Nr.6V
Zweites Blatt
1S7.Iahraan«,
Rrettnn SÄ. März 1907
Erlcheiw tSgllch mit Ausnahme bei VonntagS.
Die „Siebener Famlllendlätter" werden dem ,9l!iAeifler* viermal wöchentlich beigelegt, das „Hrelsblotl fflr den Kreis Sichen" zweimal wöchentlich. Der „üeiüf^e Landwirtt' erscheint monatlich einmal.
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
Rotationsdruck und Verlag der Brüdl'ichen UnwersnälS - Buch- und 6tetni>ruderet UL Lange. Dietzen.
Redaktion, ExvedMon und $ ruderet: Scbul- stratze ?. Erpedition und Verlag; 6L Redaktion: es® 112. DeL-Adr^ ÄnzeigerDletzen.
Ju anujlMllijcheuKauernunruylN in ZlumariN', Tie Nachrichten, die jetzt täglich über die gegen die jüdische Bevölkerung NumättienS gerichtete Bauernbcivegung zu uns gelangen, lassen die Lage in Rumänien als sehr ernii erscheinen. Die Bcmernbewegung hat im wesentlichen rein wirtschaftlichen Charakter und ist durch die elende Lage deS rumantschen Landvolkes verursacht. Seil langem führt daS Landvolk Beschwerden gegen die Grundbesitzer und die Gutspächter, von denen die ersten Rumänen, dte letzten zuineist Juden sind. Der reiche Runtäne iüciIi nur selten auf seinen Gütern und zieht cs vor, in Blikarcu oder in Paris zu leben. So halten sich die Bauern an die jüdischen Guispächter und verlangen von ihnen die Ermäßigung der Bodenpretse.
Dte Wiener „Poltt. Korresp." bezeichnet gleichfalls die Bewegung als nur scheinbar konfessionell. In Wirklichkeit hat, so schreibt sie, eine eigenartige Verkettung der Umstände dazu geführt, daß die Agrarbewegung sich mit aller Wucht gegen die Israeliten richtet. Die Hauptschuld an dieser Entwickelung trifft, so sagt die genannte Korrespondenz, die rumänischen Grotzgrunddesitzer, für deren Verhalten in der Agrarfrage einzig daS Bestreben maßgebend ist, aus die bequemste Art einen möglichst hohen Ertrag auS ihrem Elgeiilum zu ziehen. Ta sie ihre Güter nicht an Ausländer verkaufen dürfen, haben sie, unbekünimert um daS Schicksal der Bauernbesitzer, ihre Besitzungen an israelit. Großpächter überlassen, die dann begreiflicherweise bei der Aus- nutzung der Pachtung gleichfalls keine Rücksicht auf das wirtschaftliche Wohlergehen ihrer Unterpächter, der Bauern, nehmen. So kontite es geschehen, daß der Haß eines auf niedriger Kulturstufe stehenden Volkselements sich allntähllch auch gegen die Glaubensgenossen der Großpächter kehrte. Dic Umwandlung der Agrarbewegung tn eine antisemitische ist, so behauptet die genannte Wiener Korrespondenz, durch aus» ländische Agitatoren gefördert worden. Ter gleichzeitige Aus- bruch der Exzesse in weit voneinander gelegenen Diltrikten und das einheitliche Zusammenwirken der Bevölkerung dieser Distrikte spricht für das Vorhandensein einer förmlichen Organi- sation, die von fremden Händen geleitet sein muß. Die rum. Negierung hat sofort eine große Energie entfaltet. ES wurden alle verfügbaren Truppen in daS Gebiet der Ruhestörungen gesandt und iiu Bereiche der Jassyer KorpSkom- mandoS wurden die Reservisten unverzüglich einberufen, als die Bewegung dort größeren Umfang gewann. Die großen Truppenmassen verbürgen in jedem Fall die baldige Unterdrückung der Revolte.
