nicht nur vom Minister, sondern auch von der anderen Stelle verstanden werden, die den Austrag zur Einbringung gegeben habe. Er verstehe nicht, wie diese Stelle zu einer solchen Vorlage kommen konnte. Die Regierung bringe jetzt in konzilianter Form vollständig reaktionäre Vorschläge ein. Tas Ministerium sei reaktionär bis 'ans die Knochen. Nur die zweite Kammer solle ihre Rechte ausgeben und sich der ersten Kammer gegenüber degradieren. Die Gesetzentwürfe seien keine Grundlagen zur Verständigung, sondern ein. Stock, über den die zweite Kammer springen solle. Die Regierung habe die Herren der ersten Kammer um ihren Rat befragt, aber die Führer der zweiten Kammer nicht. Er protestiere gegen diese Behandlung der Volkskammer. Die Regierung habe mit der Einbringung der Vorlage wohl das direkte Wahlrecht verweigern wollen, denn sie tonnte nicht anncbmen, da stdie Mitglieder der zweiten Kämmer ihrem Beschluß vom 23. Oktober 1905 untreu werden und jetzt plötzlich anders suhlen und denken würden. Er halte lange Beratungen in ben Ausschüssen für gänzlich unnötig. Man solle die Gesetzentwürfe kurz und schmerzlos ablehnen. Das direkte Wahlrecht marschiere doch. Wir brauchen es, wir müssen es haben und wir werden es erhalten.
Abg. Dr. Gutfleisch erklärt es für bedauerlich, daß die Regierung ihre Vorlagen damit begründet, die erste Kammer beharre auf ihrem Standpunkt und werde nicht nachgeben. Wenn wir bloß den Wünschen der ersten Kammer folgen sollten, brauchen wir ja überhaupt nicht erst lange zu verhandeln. Es sei ein Sturm des Unwillens durch das ganze Land gegangen, als das andere Haus dem Volke das Recht vorenthielt, seine eigenen Befugnisse durch die Einführung des direkten Wahlrechts zu regeln. In einer Zeit, in der man allenthalben daran denke, die Tätigkeit der ersten Kammern zu beschränken, in der Zeit, in der sich überall eine herbe Kritik gegen die ersten Kammern wende, sei es unverständlich, daß man bei uns die Rechte derselben noch erweitern wolle. Es könne niemand das Bedürfnis haben, die Sonderausschüsse beider Kämmern jahrelang zusammen tagen zu lassen. Wenn eine gemeinsame Beratung nötig sei, so könne dieselbe auch jetzt schon auf Grund der landständischen Geschäftsordnung erfolgen. Die Vorlage sei ein recht bedenkliches Experiment und sie könne nur eine endgültige Verständigung erschweren. Staatsminister Rothe habe die mit Jubel begrüßte Erklärung abgegeben, daß er an der Verfassung iiicut rütteln werde: er würde niemals ein «solche Vorlage wie die jetzige eingebracht haben. (Lebh. Beifall.)
Staatsminister Ewald wendet sich zunächst gegen mehrere Ausführungen des Abg. Dr. Osann und führt dann aus, daß er gerade in der Weitertagung der Ausschüsse auch nach der Land- tagsvevabschiednng, wie sie das Gesetz von 1836 vorschreibe, einen großen Vorzug erblicke. Dem Äbg. Dr. Osann sei wohl .der Initiativantrag der ersten Kämmer nicht mehr gegenwärtig, in welchem auch die Abänderung des Art. 110 verlangt werde. Tie Regierung hab? ausdrücklich die weitergehenden F-orderungen des Initiativantrags abgelehnt. Er müsse sich auf gegen den Vorwurf verwahren, d,aß er nur mit Mitgliedern der ersten Kammer und nicht auch mit solchen der zweiten Kammer vor Einbringung der Vorlagen verhandelt habe. Er habe sich nur darüber informieren wollen, ob die erste Kämmer nicht doch von ihrem Initiativantrag abgehen wolle. Bei der vvrgeschlagenen Abänderung des Art. 75 würden keine Bolksrcchte, sondern ein Kronrecht preisgegeben, denn di' Regierung würde bei der Festsetzung einer Zweidrittelmehrheit bei gemeinsamen Abstimmungen an wesentlich größerer Anzahl an Mgeordneten für sich haben müssen. Im übrigen mache er darauf aufmerksam, daß nicht eine Kammer die Durchstimmung verlangen könne, sondern daß es das Recht der Regierung sei, eine solche zu veranlassen. Wenn er jetzt mit den Wahlvorlagen die Hand bu*u biete, so müsse es ihn sehr sonderbar berühren, wenn er von Mitgliedern dieses Hauses als reaktionärer Mann hingestellt werde.
