachmittag die Deichsel eines schweren Lasuvagens mit aller Wucht durch eine Hauswand und fuhr mitten zwischen eine am Kasfeetiseh sitzende Familie. Verletzt wurde niemand, dagegen großer Schaden angerichtet.

Frankfurt, 26. April. Im Zoologischen Garten sind wieder zahlreiche neue Tiere emgetrofien, >c' wurde bie Nagetiergalerie durch ein amerikanisches Baumstachesichwein oder Urson, die Wiederkäuersammlung durch ein innges Lama, die Schweinekollettion durch einen weiblichen Hirscheber und der Be­stand des Reptilienhauses durch giftige Sandvipern des europäischen Mittelmeergebiets erweitert. Leicht übersehen wird der Kllpp- schlieser, em unscheinbares, nagerähnliches Tierchen, kaum von der Größe eines wilden Kaninchens, das dadurch ein beionderes Interesse beansprucht, daß es, so absurd dies auch klingen mag, verwai dtschasttiche Beziehungen zu den Nashörnern ausweist, so z B im Bau des Gebisses und des Fußskelettes. Die Hauptan- ziehungskrast für das Publikum ist zurzeit die im inneren Zentral käsig des Affenhauses vereinigte neu erworbene Herde der munteren, schönen Malbrouk-Meerkatzen.

Frankfurt, 26. Älpnl. Dem Generalkonsul Maximilian v. Gold schund t- Rothschild in Frankfurt a. Al., dem Besitzer des Fideikommisses Wroniawy im Kreise Bomst, ist die freiherrliche Würde verliehen worden.

Homburg v. d. H., 26. April. Heute nachmittag be­sichtigten die Dlajeftäten die neue evangelische Kirche und machten dann einen Spaziergang nach dem Golhischen Haus. Zur gestrigen Abendtafel war Geh. Negierungsrat Meißner geladen._______________

Gießener Strafkammer.

ff Gießen, 26. April.

Eine recht schwere Arbeit,

deren Früchte sie sich aber nicht lange erfreuen sollten, ver­richteten bie Brüder H. und G. Sch. von Assenheim mit ihrem Vetter F. Sch. Als im verflossenen Winter die Rent- kammergebäude des Grasen zu Solms-Rödelheim in Assenheim einem Umbau unterzogen werden sollten, wurden die Gräflichen Bureauräume in ein Privathaus am Ortsausgange ver­legt, dessen oberster Stock von einem Buchhalter bewohnt war. In der Nacht zum 3. Februar d. I, nahm der Buchhalter an einer Kriegervereinsfeier mit seiner Familie teil, sodaß das Haus ohne Gefahr betreten werden konnte. Diesen Umstand machten sich die Obengenannten zunutze, intern sie den schon längere ZeU gesüßten Plan zur Ausführung brachten. F. und H. Sch. rissen einige an der Einfriedigung des Hauses befindliche Latten ab und ge­langten so durch die »Lücke in den Hof. F. Sch. zerhackte mit seinem Dachdeckerhammer den Fensterladen des Raumes, worin sie den Kassaschrank vermuteten, und schlug die Fensterjcheibe ein. Beide stiegen hinein unb versuchten den Scyrant zu öffnen, nachdem sie ihn in die Nähe des Fensters gewälzt hatten. Im Mondschein schraubten sie die Platte am untern Tell des Schrankes ab, aber es fiel nur die zwischen den Eisenteilen befindliche Asche heraus. Da sie sahen, daß der Schrank an dieser Stelle nicht geöffnet werden konnte, holte H. Sch. seinen Bruder G. herbei und nun hoben sie den Schrank mit vereinten Kräften zum Fenster hinaus und ließen ihn in t?en Hof fallen, nachdem sie vorher eine Anzahl Saue hingeworfen hatten, um den Schall zu dämpfen. Sie luden den Schrank auf einen Schubkarren unb fuhren ihn ein Stück Weges fort ins Felb unb holten sich aus einem naheliegenden Steinbruch Hammer unb Brecheisen. Es gelang ihnen, ein Loch in ben Schrank zu stoßen, burch welches sie das Geld heraus- holten, daß sie sich teilten. Schon am Tage nächster Tat wurden zwei der Angeklagten unter dem Verdaa)t der Täterschaft in Haft genommen, welches Schicksal auch kurz darauf den teilten ereilte. Sie leugneten die Tat, his man dahinter kam, daß G. und H. Sch. im Schriftverkehr miteinander standen, den ein anderer Untersuchungsgefangener vermittelte. Als einige, bieier Kassiber beschlagnahmt Worten waren, bequemten sie sich einem Geständnis und gaben an, wo sie das Geld hinverMt hatten. Ein mit der Haussuchung betrauter Beamter fördere einen Betrag von 5400 Mark zutage, bei welcher Gelegenhcst. er auch drei Gewehre entdeckte, welche die Angeklagten bereits im Herbst einem gräflichen Beamten ebenfalls mittels Einbruchs gestohlen hatten. Bei ter Frau des Angeklagten F Sch wurden 79 Mk. und bei ihrer Mutter, der Kath. Kvaus, 4oO Mk. vor- gefunden, dessen Besitz sie vorher leugneten, weshalb sie wegen Hehlerei unter Anklage gestellt rourten. Der Jnh.tt des Ka|sa- sci)rants, der iaußer oen Wertpapieren, die unverüyrt geteilten sind, 6634 Mark betrug, ist dem Grafen durch die Versicherung ersetzt worden. Bei dem un Feld liegengebliebenen Schrank wurden noch etwa 180 Mark zerstreut vorgefunden, während noch etwa 1000 Atark fehlen, _üter deren Verbleib niemanb Auskunft gibt. Ter Anstifter, F. Sch., wurde wegen zwei in Gemeinschaft dc- gangener faroerer Diebstähle zu 2 Jahren und 5 Monaten Zuchthaus verurteilt. Die Brüder H. und G. Sch. erhielten ie 2 Jahre und 1 Monat Zuchthaus; jedem der Verurteilten wurden die bürgerlichen Ehrenrechte auf 5 Jahre abgesprochen. Die Frau des Angeklagten F. Sch. wurde wegen Hehlerei zu 3 Atonalen Gefängnis und ihre Atutter, Frau Kath. Kr., zu 1 Monat Ge­fängnis verurteilt.