Die heute vorliegenden Privat-Meldungen über Einzel- Vorkommnisse besagen:
Nach einem Telegramm aus Sereth wurde die Grenzstadt M i ch a i l e n i nachts von Bauern gestürmt. Die ganze jüdische Bevölkerung hat sich nach Seretb oder nach, Synoutz ge- flüchtet. Ten Grenzorten droht große Gefahr. Die Dörfer und Gulsho.se in diesem Bezirk smd bereits geplündert. Die Stadt ist in Gefahr.
Aus dem Bezirk Roman wird gemeldet: Ter Aufruhr hat sich auch aus die Orte des Distriktes Roman ausgedehnt, lieber» all werden die Pachthöfe ausgeplündert und verwüstet, die Pächter und Kaufleute verjagt. Der Gitts- päa-ler des Hofes Zaharie ist s ch w e r v e r w u n d e t. In Czeriw- witz angelommene 600 Bauern überfielen einen Pachthof im Bezirk Miäfaileni. Der Pächter mußte fein ganzes Geld, 60 000 Francs, hergeben, u<m sich und seine Familie vom Tode zu erretten. Dann wurde der Hos geplündert und in Brand gesteckt. 4 0 0 M a st o ch f e n wurden ins Freie gelassen oder erstochen.
In Votoschani lieferten die Bauern dem Militär ein regelrechtes Gefecht, bei welchem 12 Bauern erschossen und 10. verwundet wurden. Oberstleutnant Burdeano wurde durch S t e i n w ü r f e im Gesicht schwer verwundet, ebenso wurde der Kommandant Heresco leicht verletzt. Viele Soldaten wurden verwundet. Das 15. Regiment aus Pictraneamtz trat in Votoschani ein. 106 Verhaftungen wurden vorgenommen. In Bucapeacen wurde gleichfalls die Ruhe durch drei Kompanien des Regiments Resboeni hergestellt. Nach Jassy sind das 10. Infanterieregiment von Putna und das 6. Husaren- regimeut von Tecuce zur Verstärkung abgegangen. In Rivolari brachen neue Unruhen aus. Ein Prokurator wurde von den Bauern als Geisel sortgcschleppt. Untersuchungsrichter Erbi- ceano ist mit zwei Kompanien Infanterie nach Bivorlari abge- aangen. — Aus Jassv wird telegraphiert: Die einberufenen Re- ervisteii sind selbst ans den meuternden Dörfern pünktlich in Mi Kasernen cingetroffen. Im Distrikt Pictraneamtz wurden die Gutshöfe in Habaseschti, dem Gut von Dr. Mancelescu, Cri- neschti und Bratuleschti geplündert. Der Gutsbesitzer von Bratu- leschti, Lupaschko, konnte nur durch die Flucht sein Leben retten. Der Kaufmann Karl Jakobsohn in Strunza wurde drei Stunden in einem verbarrikadierten Hause in FrumoS belagert, bis eine Schwadron Husaren ihn befreite. Neue Unruhen werden aus Zaneskti, Podoleni, Costica und Buhusni gemeldet, wo überall zahlreiche jüdische Familien wohnen. In Roman wurde der russische Emissär Viktor Dogariv als Agitator verhaftet und der Präfektur eingeliefert. Auch hat das 7. Infanterieregiment in Prahowe Befehl erhalten, sofort nach Jassy äbzugehen, desgleichen das 21. Jnf.-Regt. in Jlfow, das 6. Jn- fam.-Regt. „Michael der Tapfere", sowie das 2. und 6. Jäger- batailloil in Bukarest. Durch diese großen Truppenansgevote hofsi die Regierung, die gefährdete Bevölkerung Moldaus genügend zu schützen und die Unruhen rasch unterdrücken zu können. Darabanji, welches von dem Schwiegersohn der gewesenen oft en. Reichstagsabg. Dr. Straucher, Fischer, Zepach»- tet ist, wurde, um Plünderungen zu verhüten, militärsich besetzt. Fischer weilt mit seinen Angehörigen gegenwärtig in Wien. — An der Barriere Pacurari erschienen ani 19. März 300 Bauern ans MiroSlava, die