Abg. Dr. David führt aus, das Streben der erften Kämmer geht dahin, dsas Steuervecht in ihre Gewalt zu bekommen und dabei werde ihr von der Regierung noch Vorschub geleistet. Nach Annahme der Verfassungsänderung würde die erste Kammer in Hessen mit mehr Rechten ausgestattet fein, als diejenigen in den übrigen Bundesstaaaten.
Staatsminister Ewald bestreitet dem Vorredner gegenüber entschieden, daß die erste Kammer in Hessen besser gestellt werden würde, als die erste Kämmer in den anderen Staaten. Selbst wenn die Verfassungsänderung angenommen würde, stände die erste Kammer in Hessen noch immer ungünstig da. Es stehe z. B. in Baden im Belieben der ersten Kämmer, ein Scheitern, des Budgets herbeizuführen.
Inzwischen haben die Abgg. Dr. Osann und elf Genossen den Antrag eingebracht gemäß Art. 26 der Geschäftsordnung die Beratung der Gesetzentwürfe in beiden Kammern zu veranlassen. Ter Antragsteller bemerkt boau, er wolle den Ausschüssen nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht auferlegen, miteinander ins Benehmen zu treten. Er sähe keinen ein, den feit langen Jahren ausgeübten Usus der Rekommandation zu beseitigen und deshalb einen Kämpf mit der ersten Kammer heraufzubeschwören.
Nachdem Präs. Haas erklärt hat, daß die Vorlagen ja bereits beiden Kaminern zugegangen feien und der neue Antrag demnach überflüssig erscheine,
zieht Tr. Osann seinen Antrag wieder zurück und die KAmmer nimmt darauf einstimmig folgenden Ausschußantrag an:
„Tie zweite Kämmer möge die Wahl eines beson -> her en Ausschusses irn Sinne des Gesetzes vom 14. Juni 1836 äblehnen und die Entwürfe betr. Wahlreform dem zweiten Ausschüsse zur Beratung überweise n."
Tie Kammer verweist daraus eine Anzahl zur beiläufigen Beratung im Plenum gestellter Anträge und Vorstellungen an die zuständigen Ausschüsse.
Ter Antrag des Abg. Dr. G lass in g betr. Revision des Gesetzes über das Verss'ahren der Zwangsvollstreckung im Verwaltungswege vom 30. September 1893, sowie der Aus- sührungsvorschristen zu diesem Gesetze wird aus Antrag des Aus- schußberichterftatters Abg. S e e L i n g e r für vorläufig erledigt erklärt.
Bezüglich der Vorstellung des Vorstandes des Hessischen Lande slehrervereins „u dem Antrsag des Frhr. v. Hehl u. A. über die Einstellung von 10 000 Mk. in das Staatsbudget zum Zwecke weiterer Ausbildung der Voltsschullehrer durch Gewährung von Stipendien zu R c i se n indasJn-undAus- land liegt die Mitteilung der ersten Kämmer vor, daß dieselbe dem Antrag zustimml. Auch die zweite Kämmer stimmt dem Vorschlag ihres Ausschusses -entsprechend dem Antrag zu unter Ablehnung eines Gegenantrags des Abg. Wolf. Dem Antrag des Berichterstatters Noack entsprechend wird dann die Vorstellung des Kanzleigehilsen am Oberlandesgericht, Georg Bickel, um Anrechnung feiner Militärdienstzeit auf die Probedienstzeit der Regierung zur Berücksicht i gu ng empfohlen. Jnbetr. der Vorstellung des Stadt- und Kirchenvorstlands zu Alsfeld um Gewährung eines Zuschusses zur Renovierung der Walpur gi s k ir ch edort beschließt die Kammer dem Ausschustair- trag entsprechend die Vorstellung der Regierung zur Berücksichtigung zu .überweuen mit dem Ersuchen, in dem nächsten Hauptvoranschlag einen entsprechenden Beittag zur Renovierung der Kirche ein zu stellen. Auch Abg. Reh empfiehlt das wertvolle Bauwerk her vollen Beachtung der Regierung.