Der 2(1(0: ol.

Der Taglöhner B. von Ober-Breidenbach hatte aus seiner Heimat einen Transport Vieh nach Lauterbach ver­bracht. Auf tem Rückweg war er in mehreren Wirtschafien eingekehrt, insbesontere hat et in Wallenrod noch in später Nacht eine fidele Gesellschaft gefunden, wo er noch länger: Zeü zechte. Gegen Morgen sah er am Ortsausgange Licht in einem Haus; er klopfte und bal um Einlaß, da er ten Weg nach seinem Heimatsort nicht finden könne. Gleich nach seinem Eintritt stellte er denen im Haus befindlichen zwei Frauen unsittlich: Anträge, welche diese zurückiviefen. Während die Frauen seinem Wunsch, ihm eine Tasse Kaffee zu bereiten, eittsprachen, nahm er an einem im Nebenzimmer liegenden Kinde eine unsittliche Handlung vor, bei der er ertappt wurde. Auf die Frage was er da tue, wurde er recht ungemütlich und behauptete er sei Herr im Hause; er griff dabei nach einer dastehenden Wecker­uhr und nahm sie mitt Von da begab er sich wieder in das Dorf und skandalierte und schrie man habe ihn geschlagen. Schließlich nahm ihn ein Bekannter mit nach Hause, bei dem er seinen Rausch ausschlief. Er wurde wegen Sittlichkeitsoerbrechrn gegen § 176 3 und wegen Diebstahls unter Anklage gestellt; er bestritt, von tem ganzen Vorfall auch nur das geringste zu wissen. Das eigeittümliche Benehmen tes Angeklagten gab der Untersuchungsbetzörbe Anlaß, ihn auf seinen Geisteszu­stand untersuchen zu lassen. Die Verhandlung beziehungs-' weise Untersuchung ergab zwar, daß er im nüchternen Zustand seiner Sinne mächtig ist, doch ist schon beobachtet worden, daß er in trunkenem Zustande in epileptische Krämpfe verfällt. Er ist zwar kein Mensch, ter durch Trunksucht heruntergekommen ist, da er in der Regel nur dann trinkt, wenn er frei gehalten wird. Ter Sachverständige hielt ihn für einen fogenannten Alkoholepileptiker, ter in trunkenem Zustande recht gefährlich werden kann und ter für die in diesem Zu stand begangenen Handlungen nicht verantwortlich gemacht werten kann. Unter Anwendung teti § 51 Str.--G.--B. erfolgte seine Freisprechung unb Entlassung aus ter Untersuchungshaft, bei welcher Gelegen­heit ter Vorsitzenoe nicht versäumte, ihn vor tem Alkohol, ter in d'esem Fall die schrecklichsten Folgen für seine Umgebung nach sich ziehen kann, zu warnen.

Die Eisenbahn SichGrünberg.

Man schrerbt uns:

Die Fehler sind deßhalb da, daß sie gemacht werden und Fehler werden gemacht. Am meifien wohl beim Eisenbahnbau. Kaum tit eine Eisenbahn gebaut, so beginnen auch schon bie Adönberungen. Wir wollen nur an bie Stationen Mücke unb Langsdorf erinnern. Aianchinat ist lioch mit bedenkendem Geldopfer abznhelien. Anders gestatlet es sich, wenn bie Bahn in verfehlter Richtung so angelegt