in die Stadt eindringen wollten. An der Barriere befand sich nur eine aus 10 Mann bestehende Kavallerieabteilung, der jedoch Sucurs gtsandt wurde. Es kam <ju einem Handgemenge. Schließlich gelang es jedoch, die Bauern nach erbittertem Widerstano auseinanderzutreiben und die Führer 8u verhaften. Unter den Bauern, die mit besonderer Wut mit ihren Knüppeln gegen die Offiziere losgingen, befanden sich auch viele R.seroisten. Es wurden Patrouillen ausgesandt, welche nach ben herannahenden Bauernmassen rekognoszieren sollen: sie konstatierten, daß etwa 40000 Bauern im Anmarsch cu f Jassy begriffen feien. Sofort wurden die Militärpatrouillen verstärkt; auch wurde gleich nach Bukarest um Enisen- Jung weiterer Truppen telegraphiert. Aus Bukarest und Bok- ßchani sind starke Truppenabteilungen nach Jassy auf dem Weg.
Bisher sind mehr als 300 Gutshöfe verwüstet. Die Zahl der obdachlosen jüdischen Familien wird auf 10 000 Kopfe geschätzt. Tie Flucht nach Oesterreich nimmt eine ungeheuere Ausbehnung an. 4000 Menschen kampieren im Freien. Tie aufständischen Bauern planen angeblich zum Sonntag einen Haupt sch lag. Sie gehen ganz planmäßig in Trupps von 1300 Mann vor. Die rumänische Regierung kündigt an, baß sie Maßnahmen zum Schutze der sremden Staatsangehörigen eingeleitet habe. Geistliche und Lehrer versuchen die aufrührerischen Bauern zu beruhigen. In vielen Ortschaften herrscht Nahrungsmangel. Das Vieh stirbt vor Hunger. Tic Bauern rücken der österreichischen Grenze immer näher, die von Gendarmerie stark besetzt ist. In Vatnj zogen die Bauern vor die Präfektur und forderten vom Präfekten Ackerland zu b i H i g e m greife. Als dies verweigert wurde, begannen sie die Präfektur zu demolieren. DaS Militär feuerte und tötete zahlreiche Bauern. Bei Dangeni überfielen blic Bauern einen Eisenbahnzug und beraubten ihn. Die Bahnen müssen nun militärisch überwacht werden.
Tie ojsiziöse .Agence Roumcnne* stellt jedoch alle diese Meldungen als übertrieben hin. Ihr zufolge soll es nur in den Bezirken der Obermoldau zu einigen Unruhen der Bauern gegen den Trust der ausländischen Pächter gelouuncn sein. ES wird aber zugegeben, daß der Kriegsmiuisler die Reserven emberufc zur Truppenocrstärkung und Aufrechterhaltung der Ordnung.
Seitens der Berliner Diskontoaefellschaft, der an der Spitze des Numänen-Konsortinms stehenden Bank, wird bestritten, daß endgültige Verabredungen getroffen seien über die Emission einer rumänischen Auslands-Anleihe im April oder Akai. Man geht am Ende nicht fehl in der Mutmaßung, die rumänischen Bauernunruhen ließen es den maßgebenden Kreisen g«raten erscheinen, mit der- Inanspruchnahme be* Auslanbskredits noch zu warten. Da gesunbe Agrarverhältnisse für bie Kreditwürdigkeit Rumäniens von erheblichem Belang sind, erscheint es allerdings wünschenswert, daß die unter dem Eindruck der Bauernimruhcn in die Wege geleitete Agrarreform durchgesührt wird, bevor man an den ausländischen Geldmarkt herantritt. Den Erfolg würde jetzt eine rumänische Anleihe wohl nidyt haben, zumal bei der gespannten Lage des Geldmarktes, der ihr zweifellos an einem späteren Termin beschieden wäre, ist doch Rumänien trotzalledem der politisch und finanziell zuverlässigste Balkanstaat.
politifd>c Tagesschau.