Die Sitzung schließt daraus 1 llhr. Nächste Sitzung morgen vormittag.
politische Tagesschan.
Die beiden Neuen.
Man schreibt uns aus Berlin:
Moltke und Holle. Um beide dreht sich der Streit der Meinungen. Dr. Holle stammt vom Rhein, ans einer Juristenfamil! >. Sein in Dortmund lebender Vater ist Geh. Justizrat und Ehrenbürger der Stadt. Der Sohn gilt in feiner Heimat al» alles andere, nur jl.ijcbt glS *^erikal. Berl. Lagebl. unfc Voistsche veröffentlichen
fast.in jeder Nummer Briefe aus dem Leserkreise, deren Schreiber angeblich dem heimischen Bekanntenkreise des Dr. Holle angehören und diese Auffassung immer wieder bestätigen. Auf solchen Schreiben baut man die kühnsten Hoffnungen auf. In den Kreisen hoher kirchlicher Würdenträger Berlins schüttelte man den Kopf über diese Ernennung eines homo ignotus. Man. hatte noch nie etwas von ihm vernommen. Aber in der Berliner Geistlichkeit behauptete man auch aufs allerbestimmteste, daß Dr. Holle ein durchaus ftren ggläubiger Ehrist sei — ganz wie sein Vorgänger: daß er ein reges Interesse für Kirchentum und kirchliches Leben bekunde — ganz wie Studt. Auch macht sich der hohen Geistlichkeit bei dieser Ernennung nicht im geringsten die nervöse Unruhe bemerkbar, die man bekundete, als von einer Ministerkandidatur Harnacks gemunkelt wurde — der beste Beweis für die Richtigkeit jener Behauptungen. Und dann: „in seiner Heimat gilt Dr. Holle nicht für klerikal." Dafür „gilt" am Rhein niemand, der nicht katholisch und Zentrumsmann ist. Die Worte „nicht klerikal" bezeichnen int Grunde nichts anderes, als das der neue preuß. Kultusminister nicht zu der Zenttums- klicke des Rheinlandes gehört, was sich bei einem evangelischen Manne von selbst verstehen sollte. —
Aber der andere „Neue", Herr v. Moltke. Erst hieß es, im Tone trübseligster Resignation, er sei konservativ bis auf die Knochen. Jetzt flackert aber ein Hoffnungsschimmer auf. Moltke hat einen feiner Söhne Bahnbeamter werden lassen und auf einer kaufmännischen Festlichkeit in Königsberg einen Toast — um Mitternacht — gehalten, der ein hohes Lied des de ut- s ch e n Kaufmanns war und sogar einigeSpitzen gegen das Agrariertum enthielt. Auf Grund dieser Rede in später Stunde wiegt man sich in kühnen Träumen: „An dem Mann ist Hopsen und Malz doch noch nicht ganz verloren!" Immerhin sollte der Liberalismus eingestehen, daß in Berlin die liberalen Elemente wohl für gut genug gehalten werden, den Paarungsblock zu bilden, nicht aber, ihnen auch nur ein wenig cntgegenzukommen.
Irrlichter auf Vern Sumpf.