Em preußischer Mmifterkaadidat.
R Berlin, 21. März.
Der Vorstoß des westpreußischen Agrariers v. Oldenburg im preuß. Abgeordnetenhause gegen die .moderne" Theologie galt im Grunde nicht dem Kullusininister von Stubt, dessen Rücktritt für Ende 9)1 at erwartet wirb, sondern dem Fürsten Bülow. In der Frage, wie der Ministerpräsident es mit der Religion halte, fühlt man sich in konservativen Kreisen seiner Sache nicht ganz sicher. Zum mindesten ist man dort einigermaßen beunruhigt, weil ber bekannnte liberale Theologe Professor Harnack neuerdings häufig zu Hofe gezogen und, wie es heißt, Gast bes Kanzlers bei deffen Osteraufenthalt in Italien sein wirb. Es befestigt bas naturgeuiäß bie Vermutung, Professor Harnack sei zum Nachfolger von Studts ausersehen. Liberalerseits würde diese Wahi ohne Ziveifel mit Genugtuung aufgenommen und dcm Biinislerprästdenten ins politische Kredit geschrieben werden, nicht sowohl der kirch» lichcn als vielmehr der Schul-Jnteressen wegen. Mögen dann immerhin die preußijchen Konservativen dem Fürsten Bülow das Zugeständnis an den Liberalismus verübel», bei den Neuwahlen zum Landtag im nächsten Jahre ivürbe sich selbst unter dem Dreiklassenmahlrecht zeigen, daß die Parteien gestärkt ziirückkehren, die für eine volkstümlichere Schulpolitik emtceten.
Tie Lohnkämpse.
Man schreibt uns aus Berlin:
Die ungewöhnlich lebhafte Lohnkampsbewegung dieses Frühjahrs ist anscheinend noch nicht abgeschlosien. In den leitenden Gewerkfchaftskreisen wird mit eurer weiteren Ausdehnung ber Streiks, u. a. mit einem Lohnkampf im Baugewerbe unb in der Metallindustrie, gerechnet und deshalb einerseits die Erhöhiing der Wocheubeiträge be- fchlossen, andererseits den verschiedenen Gewerkschaften zu ver- fteheu gegeben, daß sie beim Eintritt in einen Lohnkcuupf auf Unterstützung seitens anderer Berufe kaum rechnen dürfen. Dec Holzarbeiteroerband, dessen Kassen durch ben AuSstand nahezu erschöpft sind, soll allerdings auf Ersuchen von anderen Gewerkschaften subventioniert werden. Um die Beteiligung an der Maifeier dürfte eS bei solcher Sachlage Diesmal erheblich schlechter bestellt fein. Doch auch sonst ivird für Parteizwecke aus den Gewerkschaftskassen weniger geopfert werden können, denn es sieht nicht danach ans, daß bie Lebensrnittelteuerung nur noch kurzen Bestand hat. Der Gedanke an einen politijchen Majsenstreik rückt dagegen in immer weitere Ferne. Bebel wird diesen feinen Lleblingstraum jedenfalls nicht verwirklicht fehen. (Vrgl. Arbeiterbewegung.)
Tas Verbot des anarchistischen Kongreffes in Offenbach.
Wir lejen in der „Rat.-Zlg.*:
Der geplante anarchimsche Kongretz in Offenbach ist verboten. Das Vervot seitens b:r dortigen Polizei war erwartet, seitdem bekannt rourbe, dpß hier auaji bie internationalen Beziehungen der Anarchisten eine große Rolle spielen joliten. Die Anarchisten aller Länder hatten sich in Offenbach die Hände gereicht.
Wie wir erfahren, handelt es sich in Offenbach bei diesem Kongreß im ivefentlichen um die Schastuug eines gwßen Organi- fatwnsapparates. Es jolite in Berlin em größeres Agitatwns» tomitee eingesetzt werden. Dasselbe sollte Flugblätter für das ganze Deutsche Reich hcrausgeven, eine Liste der Verjamuuungs- rcdner auf stellen unb dann dieselben nach den verschiedensten Orten bini'icigieren.
Nach ns gewordenen Mitteilungen hatten bie Anarchisten für Lien ngreß derartig öorgearbeitet, daß eine recht ftarke Beteiligu.. zu erwarten war. .Auch Gelder waren genügend
üoryanben, das Ausland hatte ebenfalls mit „Pulver" untet bie Arme gegriffen. In anarchistischen Versammlungen hatte man crklärr, K'ß nlr.n große Dinge von diesem Kvngretz in Offenbach erwarte. ES (Ubcn übrigen; in den letzten Tagen wiederum zahlreiä>e Haussuch'.'ngcn bei An rchisten fhi.tgefunb.n. Das Anar- d) iftenblc.lt „Dcr Revvlutionär"' wurde beschlagnahmt, angeblich :'j?qcu ein es Artikels „Tie reik-’.ut.oiure Taktik in Russtand".
Republikanische Regierungsgrundsützc.
Es durfte für uns Deutsche nicht ohne Interesse seiv, einen Blick in bie Reßierungsgrundsätze ausgejprochen republikanischer Siacllsmanner unseres westlichen Nachbarlandes zu werfen. Tie beiden Staatsmänner find ber einstige Ministerpräsident Waldeck-Rousseau, der einer ber angesehensten Republikaner war, unb der langjährige radikale Kriegsminifler A n b r 6.
Letzterer wurde bekanntlich von ben Nationalisten seines Landes wiederholt hart in ben Kammern unb in Zeitungen angegriffen. Man warf ihm vor, er habe durch feinen Radikalismus das französische Heer Desorganisiert. Hiergegen! hat er sich nach seinem Sturze in mehreren Zeitungsarliteln verteidigt. Eiuem dieser Artikel, ber im vorigen Jahre im „Platin" veröffentlicht wurde, entnehmen wir svlgenbe Ausführungen:
General Anbrä erzählt ben Verlauf einer Senatssitzung, in bet man iyn lebhaft kritisierte. Er spricht von einer Tagesordnung Monzon, bie von ifym selbst gebilligt wurde, unb zwar aus zwei Gründen. Der zweite war, daß die Tagesordnung bas Programm ber Regierung billigte, und dieses Programm schrieb „ber Regierung baS Recht zu, sich über bie Gesinnung ber Beamten aller Kategorien zu unterrichten".
Wohtgcmerkt, nicht etwa nur der sogenannten politischen Beamten, jonbern aller Beamten.
„Dieses Recht", schreibt Herr Anbrö, „ist von Walbeck- Rousfean in feiner in Toulouse gehaltenen Rebe bestätigt worben."