Von unferent römischen Mitarbeiter wird uns geschrieben :
In Trapani auf Sizilien ist der frühere Minister Nasi mit einer Mehrheit von 200 Stimmen wiedergewählt worden. Alle gegen den Betrüger, der den Staat um 100000 von Lire schädigte, erhobenen und nachgewiesenen Beschuldigungen, mit denen sich jetzt der Senat beschäftigen wird, haben es nicht vermocht, ihm die Liebe der Trapanesen zu entziehen. Durch die Wiederwahl ist Nasi abermals auf eine Zeitlang der irdischen Gerechtigkeit entrückt, da er vorläufig sich wohl seiner Immunität erfreuen dürfte. Aber bezeichnend für die Zustände in Süditalien ist der Freudentaumel, mit dem Nasiis Wahl gefeiert wurde; Polizeipräsident, Bürgermeister und andere Notabilitäten hielten Ansprachen, aus Palermo waren etwa 1000 Personen zur Feier erschienen und am Abend erstrahlte die Stadt in einer feenhaften Illumination. Das Völkchen fragt dort nicht danach, ob jemand ein vollendeter Lump ist/ man begnügt sich damit, daß der Betrüger Nasi von seinem ergaunerten (Selbe viel für seine Vaterstadt geopfert hat, und das ist in den Augen der wackeren Trapanesen em Verdienst, das auch durch die schmutzigsten Skandalgeschichten nicht geschmälert werden kann. Angesichts solcher Zustände wundert man sich über nichts mehr. Aber selbst wer jahrelang die Entwieklung Italiens verfolgt hat, vermag jetzt einen Augenblick in seinem Urteil irre zu werden, wenn er die einander überstürzenden Sensationsnachrichten über kamorristische Verbrechen und Einflüsse, Korruption an den höchsten Gerichtshöfen und die Einzelheiten der geradezu abenteuerlichen Nasi-Tragikomödie liest. In der Kammer tobt der Kampf wegen des verbrecherischen Zusammenarbeitens von Kamorra und Polizei nicht nur in Neapel, sondern in ganz Süditalien. Interpellation folgt auf Interpellation, aber der unbeteiligte Zuschauer wird daZ Gefühl nicht los, als ob hier eine kleine Minderheit gegen eine Macht ankämpfe, die sich nicht als das zu et-fennen gibt, was sie wirklich ist, die selbst insgeheim mit tausend Banden in die Elemente verflochten ist, die sie bekämpfen soll, sich den Anschein gibt, als ob sie sie bekämpfe und doch durch ihre Trägheit, welche mit schuld ist, beschützt. Muten sie nicht als zwei ganz verschiedene, völlig getrennte Bahnen beschreibende Welten an? Das Italien, ivelches in Kammer, Presse und Cafe über die Verderbtheit der Verivaltung und andere moralische Gebrechen des jungen Königreichs debattiert, und das andere Italien, welches rauschende Maschinen in Bewegung setzt, schweigend die fleißigen Hände rührt und am Taunus beim Automobilrcnnen wohlverdiente Früchte seines industriellen Strebens und Könnens erntet? Ganz grob kann man ja unterscheiden zwischen dem Süden des Landes, der stiehlt, so lange bis der Diebstahl entdeckt wird, um sich dann, ein einziger, gewaltiger, gebotener Advokat, gegen die Entdecker mit glänzender Suade zu verteidigen, und dem 9iorben, Verarbeitet und nicht redet und Werte schasst.
Als im Frühjahr 1898 in Mailand die Revolution aufflammte, ward ein Plan bekannt, der phaiilaslisch war, aber mit grellem Blitzlichte Lage und Gegensätze in Italien beleuchtete. Man wollte eine lombardisch -1ieinesische Republik gründen und sich voni übrigen Italien, das als Ballast empfunden wurde, loslösen. Inzwischen haben Regierung und Parlament Millionen auf Millionen für den Süden aufgebracht; das schöne feuerängige, aber kranke Kind Hesperien wollte inan mit aller Gewalt aufpäppeln. Aber die Auswanderung hält an, die Armut stirbt — außer in der von Nasi großmütig reich beschenkten Stadt Trapani — nicht aus, die Geheimgesellschaften rauben und morden, der „König" üon Neapel, Errieone, Kamorrist und Meuchelmörder, verteilt Nationalkokarden an die Spitzbuben und macht im Namen seines „Kollegen" Viktor Emauiiel III. gemeinsam mit der Quästur und der Präfektur die Wahlen. Und unter Giolitti pflanzt sich die Korruption der Gerichtshöfe nach dem Norden fort.