Herr Slnbrö gibt biese Grundsätze in einigen Sätzen genauer an. Er schreibt:
„Demjenigen, ber irgenb etwas von bem Staate verlangt, hat man bas Recht zu sagen: ,Jch will Sie kennen lernen; ich will wissen, was Sie benken; ich will wissen, welches Jyre Grundsätze, Ihre Ansichten sind:
Menn ber Präfett Nachforschungen über die Bewerber um ein Amt ober über bie Beamten hat machen lassen, so hat er nur feine Pflicht erfüllt. Wenn jemand sich um ein Amt bewirbt, so ist es absolut notwendig, zu wissen, wer er ist, welches feine Umgebung, feine Familie ist. Ich bin ber Ansicht, baß bie Frau, unb insbesondere die Französin, einen großen Einfluß auf ihren 'JJlann ausübt. Dieser Einfluß ist oft vortrefflich; er kann aber auch nicht glücklich sein. Hat ein Beamter bas Glück, eine Republikanerin xur Frau zu haben, so bin ich beruhigt uno brauche nicht weiter zu gehen. Wenn aber bie Fran eine Reaktionärin ist, so muß, wenn, ich über die Meinungen bss Gatten völlig beruhigt fein soll, dieser mindestens dreimal Republikaner sein. Hinsichtlich ber Nachforschungen, wo bie Beamten ihre Kinder erziehen lassen, erwartet ber Senat nicht von mir, baß ich bie Rebe von Toulouse noch einmal halte. Man hat mir heftig vorgeworfen, ich hätte bamalS gejagt, baß es bie Pflicht der Regierung fei, ihre Beamten zu fragen, ob jie für bie Staatsschule Achtung ober Geringschätzung hegten. Es gehört zu den Pflichten ber Regierung, zu wissen, welches die Haltung der Beamten ber Republik hinsichtlich bes Unterrichts ihrer Kinder ist."
Leute aus diesen Kreisen werben uns bisweilen int Parlament und in der Presse als Kritiker unserer Verhältnisse vorgesührt, um unsere angebliche RüctftändiLkeit zu beweisen, um barjutun, baß bas Ausland wegen unjerer „reaktionären" Verhältnijse kein Vertrauen zu uns haben könne!
Nicht ohne Interesse dürfte noch folgendes aus dem erwähnten Zeitungsartikel sein.
Andro erzählt, er habe von einigen Herren, bie er für Vertraute feiner Kollegen gehalten hätte, gehört, er ei bei ber Abstimmung mit 154 Stimmen Minberhett unterlegen, er habe beshalb fein Entlassungsgesuch abgefaßb und sei mit seinem Portefeuille unter dem Arm bie Treppe hinaufgegangen. Lassen wir ihn selber sortsahren:
„Oben auf ber Treppe begegne ich einem Abgeordneten. Herr Dourrat, wie es mir scheint. „Wohin gehen Sie so? Die Sitzung ist nicht zu Ende." — „Sie sehen es, ich trage mein Ministerportefeuille in die Rue Erlanger." — „Aber weswegen?" — „Ich bin geschlagen, ich habe benüfiioniert." — „Ich weiß wohl, daß Ihre Majorität nicht groß ist; sie beträgt höchstens vier Stimmen. Aber feiüft wenn Sie nur eine Stimme Mehrheit hätten, mußten Sie auf Ihrem Posten bleiben." — „Ich bin Ihrer Meinung, aber find Sie sicher, baß ich fie habe, bieseMehrheitooneinerStimme?" — „Absolut sicher."
Es ergab sicy schließlich eine Mehrheit von 31 Stimmen, und Herr Anbrß blieb.
Eme Stimme Mehrheit hätte dem radikalen Republikaner aber auch genügt! O, dieses hochstehende Ausland mit feiner „politftchen Reife"! Wenn man bie Schminke abwii'chll, geht aller Schönheit unb aller Glanz verloren.
Deutsche» Reich.
Berlin, 21. März. Tas Abgeordnetenhaus hielt heute noch eine kurze Sitzung vor den Osterferien ab, in der vorn Kultus-Etat der Titel Elementarschulweien erledigt wurde. Hierzu wurde ein sreikonservatioer Antrag angenommen, die Oft» marken-Zulage auch den Lehrern in Schlesien zu gewähren. Eine Reihe weiterer Kapitel des Kultus-Etats rouroe ohne erhebliche Debatte genehmigt. — Auch das Herrenhaus hielt heute eine Sitzung ab, in welcher das Beamten-Pensionsgesetz angenommen wurde.
— Tic Stadtverordneten Berlins beschlossen mit 05 gegen 54 Stimmen die Einführung der W e r t z u w a ch s st e u e r für bebaute unb unbebaute Grundstücke, wenn der gegeinvärdge Erwerbs-