Dieser Tage ist nun auch ein Regierungskommissär nach Genua abgercifi, um dort die Zustände bei den Gerichten einer Prüfung zu unterziehen. Am schwersten belastet erscheint der Landgerichtsrat Laporta. Anläßlich der jüngsten Börsen- krise in Genua und der gräßlichen Untersuchung, die sie nach sich zog, soll er sich schwere Rechtsbeugungen zuschulden kommen taffen haben. Aber siehe da! Laporta hat jahrelang in Palermo und Messina als Richter gewirkt. Die gegenwärtige Prüfung seiner genuesischen Amtstätigkeit ruft die Erinnerung wach an die mehr als zweideutige "Rolle, die er im Casfibi!.-Prozesse zu Messina spielte, wobei es sich um Millionen bar...! c. Em anderer, höherer richterlicher Beamter, der gleichfalls die kamorristische Schule des Südens durchgemacht hat, brachte Verwandte bei großen Handelshäusern
unter, die gerade prozessierten und das größte Interesse daran hatten, eine Justitia zu finden, die auf einem Auge blind war. Zu diesen allen kommt, täglich ganze Seiten der Presse des laudeS füllend, die alles beherrschende Affäre Nasi. Rian glaubt sich in die Zeit der Räuberromantik zurückversetzt, wenn man die täglichen Enthüllungen über Nasis Flucht, Leben in der Verbannung und Heimkehr ins Vaterland lieft. Vertraute Freunde, die bis sehr hoch hinaus, reichen mußten, ermöglichten Nasi einst die Flucht auf dem Automobil nach der Schweiz, vertraute Freunde, die bis sehr hoch hinaufreichen mußten, sorgten dafür, daß die Geheimpolizei, die sonst die kleinen Diebe findet, das Nest nicht aushob, welches Nasi barg. Immerhin benützten Nasi und sein ehemaliger Kabinettschef Lombardo die Vorsicht, sich lange Bärte wachsen zu lassen, der Lombardo auch jetzt noch schmückt, während Nasi sich präsentiert, wie er als Minister wirkte, stahl, litt und die Flucht ergriff. 9iafi führte beständig einen geladenen Revolver bei sich, um bei etwaiger Verhaftung sich sofort eine Kugel durch den Kopf schießen zu können , — so erzählen jetzt die Freunde — Nasi hatte einen wahren Horror vor dem Gefängnisse, eine Abneigung, die er mit vielen Menschen teilt. Wenn man den Apparat betrachtet, den die Negierung gegenwärtig gegen die Korruption einschließlich 9la|"i§ aufwendet, so könnte man glauben, es ginge dieser wirklich an den Kragen. Allem die Erfahrung lehrt, daß gerade derartige Erhebungen, Untersuchungen, Drohungen sich stets als die zuverlässigsten Blitzableiter der öffentlichen Erbitterung, die sich hier bald genug verflüchtigt, erwiesen haben.
Aus Studt und Lund.
Abdruck unserer durch Korrcfpondenzzeicheu keuutlich gemachten Orginalartikel ist nur unter genauer Quellenangabe (Gieß. Anz.) gestattet.
Gießen, den 27. Juni.
•• Ordensverleihung. Se. Königl. Hoh. der Großherzog haben dem Schriftführer des Landesausschusses hessischer freiwilliger Feuerwehren, Gerichtsvollzieher Karl Vetzberger zu 9libba, das Ritterkreuz 2. Klaffe und dem Kommandanten der freiwilligen Feuerwehr in Ortenberg, Alb. Söhnge in Ortenberg, das Silberne Kreuz des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.
** Die Großh. Hessische Gesandtschaft in Berlin, lieber die in verschiedenen Blättern enthaltene Nachricht, daß der Großh. Hessische Gesandte v. Neidhardt in den Ruhestand trete, ist, wie die „Darmst. Ztg." offiziös mitteilt, an maßgebender Stelle nichts bekannt. (Wir hatten von der Meldung, die alljährlich z. Zt. der Heuernte in bestimmten Blättern aufzutreten pflegt, keine Notiz genommen. D. Red.)
** Lebensretter. Ter Küferlehrling Joh. Elfi n g^e r zu. Worms hat am 21. März 1907 einen Knaben vom Tode des Ertrinkens gerettet. Als Anerkennung hierfür ist ihm von S. K. H. dem Großherzog eine Geldprämie verliehen worden.
** Unsere Anlagen sind mit Recht der Stolz und die Freude aller Anwohner, gar nicht stolz braucht man aber auf den üblen Geruch zu sein, der dem Schoorgraben in der Süd-Anlage zunächst der Bleichstraße zur Sommerszeit entströmt. Durch Beseitigung dieses Mißstandes, die am besten durch Ueberdeckung des Grabens vorgenommen würde, könne untsere Anlage nur gewinnen.
** Ucber übermäßigen Hasenschaden in den Feldern auf dem Sand (am Rudererhaus) werden uns aus unserem Leserkreis Klagen mitgeteilt. Hoffentlich bedarf es nur dieses Hinweises, um die betr. Stellen zur Abhilfe zu veranlassen, damit den dortigen Grundbesitzern! kein unnötiger Schaden entsteht.
** I n v a l id e n - V e rs i ch e r un g. Nach § 42 des Jnva^ liben-Bersicherungsgesetzes haben weibliche V e r s i ch e r t e, die sich verheiraten, einen Anspruch auf Rückzahlung der Hälfte der gezahlten Beiträge, falls sie eine Rente noch nicht beziehen und mindestens 200 Wochenmarken geklebt haben, vorausgesetzt, daß der Antrag auf Rückzahlung innerhalb eines Jahres nach der Verheiratung gestellt wird. Wenn nun auch die Rückzahlüng dieses verhältnismäßig geringen Betrages besonders den Minderbemittelten bei deren Verheiratung sehr zu statten kommt, so darf man nicht verfehlen, sich darüber klar zu werden, welche Vorteile der jungen Frau durch die Rückerstattung verloren gehen, denn es erlöschen mit der letzteren sämtliche Ansprüche. Besonders in Arbeiter- und Handwerkerkreisen ist es durchweg der Fall, daß die Frau einige Jahre nach der Verheiratung entweder durch allzu anstrengende Arbeit oder durch die Sorge nm die mehr ober minder große Familie, oder durch schlechte Ernährung krank und erwerbsunfähig wird; wie schön ist es in einem solchen Falle, die Wohltaten der Invalidenversicherung, sei es durch Bezug einer Rente ober durch Behandlung in einer Heilanstalt ober dergleichen zu genießen. Diese herrlichen Vorteile kann sich die junge Frau aber nur dadurch sichern, daß sie, nach dem Austritt aus der Zwangsversicherung von der Weiterversicherung Gebrauch macht, indem sie sreiwillig weiter klebt. Tie Aufwendungen für die Weiterversicherung sind im Verhältnis zu ben dadurch zu erlangenden Vorteilen äußerst gering; es ist nur notwendig, daß innerhalb zweier Jahre nach dem auf der Quit- tnngskarte ersichtlichen Ausstellungstage 20 Wachenbeiträge der niedrigsten Klasse geklebt sind, bay ergibt eine Beitragsleistung von 10 X 14 Pfg. = 1.40 Mk. pro Jahr. Verzichtet also die junge Frau beim Eintritt in die Ehe auf die Rückerstattung der Hälfte der gezahlten Beiträge <ed handelt sich in den meisten Fällen um 25 bis 30 Mk.) und macht dadurch, daß sie alle 5 Wochen eine Marke zu 14 Pfg. in ihre Quittungskarte klebt, von dem Rechte der Weiterversicherung Gebrauch, so bezieht sie im Falle dauernder Erwerbsunfähigkeit eine Rente von mindestens 116 Mk. jährlich. Es sollte deshalb jede junge Frau, welche sich verheiratet, ruhig weiter kleben, damit sie bei vorkommenden Krankheitsfällen die Vorteile der freiwilligen Invalidenversicherung voll und ganz genießen kann.
** Briefaufschriften. Der Briesoer kehr Berlins hat einen solchen Umfang angenommen, daß es zur Ermöglichung einer unverzögerten Bestellung der Sendimgen briirgenb eriorberlid) ist, m der Aufschrift der nach der Reichshauptstadt gerichteten Briese außer dem Postbezirke N. 0., W. usw.) auch die Nummer des Postamts anzugeben, von dem die Sendung bestellt oder abgeholt wird (z. B. Berlin, 8. 42; Berlin, 0.17). Selbstverständlich darf aber auch die Angabe der Straße, der Hausnununer, des Gebäudeteils und des Stockwerks in der Aufschrift nicht fehlen. "Dian muß also beispielsweise schreiben:
Herrn Kaufmann Karl Muller m
Berlin, NW. 6
Albrechtstr. 7, Hinterhaus, 111 Treppen links.
Das von der Postverwaltuug herausgegebene „Straßen- Verzeichnis von Berlin und den angrenzenden Orten mit Angabe der Bestellpostanstalt" kann an den Poslschaltern eingesehen und ioli:c vom Publikum zur Vervollständigung der Aufschriften im eigenen Interesse stets benutzt werden. Das Verzeichnis nebst Stadtplau ist durch alle Postanslgtten und Briefträger sür 5 Pfg. zu beziehen.


